Vorsprung durch Technik: Audi Typ M 18/70 PS

Der Firma Audi gehört unter den heutigen Autoherstellern meine besondere Sympathie – aber nicht wegen deren aktuellen Modellen.

Das „modernste“ Auto, das ich je besessen habe, stammte von 1985 – es war ein 1200er VW Käfer, dem jahrelanges Dauervollgas im Alltagsbetrieb keineswegs schadete – erst bei Kilometerstand 210.000 km verabschiedete sich der Motor (der erste wohlgemerkt).

Doch Audi darf sich das Verdienst zuschreiben, die Erinnerung an die vier Marken der einstigen Auto-Union am Leben zu erhalten. Dabei war ausgerechnet Audi die stückzahlenmäßig mit Abstand unwichtigste Marke mit dem Logo der vier Ringe.

Vom Namen abgesehen verbindet die heutige Firma nichts mit der Marke Audi der Vorkriegszeit, außer dem Willen, in technischer Hinsicht der Konkurrenz voraus zu sein.

„Vorsprung durch Technik“ lautet dementsprechend der Slogan, den fast jeder mit Audi verbindet, wobei ich nicht weiß, ob er überhaupt noch verwendet wird. Aktuelle Autos – rollende Computer mit für mich zunehmend unverständlichem Äußerem – interessieren mich nicht im Geringsten.

Doch wenn es um Vorkriegs-Audis geht, bin ich elektrisiert – zum einen deshalb, weil sie einst unglaublich selten waren, zum anderen, weil sie technische Leckerbissen darstellten – vor allem nach dem 1. Weltkrieg.

Ein großartiges Beispiel dafür darf ich heute präsentieren, drei Jahre und einen Monat nachdem ich das erste Exemplar desselben Typs vorstellen durfte – anhand dieses exzellenten Fotos aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks:

Audi Typ M 18/70 PS Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Über die Meriten dieses kolossalen Wagens hatte ich mich seinerzeit ausführlich hier ausgelassen. Daher sei an dieser Stelle nur das Nötigste wiederholt:

Audi stellte 1923 einen neu entwickelten Sechszylindertyp vor, der ein hochfeines Aggregat mit obenliegender Nockenwelle und Königswellenantrieb besaß, das aus 4,7 Liter Hubraum eine Spitzenleistung von 70 (später 80 PS) produzierte.

Damit war kurzzeitig eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h möglich, das Dauertempo wurde mit 100 km/h angegeben. Mit Blick auf das Wagengewicht von – je nach Aufbau – 2,3 bis 2,5 Tonnen – bot Audi auch bremsseitig Außergewöhnliches:

Die großzügig dimensionierten Vierradbremsen – für sich genommen damals noch ein Novum – wurden bereits durch eine Art hydraulischen Bremskraftverstärker unterstützt. Audi selbst bezeichnete das aufwendige System als „Servo-Öldruck-Vierradbremse“.

Auch sonst wurde aus dem Vollen geschöpft, weshalb der Audi Typ 18/70 PS nach dem Maybach-Wagen der mit Abstand teuerste Wagen aus deutscher Produktion war. Allein das motorisierte Fahrgestell kostete 1925 unglaubliche 24.000 Reichsmark – den Gegenwert eines kleinen Hauses.

Die Aufbauten waren separat zu bestellen – Audi bot keine Werkskarosserien an – und dafür war dann nochmals ein hübscher Betrag zu berappen, bei dem damalige Durchschnittsverdiener Schnappatmung bekamen. Sie mussten sich selbst ein Fahrrad mühsam zusammensparen.

Nachvollziehbar, dass Audi während der Produktionszeit, die 1928 endete, gerade einmal 230 Exemplare dieses Technologieträgers absetzen konnte. Umso spektakulärer ist es, wenn heute noch „neue“ Fotos des raren Audi-Modells auftauchen:

Audi Typ M 18/70 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Diese eindrucksvolle Aufnahme einer grandiosen Sechsfenster-Limousine auf Basis eines Audi Typ M 18/70 PS verdanke ich dem Sammlerglück von Marcus Bengsch – neben Klaas Dierks und Matthias Schmidt einer der Stützen dieses Blogs, was die Zulieferung originaler Spitzenaufnahmen von Vorkriegswagen angeht.

Liebe Leser, vergessen Sie bei all‘ diesen Schätzen eines nicht: Keiner der Enthusiasten, die mit mir hier ihre Funde dem Publikum zugänglich machen, verlangt auch nur einen Cent dafür, ebenso wie dieser Blog für Sie kostenlos (und werbefrei) ist und bleiben wird.

Ein Audi des herrlichen Sechszylindertyps M 18/70 PS wird einem so bald nicht wieder begegnen, darum genießen wir dieses Dokument gebührend:

Dass man diesen Wagen überhaupt als Audi identifizieren kann, ist in erster Linie der Kühler“figur“ geschuldet – einer „1“. Sie war von 1923 bis 1938 das Erkennungszeichen aller Audis, neben dem unleserlichen Markenschriftzug auf der ovalen Plakette.

In der renommierten Zeitschrift „Motor“ – heute eine gesuchte Publikation – wurde 1924 folgende Reklame veröffentlicht, die ich als Original ergattern konnte.

Sie zeigt Kühlerfigur und Markenschriftzug zusammen mit einem stark stilisierten Audi des Vierzylindertyps K 14/50 PS (späte Ausführung von 1924-26) oder des Sechszylindermodells M 18/70 PS (ab 1924):

Audi-Reklame aus der Zeitschrift Motor von 1924; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Sowohl der nur 192mal gebaute Vierzylindertyp 14/50 PS als auch das geringfügig erfolgreichere Sechszylindermodell 18/70 PS, um das es heute geht, besaßen einen Flachkühler, bei dem nur noch das Oberteil an die zuvor üblichen Spitzkühler erinnerte.

Vom gigantischen Achtzylindertyp 19/100 PS „Imperator“, der ab 1927 gebaut wurde, unterschied sich die Kühlerpartie durch die Position des ovalen Audi-Emblems, das hier noch in das Kühlernetz hineinragt. Bei Imperator war es nach oben gewandert.

Wer waren nun die Leute, die sich Mitte der 1920er Jahre ein solches Luxusfahrzeug leisten konnten?

Nun, offensichtlich einige Superreiche, die für ihre persönliche „Reisefreiheit“ ein souverän motorisiertes, zuverlässiges Automobil wünschten, das trotz seiner grandiosen Dimensionen ohne Elemente auskommt, die übermäßige Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie etwa die Kühlerpartie eines Rolls-Royce.

Das waren zugleich Leute, die sich zwar gern als Autobesitzer präsentierten, aber tatsächlich einen Fahrer beschäftigten – dieser Ausschnitt des Originalfotos zeigt letzteren neben seinem Arbeitgeber:

Zweifellos wurde der Chauffeur des Audi-Besitzers im seinerzeit modischen Trenchcoat gut bezahlt – der Wohlstandsbauch spricht für sich.

Für einen derartigen Wagen verantwortlich zu sein, dem Arbeitgeber eine flexible, sichere und zuverlässige Reisemöglichkeit zu garantieren, das war eine hochexklusive Angelegenheit wie das Automobil selbst, dessen 125 Liter fassender Benzintank verrät, welche phänomenalen Freiheitsgrade dieser Wagen bot: 500 km Reichweite trotz Verbrauchs von 20-25 Litern pro 100 km!

Leider wissen wir nichts über den Besitzer der Audi-Limousine des Typs M 18/70 P-S, außer dass er im Raum Kassel (Nordhessen) zugelassen war. Ob das Auto zu der handvoll überlebenden Exemplare gehört, ist bislang ebenfalls nicht bekannt.

Aber wenigstens das kann sich noch ändern – ein Grund mehr, rare Dokumente wie dieses einem breiten Publikum zu zeigen.

Außerdem ist es faszinierend, ein so frühes und so großartiges Beispiel für das Motto „Vorsprung durch Technik“ zu sehen, das bis heute begeistert…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Nur für Leute mit „Kohle“: Audi 225 Luxus Cabrio

In meinem heutigen Blog-Eintrag biete ich auf den ersten Blick nichts Neues – aber immerhin eine neue Perspektive auf einen alten Bekannten, und das nicht nur in fotografischer Hinsicht.

Der Wagen, um den es geht, ist die im Frühjahr 1936 vorgestellte weiterentwickelte Ausführung des Audi Typ 225 „Front“ – dem trotz einiger Kinderkrankheiten erfolgreichsten Audi der Vorkriegszeit.

