Ganz schön eingesaut: Austro-Daimler ADM Limousine

Zufälle gibt’s! Fast auf den Tag genau vor einem Jahr wurde in diesem Blog für Vorkriegsautos hier ein wunderbares Originalfoto desselben Wagentyps besprochen, mit dem wir uns heute – wieder einmal – befassen.

Die beiden Fahrzeuge und auch die Aufnahmesituation könnten aber kaum unterschiedlicher sein.

Damals hatten wir es mit einem Foto zu tun, auf dem jemand die Atmosphäre eines Sommerabends festgehalten hatte – mit einem Austro-Daimler ADM in der Ausführung als offener Tourenwagen:

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Austro-Daimler Typ ADM Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der selbstbewusste Herr im ländlichen Outfit täuscht nicht darüber hinweg, dass wir hier einen veritablen Luxuswagen vor uns haben, von dem nur einige hundert Exemplare in Manufaktur entstanden.

Der Typ ADM war das letzte Modell von Austro-Daimler, das auf eine Konstruktion von Ferdinand Porsche zurückging, der die Firma 1923 wieder verließ.

Motorisiert war der Wagen mit einem kopfgesteuerten 6-Zylinder mit Aluminiumblock, der 45 PS Höchstleistung aus 2,6 Liter Hubraum schöpfte. Das wahre Potential dieses hochkarätigen Aggregats zeigte sich freilich erst in den weit stärkeren Sportversionen.

Für die damaligen Käufer der Serienausführung zählten dagegen die anstrengungslose Kraftentfaltung des elastischen Antriebs und das für damalige Verhältnisse ausgezeichnete Fahrwerk mit den zupackenden Vierradbremsen.

Hier ein zeitgenössischer Bericht aus der Allgemeinen Automobil Zeitung von 1923, frei wiedergegeben nach „Austro Daimler“ von Franz Pinczolits, Weilburg Verlag, 1986:

„Mit der Lautlosigkeit eines Elektromobils setzte sich der Wagen in Bewegung…Je weiter wir aus der Stadt kamen, desto deutlicher ließ er die Vorzüge seiner Federung erkennen, denn die Güte der Fahrbahn nahm immer weiter ab…Reichlicher Regen hatte aus den Straßen einen Superlativ an Miserabilität gemacht… Dennoch ging es im Sturm die steile und enge Straße bergauf, durch Pfützen und über bloßgelegten Schotter. Die leere Straße gestattete ein beherztes Loslegen, die Räder jagten ganze Sturzseen von Pfützwasser in die Hecken…“

Auch wenn der Bericht ganz schön dick aufträgt, verrät er die Begeisterung, die der neue Sechszylindertyp ADM bei den Zeitgenossen weckte. Er lässt auch die Unbekümmertheit erkennen, mit denen ein solches Luxusautomobil über die damals kaum befestigten Pisten gescheucht wurde.

Die Beschreibung dieser Testfahrt über aufgeweichte Landstraßen hinauf auf den Kahlenberg bei Wien ist die ideale Überleitung zu dem Foto, das wir heute präsentieren wollen:

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Austro-Daimler Typ ADM Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Obwohl dieser hochwertige Wagen ebenfalls von einer Fahrt durch Pfützen und Schlamm ganz schön eingesaut ist, macht man wie selbstverständlich eine Aufnahme des Prachtstücks und das auch noch mit Blick auf den verdreckten Innenkotflügel.

Dabei machte der Austro-Daimler vom Schmutz abgesehen einen fast neuwertigen Eindruck und befand sich noch nicht bei irgendwelchen Zweit- oder Drittbesitzern mit wenig Sinn für Fahrzeugpflege.

Wir können daraus schließen, dass es für die Eigner dieser Luxuslimousine keinen Makel darstellte, wenn das teure Gefährt so daherkam. Kein Wunder – bei den damaligen Straßen sahen die Autos in der regenreichen Jahreszeit eigentlich ständig so aus.

Versehentlich hatte der Fotograf die Zone der größten Schärfe auf den verdrecktesten Teil des Wagens gelegt. Dennoch erkennen wir auf den übrigen Partien genug, um den Typ genau identifizieren zu können:

Austro-Daimler_ADM_Limousine_Frontpartie Oben auf der Kühlermaske lässt sich das typische verschlungene Markenemblem von Austro-Daimler erkennen. Die Position der runden Reibungsstoßdämpfer spricht ebenso für das Modell ADM wie die Ausführung der Vorderschutzbleche.

Auf den mächtigen Trommeln der Vorderradbremsen zeichnet sich deutlich die der besseren Wärmeabfuhr dienende Verrippung ab. Die Drahtspeichenräder waren wie bei anderen österreichischen Herstellern jener Zeit serienmäßig.

Insgesamt ein Automobil der obersten Klasse, mit dem man in allen Belangen glücklich sein konnte. Dennoch scheint die Dame daneben alles andere als begeistert:

Austro-Daimler_ADM_Limousine_Personen

Warum sie wohl so ernst und abwesend schaut? Was sie bedrückt oder beschäftigt hat, werden wir nicht mehr erfahren. Auch gut betuchte Menschen können bekanntlich mit ihrem Schicksal hadern oder Sorgen haben.

Der großgewachsene Mann neben ihr dürfte der Ähnlichkeit nach zu urteilen der Sohn sein. Auch ihn scheint gerade anderes zu beschäftigen, er schaut jedoch in die Ferne.

