Heute eine echte Rarität… Presto D 9/30 PS

In den den frühen 1920er Jahren begegneten einem auf deutschen Straßen vier heute weitgehend vergessene Automobile besonders oft: Brennabor Typ P 8/24 PS, NAG C4 10/30 PS, Protos C 10/30 PS und Presto Typ D 9/30 PS.

Die einstige Häufigkeit dieser in vielen tausend Exemplaren gebauten Fahrzeuge spiegelt sich in meinen entsprechenden Markengalerien wider – man findet dort Dutzende historischer Originalfotos und laufend kommen neue hinzu.

Heute sind alle vier Wagen jedoch große Raritäten – man fragt sich, warum so wenige überlebt haben. Vermutlich weil sich im damaligen Deutschland Autobesitzer vor allem in Großstädten fanden, wo es kaum Platz zum Aufheben nach Ende der Nutzungsdauer gab.

In dünner besiedelten Ländern wie England und Frankreich war die Motorisierung auf dem Land viel weiter vorangeschritten – und dort war es einfacher, den alten Wagen in einer Scheune abzustellen, als ihn in die nächste Stadt zum Schrotthändler zu bringen.

Das könnte – neben einer anderen Wertschätzung historischer Gegenstände – eine Erklärung für die weit größeren Überlebensquoten britischer und französischer Wagen (selbst exotischer und kaum prestigeträchtiger) sein.

Heute kann ich Ihnen den stark verbreiteten Presto Typ D 9/30 PS in einer Erscheinungsform zeigen, die auch unter den zahlreichen Fotos dieses Modells eine absolute Rarität darstellt. Dazu bedarf es nicht einmal eines besonderes Aufbaus.

Damit Sie auch bis zum Ende dranbleiben, werfe ich zunächst aus unterschiedlichen Perspektiven einen Blick auf den Presto Typ D 9/30 PS. Dabei mische ich bereits von mir publizierte Fotos mit einer Reihe „neuer“ Aufnahmen. Die Rarität kommt erst am Ende.

Beginnen wir mit diesem alten Bekannten – schön von rechts aufgenommen:

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Woran man den von 1921-25 gebauten Wagen mit konventionellem Vierzylindermotor als Presto des Typs D 9/30 PS erkennt, das werden Sie am Ende (sofern Sie es nicht schon wissen) verinnerlicht haben.

Dazu muss ich gar nichts weiter sagen, ich lasse heute vielmehr die Bilder selbst sprechen – wobei Ihnen der Presto mit jedem Exemplar davon ein Stück vertrauter werden wird.

Verändern wir die Perspektive etwas und studieren den Wagen anhand dieser Taxi-Ausführung:

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun geben wir dem hier etwas bräsig und beliebig wirkenden Wagen noch einen kleinen „Spin“ und schon dreht er sich zu seinem Vorteil ein wenig weiter.

Jetzt wirkt er viel dynamischer und zugleich graziler – interessant, was ein nur leicht veränderter Blickwinkel ausmacht. Vielleicht trägt auch der „cooler“ dreinschauende Fahrer zu dem Eindruck bei:

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ein paar Grad weiter uns zugewandt ist dann das folgende Exemplar. Dieses ist als Chauffeur-Limousine ausgeführt und hat eine ganz andere – repräsentative – Ausstrahlung.

Ungewöhnlich sind hier die Drahtspeichenfelgen und die nachgerüstete einfache Stoßstange, die uns aber nicht den Blick auf die Charakteristika verstellen kann:

Presto Typ D 9/30 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun unternehmen wir eine ganz ähnliche Betrachtung des Presto Typ D 9/30 PS von der anderen Wagenseite aus.

Wiederum beginnen wir mit der seitlichen Ansicht und verändern dann schrittweise die Perspektive.

Merkwürdigerweise verfüge ich hier über eine wesentlich größere Bilderauswahl – aus irgendeinem Grund scheint man einst diese Seite bevorzugt zu haben.

Wir könnten uns daher nun wesentlich mehr Zeit für den Wagen nehmen. Ich will mich aber auf die besten Aufnahmen beschränken.

