Mariahilf – das ist doch ein Maybach 27/120 PS, oder?

Die Götter – oder gar die Muttergottes – anzurufen, ist an sich nicht meine Art.

Aufgewachsen in „gut katholischen“ Verhältnissen habe ich früh solide Skepsis gegenüber Glaubenssachen entwickelt. Die Bigotterie und Niedertracht eifriger Kirchgänger in der Familie hat dazu ebenso beigetragen wie das erwachende eigene Denken.

Man muss nicht die zynische Sicht einnehmen, die im Shakespeares „König Lear“ zum Ausdruck kommt: „Was Fliegen bösen Buben sind, sind wir den Göttern: Sie töten uns zum Spaß.“

Ich halte es eher mit den Skeptikern der griechischen Antike, welche die Existenz höherer Wesen für möglich hielten, aber der Ansicht waren, dass diese sich für uns nicht interessieren. Das erklärt die oft himmelschreienden irdischen Verhältnisse eher, als wenn man die Existenz eines gütigen, allgegenwärtigen Schöpfergottes annimmt.

Aber das soll bitteschön jeder für sich ausmachen – jede Weltsicht verdient Respekt, sofern sie nicht mit aggressivem Alleinvertretungsanspruch auftritt.

Mariahilf – ohne das wird es freilich auch bei agnostischer Haltung heute nicht ausgehen. Dazu begeben wir uns auf Pilgerschaft zu einem ganz Großen, der bis heute in einem kleinen Kreis von Eingeweihten Verehrung genießt.

Eine erste Spur findet sich in Form dieses Dokuments, das ich zusammen mit zwei weiteren am Wegesrande auflas – niemand sonst interessierte sich dafür, was am teils desolaten Zustand dieser Reliquien aus längst vergangener Zeit gelegen haben mag:

Maybach Typ W5 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses viertürige Cabriolet von gewaltigen Dimensionen fand sich auf einem winzigen Abzug abgelichtet, dessen Größe dem Negativformat eines Kleinbildfilms entsprach.

Welche Qualität sich daraus nach rund 90 Jahren noch zaubern lässt, ist zum Niederknien. Aber eigentlich sollten wir uns ja nicht gleich devot in den Staub schmeißen, nur weil hier einige Leute aus in ihrem Luxuswagen gnädig auf uns herabsehen.

Wir enthalten uns daher – vorerst – religiöser Verzückung und betrachten nüchtern die Fakten. Der Stil dieses Wagens mit der für ein offenes Fahrzeug recht hohen Seitenlinie verweist klar auf einen deutschen Karosseriehersteller.

Nimmt man an, dass es sich um keinen der in den späten 1920er Jahren bei uns stark verbreiteten US-Wagen mit in Deutschland gefertigten Karosserie handelt, kommen angesichts der Dimensionen dieses Fahrzeugs sehr wenige Hersteller in Betracht.

Nur einer davon verbaute Räder mit dem hier dokumentierten Erscheinungsbild: Maybach!

Der Luxuswagenhersteller aus Friedrichshafen am Bodensee fertigte dummerweise selbst keine Karosserieaufbauten – die wurden vom Käufer bei einem Blechkünstler ihrer Wahl individuell in Auftrag gegeben.

Das macht es zumindest für Novizen in Sachen Maybach wie mich so ausgesprochen schwer, zum Geheimnis vorzudringen, um was es sich für einen Typ genau handelt.

Allerdings waren uns die Götter gnädig, sie waren gerade nicht mit sich selbst beschäftigt. Ihnen – oder: dem Zufall – ist es zu verdanken, dass sich ein zweites Foto des Wagens erhalten hat:

Maybach Typ W5 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

„Mariahilf!“, möchte man hier ausrufen. Denn auf den ersten Blick hilft uns dieses Dokument nicht weiter. Zudem ist es von weit schlechterer Qualität als das eingangs gezeigte.

Dabei ist der Originalabzug hier etwa viermal so groß. Wie kann das sein?

Nun, das dürfte schlicht darauf zurückzuführen sein, dass hier eine andere Kamera mit schwächerer Optik eingesetzt wurde, da half auch das wohl größere Negativformat nicht.

Ein kleines Wunder ist hier dennoch zu bezeugen, denn ausgerechnet auf diesem sonst eher mittelprächtigen Foto ist das Kühleremblem von Maybach zu sehen.

Das ist auch für diejenigen ein erhebender Moment, die nicht zur verschworenen kleinen Maybach-Gemeinschaft gehören. So hat mir F. Fischmann vom deutschen Maybach-Club bei anderer Gelegenheit mitgeteilt, dass die Kühlerfigur erst beim Typ W5 auftauchte.

Dieser ab 1926 gebaute Gigant war mit knapp 7 Litern Hubraum reichlich gesegnet – 120 PS sorgten für einen Vortrieb, als ob ein Engel schiebt. Über die sonstigen Meriten diese grandiosen Wagens hatte ich mich bereits bei anderer Gelegenheit ausgelassen (hier).

Dieses seinerzeit einzigartige deutsche Automobil verdient angemessene Verehrung, gleichwohl müssen wir sachlich bleiben und uns die Frage stellen, ob vielleicht nicht jemand seinen etwas schwächeren Maybach W3 mit immerhin noch 70 PS mit dem Kühleremblem des Spitzenmodells nachgerüstet hat, wie man das bei anderen Herstellern bisweilen findet.

Ich vermag das nicht abschließend klären, und überlasse das Urteil Ihnen, verehrte Leser. Dabei mag ein von Herzen kommendes „Mariahilf“ vielleicht doch Wunder wirken.

Denn das dritte Foto desselben Maybach ist an einem Ort entstanden, der eine enge Verbindung zur Gottesmutter aufwies und (wie es scheint) bis heute besitzt:

Maybach Typ W5 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir den nach damaligen Maßstäben beinahe allmächtigen Maybach vor der „Mariahilf-Apotheke“ – vermutlich im oberösterreichischen Rohrbach. Vielleicht kann einer meiner Leser aus der Alpenrepublik es genau sagen.

Jedenfalls sehen wir hier den Maybach in seiner ganzen Pracht – mit einem Mal ergeben auch die Proportionen des enormen Wagens durchaus einen Sinn.

Wer mag der Hersteller dieser konservativen, vollkommen harmonischen Karosserie gewesen sein? Und existiert dieses spezielle Exemplar vielleicht sogar noch irgendwo?

Um die Beurteilung zu erleichtern, habe ich von dem abermals winzigen Abzug in Kleinbildnegativformat eine Ausschnittsvergrößerung angefertigt. Wundern Sie sich nicht, dass die dunkle Zierleiste entlang der Motorbau ein wenig „verwackelt“ ist.

Dort war der Abzug großflächig beschädigt und ich habe nur begrenzte Möglichkeiten (und Zeit) zur Retusche solcher Fehler:

Maybach Typ W5 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mag uns „Mariahilf“ hier vielleicht nicht wirklich weiterbringen, kann es dennoch eventuell eine nüchterne Analyse eines Maybach-Kenners.

Haben wir hier tatsächlich einen der grandiosen Wagen des Typs W5 27/120 PS vor uns? Oder ist das ein Verführer, der sich das Kühleremblem unberechtigt angeeignet hat und uns so auf verteufelte Abwege bringen will?

Wie immer bin ich gespannt auf jede Form der Reaktion: gläubige Begeisterung, kühle Distanz und sachliche Korrektur – für alles davon ist hier Platz in Sachen Vorkriegswagen.

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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