Fund des Jahres: Aus dem Gau in den Stau zum Gardasee…

Was auch immer Sie als Fund des Jahres 2024 erwartet oder sich erhofft haben – ich bin sicher, dass Sie mit dem Ergebnis zufrieden sein werden, auch wenn dieses etwas anders ausfällt als sonst.

Als passionierter Italienreisender bin ich zwangsläufig auch leidenschaftlicher Kilometerfresser. Perfekt dazu passte die Entdeckung einer ganzen Bilderfolge – die zwar viel Arbeit gemacht hat, bis sie präsentabel war, aber mich nebenher mit einer Route und Ansichten belohnt hat, die mir bislang unbekannt waren.

Denn zum südlichsten See Deutschlands – wie die Italiener zu sagen pflegen – also dem Gardasee, bin ich in bald 40 Jahren Reiserei über die Alpen nie gelangt. Mich hat es stets weiter den Stiefel hinunter gezogen und das tut es bis heute.

Den wenigsten ist das Glück gegeben ist, sein Leben mit gewohnheitsmäßigen Italienreisen und dem Erhalt von Vorkriegsautos zu bereichern – außerdem lässt der Winter einen gern von blauem Himmel, Sonnenschein und Wärme träumen.

So dachte ich mir, dass ich gerade den Lesern in der finsternsten Zeit des Jahres vielleicht eine Freue mache, welchen dieser Lebenstil nicht vergönnt ist oder die vielleicht nicht mehr selber reisen können.

Nun machen Sie es sich bequem und nehmen Sie an einer außergewöhnlichen siebentägigen Reise teil, die am 4 Juni 1938 in Halle begann. Stellen wir uns vor, wir besäßen einen Stoewer „Greif“, wie er auf dieser alten Reklame für Benzin der Marke Standard abgebildet ist:

Stoewer „Greif“- auf Reklame für „Standard“-Kraftstoff; Original: Sammlung Michael Schlenger

Der 1935 eingeführte Stoewer wird hier völlig angemessen auf der Autobahn gezeigt. Denn mit seinem luftgekühlten 34 PS-Motor erreichte er die damals wichtige Marke von 100 km/h.

Das moderne Chassis mit Zentralrohrrahmen und komfortablem Fahrwerk mit Querblattfedern machte den ursprünglich von Tatra entwickelten Wagen zu einem angenehmen Reisefahrzeug, das überdies leistungsfähige hydraulische Bremsen besaß.

Früh machen wir uns auf den Weg, denn wir haben einiges vor.

Doch kaum sind wir auf der Autobahn, die von Halle in Richtung Nürnberg gen Süden führt, finden wir uns in einem Stau vom Feinsten wieder – so sieht es jedenfalls auf den ersten Blick aus:

Wagenkolonne auf der Autobahn; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Naja, mögen Sie jetzt denken, es gibt Schlimmeres als so eine Ansammlung von Vorkriegswagen, auch wenn im Moment nichts mehr zu gehen scheint. Die Leute stehen ja sogar auf der Straße herum!

Offenbar dauert es, bis weitergeht, warum auch immer.

Also steigen wir aus unserem Stoewer „Greif“ aus, greifen zur Kamera und wechseln die Straßenseite, die fast völlig leer ist. Schauen wir doch, ob sich etwas Interessantes auf den frisch eingelegten Rollfilm im Format 9 x16 cm bannen lässt:

Wagenkolonne auf der Autobahn; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Und tatsächlich! Das Auto ganz am Ende, das ist doch ein BMW 326 in der Ausführung als viertürige Limousine. Von dessen 50 PS starkem Sechszylinder und Spitze 115 km/h können wir nur träumen.

Mit 5500 Reichsmark spielt er aber auch preislich in einer ganz anderen Liga als unser braver Stoewer – und schon der ist mit 3650 für die Cabrio-Limousine) kein Billigheimer.

Übrigens ist unser „Greif“ der zweite Wagen von links auf diesem Ausschnitt – zwei Mercedes trennen ihn vom BMW.

Nachdem sich der „Stau“ endlich aufgelöst hat, folgen wir weiter der Autobahn via Nürnber Richtung München. Unterwegs gibt es einen nunmehr planmäßigen Halt bei Eichstätt im Altmühltal, wo wir den Blick auf die Willibaldsburg genießen:

Aussichtspunkt bei Eichstätt; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Wieder nutzen wir die Gelegenheit, unseren wackeren Stoewer – in der erwähnten Ausführung als Cabrio-Limousine vor eindrucksvoller Kulisse abzulichten.

