„Die heißen Vier“ – und ihr Fiat 514

Ich will es gleich zugeben: Der Titel meines heutigen Blog-Eintrags gehört nicht zu meinen besten Einfällen – das liegt aber daran, dass er nicht von mir stammt. Jedoch passt er so perfekt, dass ich keine Zeit damit verschwenden wollte, mir einen besseren auszudenken.

„Die heißen Vier“ – was – oder besser: wer – könnte sich dahinter verbergen? Haben sich „Die Drei von der Tankstelle“ zwischenzeitlich vermehrt oder sind vielleicht „Vier warme Brüder“ gemeint, die heute politisch korrekt etwas anders heißen?

Weit gefehlt, eigentlich kann man nur auf Umwegen darauf kommen, so abwegig ist das Ganze. Im vorliegenden Fall führt uns der Weg zunächst zurück in die Vorkriegszeit und dann über italienische Landstraßen dorthin.

Das Fahrzeug unserer Wahl auf dieser Tour ist ein alter Bekannter, der einst jeden Alpenpass nahm, auch wenn er nur 28 PS unter der Haube hatte – der Fiat 514 von 1929:

Fiat 514 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses wackere Exemplar mit der siegessicher zum Gipfel deutenden Dame habe ich vor längerer Zeit hier vorgestellt. Dabei hatte ich auch anhand eines Bildausschnitts ausgeführt, woran man das Modell erkennen kann.

Was auf obiger Aufnahme nur ansatzweise zu sehen ist – aber ausreichend, um den Typ zu identifizieren – kann man auf einem weiteren Foto aus ungewohnter Perspektive besichtigen. Dieses entstand einst irgendwo im deutschen Mittelgebirge:

Fiat 514 Tourer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese offene Version entspricht schon sehr weitgehend dem Fahrzeug, das ich heute anhand eines kuriosen Dokuments vorstellen kann.

Das entscheidende Element ist die Gestaltung der Mittelpartie der Motorhaube – mit einem nach hinten breiter werdenden „Steg“, dessen getrepptes Profil die Chromzierleiste akkurat nachvollzieht, welche das hintere Ende der Haube markiert.

Dieses Detail findet sich – zusammen mit der ebenfalls gestuften Kante der Haube, die sich bis zur Frontscheibe fortsetzt – am besagten Fiat 514, welcher den Typ 503 beerbte und mit fast 40.000 Exemplaren kaum weniger erfolgreich war als dieser.

Kein Wunder, dass davon etliche auch am deutschen Markt Käufer fanden und einige sogar den 2. Weltkrieg überlebten – dieses Exemplar beispielsweise:

Fiat 514; originales Kinoaushangfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Moment einmal, kommen die kolorierten Fassungen solcher Fotos nicht normalerweise erst am Ende? Nun im vorliegenden Fall ist das Original bereits in Farbe gehalten und hier sieht man einmal, wie mäßig frühe Coloraufnahmen oft noch waren.

Übrigens: Besagte „Heiße Vier“ sind auf dieser Aufnahme zusammen mit dem Fiat zu sehen – ich komme darauf zurück.

Dass man bei dem Auto vielleicht nicht gleich an einen Fiat denkt, mag an der „Kriegsbemalung“ liegen – speziell den in weiß aufgepinselten Haubenschlitzen. Die Identifikation erschwert hat auch das Fehlen der Radkappen, aber die Nabenform ist typisch genug, um zusammen mit der übrigen Gestaltung einen Fiat 514 in Betracht zu ziehen.

Neben dem erwähnten Profil der Motorhaube und der Abschlussleiste passt auch die Form des nach unten etwas breiter werdenen Kühlers mit derm eingerahmten Öffnung für die (nur in Notfällen benötigte) Anlasserkurbel.

Kenner von Vorkriegs-Fiats könnten jetzt einwenden, dass es sich hier auch um das größere Schwestermodell 520 handeln könnte, das einen 6-Zylindermotor und einen längeren Radstand aufwies, aber formal ansonsten nahezu identisch ausfiel.

