Nischenmarke anno 1930: Ein Marquette „Six“

Als der Verfasser vor einigen Jahren beschloss, eine Nische im Internet zu besetzen – nämlich Vorkriegsautos anhand historischer Fotos aus dem deutschsprachigen Raum zu besprechen – war er auf manche Überraschung gefasst.

Absehbar war, dass beim Durchforsten der am Markt verfügbaren zeitgenössischen Vorkriegsautobilder die eine oder andere Rarität dabei sein würde. Entsprechende Bilder konzentrieren sich in der Rubrik „Fund des Monats“.

Nicht zu erwarten war die enorme Zahl an Bildern, die Wagen amerikanischer Hersteller auf deutschen Straßen zeigen – noch dazu von hierzulande kaum bekannten Marken wie Chalmers, Erskine oder Whippet.

Heute können wir einen weiteren solchen Exoten vorstellen, nämlich diesen hier:

Marquette_04-1932_Galerie

Marquette, Baujahr 1930; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses an sich wenig aufregende Foto landete immer wieder vergeblich auf Wiedervorlage. Nur dass es ein amerikanisches Fabrikat mit deutschem Nummernschild zeigt, schien klar.

Dafür sprach die Kombination aus Doppelstoßstange, großen Frontscheinwerfern und Holzspeichenrädern. Solche Elemente wurden ab Mitte der 1920er Jahre zwar von deutschen Herstellern übernommen, doch keiner davon verbaute einen solchen Kühler:

Marquette_Zul_Mannheim_04-1932_Frontpartie

Zwei Dinge fallen hier ins Auge: zum einen die feine Mittelstrebe im Kühlergrill, zum anderen die verchromte Abdeckung im unteren Kühlerbereich, hinter der sich die Aufnahme für die (nur noch im Notfall zu betätigende) Anlasserkurbel befand.

Die Kühlerfigur gibt keinen Aufschluss hinsichtlich der Marke. Von wenigen eindeutigen Fällen abgesehen, helfen solche als Zubehör erhältliche oder individuell geschaffene Accessoires meist nicht weiter.

Möglich war die Identifikation dieses Wagens nur mit einer sehr analogen Technik – dem Durchblättern der Literatur zu amerikanischen Vorkriegsautos in Europa.

Im vorliegenden Fall fand sich eine Aufnahme aus fast identischer Perspektive in einer ganz wunderbaren Publikation des britischen Enthusiasten Bryan Goodman: „American Cars in Europe – A Pictorial Survey“, 2004.

Dort ist auf S. 136 ein Marquette des Modelljahrs 1930 abgebildet, der europäischen Kunden schon 1929 in Paris vorgestellt wurde und sich nur durch die optional verfügbaren Scheibenräder von dem Wagen auf unserem Foto unterscheidet.

Nur Kennern der frühen US-Automobilgeschichte wird „Marquette“ noch etwas sagen. Dabei handelte es sich um eine kurzlebige Marke aus dem General Motors-Verbund, die 1911/12 ein konventionelles Vierzylindermodell mit 40 PS herstellte.

Diese Episode sollte sich fast 20 Jahre später wiederholen. So bot die zu General Motors gehörige Firma Buick angesichts der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 einen günstigeren Wagen unter der Bezeichnung „Marquette“ an.

Dazu konstruierte man einen 6-Zylinderwagen, dessen Motor im Unterschied zu den Buick-Modellen keine im Zylinderkopf hängenden, sondern konventionell seitlich angebrachte Ventile aufwies.

Das 3,5 Liter große Aggregat leistete trotz simpler Ventilsteuerung knapp 70 PS, was ein Spitzentempo von über 110 km/h ermöglichte. Vergleichbar leistungsfähige Modelle gab es in Deutschland in der 6-Zylinderklasse keine.

Dabei war der Marquette „Six“ des Modelljahrs 1930 auch in formaler Hinsicht ein ganz normaler US-Mittelklassewagen:

Marquette_Zul_Mannheim_04-1932_Seitenpartie

Auffallend an dem konventionellen Aufbau als Sechsfenster-Limousine ist allenfalls das Schild mit der Zahl „75“ am Ersatzrad. Wahrscheinlich wurde der Wagen anlässlich eines Geburtstags oder Jubiläums eingesetzt.

Übrigens dürfte das Foto am Rhein bei Mannheim entstanden sein, wie die Kennung „IV B“ in Verbindung mit der nachfolgenden Nummer nahelegt. Das ist ein erstaunlicher Befund, denn der Marquette „Six“ wurde 1930 wieder eingestellt.

Dass Wagen dieses Typs dennoch nach Europa gelangten, belegt neben dem Foto aus Frankreich im erwähnten Buch von Bryan Goodman diese Aufnahme aus Deutschland.

Wer meint, dass dies ein Kandidat für den „Fund des Monats“ wäre, übersieht, dass Marquette-Wagen nach europäischen Maßstäben Massenprodukte waren.

Von diesem einen Typ entstanden in rund 12 Monaten Produktionsdauer über 35.000 Stück, mehr als die damalige Jahresproduktion aller Adler- oder Opel-Typen, andere deutsche Hersteller brauchen wir erst gar nicht zu erwähnen.

Trotzdem war das doch nur eine beliebige Ami-Kiste, mögen nun Verfechter der deutschen Automobiltradition jener Zeit einwenden. Das stimmt vielleicht. Was solch ein Marquette „Six“ zu leisten vermochte, war dennoch nicht alltäglich:

Ein Herr Butculesco aus dem rumänischen Jassy nahm 1930 in einem Marquette an der legendär anspruchsvollen Rally Monte Carlo teil, gelangte als Nr. 13 von 87 Teilnehmern ans Ziel, zwei Plätze vor Rudolf Caracciola auf Mercedes.

Auch dieses Detail verdanken wir einmal mehr keinem deutschsprachigen „Oldtimer“-Magazin, sondern dem erwähnten Buch des Briten Bryan Goodman.

Schon merkwürdig, dass die interessantesten Bücher zu Vorkriegswagen in Europa – solche wie dieses – schon lange nicht mehr aus Deutschland kommen…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.