Das ist übrigens eine Gelegenheit, den „Greif“ aus ganz ungewöhnlicher Perspektive zu studieren – noch dazu mit geöffnetem Kofferraum, der darauf ausgelegt war,weit mehr Gepäck zu fassen als man denkt. Er blieb dann eben auch während der Fahrt offen:

Stoewer „Greif“ bei Eichstätt; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Nach diesem Idyll geht es bald weiter gen Süden – an München vorbei und in Richtung Alpen – denn über die wollen wir drüber.

Aber irgendwie scheint in dieser Fahrt der Wurm drin zu sein – jedenfalls den Bildern nach zu urteilen. Denn kurz vor Garmisch-Partenkirchen – wir haben schon das majestätische Wettersteingebirge mit der Zugspitze vor Augen – bildet sich der nächste Stau.

Bereits routiniert steigen wir aus, die Kamera in der Hand und nutzen die Gelegenheit, um Bilder zu machen:

Straße nördlich von Garmisch; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Wie es der Zufall will, haben wir wieder einen BMW vor der Linse, doch diesmal ein Cabriolet mit schicker Zweifarblackierung. Der jungen Dame im Wagen ist offenbar langweilig und so posiert sie freundlich für uns in dem edlen Fahrzeug.

Bald nimmt die Sache wieder Fahrt auf und nach nicht allzulanger Zeit sind wir bereits in Österreich. Der nächste Höhepunkt ist der Fernpass, wo wir einen kurzen Halt zur Proviantaufnahme nutzen.

Ein Tiroler Bub reicht uns eine Papiertasche mit Wegzehrung. Was darauf und auf der Seitenscheibe zu lesen gibt Ihnen eventuell einen ersten Hinweis auf den wahren Charakter dieser Fahrt – doch so oder so folgt die Auflösung am Ende.

Zwischen Fernpass und Nauders; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Der Aufbau unseres Stoewer kommt hier gut zur Geltung, nicht wahr? Als Cabrio-Limousine verbindet er das Beste aus zwei Welten.

Weiter geht es nun über Nauders auf immerhin knapp 1400 Meter Höhe, bevor wir den Reschenpass ins seit 1920 italienische Südtirol hinein überqueren.

Auf der anderen Seite finden wir uns doch tatsächlich erneut in einem Stau wieder:

Unterhalb des Reschenpasses; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Meine Güte, was ist denn nun schon wieder los? So könnten unbeherrschte Zeitgenossen reagieren. Doch wir blieben ganz gelassen so wie unser luftgekühlter Stoewer die Passfahrt völlig „cool“ nahm.

Wie es scheint, sammeln sich hier an einer Tankstelle die zahlreichen Wagen, für welche die bisherigen Strapazen mehr waren als gewohnt, und nehmen erst einmal diverse Flüssigkeiten zu sich.

Da wir mit unserem „Greif“ mitten in der Kolonne stecken, nutzen wir erneut die Gelegenheit zur Fotopirsch. Noch ist der erste Film in der Kamera – noch sechs von sagenhaften 12 Aufnahmen auf verbleiben uns.

Also gehen wir sparsam mit dem Material um und treten einfach etwas näher heran:

Unterhalb des Reschenpasses; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Wir haben Glück: Ganz vorne sehen wir einen Sechszylinderwagen in schöner Cabrio-Ausführung, diesmal einen Hanomag. Das Modell mit der Bezeichnung „Sturm“ konkurrierte von der Papierform her mit dem BMW 326, sah aber nicht so modern aus.

In Zweifarblackierung und mit sportlich wirkendne Drahtspeichenrädern auf jeden Fall ein gutaussehendes Fahrzeug für eher konservative Käufer.

Direkt dahinter haben wir – wenn ich nicht irre – zwei ebenfalls flotte Vertreter der Marke Wanderer, ganz rechts außerdem ein Opel mit eher biederer Anmutung.

Nachdem sich auch dieser Stau endlich aufgelöst hat, ist Schlanders die nächste Station. Wir halten kurz, um die pittoreske Lage des Ortes festzuhalten.