Der damals schon nicht mehr völlig neue Frontantrieb wurde mit formal sehr gelungenen Karosserien kombiniert; vor allem die von Gläser aus Dresden zugelieferten Cabriolets waren von großer Eleganz.

In einem früheren Blogeintrag habe ich diese von Gläser gebaute Cabrioversion des Audi Typ 225 Luxus mit nur zwei Seitenscheiben vorgestellt:

Audi Typ 225 Front Luxus, 2-Fenster-Cabriolet von Gläser; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Der Wagen auf dieser Aufnahme aus der Sammlung von Leser Marcus Bengsch ist an der schemenhaft wiedergegeben „1“ auf dem Kühler als Audi zu erkennen.

Die Gestaltung der seitlichen Luftschlitze in der Motorhaube in zwei übereinanderliegenden Reihen ist Kennzeichen der ab Frühjahr 1936 verfügbaren Version „Luxus“ mit nunmehr offiziell 55 PS (zuvor 50 PS).

Gängiger als das Zweifenster-Cabriolet war die offene Ausführung mit vier Seitenfenstern, die ebenfalls von Gläser aus Dresden gefertigt wurde. Die Chassislänge wie auch die Platzverhältnisse waren bei beiden Ausführungen identisch, jedoch rückte beim Vierfenster-Cabrio das Verdeck weiter nach hinten.

Kein Wunder, dass die vierfenstrige Variante die beliebtere war, saßen die rückwärtigen Passagiere bei geschlossenem Verdeck dabei nicht im Halbdunkel.

Die bislang beste Aufnahme eines solchen Audi Typ 225 Front Luxus als Vierfenster-Cabriolet in meinem Blog ist diese:

Audi Typ 225 Front Luxus; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Beigesteuert hat das Dokument Leser Matthias Schmidt aus Dresden, dem wir bereits zahlreiche solcher Vertreter einstiger ostdeutscher Automobilbaukunst verdanken.

Dem Nummernschild nach zu urteilen war dieser Audi einst im Raum Aachen zugelassen, mehr ist über das Auto und seinen Besitzer nicht bekannt. Vielsagend ist jedoch der Hintergrund, auf den ich noch zurückkomme.

Zuvor einige Anmerkungen zur Frontpartie: Gut zu erkennen ist hier die leicht schräg im Wind stehende „1“ – kein besonders raffinierter Entwurf für eine Kühlerfigur, aber von hohem Wiedererkennungswert.

Die vier Ringe auf der Mittelstrebe des Kühlers sind nicht Audi-spezifisch, sondern verweisen auf die Zugehörigkeit der Marke zum Auto-Union-Konzern, der auch DKW, Horch und Wanderer umfasste.

Die blinkerähnlichen Leuchten auf den Vorderkotflügeln sind tatsächlich Positionsleuchten, die das Standlicht bei Nacht lieferten. Für sie wurde ein Aufschlag von 22,50 Reichsmark verlangt.

Das Fehlen des seitlichen Reserverads bedeutet hier lediglich, dass man von dieser ziemlich teuren Zusatzoption (135 Reichsmark) keinen Gebrauch gemacht hatte. Ein Reserverad scheint bei der Basisausführung im Kofferraum untergebracht gewesen zu sein.

Der mächtige Scheinwerfer, der an einer massiven Chromstange unten vor dem Kühler zu sehen ist, war ein weiteres aufpreispflichtiges Extra. Es handelt sich um einen Nebelscheinwerfer, für den 32 Reichsmark verlangt wurden.

Nun könnte man meinen, dass diese Sonderausstattungen doch recht zivil gepreist waren. Doch muss man die Preise ins rechte Verhältnis setzen und das heißt nicht nur zum Kaufpreis der Basisversion von 6.875 Reichsmark, sondern auch zum Verdienst eines durchschnittlichen Arbeitnehmers im damaligen Deutschland.

Schon öfters wurde ich von Besitzern alter Familienfotos mit dem Auto der Großeltern oder Urgroßeltern gefragt, was diese Wagen denn in heutigem Geld kosten würden. Meine Antwort darauf ist die, dass eine direkte Umrechnung nicht möglich ist, da es keinen Wechselkurs zwischen nicht mehr existierenden Währungen und dem heutigen Euro gibt.

Doch kann man auf einem Umweg einen Eindruck davon gewinnen, wie teuer so ein Auto aus Sicht eines damaligen Durchschnittsverdieners war. Denn zumindest die jährlichen Durchschnittsverdienste der in die gesetzliche Sozialversicherung einbezogenen Arbeiter und Angestellten sind lückenlos bekannt.

1936, also im Jahr der Präsentation des Audi Typ 225 Front Luxus, verdiente ein gesetzlich Versicherter in Deutschland im Schnitt brutto 1.783 Reichsmark pro Jahr. Das bedeutet, dass er rund 4 Jahresgehälter für einen Audi 225 Front Luxus mit ein paar der genannten Extras hätte aufbringen müssen.

Das allein vermittelt bereits eine Vorstellung davon, wie unglaublich teuer so ein Wagen aus Sicht der breiten Masse der „Volksgenossen“ war, wie die ehemaligen Bürger des Deutschen Reichs von der nationalsozialistischen Regierung abschätzig tituliert wurden.

Übertragen auf heutige Verhältnisse wird die Sache noch deutlicher: Ein sozialversicherungspflichtiger Arbeitnehmer verdient im Jahr 2020 im Schnitt 40.551 EUR pro Jahr. Multipliziert mit dem Faktor 4 wie im Fall des Audi anno 1936 landet man bei über 160.000 EUR!

Hand aufs Herz: Welcher heutige Durchschnittsverdiener, der sein Auto selbst bezahlt (also keinen Firmenwagen fährt), kann dafür mehr als 20.000 EUR ausgeben? Dagegen sind 160.000 EUR ebenso astronomisch wie einst knapp 7.000 Reichsmark im Jahr 1936.

So war ein Audi Front Luxus eine Sache nur für „Leute mit Kohle“ und genau das kann man auch dem reizvollen Foto von Matthias Schmidt entnehmen:

Vielleicht hatte hier jemand mit Brennstoffhandel ein kleines Vermögen gemacht, das ihm den Kauf eines dieser prächtigen Audi-Cabriolets ermöglichte. Warum auch sonst sollte jemand einen derartigen Wagen vor so einer prosaischen Kulisse ablichten?

Und wer weiß, vielleicht hat ja genau dieses Exemplar die Zeiten überdauert, denn einige Dutzend dieser wunderschönen Cabrios mit Frontantrieb sollen noch existieren. Dabei würde es mich freilich wundern, wenn eines davon aus Sicht eines heutigen Durchschnittsverdieners billiger zu haben wäre als 1936.

Solch ein Vorkriegsaudi ist immer noch ein Wagen für „Leute mit Kohle“ und ich gönne ihnen beides von Herzen – ihr Geld (wenn es ehrlich verdient ist) und das feine Automobil…

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Aus der Welt der alten Kisten: Ein Audi um 1914

Selten traf ein Titel so zu wie heute: Denn das Dokument, das ich heute vorstellen will, führt im wahrsten Sinn des Worts in die geheimnisvolle Welt der „alten Kisten“ .

Das Auto, um das es dabei geht, hätte zwar mittlerweile fast 110 Jahre auf dem Buckel, dennoch war es einst alles andere als von gestern. Vielmehr war es zum Zeitpunkt der Aufnahme erst wenige Jahre auf dem Markt und der Hersteller gerade seit 1910 aktiv.

Von daher hätte niemand zur Entstehungszeit des folgenden Fotos den darauf abgebildeten Wagen abfällig als „alte Kiste“ tituliert – tatsächlich war das Auto damals vollkommen zeitgemäß, wenn auch technisch wie formal unauffällig:

Audi Typ B 10/28 PS oder C 14/35 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bevor es an die Identifikation des Wagens geht, ein paar Hinweise zur zeitlichen Einordnung – ohne sofort ersichtliche Marke ist das oft der erste Schritt, bevor es an weitere Recherchen geht.

Die großen trommelförmigen Scheinwerfer sind noch gasbetrieben – ein Indiz für eine Entstehung des Wagens vor dem 1. Weltkrieg. Nach Kriegsende 1918 wurden zwar alte Wagen oft noch eine Weile mit Gasscheinwerfern weitergefahren, aber Neufahrzeuge wurden zu dieser Zeit fast immer mit elektrischer Beleuchtung ausgeliefert.

Der leicht ansteigende Übergang von der Motorhaube zur Windschutzscheibe verrät, dass das Auto nicht vor 1910 entstanden sein kann. Denn erst dann wurde diese aus dem Rennsport stammende „Windkappe“ (auch als „Windlauf“ oder „Torpedo“ bezeichnet) im Serienbau üblich.

