Cooler Moment am Gletscher: Austro-Daimler AD 6-17

Gletscher kommen und gehen seit Jahrtausenden – warum das so ist, weiß niemand. Schon früh im 19. Jahrhundert – also lange, bevor Verbrennungsmaschinen weltweit in großem Stil zum Einsatz kamen – begannen sich beispielsweise die Alpengletscher zurückzuziehen.

Bis heute hält diese Bewegung an und das schmelzende Eis gibt preis, was einst von vordringenden Gletschern begraben wurde – Wälder, Weideflächen, Siedlungsreste.

Es war also wiederholt so warm wie in unseren Tagen, nämlich während der Klimaoptima der Antike und des Hochmittelalters, die zugleich kulturelle Blütezeiten waren.

Zwischendurch flehten die Bewohner der Alpen zu ihrem Gott, dass er das Vordringen des Eises und der Kälte abwehren möge. Letztlich ist das, was wir als Trend wahrzunehmen meinen, nur Momentaufnahme eines größeren Geschehens, welches wir nicht verstehen.

Während wie in unaufgeklärten Zeiten Profiteure der Panik wieder heißlaufen, gilt es für abgeklärte Zeitgenossen, die über den Tellerrand des Hier und Jetzt hinausschauen, cool zu bleiben.

Für den Automobilisten gab und gibt es letzlich nur Wetter und allein dessen Vohersage bereitet schon über zwei, drei Tage oft genug Schwierigkeiten. Der Angsthase und Pessimist schwört von jeher auf den geschlossenen Wagen, der Mutige und Optimist auf den offenen.

Wir schließen uns heute der letztgenannten Fraktion an und machen uns auf den Weg ins Gebirge, auf der Suche nach Abkühlung. Dabei begleitet uns ein alter Gefährte – der AD 6-17 von Austro-Daimler.

Austro-Daimler AD 6-17; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Dieses schon von den Dimensionen her eindrucksvolle Fahrzeug war die erste Neukonstruktion der österreichische Marke nach dem 1. Weltkrieg, entwickelt von niemand Geringerem als Ferdinand Porsche.

Der 1920 vorgestellte Wagen besaß ein Sechszylinderaggregat mit 4,4 Litern Hubraum und 60 PS, der Ventiltrieb mit obenliegender Nockenwelle und Königswelle war vom Feinsten.

Doch auch solch ein Gefährt der Oberklasse war damals noch empfindlich, was Überhitzung bei längeren Bergpassagen mit niedrigem Tempo angeht. Die größere Last bei anhaltenden Steigungen ließ das Kühlwasser irgendwann an den Siedepunkt gelangen.

Dann legte man einen Halt ein, um dem Fahrzeug Gelegenheit zur Abkühlung zu geben – das ließ sich trefflich mit einem Beweisfoto verbinden wie hier:

Austro-Daimler AD 6-17; Ausschnitt aus einer Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Der Blick der Kamera hat hier aber nicht nur den Austro-Daimler festgehalten, welchem für einen Moment Kühlung gegönnt wird, bevor es an die nächste Kehre geht.

Im Hintergrund droht zugleich auch ein Ungetüm des kalten Grauens – die Zunge eines Gletschers, welche im ungünstigten Fall alles Leben unter sich begräbt, im günstigeren Falle jedoch neuem Leben Raum gibt.

Der Mensch ist gut beraten, Demut zu zeigen angesichts der Dimensionen solcher Naturphänomene, von deren gewaltiger Dynamik er bis heute so gut wie nichts versteht.

Wie klein wir gegenüber diesem Geschehen sind, das illustriert die Originalaufnahme aus meiner Sammlung sehr gut, welcher ich obigen Ausschnitt entnommen habe.

Mit einem Mal erscheint das eben noch so mächtige Automobil wie ein Spielzeug:

Austro-Daimler AD 6-17; Originalpostkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Neben der grandiosen Kulisse, auf die ich gleich zu sprechen komme, ist hier die Fortsetzung der „Straße“ am rechten Bildrand bemerkenswert: So stellten sich die Wegeverhältnisse für Autofahrer im Alpenraum vor 100 Jahren vielerorts dar.

Nun aber zum Aufnahmeort. Auf dieser als Postkarte veröffentlichten Aufnahme fand sich der lapidare Zusatz „Glocknerstraße“. Damit ist die damals noch kaum befahrene Großglockner-Hochalpenstraße gemeint.

Nach kurzer Recherche würde ich sagen, dass dieses Foto von Südosten mit Blick auf den Pasterzegletscher am Fuß des Großglockners aufgenommen wurde.

Seit dem Halt des Austro-Daimlers vor fast 100 Jahren, welcher dem Wagen einen Moment der Abkühlung verschaffte, hat sich der Gletscher um einiges weiter zurückgezogen. Das tat er allerdings bereits, als es noch gar keine Verbrennungsmotoren gab und global betrachtet nicht einmal die Kohleverbrennung eine nennenswerte Rolle spielte.

Machen wir es daher wie einst die Insassen des Wagens, die am Pasterzegletscher haltmachten, welcher noch zu Zeiten ihrer Urgroßeltern weit größer und bedrohlicher war:

Gönnen wir uns einen Moment kühlen Innehaltens und fragen uns, welchen Anteil wir Menschenzwerge am gigantischen Geschehen der Natur wirklich haben können.

Und wenn dann partout einer die Katastrophe herbreireden will, weil doch seit damals so viel mehr Autos unterwegs sind und Energie verbraucht wird, fragen wir ihn, a) ob jemals in unseren Städten in den letzten 100 Jahren die Qualität von Luft und Wasser so gut wie war heute, und b) in welcher Zeit seit der Sesshaftwerdung des Menschen er eigentlich lieber leben möchte, wenn es doch heute so fürchterlich gefährlich ist.

Bei kühler Betrachtung werden wir feststellen: Wir leben über alle Aspekte des Daseins betrachtet in der besten aller Welten und haben dank moderner Technologie erstmals in der Geschichte Zugriff auf alles Großartige, was Menschen jemals irgendwo auf der Welt geschaffen haben, und das in vielen Fällen nahezu kostenlos.

Wie cool ist das denn!?

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ist doch kinderleicht, oder? Austro-Daimler Typ ADR

Beim einstigen österreichischen Luxushersteller Austro-Daimler – mit dem in Deutschland heute kaum noch jemand etwas zu verbinden scheint – rechnet man nicht mit besonderen Schwierigkeiten, was die Typansprache auf alten Fotos angeht.

Zwar könnte die mir vorliegende Literatur dazu nach meinem Geschmack etwas aktueller und umfassender in der Bilddokumentation sein, doch meist verrät ein Austro-Daimler auf Aufnahmen von anno dazumal genug von sich, um den Typ bestimmen zu können.

Die markante Kühlerpartie ist es, die fast immer eine erste Einordnung ermöglicht – hier ein Austro-Daimler Typ AD 617 mit typischem Spitzkühler:

Austro-Daimler Typ AD 617; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

In Verbindung mit der langen Haube steht außer Frage, dass wir hier einen Austro-Daimler des 1920 vorgestellten Sechszylindertyps AD 617 vor uns haben – einer Neukonstruktion von Ferdinand Porsche, die der Marke noch jahrelang als Basis mehrerer aufeinanderfolgender Modelle dienen sollte.

Denselben Kühler, jedoch in Wagenfarbe lackiert und in Verbindung mit einem Vierzylindermotor der Vorkriegszeit findet man parallel am Typ 9/25 PS.

In der Seitenansicht lässt sich dieser kinderleicht von seinem großen Bruder AD 617 unterscheiden – die deutlich kürzere Frontpartie sagt alles:

Austro-Daimler Typ AD 617; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Doch bereits bei diesen beiden Typen mit ihrem einzigartig gestalteten Spitzkühler, die ich hier und hier vorgestellt habe, finden sich Grenzfälle, die keineswegs kinderleicht zu lösen sind.

