Wirkt so gleich viel charmanter: Chandler von 1927

Wenn mein seit über 10 Jahren betriebener Blog für irgendetwas gut ist, dann sicher dies: Er rückt die phänomenale Präsenz amerikanischer Automarken im Deutschland der 1920/30er Jahre wieder ins verdiente Licht.

Ich wüsste von keiner anderen Publikation – sei es in gedruckter oder digitaler Form – die der großen Zeit der US-Automobile im Vorkriegsdeutschland in ähnlicher Weise gerecht wird.

Dabei hatte ich es ursprünglich gar nicht darauf angelegt. Ich habe mich einfach nur von der schieren Masse an billigst verfügbaren Originaldokumenten jener Zeit leiten lassen.

So hat es sich fast von selbst ergeben, dass ich inzwischen alle großen US-Automarken (und etliche Nischenhersteller) in meinen einschlägigen Fotogalerien hauptsächlich anhand von Bildern aus deutschen Landen illustrieren kann.

Früher hätte man daraus vielleicht ein Buch gemacht, doch mein Blog-Projekt hat den Vorteil, dass ich die Dokumentation laufend ergänzen kann. Ein besonders hübsches Beispiel dafür kann ich heute präsentieren.

Dabei geht es um ein Fabrikat, das heute kaum noch einer kennt – Chandler aus Cleveland (Ohio). Die 1914 ins Leben gerufene Marke bestand nur bis 1929.

Ausgerechnet aus jenem Jahr stammt diese Reklame aus dem deutschen „Auto-Magazin“, die ich bisher noch nicht vorgestellt hatte:

Chandler-Reklame aus: Auto-Magazin Nr. 12, Januar 1929; Original: Sammlung Michael Schlenger

Hier wird nicht nur die Berliner Vertriebsgesellschaft genannt – es wird auch auf den 4.300 Meter hohen „Pikes-Peak“ im US-Bundesstaat Colorado angespielt, den anno 1925 ein Chandler in Rekordzeit erklommen hatte.

Die 6-Zylinder von Chandler genossen damals einen ausgezeichneten Ruf als leistungsfähige Mittelklassewagen (nach US-Maßstäben). Sie erreichten nicht die Stückzahlen der ganz großen Hersteller, aber immerhin über 20.000 Stück pro Jahr entstanden in den besten Zeiten der Marke – da blieb einiges für den Export übrig.

Ab 1927 brachte Chandler sogar eine Achtzylinderversion heraus, die jedoch in Deutschland kaum Käufer gefunden haben dürfte. Der rund 60 PS-starke „Six“ war für deutsche Verhältnisse bereits ein Luxusgefährt. Daneben gab es eine 80 PS-Variante.

Durchaus bodenständig kommt dieses Exemplar daher, das einst in Rochlitz (Sachsen) zugelassen war und das ich vor bald fünf Jahren hier präsentiert habe:

Chandler von 1927; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Der markante Kühler wurde über die Jahre nur wenig verändert, weshalb man bei der Datierung auf subtilere Details angewiesen ist – beispielsweise die Doppelstoßstangen und die trommelförmigen Scheinwerfer.

Nun wird man dem Chandler hier bei aller Seltenheit und Präsenz eines kaum zuschreiben wollen – dass er besonders charmant herüberkam.

Die prosaische Situation mit dem Fahrer bei der Wagenwäsche in einem namenlosen Fachwerkort verhindert zuverlässig das Aufkommen jeder Begeisterung.

Doch das ändert sich heute und zwar ausgerechnet mit zwei weiteren Fotos desselben Wagens am selben Ort, die mir erst kürzlich (nach 5 Jahren) zugelaufen sind.

Das erste zeigt den Chandler wohl nach erfolgter Wäsche – der Fahrer hat am Lenkrad Platz genommen. Das Licht am Aufnahmetag muss trübe gewesen sein – düster wirkt der an sich beeindruckende Wagen auch hier:

Chandler von 1927; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Immerhin kommen hier die Proportionen der 6-Fenster-Limousine besser zur Geltung – der Chandler war ziemlich großzügig dimensioniert.

Leider wissen wir nichts über seinen Besitzer und seine wirtschaftlichen Verhältnisse. Es war auf jeden Fall jemand, der sich einen angestellten Fahrer leisten konnte.

Ich vermute, dass der Chauffeur „seinen“ Wagen an seinem eigenen Wohnort gewaschen hatte und von dort aus täglich zum „Chef“ aufbrach.

Immerhin scheint man in diesen bescheidenen, aber soliden Verhältnissen einen Fotoapparat besessen zu haben, mit dem man den eigenen Status durchaus stolz dokumentierte.

Bei dieser Gelegenheit wird auch das dritte Foto entstanden sein, das mir die Inspiration zum heutigen Titel geliefert hat – denn so wirkt der Chandler doch gleich viel charmanter:

Chandler von 1927; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Es gibt kein Auto, das nicht durch die Anwesenheit einer hübschen Frau geadelt würde – wie überhaupt die Welt durch die Existenz holder Weiblichkeit ein besserer Ort wird.

Ob die versonnen dreinschauende junge Dame die Flamme des Chandler-Fahrers war, seine Verlobte oder „nur“ die adrette Schwester – das werden wir nicht mehr erfahren.

Jedenfalls hinterlässt der längst vergangene Chandler hier den besten Eindruck.

Künftig werden Sie vielleicht zuerst an dieses schöne Zeugnis denken, wenn Sie den Markennamen wieder einmal lesen oder – das wäre noch charmanter – einem raren überlebenden Original begegnen…

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