Damit wären wir in einem recht engen zeitlichen Band von 1910 bis 1914 angelangt. Doch selbst in einem so kurzen Zeitraum kam es damals etwa alle zwei Jahre zu merklichen technischen und gestalterischen Fortschritten, sodass man diese frühen Automobile oft bemerkenswert genau datieren kann – vorausgesetzt man weiß, was man vor sich hat.

Im vorliegenden Fall haben wir Glück – wir sehen gerade genug, um den Hersteller identifizieren zu können:

Das Oberteil des Kühlergehäuses ist leicht nach innen gekehlt und trägt in der Mitte – leicht nach unten versetzt – ein plastisch herausgearbeitetes ovales Emblem.

Hat man das einmal gesehen, erkennt man es selbst unter so ungünstigen Umständen wie hier relativ leicht wieder.

Folgender Ausschnitt aus einem hier bereits vorgestellten Foto verdeutlicht das:

Diese Frontpartie stammt von einem Audi Typ B 10/28 PS oder C 14/35 PS, gebaut ab 1912.

Das Auto besitzt bereits elektrische Beleuchtung, entspricht aber sonst weitgehend dem Wagen auf dem eingangs präsentierten Foto. Neben der markanten Kühlerpartie (der abweichende Kühlerverschluss hat nichts zu bedeuten) stimmt auch die Ausführung der Radnabe vollkommen überein – ein oft markenspezifisches Detail.

Der übrige Aufbau braucht uns nicht zu interessieren, da die Audis jener Zeit keine Werkskarosserien besaßen, sondern durchweg individuelle Aufbauten erhielten – wovon heutige Audi-Besitzer – bei allen sonstigen Vorzügen der Wagen – nur träumen können.

Da Audi überhaupt erst 1910 mit dem Serienbau von Automobilen begann, nachdem Firmengründer August Horch sein gleichnamiges Unternehmen verlassen hatte, lassen sich die in Frage kommenden Typen sehr gut eingrenzen.

Der Erstlingstyp A 10/22 PS war nur kurze Zeit erhältlich und besaß eine andere Kühlerpartie. Damit kommen nur die 1911 vorgestellte Typen B 10/28 PS, C 14/35 PS und D 18/45 PS in Betracht.

Da vom Typ D nur gut 50 Exemplare gebaut wurden, verbleiben die Typen B und C als wahrscheinlichste Kandidaten. Sie sind nach meinem derzeitigen Kenntnisstand äußerlich nicht zu unterscheiden (oder weiß jemand Gegenteiliges?).

Auch das empfehlenswerte Standardwerk „Audi Automobile“ von Kirchberg/Hornung (Verlag Delius Klasing, 2015) liefert dazu keine Hinweise. Dort finden sich nur ganz wenige Aufnahmen der Typen B und C – jedenfalls nicht mehr als in der Audi-Galerie dieses Blogs.

Während die Frage des genauen Typs offenbleibt – verkraftbar, da die Modelle B und C auf demselben Chassis basierten – lässt sich das Baujahr besser eingrenzen.

So besaßen die frühen Modelle von Audi (1910-1912/13) noch einen ganz flachen Kühler wie bei diesem Wagen:

Audi Typ B 10/25 PS oder C 14/35 PS von 1912/13; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Damit dürfte klar sein, dass der heute vorgestellte Audi mit dem nach innen gekehlten Kühleroberteil und dem plastischen Emblem kurz vor dem 1. Weltkrieg entstand.

Nicht ganz auszuschließen ist aber, dass der Wagen noch nach 1914 gefertigt wurde.

So blieben die Typen B und C über den Kriegsbeginn hinaus in Produktion. Zudem liefert das Foto selbst einen Hinweis, dass es möglicherweise nicht zu Friedenszeiten entstand:

Die Holzkisten im Hintergrund sehen für mich wie Munitionskisten aus. Sie sind mit leider nicht lesbaren Beschriftungen versehen, die näheren Aufschluss geben würde.

Zwei mögliche Interpretationen bieten sich nun an:

Entweder der Besitzer des Audi war ein Unternehmer, der solche Kisten nach Heeresspezifikation produzierte – so etwas wurde oft von Mittelständlern übernommen, die zusehen mussten, wie sie ihre Firmen nebst Belegschaft durch den Krieg bekommen.

Oder das Foto ist direkt nach Kriegsende entstanden und die Kisten waren schlicht Überbleibsel des für Europa so verheerenden Konflikts.

Dann wären es in der Tat „alte Kisten“ gewesen, während der Audi in der Ausführung als Typ C 14/35 PS noch eine ganze Weile aktuell blieb. Er erhielt zwar nach dem Krieg einen Spitzkühler, wurde aber ansonsten im wesentlichen unverändert bis 1925 gebaut.

Über 1.000 Stück sind davon entstanden – überlebt hat bloß eine handvoll…

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Wiedersehen im Schnee: Audi „Front“ 225 Cabrio

„Man trifft sich stets zweimal“ – so lautet ein Bonmot, das sich nach meiner Erfahrung oft genug bestätigt. Eine Erklärung dafür ist die, dass Menschen aus demselben Milieu übereinstimmende Neigungen haben und ähnliche Verhaltensmuster an den Tag legen.

Kreuzen sich dann die Wege wieder einmal – vielleicht nach langer Zeit – stellt sich nicht immer Begeisterung ein. Mitunter hat man sich auseinandergelebt und flüchtet sich dann in Belanglosigkeiten.

Eine solche Situation wurde von einer hessischen Musikgruppe einst mit der legendären Titelzeile „Ei gude wie, wo machst’n hie?“ besungen. Eine mögliche Übersetzung ins Hochdeutsche lautet so: „Ach – guten Tag! Wie geht es Dir? Wohin bist Du unterwegs?“

Doch gibt es auch unerwartete Begegnungen, in denen es keiner Höflichkeitsfloskeln bedarf, die das Desinteresse kaschieren. Mitunter freut man sich schlicht, nach einiger Zeit einen alten Bekannten wiederzusehen – so ist das auch heute in meinem Blog.

Die Freunde von Vorkriegs-Audis und wohl alle Liebhaber alter Autofotos, die hier mitlesen, erinnern sich vermutlich an die folgende Aufnahme, die ich im letzten Sommer zusammen mit einigen weiteren gezeigt habe:

Audi „Front“ 225 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Seinerzeit hatte ich dieses zauberhafte Dokument zusammen mit weiteren unter dem Titel „Ein Traum in 3D“ vorgestellt, weil die Aufnahmen eine Rundumsicht eines Audi „Front“ 225 Cabriolet von 1935/36 mit Karosserie von Gläser aus Dresden boten.

Damals hatte ich bereits angemerkt, dass das Besitzerpaar ein Faible für die „Farbe Weiß“ gehabt haben muss. Dies bestätigt sich heute anhand von zwei weiteren Aufnahmen desselben Autos:

Audi „Front“ 225 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir nicht nur exakt denselben Audi mit Zulassung im Raum Annaberg/Erzgebirge – nunmehr in winterlicher Landschaft – sondern auch den mutmaßlichen Fotografen der im Sommer entstandenen Aufnahmen.

Jedenfalls gehe ich davon aus, dass nunmehr die fesche Dame im damals zum Auto passenden weißen Kleid die Kamera bediente – und das mit einem Blick für’s Malerische. Der dünne Verkehr im ländlichen Deutschland der späten 1930er Jahre erlaubte einen solchen Fotohalt an einer Kehre der Landstraße, die sich irgendwo nach oben schraubt.

Der frontgetriebene Audi mit 50 PS-Sechszylinder dürfte hier gezeigt haben, was er kann. Ein solches Foto macht man nicht, wenn man keine Freude daran hat, durch eine Winterlandschaft und über verschneite Straßen zu fahren.

Wie es scheint, hatten die Besitzer keine Schneeketten aufgezogen. Offenbar hatte bereits Tauwetter eingesetzt und man konnte darauf vertrauen, dass der Frontantrieb den 1,5 Tonnen schweren Audi wieder zuverlässig aus dem Schneematsch ziehen würde.

Dass unser Audi-Paar an jenem Tag eine vergnügliche Fahrt unternahm und sich mit dem Wagen offensichtlich wohl auf winterlichen Straßen fühlte, verrät vielleicht noch mehr das zweite damals entstandene Foto:

Audi „Front“ 225 Cabriolet“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch hier scheint „sie“ wieder die Kamera bedient zu haben – und nun mit noch schönerem Ergebnis, wohlkomponiert und ausgezeichnet belichtet, was damals bei Schnee gar nicht so einfach war.

