Als Cabrio einfach grandios: Mercedes Benz „Nürburg“

Heute ist eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen mein Blog auch den Freunden von Mercedes-Benz etwas zu bieten vermag – so hoffe ich zumindest.

Ich bin der Ansicht, dass diese Marke so hervorragend in der Literatur und im Netz dokumentiert sein muss, dass ich es mir sparen kann, mehr als ab und zu ein Bild davon zu bringen.

Aber ist das eigentlich wirklich der Fall? Ist alles längst bekannt und erschöpfend besprochen, was unter der 1926 aus dem Zusammenschluss von Daimler und Benz entstandenen Marke bis Kriegsausbruch entstand?

Das werden wir vielleicht heute erfahren.

Beginnen will ich mit zwei Abbildungen, die den ab 1928 gebauten Mercedes-Benz 18/80 PS „Nürburg“ in recht konventioneller Form zeigen, nämlich als großzügige Limousine. Den Anfang macht dieses Foto aus meiner Sammlung:

Mercedes-Benz 18/80 PS „Nürburg“ ab 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vom äußerlich fast identischen Typ 14/70 PS „Mannheim“ (kein Witz, der hieß wirklich so) unterschied sich der „Nürburg“ vor allem durch die längere Motorhaube.

Schließlich musste der 4,6 Liter große Achtzylinder irgendwo untergebracht werden – beim „Mannheim“ war dagegen ein kürzerer Sechszylindermotor mit 3,5 Litern verbaut.

Es gab aber noch eine Besonderheit, welche den „Nürburg“ speziell macht und dem Novizen die Identifikation erschwert. Denn im Erscheinungsjahr 1928 sah das Modell noch massiger aus als das eingangs gezeigte Exemplar.

Achten Sie einmal auf die Höhe der Schwellerpartie zwischen Türunterkante und Trittbrett, auch auf die Bodenfreiheit. So niedrig wie auf obigem Foto war der Rahmen erst ab 1929.

Zum Vergleich jetzt ein „Nürburg“ in der Ursprungsausführung von 1928:

Mercedes-Benz 18/80 PS „Nürburg“ von 1928; Originalfoto aus Familienbesitz (Christoph Strecker)

Zugegeben: Aus dieser Perspektive erscheint der Unterschied nicht so groß, aber er ist wahrnehmbar. Die Schwellerpartie ist hier höher und die Bodenfreiheit ist größer.

Auch die riesigen Parkleuchten auf den Kotflügeln – die bei einem Brennabor Typ S 6/20 PS glatt als Hauptscheinwerfer durchgegangen wären – gab es nach meinem Eindruck nur bei der Ursprungsausführung von 1928.

Damals wurde wohl serienmäßig auch noch keine Stoßstange verbaut, und die Verbindungsstange zwischen den Scheinwerfern scheint ebenfalls erst 1929 aufzutauchen.

Natürlich war der „Nürburg“ von Anfang ein sehr beeindruckendes Fahrzeug, aber vom Mercedes-Kühler abgesehen findet sich nichts Eigenständiges daran, wie das bei Limousinen aus deutscher Produktion damals meist der Fall war.

Großartig war so ein Fahrzeug auf jeden Fall – aber grandios eher nicht. Dafür fehlte der Limousine trotz der kolossalen Dimensionen für meinen Geschmack das Exaltierte – eine kontrollierte Übertreibung – nicht komplett irrational, aber daran grenzend.

Genau das findet sich nun auf einem Foto, das Leser Jörg Pielmann aus seinem Fundus beigesteuert hat:

Mercedes-Benz 18/80 PS „Nürburg“ ab 1929; Originalfoto aus Sammlung Jörg Pielmann

Als Schüler habe ich manche Schulstunde mit dem Zeichnen von Automobilen verbracht – wenn es keine amerikanischen Straßenkreuzer der 1960er Jahre waren, dann solche Vorkriegsmodelle.

Für mich war schon damals klar: So ein Wagen darf nach einer schier endlosen Motorhaube nur einen kurzen und niedrigen Aufbau besitzen – am besten bloß für zwei Insassen – und muss dann möglichst flach auslaufen.

Dieses Ideal hat meines Wissens damals niemand am deutschen Markt so grandios umgesetzt wie Mercedes-Benz, obwohl man doch bei den kleineren Moodellen sonst so konservativ und maßvoll vorging, dass die Ergebnisse auf mich fast langweilig wirken.

Ob das 2-sitzige Cabriolet auf „Nürburg“-Basis auf dem Foto von Jörg Pielmann wirklich die verchromten Abdeckungen über den Drahtspeichenrädern und den Steinschlagschutz vor dem Kühler für seine Wirkung gebraucht hätte, sei dahingestellt.

