Mehr Italien-Wagen! Fiat 509 Tourer

Mag sein, dass ich hier schon einmal die Devise „Mehr Italien wagen“ ausgegeben habe – daher schreibe ich sie heute etwas anders, aber nicht minder zutreffend.

Die Wiederholung betrifft freilich auch das diesmal präsentierte Fahrzeug – einen Fiat des erfolgreichen Typs 509. Fast 100.000 Exemplare dieses Wagens mit enorm leistungsfähigem 900cc-Vierzylinder (obenliegende Nockenwelle!) entstanden von 1925-29.

Warum sich kein deutscher Hersteller unter dem Motto „Mehr Italien wagen“ an ein solches Konzept wagte, ist mir nicht begreiflich.

Das vordergründig rückständige Land südlich der Alpen hatte bereits mit dem 501 weltmarktfähige und kaum zerstörbare Wagen in industrieller Größenordnung gebaut – mit dem 509 wurde dann die Tradition drehfreudiger und dennoch robuster Motoren begründet, an die man sich in Deutschland nie en masse herantraute.

Aber herrje, der Überlegenheitsdünkel der deutschen Autoindustrie kam mir – in der Breite betrachtet – schon immer unfundiert vor.

So habe ich weder bei meinen eigenen Wagen Berührungsängste, was die angeblichen „Fehler-in-allen-Teilen“-Autos aus Turin betraf, noch hier im Blog. Das fällt mir umso leichter, als Fotos von in Deutschland zugelassenen Vorkriegs-Fiats haufenweise verfügbar sind.

Dass ich gerade heute auf das Thema „Mehr Italien wagen“ zurückkomme, hat mehrere Gründe. Zum einen geht mir das feuchtkalte Herbstwetter auf die Nerven und die Aussicht auf ein Vierteljahr Düsternis und grauer Himmel stimmen mich depressiv.

Zum anderen erlaubte ich mir heute nachmittag einen kurzen Ausflug mit italienischen Momenten. Zwar fuhr ich dabei durch Nieselregen an den finster dreinschauenden Doppeltürmen der Münzenburg vorbei, doch galt es, ein Fahrrad der italienischen Marke „Frera“ sicherzustellen, dass einer unweit meines Heimatorts offerierte.

Mit gerade einmal 35 Jahren Alter fällt es für mich zwar in die Gattung Gebrauchtfahrzeug, aber so etwas bekommt man nur selten für 25 Euro. Da kann man schon einmal etwas von dem guten Benzin verbrennen, das ich im Kanister vom letzten Italientrip mitgebracht hatte.

Bevor ich vollends abschweife, muss ich mich bremsen und das fällt mir besonders leicht, wenn mir auf der Landstraße so etwas begegnet:

Fiat 509 Tourer; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Unverkennbar ein Fiat 509 – die runde Abdeckung der unterhalb des Kühlers montierten Lichtmaschine war typisch für das Modell.

Der klassisch kantige Kühler, nach unten leicht auseinanderlaufend wie die Säulen eines antiken Tempels, schmückte ansonsten alle Fiats von Mitte bis Ende der 20er Jahre, einschließlich der formidablen 6-Zylindertypen, die in Deutschland heute keiner mehr kennt, aber vor 100 Jahren auch hierzulande hochgeschätzt waren.

Zum Typ 509 finden Sie alles Wissenswerte auf der trefflichen Website von Ferdinand Lanner, die nicht nur in Sachen Fiat ihresgleichen sucht – auch diesbezüglich könnten die heutigen Verwalter deutscher Vorkriegsmarken durchaus „mehr Italien wagen“.

Mir geht es heute mehr ums Atmosphärische und das ist auf diesem Foto das Licht eines Sommertags um die Mittagszeit. Der im Raum Heidelberg zugelassene Wagen dürfte unweit seines Heimatorts unterwegs gewesen sein – heute verläuft dort vermutlich die Autobahn.

Live und in Farbe sah das damals noch prächtiger aus, als das Schwarz-Weiß-Original ahnen lässt – immerhin lässt sich heute mit ein paar Handgriffen eine Farbversion zaubern, die uns mühelos 100 Jahre zurücktransportiert:

Fiat 509 Tourer; KI-gestützte Kolorierung Michael Schlenger

Viel Zeit habe ich hier nicht investiert, doch ich meine, man kann mit dem Ergebnis zufrieden sein. Realistischer als das Schwarzweiß-Foto ist es allemal.

Leider höre ich aus der Leserschaft nur vereinzelt etwas dazu, wie überhaupt deutsche Konsumenten der von mir hier seit über 10 Jahren kostenlos präsentierten Vorkriegsdokumente im Netz auffallend schweigsam sind.

Naja, ich mache das hier ja ohnehin überwiegend zu auto-therapeutischen Zwecken und zur Erbauung von etwa einem Dutzend Gleichgesinnten, das muss genügen.

So bleiben wir auch heute wieder unter uns und genießen konspirativ Schätze wie diese, die oft genug nicht allein daherkommen. Denn von demselben Wagen gibt es eine zweite Aufnahme, die wohl bei derselben Gelegenheit entstanden ist:

Fiat 509 Tourer; Originalfoto: Sammlung Michael SchlengerFiat 509 Tourer

Wenn man verstehen will, was Vorkriegsautos so besonders macht, dann sind es Fotos wie dieses, die das unmittelbar vor Augen führen.

Denn so eine Pose, wie sie die junge Dame im typischen Reisemantel einnimmt, lässt sich mit Nachkriegswagen und schon gar nicht mit den unbeschreiblich gestalteten Mobilen unserer Tage nachstellen.

Bei einem Vorkriegsauto lassen sich alle Bauteile klar erkennen und ansprechen, sie sind funktionell und dennoch gefällig gestaltet, außerdem grundsolide ausgeführt. Wenn Sie wissen wollen, warum man noch heute von Stoßstange, Koflügel und Motorhaube spricht – dann sehen Sie hier, woher die Begriffe kommen.

Aber ich schweife schon wieder ab – wollten wir nicht mehr Italien wagen? Auf geht’s, bedienen wir uns auch hier mit Verve der Farbpalette und wecken die müden Augen auf:

Fiat 509 Tourer; KI-gestützte Kolorierung Michael Schlenger

Meine Augen haben für heute genug – es ist spät und ich habe noch zu tun: Meine vierbeinige Gefährtin Ellie hat es sich gerade auf dem Schreibtisch gemütlich gemacht.

Für die italienischen Momente sorgen im Hintergrund gerade die Cello-Konzerte von Antonio Vivaldi, dargeboten von Christopher Coin zusammen mit der Academy of Ancient Music unter Leitung von Christopher Hogwood (Decca CD,1989).

Jetzt noch ein paar besondere Fiat-Fotos eingescannt – so lässt es sich aushalten Ende Oktober…

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