Notlösung mit Charme: Wanderer W10-IV Gläser-Cabrio

Die besten Lösungen eines Problems entstehen oftmals unter Druck – in der Wirtschaft ist es die Peitsche des Wettbewerbs oder eine abrupte Änderung des Marktumfelds, die unkonventionellen Ideen den Weg bereitet – dann zeigt sich, wer wirklich unternehmerisch denkt und wer sich bloß selbst verwaltet.

Für die gnadenlose Auslese, die dann stattfindet, hat der österreichische Ökonom Josef Schumpeter den Begriff der schöpferischen Zerstörung geprägt. Sie ist für die davon betroffenen Unternehmen zwar hart, aber für die Volkswirtschaft insgesamt von Segen, weil sie unter dem Strich mehr Nutzen im Sinne besserer Lösungen für die Abnehmer stiftet.

Darin liegt der Unterschied zu willkürlicher Zerstörung, wie sie hierzulande in den letzten Jahren mit der rein politisch motivierten Stillegung von über einem Dutzend Kernkraftwerken und zahlreichen Kohlekraftwerken erfolgt ist – das Ergebnis können wir aktuell besichtigen.

Dieser Seitenhieb auf die absichtlich herbeigeführte energiepolitische Mangelwirtschaft in Deutschland muss leider sein – denn sie betrifft uns alle. Wir werden sehen, welche Notlösungen man in der Kompetenzfestung Berlin nun zustandebekommt…

In der Geschichte des Automobils waren es dagegen immer wieder Notlösungen, welche durchaus erfreuliche Ergebnisse zeitigten. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist die Entstehung des fabelhaften XK-120 Modells von Jaguar, welches eigentlich nur als Schaustück zur Präsentation des neuen 6-Zylinder-Motors gedacht war – denn die Presswerkzeuge für die Limousine wurden nicht rechtzeitig fertig.

Nicht ganz damit mithalten kann das Fahrzeug, das ich heute präsentiere, doch war es ebenfalls eine Notlösung, die dem Hersteller das Überleben ermöglichte und auch noch nach über 90 Jahren ihren Charme entfaltet:

Wanderer W10-IV Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ja gut, mag jetzt einer sagen, das ist schon charmant – aber doch nicht wegen des Autos, von dem kaum etwas zu sehen ist.

Gewiss, doch ist bereits hier genug zu erkennen, um zu wissen: Das ist ein Wanderer W10-IV, den die sächsische Marke angesichts der Wirtschaftskrise 1930 aus dem Hut zauberte, als der eigentlich als Umsatzträger gedachte 6-Zylindertyp W11 10/50 PS nicht den erhofften Absatz fand.

Kurzerhand reaktivierte man den eigentlich schon in Rente geschickten Vierzylindermotor des Vorgängertyps W10-III, verbesserte die Bremsen und spendierte dem Wagen hydraulische Stoßdämpfer.

Vor allem aber gönnte man dem auf die schnelle entwickelten Wanderer W10-IV eine prachtvolle Kühlerpartie, wie sie es bei der bis dato zur Schlichtheit neigenden Marke noch nie gegeben hatte:

Wanderer W10-IV Cabriolet von Gläser; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Die üppig verchromte Frontpartie mit neuem Markenemblem und der vom Sechszylindermodell übernommenen sehr markanten Kühlerfigur wirkt hier bereits sehr repräsentativ.

Was dabei etwas in den Hintergrund rückt, ist der Aufbau als zweitüriges Cabriolet, der standardmäßig von Gläser (Dresden) geliefert wurde.

Offene Versionen gab es zwar auch von anderen Karosserielieferanten wie Hornig oder Reutter. Doch nur Gläser wagte es, mit einer leicht schräggestellten Frontscheibe, dem braven Vierzylinder einen Hauch von Sportlichkeit angedeihen zu lassen.

Was auf obigen Foto nur ansatzweise zu erkennen ist, dürfen wir auf der folgenden Aufnahme ganz genießen, welche mir Sammlerkollege Matthias Schmidt (passenderweise aus Dresden) zur Verfügung gestellt hat:

Wanderer W10-IV Cabriolet von Gläser; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt

Kaum zu glauben – aber es handelt sich um das gleiche Modell wie auf der vorherigen Aufnahme – doch hier wirkt es weniger wuchtig, vielmehr elegant und fast ein wenig wie auf dem Sprung.

Während die Kühler- und Haubenpartie ganz der Limousinenausführung entspricht, entfaltet sich ab der leicht schrägstehenden Frontscheibe das ganze Können der Gestalter und Handwerker von Gläser – über die nebenbei viel zu wenig bekannt ist.

