Macht gute Figur am Opernplatz: Stoewer R-150 Cabrio

Die Frontantriebswagen der R-Klasse, die bei Stoewer in Stettin von 1932-35 entstanden, stehen zu Unrecht im Schatten der weit häufiger anzutreffenden Adler-Modelle mit Vorderradantrieb.

Die Stoewer-Modelle besaßen ein sehr markantes Erscheinungsbild – schon von der Seite. Denn sie kamen mit sonst am deutschen Markt unüblichen horizontalen Luftschlitzen daher:

Stoewer R-140 2-türige Limousine, Bauzeit: 1932-34; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese im Sommer 1933 aufgenommene 2-türige Limousine des Typs R-140 wirkt trotz des recht kompakten Vierzylindermotors (1,3 Liter, 26 PS) durchaus repräsentativ.

Tatsächlich zitierte Stoewer mit den waagerecht verlaufenden Haubenschlitzen seine grandiosen 8-Zylindermodelle der späten 1920er und frühen 1930er Jahre und sorgte damit für eine klassenübergreifende Familienähnlichkeit.

Die eine lange Haube suggerierenden Luftschlitze finden sich natürlich auch an den Cabrioversionen des R-140 – hier ein Exemplar, das während einer Urlaubsreise irgendwo in der Schweiz abgelichtet wurde, vielleicht auf dem Weg zum Gotthardpass:

Stoewer R-140 Cabriolet; Bauzeit: 1932-34; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei aller Sympathie für den Stettiner Nischenhersteller, der sich über die Jahrzehnte immer wieder neu erfand, mag man hier beanstanden, dass der Kühler optisch etwas zu breit erscheint und die hohe schmucklose Tür unbeholfen wirkt.

Die Gebrüder Stoewer entwickelten ihre Wagen jedoch laufend weiter, sodass die nächste Generation – verkörpert durch den 1934 eingeführten R-150 – deutlich gelungener wirkt.

Nicht nur hatte man den Motor auf 1,5 Liter aufgebohrt, sodass dieser nun achtbare 35 PS leistete, auch das Äußere war überarbeitet worden. Vor allem hatte man die Kühlermaske überzeugender gestaltet und die Streben nun stärker gepfeilt ausgeführt.

Dadurch wirkt bereits die Limousine weit stimmiger, die auf diesem Foto aus der Sammlung von Leser Matthias Schmidt (Dresden) zu sehen ist:

Stoewer R-150 4-türige Limousine, Bauzeit: 1934-35; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Dieses Auto musste sich neben dem Adler „Trumpf“, der ebenfalls mit Frontantrieb und 1,5 Liter-Motor aufwartete, nicht verstecken. Die 4-türige Limousine war bei Stoewer sogar etwas günstiger zu haben als bei der Konkurrenz aus Frankfurt/Main.

Doch fehlte es den Stettinern bei allem technischen Können und der gestalterischen Kompetenz immer an den Produktionskapazitäten, um die Stärken ihrer Fahrzeuge in hohe Stückzahlen umzumünzen.

So entstanden vom Stoewer R-150 keine 1200 Exemplare. Für den Gourmet sind die überlebenden Fahrzeuge dieses Typs umso interessanter, speziell wenn es sich um die sehr gelungene Cabrioausführung handelt, die wir hier sehen:

Stoewer R-150 Cabriolet, Bauzeit: 1934-35; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Trotz der übergezogenen Kühlermanschette für den Betrieb in der kalten Jahreszeit erkennt man, dass die stärker gepfeilten Kühlerstreben den Wagen dynamischer wirken lassen als den Vorgängertyp R-140.

Auch die Türen hatte man mittels einer verchromten Zierleiste optisch gefälliger gestaltet, sodass diese nun weniger hoch erscheint.

Man mag beanstanden, dass der Stoewer immer noch mit Trittbrett und seitlich montiertem Reserverad daherkam – beides war bei Adlers „Trumpf“ entfallen – doch auf mich wirkt der Wagen vollkommen stimmig so, wie er hier vor uns steht.