Auch hier scheint Tauwetter eingesetzt zu haben und man mag sich gar nicht vorstellen, welche Unmengen Schneematsch sich der Audi auf dieser Ausfahrt in jeden Winkel des Chassis schaufelt.

Sicher: Rahmen und Bleche waren damals von beeindruckender Stärke und rosteten nicht nach wenigen Wintern durch, wie das am qualitativen Tiefpunkt des europäischen Automobilbaus in den 1970er Jahren der Fall war.

Dennoch interessiert es einen, ob Besitzer solcher teuren Prestigewagen einst ein Mindestmaß an Vorkehrungen trafen, um ihre vierrädrigen Schätze möglichst lange vor dem Zugriff des Rosts zu schützen.

Interessehalber habe ich in einem umfangreichen Zubehörkatalog der frühen 1930er Jahre nachgeschlagen, der mir im Original vorliegt – dem Katalog Nr. 125 der Firma Bernhard Wedler, ansässig in Breslau (Schlesien) und Stettin (Pommern).

Dort findet sich auf S. 203 ein Produkt, das zumindest eine nachträgliche Behandlung angegriffener Chassisteile ermöglichte.

Es trug den schlichten Namen „4610“ und wurde als Isolier- und Rostschutzlack angepriesen, der der frühzeitigen Zerstörung von Fahrwerksteilen einschließlich des Rahmens und der Unterseite der Koflügel entgegenwirken sollte.

Es scheint sich dabei nicht um einen Unterbodenschutz auf Bitumen- oder Wachsbasis gehandelt zu haben, wie er nach dem Krieg gängig wurde. Mit Pinsel oder Spritzpistole in zwei Schichten aufgetragen ergab besagter „4610“-Schutzlack eine geschlossene und hochglänzende Oberfläche, wie in der Beschreibung betont wird.

Ob unsere Audi-Besitzer wohl auch für solche verborgenen Finessen einen Sinn hatten?

Möglicherweise konnten sie es sich leisten, dem dauerhaften Erhalt ihres Wagens keine Bedeutung beizumessen. Wichtig war es ihnen aber, ihn als geschätzten Gefährten in einer Zeit festzuhalten, in der in vielerlei Hinsicht Gewohntes ins Rutschen geriet:

Über das Schicksal dieses Audi „Front“ 225 Cabriolets und seiner einstigen Besitzer ist mir sonst nichts bekannt.

Dennoch hege ich bei solchen Fotos mit Nummernschild stets die Hoffnung, dass sich doch mehr davon erhalten hat – seien es weitere Dokumente oder gar der Wagen selbst.

Unabhängig davon bleibt uns wie schon bei den ersten Fotos dieses Audi die Freude an dem schönen Wagen und seiner gekonnten Inszenierung – erhalten auf alten Abzügen, die nach jahrzehntelangem Schlummer ein unverhofftes und willkommenes Wiedersehen ermöglichen…

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Stilistisches Vorbild für den Audi 920: Buick von 1937

Manche Freunde deutscher Vorkriegswagen hören es nicht gern und ich musste es im Lauf der Jahre ebenfalls erst lernen:

Die US-Großserienhersteller übernahmen nach dem 1. Weltkrieg technisch wie stilistisch die Führung und ließen die meisten Autos aus deutscher Produktion im wahrsten Sinne des Wortes alt aussehen.

Ende der 1920er Jahre hatten amerikanische Wagen im Deutschen Reich einen heute unvorstellbaren Marktanteil von mehr als einem Drittel, in der Hauptstadt Berlin waren die „Amerikaner-Wagen“ seinerzeit sogar noch verbreiteter.

Ab 1930 holten die einheimischen Hersteller auf – auch mit Nachhilfe aus Übersee, was die Großserienmodelle von Opel und Ford angeht. Speziell bei Kleinwagen und in der Mittelklasse machten zunehmend deutsche Fabrikate das Rennen.

Doch das lag nicht an einer vermeintlichen Unterlegenheit von US-Wagen in dieser Kategorie, sondern schlicht daran, dass die amerikanische Automobilindustrie so weit fortgeschritten war, dass selbst die Wagen der dortigen Massenhersteller in einer anderen Liga spielten, für die der breite deutsche Markt noch nicht reif war.

Illustrieren lässt sich dies anhand des Vergleichs zwischen dem ab 1938 gebauten Audi 920 – einem der Oberklasse angehörigen Manufakturwagen aus dem Auto-Union-Verbund  – und einem Massenprodukt aus dem General-Motors-Konzern.

Hier zunächst der in weniger als 1.300 Exemplaren gebaute Audi 920:

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Audi 920; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Fahrzeug habe ich hier bereits im Kontext der Audi-Modellgeschichte vorgestellt.

In der Tat handelte es sich bei dem bis zu 80 PS leistenden Sechszylinderauto um einen der modernsten deutschen Serienwagen vor Ausbruch des 2. Weltkriegs.

Zeitgenössische Tests lobten die souveräne Gangart bei hohem Tempo, das Fahrwerk und das synchronisierte Getriebe, das man vom Horch 8 übernommen hatte.

„Vorsprung durch Technik“ – an diesen modernen Slogan von Audi mag man denken.

Doch stellt sich Ernüchterung ein, betrachtet man das, was auf der anderen Seite des Atlantiks im Angebot war – und das nicht im Premiumsegment, sondern ausgerechnet bei der Mittelklassemarke Buick:

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Buick des Modelljahrs 1937; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Buick mit Zulassung in Wien scheint dem Audi wie aus dem Gesicht geschnitten!

Dumm nur, dass die seit 1903 bestehende General Motors-Marke dieses Modell bereits seit Oktober 1936 anbot…

Auch wenn in der Literatur zum Audi 920 meist etwas von „inspiriert von amerikanischen Tendenzen“ gesäuselt wird, war der Wagen zumindest in der Frontpartie fast ein Plagiat des Buick des Modelljahrs 1937.

Dass dies nicht die Juristen bei GM auf den Plan rief, dürfte damit zu tun haben, dass die handgefertigten Audis des Typs 920 in Deutschland keine ernstzunehmende Konkurrenz für den Buick darstellten.

Der US-Wagen war aus Sicht potentieller Käufer im deutschsprachigen Raum weit oberhalb des Audis angesiedelt. So gab sich Buick mit Sechszylindern erst gar nicht ab und bot das Basismodell mit einem 100 PS leistenden ohv-Achtzylinder an.

Verfügbar war außerdem eine 130 PS leistende Variante mit satten 5,2 Litern Hubraum. Standard waren synchronisiertes Getriebe, Hydraulikbremsen und hintere Schwingachse.

Warum es den Amis völlig gleichgültig sein konnte, was irgendwo in Zwickau mit Buick-Optik aus dem Werkstor rollte, unterstreichen die Produktionszahlen.

Während vom Audi 920 zwischen 1938 und 1940 bloß 1.281 Wagen gemütlich zusammengeschraubt wurden, liefen vom Buick des Modelljahrs 1937 genau 220.346 Stück vom Band. 1938 folgten – äußerlich kaum verändert – noch einmal rund 170.000.

Dabei lebten in den Vereinigten Staaten damals gerade einmal anderhalb mal soviele Menschen wie im Deutschen Reich (120 Mio. vs. 78 Mio.). Da blieb für den Export nach Good old Germany – dem Mutterland vieler Amerikaner – genügend übrig:

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Buick von 1937; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch diese gutgelaunten „Volksgenossen“ fuhren in den späten 1930er Jahren keinen Audi 920, sondern einen Buick des Modelljahrs 1937.

Offenbar konnte man damals sehr deutsch sein – das Hufeisen am Kühler lässt grüßen – und dennoch ein überlegenes Produkt des US-Kapitalismus wertschätzen.

Leider sieht man von diesen einst in Europa so präsenten Wagen aus US-Produktion relativ wenige auf Traditionsveranstaltungen in Deutschland. Man trifft hierzulande auf haufenweise Bentleys und Bugattis – ganz wunderbar natürlich – aber ein banaler Buick von anno 1937? Fehlanzeige.

Eine fesche Maid aus deutschen Landen daneben, das wär’s doch. Es muss auch keine solche großgewachsene Walküre wie diese hier sein:

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Ein Traum in 3D: Audi „Front“ 225 Cabriolet

Nur selten hat man bei historischen Aufnahmen von Vorkriegsautomobilen die Gelegenheit, ein und denselben Wagen aus mehreren Perspektiven präsentiert zu bekommen.

