Noch ein paar Tage bis Neumond, doch schon heute kam mir die Nacht stockdunkel vor – wer weiß, wo Frau Luna ihre schlanke Sichel verbarg. Jedenfalls konnte ich beim Gang in den Garten den Sternenhimmel betrachten – so klar, wie ich ihn lange nicht gesehen habe.
Ist aber meine eigene Schuld – als Schreibtischtäter ist der Kopf viel zu lange in die falsche Richtung geneigt – nach unten. Dabei sollten wir viel öfter nicht nur den aufrechten Gang üben, sondern auch den Blick zum Himmel erheben.
Dass dort oben einer über uns wacht, halte ich für abwegig – er hätte viel zu tun und das Weltgeschehen spricht überwiegend dagegen. Doch die Majestät der Sterne, das mäandernde Band der Milchstraße, das sich nach einer Weile immer deutlicher zeigt – tatsächlich bloß ein Nebenarm unserer unmaßgeblichen Galaxis – sorgt bei mir für genügend Demut.
In Anbetracht dieser Perspektive wird alles Irdische klein und unbedeutend, das hat etwas sehr Beruhigendes. Doch der Eindruck hält nur so lange an, bis der Nacken schmerzt und man ins Haus zurückkehrt und sich doch wieder dem Kleinklein zuwendet.
Aber dafür sind wir Erdlinge nun einmal gemacht, aus diesem Gefängnis kommen wir nicht heraus. Allenfalls der Hofgang mit Blick zum Himmel vermittelt uns eine Ahnung von der wahren Weite der Welt.
Immerhin gibt es auf unserem Planeten – nach aktuellem Stand der Astronomie keine Ausnahme, eher der Normalfall im All – genügend zu entdecken. Man kann damit unfreiwillig mehr Zeit verjuxen, als einem lieb ist.
So war das auch heute abend, als ich auf digitalen Wegen diesem flotten Roadster nachspürte, der einst einem Schweizer mit Wohnnsitz in Luzern gehörte. Woher ich das weiß? Warten Sie’s ab, erst einmal „müssen“ wir das Auto identifizieren:

Dass wir es mit einem Amerikaner-Wagen zu tun haben – so sagte man vor dem 2. Weltkrieg, als noch keiner die „Amis“ kannte – das verrät der Stil des Aufbaus.
Solche offenen Zweisitzer mit leichtem Verdeck und elegant abfallendem Heck firmierten in den Staaten als Roadster, obwohl sie keinerlei sportliche Ambition hatten.
Das waren technisch serienmäßig ausgestattete Wagen, die bloß aus ästhetischen Gründen leicht und lässig wirken sollten.
Damit konnte man genauso über unbefestigte Pisten brettern wie mit den geschlossenen Versionen, das sieht man schon an der Bodenfreiheit. Gleichzeitig sollten richtige Kotflügel vor Staub und Schmutz schützen, also keine Cycle Wings oder andere Merkmale echter Sportmobile.
So etwas hatte in den USA praktisch jeder Hersteller im Programm. Zum Glück ist auf der Nabenkappe ein „M“ zu erkennen, was die Suche erleichterte und schon vor längerem hatte ich das Auto als Maxwell identifiziert.
Die Firma bestand seit 1904 und gehörte vor dem 1. Weltkrieg zu den wichtigsten Anbietern in den Staaten. Ab Beginn der 1920er Jahre geriet Maxwell in wirtschaftliche Schwierigkeiten und ein gewisser Walter P. Chrysler übernahm den Laden.
Unter seiner Führung entstand 1925 der letzte Maxwell, bevor Chrysler Autos unter eigenem Namen zu bauen begann. So gesehen war dieser Maxwell „kurz vor dem Durchbruch“, zumal sein 3 Liter-Vierzylinder mit ca. 35 PS im ersten Chrysler fortleben sollte.
Doch der 1925er Maxwell stand auch in anderer Hinsicht vor dem Durchbruch und die zugehörige Recherche kostete mich ein Vielfaches der Zeit, die ich auf die Identifikation des Maxwell ver(sch)wendet hatte:

Diese zweite Aufnahme des Maxwell war, die mir verriet, dass das Auto in der Schweiz zugelassen war.
Das von Berg und Tal geprägte Stadtbild im Hintergrund ließ mich früh Luzern als möglichen Aufnahmeort vermuten. Doch musste ich feststellen, dass jede Recherche in Bezug auf ein entsprechendes Stadttor ins Leere führte.
Ich hatte den Fall eine Weile auf Eis gelegt – nichts ist sinnloser, als sich an so einem Foto abzuarbeiten, wenn man keine Idee, hat wie man ihm auf die Schliche kommen kann.
Da ich mittlerweile im Alltag immer öfter KI-Technologie verwende, dachte ich, dass ein neuerlicher Versuch unter Zuhilfenahme eines digitalen Knechts nun erfolgversprechender sein müsste.
Zwar erwies sich die Sache doch als etwas zäh, aber am Ende gelang mir der Durchbruch. Das vermeintliche Stadttor ist nämlich gar keines, aber die Vermutung „Luzern“ als Aufnahmeort bestätigte sich.
Nach einigen Recherchen konnte ich den exakten Ort ermitteln. Der Maxwell wurde vor der sogenannten Musegg-Mauer abgelichtet – einem großartig erhaltenen Abschnitt der mittelalterlichen Stadtbefestigung im Norden Luzerns.
Dort, wo die Mussegstraße von Osten kommend auf die nach Südosten abknickende Mauer stößt, wurde in der Neuzeit ein Durchbruch für Fahrzeuge und Fußgänger angelegt, der nichts mit den mittelalterlichen Tortürmen zu tun hat.
Von dort geht der Blick hinab in einen Teil der Altstadt, wo zumindest der Eckturm des Hauses aus dem späten 19. Jh.noch heute zu sehen ist. Wer mag, kann das in der 3D-Ansicht auf „Google Earth“ nachvollziehen.
Bilder dieses Durchbruchs zu finden, erwies sich als gar nicht so einfach, aber am Ende konnte ich dem Maxwell auf die Schliche kommen.
Jetzt könnte einer sagen, dass die genaue Örtlichkeit doch völlig irrelevant sei – es geht doch hier schließlich um Vorkriegsautos. Stimmt, aber auch dieses Sujet entpuppt sich als reine Spielerei, wenn man den Blick zum Sternenhimmel erhebt.
Was das Ganze soll? Ja, das weiß ich doch nicht. Der Mensch ist jedenfalls nicht daraufhin optimiert, das Universum und den ganzen Rest zu verstehen. Er sollte erst einmal Ordnung in die irdischen Dinge bringen, da ist genug zu tun.
Vielleicht trägt mein Blog ja ein wenig dazu bei – und wenn nicht, ist’s auch egal. Der große Durchbruch steht ihm jedenfalls nicht bevor, dazu ist das Thema doch zu außerirdisch…
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