Die Perspektive macht’s: DKW PS600 „Sport“

Was man unter Sport versteht, darüber gehen bisweilen die Meinungen auseinander.

Bei knüppelharten Herausforderungen wie der Tour de France, dem Ironman auf Hawaii oder – in früheren Tagen – der Targa Florio auf Sizilien ist man sich zwar einig. Doch neuerdings werden selbst kollektive Computerspiele als „E-Sports“ propagiert.

Wie immer im modernen Sportleben geht es dabei um „staatliche Förderung“, wie das Abgreifen hart erarbeiteter Steuergelder der Mitbürger bezeichnet wird. Auch Käufer von E-Automobilen hierzulande bedienen sich sehr gern dieser Methode…

Wo echter Sport beginnt, das war auch unter Automobilenthusiasten vor rund 90 Jahren keineswegs ausgemacht. Für die einen musste sich ein Sportwagen von der Leistungsentfaltung, Straßenlage und Handling klar von einem Alltagsauto unterscheiden, bei dem Komfort und Wirtschaftlichkeit im Vordergrund standen.

Anderen genügte eine bloß sportliche Anmutung, die bereits durch Verwendung gewisser formaler Elemente entstand, während Motor und Fahrwerk nicht wirklich sportlichen Ansprüchen gerecht wurde.

Was an Leistung und Fahrdynamik fehlte, ließ sich durch Einsatzbereitschaft oder auch eine kühne Perspektive ersetzen. Sehr schön illustriert diesen Ansatz eine Reihe historischer Originalaufnahmen des DKW PS600 „Sport“, die ich Markenkenner Volker Wissemann verdanke.

Für den perfekten Einstieg sorgt dieses Dokument aus seiner Sammlung:

DKW P15 Werkssportwagen; Originalfoto aus Sammlung Volker Wissemann

Wer würde bei diesem tollen Schnappschuss nicht an einen typischen Sportwagen um 1930 denken?

Minimalistische Kotflügel wie beim Motorrad (im Fachjargon „Cyclewings“), keine Windschutzscheibe und kein Trittbrett, außerdem – wie es scheint – ein Bootsheck mit Notverdeck (wenn überhaupt).

Der Hersteller dieses Wagens – DKW – hat hier stilistisch alles richtig gemacht und der Fotograf hat genau die Perspektive gewählt, aus der so ein Wagen ungemein sportlich daherkommt.

Tatsächlich haben wir es hier mit einem echten Sportwagen zu tun, auch wenn es von der Papierform her nicht so scheinen mag. Denn wenn nicht alles täuscht, ist das ein ab 1929 gebauter DKW-Werkssportzweisitzer mit einer auf 20 PS frisierten Version des 600 ccm messenden Zweizylinder-Zweitaktmotor des DKW Typs P15.

Besagter Typ P15 war der 1928 eingeführte PKW-Erstling von DKW, der sich mit 15 PS Leistung begnügte. Von der reduzierten Sportversion wurde eine auf den ersten Blick recht ähnliche Straßenausführung unter der Bezeichnung PS600 „Sport“ angeboten.

Hier ein aus ganz anderer, aber kaum weniger reizvoller Perspektive aufgenommenes Exemplar mit Zulassung in Sachsen:

DKW Typ PS600 Sport; Originalfoto aus Sammlung Volker Wissemann

Vom Werkssportwagen unterschied sich die Straßenversion äußerlich durch voll ausgebildete Kotflügel, Trittbrett und Windschutzscheibe.

Der Motor war gegenüber der Werkssportausführung auf 18 PS leistungsbegrenzt, besaß damit aber gegenüber dem Serientyp P15 immer noch 20 % mehr Leistung. 90 bis 100 km/ Spitze sollen mit dem nur 500 kg wiegenden Wagen erreichbar gewesen sein.

Für einen durchschnittlichen Fahrer war das auf den damaligen, oft nur teilweise befestigten Straßen ein beachtliches Tempo und so beginnt man zu verstehen, dass es eine Frage der Perspektive war, ob so ein Gefährt zurecht in die Kategorie „Sport“ fällt oder nicht.

