Für’ne Bratwurst nach Nürnberg: Ein FN um 1912

Böse Zungen behaupten, dass man in Deutschland mit einer kostenlosen Bratwurst viele Leute zu allem Möglichen bringen kann. Dem Hörensagen nach soll man damit Menschen sogar dazu motiviert haben, sich unerprobte Impfstoffe fragwürdiger Wirkung verabreichen zu lassen.

Dass erscheint mir allerdings so unglaublich, dass ich es mir nicht vorstellen will. Schon für eher wahrscheinlich halte ich es dagegen, dass einst ein Auto aus Belgien für eine Bratwurst nach Nürnberg kam. Ich kann sogar ein Foto als Beleg dafür vorweisen.

Dabei dürfte allerdings weniger der im Ausland legendäre Ruf deutscher „Spezialitäten“ der Auslöser gewesen sein. Auch war es gewiss kein Belgier, der für eine Nürnberger Bratwurst den weiten Weg auf sich genommen hat.

Das wäre sogar schon zu einer Zeit abwegig gewesen, als Belgien noch nicht im Zuge zweier deutscher Feldzüge gegen Frankreich gründlich verheert worden war. Wir reisen nämlich heute in die Zeit direkt vor dem 1. Weltkrieg zurück.

Damals scheint das Verhältnis noch unbelastet gewesen zu sein, jedenfalls was den Austausch automobiler Expertise angeht. Die belgische Autoindustrie war ähnlich weit entwickelt und vielschichtig wie die in Frankreich.

Deutsche Konstrukteure arbeiteten damals für belgische Firmen und diese wiederum befruchteten Hersteller hierzulande mit Ideen und Lizenzen. Zu den Autobauern aus Belgien, die in Deutschland eine gewisse Marktposition erlangten, gehörte neben Metallurgique und Minerva die Firma FN aus Herstal – eigentlich ein Waffenhersteller.

Selbst nach dem 1. Weltkrieg fanden FN-Wagen noch Käufer in deutschen Landen (etwa dieser und dieser). Das früheste Beispiel in meiner Fotosammlung ist indessen dieses:

FN-Tourenwagen (vermutlich Typ 1600) von ca. 1912/13

Dass es sich bei diesem Tourer um einen FN handelt, das verrät die Kühlergestaltung mit fünf horizontalen Streben, rundem Markenemblem und großem kronenförmigen Kühlerverschluss (hier nur schemenhaft zu erkennen).

Den Dimensionen nach dürfte es sich um eines der ab 1908 gebauten leichten Modelle gehandelt haben, die für damalige Verhältnisse sehr kompakte Vierzylindermotoren besaßen.

Von 1,4 Liter wuchs der Hubraum bis 1913 auf 1,6 Liter. Die Konstruktion änderte sich in diesem Zeitraum kaum, es blieb bei einem Aufbau aus zwei Blöcken zu je zwei Zylindern.

Allerdings spendierte man der letzten vor dem 1. Weltkrieg entstandenen Ausbaustufe ein Vierganggetriebe und der zuvor hinter der Motorraum befindliche Tank wanderte ins Heck.

Mit so einem Modell 1600 von 1912/13 haben wir es hier aus meiner Sicht zu tun, wobei ich den direkten Vorgängertyp 1560 von 1911 nicht ganz ausschließen würde.

Solche leichten FN-Wagen wurden gern als sportlich aussehende Zweisitzer gekauft, aber Tourer waren ebenfalls erhältlich. Eine Höchstgeschwindigkeit von über 70 km/h wird ihnen ebenso zugeschrieben wie ein relativ elastischer Motor und gut wirkende Bremsen (Quelle).

FN-Automobile wurden international exportiert, noch heute finden sich Exemplare in Großbritannien oder Neuseeland beispielsweise. Es gab sie aber auch in Deutschland, wenngleich hier keiner überlebt zu haben scheint.

So müssen wir uns mit dieser Ansichtskarte aus Nürnberg begnügen, die es mitsamt abgelichtetem FN-Tourer bis in die Gegenwart geschafft hat:

Ansichtskarte aus Nürnberg von ca. 1913; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Tatsächlich hatte der FN hier an einer traditionsreichen Bratwurstgaststätte haltgemacht – welche den kuriosen Namen „Bratwurstglöcklein“ trug.

Die Örtlichkeit lässt sich bis ins Spätmittelalter zurückverfolgen. Angelehnt war das Häuschen mit der Braterei an die gotische Moritzkapelle. So sah das vielerorts aus, bevor man im 19. Jahrhundert die Kirchenbauten von solchen Anhängseln befreite.

Das Bratwurstglöcklein indessen verschonte man, es galt als erhaltenswertes Traditionslokal. Keine solchen Rücksichten nahmen freilich die Alliierten, die in zahlreichen Bombenangriffen bis 1945 die einzigartig erhaltene Altstadt Nürnbergs vernichteten.

Die durch Sprengbomben zerstörte Moritzkapelle gehörte nicht zu den Bauten, die man nach Kriegsende wiedererrichtete (oft in vereinfachter Form, aber besser als alles, was man andernorts in den 1950/60er Jahren verbrach – Ausnahme: München).

