Bote aus einer fernen Galaxis: Ford „Prefect“

Als Kind und Jugendlicher war ich eine Leseratte: Ich habe fast alles verschlungen – erst das, was der elterliche Bücherschrank hergab, dann die Abenteuer- und Reiseliteratur meines Paderborner Großonkels mit Faible für Italien.

Nachdem ich Gustavs Schwabs „Sagen des Klassischen Altertums“ verinnerlicht hatte – der siebenjährige Aufenthalt des Odysseus bei der Nymphe Calypso übte auf den Jüngling besondere Faszination aus – landete ich irgendwann bei Science Fiction-Werken.

Mein bevorzugter Autor in diesem Genre war der geniale Stanislaw Lem, was der Qualität der von mir frequentierten Stadtbücherei zu verdanken war – gibt es so etwas eigentlich noch?

Verborgen blieb mir zunächst „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams – mehr eine Satire über irdische Absurditäten als eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten ferner Welten.

Warum erzähle ich das? Nun, als ich auf das genannte Werk stieß und es auszugsweise las, dachte ich mir nicht viel dabei, dass der außerirdische Held darin „Ford Prefect“ hieß.

Heute kehrt Ford Prefect aus seiner fernen Galaxis zurück und wird in diesem Blog eine zwar prominente, doch letztlich fragwürdige Rolle spielen. Mein Verhältnis zu ihm ist nämlich ein distanziertes, das in Lichtjahren zu bemessen ist.

So ist meine Assoziation mit Ford Prefect eher „unterirdisch“ statt „außerirdisch“.

Um das nachvollziehbar zu machen, will ich mit einem Dokument beginnen, das in einer Zeit entstand, welche für die meisten von uns so weit entfernt ist wie die benachbarte Andromeda-Galaxis, deren Licht uns mit 2,5 Mio. Jahren Verspätung erreicht.

Zwar sind nur rund 75 Jahre vergangen, seitdem die folgende Aufnahme entstand, aber für jüngere Menschen ist schon die frühe Nachkriegszeit unvorstellbar weit weg:

Ford „Eifel“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man könnte hier glatt eine moderne Version von Perseus und Andromeda sehen, nachdem die Schrecken des Kriegs gebannt sind und es einer besseren Welt entgegengeht. Statt der geflügelten Sandalen verfügt dieser hünenhafte Perseus über einen Ford „Eifel“ und Andromeda scheint mit der Situation sehr zufrieden zu sein.

Dazu hatte sie auch allen Grund, denn wie das Nummernschild verrät, entstand das Foto ab 1948 im von amerikanischen Truppen besetzten Bayern (daher die Kennung AB). Die beiden gehörten zu den wenigen Glücklichen hierzulande, die damals überhaupt ein Kraftfahrzeug besaßen.

Im vorliegenden Fall handelt es sich auch noch um einen formal besonders charakterstarken Wagen – einen Ford „Eifel“ in der ab 1937 gebauten Ausführung.

Der Wagen verfügte zwar nur über einen 1,2 Liter-Vierzylinder veralteter Bauart sowie ein primitives Starrachs-Fahrwerk, wirkte aber aufgrund des vom legendären Ford V8 entlehnten Kühlers enorm schnittig.

Die Optik war ein Werk der Kölner Ford-Niederlassung und machte den „Eifel“ zu einem der äußerlich gelungensten Wagen seiner Klasse in Deutschland kurz vor Kriegsbeginn.

Beinahe zeitgleich entstand im britischen Ford-Werk in derselben Klasse ein vom „Eifel“ unabhängiges Modell – das war der „Ford Prefect“, der ebenfalls über einen 1,2 Liter-Motor verfügte und technisch auch sonst kein Ruhmesblatt darstellte. Er war vor allem billig.

Auch wenn beide Wagen im Ford-Verbund entwickelt wurden, liegen gestalterisch Welten, um nicht zu sagen: Galaxien, dazwischen. Denn der großspurig mit der Bezeichnung eines hohen Magistraten benamte „Prefect“ kam reichlich ungeschlacht daher:

Ford „Prefect“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme besitze ich schon eine ganze Weile, aber ich hielt den abgebildeten Wagen zunächst für eine verunglückte Nachkriegsimprovisation.

Wie nachträglich davorgesetzt und wuchtig wirkt die für den kompakten Motor viel zu weit nach vorne auskragenden Kühlerpartie. Zu dem ästhetisch unterirdischen Eindruck tragen freilich auch einige Veränderungen bei, die dem Aufnahmezeitpunkt geschuldet sind.

So ist auch dieser Ford frühestens 1948 fotografiert worden, allerdings in einer – politisch gesehen – anderen Galaxis, nämlich der von der Sowjetunion besetzten Region Leipzig (siehe Kürzel „SL“).

Dort musst man wie im Westen nehmen, was noch an fahrbaren Autos verfügbar war. In diesem Fall hatte man dem Ford Stoßstangen eines DKW (vermutlich) spendiert, die Radkappen waren verlorengegangen und das Trittbrett erscheint „angeflickt“.

Auch im unverfälschten Original war der „Prefect“ ein Wagen, den man sich beim besten Willen nicht schönsehen konnte.

Er wurde übrigens nach dem Krieg noch eine Weile im vom Krieg ausgelaugten und von planwirtschaftlichen Experimenten niedergehaltenen England kaum verändert weitergebaut. Auch die modernisierte Fassung des „Prefect“ (ab 1953) war Tristesse pur.

Zurück zum „Prefect“ in der Ostzone. Wie ist dieser Wagen dort eigentlich hingekommen, fragt man sich? Meines Wissens wurde er in Deutschland offiziell nie verkauft.