Während für die Dame mit den kräftigen, zur Bändigung eines Boxers wie geschaffenen Oberarmen der DKW PS600 Sport einst lediglich als Sitzgelegenheit diente, zeigt sich ihre Geschlechtsgenossin auf einem weiteren Foto desselben Typs entschlossen, dem Wagen selbst ein sportliches Erlebnis abzugewinnen:

DKW Typ PS600 Straßenversion; Originalfoto aus Sammlung Volker Wissemann

Passend zur sportlichen Ambition hat man hier ganz auf das Roadsterverdeck verzichtet, wohl wissend, dass in dieser Leistungsklasse jedes überflüssige Kilogramm zählt. Ansonsten ist das Erscheinungsbild identisch.

Die Zweifarblackierung war übrigens serienmäßig – grün/weiß oder rot/weiß. Auf der obigen Aufnahme lässt sich außerdem nachvollziehen, was der Dame auf dem vorherigen Foto als Sitzgelegenheit diente – der Batteriekasten.

Und noch etwas sei festgehalten – das auf „22527“ endende Nummernschild. Ihm begegnen wir auf zwei weiteren Aufnahmen aus der Sammlung von Volker Wissemann. Auf der ersten haben die offenbar aus dem Raum Dresden (Kennung: „II“) stammenden Besitzer den DKW besonders verwegen in Szene gesetzt:

DKW PS600; Originalfoto aus Sammlung Volker Wissemann

Diesen DKW-Eignern war bewusst, dass Sportlichkeit eine Frage der Perspektive ist, und haben sich für einen Aufnahmewinkel entschieden, aus dem der Wagen schon im Stand schnell wirkt.

Mangels Sitzplatz für eine dritte Person wird dieses Foto wohl mit Selbstauslöser entstanden sein. Eine derartige Inszenierung eines solchen „Westentaschen“-Bugatti ist auch eher den stolzen Besitzern selbst als einem Unbeteiligten zuzutrauen.

Die Assoziation zu Bugatti ist bewusst gewählt- natürlich keineswegs mit Blick auf die Leistungsdaten. Doch müssen die Eigner dieses hübschen DKW PS600 etwas in der Richtung im Hinterkopf gehabt haben, als sie einst ihren Liebling aus drei unterschiedlichen Perspektiven in Szene setzten.

Denn auf der letzten Aufnahme könnte man im ersten Moment versucht sein, an einen Bugatti oder andere französische Sportwagen der späten 1920er Jahre zu denken:

DKW PS600 „Sport“; Originalfoto aus Sammlung Volker Wissemann

Hier haben wir den DKW PS600 auf einer wohl einzigartigen Aufnahme, die sein Bootsheck gerade so wirken lässt, als habe man einen echten Rennsportwagen vor sich. Man sieht: alles eine Frage der Perspektive!

Eines noch sei angemerkt: Wenn ich hier dank der Großzügigkeit von Volker Wissemann gleich vier Aufnahmen dieses außergewöhnlichen DKW-Modells zeigen kann, dann grenzt das an Verschwendung.

Bei aller Attraktivität des Typs PS600 wurden von 1929 bis 1933 nämlich nur rund 500 Stück gefertigt – kein Wunder angesichts eines Preises von anfänglich 2.750 Reichsmark. Dieser entsprach dem 1,3-fachen des durchschnittlichen Jahresgehalts eines sozialversicherungspflichtigen Angestellten im Jahr 1929.

Umgerechnet auf das Jahr 2020 (Durchschnittsgehalt eines gesetzlich Versicherten in Westdeutschland: 40.551 EUR) entspräche das einem Preis von weit über 50.000 EUR für einen Zweisitzer mit Notverdeck und den Fahrleistungen eines 125ccm-Motorrads.