Leider ist der Abzug umseitig nicht beschriftet, sodass wir weder Näheres zu den abgebildeten Personen noch zu Aufnahmeort oder -anlass wissen. Das Kennzeichen gibt immerhin etwas preis: Dieser Austro-Daimler Typ ADM war einst in Wien zugelassen.

Da es nicht viele von diesen teuren Wagen gegeben hat, lässt sich vielleicht durch Zufall doch mehr darüber in Erfahrung bringen. Am Ende existiert er sogar noch…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Am Deutschen Eck: Austro-Daimler „ADR“ Cabriolet

Liebhaber der wenigen, aber feinen ehemaligen Automobilmarken aus Österreich kommen auf diesem Vorkriegs-Oldtimerblog immer wieder auf ihre Kosten.

Neben Wagen von Gräf & Stift, Puch und Steyr werden hier auch die auf Ferdinand Porsche zurückgehenden Schöpfungen von Austro-Daimler aus Wien in historischen Originalaufnahmen vorgestellt.

Speziell die Exemplare der 1920er Jahre stechen nicht nur durch hochkarätige Technik hervor, sie heben sich auch durch markante Gestaltungsmerkmale ab.

Das ermöglicht im Unterschied zu einigen deutschen Wagen jener Zeit eine rasche Identifikation, selbst wenn nur wenige Partien des Fahrzeugs sichtbar sind. Ein schönes Beispiel dafür haben wir hier:

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Austro-Daimler Typ ADM; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nicht schwer zu erraten, dass die freundliche junge Dame hier auf dem Vorderschutzblech eines Austro-Daimler sitzt – allein die Kühlerfigur verrät dies.

Doch selbst ohne den geflügelten Pfeil – für tüchtige deutsche TÜVler ein Alptraum wie Zentralverschlussmuttern und andere Undinge – wäre die Kühlerpartie eigenständig genug, um die Ansprache als Austro-Daimler zu ermöglichen.

Unterhalb des Einfüllstutzens für das Kühlwasser befindet sich nämlich eine reich verzierte, erhaben geprägte Plakette mit dem Markenschriftzug. Sie ist so typisch, dass man sie auch aus dieser Perspektive erkennen kann.

Außerdem besitzt die Kühlermaske eine einzigartige Form. So war der innere Ausschnitt für das Kühlernetz bei Austro-Daimler eckig wie bei Modellen der Zeit vor 1914, während das Kühlergehäuse außen abgerundet war.

Dies sorgt für eine formale Spannung mit hohem Wiedererkennungswert, wie folgende Aufnahme trotz Verwacklung erkennen lässt:

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Austro-Daimler Type ADM; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der gutgelaunte Herr, der hier auf seinem Austro-Daimler reitet und seinen Gruß entbietet, hatte den Wagen im westfälischen Iserlohn zugelassen, wie die Nummernschildkennung verrät.

Er und die junge Dame auf dem ersten Foto sind gute Beispiele dafür, wie unbeschwert die einstigen Besitzer mit diesen enorm teuren Fahrzeugen umgingen.

Manch‘ moderner Besitzer überlebender, oft überrestaurierter Fahrzeuge macht dagegen durch Schilder wie „Berühren verboten“ oder gar „Fotografieren verboten“ deutlich, dass er nicht verstanden hat, dass diese Wagen bloß schöne Maschinen sind und nicht die von spontanem Zerfall bedrohte Mumie eines altägyptischen Pharaos…

Während die heute existierenden Vorkriegsautos gute Chancen haben, uns zu überleben und noch in 100 Jahren Freude zu bereiten, sieht das bei manchen historischen Originalfotos solcher Wagen anders aus.

Für den Verfasser Grund genug, die Dokumente in seinem Fundus zu digitalisieren und im Netz zur Verfügung zu stellen.

Zudem lebt dieser Oldtimerblog auch von Sammlerfreunden, die im Internet ebenfalls die Chance sehen, ihre Schätze zur Freude Gleichgesinnter in aller Welt und zum Erkenntnisgewinn der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Ein Beispiel dafür ist folgende Aufnahme von Leser Klaas Dierks, der zum Thema Austro-Daimler der 1920er Jahre ein besonderes Schmankerl beisteuern kann:

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Austro-Daimler Typ ADR; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Trotz militärischer Anmutung haben wir es hier mit Polizisten zu tun – wobei man davon ausgehen kann, dass diese Recht und Gesetz einst energischer durchzusetzen wussten, als es den bundesdeutschen Kollegen unserer Tage gestattet ist…

Der Anlass der Aufnahme ist nicht bekannt. Es stand wohl die Anfertigung eines Teamfotos an und man nutzte die Gelegenheit für einen speziellen Hintergrund.

Dass einer der abgebildeten Herren in der Lage gewesen wäre, sich einen Austro-Daimler des 1927 vorgestellten Typs ADR mit 70 PS starkem Sechszylindermotor zu leisten, können wir ausschließen.

Entweder hatten die Ordnungshüter gerade Besuch eines ganz hohen Vorgesetzten, der so ein feines Automobil besaß, oder – was wahrscheinlicher ist – man hatte kürzlich das Fahrzeug eines straffälligen Vertreters der Halbwelt beschlagnahmt.

Damit soll dem Spitzenmodell ADR von Austro-Daimler kein fragwürdiges Image angedichtet werden. Man musste allerdings ziemlich viel Geld besitzen, um ein solches Prachtexemplar fahren zu können.

Dass so ein Automobil einst bei der Polizei im Hof stand, muss jedenfalls spezielle Gründe gehabt haben. Man bedauert nur, dass man nicht viel mehr davon sieht als die Kühlerfigur und den am Heck angesetzten Gepäckkoffer.

