Seiner Linie treu: MAF Zweisitzer 1908-1914

Nach (zu) langer Pause ist heute wieder einmal die Marke MAF aus Markranstädt bei Leipzig an der Reihe.

Sie entstand nach dem Ausscheiden von Hugo Ruppe aus dem väterlichen Betrieb Ruppe & Sohn in Apolda, wo er das Modell „Piccolo“ mit luftgekühltem Motor konstruiert hatte und wo später die bekannten „Apollo“-Wagen nach Entwurf von Karl Slevogt entstanden.

Hugo Ruppe blieb seiner Linie treu und entwarf 1908 für seine neue Automobilfabrik eine Reihe von Kleinwagen mit luftgekühlten Vierzylindermotoren, hauptsächlich in der Hubraumklasse zwischen 1,2 und 1,8 Litern.

Auf die Vielfalt der Motorisierungen, die laufende Leistungssteigungen bei ähnlicher Grundkonstruktion widerspiegelt, will ich mich nicht einlassen. Man sah einem MAF wohl kaum an, was genau sich unter seiner Motorhaube und hinter der Kühlerattrappe verbarg.

Mich interessiert bei diesen frühen MAF-Wagen vor dem 1. Weltkrieg (die Marke existierte bis 1921, als sie von Apollo übernommen wurde) etwas ganz anderes.

Hugo Ruppe blieb nämlich zumindest bei der Zweisitzerversion seiner Automobile auch äußerlich seiner Linie erstaunlich treu, wenngleich das Erscheinungsbild der allgemeinen Tendenz am deutschen Markt folgend behutsam modernisiert wurde.

Dies lässt sich sehr schön anhand der Fotos dokumentieren, die ich nachfolgend zusammengestellt habe. Den Anfang macht dieser ganz frühe Zweisitzer:

MAF Zweisitzer von 1908/09; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Dieses Fahrzeug habe ich schon einmal ausführlich besprochen, es handelt sich sehr wahrscheinlich um eines der von Hugo Ruppe neu konstruierten Modelle aus dem ersten Jahr 1908, spätestens aber 1909.

Die Grundform dieses Zweisitzers sollte in den folgenden Jahren bis 1914 im wesentlichen die gleiche bleiben.

Wir halten fest: nach hinten ansteigender Karosseriekörper, vor der Hinterachse endender Innenraum, schwingenartige Vorderkotflügel und damit korrespondierender Aufschwung des Hinterkotflügels, entsprechend kurzes Trittbrett, insgesamt sehr reduzierter Aufbau.

Dieses sportliche Erscheinungsbild findet man ab 1910 wieder, auch wenn nun die damals obligatorisch werdende „Windkappe“ zu sehen ist, welche die Luft ab der Motorhaube nach oben lenkt:

MAF Zweisitzer von 1910; Originalfoto: Sammlung Stefan Rothe (Berlin)

Denkt man sich den noch wie aufgesetzt wirkenden „Windlauf“ weg, hat man es praktisch mit derselben Konstruktion zu tun, nur dass man jetzt auch die damals runde MAF-Kühlerattrappe erkennen kann.

Dieses Foto veranschaulicht wieder einmal die gestalterische Zäsur, welche mit der Übernahme des Windlaufs aus dem Sport (dort ab 1907/08 gebräuchlich) bei Automobilen aus dem deutschen Sprachraum einherging.

Im nächsten Schritt wurde der Windlauf harmonisch an die Haube angepasst – damit war ein großer Schritt weg von der Kutsche mit davorgesetztem Motor hin zum Auto mit eigenständig gestalteter Frontpartie getan.

Mit einem Mal erkennt man etwas, was bis heute prinzipiell unverändert geblieben ist. Schauen Sie einfach einmal bei Ihrem Wagen nach, auch er sollte vor der Frontscheibe noch einen Windlauf haben, wenngleich viel kürzer als hier:

MAF Zweisitzer um 1912; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Erstaunlich, was die überarbeitete Frontpartie ausmacht, nicht wahr? Aber davon abgesehen ist auch dieser MAF-Zweisitzer von ca. 1912 ganz seiner Linie treu geblieben.

Aufmerksame Betrachter werden dennoch einige weitere Nuancen bemerken:

Die Kotflügel sind zwar nach wie vor so elegant geschwungen wie zuvor, doch der vordere schließt jetzt direkt ans das Trittbrett an. Zudem ist der Aufbau jetzt aus einem Guss geformt und die zuvor gerundete Motorhaube ist stärker konturiert.

Der sportlich-leichte Stil als solcher ist aber erhalten geblieben, wenngleich der Rahmen hinten nun etwas massiver ausgeführt zu sein scheint – das mag der gestiegenen Leistung geschuldet sein.

Übrigens ließ sich so ein MAF-Zweisitzer durchaus flott bewegen – je nach Motor waren 70m/h Spitze erreichbar – das machen Sie einmal mit so einem filigranen Auto und dieser hohen Sitzposition, das dürfte Ihnen halsbrecherisch vorkommen!

Der Motorenklang dürfte sein übriges dazu getan haben, dass man sich in solch einem MAF beinahe wie ein Rennfahrer vorkam. Möglicherweise war es die Geräuschentwicklung, welche der adretten Dame im nachfolgend abgebildeten Zweisitzer MISSfiel:

MAF-Zweisitzer von 1913/14; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Man meint zu wissen, was die junge Dame mit der feschen Lederkappe gerade dachte: „Eine gute Partie ist er schon, mein August, und liebt mich von Herzen, was will man mehr. Dass er meine Mitgift in ein Automobil investiert hat, war auch ausgemacht – er braucht den Wagen ja als Landarzt. Aber musste es denn so ein lärmiger MAF sein? Ich hätte ihm ja zum Opel-Doktorwagen geraten, aber so sind die Männer…“

Nun, unser Mitleid hält sich mit der Dame aus gutem Hause in Grenzen, denn als Automobilistin gehörte sie auf jeden Fall zu den oberen Zehntausend im Deutschen Reich.

