Als Absolvent eines hessischen Gymnasiums lernt man lebenslang – vor allem die zahllosen Sachen, die einem einst vorenthalten wurden.
Da saß man in den 80ern in der altehrwürdigen Augustinerschule in der ehemaligen Freien Reichsstadt Friedberg und römischen Gründung, mit der größten Burganlage Deutschlands über dem alten Kohortenkastell im Herzen der Wetterau – und in all den Jahren keine einzige Geschichtsstunde im 2000-jährigen Freilichtmuseum direkt vor der Tür.
Das Jugendstiljuwel Bad Nauheim in Sichtweite, die mächtige staufische Münzenburg eine Viertelstunde entfernt, das Kloster Arnsburg eine halbe und ebenso das Limeskastell Saalburg – das einzige wiederaufgebaute im gesamten Imperium überhaupt usw.
Kein Wort darüber und kein einziger Ausflug dorthin in neun Jahren – eine reife Leistung von Lehrpersonal und Lehrplänen. Dafür jede Menge Kleinklein aus der französischen Revolution, Klassenkampfkitsch und Marxismus-Leninismus (in der BRD, wohlgemerkt).
Das beste Abitur des Jahrgangs – wertlos, hinterhergeworfen – danke für nichts. Einzige Ausnahme: Latein, da habe ich das volle Programm absolviert, bis in die 13 (inklusive mündlicher Prüfung). Lachen Sie nicht, ich habe dabei nebenher Linguistik und logisches, eigenständiges Denken gelernt und profitiere davon bis heute in allen Lebenslagen.
Zurück zu den Defiziten. Waren Sie schon mal im „Umgebindeland“ (nicht-deutsche Leser ignorieren das bitte, auch wenn es wie etwas aus einer Oper Richard Wagners klingt).
Ich hatte davon bis heute nie gehört. Meine Leser aus Deutschlands „Fernem Osten“ (kleiner Scherz – sie schätze ich besonders) werden jetzt ungläubig den Kopf schütteln.
„Unser Blogwart weiß nicht, dass es das wirklich gibt – und das seit Jahrhunderten?“ Nee, ich habe hessisches Abitur so wie andere vielleicht ein Hinkebein haben – ich komme bei vielem einfach nicht mit.
Aber ich bemühe mich jeden Tag aufzuschließen an die Wunderwelt der Wirklichkeit, vor allem die von gestern. Das Aktuelle finde ich unerheblich bis abstoßend, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die alle mit Technik zu tun haben, rein gar nichts mit Kultur.
Verflixt, der Prolog ist wieder viel zu lang geworden. Meine vierbeinige Mitbewohnerin Ellie liegt leise schnarchend auf dem Schreibtisch, sie hat mich wohl die Zeit vergessen lassen.
Jetzt aber auf ins Umgebindeland!

Was für ein schönes, würdig und solide wirkendes Haus, großzügig noch dazu. Und alles aus Holz (außer den Dachziegeln, versteht sich). Wie man hört, gilt das neuerdings wieder als besonders „nachhaltig“. Ach, tatsächlich? Steht doch bloß erst seit ca. 150 Jahren da.
Tausende Häuser dieser Machart gibt es noch heute in „Umgebindeland“ – so viele, dass sie eine ganze Region prägen. Dabei ist dieser Stil kein provinzieller, vielmehr ein im besten Sinne internationaler.
Man findet Häuser dieser Art – mit Erdgeschoss in Blockhausweise, „umbunden“ von Holzarkaden, auf denen das Obergeschoss oder der Dachstuhl ruht – in der Lausitz in Deutschland ebenso wie in den angrenzenden Regionen Polens und Tschechiens.
Bei dieser Konstruktion mischen sich sich slawische und germanische Traditionen – nicht die schlechteste Kombination, meine ich. Wir könnten mehr von dieser fruchtbaren und friedlichen Zusammenarbeit fleißiger Völkerschaften aus dem Herzen Europas gebrauchen.
Diese „Umgebindehäuser“ sind ein prächtiges Beispiel dafür, wie Kulturvölker zum beiderseitigen Vorteil interagieren, ohne dass eines auf der Strecke bleibt. Leider nicht gerade das, was sich die „Eliten“ ausdenken, die meist auf Hegemonie aus sind.
Man wünscht sich in unseren Tagen, dass mal eine Delegation aus Berlin anrückt und im Umgebindeland ihre Unbildung korrigiert, was die bereits vorhandene interkulturelle Vielfalt betrifft. Diese bedarf jedenfalls keiner Bereicherung aus Richtungen, welche destruktiven Charakter haben – Sie wissen schon, was ich meine.
Dieser Essex von 1930 mit Zulassung in der damaligen und heutigen Hauptstadt Deutschlands jedenfalls deutet auf Besuch aus der Metropole in einer Welt hin, die nach ihrer eigenen Logik funktionierte:

Auf dem Land braucht man keine Belehrung aus dem Moloch, man möchte eigentlich nur in Ruhe gelassen werden, zahlt seine Steuern in der Erwartung, dass der Staat seine Kernaufgaben erfüllt: äußere und innere Sicherheit, gleiches Recht für alle, Basisinfrastruktur und Gewährleistung gewisser Bildungsstandards.
Alles übrige erledigen die Bürger – so auch Entwicklung und Bau eines Autos wie des US-amerikanischen Essex, der mit seinem 60 PS Sechszylinder in ganz Europa Käufer fand.
Gerade das Automobil ist ein Musterbeispiel dafür, was besser in privater Hand unter scharfen Wettbewerbsbedingungen entstehen sollte.
Das Umgebindehaus ist es ebenfalls, was zweckmäßige und zugleich schöne Häuser betrifft – seine Konstruktion ist keiner Behörde zu verdanken, sondern dem Erfindungsreichtum, Können und Ehrgeiz von Handwerkern, die aus Jahrhunderten von Tradition schöpften.
Also, liebe Leser, wenn Sie zur Abwechslung mal wieder was Positives hierzulande sehen und erleben wollen, das Umgebindeland liegt quasi vor der Haustür und es setzt sich fort bei unseren Nachbarn, welche nicht nur diese schöne Tradition mit uns gemeinsam haben…
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