Das gilt beispielsweise für die folgende Aufnahme, die nur auf den ersten Blick das Attribut „kinderleicht“ verdient und bei der das Auto nur eine gut besetzte Nebenrolle spielt:

Austro-Daimler Typ AD-617 oder 9/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man weiß bei dieser außergewöhnlichen Aufnahme nicht, worauf der Herr am Steuer stolzer war – auf seinen Austro-Daimler oder das adrette Töchterchen, das von der Gattin auf schwer zu übertreffende Weise festgehalten wurde, während die Schwiegermutter verdientermaßen im Hintergrund verschwimmt…

Diese mit einem Augenzwinkern zu verstehende Interpretation ist zwar plausibel, aber wirklich wissen können wir nicht, wer hier welche Rolle gespielt hat. Dummerweise ist auch der Austro-Daimler kein so kinderleichter Fall, wie das zunächst schien.

Denn wie soll man aus diesem Blickwinkel entscheiden, ob wir ein Vier- oder einen Sechszylindermodell vor uns haben? Ich vermute, dass wir es mit dem Typ AD-617 zu tun haben, auf dessen Chassis sich eine großzügige Tourenwagenkarosserie wie diese leichter vorstellen ließ. Vielleicht wäre beim kleinen Typ 9/25 PS auch der Kühler lackiert gewesen.

Interessant ist auf jeden Fall, dass man auf dem Kühleremblem recht gut „Daimler“ in großen Lettern lesen kann – bei diesen frühen österreichischen Modellen bestand noch eine – wenn auch lose – historische Verbindung zum einstigen Mutterhaus.

Beim Nachfolger des Austro-Daimler AD617 – dem von 1923-28 gebauten Typ ADM – stellten sich Kühler und Markenemblem deutlich anders dar, doch wiederum so, dass es auf den ersten Blick „kinderleicht“ erscheint, das Modell zu identifizieren:

Austro-Daimler Typ ADM; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch das ist ein charmantes Dokument, auf dem sich Mensch und Maschine auf’s Reizvollste vereinen – man könnte Bücher füllen mit solchen historischen Aufnahmen.

Wer sich für das Thema interessiert, wird übrigens im Flickr-Album „Vintage Cars & People“ von Raoul Rainer aus Stuttgart fündig. Ich wüsste keine vergleichbare Dokumentation dieser Größe und Qualität (die zudem auch die Nachkriegszeit umfasst).

Man kann sich dort leicht verlieren – ich übernehme daher (wie gewisse Hersteller experimenteller Arzneimittel und ihre politischen Verbündeten) keinerlei Verantwortung für die Nebenwirkungen…

Zurück zum Austro-Daimler: Neu und unverwechselbar war beim Typ ADM die Kühlerfigur, die in einem Kreis einen Bogen zeigt, den gerade ein Pfeil verlässt.

Mit diesem Leitmotiv im Hinterkopf erscheint uns dann ein Fall wie der folgende wiederum „kinderleicht“:

Austro-Daimler Typ ADM oder ADR; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

„Moment“, mag jetzt ein Kenner einwenden, „die Kühlerfigur ist ja gerade noch zu erkennen, doch wer sagt eigentlich, dass dies nicht der Nachfolger des Austro-Daimler ADM war – der 1927 eingeführte Typ ADR?“

Dieser besaß zwar ein völlig neues Chassis und moderneres Fahrwerk, an der Frontpartie hielten sich die Änderungen aber in Grenzen. Beibehalten wurde insbesondere die Kühlerform sowie das Markememblem und die erwähnte Kühlerfigur.

Mein Eindruck ist jedoch, dass die Austro-Daimler des späteren Typs ADR mit mehr Zierrat versehen waren und deutlich elegantere Aufbauten erhielten, häufig mit attraktiver Zweifarblackierung.

Ein Beispiel dafür ist der Austro-Daimler ADR auf dieser Aufnahme, die ich Matthias Schmidt (Dresden) verdanke:

Austro-Daimler Typ ADR, 2-türiges Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt

Bei diesem Prachtstück handelt es sich vermutlich um dasselbe Fahrzeug, das ich hier anhand einer Aufnahme vorgestellt habe, die einst am Deutschen Eck in Koblenz vorgestellt habe. Austro-Daimler wurden ja einst auch in Deutschland sehr geschätzt.

Ein unscheinbares Detail an dem obigen Wagen scheint mir generell erst beim Typ ADR aufzutauchen – die aufgesetzte, farblich oft abgesetzte Leiste entlang der Motorhaube.

Wenn das zutrifft – Markenkenner sind jetzt gefragt – würde das die Unterscheidung von Austro-Daimler der Typen ADM und ADR mit sonst ähnlichem Aufbau erleichtern.

Was zunächst nach einem schwierigen Kandidaten aussieht, wäre dann mit einem Mal ein „kinderleichter“ Fall, auch wenn diesmal nur Erwachsene das Auto bevölkern:

Austro-Daimler Typ ADR, Rolldach-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Der in Chemnitz zugelassene Wagen auf diesem Foto, das mir Leser Klaas Dierks zur Verfügung gestellt hat, wirkt auf den ersten Blick vielleicht ein wenig irritierend.

Doch das ist nur auf den Zubehör-Steinschlagschutz zurückzuführen, der für meine Begriffe etwas zuviel „Lametta“ darstellt, aber in natura vielleicht doch recht gut zum exzentrischen Erscheinungsbild des Wagens passte.

Hier haben wir nämlich eines der wenigen Beispiele für die historische Verwendung von Weißwandreifen, die heute vor allem in der amerikanischen „Besser als neu“-Vorkriegsautoszene so beliebt sind.

Ordentlich „Make-up“ wurde zudem an den Kanten der Kotflügel aufgetragen – doch auch hier mag das Ergebnis in Wirklichkeit stimmig gewesen sein. Festzuhalten ist auf jeden Fall, dass dies sicher kein Typ ADM mehr war, sondern ein Vertreter des Nachfolgemodells ADR.

Die oben erwähnte Leiste auf der Haube findet sich ebenfalls wieder, die ich noch an keinem Austro-Daimler ADM gesehen habe (Irrtum vorbehalten). Auch scheint mir das Chassis des ADR tiefer zu liegen als das des hochbeiniger wirkenden ADM.

Dabei könnte man es fast schon bewenden lassen – über Mangel an Anschauungsmaterial und interessanten Details wird man sich nicht beklagen können. Doch einer Frage „müssen“ wir noch nachgehen, nämlich der nach dem Typ der Karosserie.

Das mag zunächst wieder einmal „kinderleicht“ erscheinen – denn der Wagen besitzt doch einen Aufbau als Cabriolimousine, oder?

Nun, wie es sich dafür gehören würde, sind feste Seitenteile mit oben abgeschlossenem Rahmen zu sehen, außerdem ein Verdeck ganz am Ende:

Doch schien mir die feste, nach vor etwas abfallende Dachpartie an der Windschutzscheibe nicht dazu zu passen. Zudem ist am Verdeck nicht die für Cabrios wie Cabriolimousinen typische Sturmstange zu erkennen.

Nach einem Blick in die Literatur (Franz Piczolits, Austro-Daimler) ließ sich der Aufbau dann als „Limousine mit Rolldach“ identifizieren – sollte ich hier falsch liegen, wäre ich für eine Korrektur von sachkundiger Seite dankbar.

Denn so gefällig diese kleine Typenkunde scheinen mag, „kinderleicht“ sieht anders aus…

Nachtrag: 2019 ist von Christian Zach ein großes zweibändiges Werk zur Geschichte von Austro-Daimler erschienen, das viele bis dato unpublizierte Aufnahmen und Reklamen zeigt. Dieses Opus gönne ich mir zu Weihnachten in der Hoffnung, künftig noch kompetenter über diese großartige Marke berichten zu können.