1913 oder 1914 dürfte dieses schöne Dokument entstanden sein, und es ist damit das letzte in der heutigen Reihe.

Erkennen Sie in dieser letzten Variante noch den MAF-Zweisitzer von 1908/09 wieder? Ich meine schon, dass es sich im Kern um dieselbe Konstruktion handelt. Bloß die andersartige Kühlerattrappe irritiert auf den ersten Blick.

Mir scheint es eine Version zu sein, die sich an den kurz vor dem 1. Weltkrieg aufkommenden Spitz- oder Schnabelkühlern orientierte. Ob dies eine von MAF selbst angebotene Variante oder ein Teil aus dem damals bereits blühenden Zubehörhandel war, sei dahingestellt.

Eine Modifikation dürfte auch das am Heck angebrachte Gepäckabteil darstellen. Eine genaue Entsprechung habe ich zwar noch nicht gefunden, dennoch bin ich sicher, dass wir es auch hier mit einem der leichten MAF-Zweisitzer zu tun haben, die etliche Jahre ihrer Linie treu blieben und damit offenbar Erfolg beim Kunden hatten.

Auch ich will im Neuen Jahr meiner Linie im Blog treu bleiben, und bisweilen solche rein formalen Betrachtungen anstellen, wenn es das Material hergibt – gern garniert mit einigen erdachten „Originalzitaten“, sofern mich die Situation dazu inspiriert.

Und wie immer freue ich mich über sachkundige, auch kritische Kommentare, gern gewürzt mit etwas Witz und die eine oder andere Abschweifung enthaltend. Wenn auch sonst alles in Bewegung kommt, wollen wir hier doch unserer Linie treu bleiben…

Michael Schlenger, 2023. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

6 Gedanken zu „Seiner Linie treu: MAF Zweisitzer 1908-1914

  1. Das ist logisch zu erklären wenn man die Haube öffnet: Der luftgekühlte Reihen-Vierzylinder hat links und rechts jeweils 2 Ventilatoren, welche die Kühllunft links ansaugen (unterstützt vom Fahrtwind und den Lüftungs-Schlitzen) und rechts wieder hinausblasen sollen, wobei auch hier möglicherweise ein minimaler „Unterdruck“ durch die Lüftungs-Schlitze in der Haube erzeugt erzeugt wurde. Der MAF-Motor brauchte jedes Fitzelchen Kühlung, so war auch das Schwungrad als „Ventilator“ ausgebildet.

  2. Nachtrag :
    Nach ausgiebiger, aber hier sinnloser Erklärung zum Wasserkühler merke ich gerade, daß der MAF luftgekühlt war … da hatte die junge Dame somit gewiß bessere Gedanken im Kopf 🙄

  3. Im „Handbuch für Kraftfahrer“ von 1942 (als Reprint 2007 bei GeraMond) findet sich die Erklärung zum Luftröhrenkühler, wie er vor 100 Jahren noch üblich war und dann vom Wasserröhrenkühler abgelöst wurde.
    Während der Wasserröhrenkühler auf senkrecht verlaufenden, von der oberen zur unteren Kühlerwanne führenden Wasserröhren basiert, funktioniert der von Wilhelm Maybach erfundene Luftröhrenkühler so, daß der Fahrtwind die quadratischen oder hexagonal bienenwabenförmigen Durchleitungen durchströmt. So ist thermisch betrachtet auch der Spitzkühler eine konsequente Optimierung, indem die Hitzekonzentration in Kühlermitte durch einen möglichst lange einwirkenden Luftstrom gedämpft werden soll, während an den Rändern kürzere Röhrchenlängen genügen. Und ob die junge Dame sich auch Gedanken über die umlaufende Rille in der Kühlermaske machte, die entweder doch einen funktionalen Spitzkühler umrahmte, oder aber nur eine Attrappe im Sinne eines rein gestalterischen Kühlergrills verbarg …?

  4. Nun ja, es dauerte sehr lange, bis Hugo Ruppe begriff, daß die Temperatur beim Verbrennungsmotor im Zylinderkopf entsteht – daswegen hat er die Kühl-Ventilatoren falsch angeordnet und mußte mit der Leistung weit zurückgehen. Erst Slevogt brachte ihm bein wo der Feghler steckte und dann waren die MAF Lleistungsfähig und Zuverlässig.
    Ruppe schaffte es auch erst sehr sehr spät, den Boden seiner Karosserien zwischen die Rahmenholme abzusenken, weshalb die Besatzung in seinen Fahrzeugen immer wirkt wie die Kirsche auf der Torte – ganz weit oben und irgendwie zu groß. Die „Sitzkiste“ ist eben ganz oben aufgesetzt.
    Zu seiner Top-Form lief Ruppe erst mit seinen Zweitakt-Motoren auf.

  5. Hallo Michael, eine weitere Spezialität der luftgekühlten MAF ist auf den Bildern zu erkennen, wenn man das letzte Bild, wo die linke Fahrzeugseite gezeigt wird, mit den anderen Bildern vergleicht, wo die rechte Seite gezeigt wird. Auf der linken Seite zeigen die Lüftungsschlitze in der Haube nach vorne, auf der rechten Seite nach hinten. Damit führt diese Konstruktion die heiße Motorabwärme diagonal ab, während alle andren mir bekannten Konstrukteure geradlinig von vorne nach hinten die Luft abführen. Offensichtlich eine gut funktionierende Methode, denn sonst wäre sie nicht jahrelange beibehalten worden. Mit den besten Grüßen aus Berlin Claus

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