Im Zeppelin auf Italienfahrt: Maybach Typ DS7

Heute erlaube ich mir mitten im Winter eine an Exklusivität kaum zu überbietende Reise ins sonnige Italien – und zwar im Zeppelin!

Vor 90 Jahren gab es keine majestätischere Form der Fortbewegung als mit dem 1928 fertiggestellten Luftschiff LZ127 „Graf Zeppelin“. Finanziert wurde das 236 Meter lange Wunderwerk mittels privater Spenden aus ganz Deutschland sowie einer großzügigen Spritze aus dem Staatshaushalt.

Der gigantische Aufwand auf Kosten von Otto Normalverbraucher diente dann letztlich dem Transport von zwei Dutzend Passagieren der „Haute Volée“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn mit der „Graf Zeppelin“ flog man wie die Zugvögel hoch über dem irdischen Geschehen, über Meere und Kontinente hinweg.

Nie wieder hat es eine dermaßen erhebende Form des Reisens gegeben – die Concorde war eine lächerlich beengte Blechbüchse dagegen. Unzähligen Menschen auf der ganzen Welt hat der Anblick dieses Luftschiffs die (leider unstillbare) Sehnsucht eingepflanzt, einmal dort hoch oben mitzuschweben:

Luftschiff L127 „Graf Zeppelin“; Originalfoto von 1930 aus Sammlung Michael Schlenger

Nicht nur wie hier über Reichenberg in Sachsen (evtl. auch Böhmen) im August 1930 erschien die „Graf Zeppelin“ – ihre Fahrten führten sie um die ganze Welt und machten Sie zum bewunderten Botschafter Deutschlands in vielen Ländern.

Mit einer Geschwindigkeit von bis zu über 100 km/h näherte sich das Luftschiff buchstäblich aus heiterem Himmel, bis man beim Herannahen das Laufgeräusch der fünf Zwölfzylindermotoren vernahm, die jeweils fast 600 PS zu leisten vermochten.

Die fünf Gondeln, in denen diese kolossalen Aggregate untergebracht waren, befanden sich am „Bauch“ des Luftschiffs – hier sind sie aus rückwärtiger Perspektive zu sehen:

Luftschiff L127 „Graf Zeppelin“; Originalfoto von 1930 aus Sammlung Michael Schlenger

Weitere Fotos der „Graf Zeppelin“ aus meiner Sammlung finden Sie übrigens hier. In meinem damaligen Blog-Eintrag wie heute waren die Motorengondeln des Luftschiffs jedoch nur der „Aufhänger“, um sich mit einer anderen Großtat jener Zeit zu beschäftigen.

Gebaut wurden die Zwölfzylinder von LZ 127 von Maybach in Friedrichshafen. Karl Maybach – übrigens der Sohn des Automobilpioniers Wilhelm Maybach – hatte dort erstmals 1908 einen Luftschiffmotor konstruiert.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs im Jahr 1918 war es erst einmal vorbei mit Antriebsaggregaten für Luftfahrzeuge. Maybach wechselte daher ins Automobilgeschäft und stellte 1921 sein erstes Automobil her – den Typ W3.

Mit seinem bärenstarken Sechszylindermotor (70 PS aus 5,7 Liter), schaltungsfreiem Getriebe und Vierradbremsen illustrierte bereits der erste Maybach den Anspruch, Automobile der Spitzenklasse für eine dünne Schicht Betuchter zu bauen.

Historische Originalfotos der grandiosen Schöpfungen von Maybach sind eine ziemliche Rarität – immerhin konnte ich bislang Aufnahmen eines W5, eines DS7 und sogar des einzigartigen DS8 „Stromlinie“ meinem Fundus zuführen.

Heute kann ich mit einer ganzen Reihe „neuer“ Entdeckungen aufwarten, die den Titel „Im Zeppelin auf Italienfahrt“ rechtfertigen.

Denn in Anlehnung an die gewaltigen Motoren der Zeppelin-Luftschiffe baute Maybach ab 1930 repräsentative und enorm leistungsfähige 12-Zylinderwagen, die durch den Namenszusatz „Zeppelin“ geadelt wurden.

Nehmen Sie sich etwas Zeit und steigen mit mir ein in einen dieser sanften Riesen, dessen 150 PS leistender 7-Liter-Motor eine souveräne Fortbewegung erlaubte wie kein anderes deutsches Automobil jener Zeit.

Los geht’s laut Nummernschild in Tettnang unweit des Bodensees, unser Ziel ist das sonnige Italien:

Maybach DS7; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Schriftzug auf der Scheinwerferstange lässt keinen Zweifel – dieses Maybach-Cabriolet besaß wie die „Graf Zeppelin“ einen 12-Zylindermotor, der freilich wenig mit dem gigantischen Luftschiffantrieb gemeinsam hatte.

