Es macht mir jedes Jahr zu schaffen – doch der Herbst ist da. Noch vor wenigen Wochen hörte man die Leute jammern, weil es hochsommerlich warm in unseren Breiten war – anstatt sich zu freuen oder – wenn es manchem zu viel war – sich einfach anzupassen.
Im Winter macht man es ja auch – man sieht zu, wie man es sich so gut wie möglich einrichtet, auch wenn man unangenehmen Temperaturen kaum ganz entgehen kann.
Ein Vorgeschmack war der eisige Wind unter sternenklarem Himmel heute abend, als ich die Kübelpflanzen im Hof wässerte. Hoch über mir hörte ich die Wildgänse ziehen, unsichtbar unterm Firmament und doch mir nahegehend, denn mit ihnen neigt sich ein weiteres Jahr dem Ende zu.
Immerhin erfreuen die leuchtenden Blätter von Nachbars wildem Wein das Herz, die nun fallen und in den Hof federleicht hinwehen wie Fetzen bunten Papiers.
Für die Freunde des alten Blechs und öliger Motoren ist die Herbstzeit traditionell aber auch Zeit für den Besuch der Veterama – DES deutschen Teilemarkts schlechthin.
Gestern war ich wieder einmal dort, doch nicht weil ich sonderlich auf der Suche nach Dingen aus der Welt von gestern war – davon habe ich soviel, dass ich selbst damit handeln kann.
Der eigentliche Grund war ein guter Freund aus alter Zeit – der inzwischen zwar im Ausland lebt, doch alljährlich auf der Veterama einen Stand aufbaut. Wie ich ist er Ende 50, doch während andere unseres Alters die Jahre bis zur Rente zählen und an selbstverschuldeten Zipperlein laborieren, hat er sich beruflich noch einmal neu erfunden.
Nach Jahrzehnten des Angestelltendaseins hat er sich am boomenden IT-Markt Osteuropas selbständig gemacht und genießt die dortige Gründerzeit in vollen Zügen und mit vollem Einsatz, während hierzulande die Old Economy den Bach hinuntergeht und die Leute ihre Privilegien pflegen, bis irgendwann die Realität anklopft.
Dass in Deutschland nicht nur der Hochofen aus ist und die Leute der Misere außer Jammern wenig abzuringen verstehen, war auch auf der Veterama zu spüren. Die Dame am Kassenhäuschen hatte am Sonntagvormittag Zeit zum Plaudern und erzählte, dass sie noch nie so wenig Betrieb erlebt habe.
Tatsächlich hielt sich trotz passablen Wetters der Andrang in Grenzen und viele Anbieter packten bereits um die Mittagszeit ein. Das Autoangebot war unerheblich bis nicht existent – dort wo vor Jahren einst mein Peugeot 202 auf sein zweites Leben wartete, standen meist belanglose Fahrzeuge herum, nur eines davon ein Vorkriegstyp.
Doch wie mein guter Freund aus alter Zeit harrte ein besonderes Gefährt auf dem Gelände treu und geduldig aus – und dieses ist „schuld“ an dem, was ich Ihnen heute erzähle:

Unter dramatischem Himmel stand er da – von der plötzlich durchbrechenden Sonne inszeniert.
Das musste ein französischer Tourer sein, der irgendwo die Zeiten fast unberührt überdauert hatte – in Deutschland ganz selten, doch in Frankreich durchaus öfter der Fall.
Neugierig schritt ich um den Wagen herum, der sich als das einzige interessante Fahrzeug auf dem gesamten weitläufigen Gelände entpuppen sollte.

Ein hübsches Arrangement hatten da die französischen Anbieter zustandegebracht – ein willkommener Kontrast zu den oft plan- bis achtlosen Displays an vielen Ständen.
Wäre ich nicht bereits reich gesegnet mit Gefährten dieser Art, hätte ich hier glatt einen neuen alten Freund finden können – als reines Schaustück, versteht sich.
Hier gibt es nämlich nichts zu restaurieren, nur zu konservieren, wie bei einer alten Freundschaft, die Jahrzehnte überdauert:

„Oha, ein Salmson“, werden nun gleich die Kenner in Anbetracht des Kühlers mit den markant über Kreuz geführten Streben konstatieren.
Daran gibt es keinen Zweifel, und wer mag, kann noch das genaue Modell ermitteln. Irgendwann in den frühen 20ern werden wir uns hier jedenfalls bewegen.
Mir ist wichtiger, dass auch das nicht minder einprägsame Kühleremblem hinreichend zur Kenntnis genommen wird. Am selben Stand war übrigens der Kühler eines amerikanischen KRIT im Angebot, welches ich hier aber nicht zeigen mag…
So bleibt es beim eigenwilligen Salmson-Emblem, das uns gleich wieder begegnen wird, sodass das Erlernte umgehend angewendet werden kann:

So, das dürfte genügt haben, um dieses Emblem zumindest im Kurzzeitgedächtnis zu verankern. Ein nettes Detail ist übrigens die Händlerplakette aus Chatillon-sur-Seine, wohin es vor Jahren meine Cousine familiär bedingt hinverschlagen hat, aber das nur nebenbei.
Dass wir den flüchtigen Speicherinhalt des Kurzzeitgedächtnisses gleich in Anspruch nehmen können, habe ich einem guten Sammlerfreund aus alter Zeit zu verdanken – denn über zehn Jahre begleitet mich nun schon Leser Klaas Dierks mit den Schätzen aus seinem Fotofundus.
Auch heute wird er uns nicht enttäuschen, zumal da sein Beitrag zum Thema Salmson einer ist, der uns den buchstäblichen alten Freund des Menschen seit uralter Zeit ebenfalls ganz nahebringt:

Sie sehen an der heutigen kleinen Geschichte: Der Herbst hat auch seine guten Seiten, so sehr er uns an das uralte, immer wiederkehrende Thema gemahnt: „vom Winde verweht“.
Manches ist doch zumindest für die Dauer eines Menschenlebens erstaunlich stabil, dank einer soliden Basis und kontinuierlicher Pflege – ein Tourenwagen aus den 1920er Jahren ebenso wie eine alte Freundschaft.
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