Jedenfalls begeistert mich die himmlische Länge dieses Vorderwagens in Kombination mit der niedrigen Frontscheibe – so ein Wagen durfte alles sein, nur nicht funktionell brilliant.

Übrigens sieht man hier die kleineren Standleuchten auf den Kotflügel, außerdem eine Doppelstoßstange und ansatzweise die geschwungene Scheinwerferstange – alles Hinweise auf einen „Nürburg“ in der Niedrigrahmen-Ausführung ab 1929, meine ich.

Konsequent finde ich bei der Fülle der individuellen Anpassungen auch, dass der Besitzer den Mercedes-Stern gegen eine Kühlerfigur getauscht hatte, die auf mich ein wenig wie ein neuseeländischer Kiwi wirkt.

Auch wenn ich sonst schnell und mitunter hart in meinem Urteil bin, was ästhetische Qualitäten von Vorkriegswagen angeht, bin ich hier geneigt, davon abzusehen. Dieser Wagen ist so eigenwillig, dass man ihn wohl im Original hätte sehen müssen, um festzustellen, wie stimmig (oder auch nicht) die genannten Veränderungen wirken.

Auf jeden Fall zeigen solche Bilder, dass man einen derartigen Mercedes-Benz heute nicht zwangsläufig in den Zustand ab Werk bringen muss. Ein restauriertes Fahrzeug kann ebenso authentische Wirkung enfalten, wenn es dokumentierte zeitgenössische Individualisierungen aufweist wie dieses Prachtexemplar.

Was könnte das nun für ein Besitzer gewesen sein, der seinen „Nürburg“ einem solchen umfangreichen optischen „Tuning“ unterzog? Schauen wir ihn uns an:

Wie jemand aus der Halbwelt sieht der sympathisch wirkende, noch recht junge Mann, nicht gerade aus.

Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass er vor nicht allzulanger Zeit noch als Besucher eines Nachtclubs oder eines vergleichbaren Etablissements unterwegs war und sich nun leicht derangiert am frühen Morgen von einem Begleiter hat ablichten lassen.

Womit er das Geld verdient hatte, das für den Mercedes „Nürburg“ hinzublättern war – an die 20.000 Reichsmark – bleibt ebenfalls unserer Fantasie überlassen.

1929 betrug das durchschnittliche Jahreseinkommen (brutto) eines Angestellten in Deutschland 2.110 Mark, also etwas mehr als ein Zehntel des Preises dieses Autos. Übertragen auf heutige Verhältnisse (Durchschnittseinkommen West 2022: 39.000 EUR), würde diese Relation einem Wagenwert von über 350.000 EUR entsprechen.

Dies veranschaulicht, wie teuer solch ein Manufakturfahrzeug einst aus der Perspektive von Otto Normalverbraucher war. Damals wie heute hätte man für den Gegenwert auch ein einfaches Haus in anspruchsloser Lage bekommen.

Aus welcher Manufaktur stammte aber nun dieses grandiose Zweisitzer-Cabriolet auf Basis eines Mercedes-Benz 18/80 PS „Nürburg“?

Das konnte ich mit meinen (in Sachen Mercedes-Benz) bescheidenen Mitteln nicht herausfinden. Es wird kolossale und kostspielige Werke zu dieser Marke geben, in denen solche Karosserievarianten umfassend dokumentiert sind.

Insgesamt sind gut 2.800 Exemplare vom „Nürburg“ entstanden, ich vermute aber, dass die meisten davon Limousinen waren. Die selteneren und oft sehr eleganten Cabriolets dürften heute bei Sammlern am geschätztesten sein, weshalb ich davon ausgehe, dass sie sehr weitgehend dokumentiert sind.

Oder irre ich mich am Ende, und auch dies ist eines der vielen unbeackerten Felder, was die deutsche Vorkriegs-Autohistorie betrifft? Ich mag das nicht glauben, wenigstens bei dieser Marke muss doch jemand die ultimative Gesamtschau verfasst haben!

Das wäre dann ein grandioses Werk – würdig den besten Hervorbringungen dieses legendären Herstellers. Daher bitte ich um einschlägige Buchempfehlungen, denn Weihnachten rückt näher und auch als altes Heidenkind gönne ich mir bei der Gelegenheit gern etwas…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

6 Gedanken zu „Als Cabrio einfach grandios: Mercedes Benz „Nürburg“

  1. Hallo Herr Schlenger, Ihre Wünderschöne Beitrag über die Mercedes-Benz Nürburg habe mit Interesse gelesen und auch das Kommentar von Herr Klioba und Herr Schmidt Gefällt mir sehr.
    Auf die Website Kulturgut-Mobilitaet.de werd die Mercedes-Benz Nürburg Historie zusammen gefasst, leider ist es ein kleine Fehler über die 460 Sport Roadster veröffentlicht.