Beginnen wir mit diesem Neuzugang aus der Sammlung von Leser Matthias Schmidt:

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Auch hier wollen wir den Wagen schrittweise zu uns drehen – bzw. um ihn herumgehen.

Ein erster Schritt gelingt uns dank einer Aufnahme aus dem Fundus von Leser Klaas Dierks – was einmal mehr illustriert, wie schön sich die Zusammenarbeit mit anderen Sammlern gestalten kann, die nicht lediglich ängstlich auf ihren Beständen sitzen und nichts Publikumswirksames damit anzustellen wissen.

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Der nächste „Dreh“ des Presto D 9/30 PS geht nun wieder auf mein Konto.

Tatsächlich gehört der Typ seit langem zu meinen Favoriten unter den deutschen Wagen der ersten Hälfte der 1920er Jahre – weil er trotz vollkommen konventioneller Technik mit seiner unverwechselbaren schnittigen Optik hervorstach.

Ausreichend leistungsfähig für anspruchsvollere Touren scheint er auch gewesen zu sein, sonst wäre er kaum hier irgendwo im Alpenraum mit sechs Insassen unterwegs gewesen.

Das Leistungsvermögen des Presto dürfte aber auch die Untergrenze dessen markiert haben, was zur halbwegs komfortablen Bewältigung von Bergstrecken notwendig war:

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wir verharren aber nicht länger bei diesem Anblick, denn auch wir haben noch etwas vor.

So geht es weiter gegen den Uhrzeigersinn, wobei uns eine Aufnahme begegnet, die ich noch nicht vorgestellt habe, die ich aber ausgesprochen reizvoll finde.

Dieses Dokument erzählt wie so viele damalige Fotos eindrucksvoll davon, dass ein solcher Wagen als vollwertiges Familienmitglied verstanden wurde, das man liebevoll vereinnahmte.

Wie stark sich die Gestalt des Automobils seither verändert hat, lässt sich schon daran ersehen, dass man heutzutage keine vergleichbare Aufnahme mehr realisieren könnte.

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei dieser aus meiner Sicht grandiosen Aufnahme kann man ruhig eine Weile verharren und ein wenig die Situation und die unterschiedlichen Protagonisten studieren.

Mir gefällt hier besonders der Fahrer, der mit seiner kalt-entschlossenen Miene einen perfekten Gentleman-Ganoven in einem zeitgenössischen Film abgegeben hätte. Aber auch sonst gibt es hier einige hübsche Details zu besichtigen, etwa den Strauß am Heck.

Damit hätten wir nun fast eine 180 Grad-Runde um den Presto Typ D 9/30 PS gemacht. Ich bin sicher, dass inzwischen auch der erstmals mit diesem Modell konfrontierte Leser die Elemente erfasst hat, an denen sich ein solcher Wagen erkennen ließ:

Da war zunächst der weit schärfer als bei zeitgenössischen deutschen Wagen zulaufende Spitzkühler mit der angedeuteten „Nase“ am Oberteil, dann die sechs der Entlüftung des Motorraums dienenden „Kiemen“ in der Haube, außerdem die spitz zulaufenden Vorderkotflügel und das gewölbte Abdeckblech zwischen denselben.

Alles übrige, also der gesamte Aufbau hinter der Windschutzscheibe, konnte wie damals üblich variieren und liefert kaum Anhaltspunkte zur Identfikation.

Wenn also letzlich die Frontpartie den Charakter eines Presto Typ D 9/30 PS ausmachte – was lag dann näher als eine Frontalaufnahme davon?

Gewiss, bloß ist mir bislang keine begegnet. Das änderte sich erst als Wolfgang Kuessner aus Kiel auf mich zukam und um Identifikation einer Automobile bat, die auf alten Fotos aus seiner Heimatstadt zu sehen sind und die er im Netz publiziert (hier).

Darunter befand sich ein Aufnahme, die das ersehnte fehlende Glied in der heutigen Betrachtung darstellte und bislang die einzige mir bekannte ihrer Art ist.