Schlanders (Südtirol); Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Für große Worte bleibt keine Zeit – wir haben es eilig und wollen bis abends in unserem nächsten Etappenziel ankommen: Meran!

Hier genießen wir erstmals mediterranes Klima – man merkt, dass Italien nicht mehr weit ist.

Wir gönnen uns nach inzwischen gut 800 Kilometern Wegstrecke eine Nacht in einem Hotel, das sich sehen lassen kann bzw. konnte, denn heute wird der 1908 gegründete „Albergo Emma“ leider profaner genutzt. Da schauen wir lieber zurück in die Welt von gestern:

Hotel „Emma“ in Meran (Südtirol); Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Links geschickt einbezogen parkt unser treuer Stoewer „Greif“, nun mit über die Nacht geschlossenem Dach. Keine Sorge, bald werden wir das Auto noch aus vorteilhafterer Perspektive sehen.

Vorher gilt es allerdings noch einige Kilometer zu absolvieren, denn uns zieht das nächste große Ziel magisch an – der Gardasee!

Bozen lassen wir unterwegs links liegen, nur auf dem Mendelpass gönnen wir uns angesichts der grandiosen Aussicht bei strahlendem Sonnenschein eine kurze Pause:

Auf dem Mendelpass (Südtirol); Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Die abgebildeten Personen gehörten übrigens alle zur Besatzung des Stoewer – er hatte also vier erwachsene Insassen an Bord.

Alle wieder einsteigen, wir haben noch eine hübsche Wegstrecke vor uns.

Diese führt übrigens westlich der Hauptroute via Trient in Richtung Gardasee. Auf dem Weg dorthin genießen wir die grandiose Szenerie am Molvenosee mit der Brenta-Gruppe im Hintergrund:

Molvenosee (Südtirol); Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Auf dem weiteren Weg hält uns kein Stau mehr auf, denn wir haben geschickt eine weniger stark befahrene Route gewählt.

Über geschotterte Pisten und teils kühne Serpentinen geht es schließlich von der Höhe hinunter ans Ziel – den zauberhaften Ort Riva am Nordufer des Lago di Garda.

Nach erquickendem Schlaf und gutem Frühstück im Hotel Sole wechseln wir am folgenden Tag das Fortbewegungsmittel, denn eine Rundfahrt zu ausgewählten Schönheiten des Gardasees steht auf dem Programm.

Hier eine Aufnahme kurz nach der Abfahrt mit Blick Riva und unser Hotel:

Riva am Gardasee; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Natürlich muss man die berühmten Burgen am Seeufer gesehen haben – allen voran die bei Malcesine, welche durch eine abenteuerliche Episode in Goethes „Italienischer Reise“ im deutschsprachigen Raum berühmt wurde.

Hier haben wir die Ansicht der malerisch gelegenen Festungsanlage direkt von unserem Dampfer:

Malcesine am Gardasee; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Da wir bislang sparsam mit unserem Filmmaterial umgehen können, erlauben wir uns nun den einen oder anderen Schnappschuss vom Treiben an Bord.

Merkwürdig, dass praktisch alle Passagiere deutsch sprechen und sich überdies gut zu kennen scheinen. Das Ganze hat etwas von einem Familienausflug:

Auf dem Gardasee; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Nun gut, das wird seine Gründe haben.

Wir lenken unterdessen den Blick des geübten Fotografen wieder auf die Schönheit der Landschaft und lichten wie alle anderen gelernten Touristen natürlich auch die im Baedeker vermerkte „Punta S. Vigilio“ ab.

Die pittoreske Landspitze am Ostufer des Gardasees mit ihrer direkt am Wasser gelegenen kleinen Kirche ist aber auch unwiderstehlich für einen neuen Gast aus dem Norden:

Punta S. Vigilio am Gardasee; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Bevor wir an unser eigentliches Ziel auf der Westseite des Sees gelangen – den Ort Maderno – gibt es noch Gelegenheit zum Tanz an Deck, die von einigen Reisenden gern genutzt wird.

Dergleichen Situationen ist nicht leicht eine besondere Note abzugewinnen, zumal sich nicht alle Personen bei dieser Gelegenheit von ihrer besten Seite zeigen. Doch der geübte Fotograf wird dennoch den richtigen Moment abpassen und der Nachwelt einen hübschen Schnappschuss hinterlassen:

Auf dem Gardasee; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Bei unserem Halt in Maderno auf der westlichen Seeseite nutzen wir die Gelegenheit zur Begutachtung eines Hotels, das uns von erfahrenen Gardasee-Reisenden für künftige Gelegenheiten empfohlen wurde.