Heute kann ich ein schönes Beispiel dafür zeigen – anhand des hier wiederholt besprochenen Audi „Front“, der von 1933 bis 1938 gebaut wurde. Keine 5.000 Exemplare entstanden einst von dem exklusiven Zwickauer Sechszylinder mit Vorderradantrieb.

Wer bei Zwickau vornehmlich an Horch denkt, liegt keinesfalls daneben, denn ab Mitte 1934 wurde der Audi Front ebenfalls im Horch-Werk gebaut. Im bisherigen Werk war für die Nischenmarke kein Platz mehr – die Fertigung der populären DKWs ging vor.

Schon daran sieht man, wie sehr sich die Audi-Welt von heute von der Vorkriegszeit unterscheidet. Bei der Gelegenheit ist zu sagen, dass die nach dem Krieg in Ingolstadt wiederbelebte Marke sich heute vorbildlich um die vier einst sächsischen Marken kümmert, die im Auto Union-Verbund zusammengeschlossen waren – woran die vier Ringe des Audi-Emblems bis heute erinnern.

Tatsächlich war der Audi „Front“ der erste Wagen der Marke, der damit ausgestattet war:

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Audi „Front“ von 1934/35; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme habe ich hier vor einigen Monaten zusammen mit den Vorgängerversionen besprochen – sie soll den Auftakt für eine 3D-Reportage der prachtvollen Cabriolet-Version des Audi „Front“ darstellen.

Alle nun folgenden Aufnahmen stammen von ein und demselben Wagen aus dem Raum Annaberg/Erzgebirge und sind am gleichen Tag entstanden. Auf den winzigen Abzügen – von einem Fotogeschäft in Schwarzenberg/Sachsen – haben sich mehrere sehr reizvolle Ansichten erhalten, die ich nun der Reihe nach präsentiere.

Die unspektakulärste ist diese Aufnahme von der Seite, die einen unverstellten Blick auf die makellosen Linien der von Gläser in Dresden gelieferten Karosserie bietet:

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Audi „Front“ 225 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie eine Raubkatze, die zum Sprung ansetzt, wirkt hier der Wagen, der bei einem Gewicht von 1,5 Tonnen gerade einmal 50 PS leistete.

Die nach vorn hin ansteigenden Linie der seitlichen „Schürzen“ an den Vorderschutzblechen unterstützt diesen Eindruck ebenso wie die nach hinten abfallende Gürtellinie mit dem dezent angesetzten Kofferraum.

Optisch scheint hier mehr Gewicht auf dem Heck als auf dem langen Vorderwagen zu liegen, obwohl dieser den Motor und das davor angebrachte Getriebe beherbergt.

Das ist schon sehr raffiniert gestaltet, auch wenn man hier den grafischen Effekt vermisst, den die Zweifarblackierung des Audi auf dem ersten Foto hervorruft.

Doch die Besitzer scheinen diese puristische Anmutung geschätzt zu haben – offenbar liebten sie eine einheitlich helle Farbgebung nicht nur bei ihrem Wagen:

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Audi „Front“ 225 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Für mich ist diese Aufnahme ein Beispiel dafür, dass die Anwesenheit von Menschen auf solchen Fotos den abgebildeten Wagen die Anmutung als rein technisches Objekt nimmt – sie vielmehr mit Leben füllt und oft den Wagen zu einem gleichrangigen Begleiter ihrer Besitzer und Insassen macht.

So müssen unsere Altvorderen das einst ebenfalls empfunden haben, sonst wären nicht massenweise solche Aufnahmen entstanden, die Mensch und Maschine harmonisch vereint zeigen.

Das obige Foto ist zweifellos ein besonders schönes Exemplar – allein schon aufgrund des wunderbar geschnittenen Reisekleids, das zugleich hochgeschlossen und doch körperbetont daherkommt – so etwas sieht man heute leider nicht mehr.

Mag die gekonnt posierende junge Dame auch ein wenig ernst dreinschauen, begegnet sie uns auf der nächsten Aufnahme schon freundlicher:

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Audi „Front“ 225 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nanu, warum war denn auf der anderen Seite kein Ersatzrad zu sehen?

Allein dies macht schon den Wert dieses Bilds aus, denn nun bekommt man einen Eindruck davon, wie ein seitlich montiertes Reserverad die Linienführung verändert.

Im direkten Vergleich wirkt es auf einmal störend – doch ganz darauf verzichten wollte der Besitzer des Audi nicht darauf, daher entschied er sich für die Option „ein Ersatzrad“, wobei auch zwei oder (eher theoretisch) keines möglich gewesen wären.

Dass es in den 1930er Jahren oft dem Kunden überlassen blieb, wieviel Sicherheit er in Form von Reserverädern mit sich führen wollte, spricht für das damals bereits deutlich gesunkene Risiko eines Plattfußes – Hufnägel auf den Straßen waren selten geworden.

Das Beste auf unserem kleinen Rundgang um den Audi „Front“ 225 kommt aber zum Schluss.

Nicht nur, dass die folgende Aufnahme eine eher rare Heckansicht zeigt, auch unsere anfänglich etwas unnahbar erscheinende junge Dame zeigt hier neue Seiten:

Audi_Front_225_Schwarzenberg_Sa_4_Galerie

Spielerisch turnt sie auf dem Trittbrett und hält sich dabei an der Oberkante des etwas heruntergekurbelten Seitenfensters (siehe das erste Foto aus dieser Reihe) fest.

Sportlich-elegant ist abermals die Wirkung des raffiniert geschnittenen Kleids, das die perfekte Ergänzung zu diesem Audi darstellt – so etwas hätte man auch in einer damaligen Modezeitschrift erwarten können.

So reizvoll die Szene ist, sei der Vollständigkeit halber auf ein technisches Detail hingewiesen, das die Ansprache dieses Audi als Typ „Front“ 225 ab April 1935 erlaubt.

Denn im Unterschied zur äußerlich sonst identischen Vorgängerversion war hier aufgrund umfangreicher Änderungen unter der Haube der Benzintank ins Heck gewandert, was eine Neugestaltung des Kofferraums erforderte.

Wenn nicht alles täuscht, haben wir einen solchen Audi „Front“ Typ 225 vor uns, bei dem der Kofferraum außen an Volumen gewonnen hatte. Interessanterweise sind die außenliegenden oberen Scharniere in der mir vorliegenden Literatur nicht zu finden.

Mag sein, dass die bei Gläser gefertigten Cabriolet-Aufbauten in solchen Details differierten, vielleicht liefert dieses Element aber auch einen Datierungshinweis. Immerhin wurde das Modell in dieser Ausführung bis Frühjahr 1936 gebaut.

Danach folgte der vielleicht noch edler gestaltete Audi Typ 225 Luxus – aber das ist eine andere Geschichte, die ich hier und hier bereits erzählt habe…

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Rarität aus Zwickau: Audi Typ B 10/28 PS Tourenwagen

Dem heutigen Audi-Besitzer gibt der Titel meines heutigen Blog-Eintrags womöglich Rätsel auf: Ein Audi aus Zwickau, nicht aus Ingolstadt? Und eine Rarität, kein Großserienwagen?

Nun, vor über 100 Jahren war so ziemlich alles anders in Deutschland, auch die Welt der Automobile, die damals noch jung und voller Tatendrang war:

1909 verließ ein gewisser August Horch das unter seinem Namen firmierende Unternehmen im sächsischen Zwickau aufgrund interner Querelen.

Rasch gelang es Horch, das Kapital für eine Neugründung einzusammeln. Brilliant war die Namensgebung der neuen Firma: „Audi“ bedeutet „Horch!“ auf Lateinisch, klingt außerdem nach „Auto“ und ist den meisten Sprachen mühelos auszusprechen.

Ab 1910 wurden die ersten Audis gebaut – natürlich in Zwickau, damals einer der wichtigsten Standorte der deutschen Autoindustrie. Die Stückzahlen blieben gering, Audi wollte von Anfang als Qualitätsmarke wahrgenommen werden.

Großes Ansehen brachten die Siege bei der gefürchteten Österreichischen Alpenfahrt 1911-14, die sich zuletzt über knapp 3.000 km mit 30 Alpenpässen erstreckte. So wundert es nicht, dass die hervorragend konstruierten Audi-Wagen einige Jahre lang dieselbe Exklusivität genossen wie die Autos von Horch.