Wer bis an diese Stelle durchgehalten hat, kommt nun endlich auf seine Kosten. Heute gib’t es hier tatsächlich eine Rarität zu bestaunen, und das will beim Presto D 9/30 PS etwas heißen:

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Wolfgang D. Kuessner (Kiel)

Habe ich zuviel versprochen? Hat man den Presto Typ D je aus dieser eindrucksvollen Perspektive gesehen?

Vermutlich nicht. Das kann aber auch daran liegen, dass es sich hier um ein spezielles Exemplar handelt, welches für sich genommen eine Rarität darstellte.

Wer genau hinsieht, stellt nämlich fest, dass der Wagen im Unterschied zu den zuvor gezeigten Vorderradbremsen besitzt. Diese wurden im letzten Produktionsjahr 1925 eingeführt.

Kurze Zeit später wichen die sechs „Kiemen“ in der Motorhaube einer Reihe hoher und schmaler Luftschlitze, wie sie seinerzeit üblich waren.

Das fand sich so auch bei der ebenfalls 1925 eingeführten stärkeren Variante Presto Typ E 9/40 PS. Allerdings gibt es ein überlebendes Exemplar des Typ D 9/30 PS mit denselben Charakteristika, hier auf einem Foto von 1968:

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Fast 45 Jahre alt war dieser Presto, als er im Winter in bester Verfassung aufgenommen wurde – prinzipiell waren diese Wagen ewig haltbar, sollte man meinen.

Dennoch ist das große Rad der Zeit über die meisten von ihnen hinweggegangen und Sie werden heute auf einem Vorkriegsautotreffen eher eine Horde Bentleys oder Bugattis (teils fragwürdiger Provenienz) treffen als ein solches Original.

So ändern sich die Zeiten – aus dem vieltausendfach gebauten und abgelichteten Presto Typ D 9/30 PS ist eine große Rarität geworden – vielleicht konnte ich heute ein wenig von seinem Charme vermitteln…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ein Gedanke zu „Heute eine echte Rarität… Presto D 9/30 PS

  1. Presto, NAG und Brennabor … warum so wenige davon heute noch existieren ? Auch wenn diese eine hohe Präsenz im deutschen Straßenbild von 1925 hatten, so waren weitaus mehr Fiat, Citroën oder Renault in Europa unterwegs. Vom Citroën B10 entstanden über 17.000 Exemplare, und über 38.000 vom Nachfolger B12 – etwa doppelt so viele wie vom Brennabor R. Blicken wir hier auf den bis 1925 gebauten Presto D 9/30 PS, so wurde dessen Jahresproduktion vom Doppelwinkel wie auch vom Austin Twelve zehnfach übertroffen. Hatten ein Austin, ein Morris oder ein Vauxhall 14-40 den Bombenhagel überstanden, so hatten diese auf den britischen Inseln bei wohlwollenden Eigentümern gute Aussichten. Ganz anders war dies für die nach der letzten Requirierungswelle 1944 und ohne Treibstoff in Tilsit und Thorn, Glogau und Gumbinnen verbliebenen Kraftwagen. Als Fluchtfahrzeug unverwendbar oder vor der Vertreibung ihrer Eigentümer konfiszierend gestohlen, blieb das vierrädrige Familienmitglied wie Haus und Hof zurück. Ob das nun 20 Jahre alte Auto letztlich doch in gute Hände geriet ? Regional nahe seinem Produktionsort verblieben und nun zu den wenigen Überlebenden gehört der sächsische IV-77019 mit den Meißener Klingen sowie Fahrtrichtungsanzeigern auf dem Bild von 1968 – dieser jedenfalls hatte das Glück, die Zeit zu überdauern ! Aus Ihrem Presto-Archiv haben Sie hier eine perfekte Auswahl der schönsten Perspektiven aus mitunter 100 Jahre alten Originalaufnahmen getroffen ! Vielen Dank für diese erstklassigen Eyecatcher, bevor ich Ihrer neuesten Präsentation eines Jungbunzlauer Sechszylinders folge.

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