Kurioserweise trägt das Etablissement ebenfalls den Namen „Maderno“, doch das stört uns nicht, denn Lage und Erscheinungsbild des Hotels gefallen uns ausnehmend gut. Dass es in der italienischen Variante des Jugendstils – der Liberty-Stil errichtet wurde, welcher in Italien übrigens bis Ende der 1920er Jahre fortlebte, spricht uns besonders an.

Was wir bei unserem Besuch noch nicht wissen konnten, ist der Umstand, dass just in diesem Hotel von 1943-45 das Innenministerium der von deutschen Gnaden installierten Marionettenregierung von Mussolini residieren sollte.

Überhaupt lassen wir uns bei unserer Reise von den Zeitumständen den Spaß nicht verderben. Nichts wird ungeschehen dadurch, dass man die wenigen schönen Seiten ausblendet, die zumindest im Privaten möglich waren.

Dem Horror begegnet man in Italien ohnehin auf Schritt und Tritt, das erweist sich auch auf unserer Weiterfahrt nach dem Abschied vom Gardasee in Richtung Dolomiten über Canazei hinauf auf den Pordoi-Pass:

Deutscher Soldatenfriedhof am Passo di Pordoi; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Hier liegen deutsche Soldaten begraben, die bei den Kämpfen zwischen italienischen und deutsch/österreichischen Truppen im 1. Weltkrieg ihr junges Leben verloren.

Wie es sich gehört, halten wir inne, lesen stumm die Namen der Gefallenen, denken an Kriegsteilnehmer in der eigenen Familie und ziehen nachdenklich wieder von dannen.

Oben auf dem Pass gönnen wir uns und dem „Greif“ eine Pause und nutzen die Gelegenheit, den Wagen endlich einmal von seiner schönsten Seite zu zeigen:

Auf dem Pordoi-Pass (Südtirol); Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Hier is neben der Aufschrift „Stoewer Greif“ auf der Kühlerattrappe – merke: der Wagen war luftgekühlt – auch das Magdeburger Kennzeichen zu sehen.

Da wir die Kamera schon gezückt haben und das Wetter prächtig ist, nutzen wir die Gelegenheit, von der Passhöhe aus auch die majestätische Spitze des 3.200 Meter hohen „Sassolungo“ auf das Negativ zu bannen:

Auf dem Pordoi-Pass; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Förmlich berauscht von der Höhe und dem lustvollen Befahren der Pässe gehen wir gleich das nächste Ziel in dieser Hinsicht an – den Falzaregopass.

Er ist die letzte Zwischenstation auf dem Weg weiter gen Osten in Richtung Cortina d’Ampezzo. Vor der Auffahrt halten wir noch einmal an und nehmen den Pass mit der Kamera ins Visier:

Auffahrt zum Falzarego-Pass; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Herrlich, ganz alleine auf weiter Flur in solch grandioser Landschaft.

Was für ein Privileg, hier mit dem Stoewer „Greif“ unterwegs zu sein, in dem Wissen, dass ihm die Steigungen nichts ausmachen, auch wenn er einiges zu schleppen hat.

Man wähnt sich fast allein auf der Welt, bis einen in Cortina d’Ampezzo die Realität wieder einholt. Abermals ein Stau – das kann doch gar nicht sein! Und wir mit dem Greif mitten drin:

Cortina d’Ampezzo; Auf dem Gardasee; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Leider hat sich nun auch das Wetter gegen uns verschworen. Wir brechen daher die Fotodokumentation der weitere Reise ab, zumal das Filmmaterial zur Neige geht.

Bloß eine kurze Gelegenheit zu einer letzten Aufnahme bietet sich an, als für einen Moment die Sonne durch die Wolken bricht – das ist kurz vor der Weiterfahrt über den Passo Tre Croci in Richtung Norden via Misurino und Toblach.

An den entsprechenden Hinweisschildern entsteht dieses Foto, diesmal ohne den Stoewer:

In Cortina d’Ampezzo; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Von hier ist es nicht mehr weit bis zur österreichischen Grenze und dann bietet sich die Route über Innsbruck zur Heimreise an.