Ein schöner Beleg dafür ist die folgende Originalreklame aus meiner Sammlung, die im Kriegsjahr 1915 publiziert wurde:

Audi_Typ_D_Reklame_1915_Galerie
Audi Typ D 18/45 PS; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Ein Ausschnitt daraus, der nur den Wagen zeigt, ist auf Seite 53 des Standardwerks „Audi Automobile 1909-1945“ (Verlag Delius-Klasing, 2. Auflage 2015) abgebildet.

Das Foto ist identisch, bloß ist die Beschriftung in dem sonst hervorragenden Werk fehlerhaft. Der Audi gehörte nämlich nicht dem sächsischen Kronprinzen, sondern dem König von Sachsen, der den deutschen Kronprinzen an der Westfront besuchte – wie aus der originalen Reklame eindeutig hervorgeht.

Zwar ein vernachlässigbarer redaktioneller Fehler, doch zeigt sich einmal mehr, dass man nicht alles für bare Münze nehmen sollte, was in der Literatur geschrieben steht.

Nach dem 1. Weltkrieg baute Audi zunächst die Vorkriegstypen weiter, so auch diesen Wagen, um den es heute geht:

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Audi Typ B 10/28 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vielleicht erinnert sich einer meiner Leser daran, dass ich vor längerem bereits eine Vorkriegsversion des Audi Typ B 10/28 PS vorgestellt habe (hier).

Dort war die Kühlergestaltung noch eine andere, und das Audi-Emblem war plan in das Oberteil des Kühlergehäuses eingelassen:

Audi_Typ_B_Tourenwagen_vor_1914_Frontpartie

Auch Details wie der hoch aufragende Windlauf – das strömungsgünstige Blech zwischen Motorhaube und Frontscheibe – sind Hinweise auf eine frühe Entstehung dieses ab 1911 gebauten Audi mit 2,6 Liter messendem Vierzylindermotor.

Die Scheinwerfer und Positionsleuchten waren bei diesm Exemplar noch gasbetrieben und fehlen hier ganz – damals montierte man die empfindlichen Laternen mitunter nur für Nachtfahrten.

Gegen Ende des 1. Weltkriegs hatte sich elektrische Beleuchtung als Standard durchgesetzt, was für eine spätere Entstehung des Audis auf dem heute vorgestellten Foto spricht:

Audi_Typ_B_10-28_PS_Nachkrieg_Frontpartie

Weitere Unterschide sind die nun waagerecht verlaufende Motorhaube und der flacher ausgeführte Windlauf – außerdem das leicht nach unten geneigte „Audi“-Emblem, das zudem etwas in das Kühlernetz hineinragt.

Da das letztgenannte Detail auf dem obigen Ausschnitt nur schlecht zu erkennen ist, wenn man es nicht bereits woanders gesehen hat, habe ich folgende Aufnahme eines noch existierenden Audi des stärkeren Schwestermodells Typs C 14/35 PS eingefügt, der parallel zum Typ B verfügbar war und bis 1925 gebaut wurde:

Audi_Typ_C_ClassicDays_2017_Frontpartie
Audi Typ C 14/35 PS; Bildrechte: Michael Schlenger

Diese Aufnahme habe ich 2017 bei den Classic Days auf Schloss Dyck am Niederrhein angefertigt. Nebenbei ist das Foto ein Beleg für die außergewöhnliche Qualität der Fahrzeuge, die zum hierzulande einzigartigen Rang der Veranstaltung beiträgt.

Wann genau Audi zu dieser Gestaltung des Markenemblems überging, konnte ich bislang nicht genau ermitteln – die mir zugänglichen Fotos sprechen für das Jahr 1914.

Übrigens war es gar nicht so einfach, eine Belegaufnahme für den Audi Typ B 10/28 PS zu finden, die mit meinem Foto übereinstimmt. Dabei war jedoch nicht nur das genaue Studium der Kühlerpartie hilfreich, sondern auch ein Detail an der sonst meist wenig individuellen Karosserieflanke:

Audi_Typ_B_10-28_PS_Nachkrieg_Seitenpartie

Markant ist nämlich die Gestaltung des Kastens am hinteren Endes des Trittbretts, hinter dem sich die Aufnahme für die Blattfeder der Hinterachse befindet. Auch die Ausführung des Heckschutzblechs und die Platzierung der Tür finden sich genau so auf einer originalen Abbildung in einem Zeitungsartikel, der sich mit der Audi-Geschichte befasste.

Auch sonst stimmt der dort abgebildete Audi Typs B 10/28 PS vollkommen mit „meinem“ überein. Nur mit der Datierung auf das Jahr 1911 bin ich nicht einverstanden – vermutlich bezog sich die Angabe im Artikel auf den Baubeginn des bis 1917 hergestellten Typs (1911 entstand nur 1 Wagen des Modells).

Ganze 350 Stück sollen in dem Zeitraum vom Audi Typ B 10/28 PS gefertigt worden sein. Bislang ist nur ein überlebendes Exemplar bekannt, das sich im sehenswerten Horch-Museum in Zwickau befindet, wo vor über 100 Jahren alles begann..

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Endlich von vorn! Audi Front 225 Cabriolet von 1934/35

„Endlich von vorn“ – das könnte man glatt auf den neuen Frontantriebswagen beziehen, der ab 1933 im Auto Union-Verbund unter der Traditionsmarke Audi gefertigt wurde.

Leser Marcus Bengsch verdanke ich das Foto einer frühen Ausführung dieses modernen und zugleich eleganten Modells, das zunächst nur mit einem von Wanderer übernommenen 6-Zylinder-Motor mit 40 PS ausgestattet war:

Audi_Front_UW_8-40_PS_Bengsch_Galerie

Audi Front Typ UW; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Von den späteren Ausführungen unterschied sich diese Version wie folgt:

  • senkrechte Luftklappen in der Motorhaube
  • Vorderschutzbleche ohne seitliche „Schürzen“

Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass ganz zu Beginn die Luftklappen in der Haube quer angeordnet waren – auf ein entsprechendes Foto warte ich noch…

Übrigens wurde die Karosserie der oben abgebildeten Limousine von Ambi-Budd aus Berlin bezogen, die denselben Stahlaufbau auch anderen Herstellern lieferten.

Das mag erklären, warum sich die eigentliche Schönheit der Audi-Fronttriebler hier noch nicht so recht entfalten konnte.

Wie anders ist das Bild bei den Cabriolet-Versionen, deren Aufbauten meist von einem der ganz großen Namen des deutschen Karosseriebaus stammten – Gläser aus Dresden.

Hier haben wir einen Audi Front Typ UW als Vierfenster-Cabriolet von Gläser:

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Audi Front Typ UW; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Anhand der nun vorhandenen seitlichen „Schürzen“ an den Frontkotflügeln lässt sich dieser Wagen auf das Winterhalbjahr 1933/34 datieren.Das Foto selbst ist natürlich späteren Datums, es entstand im Juli 1937.

Im März 1934 wurden die aus Aluminium gefertigten Klappen in der Motorhaube durch in Stahl gepresste senkrechte Schlitze ersetzt. Das Erscheinungsbild des Audi Front änderte sich dadurch nachhaltig, wenngleich unter der Haube immer noch der mit dem Wagengewicht überforderte 40 PS-Wanderer-Motor werkelte.

Von dieser formal überarbeiteten Ausführung des Jahrs 1934 hatte ich bislang nur eine Heckansicht im Angebot:

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Audi Front Cabriolet von 1934; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun kann man durchaus der Ansicht sein, dass eine Aufnahme aus solcher Perspektive noch größeren Seltenheitswert besitzt. Sie entstand übrigens in den späten 1960er bzw. frühen 1970er Jahren, als es in der „DDR“ eine bereits sehr lebendige Altautoszene gab.

Sehr wahrscheinlich existiert dieser Audi – hier ebenfalls mit Gläser-Aufbau als Vierfenster-Cabriolet – noch.

Es sei daran erinnert, dass unsere ostdeutschen Landsleute trotz der bedrückenden Umstände des Sozialismus auf oft abenteuerliche Weise die Ressourcen fanden, viele herrliche Vorkriegsmodelle am Leben zu erhalten, die im modernitätsbesessenen Westen häufig in die Schrottpresse wanderten.

Nicht unerwähnt bleiben darf auch, dass das mit zunehmender wirtschaftlicher Misere immer rabiater auftretende DDR-Regime später private Besitzer solcher Schätze dazu zwang, sich zwecks Devisenbeschaffung davon zu trennen.

Doch zurück zum Audi Front mit der im Frühjahr 1934 geänderten Gestaltung der Haubenschlitze. Denn heute kann ich ein solches Exemplar „endlich von vorn“ zeigen – so ist der Titel meines heutigen Blog-Eintrags nämlich gemeint:

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Audi Front von 1934/35; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Unterschied zu dem weiter oben gezeigten dunkel lackierten Cabrio mit den seitlichen Luftklappen könnte kaum größer sein.