Das Auto muss einst auch den jungen Mann angesprochen haben, der es fotografierte und auf der Rückseite des Abzugs einige Informationen für uns hinterlassen hat:

Wenn ich den handschriftlichen Vermerk richtig deute, besuchte der Fotograf im Jahr 1936 die Kriegsschule in (?) und entdeckte bei der Gelegenheit am Opernplatz diesen Stoewer mit Zulassung in Neuwied.

Er hatte also selbst keinen direkten Bezug zu dem Auto, als angehender Unteroffizier oder Offizier wäre ein eigenes Fahrzeug auch nicht erreichbar gewesen.

Doch gefiel ihm das Cabriolet, das einsam auf dem winterlichen Opernplatz abgestellt war so gut, dass er seinen Fotoapparat zückte, die notwendigen Einstellungen vornahm und uns dieses schöne Dokument hinterlassen hat:

Stoewer R-150 Cabriolet, Bauzeit: 1934-35; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der adrette Stoewer macht hier doch gute Figur, finden Sie nicht?

Nur: Auf welchem Opernplatz war der Wagen denn eigentlich abgestellt?

Wieder einmal sind Sie, liebe Leser, gefragt – denn wir wollen doch dieses schöne Foto mehr als 85 Jahre nach seiner Entstehung richtig einordnen…

Nachtrag: Leser Erhard Schmidt konnte in akribischer Recherche die Örtlichkeit identifizieren: Es handelt sich um den Platz vor der Semperoper in Dresden, an den einst das heute verschwundene Hotel Bellevue grenzte.

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

5 Gedanken zu „Macht gute Figur am Opernplatz: Stoewer R-150 Cabrio

  1. Mehr über den Aufnahmeort des Stoewer R-150 Cabriolet findet sich hier, wobei die Wiedererrichtung des Hotels Bellevue in einem anderen historischen Gebäude 1985 am Neustädter Ufer erfolgte. Das hier 1936 abgebildete Gebäude befand sich am nördlichen Ende des Theaterplatzes und verbrannte im Bombeninferno des 13.Februars 1945. Die Ruinenreste wurden 1951 abgetragen – 98 Jahre nach der Hoteleröffnung. Rund um den Theaterplatz entstand dann im Taschenbergpalais ein 5-Sterne-Hotel auf dessen historischer Bausubstanz – da war das andernorts wiedererrichtete Bellevue bereits seit 10 Jahren wiedereröffnet.

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Theaterplatz_(Dresden)

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Calberlasche_Zuckersiederei

    https://www.das-alte-dresden.de/karte/detail/hotel-bellevue.html

  2. Es gab zwar auch eine im Nachbarort von Koblenz (Schloss Engers, Neuwied), aber der Aufnahmeort war tatsächlich Dresden, siehe Ergänzung am Ende des Blog-Eintrags.

  3. Keine Kriegsschule in Koblenz im dritten Reich. Tippe auf Dresden. Kann ein Dresdner das bestätigen?

  4. Den Platz werde ich nicht entschlüssseln können. Zu Stoewer fallen mir nur die Sedina und Greif ein, welche auch im Kreise unserer Verwandschaft noch vertreten waren. Der Arkona hingegen war der „Stern“ unter den „geretteten“ Autos der Vorkriegszeit. Jedenfalls für mich als Jahrgang ’65.
    Der R 150 hatte hingegen erstmals die damalig neuen Gleitsteine in den vorderen Antriebsgelenken verbaut, welche das nervige Ruckeln bei eingeschlagenen Vorderrädern beim Anfahren minderten. Gleichlaufgelenkwellen (Homokineten) schufen da erst viel später endgültig Abhilfe.
    https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/fe/Stoewer_Arkona%2C_Bj._1940_%281%29_2009-10-13.JPG

    Vielen Dank für den informativen Beitrag.

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