Zum Glück können wir eine weitere Aufnahme eines Austro-Daimler des Typs ADR präsentieren. Sie hat zwar technische Mängel und der Abzug ist von einsetzendem Verfall beeinträchtigt.

Dennoch handelt es sich um ein sehenswertes Dokument:

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Austro-Daimler Typ ADR Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Foto voller Leben ist einst an einem bis heute wirksamen Touristenmagneten entstanden – dem Deutschen Eck in Koblenz.

Dort, wo die Mosel in den Rhein fließt, entstand Ende des 19. Jahrhunderts ein kolossales Denkmal für Kaiser Wilhelm I., der zu den prägenden Gestalten deutscher Geschichte des 19. Jahrhunderts gehört.

Wie man die Lebensleistung von Kaiser Wilhelm I. auch beurteilen mag, besaß sein Wirken in seinem über 90 Jahre währenden Leben erhebliche Strahlkraft.

Das zu seinen Ehren errichtete Denkmal in Koblenz wurde übrigens nicht aus dem Volk abgenötigten Steuergeldern finanziert, sondern aus Spenden – der preußische Fiskus war seinerzeit nicht annähernd so unersättlich wie der heutige.

Hier haben wir nun das Auto, das vor rund 90 Jahren an dem mächtigen Bauwerk geparkt wurde, in der Nahaufnahme:

Austro-Daimler_ADR_Cabrio_Koblenz_Ausschnitt1

Die überbelichtete Partie ändert nichts daran, dass hier eindeutig ein viersitziges Cabriolet vom Typ Austro-Daimler ADR zu sehen ist. Im Original bestätigt neben der Kühlerfigur auch die Beschriftung der Ersatzradhülle die Marke.

Das gewaltige Format des Wagens wird mangels Insassen kaum deutlich – der Aufbau kaschiert geschickt die tatsächlichen Dimensionen. Die Zweifarblackierung betont die Struktur der ansonsten schlicht gehaltenen Karosserie.

Die filigranen Drahtspeichenräder waren übrigens wie bei anderen österreichischen Herstellern die Standardausrüstung, während in Deutschland wuchtige Holzspeichen- oder Scheibenräder dominierten.

Wer von den neben dem Wagen stehenden Personen zu den Insassen zählte, lässt sich nicht eindeutig sagen. Lediglich der dunkel gekleidete Herr mit Schirmmütze, der etwas im Hintergrund steht, ließe sich als Chauffeur ansprechen.

Austro-Daimler_ADR_Cabrio_Koblenz_Ausschnitt2

Zu dem Motorradgespann dürften der Herr ganz rechts mit geschlossenem Gummimantel und Regenschutz an den Beinen gehören. Sein Beifahrer könnte die Person mit Kappe und Schutzbrille gewesen sein.

Vielleicht haben wir es ansonsten mit Flaneuren zu tun, die mit den Insassen des Austro-Daimler ins Gespräch gekommen sind. Einer von ihnen hält eine Hundeleine in den Händen – doch vom Vierbeiner ist nichts zu sehen.

Vielleicht ist er im Auto geblieben. Dass die Insassen des Austro-Daimler Hundeliebhaber waren, darauf deutet ein kurioses Detail an der Stoßstange hin:

Austro-Daimler_ADR_Cabrio_Koblenz_Ausschnitt3

Auf der oberen Schiene der Doppelstoßstange sind links und rechts die Silhouetten zweier Terrier zu erkennen – wenn nicht alles täuscht.

Was auf solchen alten Autofotos neben den Wagen selbst sonst noch alles zu sehen ist, das gehört zu den faszinierenden Seiten der Beschäftigung damit. Auch hier sind es kleine Details, die etwas von den Menschen erzählen, die einst im repräsentativen Austro-Daimler einen Ausflug ans Deutsche Eck in Koblenz machten.

Wo wohl die beiden Maskottchen auf der Stoßstange geblieben sind? Zieren sie vielleicht noch heute irgendeine alte Holztür wie das im Fall des Kühleremblems eines längst den Weg allen Blechs gegangenen Overland Whippet der Fall ist?

Whippet-Emblem_05-2018_Galerie

Aber vielleicht existiert ja sogar der Wagen selbst noch – auszuschließen ist das nicht…

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Was für ein Schiff! Austro-Daimler ADR in Hessen

Länge läuft – so lautet eine alte Seemanns-Weisheit, die bis in die große Zeit der rasanten Teeklipper und Windjammer des 19. Jahrhunderts zurückreicht.

In gewisser Weise gilt das auch für Automobile – ein langer Radstand führt zu stabilerem Fahrverhalten – Besitzer klassischer Landrover kennen den drastischen Unterschied im Fahrkomfort von 88 und 109 Zoll-Versionen.

Doch solche „Youngtimer“ sind hier nicht das Thema – dieser Blog lässt stattdessen die automobile Welt der Vorkriegszeit wiederaufleben, anhand zeitgenössischer Originalfotos aus der Sammlung des Verfassers.

Anlässlich des Pfingstwochenendes gönnen wir uns heute etwas besonders Feines:

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Austro-Daimler ADR Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses „Schiff“ mit seiner Gesamtlänge von 5,40 Metern lässt sich anhand der Kühlerform auf Anhieb als Austro-Daimler identifizieren.

Bereits vor dem 1. Weltkrieg hatte sich der Wiener Hersteller vom einstigen Mutterhaus in Cannstadt abgenabelt und beschritt unter technischer Leitung von Ferdinand Porsche eigene Wege.