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Macht gute Figur – ob Strandbad oder Wolfgangsee: Austro-Daimler AD 6-17

Fare bella figura“ – sagen die Italiener für „eine gute Figur abgeben“. Das bezieht sich keineswegs nur auf das äußerliche Erscheinungsbild, sondern im übertragenen Sinne auch darauf, ein gelungenes Leben zu führen.

Im Idealfall trifft beides zusammen und das möchte ich heute mit einer Auswahl von Bildern illustrieren, in dem Vorkriegswagen zwar eine Rolle spielen, aber letztlich doch nur eine Randerscheinung beim „fare bella figura“ bleiben.

Dabei treffen wir etliche alte Bekannte wieder, wobei diese uns tatsächlich in der Blüte der Jugend bzw. im besten Alter begegnen – beides wiederum bezogen auf Mensch und Maschine.

Beginnen möchte ich mit einem Ausschnitt aus einer großartigen Aufnahme, die um 1920 entstand und einen Wagen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg bei einer der damals häufigen Reifenpannen zeigt. Ausführlich vorgestellt habe ich das Dokument kürzlich hier.

Richard Kühmayer vor Mercedes Simplex; Ausschnitt aus Originalfoto von ca. 1920 aus Familienbesitz (via Johannes Kühmayer, Wien)

Der gut gebräunte junge Mann, der hier in sportliches Weiß gekleidet mit anpackt, ist Richard Kühmayer – Vater von Johannes Kühmayer (Wien), dem ich dieses Foto sowie eine ganze Menge weiterer Aufnahmen und Erinnerungen an die Welt von gestern verdanke.

Mein Vater wurde schon von einem Sonnenstrahl braun„, so sagte mir Johannes Kühmayer und er schreibt diese Veranlagung dem ungarischen Erbe großmütterlicherseits zu.

Entsprechend stach Richard Kühmayer selbst unter einem Haufen von Freiluftliebhabern im Strandbad Klagenfurt am Wörthersee hervor. Hier sehen wir ihn mit sattem Teint im unteren rechten Quadranten die Kamera ignorierend, doch gut aufgelegt neben dem Steg im Wasser:

Strandbad Klagenfurt am Wörthersee; Originalfoto aus Familienbesitz (via Johannes Kühmayer, Wien)

Man mag sich fragen, was das Strandbad Klagenfurt mit Vorkriegsautos und speziell dem im Titel angekündigten Austro-Daimler AD 6-17 zu tun hat.

Eine ganze Menge, jedenfalls wenn man das Automobil nicht nur als rein technische Schöpfung betrachtet, sondern quasi als Familienmitglied, das es sehr lange Zeit für die wenigen darstellte, die sich solch einen Luxus überhaupt leisten konnten.

So wurde außen vor dem Klagenfurter Strandbad, in dem sich einst Richard Kühmayer mit Gleichgesinnten tummelte, nämlich einst auch dieser Wagen abgelichtet:

Austro-Daimler 6-17 vor dem Strandbad Klagenfurt am Wörthersee; Originalfoto aus Familienbesitz (via Johannes Kühmayer, Wien)

Man mag die Aufnahme als Außenstehender belanglos finden, aber für Johannes Kühmayer hat sie etwas Elektrisierendes, zeigt sie doch als vermutlich einziges noch existierendes Dokument den Austro-Daimler seines Onkels Franz Kühmayer III.

Als Unternehmer hatte dieser den Wagen im Rahmen einer Firmenübernahme quasi als Mitgift erhalten und ihn mangels Alternativen einer privaten Nutzung zugeführt.

Das Auto war zwar nicht mehr taufrisch, aber als Transportmittel zum Strandbad und bei anderen Gelegenheiten ließ sich damit nach wie vor „bella figura“ machen. Was das aber nun für ein Typ genau war, mit dieser Frage trat Johannes Kühmayer an mich heran.

Bei solchen Tourenwagen ist es normalerweise schwierig bis unmöglich, auch nur den Hersteller zu ermitteln, wenn bloß ein solcher Ausschnitt vorhanden ist.

Doch im vorliegenden Fall war uns Fortuna hold – denn auf der hinteren Schwellerpartie sind zwei runde Mulden mit Knöpfen zu sehen, die sich so nur beim Austro-Daimler AD 6-17 finden – hier ein anderes Fahrzeug dieses Typs:

Austro-Daimler 6-17; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Dieses prachtvolle Automobil ist für Leser dieses Blogs natürlich ebenfalls ein „alter Bekannter“, wenngleich ich es hier auf einer „neuen“ Aufnahme meines Sammlerkollegen Matthias Schmidt (Dresden) zeigen kann – wohl ein Auto eines auf den Transport von Jägern spezialisierten Besitzers.

Beim Austro-Daimler AD 6-17 handelte es sich um die erste Neukonstruktion der Marke nach dem 1. Weltkrieg, für welche seinerzeit Ferdinand Porsche verantwortlich zeichnete.

Der 1920 vorgestellte Wagen besaß ein Sechszylinderaggregat feinster Bauart. Aus 4,4 Litern Hubraum gewann es 60 PS, den Ventiltrieb besorgte eine obenliegende Nockenwelle, die ihrerseits von einer Königswelle angetrieben wurde – präziser geht es kaum.

Wie es der Zufall will, begegnet uns ein anderes Exemplar dieses Spitzenklasse-Automobils auf einem weiteren Foto, welches mir Johannes Kühmayer übersandt hat. Diesmal handelt es sich um einen Wagen, den einst die Familie seines Taufpaten Hannes Pucher anlässlich eines Ausflugs nutzte – allerdings ist es nicht dasselbe Auto.

Bevor ich dieses hervorragende Dokument zeige, komme ich nicht umhin, wiederum einen „alten Bekannten“ ins Spiel zu bringen, und zwar diesen hier:

Protos Typ C1 10/45 PS am Wolfgangsee 1927; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Die Qualität der Aufnahme ist nicht die beste, aber man ahnt doch das Malerische an der Situation, die einen Protos Typ C1 10/45 PS im Jahre 1927 zeigt.

Über den See im Mittelgrund leuchtet durch den Dunst die Silhouette von St. Wolfgang am Wolfgangsee hinüber.

Als Freund vom Menschen geprägter historischer Kulturlandschaft behaupte ich, dass die Ansicht der auf dem gegenüberliegenden Ufer gelegenen Berge nicht solchermaßen eindrucksvoll wäre, erhielten deren Dimensionen nicht durch das bescheidene menschliche Bauwerk den rechten Maßstab.

Es ist vielsagend, dass Situationen wie diese den Menschen immer wieder anziehen, ihn dazu veranlassen an- und innezuhalten, um sich und seine Begleiter vor so grandioser Kulisse für eine Nachwelt abzulichten, über die sie nichts wissen konnten.

Und so ahnten einst auch die Insassen eines weiteren Austro-Daimler AD 6-17 der frühen 1920er Jahre nicht, in welchem Kontext ihr Konterfei am gleichen Ort fast 100 Jahre später noch für Begeisterung sorgen würde:

Austro-Daimler 6-17 am Wolfgangsee; Originalfoto aus Familienbesitz (via Johannes Kühmayer, Wien)

Hier sehen wir nun fast dieselbe Ansicht vom Wolfgangsee, bloß in weit besserer Qualität.

Und diesmal macht alles „bella figura“ – angefangen vom Austro-Daimler 6-17, der sich nur durch das Fehlen des Schwellerschutzblechs unterhalb der hinteren Tür vom Wagen am Klagenfurter Strandbad unterscheidet.

Eine gute Figur gibt vor dem Wagen auch Wilhelm Pucher ab, Vater des Patenonkels von Johannes Kühmayer und uns aus meinem Reisebericht ins „Verlorene Land“ vertraut.

