Was ham‘ wir hier? Minerva um 1928

Schon der wenig anspruchsvolle Titel lässt erkennen, dass mich der heutige Fall einigermaßen sprachlos macht.

Da hat man schon einmal das Glück, einen in Deutschland zugelassenen Wagen der belgischen Luxusmarke Minerva der späten 1920er Jahre an Land zu ziehen und dann ist das einzige Konkrete, was sich dazu herausfinden lässt, der Zulassungsbezirk – mehr ham‘ wir nich’…

Denn dieses aus kühner Perspektive aufgenommene Exemplar war im westfälischen Hamm beheimatet:

Minerva um 1928; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Der Hersteller war schnell anhand der Kühlerform mit der charakteristischen Einbuchtung und dem Emblem mit dem behelmten Kopf der römischen Göttin Minerva identifiziert.

Die Trommelbremsen an der Vorderachse geben einen vagen Hinweis auf eine Entstehung in den fortgeschrittenen 1920er Jahren – doch weiß ich nicht genau, wann Minerva zu Vierradbremsen überging, das könnte auch früher gewesen sein (analog zu Delage).

Die „amerikanisch“ wirkende Stoßstange lässt einen zwar an die späten 20er denken, aber sie kann nachgerüstet sein. Die vorne kantig ausgeführten Kotflügel wiederum sprechen tendenziell gegen eine „späte“ Entstehung in den frühen 30ern.

Dummerweise weist das sonst hervorragende Standardwerk „Le Grand Livre de l’Automobile Belge“ (von Kupélian/Sirtaine) zu den vielen großartigen belgischen Automarken, die heute hierzulande überwiegend unbekannt sind, bei der Fotodokumentation der Minerva-Typen der zweiten Hälfte der 20er Jahre eine Lücke auf.

Vergleiche mit online verfügbaren Fotos brachten mich immerhin dazu, die Spitzenmodelle der 30CV-Kategorie auszuschließen, die erfolgreich mit Rolls-Royce konkurrierten.

Zeitweilig dachte ich an den recht oft verkauften kleinen Typ 12 CV mit 2-Liter-Sechszylinder nach Knight-Patent. Mir scheint der aber immer mit rustikaler wirkenden Scheibenrädern und sechs Radbolzen verkauft worden zu sein.

Die filigraneren Drahtspeichenräder könnten freilich auch im Einzelfall bei diesem Basistyp montiert worden sein. Von den Proportionen her könnte das passen.

Passen muss ich aber letztlich selbst – ich kann mich hier nicht auf einen der zahlreichen von Minerva angebotenen Typen festlegen. Immerhin die Datierung „um 1928“ traue ich mir zu, wobei diese eher der Erfahrung entspringt als wirklich konkret fundiert ist.

Am Ende ist das aber auch weniger wichtig, da der eigentliche dokumentarische Wert dieser Aufnahme darin liegt, dass sich hier ein deutscher Autogourmet Ende der 1920er Jahre nicht für ein US-Modell entschied, wie das die meisten taten, denen das heimische Angebot zu langweilig, lahm oder schlicht zu teuer für das Gebotene war.

Auch die damals stark am deutschen Markt vertretenen Fiat-Sechszylinderwagen wurden verschmäht. Nein, hier wollte einer etwas Besonderes und war bereit, für echte Exklusivität auch zu bezahlen, ohne deshalb aber gleich zu einem exaltierten Aufbau zu greifen.

Mit ADAC-Plakette an der Scheinwerferstange und Wimpel der Provinz Westfalen kam der Wagen so gediegen bürgerlich daher wie seine weniger exotischen Auto-Zeitgenossen. Vermutlich hatten die meisten braven Landsleute aus der Region Hamm keine Ahnung, was für ein besonderes Auto da vor ihnen stand.

Auch das gefällt mir an diesem Wagen und der Tatsache, dass wir sonst praktisch nichts über es wissen. Sollten freilich Sie, liebe Leser, dem Minerva sein Geheimnis entreißen können, dann nur zu. Unter anderem dazu ham‘ wir ja diesen Blog…

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2 Gedanken zu „Was ham‘ wir hier? Minerva um 1928

  1. Danke – also noch eine Radvariante!

  2. Moin aus Hamburg, ich tippe auf den Minerva AE um 1928 wie er im Museum in Brüssel steht. Dort allerdings mit Holzspeichenrädern.

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