Mit strömungsgünstig im Zylinderkopf hängenden Ventilen und Leichmetallkolben war der Motor durchaus modern, das eigentliche Schmankerl war jedoch die Schaltung.

Um die für die damalige Zeit unglaubliche Höchsgeschwindigkeit von 140 bis 150 km/h erreichen und halten zu können, hatte man dem Maybach „Zeppelin“ einen Schnellgang spendiert, den der Fahrer über einen Hebel am Lenkrad aktivieren konnte.

Dazu musste keine Kupplung betätigt werden, der Schaltvorgang lief unterdruckgesteuert automatisch. Hinzu kam, dass der Wagen dank seines drehmomentstarken Motors meist auch im großen Gang schaltungsfrei gefahren werden konnte.

Was lag nun für die Eigner des in Tettnang zugelassenen Maybach näher, als mit diesem Prachtautomobil eine Fahrt über die Alpen nach Italien zu unternehmen?

Vom Bodensee aus gesehen war das ein automobiler Spaziergang und dank einer Reichweite von gut 600 km war beispielsweise eine Reise nach Brixen in Südtirol und zurück mit einer einzigen Tankfüllung möglich.

Kein Wunder, dass das nächste Foto den Maybach bereits vor Alpenkulisse zeigt:

Maybach DS7; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Natürlich hatte man es nicht eilig, man hielt öfters an und machte Fotos zur Erinnerung an diese Tour.

Vermutlich dachte man damals nicht an uns Nachgeborene, die dank dieser Aufnahmen noch 90 Jahre später den Weg dieser wahrlich exklusiven Reisegesellschaft zumindest ansatzweise nachvollziehen können.

Überhaupt kann ich es kaum glauben, dass solche enorm seltenen Originaldokumente am Markt für kleines Geld zu haben waren. Von diesen Zwölfzylinder-Maybachs wurden ab 1930 nämlich nur rund 200 Exemplare gebaut.

Wer auch immer damals diesen Wagen fuhr – den ich aufgrund der Ausführung der Räder und der Motorhaube als Typ DS7 von Anfang der 1930er Jahre ansprechen würde – hat wohl keine Nachkommen hinterlassen, die sich noch für diese grandiose Familientradition interessieren würden.

Solche Schätze dem schmählichen Vergessenwerden im Deutschland des 21. Jahrhunderts zu entreißen, ist eine von vielen Motivationen meines Blogs.

Zurück zu „unserem“ Maybach. Mühelos hat er die Alpen überwunden und seine Insassen finden sich im trotz des Einbruchs der Moderne immer noch hinreißenden Italien wieder.

Nicht nur die Wörter an der verwitterten Mauer, auch der Hinweis auf eine FIAT-Werkstatt links am Bildrand verrät, dass wir im Sehnsuchtsland der Deutschen schlechthin sind:

Maybach DS7; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Insassen haben unübersehbar einen Teint angenommen, der manche sich berufsmäßig benachteiligt gebende „People of Colour“ unserer Tage blass aussehen lässt.

Gern wüsste man, wo diese Aufnahme entstanden ist und was die Person hinter der Kamera dazu motiviert hat. Bestand vielleicht eine Verbindung zu einem ortsansässigen Ziegelhersteller, auf den die italienische Beschriftung der Mauer hinweist?

Leider fehlen weitere Aufnahmen, die auf die genaue Route, die Dauer und den Zweck der Reise unsere Maybach-Besatzung hinweisen.

Das nächste Foto könnte kurz vor der Rückfahrt entstanden sein, während der riesige Wagen mit Gepäck beladen wird:

Maybach DS7; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Gut gefällt mir hier der dienstbare Geist, der von rechts durchs Bild gelaufen kommt und den „Tedeschi“ noch etwas zur Hand geht, um sich ein großzügiges Trinkgeld zu verdienen.

Die Dame, die im Wagen steht und wohl das Gepäck sichtet, wirkt in dem großzügigen Passagierraum fast ein wenig verloren – kein Wunder bei einem Radstand des Maybach von rund 3,70 Meter.

Auffallend ist hier das den ganzen Schweller bedeckende Trittschutzblech – könnte dieses einen Hinweis auf den Hersteller dieses Aufbaus geben? Denn natürlich war dieses viertürige Cabriolet in einer Karosseriemanufaktur entstanden.

Dafür waren je nach Ausführung deutlich mehr als 30.000 Reichsmark fällig – das entsprach 1930 etwa 15 (!) Jahresgehältern eines angestellten Durchschnittsverdieners. Dafür hätte man damals wie heute auch ein hübsches Häuschen bekommen.

Doch die Besitzer dieses Maybach mögen sich gedacht haben: „Die schönsten Häuser sind die, welche es schon lange gibt, speziell in Italien. Kaufen wir uns daher lieber einen Wagen, mit dem wir dorthin fahren können“.

