Umgebindeland, unbedingt! Unterwegs im 1930er Essex

Als Absolvent eines hessischen Gymnasiums lernt man lebenslang – vor allem die zahllosen Sachen, die einem einst vorenthalten wurden.

Da saß man in den 80ern in der altehrwürdigen Augustinerschule in der ehemaligen Freien Reichsstadt Friedberg und römischen Gründung, mit der größten Burganlage Deutschlands über dem alten Kohortenkastell im Herzen der Wetterau – und in all den Jahren keine einzige Geschichtsstunde im 2000-jährigen Freilichtmuseum direkt vor der Tür.

Das Jugendstiljuwel Bad Nauheim in Sichtweite, die mächtige staufische Münzenburg eine Viertelstunde entfernt, das Kloster Arnsburg eine halbe und ebenso das Limeskastell Saalburg – das einzige wiederaufgebaute im gesamten Imperium überhaupt usw.

Kein Wort darüber und kein einziger Ausflug dorthin in neun Jahren – eine reife Leistung von Lehrpersonal und Lehrplänen. Dafür jede Menge Kleinklein aus der französischen Revolution, Klassenkampfkitsch und Marxismus-Leninismus (in der BRD, wohlgemerkt).

Zurück zu den Defiziten. Waren Sie schon mal im „Umgebindeland“ (nicht-deutsche Leser ignorieren das bitte, auch wenn es wie etwas aus einer Oper Richard Wagners klingt).

Ich hatte davon bis heute nie gehört. Meine Leser aus Deutschlands „Fernem Osten“ (kleiner Scherz aus Westperspektive) werden jetzt ungläubig den Kopf schütteln.

„Unser Blogwart weiß nicht, dass es das wirklich gibt – und das seit Jahrhunderten?“ Nee, ich habe hessisches Abitur so wie andere vielleicht ein Hinkebein haben – ich komme bei vielem einfach nicht mit.

Aber ich bemühe mich jeden Tag aufzuschließen an die Wunderwelt der Wirklichkeit, vor allem die von gestern. Das Aktuelle finde ich unerheblich bis abstoßend, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die alle mit Technik zu tun haben, rein gar nichts mit Kultur.

Verflixt, der Prolog ist wieder viel zu lang geworden. Meine vierbeinige Mitbewohnerin Ellie liegt leise schnarchend auf dem Schreibtisch, sie hat mich wohl die Zeit vergessen lassen.

Jetzt aber auf ins Umgebindeland!

Essex Limousine, Modelljahr 1930; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Was für ein schönes, würdig und solide wirkendes Haus, großzügig noch dazu. Und alles aus Holz (außer den Dachziegeln, versteht sich). Wie man hört, gilt das neuerdings wieder als besonders „nachhaltig“. Ach, tatsächlich? Steht doch bloß erst seit ca. 200 Jahren da.

Tausende Häuser dieser Machart gibt es noch heute in „Umgebindeland“ – so viele, dass sie eine ganze Region prägen. Dabei ist dieser Stil kein provinzieller, vielmehr ein im besten Sinne internationaler.

Man findet solche Umgebindehäuser – mit Erdgeschoss in Blockhausweise, „umbunden“ von Holzarkaden, auf denen das Obergeschoss oder der Dachstuhl ruht – in der Lausitz in Deutschland ebenso wie in den angrenzenden Regionen Polens und Tschechiens.

Bei der Konstruktion mischen sich sich slawische und germanische Traditionen – nicht die schlechteste Kombination, meine ich. Wir könnten mehr von dieser fruchtbaren und friedlichen Zusammenarbeit fleißiger Völkerschaften aus dem Herzen Europas gebrauchen.

Diese „Umgebindehäuser“ sind ein prächtiges Beispiel dafür, wie Kulturvölker zum beiderseitigen Vorteil interagieren, ohne dass eines auf der Strecke bleibt. Leider nicht gerade das, was sich die „Eliten“ ausdenken, die meist auf Hegemonie aus sind.

Man wünscht sich in unseren Tagen, dass mal eine Delegation aus Berlin anrückt und im Umgebindeland ihre Unbildung korrigiert, was die bereits reichlich vorhandene interkulturelle Vielfalt betrifft.