Porsche verließ zwar 1923 das Unternehmen wieder, doch seine rechte Hand Karl Rabe blieb Austro-Daimler treu und entwickelte die Porsche-Konstruktionen weiter.

Ihm war das hochmoderne Konzept des 1927 vorgestellten Typs ADR zu verdanken, den wir auf dem Foto sehen.

Er besaß keinen Leiterrahmen mehr sondern ein massives Zentralrohr, was der Gewichtsersparnis diente. Die Hinteräder waren unabhängig voneinander aufgehängt und ermöglichten so bessere Traktion und höheren Federkomfort.

Der Motor war ein Prachtexemplar: Das Sechszylinder-Aggregat verfügte über die anspruchsvollste Steuerung von Ein-und Auslassventilen, die damals möglich war. So war die Nockenwelle im Zylinderkopf angebracht und wurde praktisch spielfrei über eine Königswelle von der Kurbelwelle aus angetrieben.

Damit ausgestattet leistete der 3 Liter messende Motor 70 PS – außerdem war eine Sportversion mit 100 PS verfügbar, was das Potential der Konstruktion unterstreicht.

Unser Foto zeigt allerdings „nur“ die Basisversion als Limousine, die sechs bis sieben Personen Platz bot:

Austro-Daimler_ADM_Limousine_FrontpartieZugelassen war dieser mächtige Wagen übrigens im Regierungsbezirk Wiesbaden, was die Kennung „IT“ in Verbindung mit der Nummer 15.456 verrät.

Demnach hatte einer dieser raren Austro-Daimler des Typs ADR, der bis 1931 gebaut wurde, einst den Weg nach Hessen gefunden. 15.700 Mark sind als Preis für die eindrucksvolle Limousine überliefert.

Der Ausführung der Vorderschutzbleche nach zu urteilen, dürfte es sich um ein frühes Exemplar gehandelt haben, da die später gebauten Ausführungen über vorn stärker abgerundete Kotflügel verfügten.

Auf dem linken Vorderschutzblech thront übrigens ein Fahrtrichtungsanzeiger, der mittels eines beleuchten Pfeils angab, wohin es als nächstes ging.

Wo diese schöne Aufnahme einst entstand, können uns das vergnügte Mädchen auf dem Trittbrett und der freundliche Chauffeur neben ihr nicht mehr sagen. Jeweils auf ihre Weise befanden sich beide in einer außerordentlich privilegierten Situation.

Einen Austro-Daimler der 1920er Jahre im damals bitterarmen Hessen fahren zu dürfen, war im wahrsten Sinne des Wortes ein ganz großer Luxus.

Bedenkt man aber, was der damaligen Generation noch blühte und was von der Pracht der Vorkriegszeit übrigblieb, wird deutlich, wie vergänglich alles Glück sein kann…

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Glanzstück von Porsche: Der Austro-Daimler AD 617

Der Name Porsche steht bei Oldtimer-Freunden heute fast ausschließlich für den Volkswagen sowie dessen luftgekühlte Verwandte Porsche 356 und 911.

Das enorm vielseitige Werk von Ferdinand Porsche und seinem Ingenieurbüro im frühen 20. Jahrhundert ist darüber weitgehend in Vergessenheit geraten.

Auf diesem Oldtimerblog für Vorkriegsautos ist das anders: Hier sind sie noch lebendig, die fabelhaften Schöpfungen aus Porsches Anfangsjahren –  seien es die spektakulären Entwicklungen für Mercedes oder für Austro-Daimler.

1906 trat Porsche – der sich zuvor einen Namen mit Elektroautos gemacht hatte – als technischer Leiter in die Österreichische Daimler-Motoren-Gesellschaft in Wien ein.

Dort konstruierte er seinen ersten mit Benzinmotor ausgerüsteten Wagen – das  Elektroauto mit seinen bis heute fortbestehenden Nachteilen war für ihn nach einer Phase des Experimentierens mit benzin-elektrischem Antrieb erledigt.

Nach Erfolgen bei der Prinz-Heinrich-Fahrt 1910, der Alpenfahrt 1911 und 1912 glänzten Porsche-Konstruktionen auch bei österreichischen Flug- und Luftschiffmotoren.

Der besondere Rang der damaligen Kreationen von Austro-Daimler wird in dieser expressiven Reklame von Januar 1914 deutlich:

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Zeitschriftenreklame von Austro-Daimler; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Nach dem 1. Weltkrieg bewies Porsche erneut seine Vielseitigkeit mit der Konstruktion des leichten „Sascha“-Rennwagens 5/15 PS, der 1922 bei der berüchtigten Targa Florio auf Sizilien in der 1100 ccm-Klasse siegte.

Eigentlich wären das genug der Lorbeeren für das Schaffen von Ferdinand Porsche bei Austro-Daimler. Doch vor seinem Weggang 1923 konstruierte er einen Sechszylinderwagen, von dem die Marke noch lange zehren sollte.

Einen Abkömmling dieser feinen Konstruktion – den Austro Daimler Typ ADM – haben wir hier bereits anhand reizvoller Fotos dokumentiert.

Heute können wir nun erstmals den Vorläufer zeigen – den 1920 vorgestellten Austro-Daimler AD 617:

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Austro-Daimler Typ AD 617; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bereits die Kombination aus Stahlspeichenrädern, Spitzkühler und mit markanten Knöpfen versehenen Werkzeugkästen im Schweller lässt den Kenner an einen Wagen der österreichischen Premiummarke denken.

