Standard aus Stettin: Stoewer „Greif Junior“

Über die schillernde Bedeutung von „Standard“ hatte ich mich vor Urzeiten schon einmal ausgelassen – das war im Zusammenhang mit dem gleichnamigen 6-Zylindertyp der deutschen Traditionsmarke Adler von Ende der 1920er Jahre.

Der „Standard 6“ aus Frankfurt/Main muss indessen noch etwas warten – paradoxerweise deshalb weil ich davon zuviele Originalfotos habe, zu denen ich mir erst noch eine Struktur und Story ausdenken muss.

Da greife ich doch lieber zu einem Standard aus Stettin – in Gestalt des Stoewer „Greif Junior“.

Beim Nischenhersteller Stoewer denkt man eigentlich nicht an Standard – dafür waren die Gebrüder Stoewer zu erfindungsreich, sonst hätten sie sich nicht über 30 Jahre als selbständiger Manufakturhersteller behaupten können.

Doch als man Stoewer ab 1935 wie hier mit Standard assoziierte, war die Blütezeit der Firma als familiengeführtes Unternehmen bereits vorbei:

„Standard“-Tankstellenaushang der 1930er Jahre; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Tatsächlich wurde die hier einfallsreich besungene Konstruktion des Stoewer „Greif Junior“ aus der Insolvenzmasse der Röhr-Werke übernommen – und damit die zugrundeliegende Lizenz des Tatra 30 mit 34 PS leistendem luftgekühltem 4-Zylindermotor (ohv).

Im Unterschied zum sogenannten Volkswagen befand sich der Motor hier wie gewohnt vorne und man konnte das Auto auch tatsächlich kaufen und nicht nur Ratenzahlungen ohne Lieferung leisten.

Stoewer bot die ausgereifte Tatra-Konstruktion mit einer schicken Karosserie nach eigenem Entwurf an und fertigte bis zum Beginn des 2. Weltkriegs angeblich 4000 Stück davon.

Das war nicht viel, aber genug, um auf alten Fotos reizvolle Spuren zu hinterlassen, die ihrerseits keineswegs Standard sind:

Stoewer „Greif Junior“; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Dieses im Raum Berlin zugelassene Exemplar mit Cabriolet-Aufbau macht einen ordinären Heuhaufen zu mehr als nur einem Standard irgendwo auf dem Land.

Auch der dandyhafte Fahrer des folgenden Stoewer „Greif Junior“ entspricht mit seiner wenig stahlhelmtauglichen Frisur keineswegs dem offiziellen Standard im Deutschland der fortgeschrittenen 30er Jahre:

Stoewer „Greif Junior“; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Von diesem Wagen mit Limousinenaufbau ist ein weiteres Foto überliefert, welches auch den versierten Betrachter vor einige Probleme stellen würde.

Denn das wenige, was man hier sieht, ist zuwenig Standard, um auf Anhieb eine Identifikation zu ermöglichen:

Stoewer „Greif Junior“; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Auch beim deutschen Militär, wo man angesichts chronischer Unterversorgung bei gleichzeitig größenwahnsinniger Zielsetzung bei der Wahl von PKW nicht zimperlich war, erlangte der kleine Stoewer keinen Rang als Standard bei der Truppe.

Jedenfalls ist mir selbst bisher nur diese Aufnahme ins Netz gegangen, die einen Stoewer „Greif Junior“ mit Kennzeichen der deutschen Luftstreitkräfte zeigt:

Stoewer „Greif Junior“; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme entstand laut umseitiger Beschriftug im Mai 1944, als den meisten deutschen Soldaten das Material und die Lust zum Fotografieren abhandengekommen war.

Der onkelhaft wirkende Mantelträger rechts neben dem Wagen könnte ein Veteran des 1. Weltkriegs gewesen sein.

Vielleicht sorgte er dafür, dass die ihm anvertrauten jungen Männer möglichst nicht zu kriegstauglichen Kanonenfutter ausgebildet wurden – auch das soll es neben all der hirnrissigen Begeisterung, das eigene Leben für unbegreifliche Ziele der sicher am Schreibtisch sitzenden Obrigkeit zu riskieren, gegeben haben.

Ziemlich genau 10 Jahre später – anno 1954 – begegnet uns noch einmal ein Stoewer „Greif Junior“ in Berlin an einem Ort, den die westalliierten Bombenterroristen offenbar verfehlt oder nicht mit dem gewohnten Standard an Zerstörung ziviler Bauten getroffen hatten:

Stoewer „Greif Junior“; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Da nach dem Ende des 2. Weltkriegs nie wieder irgendetwas Standard wurde in der einstigen Reichshauptstadt und heutigen Zentrale verhaltensauffälliger Zeitgenossen, ist bei der Farbgebung dieses überlebenden Stoewer und der sich als Besitzerin ausgebenden Passantin aus meiner Sicht alles erlaubt.

So könnte sich der frisch lackierte Überlebende aus Stettin nebst nach solidem Standard zurechtgemachter Berliner Maid doch durchaus so präsentiert haben:

Stoewer „Greif Junior“; KI-basierte Kolorierung: Michael Schlenger

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5 Gedanken zu „Standard aus Stettin: Stoewer „Greif Junior““

  1. Danke! Ist ja ein hübscher Zufall. Ich hatte früher Verwandte in Charlottenburg (zuletzt in den 80er Jahren) und wohnte bei meinem letzten Berlin-Besuch (2012) in einer Gründerzeitvilla am Lietzensee. Bin also dort sicher vorbeigekommen…

  2. Klasse, danke nach „Balin“!

  3. Stoewer und Standard (zuvor Dapolin) – wie 44 Jahre später bei meinem ersten Motorrad „Kawasaki bevorzugt Castrol“ zu lesen war oder der „elf“-Aufkleber bei Renault sowie „Total“ beim Citroën Visa. Stoewer, Stettin und Standard Oil passen aber gut zusammen :

    https://gsta.preussischer-kulturbesitz.de/ueber-uns/newsroom/nachrichten/news-detailseite/artikel/2023/01/04/aus-der-erschliessungspraxis-benzinversorgung-vor-100-jahren.html

    https://paz.de/artikel/einst-das-groeszte-deutsche-hydrierwerk-a9550.html

    https://www.aukevisser.nl/german/id21.htm

    Sehr schön gelungen ist hier erneut die farbliche Aufbereitung, auch wenn die Berliner Dame bereits ESSO tankte und somit „den Tiger in den Tank packte“.

  4. Dem Herrn Schlenger kann jeholfen werden, wa? Det Foto mit dem jungen Fräulein und dem Flitzer druff, det is am Witzlebenplatz 2 jeknipst worden. Det liegt in Charlottenburg-Wilmersdorf. Tja, dit is eben Berlin!

  5. Hallo Michael,
    zur Info, das repräsentative Gebäude im Hintergrund des letzten Fotos ist das ehemalige Kammergericht in Berlin – Charlottenburg in der Witzlebenstrasse 4 – 10. Es hat den WWII überstanden. Ende der 1980er Jahre war ich dort Referendar. Heute ist es in Eigentumswohnungen umgewandelt und eine exquisite Wohnlage direkt am Lietzensee.
    Beste Grüße aus Bärlin Claus

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