Das heute vorgestellte Dokument jedenfalls deutet auf Besuch aus der Metropole in einer Welt hin, die nach ihrer eigenen Logik funktionierte:

Auf dem Land braucht man keine Belehrung aus dem Moloch, man möchte eigentlich nur in Ruhe gelassen werden, zahlt seine Steuern in der Erwartung, dass der Staat seine Kernaufgaben erfüllt: äußere und innere Sicherheit, gleiches Recht für alle, Basisinfrastruktur und Gewährleistung gewisser Bildungsstandards.

Alles übrige erledigen die Bürger – so auch Entwicklung und Bau eines Autos wie des US-amerikanischen Essex, der mit seinem 60 PS Sechszylinder in ganz Europa Käufer fand.

Gerade das Automobil ist ein Musterbeispiel dafür, was besser in privater Hand unter scharfen Wettbewerbsbedingungen entstehen sollte.

Das Umgebindehaus ist es ebenfalls, was zweckmäßige und zugleich schöne Häuser betrifft – seine Konstruktion ist keiner Behörde zu verdanken, sondern dem Erfindungsreichtum, Können und Ehrgeiz von Handwerkern, die aus Jahrhunderten von Tradition schöpften.

Essex Limousine, Modelljahr 1930; KI-basierte Kolorierung: Michael Schlenger

Also, liebe Leser, wenn Sie zur Abwechslung mal wieder was Positives hierzulande sehen und erleben wollen, das Umgebindeland liegt quasi vor der Haustür und es setzt sich fort bei unseren Nachbarn, welche nicht nur diese schöne Tradition mit uns gemeinsam haben…

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7 Gedanken zu „Umgebindeland, unbedingt! Unterwegs im 1930er Essex“

  1. Ja, dieses Haus fällt mit seinem repräsentativen Zuschnitt etwas aus dem Rahmen, ist aber noch durchaus typisch für Umgebindehäuser gut situierter Bauern oder wohlhabender Handwerker schon im 19. Jh. Für einen Neubau im Zuge der Heimatschutzbewegung (ab 1910) erscheint mir das Haus bereits zu deutlich gealtert. Speziell die leicht „unruhige“ Erscheinung des Ziegeldachs spricht aus meiner Sicht gegen eine jüngere Datierung.

  2. Die war offenbar ein Extra – denn in meiner Essex-Galerie fehlt sie öfters.

  3. Genau die richtige Länge für meinen Geschmack – danke!

  4. Nur eine kleine Anmerkung zum Umgebindehaus im Umgebindeland als Neusachse ,
    der auch viel in der Lausitz herumkam:
    Das fotografierte Haus im Hintergrund des weitgereisten Essex aus der Reichshauptstadt (so sahen Autos damals durchweg nach längeren Autofahrten über Land aus – oder entsprechend verstaubt!) Ist übrigens kein historisches Umgebindehaus der in diesem Landstrich seit Jahrhunderten vorherrschenden Bauart. Der bestand durchweg aus einem Wohnteil mit Haustür in Umgebindebauweise und einem anschließenden Wirtschafts- u. Stallteil in Bruchsteinbauweise da dieser den Ausdünstungen und der Feuchtigkeit der Tierhaltung standhielt.
    An dem großzügigem Haus hier sehen wir einen symetrischen Bau mit großer Dachgaupe bürgerlichen Zuschnitts, wie er nach 1900 mit der Heimatbewegung und der Renaissance der regionalen Baustihle insbesondere bei solventen – Indigenen, sagt man wohl heute – Mode wurde.
    Auch die aufwändige äußerliche Gestaltung deutet auf den finanziellen Hintergrund des Bauherren hin.
    Die heute noch im Original erhaltenen Häuser dieser Gegend zeigen durchweg eine einfache, zweckentsprechende statische Konzeption.
    Der, meist in Form von Schnitzereien, angebrachte Zierrat gibt Auskunft über sozialen und finanziellen Status des Erbauers.
    Ein langjähriger DKW- Freund renovierte in der Zittauer Gegend eine großzügige Villa mit überladenen Fassaden rundum und Erkern und Gaupen aus Holz und reicher farblichen Gestaltung. Er basiert , im alten Kellerteil erkennbar, auf dem alten Familienanwesen einer Augenarzt- Korriphäe, den dieser sich als Alterssirz erbauen ließ.

