Ein idealer Anhaltspunkt: Steyr Tourenwagen

Als notorischer Automobilist steht man von jeher im Ruf, um jeden Preis Strecke machen zu wollen und dem Anhalten oder gar Innehalten wenig abgewinnen zu können.

Auf diesen Gedanken kam ich heute abend bei der Radtour – und das ging so:

Es hatte auf sommerliche 30 Grad abgekühlt, als ich mich auf das Stahlross mit ganzen 3-Gängen schwang. Mal sehen, ob es was zu jagen gibt, so mein Gedanke.

Bevor ich auf die Hauptstraße einbog, sauste eine Rotte Rennradler vorbei, die wohl die „amtlichen Warnungen“ vor Wärme und Sonnenlicht im Sommer verpasst hatten. Die waren nicht einzuholen, ich sah sie kurze Zeit später vor mir im Wettertal verschwinden.

Auch sonst begegneten mir außer Spaziergängern mit Hund im prächtigen Laubwald entlang der Römerstraße von Friedberg zur alten Grenze des Imperiums nur echte Sportler.

Die Fraktion der sonst so frei umherflottierenden Elektro-Mofafahrer (vulgo: E-Biker) schien zuhause geblieben zu sein – es gab wohl was Sportliches in der Glotze zu besichtigen. Immerhin eine braungebrannte Läuferin zog unverdrossen ihres Weges.

Keine Frage: Wer die Wärme schlecht verträgt, sollte sie meiden, das war schon immer so.

Allen anderen sei gesagt: Man gewöhnt sich daran, aber das setzt voraus, dass man sich ihr aussetzt. Ein Trainingseffekt stellt sich nicht ein, wenn man sich der Belastung entzieht.

Das Pedalieren an der warmen trockenen Luft, umweht von allerlei Düften des Sommers und vom Flüstern einer Brise im Feld, das versetzt einen bald in einen Zustand, in dem der konzentrierte Krafteinsatz zur umfassenden Erfahrung des eigenen Körpers wird.

Das Beste nach dem Genuss des Tempos aber ist am Ende das Anhalten und das Innehalten, während der Kreislauf noch auf Touren ist, das Adrenalin noch den Leib erfüllt und man in sich selbst, in den Puls, in den Atem hineinspürt.

Ich pflege diesen Zustand nach dem Absteigen besonders zu genießen, und als ich das heute abend wieder tat, war das Motto für diesen Blog-Eintrag gefunden.

Das passende Foto dazu hatte ich erst kürzlich erworben:

Stery Tourenwagen der frühen 1920er Jahre; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Einen idealen Punkt zum Anhalten und Innehalten, den hatten diese Berliner Automobilisten irgendwann in den 1920er Jahren gefunden.

Ein Ort mit großzügigen, teils herrschaftlichen Bauten an einem See umgeben von sanften Hügeln. Ich habe keinen Versuch der Identifizierung unternommen, das überlasse ich gern Lesern, die das besser können als ich.

Nur für den Tourer mit Spitzkühler bin ich als Blogwart selbstredend in erster Linie zuständig – was nicht heißt, dass ich immer richtig liege.

Doch im vorliegenden Fall haben wir es nicht nur in pittoresker Hinsicht mit einem perfekten Punkt zum Innehalten zu tun.

Einen idealen Anhaltspunkt in Sachen Hersteller des Wagens finden wir hier ebenfalls:

Wer genau hinsieht, wird mir vermutlich beipflichten und auf der Nabenkappe des Hinterrads „STEYR“ lesen oder zumindest erahnen.

Ob wir es nun mit einem Typ II oder V der ersten Hälfte der 1920er Jahre zu tun haben, beide mit einem 40 PS leistenden 6-Zylindermotor moderner Bauart ausgerüstet, lässt sich wohl nicht entscheiden. Die beiden Ausführungen scheinen sich äußerlich nur an der Frontpartie unterscheiden zu lassen.

Dass es sich um ein Fahrzeug von spätestens 1925 handelt, darauf deuten die Rechtslenkung und das Fehlen von Vorderradbremsen hin.

Um im Zweifelsfall den richtigen Anhaltspunkt zu treffen, musste der Fahrer eines solchen Steyr damals noch mittels Hand- und Fußbremse die Hinterradbremsen bzw. eine wenig effiziente Getriebebremse betätigen.

Das war es beinahe schon zu diesem schönen Dokument zum Thema Anhalten und Innehalten.

Für einen Moment war ich versucht, die Aufnahme auch mit KI-Unterstützung zu kolorieren. Doch etwas hielt mich davon ab.

So weiß ich nicht genau, ob der Fahrer nicht eventuell einen Hund auf dem Schoß hält, für den ich dann ebenfalls eine konkrete Kolorierung in Auftrag hätte geben müssen.

Vielleicht ist es bloß eine optische Täuschung, aber im Fall von Kolorierungen will ich die Kontrolle darüber haben, was die KI mit einem historischen Schwarzweiß-Foto anstellt.

Ich meine aber, dass das heute vorgestellte Dokument hinreichend Anhaltspunkte liefert, was den Reiz des Autos als Stehzeug am richtigen Punkt angeht, an dem man innehalten und das Dasein nur genießen möchte…

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