Jetzt auch als Tourer! Mannesmann Typ WII 5/20 PS

Hand auf’s Herz – wer hat schon einmal einen PKW aus dem Hauses Mannesmann in natura zu Gesicht bekommen?

Ich jedenfalls noch nicht. Sicher, man kennt die gleichnamigen Lastkraftwagen, aber die Zahl der Personenautos, die im Remscheider Werk entstanden, scheint sich in engen Grenzen gehalten zu haben – oder vielleicht doch nicht?

Die in der Literatur wiedergegebene Zahlen (etwas über 2.000 Exemplare) sind reine Schätzungen – für mich zählt letzlich die Evidenz in Form erhaltener zeitgenössischer Fotos.

Dabei musste ich zu meiner Überraschung feststellen, dass es so viele Aufnahmen von Mannesmann-PKW gibt, dass diese bereits eine eigene Bildergalerie in meinem Blog rechtfertigen – für einen als Exoten geltenden Hersteller ungewöhnlich.

Darin sind nur die Fotos enthalten, die mir vorliegen, ohne dass ich danach gesucht habe.

Bislang sind nur Bilder von sportlich anmutenden Mannesmann-Zweisitzern begegnet. Heute kann ich erstmals auch mit Tourenwagen der Marke aufwarten. Das erste Foto mag noch noch nicht ganz überzeugen, aber warten Sie ab:

Mannesmann Typ WII 5/20 PS Tourer; Originalfoto aus Sammlung Jason Palmer (Australien)

Dieses Foto verdanke ich einem Sammlerkameraden aus Australien, der mir schon viele interessante Aufnahmen deutscher Vorkriegswagen aus seinem Fundus zugespielt hat. Sein Name ist Jason Palmer und er besitzt selbst einige europäische Klassiker.

Ich stelle immer wieder fest, dass man eher aus dem Ausland solche Dokumente deutscher PKW-Geschichte erhält aus dem Westen unserer Republik. In Ostdeutschland sieht es freilich ganz anders aus, dort gibt es noch eine große und aktive Vorkriegsszene.

Wir werden auch heute wieder sehen, dass im Osten der Republik die Leidenschaft für die frühen Automobile deutscher Hersteller (auch exotischer) nach wie vor quicklebendig ist.

Doch erst einmal zurück zum Foto, das Jason Palmer entdeckt und mir mit der Bitte zugesandt hat, den Hersteller und Typ zu identifizieren. Man glaubt kaum, dass dies möglich ist, sieht dieser Tourenwagen doch auf den ersten Blick aus wie dutzende andere, die in den 1920er Jahren hierzulande gebaut wurden.

IPrägen Sie sich die Drahspeichenräder (vorne ohne Bremstrommel), den angedeuteten Spitzkühler und das Trittschutzblech auf dem leicht schrägen Schweller (der Partie zwischen Trittbrett und Karosserie) ein, außerdem den weit nach oben reichenden Belag auf der Vorderseite des hinteren Kotflügels.

So, und jetzt wechseln wir die Perspektive und betrachten ein Originalfoto, das ich meinem Sammlerkollegen Matthias Schmidt aus Dresden verdanke:

Mannesmann Typ WII 5/20 PS Tourer; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Wenn Sie die genannten Punkte abarbeiten, werden Sie feststellen, dass dieser Tourer in allen Punkten mit demjenigen übereinstimmt, der auf dem Foto von Jason Palmer zu sehen ist.

Der Unterschied ist bloß der, dass man nun das charakteristische Kühleremblem sieht, welches diesen Wagen als Mannesmann ausweist.

Da auch hier vorne noch keine Bremstrommeln zu sehen sind, dürfen wir davon ausgehen, dass diese 1929 entstandende Aufnahme ebenfalls den Typ WII 5/20 PS zeigt, welcher angeblich von 1923-27 gebaut wurde.

So ganz traue ich den Angaben in der Literatur ja nicht, was das Fehlen von Vorderradbremsen über das Baujahr 1925 hinausgeht.

Wie auch immer – wir sehen hier, wie leicht sich durch Zusammenarbeit von nur drei Sammlern das Bild der Mannesmann-PKW-Produktion vervollständigen lässt.

Was wäre möglich, wenn die hunderten von Sammlern, die ängstlich ihre Bestände an alten Papierabzügen von Fotos deutscher Vorkriegsautos hüten, in dieser Weise zusammenarbeiten würden, bevor die Erbengeneration ihre „Schätze“ einfach dem Altpapier anvertraut?

Genau das ist meine Motivation: die brachliegenden und gefährdeten Dokumente deutscher Vorkriegsmobilität zusammenzuführen, sie sinnvoll zu strukturieren und sie für weitere Analysen und Publikationen zugänglich zu machen.

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

4 Gedanken zu „Jetzt auch als Tourer! Mannesmann Typ WII 5/20 PS

  1. Danke – auch für den Hinweis auf den Hammerschlag-Kühler. Dies war ein Wagen, an dem nicht gespart wurde und das begrenzte in dieser Klasse wohl das Absatzpotential.

  2. Hallo Michael,

    ich meine, dass nicht ein Mannesmann PKW überlebt hat, ich kenne nur ein Fahrgestell, was wieder ergänzt und aufgebaut werden soll. In Natura steht daher die Begegnung mit einem Mannesmann PKW wohl noch allseitig aus. Besonders gefällt mir das Bild von Matthias Schmidt, denn es zeigt, dass Mannesmann sich dort sogar einen besonders aufwendig gefertigten Kühler geleistet hat, der aus mit Hammerschlägen verzierten Blech besteht. In Zusammenhang mit der Form, wo auch das knochenförmige Emblem herausgearbeitet wurde, ein ganz spezieller unverwechselbarer Kühler vom Design und von der Materialbearbeitung her.
    Mit den besten Grüßen
    Claus H. Wulff

  3. Besten Dank für die Ergänzung!

  4. Der Mannesmann WII mit dem Hund im Fond bietet noch ein interessantes Detail – den am Windschutzscheibenrahmen montierten Drehpfeil-Fahrtrichtungsanzeiger im uhrenförmigen Gehäuse. Während hier der drehende Richtungspfeil auf weißem Anzeigeblatt montiert ist, zeigt das Auktionslot Nr.70020 die beiden Versionen mit verschraubter weißer bzw. vernieteter oranger Scheibe, bei denen jeweils das Zeiss-Ikon-Signet in die schwarze Drehblende mit der Richtungspfeilaussparung eingeprägt ist :

    https://www.wormser-auktionshaus.de/129-spielzeugauktion-70000.html

    Zur Funktionsweise und Aufbau :

    https://www.vfv-automobil-forum.de/t3904f114-CONTAX-Fahrtrichtungsanzeiger.html

    Dieser Fahrtrichtungsanzeiger namens Contax entstand in Stuttgart bei der Contessa-Nettel AG, und wurde nach der Fusion von 1926 von der Zeiss-Ikon AG weiterproduziert, bis diese den unter DRP 558 453 patentierten gehäuselos ausschwenkenden elektromagnetischen Winker entwickelte, der dann paarig auf beiden Fahrzeugseiten montiert war.

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