Die schiere Größe des Wagens und vor allem die lange Motorhaube sprechen gegen eines der Vorkriegsmodelle mit vier Zylindern, die man unter der Bezeichnung 6/25 bzw. 15/35 PS bis 1922 weiterbaute.

Nein, hier haben wir es mit einem mächtigen Sechszylinder zu tun, für die Porsche ein 4,4 Liter-Aggregat mit Ventilsteuerung über obenliegende Nockenwelle konstruierte.

Die für ein damaliges Serienautomobil beachtliche Spitzenleistung von 60 PS genügte, um den an die 2 Tonnen schweren Wagen auf 100 km/h zu beschleunigen.

Bei den damaligen Straßen war das ein theoretischer Wert – was dagegen zählte, war das Leistungsvermögen auf bergigen Strecken, nicht gerade eine Seltenheit in Österreich.

Doch was macht uns so sicher, dass wir es mit einem Austro-Daimler AD 617 zu tun haben? Wie so oft sagt die Frontpartie alles:

Austro-Daimler_AD617_Frontpartie

Das markante Emblem von Austro-Daimler auf der Kühlermaske ist zwar nicht lesbar, doch den Umrissen nach klar zu erkennen.

Die ungewöhnliche Form des Spitzkühlers mit nach oben ansteigender Seitenlinie ist ebenfalls markentypisch. Die spitz zulaufenden Vorderschutzbleche und die Stahlspeichenräder „passen“ auch.

Könnte das aber nicht ebenso ein Wagen des Nachfolgetyps ADV von 1923 sein? Nun, dagegen spricht das Fehlen von Vorderradbremsen, die beim ADV wie bei den meisten Wagen zur Mitte der 1920er Jahre Standard wurden.

Eine Fahrt auf abschüssiger Strecke im Austro-Daimler AD 617 wollte mit auf Antriebswelle und Hinterräder wirkender Bremse wohlkalkuliert sein. Doch ein Amateur-Radrennfahrer riskiert heute in Schussfahrt bei 60-80 Sachen eher mehr.

Zudem besteht ein Unterschied zwischen beherztem Sporteinsatz und einem gepflegten Familienausflug mit sechs bis acht Personen im offenen Tourenwagen.

Bei der damaligen Fahrzeugdichte war man auch bei gemächlichem Tempo kein Verkehrshindernis und Mutter oder Schwiegermutter mussten nicht um den Verlust des Hutes oder der Contenance bangen:

Austro-Daimler_AD617_Insassen

Die Familienverhältnisse der Insassen dieses Austro-Daimler AD 617 kennen wir nicht.

Haben wir es mit Eltern und Kindern zu tun, wobei der älteste Sohn am Steuer sitzt? Der Fahrer und der Junge im Matrosenanzug auf der Sitzbank dahinter dürften jedenfalls Geschwister sein – doch wie sieht es mit der übrigen Besatzung aus?

Eine schlüssige Erklärung durch einen Leser wäre hochwillkommen.

Bis dahin freuen wir uns einfach an dem prachtvollen Wagen, der Anfang der 1920er Jahre nicht nur für 99 % der Bevölkerung unerreichbar, sondern unter den wenigen Automobilisten zugleich ein Ausweis hervorragenden Geschmacks war.

Eine Porsche-Konstruktion war damals eine veritable Rarität, kein Massenprodukt…

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Charakterstark: Austro-Daimler „ADM“ Tourer

Aus schwer erklärlichen Gründen sind die Spitzenprodukte österreichischer Autohersteller der Vorkriegszeit in Deutschland kaum bekannt.

Gerade die hiesige Presse, die keine Gelegenheit auslässt, Großserienwagen der Firma Porsche als „smartes Investment“ anzupreisen, sollte imstande sein, zur Abwechslung öfters auch die Geniestreiche des namengebenden Professors aus der Vorkriegszeit zu würdigen.

Nein, die Rede ist nicht vom Volkswagen, dessen Konzept in den 1930er Jahren ohnehin in der Luft lag und zu dem etliche Konstrukteure beitrugen.

Dem Kenner fällt vielmehr eine bedeutende österreichische Marke ein, die dem Einfluss von Prof. Porsche mit ihre besten Konstruktionen zu verdanken hatte. Die Rede ist von Austro-Daimler aus Wien.

Der letzte Austro-Daimler, der noch von Impulsen von Porsche vor seinem Wechsel zu Mercedes profitierte, war der 1923 vorgestellte 6-Zylindertyp ADM. Mit ihm haben wir uns in diesem Blog bereits zweimal befasst.

Der erste Blogeintrag zum Austro-Daimler zeigt einen ADM bei einem winterlichen Ausflug in den Bergen. Im zweiten begegnen wir demselben Wagen auf einer Ausfahrt im Frühjahr.

Von diesen Wagen mit ihrem feinen Sechszylindermotor, der nebenbei in Rennversionen enorme Leistungen entfaltete, kann man nicht genug bekommen.

Passend zur Jahreszeit, in der die Tage kürzer werden, schauen wir uns heute einen weiteren Austro-Daimler ADM auf einem Originalfoto an, das an den Sommer erinnert, der 2017 zeitweise aber eher wie ein vorgezogener Herbst daherkam:

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Austro-Daimler Typ „ADM“ Tourer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dieser über 90 Jahre alten Aufnahme hat sich eine wunderbar warme Stimmung erhalten – mit den langen Schatten, die nicht enden wollende Sommerabende so magisch machen – wenn es nicht gerade kühl und regnerisch ist.