Wie wir wissen, war Wilhelm Pucher ein für seine Zeit recht großgewachsener Mensch, was hier aber gar nicht auffällt. Denn der Austro-Daimler AD 6-17 war ein mächtiges Automobil und machte zusammen mit einigen Passagieren wahrlich „gute Figur“ vor der Bilderbuchlandschaft des Wolfgangsees.

Über die Insassen hinweg geht der Blick auf den Kirchturm von St. Wolfgang – heute bietet sich dem Reisenden von dieser Stelle noch derselbe Anblick. Doch die majestätischen, sich so gut in die Szenerie einfügenden Automobile von einst sind verschwunden.

Wo sind sie geblieben? Das fragt sich auch Johannes Kühmayer, und zwar den oben gezeigten Austro-Daimler AD 6-17 seines Onkels väterlicherseits betreffend.

Wie er mir schrieb, überlebte das Auto den 2. Weltkrieg und stand noch lange in der Garage der Familie in Weissenbach an der Triesting (Niederösterreich). Der Austro-Daimler wurde dann irgendwann verkauft – vermutlich in den 1950er Jahren.

Damals tummelte sich der junge Johannes Kühmayer an besagtem Strandbad in Klagenfurt am Wörthersee und man muss sagen: auch er machte wahrlich „bella figura“ als der braungebrannteste Schwimmer des Klagenfurter Schwimmvereins (zweiter von rechts):

Strandbad Klagenfurt 1959; Originalfoto aus Familienbesitz (via Johannes Kühmayer, Wien)

Heute, über 60 Jahre später, ist Johannes Kühmayer – wie ich aus unserem Schriftwechsel weiß – immer noch voller jugendlichem Feuer und hat sich die gute Figur in jeder Hinsicht bewahrt.

Nun wüsste er gern, was aus dem Austro-Daimler 6-17 geworden ist, der einst vor dem Strandbad Klagenfurt abgelichtet wurde und nach dem Krieg einen neuen Besitzer fand.

Gibt es unter den wenigen überlebenden Exemplaren vielleicht eines, in dessen automobiler Vita der Name der Familie Kühmayer erscheint?

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Frühjahrsputz nach Männerart: Austro-Daimler 9/25 PS

Dass Männer immer wieder Opfer struktureller Diskriminierung werden, ist bekannt – ihnen werden nicht nur im Berufsleben systematisch niedere bzw. gefährliche Tätigkeiten zugemutet: auf Autobahnbaustellen, bei Müllabfuhr und Feuerwehr, aber auch auf Seenotrettungskreuzern und bei der Katastrophenhilfe.

Aber auch im privaten Bereich mutet man ihnen einiges zu: So werden viele Männer noch heute absichtlich ausgegrenzt, was die Möglichkeit angeht, sich bei Hausarbeiten zu entfalten. In der Not bleibt ihnen oft nur ein Weg, ihrem Putzdrang nachzugeben:

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das gründliche Reinigen und Aufpolieren von Automobilen zu den Tätigkeiten gehört, für die Männer eine angeborene Motivation und Ausdauer besitzen – zugleich überlassen ihnen die Damen hier auffallend gern das Feld.

Die Beschäftigung mit der Pflege des vierrädrigen Familienmitglieds hat etwas Therapeutisches, sofern es sich um ein klassisches Automobil handelt. Wer regelmäßig einigen Quadratmetern Lack und Chrom zu neuem Glanz verhilft, braucht keinen Psychiater.

Einen wunderbaren Beleg dafür, welchen Grad an Hingabe und Versenkung Männer beim Frühjahrsputz erreichen können, wenn der Gegenstand der richtige ist, verdanke ich Leser Matthias Schmidt (Dresden):

Austro-Daimler 25 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Dieses herrliche Dokument passt nicht nur perfekt zu meiner These, dass auch Männer dem Konzept des Frühjahrsputz viel abgewinnen können – es zeigt zugleich ein Fahrzeug, das ich in dieser Form bislang noch nicht vorstellen konnte.

Dass wir hier eine in Deutschland zugelassene Limousine auf Basis eines Austro-Daimler aus der Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg vor uns haben, ist schnell ausgemacht. Ein Blick auf den Kühler mit dem noch aus Vorkriegszeiten stammenden Dekor genügt:

Eine Frontansicht dieses Emblems findet sich in meinem Blog beispielsweise hier. Doch ist es auf der Aufnahme von Matthias Schmidt nicht an einem der großen Sechszylinderwagen montiert, mit denen Austro-Daimler in den 1920er Jahre Furore machte.

Nein, die kompakten Abmessungen der Motorhaube und das Größenverhältnis zwischen dem Wagen und seinem hingebungsvollen „Pfleger“ verraten, dass wir eines der Vierzylindermodelle der Marke vor uns haben, die noch auf Vorkriegstypen basierten.

Zwei Motorisierungen waren dabei erhältlich – ein 9/25 PS Typ mit 2,3 Litern Hubraum und ein 15/35 PS-Typ mit 3,3 Liter Hubraum. Sie unterschieden sich äußerlich durch den deutlich abweichenden Radstand.

Im vorliegenden Fall dürfte es sich um einen Austro-Daimler 9/25 PS handeln, dessen Radstand nur knapp 2,90 Meter betrug. Das stärkere Modell 15/35 PS verfügte über einen Radstand von gut 3,10 Meter – was mir hier zuviel vorkommt.

Ein Wagen mit fast identischem Aufbau ist in Franz Pinczolits Standardwerk über Austro-Daimler auf S. 128 abgebildet. Die keilförmig ausgeführte Frontscheibe findet sich bei Limousinen aus dem deutschsprachigen Raum nach dem 1. Weltkrieg öfters (bspw. hier).

Von 1920 bis 1922 wurde dieser Vierzylindertyp von Austro-Daimler gefertigt – wieviele Exemplare davon entstanden, ist mir nicht bekannt. „Sie verkauften sich recht gut„, schreibt Werner Oswald (Deutsche Autos 1920-1945, Ausgabe 2001) – er wusste es also auch nicht.

Das Beste an diesem Foto ist aus meiner Sicht aber ohnehin der junge Mann, der hier in die Reinigung der Sitzpolster vertieft ist – mit seiner gepflegten Frisur, der tadellosen Haltung und dem zünftigen Outfit würde er heute noch gute Figur machen – ihm scheint sogar der meist zurecht verpönte Schnauzer zu stehen:

Ich vermute, dass dieser tiefenentspannte Mann vor rund 100 Jahren der Chauffeur des Austro-Daimler war – jedenfalls würde sein Erscheinungsbild dazu passen.

Die militärisch anmutende Optik ergibt sich aus der damals beliebten Kombination aus normalen Halbschuhen und die Unterschenkel umschließenden ledernen Gamaschen – auf den ersten Blick wirkt das wie Reitstiefel, wozu auch die weitgeschnittene Hose passt.

Nun, meine Damen, was würden Sie zu einem adretten Burschen sagen, der sich so ausgezeichnet beim Frühjahrsputz anstellt, während der Gatte auf Dienstreise weilt? – „Kommen Sie doch nachher auf einen Kaffee rein, Felix…“

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Eine Wucht! Austro-Daimler Type ADR „Armbruster“

„Das ist ja eine Wucht!“ – wann und wo hat man das zuletzt gehört oder gelesen? Mir scheint das ein im Aussterben befindlicher Ausdruck zu sein – Anlass, ihn wieder einmal zu benutzen so wie das schöne „Guten Morgen“ statt des schnöden „Hallo“.

Heute passt dieser Ausdruck von Begeisterung im doppelten Sinne, denn zur Wucht, die einen umhaut, passt auch die im Titel anklingende Waffe – die Armbrust. Letztere ist übrigens ein Beispiel für eine Verballhornung eines fremdsprachlichen Wortes.