Denkbar sind zwei Möglichkeiten: Entweder jemand hatte den Wagen vor Kriegsbeginn aus einem Nachbarland mitgebracht, in dem der „Prefect“ vertrieben wurde, eventuell aus Skandinavien.

Oder wir haben es mit einem im Verlauf des deutschen Westfeldzugs ab 1940 erbeuteten Fahrzeug zu tun, das vom britischen Militär genutzt und zurückgelassen wurde. Dann könnte das Auto den Krieg über an der „Heimatfront“ gedient haben, bis es nach der Kapitulation einen neuen Besitzer und eine neue Identität erhielt, wie das üblich war.

So oder so muss dieser Ford „Prefect“ im Raum Leipzig in der frühen Nachkriegszeit wie aus einer fernen Galaxie gewirkt haben. Ob die freundlich lächelnde Dame daneben ebenfalls von einem anderen Stern kam und sich bloß eine irdische Identität zugelegt hatte wie einst „Ford Prefect“ aus „Per Anhalter durch die Galaxis“, sei dahingestellt…

Solche Geschichten finde ich heute ebenso spannend wie einst die Sagen des Klassischen Altertums oder die Bilder, welche Science-Fiction-Literatur im Kopf entstehen ließ. Wie die Antike und das Universum stellt sich die Vorkriegsautowelt mir unendlich faszinierend dar…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

5 Gedanken zu „Bote aus einer fernen Galaxis: Ford „Prefect“

  1. Nicht herausfinden konnte, ich ob die Verchromung der Kühlerstreben bereits vor dem Krieg evtl. als Extra verfügbar war.

  2. Der KIM 10-50 hatte Ford-Technik unterm Blech, das Leipziger Exemplar stammt aber aus der Prefect-10-Baureihe, wie hier von der Vorderansicht her :

    https://www.fordprefecttourer.co.uk

    Eine individuelle Nachkriegsimprovisation könnte hier die Verchromung des Kühlergrills unter Weglassung des schreibschriftigen Modellnamens sein. Einen serienmäßig verchromten Grill hatten die statt Schwarz auch in Rot unterlegten, 1945-1948 produzierten Schildemblem-Versionen, deren Vorgänger aber die Prefect-Ten-Baureihe mit der eingekreisten 10 war. Obwohl in Köln-Niehl trotz „Deutschem Erzeugnis“ der Blick auch nach Dearborn ging, war Dagenham trotz konstruktiver „Splendid Isolation“ führend für Lizenzvergaben auch außerhalb des Commonwealth.

  3. Die Russen bauten den Prefect mit britischer Hilfe als KIM 10-50 nach.
    http://denisovets.ru/azlk/azlkprototips/KIM1050_1940year_2.jpg

    Bis Mai 1940 noch mit frei stehenden Scheinwerfern. Am Fahrzeug wurden zahlreiche Modifikationen vorgenommen. Geteilte Frontscheibe, geändertes Fahrwerk, etc.
    Spätere Fahrzeuge hatten dann die Schweinwerfer nach Art des Opel Kadett gestaltet.

    http://denisovets.ru/azlk/azlkprototips/KIM1050_1941year_1.jpg

    Im Oktober 1941 endete die Produktion, da ’nicht kriegswichtig‘.

    Dies nur als Ergänzung verstehen, es wird kaum ein russisches Fahrzeug auf diesem langen Weg bis Deutschland gekommen sein. Ich neige auch eher dazu, der Theorie des Autors zu folgen.

    Mit Grüßen.
    M. Grunwald

  4. Leider spiegeln sich die Äste in der Frontscheibe, sodaß die Position des Lenkrads nicht ermittelbar ist.
    Aufgrund des Zwischengas-Berichts fiel mir auch die lettische Fertigung des Junior bei Ford-Vairogs wieder ein, jedoch entspricht dieser mit seinen 3 Nieren dem Typ 7W/Anglia.
    Hier geht es aber um den Bautyp E93A ohne den (wie beim Eifel schräg platzierten) Prefect-Schriftzug, aber mit der eingekreisten 10 für Ten in der Chromapplikation zwischen Luftschlitzen und Kühlergrill und der (roten ?) Ford-Pflaume auf der waagrecht umrundenden Chromstrebe.
    Später befand sich dort der PREFECT-Schriftzug
    anstelle der Pflaume und darunter ein Schwert im schwarzen Schild, während die 10 entfiel und der Markenname FORD dorthin versetzt wurde.

    https://www.fomcc.de/vairogs.htm

    Sofern hiernach auch der Ford 10 Prefect in Riga entstand, wäre dies die plausibelste Lösung – jedoch zeigen Bildnachweise dazu das „Schild & Schwert“-Emblem anstelle der Pflaume samt umkreister 10.
    Bevor ich nun noch Matford und Gräfford in den Orbit bringe, ziehe ich Schweden oder Dänemark in Betracht, um dann auf irdischer Hemisphäre nach Leipzig zu gelangen, wobei ich nun recherchieren werde, ob fertigmontierte Exemplare aus Heimdalsgade nach Malmö verschifft wurden oder australische CKD-Kisten zur Endmontage nach Schweden gelangten, denn 30 Jahre vor dem 500 Galaxie konnte der Prefect doch noch nicht aus dem intergalaktische Beteigeuze heruntergebeamt werden …?

    https://www.car.info/en-se/ford-vairogs

    https://www.car.info/en-se/ford/prefect/prefect-e93a-458198

    https://www.fomcc.de/daenemark.htm

    https://www.fomcc.de/schweden.htm

    https://www.oldclassiccar.co.uk/e93a.htm

    https://www.oldclassiccar.co.uk/ford_7y_eight.htm

    https://www.zwischengas.com/de/FT/fahrzeugberichte/Ford-Prefect-E493A-Brot-und-Butter-auf-britische-amerikanische-Art.html

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