Der Abzug hat über die Jahrzehnte etwas gelitten, aber man erkennt, dass der Fotograf in dieser nicht einfachen Belichtungssituation alles richtig gemacht hat. Die letzten Sonnenstrahlen lassen die Chromteile des Wagens aufleuchten und setzen Glanzlichter auf Kleidung und Gesichter der Menschen, die mitabgelichtet wurden.

Zur Identifikation des Wagens muss man nicht viele Worte verlieren, einen Austro-Daimler der 1920er Jahren erkennt man an der markant geschnittenen Kühlermaske und dem Schriftzug unterhalb des Kühlwasserstutzens:

Austro-Daimler_ADM_Tourer_Frontpartie

Der Markenname ist hier kaum lesbar, aber alle übrigen Details – vom Teddybären einmal abgesehen – passen zu einem Austro-Daimler des bis 1928 nur in einigen  hundert Exemplaren gebauten Typs ADM.

Vom optisch ähnlichen, aber technisch weitgehend neuentwickelten Nachfolgertyp ADR lässt sich der ADM aus dieser Perspektive unter anderem durch die Positionierung der Reibungsstoßdämpfer an der Vorderachse unterscheiden.

Die Kennung „II B“ auf dem Nummernschild steht übrigens für den Zulassungsbezirk Oberbayern. Die fortlaufende Nummer „1199“ verrät einiges über die damalige Auto“dichte“ in dieser ländlichen Region.

Mit solch einem österreichischen Luxusprodukt fiel man damals erst recht auf und möglicherweise hat sich hier ein örtlicher Charakterkopf vor dieser raren Erscheinung fotografieren lassen:

Austro-Daimler_ADM_Tourer_Insassen

Der selbstbewusst dreinschauende und braungebrannte Bursche wirkt jedenfalls nicht wie der typische Besitzer eines Austro-Daimler, der seinen Wohlstand sicher keiner Tätigkeit unter freiem Himmel zu verdanken hatte.

Insofern bleibt die Aufnahme gemeinsam mit den fünf eher städtisch wirkenden weiblichen Insassen im Austro-Daimler rätselhaft.

Dem Verfasser gefällt diese Aufnahme gerade wegen dieses Kontrastes aus einer jahrhundertealten regionalen Tradition, wie sie in Bayern vor dem Krieg noch lebendiger war als heute und dem Boten aus der großen weiten Welt, der aber ebenfalls alles andere als das austauschbare Produkt einer Massenkultur war.

So wie einem gestandenen Mannsbild die Aufmerksamkeit der Mitmenschen sicher ist, wenn er – abseits des Oktoberfests und im passenden ländlichen Umfeld – die „Krachlederne“ und wollene Kniestrümpfe über strammen Waden präsentiert, so macht auch ein „Porsche“ aus dem Hause Austro-Daimler heute noch Eindruck.

Überzeugende Exemplare beider Kategorien dürften heute aber Raritäten sein…

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Aufgetaut & wieder aufgetaucht: Austro-Daimler ADM

Wenn man einen Oldtimerblog für Vorkriegsautos betreibt, der sich auf alte Originalfotos stützt, kann man sich Wiederholungen eigentlich sparen.

Schier unerschöpflich ist die Vielfalt an Automarken und -typen, die einst auf unseren Straßen – und mitunter auch abseits davon – unterwegs waren.

Auch der Nachschub an interessanten Bildern ist gesichert. Gerade heute sandte ein Leser eine phänomenale, wohl einzigartige Aufnahme ein – die hier gelegentlich vorgestellt wird.

Heute soll aber erst einmal ein Versprechen eingelöst werden, das hier im letzten Winter abgegeben wurde. Damit ist allerdings verbunden, dass wir uns dasselbe Auto anschauen, einen Austro-Daimler ADM.

Dass die Sache dennoch ihren Reiz hat, liegt an den ganz anderen Umständen, unter denen die folgenden Bilder entstanden sind. Im Winter hatten wir den offenen Wagen bei einer Tour durch eine verschneite Berglandschaft gezeigt.

Die Frostperiode ist nun aber vorbei, Wagen und Insassen sind inzwischen aufgetaut und schon wieder lustig im Gebirge unterwegs:

Austro-Daimler_ADM_09-1928_1_Galerie

Austro-Daimler ADM; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den Winter-Bildern wirkte der Wagen größer und massiger als hier. Das wird am Licht und der anderen Perspektive gelegen haben.

Das Nummernschild mit „II B“ für Oberbayern ist jedenfalls identisch. Genauer lässt sich die Herkunft des Wagens leider nicht eingrenzen; damals wurden Kraftfahrzeuge auch in großen Zulassungsbezirken einfach durchnummeriert.

Das dafür in Oberbayern fünf Stellen ausreichten, sagt viel über die damalige Fahrzeugdichte. Entsprechend selten dürfte der Anblick eines solchen Wagens in dieser Umgebung gewesen sein:

Austro-Daimler_ADM_09-1928_1_Ausschnitt

Man versuche einmal, ein solches Foto auf einem heutigen Alpenpass zu schießen. 1928, als dieses Bild entstand, konnte man als Automobilist dagegen die Bergwelt noch für sich genießen.

Die schmale Straße sagt alles über den damaligen Erschließungsgrad – und sie gehört noch zur besseren Kategorie. Wie kriminell die Verhältnisse in den Alpen sein konnten, das schauen wir uns bei anderer Gelegenheit ausgiebig an.