Die Armbrust wurde bereits in der Antike erfunden und in spätrömischer Zeit als „arcu balista“ bezeichnet. Das Wort schliff sich später auf Umwegen zur deutschen Armbrust ab. Die Waffe zeichnet sich durch die enorme Wucht aus, mit der sie aus vorgespanntem Zustand Metallbolzen verschießt, die sogar Rüstungen zu durchschlagen vermögen.

Gebaut wurde diese technisch raffinierte Waffe, die manchen sich fest im Sattel wähnenden Ritter vom Pferd gehauen hat, traditionell vom Armbruster. Der musste sich freilich mit dem Aufkommen der Feuerwaffen auf ein anderes Handwerk verlegen.

Zumindest in einem Fall scheint die Familientradition vom Kriegsgerät zur Fabrikation von Kutschaufbauten und später Automobilkarosserien geführt zu haben – doch die Wucht, mit der das fertige Produkt einen trifft, blieb dabei nicht auf der Strecke:

Austro-Daimler ADR, Karosserie: Armbruster; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Prachtexemplar eines Sportcabriolets traf und trifft den Betrachter völlig unerwartet. Man darf sicher sein, dass auch mancher Kenner von Vorkriegsautomobilen nach erstem Schock erst einmal tief Luft holen muss.

„Das ist die Wucht!“ werden selbst die Freunde der Marke Austro-Daimler ausrufen, denn dieses Exemplar begegnet einem auch dann nicht alle Tage, wenn man sich regelmäßig mit den Modellen der Wiener Traditionsmanufaktur beschäftigt.

Der Wagen mit klassischer Zweifarblackierung wirkt perfekt proportioniert und erfreut das Auge mit dem Auf und Ab der Linien wie die Donauwelle den Gaumen. Doch der Blick auf das riesige Lenkrad offenbart, wie extrem flach dieser Wagen gehalten war.

Die Basis der 1927 eingeführte Austro-Daimler ADR – begünstigte mit seinem Zentralrohrrahmen ein tiefsitzendes Fahrer- und Passagierabteil. Mit einem 70 PS starken 3-Liter-Sechszylinder besaß er zudem sportliche innere Werte.

Rennfahrer Hans Stuck fuhr privat einen solchen Austro-Daimler ADR – und zwar genau in der Ausführung, die wir hier sehen:

Nur das Kennzeichen aus Düsseldorf verrät, dass wir nicht den Wagen von Hans Stuck vor uns haben, denn der besaß ein österreichisches Nummernschild.

Ansonsten handelt es sich um denselben Aufbau als zweisitziges Sportcabriolet der Wiener Karosseriemanufaktur Armbruster.

Übrigens hatte ich den Wagen zunächst als ab 1931 gebauten Typ ADR-8 angesprochen. Dieser erhielt einen noch längeren Radstand und einen formidablen Reihenachtzylinder mit obenliegender Nockenwelle, der satte 100 PS auf den Weg zur Hinterachse schickte.

Wie mir ein sachkundiger Leser mittteilte, war der ADR-8 vom Sechszylindermodell durch eine kleine „8“ oberhalb des Markenschriftzugs am Kühler zu unterscheiden – leider fehlt dieses Detail hier, sonst wäre dies einer von nur rund 50 gebauten ADR-8.

Mit dem ADR-8 endete die eigenständige Automobilfertigung von Austro-Daimler – 1934 erfolgte der Zusammenschluss mit Steyr und Puch zur Steyr-Daimler-Puch AG. Einen spektakuläreren Abschluss von 35 Jahren Automobilfertigung kann man sich schwer vorstellen…

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Frühlingserwachen vor 90 Jahren: Austro-Daimler ADR

„Österreich, Du hast es besser“ mag mancher gegenwärtig – im April 2020 – sagen. Auch wenn man im Einzelnen unterschiedlicher Meinung sein kann – eines hat uns die Alpenrepublik in diesen Tagen der Coronavirus-Krise aus meiner Sicht voraus:

Eine frühzeitig und energisch handelnde politische Führung, mit laufender klarer Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit und einem Konzept für die Rückkehr in die Normalität – für Bürger und Unternehmen die Grundlage für Vertrauen und Zuversicht.

Vergleichbares ist mir in den letzten Wochen in Deutschland nicht begegnet. Stattdessen: Erst Verächtlichungmachung früher Warnungen angesichts der Entwicklungen in Asien, dann wochenlanges Nichtstun unter Behauptung des Vorbereitetseins, schließlich ein Chaos aus Empfehlungen und Anordnungen nach Gusto der Bundesländer – und bislang kein Plan zum Ausstieg aus einem immer teurer werdenden Ausnahmezustand.

Zum Glück lässt sich diesem Versagen beim derzeit vorgeschriebenen Ausweichen ins Private trefflich entgehen. So basteln die einen in der heimischen Garage emsig an vernachlässigten Projekten, andere nutzen das Frühlingswetter zu einer Ausfahrt mit einem historischen fahrbaren Untersatz über verwaiste Landstraßen.

In meinem Blog geht es derweil um ein gekonnt aufgeführtes Stück aus Österreich, mit dem vor 90 Jahren – im Jahr 1930 – der Frühling und ein neues Leben zelebriert wurde:

Austro-Daimler Typ ADR; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wir sehen ein kleines Mädchen versonnen auf dem Kühler einer großzügigen Limousine sitzen. Im Moment der Aufnahme hat das Kind die Augen geschlossen, der Mund zeigt einen Ansatz von Lächeln – hier ist jemand gerade ganz bei sich, wunschlos glücklich.

Wunschlos glücklich – zumindest in automobiler Hinsicht – würde auch der fahrbare Untersatz machen, der hier als Staffage dient.

Hand auf’s Herz: Wer, außer Kennern österreichischer Luxusautomobile der Vorkriegszeit, wäre imstande, auch nur den Hersteller dieses Wagens zu benennen?

Eine zeitliche Einordnung erlauben zwar formale Details wie die Gestaltung der Vorderkotflügel aus (optisch) zwei Teilen sowie die vorderen Bremstrommeln. Beides zusammen spricht für eine Entstehung in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre.

Wirklich individuell sind aber auf dieser Aufnahme nur die jeweils neben den Positionsleuchten auf den Schutzblechen angebrachten Richtungsanzeiger. Außer bei Wanderer ist mir Vergleichbares bei Wagen jener Zeit noch nirgends begegnet.

Zum Glück gibt es zwei weitere Aufnahmen, die am selben Tag mit diesem Auto entstanden, wenn auch mit wechselnder „Besetzung“. Hier haben wir Nr. 2 aus dieser hübschen kleinen Serie:

Austro-Daimler Typ ADR; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zugegeben: Von dem Wagen ist auch hier nicht viel mehr zu erkennen. Immerhin sieht man nun Details wie den in Fahrtrichtung links angebrachten Scheibenwischermotor und das horizontale Gestänge, das die Wischer zu gemeinsamer Aktivität motivierte.

Bei genauem Hinsehen erkennt man ganz hinten außerdem ein Rückfenster, das für eine Limousine ungewöhnlich klein ist – sollte es sich vielleicht doch um ein Cabriolet oder eine Cabriolet-Limousine handeln? Wir werden sehen…

Vorher möchte ich das Augenmerk auf die abgebildeten Personen lenken: Das uns schon bekannte „Kühlermaskottchen“ steht nun wieder auf sicherem Boden, festgehalten von einem uns ernst fixierenden Herrn.

Ich würde ihn als Großvater der Kleinen ansprechen, auch wenn das vielleicht nicht gleich plausibel erscheint. Doch in der Vorkriegszeit bekamen die Leute Kinder normalerweise, wenn sie selbst noch in den 20ern waren.

So konnte ein Mann in den 40ern und erst recht in den 50ern ohne weiteres Großvater sein. Die Großmutter wäre dann nach meiner These die uns freundlich, aber selbstbewusst fixierende Dame vor dem (in Fahrtrichtung) linken Kotflügel.