Wer würde heute so etwas kaufen? Natürlich nur jemand, der so etwas nicht braucht, aber unbedingt haben muss – einfach weil es schick, rar oder verwegen ist – und dabei einfach ungemein sportlich aussieht

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Siegreiche Drillinge: Horch 10/50 PS im Sporteinsatz

Vor Beginn der grandiosen Achtzylinderära ab 1927 mussten sich Kunden der sächsischen Horch-Werke mit Vierzylinderwagen begnügen.

Die Rede ist vom Typ 10/50 PS, den ich hier bereits in etlichen Originalfotos der Vorkriegszeit vorstellen konnte. Mit einer Stückzahl von gut 2.300 Wagen, die von 1924-26 entstanden, war dieses Modell absolut gesehen ein exklusives Vergnügen.

Dennoch war es das bis dahin meistverkaufte Horch-Automobil seit dem im Jahr 1900 vorgestellten Erstling der Marke.

Am gängigsten war der Aufbau als Tourenwagen – hier eine Aufnahme aus der Sammlung von Leser Matthias Schmidt: 

Horch_10-50_PS_Matthias_Schmidt_1_Galerie

Horch 10/50 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt

Heutige Originalitäts-Blockwarte würden Anstoß an der Kühlerfigur nehmen – denn der geflügelte Pfeil wurde erst ab 1928 bei den Achtyzlindermodellen montiert:

„Mit solchem Zubehör entwertet man den Wagen“, heißt es dann quasi von Amts wegen.

Doch in den späten 1920er Jahren – als diese Autos im Alltag genutzt wurden –  wollte jemand offensichtlich seinen alten Horch mit dem neuen Markenzeichenaufwerten„.

Ein historisches Foto wie dieses belegt daher die Abwegigkeit eines Originalitätsbegriffs, der sich zwanghaft ausschließlich am Neuzustand orientiert.

Noch interessanter wird es, lässt man sich auf die Vielfalt an Aufbauten ein, mit denen Horch seinen Typ 10/50 PS auslieferte. Oft wurden die Karosserien von externen Firmen gefertigt, weshalb kaum ein Wagen wie der andere aussah.

Einen ersten Hinweis darauf, was unter der Bezeichnung Horch 10/50 PS einst aus Zwickau in alle Welt geliefert wurde, mag diese Aufnahme geben:

Horch_10-50_PS_Drahtspeichenräder_Galerie

Horch 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mit den filigranen (und leichten) Drahtspeichenrädern, der eleganten Zweifarblackierung und der relativ niedrigen Frontscheibe hebt sich dieser Horch 10/50 PS erkennbar von den recht behäbigen Modellen ab, die ich bisher zeigen konnte.

Der genaue Anlass des Fotos ist mir ebensowenig bekannt wie der Aufnahmeort, doch offenbar gab es hier etwas zu feiern. Ob es die schiere Freude am Automobil war oder die erfolgreiche Teilnahme an einer Sportveranstaltung, muss offen bleiben.

Wer das Stichwort „Sportveranstaltung“ im Zusammenhang mit dem Horch 10/50 PS abwegig findet, übersieht zwei Dinge:

Zum einen war der Vierzylindermotor des Wagens dank obenliegender Nockenwelle (über Königswelle angetrieben) durchaus für höhere Drehzahlen ausgelegt.

Zum anderen ging es bei Sportveranstaltungen in der Zwischenkriegszeit nicht nur um Höchstleistungen und Spitzengeschwindigkeiten.

Häufig war die Zuverlässigkeit, also das Durchhaltevermögen der Technik und der Fahrer, von größerer Bedeutung. Dies scheint auch für die Veranstaltung gegolten zu haben, bei der 1925 gleich drei Horch des Typs 10/50 PS siegreich waren:

Horch_10-50_PS_24h_Zuverlässigkeitsfahrt_Taunus_1925_Siegerteam_Galerie

Horch 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ausweislich der Rückseite des Abzugs ist hier das Siegerteam der 24-Stunden-Zuverlässigkeitsfahrt im Taunus 1925 zu sehen.

Die Einordnung dieser Sportveranstaltung und des Abschneidens der drei Horch-Wagen des Typs 10/50 PS überlasse ich gern sachkundigeren Leser meines Blogs.