Wie genau das vonstatten ging, das kann ich leider nicht mehr erzählen, denn weitere Dokumente dieser beeindruckenden Tour fehlen.

Nachtrag: Im zeitgenössischen Bericht zu der Fahrt finden sich die wenigen noch fehlenden Stationen zwischen Cortina und Innsbruck, von wo aus die Teilnehmer einzeln wieder heimwärts fuhren:

Originalbericht zur DDAC-Pfingstfahrt von 1938; Quelle: Archiv des ADAC (bereitgestellt von Jochen Thoma)

Damit wären wir bei der Auflösung des Rätsels, was das für eine Fahrt war, welche auf so vielen schönen Fotos von ungewöhnlicher Qualität dokumentiert ist.

Sämtliche Aufnahmen fand ich in einem originalen Album des Deutschen Automobils-Clubs DDAC. Dessen Sektion „Gau 18 Mitte“ unternahm an Pfingsten 1938 eine Reise mit rund zwei Dutzend Automobilen an den Gardasee mit einem Abstecher in die Dolomiten:

DDAC-Fotoalbum von 1938; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger; Wiedergabe des Hakenkreuzes ausschließlich im Sinne der historischen Dokumentation ohne jede politische Botschaft

Mir stellen sich hier folgende Fragen:

Welchen Raum deckte der „Gau 18“ des DDAC ab? Ich habe eine Weile gesucht und dann aufgegeben. Irgendwo in Mitteldeutschland dürfte das gewesen sein.

Nachtrag: Laut Jochen Thoma von der Abteilung „Klassik-Veranstaltungen & Organisation“ des ADAC war „Gau 18 Mitte“ wohl „Halle Saale“.

Bekamen die Teilnehmer ein solches Fotoalbum mit Aufnahmen eines sie begleitenden Fotografen, bestückten sie diese mit eigenen Fotos oder beides?

Auch hier wusste Jochen Thoma mehr: Laut ADAC-Archiv gab es bei den DDAC-Ausfahrten beide Varianten.

Und zuletzt: Warum bricht die Dokumentation in Cortina d’Ampezzo ab, obwohl die Reise nicht zuende war und noch einige leere Albumseiten folgen?

Damit Sie eine bessere Vorstellung haben, hier die unbearbeitete Seite 1 des Albums:

Sämtliche Aufnahmen waren im Format 9×6 cm aufgenommen, die Abzüge waren identisch gestaltet und trugen den umseitigen Stempel des „Groß-Fotohauses Martin Könnecke“ aus Magdeburg.

Da der Stoewer aus Magdeburg das meistfotografierte Auto ist, vermute ich, dass seine Insassen alle Aufnahmen selbst angefertigt haben. Dafür spricht die sehr gleichmäßige Qualität, die auf eine gehobene Mittelklassekamera im damals gängigen Fornat 9×6 schließen lässt – etwa eine Zeiss Nettar.

Mich interessieren Ihre Gedanken zu diesen Bildern und ihre ggf. auch abweichenden Einschätzungen. Überhaupt freue mich auf ein weiteres Jahr genüsslichen Bloggens zum wohl überflüssigsten Thema, das man sich vorstellen kann, und hoffe, dass Sie mir als still genießende Leser wie aktive Kommentatoren erhalten bleiben.

Davon unabhängig wünsche ich uns allen ein in möglichst vieler Hinsicht besseres Jahr 2025!

Michael Schlenger, 2025. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

11 Gedanken zu „Fund des Jahres: Aus dem Gau in den Stau zum Gardasee…

  1. Erwähnt wird diese Fahrt vielleicht auch in der Motorwelt Heft 21 von 1938 :

    https://www.motorrennsportarchiv.de/archiv/zeitschriften/adac-motorwelt-jahrgange-1929-1944/

    Dort findet sich auf Seite 474 die Eintragszeile :
    Gau-Herbstfahrt nach Tirol und Oberitalien, Gau 18