Als Mutter des Mädchens würde ich die hübsche junge Dame auf der anderen Seite ansprechen, die uns so intensiv anschaut, das man ihr schwer widerstehen kann:

Wir dürfen freilich nicht vergessen, dass dieser Blick nicht uns gilt, sondern einer weiteren Person, die bisher noch nicht zu sehen war und das Foto aufgenommen hat. Zwei kommen dafür prinzipiell in Frage, die auf der dritten und letzten Aufnahme zu sehen sind.

Der Hauptkandidat sitzt dort auf dem Trittbrett und hält das Mädchen fest. Ich nehme stark an, dass es sich bei dem gutaussehenden und nach neuster Mode gekleideten jungen Mann um ihren Vater handelt:

Austro-Daimler Typ ADR; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bevor ich mich dieser kleinen Gruppe zuwende, will ich noch auf den Wagen eingehen:

Die Kühlerfigur – ein in einem Kreis angebrachter Bogen mit gerade abgeschossenem Pfeil – ist typisch für die Wagen von Austro-Daimler ab dem Typ ADM der frühen 1920er Jahre.

Dabei handelt es sich um einen feinen Sechszylindertyp, der auf Entwürfen von Ferdinand Porsche basierte, welcher zuvor lange Jahre das technische Profil der Marke geprägt hatte.

Diese Frontpartie könnte aus meiner Sicht auch zum erwähnten Modell ADM gehören, das bis 1927 gefertigt wurde. Bloß die eigentümlichen Fahrtrichtungsanzeiger sprechen meines Erachtens für den Nachfolgetyp ADR.

Dieser wies von der Motorenkonstruktion abgesehen kaum noch technische Gemeinsamkeiten mit dem Vorgänger ADM auf – das Chassis war komplett neu entwickelt worden (siehe meinen Blog-Eintrag zu dem Modell).

Die Leistung war von 45 auf 70 PS gestiegen, wobei man im wesentlichen auf die aufgebohrte Sportversion des Austro-Daimler ADM zurückgriff, die 3 Liter statt 2,6 Liter Hubraum aufwies.

Etwas über 100 km/h Spitzengeschwindigkeit waren damit prinzipiell erreichbar, wobei dies angesichts der damaligen Straßen eher ein theoretischer Wert blieb. Was zählte, war souveräne Kraftentfaltung aus niedrigen Drehzahlen, die auch bei Steigungen ein möglichst schaltarmes Fahren erlaubte.

Kommen wir abschließend zu der reizenden Personengruppe, die neben dem Austro-Daimler – aus dieser Perspektive offenbar doch eine Limousine – posiert:

Die mutmaßliche Mutter schaut uns hier ganz anders – ein wenig überrascht – an. Praktisch genauso wie auf der vorherigen Aufnahme fixiert uns die von mir als Großmutter identifizierte Dame.

Man vergleiche ihr Gesicht mit dem des kleinen Mädchens – ich sehe hier eine erhebliche Ähnlichkeit. Bekanntlich findet sich in der Enkelgeneration oft überraschend viel von einem Teil der Großeltern wider, oft auch in punkto Persönlichkeit.

Das scheint insbesondere dann zu passieren, wenn der andere Elternteil weniger ausgeprägte Charakterzüge aufzuweisen scheint. Das könnte bei dem Vater im vorliegenden Fall so gewesen sein, weshalb sich aus seiner Linie weniger durchsetzte.

Rätselhaft und ein wenig unheimlich erscheint die Person ganz rechts – wohl eine Krankenschwester in der damals üblichen Tracht, für eine Angehörige eines geistlichen Ordens wäre ihr Kleid entschieden zu kurz, meine ich.

Sie schaut als einzige etwas verbissen drein – und nimmt man die Spiegelung ihres Gesichts im Seitenfenster der Wagens hinzu, könnte man sich ein wenig vor ihr fürchten:

War sie vielleicht eine Schwester, Cousine oder Freundin, die der jungen Mutter die gute Partie und den Nachwuchs neidete? Oder tun wir ihr schlicht unrecht, wie das bei Fotos leicht geschehen kann?

Das sei der Fantasie der Leser überlassen, die sich dazu ihre ganz eigenen Gedanken machen sollen. Meine Sicht der Dinge ist nur eine von mehreren möglichen, aber in einem subjektiven Format, wie es ein Blog nun einmal ist, teile ich sie gerne mit.

Nachtrag: Leser Martin Möbus vermutet, dass es sich um ein Kindermädchen handelt – die Besitzer des teuren Austro-Daimler konnten sich das gewiss leisten.

Eine letzte Sache noch: Vielleicht kann jemand auf Anhieb sagen, was es mit dem Kennzeichen des Austro-Daimler ADR auf sich hatte, der hier auf einer Fahrt dem Frühling entgegen vor 90 Jahren so voller Leben festgehalten wurde…

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In jeder Hinsicht Spitze: Austro-Daimler 25 PS

Freunde österreichischer Vorkriegsmarken kommen in meinem Blog immer wieder auf ihre Kosten – von bekannten Herstellern wie Steyr, Puch oder Gräf & Stift reicht die Palette bis hin zu Exotenfabrikaten wie Grofri, Perl oder Baja.

Ich habe nicht den Eindruck, dass in Deutschland die reiche österreichische Automobilgeschichte der Vorkriegszeit online so gewürdigt wird. Marken aus KuK-Zeiten wie Praga habe ich ebenfalls gestreift – in der Hinsicht lässt sich aber noch mehr tun.

Heute ist aber erst einmal wieder Austro-Daimler an der Reihe, mit etwas keineswegs Alltäglichem. Leser meines Blogs haben schon mit einer ganzen Reihe der luxuriösen und ausgezeichnet motorisierten Wagen Bekanntschaft gemacht, die von der 1899 in Wien gegründeten Österreichischen Daimler-Motoren-Gesellschaft gebaut wurden .

Zuletzt hatte ich zum wiederholten Mal einen Austro-Daimler des nach dem 1. Weltkrieg von Ferdinand Porsche neu konstruierten Typs 6-17 besprochen (Porträt). Hier zur Erinnerung das Prachtstück:

Austro-Daimler Typ AD -17; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Heute kann ich erstmals eines der kleineren Modelle mit 25 bzw. 35 PS präsentieren, die Anfang der 1920er Jahre parallel dazu erhältlich waren.

Sie basierten noch auf Vorkriegsentwürfen und besaßen lediglich Vierzylindermotoren. Dennoch legte Austro-Daimler auch bei diesen kleinen Typen Wert auf ein nicht alltägliches Äußeres und beste Verarbeitung.

Billig konnten solche Manufakturwagen natürlich auch bei schwächerer Motorisierung nicht sein, weshalb sich manche Käufer auch bei den kleinen Austro-Daimler-Wagen für eine individuelle Karosserie entschieden.

Ein besonders hübsches Beispiel zeigt die folgende Aufnahme aus meinem Fundus:

Austro-Daimler 25 PS Typ; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Abzug ist im Original stark verblasst und gerade im vorderen Bereich unscharf. Daher hat es eine ganze Weile gedauert, bis ich Hersteller und Typ identifizieren konnte.

Letztlich brachten mich die Umrisse des Kühlers – und speziell die Konturen an der oben vorkragenden Spitze auf Austro-Daimler (zum Vergleich sei ein Blick auf den Kühler des oben gezeigten Typs 6-17 PS angeraten).

Auch die Drahtspeichenräder und die Gestaltung der Zentralverschlussmutter passten zu dem Wiener Luxushersteller. Einzigartig scheint mir jedoch die Karosserie zu sein.

Hier ist nicht nur der Kühler „spitze“, sondern auch das nach Art sportlicher Motorboote auslaufende Heck. Effektvoll wirkt daneben die nach innen gewölbte Karosserieflanke – sie verleiht dem Aufbau eine schlanke „Taille“.

