Auf einem Autofoto sollte eigentlich alles im Lot sein, damit der Wagen richtig herüberkommt – auch nach bald 100 Jahren, nicht wahr?
Nun, es kommt darauf an. Oder: alles ist letztlich relativ. Auf diesen Gedanken kam ich allerdings nicht bei der Betrachtung des Fotos, um das es heute geht, sondern einige Stunden früher.
Gegen Abend stand die Radelrunde an, so gegen 18.30 Uhr. Der Tag war prächtig gewesen – sofern man nicht an den Schreibtisch gefesselt war.
Sonnenschein nonstop seit 5 Uhr morgens, keine Wolke, kein Lüftchen, auch abends heizte die Sonne noch nach Kräften. Egal, das haben wir in Deutschland nicht alle Tage, also wieder auf das Rad geschwungen und dieselbe Tour wie immer absolviert.
Gut 20 Kilometer mit nur moderaten Steigungen (bis auf eine Ausnahme), nichts besonders Anspruchsvolles. Kennt man seine Tour, merkt man schnell, wenn etwas anders ist.
Der Weg entlang eines alten Bachbetts am Feldrand – sonst angenehm, doch mit einem Mal war es schwül dort – die Wärme ließ die Feuchtigkeit aus dem Boden steigen.
Kurz danach wieder alles wie gewohnt, eine kurze Strecke auf der modernen Landstraße, dann scharf links ab auf die alte Römertrasse – heute ein Feldweg, doch der Kenner sieht noch den einst breiteren Damm im Feld beiderseits.
Nach vielleicht zwei Kilometern dann das steilste Stück im Wald – die Römer bauten für gewöhnlich schnurgerade Straßen, sinnvoll in Grenzgebieten, wo Infanterie und Kavallerie schnellstmöglich vorwärtskommen mussten, um Eindringlinge abzuwehren.
Jede Mal, wenn ich diese Steigung nehme, muss ich an die Händler, Handwerker und Reisenden mit Ochsenkarren denken, die sich einst dort hocharbeiten mussten. Links und rechts der Straße liegen in Feld und Wald mehrere römische Gutshöfe, ein Signalturm an der höchsten Stelle.
An einigen archäologischen Grabungen in dieser geschichtsträchtigen Gegend habe ich als Hilfskraft teilgenommen, bei jedem Wetter: von Frost bis 40 Grad im Schatten.
Dort halte ich für gewöhnlich inne, nehme einen Schluck aus der Wasserflasche. Doch diesmal war es nichts mit der erhofften Erfrischung, denn brühwarm war der Inhalt.
Auf diese Enttäuschung folgte später nach der Ankunft eine weitere Überraschung: Ich war gerade in den Hof gefahren und wollte erst ein wenig dem Puls nachhorchen und den Schweiß auf den Armen in der Sonne glitzern sehen.
Doch meine vierbeinige Freundin Ellie wartete bereits und so eilte ich ins kleine Haus (mit dem Büro), wo sich Ellies Futter befindet. Beim Eintreten kam es mir beinahe kühl vor.
Mein Blick fiel auf die Anzeige der Raumtemperatur: 33 Grad. Ok, wenn mir das auf einmal angenehm erschien, musste es zuvor in der Sonne wirklich ziemlich warm gewesen sein.
Alles ist eben relativ – so wie einem nach dem Winter 10 Grad frühlingshaft erscheinen, sind eben auch 33 Grad verträglich, wenn man erhitzt aus der prallen Sonne kommt.
Damit wären wir beim heutigen Foto – nichts Exotisches, nur ein weiterer Wagen der US-Marke Essex von Ende der 1920er Jahre, der einst deutsche Käufer gefunden hatte:

Warum der Wagen so schräg abgelichtet wurde? Nun, weil der Fotograf nicht an ihm Maß nahm, sondern an dem Haus des späten 19. Jh. ganz rechts und an der Lady links, die in die Landschaft schaut.
Vielleicht gefiel es ihr, wie die gegenüberliegende Talseite leicht von Schnee bedeckt war, vielleicht hatte man sich gestritten und legte für einen Moment Wert auf Abstand. Vielleicht war es auch die Sekretärin des Chefs, die nicht mit seinem Wagen abgelichtet werden wollte – wer weiß?
Nur die Identität des „Essex“ – in Europa damals ein gern gekaufter US-Wagen der Mittelklasse – die ist gewiss (siehe meine Markengalerie). Alles andere ist relativ zu sehen, wie die heftige Neigung des Autos nach links, die aber im Kontext ihre Richtigkeit hat.
Ist das nun ein „gutes“ Autofoto? Wohl nicht, aber immerhin ein ungewöhnliches eines einst gewöhnlichen Modells in deutschen Landen.
Kennt einer heute noch diese Marke und dieses Baujahr? Eher nicht, so ein Gerät ist heute in Deutschland rarer als ein Mercedes 300 SL Flügeltürer spezieller Provenienz.
Es ist eben alles relativ, auch ob ein altes Auto wirklich ein historisches Relikt ist oder nur etwas, das so aussieht wie ein Wagen von früher, aber an dem nahezu alles neu ist…
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