    Eine Pfingstfahrt unter Erwähnung des Gaues 18 konnte ich nicht finden – aber vielleicht wurde diese durch verspäteten Abdruck als Herbstfahrt betitelt. Das Wort Gau ist übrigens keineswegs eine „braune“ Erfindung, man denke an Breisgau, Pinzgau (samt dem Steyr Pinzgauer) und Thurgau sowie die Bayernhymne „über deinen weiten Gauen ruhe Seine Segenshand“. Trotzdem hat der ADAC dies vor 10 Jahren geändert und hat seither Regionalclubs.
    Besonders das Bild vom Autobahnstandstreifen zeigt die historische Entwicklung : Hatten sich damals vielleicht 50 Autos zusammengefunden, so wären dies heute 5000 ! Kleiner oder großer Motorsportclub – beispielhaft hier diese Geschichte eines kleinen Vereins, in dem sich noch alle kennen und miteinander nicht nur Benzingespräche führen :

    http://www.msc-waechtersbach.de/cms/vereinsgeschichte.html

    ADAC und AvD sind da heute ganz anders dimensioniert – und wann fühlte man sich am Steuer eines BMW 507 den Insassen der vorausfahrenden Isetta verbunden ? Das dürfte bei dieser Pfingstreise auch marken- und klassenübergreifend zwischen Opel P4 und Hanomag Sturm geklappt haben.
    Schließlich danke ich noch für die Erwähnung des Lago di Molveno, denn so habe ich die Strecke auf der Strada Statale 421 von Meran und Lana bis zum Gardasee verfolgt. Noch mehr aber möchte ich Ihnen danken für über 300 tolle Bildberichte, in denen Sie uns auch 2024 den einstigen Straßenverkehr so eindrucksvoll näherbrachten !

  2. Naja, so tief wollte ich in die Zeit nicht einsteigen. Der Stoewer Greif, der ein Röhr war, für welchen man die Tatra-Lizenz gekauft hatte …
    Der Tatra ist eine typische Ledwinka-Konstruktion, Zentralrohr, Plattform-Rahmen beidseits, Luftgekühlter Boxermotor vorn und Frontantrieb. (wenn man die Lenkung versetzt, ist der der VW fast fertig). Die Ledwinka-Konstruktionen waren bekannt für Zuverlässigkeit und Langlebigkeit.
    Alle erwähnten Strassen und Pässe (und viel mehr) habe ich befahren, auch Gardasee und Cortina.
    Mit den Jahren hat man immer mehr „Sträßlein“ zu den ehemaligen Verteidigungsstellungen in den Alpen und der Toskana gesperrt, zu viele „Flachland-Tiroler“ sind daran gescheitert.

  3. Herzlichen Dank für die freundlichen Worte und persönlichen Ergänzungen! Fotos können Sie im Blog als Kommentator nicht anhängen – das kann ich leider nicht ändern. Noch ein Wort zu den „Eliten“ jener Zeit: Zum wohlhabenden Bürgertum zählten damals Täter wie Opfer. Zumindest in Deutschland gehörten die entrechteten und verfolgten jüdischen Bürger überwiegend der gehobenen Schicht an. Die Gefolgschaft der Nationalsozialisten, die sich ja erklärtermaßen als Gegner eines selbstbewussten und auf Eigenständigkeit bedachten Bürgertums sahen, speiste sich aus allen Schichten: Adel und Arbeiter, Unternehmer und Bauern, Militärs und Kirchenmännern. Gemeinsam war diesen Leuten das kollektivistische, hierarchieorientierte, obrigkeitshörige und staatsgläubige Denken, das in Gegnerschaft stand zu den Vertretern des Individualismus, der Eigenverantwortung, der Selbstorganisation und der Skepsis gegenüber der aggressiven Vereinnahmung des Einzelnen durch jedwede Gruppierungen. Genau dort verlief und verläuft zu allen Zeiten die Frontlinie in einer Gesellschaft, ganz gleich welcher sonstiger Schubladisierungen man sich bedient – rot oder braun, links oder rechts, bürgerlich oder proletarisch. Wir wissen aus den Terrorstaaten des 20. Jh. und ihren Vorläufern, dass einem ein herausgehobener materieller oder formaler Status nichts mehr nutzte, wenn man von der Herde einmal als Feind markiert worden war. Diesen gefährlichen archaischen Mechanismen gegenüber gilt es wachsam zu sein, ganz gleich in welchem Gewand sie daherkommen. Diejenigen, die am stärksten auf ihre angeblich demokratische, fortschrittliche, soziale usw. Gesinnung pochen und dabei auf ihre eigene Deutungshoheit beharren, sind mir die Verdächtigsten. Das genuine Menschenrecht ist das, von anderen in Ruhe gelassen zu werden und sein Leben nach eigener Facon führen zu können. An diesem Punkt ist die Unterscheidung zwischen Tyrannei und Freiheit festzumachen und dementsprechend ist der kritische und wachsame Blick hinter die Fassaden vonnöten.