An der Frontpartie hat man zwar auf den ersten Blick den Eindruck, dass die Oberseite der Motorhaube wie die Schutzbleche dunkel vom hellen Karosseriekörper abgesetzt ist, doch der Eindruck täuscht – es handelt sich wohl nur um dem Gebäudeschatten:

Vielleicht kann jemand etwas zu den Schildern an der Hauswand im Hintergrund sagen. Dasjenige mit dem merkwürdigen Logo in der Mitte konnte ich nur teilweise entziffern.

Auf ein Wort mit wohl sechs Buchstaben folgte „Bayerische(r/s)“, in der vorletzten Zeile steht „Automobil“ gefolgt von einem Wort aus vier Buchstaben. Nachtrag: „Kartell Bayerischer Automobil Clubs“ – lautet vermutlich die Lösung, wie mir ein Leser mitteilte.

Das Schild darunter könnte auf die „American Automobile Association“ (AAA) verweisen, der seit altersher die Funktion des ADAC in den Vereinigten Staaten wahrnimmt und auch in europäischen Großstädten präsent war.

An der Seitenpartie fällt das Fehlen eines durchgehenden Trittbretts und eines Schwellerblechs am Rahmen auf, so ist die Auspuffanlage frei sichtbar. Ein hübsches Detail ist das kleine Trittbrett für den Einstieg, dessen Schatten auf der Straße vermuten lässt, dass es durchbrochen gearbeitet war.

Weiter hinten, vor dem Kotflügel ist schemenhaft eine kleinere Stufe zu sehen, die zusammen mit dem ausklappbaren Element in der Flanke offenbar den Zugang zu einem Notsitz im Heck ermöglichte:

Hier legte jemand wohl Wert auf eine möglichst minimalistische Optik in Verbindung mit einer sportlichen Karosse – ich finde das Ergebnis ausgeprochen reizvoll. Der kurze Radstand ist übrigens aus meiner Sicht ein Hinweis auf die Motorisierung mit 25 PS.

Bleibt die Frage, wer diesen Aufbau geschneidert hat, die in jeder Hinsicht „spitze“ ist und ihresgleichen sucht – zumindest in der mir zugänglichen Literatur…

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Lässt keine Wünsche offen: Austro-Daimler 6-17

Freunde österreichischer Vorkriegswagen dürfen sich heute über ein Wiedersehen mit einem Automobil der Spitzenklasse freuen, das ich in meinem Blog erst einmal präsentieren konnte (hier).

Die Rede ist vom Austro-Daimler Typ AD 6-17, der ersten Neukonstruktion der Marke nach dem 1. Weltkrieg, für die seinerzeit Ferdinand Porsche verantwortlich zeichnete.

1920 wurde der Wagen mit seinem hochfeinen Sechszylinderaggregat vorgestellt – aus 4,4 Liter gewann es 60 PS, den Ventiltrieb besorgte eine obenliegende Nockenwelle, die ihrerseits von einer Königswelle angetrieben wurde – filigraner geht es kaum.

Hier nochmals der im seinerzeitigen Blogeintrag präsentierte Wagen:

Austro-Daimler AD 6-17; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser prachtvolle Tourenwagen entspricht in allen sichtbaren Details dem Erscheinungsbild des Austro-Daimler AD 6-17.

Doch auch wenn die Proportionen für das neue Sechszylindermodell sprechen, ist nicht ganz auszuschließen, dass es sich um eines der nach dem 1. Weltkrieg weitergebauten Vierzylindermodelle 6/25 bzw 15/35 PS handelt.

Aus dieser Perspektive sind der neue große Sechszylindertyp und die nur optisch modernisierten Vierzylindermodelle schwer auseinanderzuhalten.

Solche Fälle gibt es bei frühen Vorkriegswagen öfters, da bei etlichen Herstellern der Grundentwurf für Typen mit unterschiedlicher Motorisierungen oft derselbe war und lediglich der Größe nach variiert wurde.

Doch wie es scheint, gibt es im Fall der frühen Nachkriegsmodelle von Austro-Daimler ein Detail, das aus günstiger Perspektive eine klare Abgrenzung erlaubt.

Ein Foto, das in dieser Hinsicht keine Wünsche offenlässt, hat mir Leser Matthias Schmidt aus Dresden zur Verfügung gestellt, der ein hervorragendes Archiv mit frühen Automobilfotos speziell aus Mittel- und Ostdeutschland besitzt:

Austro-Daimler AD 6-17; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Im Original war der Abzug stark verblichen und stark beschädigt, doch ließ sich mit einigen Anpassungen und Retuschen der großartige Tourenwagen „wiederbeleben“, der einst in Thüringen ein Zuhause bei vermögenden Leuten gefunden hatte.

Betrachtet man die Seitenpartie mit dem beachtlichen Abstand zwischen den Türen und die recht entfernte Sitzposition der Dame auf der Rückbank, ahnt man bereits, dass man hier mit einem Automobil der Oberklasse zu tun hat.

Tatsächlich unterschieden sich die beiden Vierzylindertypen von Austro-Daimler und das neue Sechszylindermodell AD 6-17 äußerlich insbesondere durch den Radstand: 2,80 m bzw. 3,11 m im Fall der kleinen Modelle und 3,45 m im Fall des AD 6-17.

Doch was sagt uns eigentlich, dass dieser Wagen überhaupt ein Austro-Daimler ist? Immerhin wurden solche Spitzkühlerwagen nach dem 1. Weltkrieg von fast jedem Hersteller im deutschsprachigen Raum angeboten.

Nun, hier verschafft einem der genaue Blick auf die Frontpartie Klarheit:

Das verschlungene Emblem auf dem Oberteil der Kühlereinfassung ist zwar unscharf wiedergegeben, doch ist es hinreichend markant, um die Ansprache des Wagens als Austro-Daimler zu ermöglichen.

Die sportlichen Drahtspeichenfelgen und die Ausführung der Radnabenmutter passen ebenfalls – bei Austro-Daimler waren diese Elemente Standard (bei deutschen Herstellern eher die Ausnahme).

Besonders interessant ist aber ein anderes Detail: So ist unterhalb des Nummernschilds eine stark abwärtsgeschwungene Vorderachse zu erahnen. Mein Eindruck ist, dass diese dem großen und schweren Sechszylindermodell AD 6-17 vorbehalten war.

Die parallel erhältlichen Vierzylindertypen 6/25 PS und 15/35 PS scheinen über eine deutlich flachere Vorderachse verfügt zu haben. Dies kann Platzgründe gehabt haben, doch sind auch Überlegungen in punkto Federungskomfort nicht auszuschließen.

Vielleicht kann ein Austro-Daimler-Spezialist sagen, ob die Ausführung der Vorderachse der verschiedenen Typen in den frühen 1920er Jahren tatsächlich unterschiedlich war.

Mir bleibt zum Abschluss ein Blick in das Passagierabteil des Austro-Daimler. Der Abstand zwischen dem Chauffeur vor dem mächtigen Lenkrad und der zweifellos der Besitzerfamilie angehörigen Dame ganz hinten könnte kaum größer sein:

Interessant finde ich außer den Insassen die beiden Wartungsklappen im Schweller: Die hintere wird Zugang zur Blattfeder der Hinterachse verschafft haben. Wozu diente aber die andere auf Höhe des Endes der Vordertür?

Wenn ich die Konstruktionszeichnungen des Austro-Daimler Typ AD 6-17 richtig interpretiere, war die vordere Aufnahme der hinteren Blattfeder ungewöhnlich weit vorne angebracht und die mittige Aufnahme befand sich noch deutlich vor der Vorderachse.

Schade, dass wir uns darüber nicht mehr mit dem Chauffeur unterhalten können, der laut Abschmierplan des AD 6-17 diese Stellen vor jeder Fahrt warten musste. Alle 3.000 km war außerdem das Öl des Motors und alle 5.000 km das Differentialöl zu wechseln.