Nun könnte man meinen, dass das Zerstörungswerk in Nürnberg bloß dem entsprach, was beispielsweise in Belgien von deutschen Truppen angerichtet worden war (siehe mein Blog-Eintrag hier). Gewiss, aber das rechtfertigt doch den Massenmord an wehrlosen Zivilisten und die Zerstörung kulturellen Erbes an anderer Stelle nicht, oder?

Verbrechen bleibt Verbrechen – auf allen Seiten. Das nüchtern festzustellen, ist ein Gebot der Redlichkeit – gerade mit dem nötigen historischen Abstand – wenn man in Europa gemeinsam und unbelastet prosperieren möchte, wie das vor dem 1. Weltkrieg immerhin ein paar Jahrzehnte der Fall war.

Daran mahnt dieses so friedlich und beschaulich anmutende Foto eines FN an einem Ort, wie einmal so typisch deutsch war, wie man sich das nur vorstellen kann.

Der Besitzer des Wagens stammte übrigens dem Nummernschild nach zu urteilen selbst aus Nürnberg. Das dürfte erklären, weshalb er ausgerechnet hier seinen FN abgestellt hatte. Vermutlich saß er zum Aufnahmezeitpunkt draußen am Tisch – für’ne Bratwurst…

Nachtrag: Andrew Brand aus Melbourne (Australien) – selbst ein FN-Sammler – schrieb mir, dass es sich um einen FN des Typs 2100 handelt. Die Wagen der Serien 1400, 1500, 1560 und 1600 hatten alle 10-Speichen-Hinterräder. Der in Nürnberg abgelichtete FN hat jedoch 12-Speichen-Hinterräder und man sieht durch die Speichen reichende Bolzen zur Befestigung der Bremstrommel. Nur der Typ 2100 wies dieses Detail auf.

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7 Gedanken zu „Für’ne Bratwurst nach Nürnberg: Ein FN um 1912

  1. Gerne habe ich nun auch mal wieder über das Vierrädrige hinaus kommentiert, denn mit Ihrem Satz „Verbrechen bleibt Verbrechen – auf allen Seiten“ haben Sie etwas angesprochen, was mehr und mehr unterzugehen droht – nämlich die historische Wahrheit im Rahmen der Tagespolitik. Konkret sollte man da gleich eins fordern : EU-Beitritt nur, wenn die monumentale Verherrlichung eines terroristischen Doppelmörders umgehend beseitigt wird – ohne wenn und aber.
    Daß sich zum F.N. (dessen Hersteller so wie Adler vom Auto zum Motorrad kam) so wie zum Meißener Horch anhand des Kennzeichens auch heute noch der Besitzer zuordnen läßt, finde ich besonders interessant ! Noch besser wäre es natürlich, wenn auch technische Fahrzeugdaten miterfaßt wären.

  2. Danke für die wie immer abwechslungsreiche und kenntnisreiche Kommentierung!

  3. Das ist ja ein großartiger Zufall, danke für den Hinweis!

  4. Wieder etwas gelernt, danke!

  5. Hallo Herr Schlenger,
    der FN war auf den Fabrik-Direktor Justus Kaiser in (IIN-1085) Nürnberg zugelassen. Kaiser war Chefkonstrukteur und Direktor bei Braun Nbg. nach ihm wurde dort der Kaiser-Wagen benannt. Am 07.10.1905 hat er ein Patent (Nr. K.30469) angemeldet: Vorrichtung zur Verhinderung des Radgleitens bei Kraftfahrzeugen mittels die Treibräder umziehender Bänder.
    Beste Grüße
    Hans Dieckmann

  6. Einspruch ! Nürnberger Bratwürste sind klein, sehr klein. Deshalb gibts „3 im Weckla“ oder 6 Stück auf dem Teller – niemals aber eine „einzelne“ Bratwurst. Aber der FN ist sehr schön und selten.

  7. Belgien ist hier in doppelter Hinsicht ein gutes Stichwort, denn wenn man wie 1914 einem Krieg aufgrund eines bereits veralteten und strategisch überholten Plans durch Einmarsch in ein neutrales Land beitritt … Begonnen jedoch wurde dieser infolge eines terroristischen Attentats in Sarajevo, bei dem als Kollateralschaden erst mal eine Erzherzogin slawischer Abstammung starb. Gleichwohl ist nun für diesen Doppelmörder ein Denkmal errichtet worden – wie auch die Verehrung für einen Yankee-General namens Sheridan fortbesteht, obwohl dieser sich durch „totalen Krieg“ incl. „verbrannter Erde“ sowie ein paar Jahre später durch den Genozid an den Indianern „auszeichnete“, während nun das Gedenken an seinen nachweislich persönlich untadeligen Kontrahenten General Robert E. Lee vom Sockel gestoßen wird.
    Der Schlieffenplan hatte nun nichts mit Leopoldville zu tun, wie auch 1898 ein Konflikt um Kuba mit einem Angriff auf die 4000 Seemeilen entfernten Philippinen begann.
    Anhand von 5 Querstreben nun F.N. als Hersteller zu ermitteln, wäre mir aber nicht gelungen. Mein erster Vorschlag wäre prompt über den „großen Teich“ nach New Jersey gegangen, denn Mercer und dann Mercedes wären meine ersten Einfälle gewesen, jedoch hätte der geradezu aerodynamisch geformte Windlauf mich deutlich eingebremst und dann ratlos zurückgelassen. Auf den Hersteller aus Herstal wäre ich nicht gekommen …

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