  4. Sehr geehrter Michael Schlenger,

    Als meist stiller Leser Ihres Blogs fühle ich mich heute als Stoewer-Sport- Roadster Besitzer besonders angesprochen. Mein Fahrzeug ist zwar eher nicht geeignet solche Strecken unter die Räder zu nehmen, denn es handelt sich um mein heiß geliebtes Kindertretauto, das aus den 30iger Jahren stammt. Nach einer Expertise des Deutschen Museum in München zu einem entsprechenden Ausstellungsmodell soll es sich um die Nachempfindung eines Stoewer-Sport- Roadsters durch die Firma Ferbedo in Nürnberg handeln. Ich hab dieses Spielzeugauto sozusagen als Oldtimer erst in den späten 50iger Jahren bekommen und bis heute nicht mehr hergegeben. Im Anhang ein Foto….was es damals für Kinder wohlhabender Eltern zu erwerben gab. Mein Bruder und danach ich bekamen es erst als es defekt von vorgenannten „ Wohlhabenden“ weggeworfen wurde und es unser Vater für uns wieder funktionsfähig aufgebaut hat.

    Für Ihren heutigen herrlich, positiven Reisebericht mit fantastischen Fotos von Fahrzeugen die sich damals eben nur eine wohl situierte Gesellschaftsschicht leisten konnte möchte ich mich ganz, ganz herzlich bedanken. Dass uns diese Leute, die sich gerne als „Elite“ sahen in eine sehr finstere Zeiten führten darf als weitgehend bekannt voraus gesetzt werden. Aktuell müssen m.E. alle Demokraten zusammenstehen und mit sämtlichen zur Verfügung stehenden Mitteln eine Wiederholung solcher Verhältnisse auszuschließen.

    Zurück zum Reisebericht. Den Fahrzeugen, um die es in ihrem Vorkriegs- Klassiker- Rundschau- Blog primär geht, steht jedenfalls die Bezeichnung „elitär“ weit besser zu als ihren Besitzern. Zudem macht es wenig Sinn die wenig erfreulichen Zeiten damals den Fahrzeugen anzulasten.
    So hat mich Ihr wunderbarer, in so einmaliger Sprache geschriebener Reisebericht, vor allem weil ich die Strecke ab München recht gut kenne wieder mal an viele Erlebnisse aus vergangenen Zeiten erinnert. Ein weiterer Aspekt war gerade die Durchsicht mehrerer alter Familienalben wo u.a. mein Onkel zusammen mit seiner Schwester ( meiner Mutter) und meiner Großmutter mit seinem ersten Opel, 4/20 ?? ( also nicht so elitär) um 1930 eine Italienfahrt (Venedig) unternommen haben. Da lassen sich viele Vergleiche hinsichtlich Kleidung, Fotomotive, Rastsituationen etc. ziehen. Nicht zuletzt kann ich nachvollziehen wieviel Zeit und Aufwand sie in diesen Blog stecken, den ich jetzt schon seit längerer Zeit mit absolutem Genuss am Morgen lese. Ich hoffe sehr dass Sie weiterhin Spaß dran haben solch aufheiternde Berichte zumindest für Menschen mit entsprechender Hingabe zu Automobilen aus vergangenen Epochen haben. Nochmals herzlichen Dank dafür, verbunden mit Glück,
    Gesundheit und ausreichend Zuversicht sowie einen guten Start ins Jahr 2025
    Ihr meist stiller Münchner Leser
    Wolfgang Hirmer

    Nur weiß ich jetzt nicht wie ich hier das Foto meines Kindertretauto ggf. des Opel 4/20 anhängen kann.

  5. Hab in dem Band nun doch noch eine ISBN 978- 88- 6839- 615- 2
    gefunden !
    Es ist hauptsächlich ein Bildband und lohnt sich auch wegen seiner vielen Straßenszenen und bebilderter Verkehrsinfrastruktur und gibt Einblick in (bei uns) völlig unbekannte Fakten ( US- Bomber über dem Val d‘ accho
    und dem Brenner- Pass ? Über 80T‘ Südtiroler „heim in Reich“ umgesiedelt ?)