Ein kleines Detail spricht aber aus meiner Sicht für den kompakteren Fiat 514 – das trommelfömige Gehäuse, das auf der Innenseite des Kotflügels am vorderen Ende zu sehen ist. Darin verbarg sich nämlich ein klassischer Reibungsstoßdämpfer, während der Typ 520 über modernere hydraulische Stoßdämpfer verfügte.

Was ist jetzt aber mit den „Heißen Vier“? Tja, diesen Namen hatte sich die deutsche Musikertruppe gegeben, die einst mit ihrem Fiat 514 nach Italien reiste, um dort ihre gewiss lang ersehnte Kunst darzubieten.

Das klingt so haarsträubend, dass man das nur einem Unterhaltungsfilm der 1950er Jahre zutrauen würde – und genau so verhielt es sich. 1954 kam ein Schinken mit dem Titel „Gitarren der Liebe“ in die Kinos des allmählich wieder dem Schutt entsteigenden Deutschlands. Das heute vorgestellte Foto diente einst als Kinoaushang zu diesem Film.

Besetzt hatte man das Werk mit „Größen“ wie Harald Juhnke – den ein Spaßvogel später einmal als „deutschen Frank Sinatra“ bezeichnen sollte – und dem schweizerischen Aushilfs-Italiener Vico Torriani – der mindestens so hölzern agierte wie die germanischen Kollegen.

Immerhin waren die weiblichen Rollen ansehnlich besetzt – ansonsten taten die Bilder der südlichen Landschaft ihre Wirkung. Gedreht wurden die Außenaufnahmen im Umland von Genua (Liguren), speziell im eleganten Hafenort Santa Margherita Ligure.

Ein eigenes Bild von diesem cineastischen Opus kann man sich in der originalen Filmvorschau machen.

Dort kommt der Fiat ab 3:01 min zusammen mit der überaus ansehnlichen Elma Karlova ins Bild. Ab 2:19 min ist er dann in voller Fahrt zu sehen – wenn man das wirklich peinliche Geträller zuvor überstanden hat, eine verdiente Belohnung:

Videquelle: Youtube.com; hochgeladen von: TrailerTrackerClassic

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

2 Gedanken zu „„Die heißen Vier“ – und ihr Fiat 514

  1. Gut beobachtet und kommentiert!

  2. Ja – wiedermal ein ergiebiges Thema des Blogs: Fiat in Deutsch- land / Autos im
    Deutschen Nachkriegs- Kino / Verkehrswege in den Alpen. Der für seine zweifelhafte Rolle „her- gerichtete“ 514er stammt lt. dem Be- satzungskennzeichen aus Deutschland und damit – auch wegen der
    eindeutig dem Hersteller
    BOSCH zuzuordnenden
    Hauptscheinwerfer – vermutlich aus der 1929
    gerade frisch von der FIAT übernommenen NSU- Autofabrik in Heil- bronn.
    Er ist – leider – ein typisches Beispiel für die zweifelhafte Rolle, die
    die alten “ Karren“ im deutschen Nachkriegs- Film zugewiesen beka- men. Irrwitzige Geschwindigeiten durch
    schneller abgespielte Sequenzen sollten wohl
    „lustig“ sein. Als drasti- sches Beispiel erwähnt sei hierfür auch der Heinz Erhard- Film mit dem viertürigen DKW
    3=6, dessen Karikierung dem heutigen Liebhaber Herzschmerzen bereitet.
    Das Bild des offenkundig brandneuen 514er Tourenwagens – damals übrigens die jeweils billigste Karosserie- Variante, auch deshalb wohl so beliebt – zeigt übrigens ein sog. „Ameri- kanisches Verdeck“ dessen Charakteristikum der stark nach schräg hinten geneigte Haupt- Stiefel, der es erstmals
    ermöglichte, größere Aufbaulängen freitra- gend zu überspannen.

    Sehr „spannend“ – wie es
    heute wohl heißt – auch das Hochalpen- Bild mit
    der richtungsweisenden
    Walküre, zeigt es doch neben den umfang- reichenden Verbauungen
    für die Auto- gerecht ausgebaute Passstraße recht unscheinbar den vielleicht Jahrtausende alten Saumpfad mit der durch sinnreiche Verkei- lung der Felsbrocken im Trockenbau den stärks- ten Schmelzwasser-
    Fluten trotzten ( siehe Ahrtal )!

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