Der von 1923-28 gebaute Austro-Daimler ADM mit seinem von Ferdinand Porsche konstruierten modernen 6-Zylindermotor bot dank 2,6 Liter Hubraum und 45 PS ausreichend Leistung für bergige Partien.

Die damals keineswegs selbstverständlichen Vierradbremsen des Wagens erleichterten solche Ausflüge ebenfalls. Mangels Verkehr konnte man es ruhig angehen lassen – so eine Tour wollte ja auch genossen sein.

Man ahnt auf diesen Fotos etwas von der Atmosphäre, in der sie einst entstanden. Weit entfernt vom geschäftigen Treiben in den Städten ungestört im Auto die Bergwelt zu erkunden, das war Luxus pur.

Unsere Austro-Daimler-Insassen waren sich dessen wohl bewusst und legten – wie schon auf ihrer Wintertour – immer wieder Pausen an malerischen Stellen ein, von denen diese schönen Fotos künden:

Austro-Daimler_ADM_09-1928_2_Galerie

Austro-Daimler ADM; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer auch immer diese Bilder gemacht hat, verfügte nicht nur über eine gute Kamera und Erfahrung, sondern hatte auch einen Sinn für gelungenen Bildaufbau.

Hier sehen wir den Austro-Daimler in einer ähnlichen Perspektive wie auf der Bilderstrecke aus dem letzten Winter. Dimensionen und Gestaltung des Wagens kommen nun eindrucksvoll zur Geltung.

Auf eine Länge von 4,60 Meter verteilten sich bei der Tourenwagenausführung 1,7 Tonnen Gewicht. Dennoch wirkt dieser große Wagen keineswegs wuchtig:

Austro-Daimler_ADM_09-1928_2_Ausschnit

Zu dem fast filigranen Erscheinungsbild tragen mehrere Details bei: Der sich nach oben stark verjüngende Kühler, die schlicht gehaltenen Vorderschutzbleche, die recht flache Frontscheibe, die niedrige Gürtellinie und: die Speichenräder.

An den österreichischen Wagen der 1920er Jahre – ob von Austro-Daimler, Gräf & Stift oder Steyr – finden sich fast immer Räder mit Drahtspeichen und Zentralverschluss.

Bei deutschen Autos jener Zeit überwiegen dagegen schwerfällig wirkende Gussfelgen oder Scheibenräder, was die oft wuchtige Erscheinung verstärkt.

Heute sind die Wagen der feinen österreichischen Marken der Vorkriegszeit nur noch Gourmets bekannt. Allzuviele davon haben leider nicht überlebt, was auch mit den geringen Stückzahlen zu tun hat.

Vom hier gezeigten Austro-Daimler ADM wurden schätzungsweise 500 Exemplare gefertigt. Wenn davon auch nur ein Dutzend die Zeiten überdauert hat, wäre das eine erfreuliche Nachricht, vielleicht ist ja auch unser Fotomodell dabei…

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Winterausflug im offenen 6-Zylinder „Porsche“…

Dieser Oldtimerblog beschränkt sich zwar auf Vorkriegsautos, doch das heißt nicht, dass es hier für Porsche-Jünger nichts zu entdecken gäbe. Dazu müssen sie aber ihren luftgekühlten Lieblingen vorübergehend untreu werden…

Herausragende Porsche-Konstruktionen haben sich früh bei etlichen Herstellern Ruhm erworben – etwa in Form des Kompressor-Mercedes.

Folgendes Foto zeigt ein weniger bekanntes Beispiel:

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Ein prachtvolles Winterfoto, aber: das soll ein „Porsche“ sein?

Man erkennt nicht viel darauf außer der Heckansicht eines Tourenwagen der 1920er Jahre, wie er ähnlich von zahllosen Herstellern angeboten wurde.

Mit der Aufnahme allein wäre keine Identifikation möglich. Da hilft auch die gute Qualität nicht, die diese Ausschnittsvergrößerung erlaubt:

austro-daimler_adm_winter_1_ausschnittErkennen kann man immerhin zwei Details, die auf ein gehobenes Automobil verweisen: Drahtspeichenräder und Vorderradbremsen – beides war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland keineswegs selbstverständlich.

Der Wagen verfügt über eine deutsche Zulassung – IIB stand einst für Oberbayern – doch könnte es dem Stil nach auch ein US-Fahrzeug sein.

Zum Glück haben wir weitere Aufnahmen von diesem Winterausflug, zunächst diese:

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Die Frontpartie ist leider unscharf, sodass man das Markenemblem unterhalb des Kühlwassereinfüllstutzens nicht klar erkennen kann.

Doch drängt sich ein Verdacht auf: Könnte das die ab 1923 typische Kühlereinfassung eines Austro-Daimler sein? +

Der großzügige Wagen würde gut zu der Marke passen, die mit zum Feinsten gehörte, was die einstige Automobilindustrie Österreichs zu bieten hatte.

Das wäre eine schöne Entdeckung, denn zu den ausgezeichneten österreichischen Marken liest man in der gängigen deutschsprachigen Presse fast nichts. Auch das ein Grund, öfters einmal in diesem Blog zu stöbern (Bsp. Gräf&Stift, Steyr)…

Wir müssten es beim Verdacht belassen, gäbe es nicht eine weitere Aufnahme, die bei derselben Gelegenheit entstand:

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Hier scheint der Fotograf seinen vorherigen Fehler bemerkt und die Tiefenschärfe korrigiert zu haben.