  6. Dazu sei zur Vertiefung das Buch „Diktaturen an der Grenze“
    von L. Gardumi/A. Vivaldi mit Unterstützung der Fondazione Museo storico del Trenrino, erschienen im ATHESIA Verlag empfohlen ! D.W.

  7. Besten Dank für die ergänzenden Beobachtungen, Herr Weigold. Mir erschien das abgebildete Personal ebenfalls überwiegend unangenehm, wollte das aber nicht näher thematisieren. Sie haben die richtigen Hinweise zur Einordnung gegeben. Im Zuge meiner Recherchen war ich zufällig auf einen Bericht über das Wüten der SA unter den jüdischen Mitbürgern in Tirol Ende 1938 gestoßen, dessen Lektüre schwer zu ertragen war. Leider gehört auch diese Seite untrennbar zu jener Zeit und bedarf immer wieder der Beschäftigung. Gutes Neues Jahr für Sie!

  8. Viel Freude und viel Abwechslung bereitet uns die Jahresabschluß- Fahrt, die unser Blog- Wart für Sylvester 2024 mit uns vorhatte. Nachdenklichkeit lassen manche
    Bilder aus dem Album der Reisegesellschaft im kleinen Stoewer mit der tschechischen Technik an mancher Stelle auch aufkommen:
    Der Deutsche Automobil Club D.D.A.C. war der nazifizierte Allgemeine-DAC, bei dem das All- gestrichen wurde und stattdessen ein „Arier- Paragraf“
    jüdischstämmige und auch sonst manchen unliebsamen Automobilisten ausschloss.
    .Die staatstragende Kooperation mit der Parteiorganisation NSKK
    machte alle Aktivitäten, so eben auch die „Gaufahrten“ , auch zu Propaganda- Veranstaltungen für das sog. „neue“ Deutschland
    und eben auch dies exklusiv für die Fahrt- Teilnehmer des Gaues 18 Mitte (Magdeburg ?) hergestellte Album, zu Propaganda- Material.
    Die teilnehmende Fahrzeug- Palette und auch Typologie der auf den Fotos von der (auf dem Vulkan?) tanzenden Decksgesellschaft, – meist feiste Eheleute mittleren Alters mit ihren Sprösslingen, die Herren den Hosenbund zehn cm oberhalb des Bauchnabels, bildet passgenau die Schicht der bürgerlichen Profiteure des NS- Systems ab.
    Die Burg in Malcesine erinnert mich an das alte Fräulein Werner
    Im Ort meiner Kindheit am Ammersee. Sie bewohnte die älteste herrschaftlichen Villa am Ort und stammte aus der Fotographen- Dynastie Werner in
    München, die in den besten Zeiten drei der vielen Münchner Photo- Atiliers unterhielt.
    Maria Werner (sie starb gut 100-jährig in der Obhut der Katholischen Schwestern) erwähnte oft Aufenthalte in Malcesine, wo man eine Sommerresidenz besaß.
    „Mir ham‘ an Wanderer g’habt“ erzählte sie mir 1969 – und, daß sie und ihre Zwillingsschwester Anfang der Zwanziger Jahre die ersten Führerschein- Inhaberinnen Münchens waren.
    Ich selbst habe den (stürmischen) Gardasee nur bei einem kurzen Halt am Nordufer nach einigen Ostertagen in der Toscana 1988 erlebt. Eine Selbstauslöser- Aufnahme mit Brigitte auf einer
    Doppelschaukel erinnert noch daran!
    Die Namen aller erwähnten Passstrecken (und vieler mehr) sind mir von Kind an geläufig, da sie im Straßenzustandsbericht des Bayerischen Rundfunks im Winterhalbjahr ständig in langen Aufzählungen nach den Kriterien: Wintersperre, gesperrt, Kettenpflicht, eingeschränkt nach Uhrzeit, ohne Einschränkung befahrbar, verlesen wurden!

  9. Sicher richtig, aber keine Zeit dafür. Gutes Neues Jahr!

  10. Die „Gaue“ gibt es immer noch. einfach mal beim ADAC anfragen (der DDAC war der Name im III-Reich), vorher und nachher ADAC

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