Die leicht schräggestellten Haubenschlitze wirken wesentlich eleganter und geben der Haubenseite eine filigrane Struktur. Die Schwesterfirma DKW nutzte denselben Effekt übrigens bei den Luxusauführungen ihrer populären Zweitakt-Fronttriebler.

Die Zweifarblackierung mit hellem Karosseriekorpus grenzt die Elemente des Aufbaus dezent voneinander ab und lässt den Wagen leichter erscheinen, als er war. Immerhin 1,5 Tonnen brachte das Cabriolet auf die Waage.

Dank der stattlichen Figur des Herrn im Vordergrund wirkt der Audi Front hier fast kompakt, was er mit 4,50 m Länge und knapp 1,60 m Höhe freilich nicht war.

An den harmonischen Linien des Wagens gibt es nicht das Mindeste auszusetzen – hier haben die Gestalter und Handwerker von Gläser beste Arbeit abgeliefert. Nur die als Zubehör lieferbare Chromabdeckung des Ersatzrads wirkt ein wenig neureich.

Aber das ist wohl das Einzige, was sich an diesem herrlichen Wagen bemängeln ließe. Leider muss offen bleiben, ob wir hier noch einen Audi Front des Jahres 1934 vor uns haben oder bereits einen von 1935.

Der Hauptunterschied zwischen den Jahrgängen fand sich unter Motorhaube – ab 1935 war der überforderte 40 PS-Motor durch ein wiederum von Wanderer stammendes 50-PS-Aggregat mit ebenfalls sechs Zylindern ersetzt worden.

Formal hatten sich lediglich leichte Änderungen ergeben, vor allem am hier nicht sichtbaren Kofferraum. Vielleicht sieht ein sachkundiger Leser aber ein Detail, das dennoch eine konkrete Bestimmung des Baujahrs erlaubt.

Dabei mag die folgende Ausschnittsvergrößerung helfen, auf der sich nochmals die formale Raffinesse des Audi Front mit Aufbau von Gläser genießen lässt.

Audi_Front_Typ_225_Gläser_Cabriolet_Frontpartie

Gut nachvollziehen lassen sich hier unter anderem die Dimensionen der „Eins“ auf dem Kühlergehäuse, die bei dieser Ausführung des Audi Front zum letzten Mal so eindrucksvoll ausfallen sollten.

In der nächsten Entwicklungsstufe gestaltete man dieses noch aus den 1920er Jahren stammende Element deutlich dezenter und der Eleganz des Wagens angemessener. Damit wären wir beim Audi Front 225 Luxus, wie er ab 1936 gebaut wurde.

Diese letzte Ausbaustufe ist Gegenstand eigener Blogeinträge (hier und hier), an die ich sicher irgendwann mit „neuen“ Aufnahmen vergleichbaren Kalibers anknüpfen kann.

Wie immer freue ich mich dabei über Originalfotos aus den Privatsammlungen von Lesern. Im heutigen Fall konnte ich auf einen Abzug zurückgreifen, den mir Leser Raoul Rainer (Online-Galerie) großzügig vermacht hat – danke dafür!

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„Neues“ vom Audi Typ 225 Luxus Cabriolet

Luxus – das ist ein vielschichtiger Begriff, mit dem im Wandel der Zeiten unterschiedliche Dinge verknüpft wurden. Ursprünglich bedeutete das lateinische Wort „luxuria“ soviel wie „üppiges Wachstum“ oder „außerordentliche Fruchtbarkeit“.

Schon in römischer Zeit bekam das Wort in seiner übertragenen Bedeutung jedoch einen negativen Beiklang und stand für „Verschwendung“ in der Lebensführung. Die christliche Theologie knüpfte später daran und zählte die „luxuria“ im Sinne von Ausschweifung und Genussucht zu den sieben Todsünden.

In der Neuzeit gewann „Luxus“ dagegen eine positive Bedeutung im Sinne von „überflüssig, aber begehrenswert“. Wer ein Leben im Luxus zubringen, sich in Luxushotels und -restaurants aufhalten, sich mit Luxusgegenständen umgeben und sich Luxusproblemen widmen kann, wird zwar neidvoll beäugt, aber nicht verachtet.

So trat auch die sächsische Traditionsmarke Audi keineswegs ins Fettnäpfchen, als sie im Frühjahr 1936 die optisch wie technisch verfeinerte Version ihres seit 1933 gebauten Frontantriebswagens als „Audi 225 Luxus“ vorstellte.

Ein sehr schönes Originalfoto des Modells verdanken wir Leser Marcus Bengsch:

Audi_225_Luxus_Cabrio_2-fenstrig_Bengsch_Galerie
Audi Typ 225 Luxus; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Dieses schöne zweifenstrige Cabriolet habe ich bereits an anderer Stelle vorgestellt. Es handelt sich um die eher seltene Ausführung als 2-Fenster-Cabriolet. Das im Vorderschutzblech eingelassene Reserverad war ein Zubehör, das den Grundpreis von rund 6.700 Reichsmark nochmals erhöhte.

Gefertigt wurden die offenen Aufbauten der Fronttriebler von Audi traditionsgemäß von der in Dresden ansässigen Karosseriebaufirma Gläser. Man erkennt das charakteristische hochovale Gläser-Emblem schemenhaft am unteren Ende der A-Säule.

Etwas besser zu erkennen ist das Emblem auf der folgenden Aufnahme, die die gängigere Ausführung als 4-Fenster-Cabriolet zeigt:

Audi_225_Luxus_Cabrio_4-fenstrig_Galerie

Was bei der ersten Aufnahme nur zu erahnen war, ist hier in wünschenswerter Klarhkeit zu erkennen – die leicht geneigte „1“, die seit 1923 den Kühler von Audis schmückte. Beim modernisierten Audi Typ 225 Luxus fiel sie jedoch kleiner aus.

Typisch für das Modell sind die beiden Reihen schrägstehender Luftschlitze in der Motorhaube, die von drei waagerechten Chromleisten eingefasst sind. Die Scheibenräder mit Chromradkappen waren ebenso Standard wie die großen tropfenfömigen Scheinwerfer.

Die Lampen auf den Kotflügeln waren Positionslichter, der Fahrtrichtungsanzeiger war ein herkömmlicher Winker, der seitlich im Holm der Frontscheibe eingelassen war.

Alle diese Details – auch die massive einteilige Stoßstange – finden sich auf dem folgenden Foto wieder, das ein Neuzugang in der Sammlung von Leser Klaas Dierks ist (das Originalfoto ist übrigens weit größer):

Audi_225_Luxus_Cabrio_Strasse_SH_Dierks_galerie
Audi Typ 225 Cabriolet; Ausschnitt eines Originalfotos aus Sammlung Klaas Dierks

Hier sind nun auch die erwähnten vier versenkbaren Seitenfenster mit Chromrahmen zu sehen, außerdem wiederum die Plakette von Gläser aus Dresden.

Das Kennzeichen dieses Audi verweist übrigens auf eine Zulassung im Raum Kiel. Auf dem Bügel vor dem Kühler befindet sich ein großer Extrascheinwerfer, trotz der Ausrichtung leicht nach oben wahrscheinlich ein Nebelscheinwerfer.

Klaas Dierks konnte eine weitere Aufnahme eventuell desselben Wagens beisteuern:

Audi_225_Luxus_Cabrio_KaufhausAlbrecht_SH_Dierks_Galerie

Das ist eine in mehrfacher Hinsicht reizvolle Aufnahme. Zum Beispiel sehen wir hier die halb versenkten hinteren Seitenscheiben und das mit einer Hülle versehene, hochaufgetürmte Verdeck mit den seitlichen Sturmstangen.

Erfahrene Restauratoren solcher Fahrzeuge wissen, wieviel Zeit und Geld allein in Details wie Scheibenmechanik und Verdeckgestänge versenkt werden können. Das war aufwendigste Handarbeit in meisterhafter Ausführung, was die Arbeiter bei Gläser und Audi damals leisteten.

Wer sich einen solchen Manufakturwagen leisten konnte, wusste natürlich, was für eine privilegierte Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie man damit einnahm.

Der Sechszylindermotor des Audi 225 Luxus mit 55 PS aus 2,3 Litern Hubraum mag heute bescheiden anmuten, damals war aber bereits ein braver Opel oder Hanomag mit 25 PS weniger für die allermeisten Deutschen ein unerreichbarer Traum.

