Nach zwei Wochen „Hitze“ zeigt sich der Sommer in meiner Heimatregion – der Wetterau zwischen Taunus und Vogelsberg – ziemlich unterkühlt. Nachts fallen die Temperaturen bis auf 10 Grad, morgens wird man von der Heizung geweckt – praktisch, aber unerwünscht!
Meinem Geschmack entgegen kommt mir schon eher das „heiße“ Gerät, das auf diesem rund 100 Jahre alten Foto aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks festgehalten ist:

Kenner französischer Cyclecars der 1920er Jahre würden dieses sportlich daherkommende Leichtgewicht auch ohne den Schriftzug auf dem Kühler als Fabrikat des Herstellers Salmson identifizieren – die sich kreuzenden Leisten auf dem Kühlegrill waren typisch dafür.
Die „Société des Moteurs Salmson“ hatte zunächst mit Pumpen und Flugmotoren ihr Geld verdient, bevor sie ab 1919 das britische GN Cyclecar in Lizenz baute.
So ein Teil hatte ich bereits hier besprochen – anhand eines Fotos aus nahezu identischer Perspektive:

Für mich als Verächter reiner Funktionalität sind die nach dem 1. Weltkrieg aufkommenden leichtgewichtigen Cyclears mit kleinvolumigen Motoren ein faszinierendes Thema – denn diese Autos dienten vorrangig dem Vergnügen ihre Besitzer.
Der deutsche Schriftsteller Friedrich Schiller schrieb 1795: „Der Mensch… ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“
Damit meinte er, dass der Mensch erst in zweckfreier Betätigung seine Sinnlichkeit und Vernunft in eine harmonische Balance bringt und dadurch zu wahrer Humanität gelangt.
Meine Variante dieser Auffassung kennen langjährige Leser: „Kultur beginnt nach Verlassen der Sphäre nackter Notwendigkeit“. Deshalb erlaube ich mir auch, mich in aller gebotenen Bescheidenheit der Fraktion der Kulturschaffenden zuzuordnen mit dem, was ich hier treibe.
Doch zurück in die heiße Zeit vor 100 Jahren: Der Salmson auf dem Foto von Klaas Dierks lässt sich auch ganz sachlich betrachten – das muss man sogar, wenn man ihn zeitlich genauer einsortieren will.
Dass wir nicht weit von der frühen GN-Lizenzfabrikation entfernt sind, ist offensichtlich. Der zusätzliche Sitz im Heck und die eigenständige Gestaltung des Kühlers lässt aber eher an die 1920/21 einsetzende Fabrikation des Typs AL mit eigenem 1,1 Liter-Motor denken.
Später als 1922/23 würde ich den Wagen auf dem Foto aber auch nicht datieren wollen, da er noch über mit Karbidgas betriebene Scheinwerfer verfügt.
Man erkennt diese an den Abgasauslässen an der Oberseite, außerdem sieht man auf dem Trittbrett den typischen Karbidgasentwickler. Elektrische Beleuchtung tauchte bei gehobenen Automobilen zwar bereits 1913/14 auf, blieb aber bei Kleinwagen und Cyclecars noch Anfang der 20er Jahre verbreitet.
Somit wäre schon ein in Betrieb befindlicher Scheinwerfer eines solchen frühen Salmson des Typs AL ein heißes Teil gewesen. Aber auch die Motorleistung von 18 PS machte den Wagen mit seinem sehr niedrigen Gewicht zu einem durchaus „heißen“ Gerät.
Über 80 Stundenkilometer waren damit ohne weiteres erreichbar – selbst Anfang der 1930er Jahre sollte das noch Standard bei deutschen Automobilen der unteren Mittelklasse sein.
Natürlich galt es, mit dem simplen Fahrwerk eines Salmson kühlen Kopf zu bewahren. Ob das dem verwegen dreinschauenden jungen Mann am Steuer gelungen sein mag, das lassen wir dahingestellt sein…

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Besten Dank für diese Details! Ich könnte mir vorstellen, dass anfangs die Gasbeleuchtung noch Standard war und nur auf Wunsch eine elektrische Ausstattung verbaut wurde.
Moin Herr Schlenger,
da hat Klaas Dierks wirklich einen sehr frühen Salmson eingesammelt. Die Produktion des Salmson AL begann am 22. September 1921. In dem Jahr wurden aber nur 12 Fahrzeuge fertiggestellt, 1922 dagegen schon 1720 Stück. Doch bereits im Januar 1922 wurde das erste Chassis mit elektrischer Beleuchtung an die Londoner Niederlassung geschickt. Der erste wekskarossierte Salmson AL mit elektrischer Beleuchtung wurde im März 1922 ausgeliefert. Damit dürfte der abgebildete Salmson AL Anfang 1922 gebaut worden sein. Da obendrein nur 167 der 2076 Fahrzeuge der ersten Serie die abgebildete dreisitzige Karosserie hatten, handelt es sich somit durchaus um eine seltene Variante.