Merkwürdig, dass die rechte Partie bis in den Hintergrund scharf ist, während die linke Hälfte schon weiter vorn verschwommen ist. Vielleicht war das  Objektiv der verwendeten Mittelformatkamera nicht ganz parallel zum Negativ ausgerichtet.

Wie auch immer, die Ausschnittsvergrößerung liefert die erhoffte Bestätigung:

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DAIMLER lässt sich da auf der Kühlermaske lesen. Wem die Geschichte der Frühzeit des Automobils weniger geläufig ist, könnte sich fragen: Ist das nun ein Daimler von „Daimler-Benz“, ein „Daimler-Jaguar“ aus England oder etwas ganz anderes?

Nun, dieser Wagen ist ein Produkt von Austro-Daimler in Wien, von 1899 bis 1906 eine Tochtergesellschaft von Daimler aus Cannstadt.

Um nach der Trennung von Daimler von den entsprechenden Lizenzen unabhängig zu werden, heuerte man den jungen Ferdinand Porsche an, der zuvor Elektro-und Hybridautos konstruiert hatte – das war übrigens 1899/1900…

Porsche, der keine formale akademische Ausbildung als Ingenieur hatte und einen Erfindertyp verkörpert, der heute ohne Chance wäre, begründete mit seinen Konstruktionen vor dem 1. Weltkrieg den herausragenden Ruf von Austro-Daimler.

Bevor Porsche 1923 Austro-Daimler wieder verließ, konstruierte er dort moderne  6-Zylinderwagen, von denen das Unternehmen noch lange profitieren sollte.

Der letzte Porsche-Entwurf bei Austro-Daimler war der Typ ADM, den wir auf den Fotos sehen. Dieser Wagen verfügte über einen kopfgesteuerten 6-Zylindermotor mit Aluminiumblock, der 45 PS Höchstleistung aus 2,6 Liter Hubraum schöpfte.

Das klingt für heutige Porsche-Fahrer nach nicht viel. Man darf aber daran erinnern, dass die ersten 356er rund 30 Jahre später auch nicht mehr leisteten. Wie bei den luftgekühlten Modellen der Nachkriegszeit zeigt sich die Brillianz der Porsche-Konstruktion erst, wenn man darangeht, das Potential auszuloten…

Austro-Daimler bot vom Typ ADM auch eine auf 2,9 Liter aufgebohrte Sportversion an, die bei sonst gleicher Konstruktion spektakuläre 115 PS leistete. Soviel zu den Verdiensten von Ferdinand Porsche um die Wagen von Austro-Daimler.

Was ist davon geblieben? Zumindest in der Presse nicht viel – wie bei etlichen Herstellern, die sich mangels verfügbarer Wagen nicht zum „Hochschreiben“ eignen.

Wir schließen mit einem letzten Foto aus dieser Winterserie. Wenn der Frühling Einzug hält, folgen weitere Aufnahmen vom selben Fahrzeug, versprochen.

Bis dahin wünschen die beiden tapferen Damen auf dem Rücksitz des Austro-Daimler gute Fahrt auf allen Wegen!

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Buchtipp: Die Taube von Igo Etrich

Die Geschichte des Automobils ist mit der des Flugzeugs eng verknüpft. Ob leistungsfähige Motoren, Leichtbau oder Aerodynamik – die Fliegerei hat die erdgebundene Mobilität immer wieder befruchtet. Die britische Autofirma Bristol verdankt sogar ihre Existenz dem Flugzeugbau.

Da wundert es kaum, dass viele Konstrukteure Wanderer zwischen Himmel und Erde waren – man denke nur an Gabriel Voisin in Frankreich, John Tjaarda in den USA und Malcolm Sayer in England.

Wenig bekannt ist, dass auch der Tausendsassa Ferdinand Porsche in den Kindertagen der Fliegerei dazu beitrug, dass sich Apparate schwerer als Luft vom Boden erheben. Man begegnet dem ehrgeizigen Mitdreißiger um 1910 als Konstrukteur bei Austro-Daimler, wo er einen 6-Zylinder-Flugmotor entwickelte, der im 1. Weltkrieg vielen deutschen Kampfflugzeugen als leistungsstarker und zuverlässiger Antrieb diente.

Eine der ersten Verwendungen für Porsches Flugmotor war die von Igo Etrich entwickelte „Taube“, die später in Lizenz von etlichen Herstellern (u.a. Rumpler) gefertigt wurde. Hier ein originales Bild einer Taube mit besagtem Reihenmotor kurz vor Kriegsbeginn. Vielleicht kennt jemand den Aufnahmeort?

Taube_6-Zylinder_Austro-Daimler© Originalfoto „Taube“ mit Austro-Daimler-Motor; Sammlung Michael Schlenger

Die Etrich-Taube und ihr bis dahin unerreichter Verkaufserfolg ist ein spannendes, doch oft übergangenes Kapitel deutscher Luftfahrtgeschichte (Zusammenfassung). Viel Fachliteratur dazu gibt es nicht, aber immerhin ein Standardwerk, das an Umfang und Detallierungsgrad wohl keine Wünsche offen lässt:

„Igo Etrich. Die Etrich Taube – der erste Flugzeug-Bestseller der Welt“, von Hanus Salz, hrsg. 2000 von der Flugzeug Publikations GmbH, ISBN 9783765472336.

Das 150 Seiten starke, mit vielen Fotos, Entwurfszeichnungen und Originaldokumenten ausgestattete Werk scheint derzeit vergriffen zu sein. Man erhält es aber über das größte Online-Antiquariat für deutschsprachige Titel (www.zvab.com).