Warum aber schaut die junge Dame mit Cabriohaube, die hier mit einer Hand an der Tüklinke des Familien-Audis posiert, so mürrisch drein?

Audi_225_Luxus_Cabrio_KaufhausAlbrecht_SH_Dierks_Ausschnitt1

Ob ihr die Kombination aus dem Mäntelchen und dem kurzen Kleid darunter peinlich ist? Wohl ebensowenig wie die Tatsache, dass sie aus den Ärmeln des Mantels schon herausgewachsen ist.

Vielmehr scheint ihr etwas anderes nicht zu passen. „Jetzt machen wir hier schon ein Foto mit unserem schicken Audi Cabrio und da mogelt sich ausgerechnet dieser ungezogene Bauernlümmel ins Bild“, mag sie sich gedacht haben.

Denn kurz bevor einer aus der Gesellschaft auf den Auslöser der Kamera drückte, hat sich rechts ein halbnackter blonder Junge in Stellung gebracht hat und schaut ernst, aber durchaus selbstbewusst in das Objektiv:

Audi_225_Luxus_Cabrio_KaufhausAlbrecht_SH_Dierks_Ausschnitt2

Der braungebrannte Knabe mit Lederhose gehörte mit Sicherheit nicht zu der Reisegesellschaft im Audi, sondern wird die Gelegenheit genutzt haben, sich einmal zusammen mit reichen Leuten ablichten zu lassen.

Denn auch wenn man – zumindest in der warmen Jahreszeit – nicht allzuviel zum Leben auf dem Lande braucht, wie man hier sieht, wusste man als aufgeweckter Bursche schon, was die Städter da für ein feines Luxusgefährt mitgebracht hatten.

Dass sich der Junge von dieser vierrädrigen Erscheinungsform des Überflusses angezogen fühlte, spricht für den natürlichen Reiz von Luxus, wenn er so stilsicher daherkommt wie im Fall dieses schönen Audi Typ 225 Cabriolet…

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Metamorphosen: Vom Audi Front „UW“ zum Typ 225

Beim Stichwort Metamorphosen denkt man wohl nicht unmittelbar an Automobile der Vorkriegszeit.

Doch führt ein Weg von der gleichnamigen Sammlung mythischer Verwandlungsgeschichten des römischen Dichters Ovid (43 v. Chr.-17 n. Chr.) dorthin:

  • Ovid erzählt in Buch 2 seiner Metamorphosen die Geschichte des Sohnes des Sonnengottes Helios.
  • Der Sprössling – offenbar ein Freund exklusiver Fortbewegung – leiht sich den Wagen des Vaters aus, mit dem die Sonne ihren Weg über das Firmament nimmt.
  • Der übermütige Sohn verliert die Kontrolle über das Gefährt, wodurch die Erde in Flammen gerät.
  • Am Ende der katastrophalen Ausfahrt stürzt der Draufgänger in den Tod.

Der Name des tragischen Helden, der Großes versuchte und an Selbstüberschätzung scheiterte, lautete „Phaeton“…

In Anlehnung an den mythischen Sonnenwagen wurde „Phaeton“ im klassisch gebildeten 19. Jahrhundert die Bezeichnung für eine leichte offene Kutsche.

Bei Aufkommen der ersten Automobile nannte man dann Wagen mit einfachem offenen Aufbau ebenfalls Phaeton:

NAG_N2_6-12_PS_Puck_Reklame_Galerie2

NAG Typ N2 6/12 PS „Puck“, Reklame von 1908/09

Wie diese Originalreklame von NAG aus Berlin deutlich macht, wird „Phaeton“ nicht „Fäton“ ausgesprochen, sondern „Fa-eton“. Später löste die Bezeichnung Tourenwagen den archaisch klingenden Namen Phaeton ab.

Damit hätten wir im Unterschied zum Sohn des Sonnengottes noch die Kurve gekriegt und können uns endlich den Verwandlungen des Audi Front Typ „UW“ widmen.

Teilweise erzählt hatten wir die Geschichte dieses ab 1933 gebauten Fronttrieblers bereits vor einiger Zeit. Doch nun ist ein Foto aufgetaucht, mit dem wir die einzelnen Stadien der Verwandlung des Typs genauer illustrieren können.

Audi verfolgte wie viele deutsche Hersteller der späten 1920er Jahre eine heillos verfehlte Modellpolitik. Während im übrigen Europa – selbst im armen Italien –  längst die Großserienproduktion nach US-Vorbild eingesetzt hatte, meinten unzählige Marken hierzulande, ihr Glück im Oberklassesegment versuchen zu müssen.

Dieser ans Irrationale grenzende Ansatz brach auch Audi fast das Genick. Rettung kam jedoch in Form der Übernahme durch DKW-Chef Rasmussen, der im Zwickauer Audi-Werk die Chance zur Massenproduktion sah.

Erst einmal leistete sich DKW allerdings den Fehlschlag mit der Fertigung amerikanischer Rickenbacker-Motoren für Audi Modelle.

Doch bei den DKW-Kleinwagen hatten die Zwickauer gezeigt, wie attraktiv man Fronttriebler verpacken konnte und wie gut sie sich verkaufen ließen, wenn man über ausreichende Produktionskapazitäten verfügte.

So plante man für die einverleibte Marke Audi eine neue Karriere als Hersteller frontgetriebener Wagen, die oberhalb der kleinen DKWs angesiedelt waren. 1933 war es soweit – der erste Audi Front wurde präsentiert:

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Audi Front Typ „UW“ 8/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Im Audi Front kam ein Wanderer-Sechszylindermotor mit 40 PS zum Einsatz.

Hintergrund: In der Zwischenzeit war auf Betreiben der Gläubigerbanken DKW nebst Tochter Audi mit Horch in der Auto Union zusammengefasst worden, zu der sich noch Wanderer aus Chemnitz gesellte.

Man erkennt die ganz frühen Exemplare des Audi Front übrigens am Fehlen seitlicher „Schürzen“ an den vorderen Schutzblechen wie auf obiger Aufnahme.

Doch schon ab Herbst 1933 wurden am Audi Front Vorderschutzbleche mit seitlichen Schürzen verbaut. Vorerst beibehalten wurden die großen Luftklappen in der Haube:

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Audi Front Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man mag jetzt die Qualität des Fotos beanstanden, doch ist zu bedenken, dass von diesem Modell nur einige hundert Exemplare gefertigt wurden. Jede Originalaufnahme darf man daher beinahe als Rarität ansehen.

Nachdem diese Ausführung des Audi Front im Herbst 1933 auf den Markt gekommen war, wich sie schon im Frühjahr 1934 einer modellgepflegten Version. Diese ist am Übergang zu schrägstehenden Luftschlitzen in der Motorhaube zu erkennen.

Audi_Front_225_Cabriolet_DDR_Galerie

Audi Front Typ UW Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man mag kaum glauben, dass unter der Haube dieses eindrucksvollen, 1,3 Tonnen schweren Oberklassefahrzeugs nach wie vor derselbe 40 PS-Sechszylinder arbeitete.

Selbst die in der gehobenen Mittelklasse angesiedelten Hanomag-Sechszylinder des Typs „Sturm“ leisteten 1934 bereits 50 PS.

Die miserablen Absatzzahlen des formal so gelungenen Audis resultierten 1935 im Einbau eines 2,25 Liter großen Sechszylinders mit nun 50 PS. Äußerlich ist dieser Audi Front 225 kaum vom oben gezeigten späten Audi Front Typ UW zu unterscheiden.

Woher wissen wir also, dass die Heckansicht des Wagens (eine weitere Rarität) nicht ebenfalls den motorenseitig modernisierten Audi Front 225 zeigt?

Nun, auf der Rückseite des zu „DDR“-Zeiten in Ostdeutschland entstandenen Fotos wurde einst fein säuberlich von Hand vermerkt:

Audi Typ UW Zyl. 6, Hub 2000, PS 40, Baujahr 1934

Solche zeitgenössischen oder später aus dem Gedächtnis festgehaltenen Angaben müssen nicht immer richtig sein, doch der Detaillierungsgrad lässt vermuten, dass sich der Fotograf mit dem Besitzer unterhalten oder Angaben am Fahrzeug selbst notiert hat.

Eine letzte Metamorphose des Audi Front erfolgte 1936, als das leistungsgesteigerte und formal verfeinerte Modell „Front 225 Luxus“ auf den Markt kam:

audi_front_reklame_galerie

Audi Front Typ 225 Luxus; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Doch damit wären wir am Ende dieser „Metamorphosen“ angelangt. Die Fortsetzung ist Gegenstand gleich mehrerer eigener Blogeinträge (hier, und hier).

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