Maybach DS7; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun ist das Tor in dem alten Bogen wieder geschlossen, man hat Abschied vom Personal des Hotels genommen, das die reichen „Tedeschi“ sicher nicht ganz uneigennützig aufmerksam umsorgt hat.

Der Maybach und seine Insassen sind abfahrbereit – ein letztes Foto und es geht voller Eindrücke und braungebrannt wieder heim nach Germanien, wo ein Alltag wartet, in dem bereits ein kleines Vermögen schwer verdient sein wollte – erst recht ein großes.

Mehr wissen wir leider nicht über diese Reisegesellschaft und ihren mächtigen Maybach.

Ob der Wagen noch existiert? Ob jemand das Nummernschild einem illustren Besitzer zuordnen kann? Nun, wir werden sehen – es wäre nicht das erste Mal, das in meinem Blog publizierte Bilder ungeahnte Folgen haben.

Vielleicht fragen Sie sich aber auch, ob das Luftschiff „Graf Zeppelin“ einst ebenfalls eine Italienreise absolviert, wie der Titel dieses Blog-Eintrags nahelegt?

Nun, das war gar nicht leicht herauszufinden. Doch stieß ich nach einiger Sucherei auf ein faszinierendes Dokument, welches genau das beweist:

Luftpostkarte von 1933, transportiert mit LZ 127 „Graf Zeppelin“; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Was auf den ersten Blick etwas verwirrend aussieht, erzählt eine kaum weniger großartige Geschichte als die heute vorgestellten Maybach-Fotos.

Studiert man nämlich die zahlreichen Stempel auf dieser Postkarte, erkennt man, dass diese Ende Mai 1933 mit der „Graf Zeppelin“ von der italienischen Hauptstadt Rom ins beschauliche Friedrichshafen transportiert wurde – dorthin, wo Maybach residierte!

Dieses Kleinod hatte seinen Preis, wie Sie sich vorstellen können.

Aber jeder Sammler kennt Situationen, in denen man unvernünftig sein „muss“. Und ganz gleich, was dereinst aus unserem zunehmend der Inflation zum Opfer fallenden Geld wird, Dokumente wie dieses werden ihren ideellen Wert bewahren, solange sich noch jemand für die Mobilität in der Welt von gestern interessiert…

© Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

2 Gedanken zu „Im Zeppelin auf Italienfahrt: Maybach Typ DS7

  1. Besten Dank für diese Ergänzungen und Berichte quasi noch aus erster Hand!

  2. Jaa – der Zeppelin !!
    Ihm wurde zugejubelt wo er auftauchte – ob über den deutschen Städten , dem La Plata, Tokio oder NeuYork .
    Wir diskutieren heute darüber, ob es erlaubt ist per Drone von Kontinent zu Kontinent sog. Schuldige zu ermorden!
    Meine Oma erzählte als alte Dame öfter davon mit leuchtenden Augen und Begeisterung in der Stimme, als „der Zeppelin“ über ihrer Heimatstadt Breslau erschien – 1910 !
    In den Erinnerungen meines Großvaters fand ich ein Schreiben der Zepplin-Werft Friedrichshafen auf seinen Vorschlag, Tibet und Himalaya mit dem Zeppelin zu über- „fahren“ Das muss während der Kampagne zur
    Weltumfahrung des Zeppelins gewesen sein.
    Er selbst hatte 2 mal Osttibet als Forscher zu Pferde durchquert.
    Die lapidare Ablehnung der Idee war zu
    erwarten, man hatte andere Schwerpunkte – gez. Dr. Hugo Eckener.

    Ähnlich muß ein solcher Maybach damals im Straßenverkehr gewirkt haben – nur etwas erdverbundener !
    Es wäre sicher möglich, den damaligen Eigner auch heute noch ausfindig zu machen – der Kreis der Maybach- Fahrer Tettnangs ließe sich sicher an einer Hand abzählen .
    Sicher war es der kompakte Herr im Knickerboker- Anzug mit dem strengen
    Blick auf den offensichtlich der Chef- domestik mit rasche Schritt zusteuert.
    Der jüngere Herr mit der professionellen Sturmhaube dürfte der
    Chauffeur gewesen sein. Das Fahren und der Umgang mit einem solchen Wagen bedeutete schon die höheren Weihen des „Autismus“ .
    Gerade das auffällige Trittschutzblech
    Ist ein typisches Merkmal der Maybach- Karosserien . Hauskarossier
    Von Maybach war die benachbarte Karosseriefabrik Spohn in Ravensburg, die den überwiegenden Teil der auf Achse von Friedrichshafen überführten
    Fahrgestelle mit nach Kundenwunsch
    ausgestatteten Standard- Karosserien versah die kei Wünsche offenlegen.
    Für ganz exotische Einzelstücke war die Konkurrenz zuständig.

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