  5. Ein schöner Artikel, in Brandenburg findet man diese Häuser sehr oft, je näher man der Oder kommt. Ich würde diese Aufnahme im (erweiterten) Berliner Umland verorten. (Die Berliner Zulassung des Essex spricht für einen Tagesausflug oder ähnliches). Etwa die frühe Mitte der 30er Jahre. Zu dieser Zeit war die „große Elektrifizierung“ der National-Sozialisten in vollem Gange. Das Haus verfügt bereits über einen Stromanschluss, gut zu erkennen an den beiden Isolatoren oberhalb des rechten Giebelfensters.

    Betrachte ich mir das Bild genauer, fällt mir ein weiteres Detail auf: die weiß lackierten Spitzen des Staketen-Zauns, ganz rechts im Bild. Das hatte zwei ganz pragmatische Gründe: Dörfer lagen zu dieser Zeit Nachts in absoluter Dunkelheit. Licht-„Verschmutzung“ durch Straßenbeleuchtung gab es noch nicht. Leuchtreklamen oder beleuchtete Schaufenster / -Werbung ebenso wenig. Als Orientierungshilfe wurden oft die Schnitt-Spitzen der Zaunlatten mit einem Farb“hütchen“ versetzt.

    In der Regel war das Schlämmkreide da Farbe teuer war. (Wir erinnern uns sicher alle an die weißen Ringe um die Chausseebäume früher.) Der zweite Grund war nicht minder pragmatisch: Obst- und Viehdiebstahl waren nicht selten und die färbende Kreide „markierte“ Denjenigen der den Zaun überstieg deutlich, so das einem Fremden, der früher in einem Dorf eh sofort auffiel, seine „Verfehlung“ bei einem eventuellem Aufgreifen schnell anzusehen war.

    Allen Umgebindehäusern war eines gemein: die Gliederung in Stube, Flur und Stall. Sie unterscheiden sich in ihrer Größe jedoch voneinander. Weberhäuser sind die kleinsten Gebäude dieses Typs und haben meist kein Obergeschoss. Kleinbauernhäuser dagegen verfügen über ein Obergeschoss. Die größten Bauten dieser Art sind die Faktorenhäuser. Sie haben immer ein Obergeschoss und sind nochmals in mehrfache Bereiche untergliedert. Dazu zählten verschiedene Arbeitsbereiche, etwa für das gewerbsmäßige Wäschemangeln oder dem damals weitverbreiteten Blaudruck. Faktorenhäuser hatten auch keinen integrierten Stall zur Viehhaltung mehr. Es wurde an- oder neu gebaut und daraus gingen vielerorts die 3-Seitenhöfe hervor.

    Herrjeh, jetzt ist auch mein Kommentar viel zu lang geworden. Aber Heimatgeschichte ist eines meiner Hobbys. 😉

    Mit heimatlichen Grüßen aus dem Landkreis Teltow-Fläming, Brandenburg,
    M. Grunwald

  6. Schade, dass die schöne Kühlerfigur (Flying Winged Goddess) fehlt.

  7. Colloquium im Grundkurs Latein – das war sogar im südöstlich angrenzenden Bundesland gar nicht drin, jedenfalls nicht, um so dem zu entgehen, was sich „Deutschunterricht“ nannte : Traktiert vom Traktat des Steppenwolfs, von der Lyrik eines Georg Trakl oder H.M. Enzensberger, im Kunstunterricht flankiert von Expertisen zum Kubismus und Dadaismus, war auch da von Umgebindehäusern nichts zu erfahren. Eibau und Zittau, aber auch Thorn und Tilsit – das war die Welt hinter dem Eisernen Vorhang, damals unerfahrbar, während Rom und Rimini zu den leicht und gutgelaunt erreichbaren Zielen gehörten.
    Ein Essex gehörte für mich damals auch zu den großen Unbekannten, bis ich genau dieser Automarke ebenfalls in Sachsen erstmals begegnete – vor nun 33 oder 34 Jahren.
    Bei amerikanischen Autos dachte ich zuerst an die Heckflossen der Straßenkreuzer wie auch deren spätere Ausführungen, die man durch die hier stationierten GIs, aber auch in der Schweiz doch öfters zu sehen bekam. Deren reichsweite Bedeutung vor 100 Jahren habe ich aber erst hier durch Ihren Blog kennengelernt – und besonders schön ist hier nun der farbliche Eindruck mit dem blauen Autolack vor dem Holzhaus !

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