Was sind schon 100 Jahre? Gemessen an dem, was uns heute ebenso wie unsere Vorfahren anno dazumal erhebt und innehalten lässt, ist das gar nichts.
Gemessen an dem, was sich seither in Sachen Automobil getan hat, sind 100 Jahre dagegen eine Ewigkeit.
Wie löst man diesen Widerspruch auf oder auch: wie bringt man das zusammen? Nun, wie immer ist es eine Frage der Perspektive.
Die Fotodokumente unserer Altvorderen helfen uns dabei, das Ewige und das Wandelbare so miteinander zu vermählen, dass auch wir Eintagsfliegen des 21. Jahrhunderts etwas mit der Welt von gestern anfangen können – wenn wir denn wollen.
Kürzlich trudelte dieses prächtige Foto bei mir ein, das ich schon lange im Visier hatte. Irgendwann hatte der Anbieter gemerkt dass sich die Nachfrage nach solchen Sachen in Deutschland in sehr engen Grenzen hält und rief einen realistischen Preis dafür auf:

Im August 1926 entstand diese schöne Aufnahme mit Blick über den Misurina-See auf die Dolomiten in Oberitalien.
Auf 1800 Meter Höhe befindet sich das kristallklare Gewässer und bis heute hat es nicht an Anziehungskaft verloren. Tatsächlich hat sich selbst bei den vom Menschen zu verantwortenden Zutaten kaum etwas geändert – und das majestätische Gebirge ist ohnehin nach unseren Maßstäben unwandelbar.
Derselbe Blick bietet sich heute fast identisch dar, nur den Tourenwagen der 20er wird man dort heute leider kaum mehr antreffen. Wir tun aber einfach so, als hätte sich nichts geändert seither:

„Googlen“ Sie mal – Sie werden feststellen, dass diese Farbversion noch heute ziemlich genau ins „Schwarze“ trifft, jedenfalls die Szenerie betreffend.
Was den Tourenwagen im Vordergrund betrifft, ist die Sache freilich anspruchsvoller. Denn dazu muss man erst einmal herausfinden, was das für ein Fabrikat war und in welchen Farbschemata es ab Werk verfügbar war.
Dazu nehmen wir das Auto nebst Reisenden näher unter die Lupe:

Dem Kenner (bzw. eifrigen Konsumenten dieses Blogs) kommt der hufeisenfömige Kühler mit dem ovalen Emblem und die hoch aufbauende Motorhaube gleich vertraut vor.
Das ist doch ein Fiat 501 – der erste Großserienerfolg der Turiner Marke direkt nach dem 1. Weltkrieg! Die Italiener machten 1919 alles richtig, als sie auf ein international marktfähiges vollwertiges Automobil setzten, dessen Konstruktion konsequent auf Massenproduktion nach US-Vorbild ausgelegt war.
Da der heimische Markt noch kein ausreichendes Potenzial bot, war es genau der richtige Schritt, diesen robusten 1,5 Liter-Vierzylinderwagen mit etwas mehr als 20 PS weltweit anzubieten. Der hervorragende Ruf der Marke für Qualitätsautos half sicher dabei.
Während deutsche Hersteller entweder stur Vorkriegsmodelle in Manufaktur weiterbauten oder sich unzählige Anbieter mit nicht marktfähigen Nischengefährten verzettelten (eine Ausnahme war zeitweilig Brennabor) ging die nüchterne Rechnung der ltaliener auf.
Rund 70.000 Exemplare des Fiat 501 wurden in alle Welt verkauft – auch in den deutschsprachigen Raum (wo er heute seltener ist als ein Benz oder Bugatti).
Frühe Exemplare dieses Typs erkennt man am Fehlen von Vorderradbremsen und am in Wagenfarbe lackierten Kühler – wie auch beim hier vorgestellten Exemplar.
Die ab Werk verfügbaren Farben beschränkten sich wie damals üblich hauptsächlich auf Schwarz, Blau, Braun, Grün und Rot.
Ausgehend von überlebenden Exemplaren mit Originallack und zeitgenössischen Farbprospekten kann man ziemlich sichere Rekonstruktionen typischer Erscheinungsformen wagen. Genau das habe ich im Folgenden – gestützt auf KI-Software – unternommen:

Bei der Gelegenheit habe ich auch gleich auch Details wie Kleidung und Haarfarbe der Passagiere in Auftrag gegeben.
Wie bei einer modernen „Restaurierung“ eines solchen Wagens kann man im Hinblick auf Details unterschiedlicher Meinung sein.
Auch ist es nahezu unmöglich, schwer erfassbare Elemente wie die mutmaßliche Fototasche neben dem Herrn am Heck des Fiat so präzise anzusprechen, dass die KI sie erkennt und in der gewünschten Farbe wiedergibt.
Interessanterweise rücken aber gerade dabei solche Feinheiten ins Bewusstsein, die man sonst bei alleiniger Betrachtung des schwarz-weißen Originals übersehen hätte.
Eine via KI beauftragte Kolorierung zwingt einen also, sich intensiver mit den Details des Dokuments zu befassen, als man das sonst vielleicht getan hätte.
Man kommt dabei auch auf Fragestellungen wie etwa diese: Ab wann wurden die Glanzteile beim Fiat 501 vernickelt? Irgendwann in den 1920er Jahren fand dieser Übergang von der Messingära statt, doch genaue Angaben dazu sind kaum zu finden.
Sie sehen, liebe Leser, die Kolorierung bringt nicht nur die Welt von gestern in die Gegenwart und lässt 100 Jahre zusammenschnurren, als sei das gar nichts. Sie wirft auch Fragen auf, die wir uns sonst so nicht gestellt hätten…
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Farbe erzeugt Kontrast, wo sich dunkle Grautöne sonst kaum unterscheiden ließen – und machen das Bild so viel lebendiger. Die halboffene Tasche am Heck auf dem Verdeck ist ziemlich sicher eine Fototasche, und diese Aufnahme entstand somit mit einer Plattenkamera des Formats 9×12 oder eher 10×15, wobei neben Brauntönen auch Anthrazit bis Schwarz gebräuchlich war. Selten, aber denkbar wäre dafür auch ein Tannengrün gewesen; die Farbpalette für Lederbezüge wich aber wohl deutlich von Autolacken ab. Der FIAT 501 trägt mit dem Kobaltblau die 44 Jahre später bei den Fahrzeugen der Carabinieri verwendete Farbe.