    Eine Sonderausführung des Nürburg 460 auf dem kurzen Fahrgestell ist in keinem Prospekt und keiner Preisliste enthalten: Ein zweisitziger Sportroadster, von dem zwei Fahrzeuge im Jahr 1929 an Motorsport-Veranstaltungen teilnehmen. Rudolf Caracciola und Otto Merz steuern diese ungewöhnlichen Sportwagen bei der Internationalen Alpenfahrt über eine Distanz von 2660 Kilometer und bei der acht Stunden dauernden ADAC-Langstreckenfahrt für kompressorlose Tourenwagen auf dem Nürburgring.

    Es geht hier nicht um zwei Fahrzeuge sondern um drei Mercedes-Benz 460 K Sport Roadster am Start von die beide Rennen. Das Dritte Fahrzeug ist gefahren worden durch Willy Walb, leider ist es nicht angekommen. Auf dem Nürburgring ist Herr Walb von die gefahren und auch während die Internationalen Alpenfahrt ist die 460K beschädigt
    Bei die 460K Sport Roadster handelt es sich um ein Hochrahmen, es ist sicher ein der Schönsten Cabriolets gebaut durch Daimler Benz.
    Es hat auch ein Schutzgitter aber es war anders dann die auf das Bild von Herr Pielmann.

  2. Bei soviel Individualität hilft vielleicht eine Betrachtung der Person : UFA-Star oder ein Fall für Ernst Gennat ? Aber dann eher in der Inspektion D, denn er macht doch einen netten Eindruck !?

  3. So wie Alexis Kellner hat auch Voll & Ruhrbeck eigens benannte Karosseriekreationen wie z.B. „Marksburg“ mit individuell abstimmbaren Details entwickelt, wobei man hier anhand eines 14/70 PS „Mannheim“ das Schutzgitter am Kühlergrill gut erkennen kann :

    https://www.coachbuild.com/forum/download/file.php?id=58942&t=1&sid=32c5c1baf977f6804ce35e3ccd049f9b#.Y3DakjX18bc.link

    Desweiteren sind verchromte Trittbrettauflagen zwar auch bei Gläser und Reutter zu finden, jedoch sind diese da wie dort Zubehör. Vielleicht aber so üppig geformt, um doch eine Hochrahmenversion zu kaschieren ? Denn die senkrechte A-Säule wäre prädestiniert für daran angeschlagene Türen; und für „Selbstmördertüren“ wären schräge A-Säulen kein Problem. Eine völlig abgedeckte Rahmenkonstruktion zeigt dieser Aufbau :

    https://pyritz-classics.de/fahrzeuge/mercedes-benz-nuerburg-460-cab-2/

    Von Jos.Neuss in Berlin-Halensee bis Hibbard & Darrin reichen die Möglichkeiten, jedoch paßt entweder die Türöffnung nicht, oder der Fahrzeugtyp :

    https://www.coachbuild.com/forum/download/file.php?id=99287&t=1#.Y3Ee2ZE92HM.link

    https://www.coachbuild.com/forum/download/file.php?id=30960&t=1#.Y3EgRl02_gI.link

    In dieser Fahrzeugklasse sind Dutzende von individuellen Lösungen denkbar, sodaß das Bild von Hr. Pielmann vielleicht das einzige Exemplar zeigt, dem die Türscharniere an der B-Säule angebracht wurden. Unübersehbar ist ferner das Reifen-Tuning mittels verchromter Abdeckscheiben, und da im hinteren Radhaus trotz Heckantriebs offenbar genügend Raum für mehr Zuladung besteht, ist die Bodenfreiheit über der Hinterachse hier auch höher. Letztlich belegt schon die Kühlerfigur das hier wohl recht umfangreiche Tuning … und ob das Chassis nun von 1928 oder 1929 stammte, erhielt es womöglich einen Vorjahresaufbau mit senkrechter A-Säule.
    Das werksseitige zweisitzige Spezial-Cabriolet C „St.Moritz“ gab es erst ab 1930, während das Cabriolet D gemäß Mercedes-Syntax viersitzig sein müßte :

    https://www.kulturgut-mobilitaet.de/aktuell/hist-mobilitaet/225-mercedes-benz-nrburg-debt-im-oktober-1928

  4. Danke! Die Ähnlichkeit ist in der Tat groß, bis auf die schrägstehende Frontscheibe und die vorn angeschlagenen Türen.

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