Auf diesem Feld gibt es zum Glück versierte Zeitgenossen, die ihr Wissen gern teilen, was in der deutschen Vorkriegsszene nicht selbstverständlich ist.

Stattdessen befasse ich mich mit den drei Horchs, die auf den ersten Blick wie Drillinge wirken. Fraglos handelt es sich um Wagen des Typs 10/50 PS.

Lässt sich man jedoch auf die einzelnen Autos ein, stellt man fest, dass in Wahrheit keines dem anderen gleicht. Beginnen wir mit Wagen Nr. 1 ganz links:

Horch_10-50_PS_24h_Zuverlässigkeitsfahrt_Taunus_1925_Siegerteam_Wagen1

Abgesehen von den Drahtspeichenrädern mit Zentralverschluss wirkt dieser Horch wie ein normaler Tourenwagen des Typs 10/50 PS. Gut zu erkennen sind hier übrigens die serienmäßigen Reibungsstoßdämpfer an der Vorderachse.

Die Startnummer des Wagens könnte „14“ (oder „44“) gelautet haben, wenn der Eindruck nicht täuscht. Ganz links neben dem Reserverad ist auf dem Lattenzaun übrigens das Markenemblem der Frankfurter Adlerwerke  zu erkennen.

Kommen wir als nächstes zum Wagen in der Mitte mit vergnügter Fahrerin:

Horch_10-50_PS_24h_Zuverlässigkeitsfahrt_Taunus_1925_Siegerteam_Wagen2

Bei diesem Horch mit der Startnummer „43“ sind zwar ebenfalls Drahtspeichenräder mit Zentralverschlussmutter zu erkennen, doch die Vorderschutzbleche sprechen formal eine ganz andere Sprache als beim Wagen links daneben.

Man fühlt sich bei dieser Ausführung zurückversetzt in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg, als man freistehende Kotflügel mittels seitlichen Blechen an den Wagenkörper anzuschließen begann, wobei es sich um zwei getrennte Bauteile handelte.

Interessanterweise erlebte diese archaische Bauform Mitte der 1920er Jahre nochmals eine Renaissance – vermutlich weil die damals vorherrschenden stocknüchternen Linien sonst kaum ein eigenständiges Profil ermöglichten.

Nicht unerwähnt bleiben sollen die Rippen auf der Außenseite der eindrucksvoll dimensionierten Trommelbremsen – sie vergrößerten die Oberfläche und verbesserten die Kühlung der speziell hangabwärts strapazierten Vorderradbremsen.

Kommen wir zu guter letzt zum dritten Wagen des Typ Horch 10/50 PS:

Horch_10-50_PS_24h_Zuverlässigkeitsfahrt_Taunus_1925_Siegerteam_Wagen3

Dieses Auto mit der Startnummer „45“ ähnelt auf den ersten Blick dem Horch links außen. Doch der Vergleich fördert mehrere Unterschiede zutage:

  • Ersatzräder fehlen gänzlich – hier verließ sich jemand zugunsten niedrigeren Gewichts ganz auf das Durchhaltevermögen der Pneus;
  • Die Reifen sind auf konventionellen Stahlspeichenrädern aufgezogen, wie sie auch die serienmäßigen Tourenwagen besaßen;
  • Die Karosserie fällt nach hinten ab, demnach handelt es sich um keinen Tourenwagenaufbau;
  • Die Trittbretter sind deutlich höher angesetzt – optisch wirkt dadurch die Bodenfreiheit größer, gleichzeitig spart dieses Bauweise Gewicht ein;
  • Die Frontscheibe ist heruntergeklappt und scheint auch etwas niedriger zu sein.

Das sind eine ganze Menge Abweichungen, die es rechtfertigen, hier von ungleichen Drillingen zu sprechen. Leider geht die Literatur – in erster Linie: Kirchberg/Pönisch: Horch: Typen, Technik, Modelle – bei aller Brillanz auf solche Feinheiten nicht ein.

Aber für irgendetwas muss dieser Blog ja auch gut sein…

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