Die Dachlinie wirkt niedriger als bei sonstigen Cabriolets jener Zeit, doch das kann auch eine optische Täuschung sein. Die an sich hohe Gürtellinie der Karosserie wird in der Seitenansicht durch die breite, hell abgesetzte Zierleiste kaschiert, die nach vorne hin schmaler wird und dann an die Haubenzierleiste anschließt.

Das einzige Manko ist das Fehlen von Radkappen – die waren im Budget wohl nicht mehr drin, nachdem man sich eine Orgie an Chrom an der Kühlerpartie geleistet hat.

Übrigens findet sich ein praktisch identisches Gläer-Cabriolet auf Seite 94 des einzigartigen Standardwerks „Wanderer-Automobile“ von Erdmann/Westermann (Verlag Delius-Klasing).

Bis 1932 baute Wanderer rund 4.500 Exemplare seiner „Notlösung“, wobei das 2-türige Seriencabriolet von Gläser sicher die gelungenste Ausführung war. Im letzten Jahr spendierte man dem Modell W10-IV dann sogar noch die offenbar nicht nur von mir vermissten Radkappen…

Eine Frage bleibt indessen offen – und hier setze ich auf die Kenntnisse meiner Leser, welche mich immer wieder erstaunen und inspirieren: Vor welcher Staumauer wurde dieses schöne Wanderer-Cabrio mit Zulassung Aachen einst aufgenommen?

Ich habe einige bekannte Namen „durchprobiert“, doch ohne Erfolg. Sollte es tief im Westen doch noch einige im Verborgenen auf ihren Einsatz wartende Reservekraftwerke aus alter Zeit geben? Dann her damit – sie wären jetzt gewiss eine willkommene Notlösung…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

5 Gedanken zu „Notlösung mit Charme: Wanderer W10-IV Gläser-Cabrio

  1. Besten Dank, Uli! Ich korrigiere die Zahl noch entsprechend. Es freute mich, dass diese ausgezeichneten Wanderer-Wagen auch im 21 Jh. zu überzeugen wissen!

  2. Hallo Michael, Deine Beiträge sind immer wieder bemerkenswert. Eine kleine Anmerkung zu den Produktionszahlen der „Notlösung“ W 10/IV. Du hast recht, es wurden zwischen 1926 und 1932 mit einer etwas mehr als einjährign Unterbrechung 1929/30, insgesamt ca. 12.500 Wanderer W 10 gebaut. Darin sind 4.500 W 10/IV enthalten. Die Qualität dieser Fahrzeuge war sprichwörtlich, was ich aus eigener Erfahrung heute noch bestätigen kann (bewege heute noch einen W 10/I und einen W 10 /IV) und die Nachfrage zum Ende der Produktion 1932 war so hoch, dass sie im Herbst 1932 ausverkauft waren. Viele Grüße vom Wanderer-AMV e.V. Vorstand Uli Möhlmann

  3. Die Gestaltung des Kühlergrills ist hier wahrlich schön gelungen ! Einerseits typisch für 1930, da senkrechte Streben dominierten, um der Fahrzeugfront ein Gesicht zu geben, wie dies etwa auch der Peugeot 201 zeigt. Zum Ende der 20er Jahre erhielten zwar viele Kühlergrills auch einen unteren verbreiterten Abschluß, in den die Aussparung für die Anlasserkurbel vollständig integriert war, sich aber durch fehlende Verchromung oder deutlich abweichende Formung noch nicht als untere Spiegelung des oberen Abschlusses erwies, wie etwa beim hier kürzlich gezeigten Durant oder auch beim Buick desselben Baujahrs ersichtlich. Am nähesten kommt diesem Eindruck der Škoda 645, denn auch dieser zeigt die Fortsetzung der Chromstreben mittels der Rillen in den oberen und unteren Abschlußblechen. Dies war dann vielfach auch die Endphase des senkrecht aufstehenden Kühlergrills, denn wie z.B. Hanomag 3/18 und 4/23 PS zeigen, wurden die Grillgitter nun abgeschrägt und wiesen fortan einen zunehmenden Abstand vom Kühler auf.
    Beim Blick auf IVB-86015 stelle ich mir nun eine optimierte Vertikalspiegelung der Kühlermaske vor – die geriffelte Chromkappe zur Abdeckung der notwendigerweise größer dimensionierten Anlasserkurbelaufnahme wäre doch auch oben ideal geeignet zur Platzierung des weiß-grünen Emblems ? Aber während die Links-Rechts-Symmetrie selbstverständlich ist, erwarten wir dies oben und unten nicht.

  4. Danke, Du hast recht! Die Mauer wurde in jüngerer Zeit verstärkt, dabei ging leider der markante Turm verloren.

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