Von Arbeiten wie diesen wusste die feine Dame auf dem Rücksitz vermutlich nichts, sie verließ sich auf die Kompetenz des Fahrers, der dafür seinerzeit ein Salär erhielt, das sich im Vergleich zu den Löhnen in Landwirtschaft und Fabriken sehen lassen konnte.

Nach der Inflationszeit Mitte der 1920er Jahre und der Wirtschaftskrise gegen Ende des Jahrzehnts mussten sich Chauffeure eine neue Betätigung suchen. Das wird nicht immer leicht gewesen sein, war aber letztlich eine Vorbedingung für die Demokratisierung des Automobils.

Als sich immer weitere Kreise einen Wagen leisten konnten, waren auch die Tage solcher aufwendig konstruierten Manufakturautomobile vorbei.

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Camping de Luxe mit Austro-Daimler Typ ADR

Die Beschäftigung mit den automobilen Errungenschaften der Vorkriegszeit wird unter anderem dadurch erleichtert, dass sich manche Neuerung der Gegenwart als alter Hut erweist.

Das gilt nicht nur für das verzweifelt propagierte und subventionierte Elektroauto, das an denselben Problemen herumlaboriert wie vor 100 Jahren  – stark eingeschränkte Mobilität zum nicht sozialverträglichen Preis.

Nein, auch Zeitgeistphänomene wie das sogenannte „Glamping“ findet man bereits in der Zwischenkriegszeit, bloß hatte man damals noch keinen Begriff dafür.

Vermutlich ist den meisten Campern gar nicht bekannt, dass sich hinter dem Kunstwort aus „Glamour“ und“Camping“ quasi eine Luxusvariante davon verbirgt. Dabei tut man so, als würde man auf Reisen im Zelt wohnen, ohne jedoch auf die Annehmlichkeiten eines Hotels verzichten zu müssen.

Die naheliegende Bewertung als Dekadenzphänomen spare ich mir an dieser Stelle, zumal es etwas in der Richtung auch vor 90 Jahren schon gab. Bloß bestand der Luxus nicht in der Unterbringung – die war denkbar profan – sondern im „Campingwagen“:

Austro-Daimler_ADR_Limousine_Galerie

Austro-Daimler Typ ADR; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Regelmäßige Leser meines Blogs werden sich vielleicht an diesen kolossalen Austro-Daimler des 70 PS-Typs ADR erinnern, den ich vor einiger Zeit hier vorgestellt habe.

Daher will ich heute gar nicht näher auf die Einzelheiten dieses Spitzenmodells der Wiener Luxusmarke eingehen, von dem zwischen 1927 und 1931 weniger als 1.000 Exemplare in Manufaktur entstanden.

Etliche davon scheinen trotz des enormen Preises von mehr als 15.000 Mark für die Limousinenausführung auch in Deutschland Käufer gefunden zu haben.

So gab es in Berlin eine Vertretung der österreichischen Marken Austro-Daimler und Steyr, wie folgende Aufnahme zeigt, die ich erst kürzlich erwerben konnte:

Austro-Daimler_Steyr-Vertretung_Berlin_1934_Galerie

Ausstellungsraum von Austro-Daimler und Steyr in Berlin; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dort könnte auch der Austro-Daimler Typ R in der Tourenwagenversion verkauft worden sein, der auf einem Foto festgehalten ist, das wir Leser Klaas Dierks verdanken.

Zwar ist auf der Aufnahme kein Nummernschild zu sehen, doch entstand der Abzug in einem „Talbot Atelier“ in Berlin, was für eine entsprechende Herkunft des Wagens spricht:

Austro_Daimler_ADR_TalbotAtelierBerlin_Dierks_Galerie

Austro-Daimer Typ R Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Hier sieht man eines der Details, die eine Unterscheidung des Austro-Daimler Typ ADR vom Vorgängertyp ADM erlauben – die angedeuteten Kotflügelschürzen, die einer stärkeren Verschmutzung der Wagenseite vorbeugen sollten.

Die Doppelstoßstange scheint ein Zubehörteil gewesen zu sein, man findet es nur selten an Wagen dieses Typs. Dagegen waren die Drahtspeichenräder Standard – wer diese sportlich aussehenden, aber empfindlichen Räder nicht wollte, konnte aber offenbar auch massive Stahlspeichenräder bekommen.

Damit wären wir nun endlich bei dem Fahrzeug, um das es heute geht und das uns in die wunderbare Welt des „Glamping“ der Zwischenkriegszeit entführt:

Austro-Daimler_ADR_Camping_1_Galerie

Austro-Daimler Typ ADR; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dieser außergewöhnlichen Aufnahme – ich kenne keine annähernd vergleichbare mit einem Auto dieses Kalibers – fallen gleich mehrere Dinge ins Auge:

  • die monumentalen Ausmaße des Wagens – hier mit Aufbau als sechsfenstriger Limousine,
  • die geringe Bodenfreiheit oder  – positiv gewendet – der niedrige Schwerpunkt,
  • die Stahlspeichenräder und das deutsche Nummernschild – sowie
  • das simple Zelt aus Segeltuch, in dem die Insassen offenbar nächtigten.

So profan die Campingausstattung hier anmutet, so glamourös war jedenfalls der Wagen – eindeutig ein mächtiger Austro-Daimler Typ ADR mit einem Platz und einem Einstiegskomfort, der Besitzer heutiger Oberklasse-Limousinen sprachlos macht:

Austro-Daimler_ADR_Camping_1_Ausschnitt

Die Reisenden, die diesen Wagen zur Verfügung hatten, werden vermutlich den kargen Komfort ihrer nächtlichen Unterkunft in Kauf genommen haben, wenn sie tagsüber die Wunder der Welt aus einem derartigen Automobil genießen konnten.

Vermutlich wird man alle paar Tage in einem richtigen Hotel genächtigt haben, wo man seine Kleidung waschen und bügeln lassen sowie anständig essen konnte.

Dennoch muss es sich um abenteuerlustige Leute gehandelt haben, denn es gibt eine weitere Aufnahme des Wagens mit aufgeschlagenem Zelt, diesmal – wie es scheint – in einer kargen Gegend irgendwo im Süden:

Austro-Daimler_ADR_Camping_2_Galerie

Austro-Daimler Typ ADR; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man kann aus diesem schönen Dokument einstiger Reiselust einiges ablesen – etwa das unbedingte Vertrauen in die Zuverlässigkeit des Austro-Daimler.

Für den komplexen 6-Zylindermotor des Wagens – nebenbei eine Konstruktion des Porsche-Chefkonstrukteurs Karl Rabe – wäre in einer gottverlassenen Gegend wie dieser kein Ersatzteil zu bekommen gewesen.

Selbst die Beschaffung von Kraftstoff, Öl und Reifen dürfte in dünnbesiedelten Regionen Europas wie Zentral- und Südfrankeich, Unteritalien oder dem Balkan schwierig gewesen sein.

Das Wichtigste wird man also mit sich geführt haben bzw. die Vorräte in Städten aufgefüllt haben. Auch die Kenntnis des Tankstellennetzes und der befahrbaren Routen muss eine Herausforderung gewesen sein – heute brauchen die Leute dagegen schon beim Einparken „Hilfe“…

Da steht er nun irgendwo in der Einsamkeit – der Austro-Daimler Typ ADR – doch genau dafür waren diese großzügig motorisierten und zuverlässigen Wagen gemacht:

Austro-Daimler_ADR_Camping_2_Ausschnitt

Diese Reiseaufnahmen erzählen etwas von der (in Teilen) verlorengegangenen Magie des Automobils:

  • Mobilität über hunderte Kilometer in Hitze und Staub, Regen und Kälte,
  • Fortbewegung unabhängig von Fahrplänen, abseits von Eisenbahnrouten und selbst auf unbefestigten Straßen
  • unbehelligt von willkürlich festgelegten Umweltzonen und Abgasgrenzwerten,
  • einfache Reparierbarkeit unabhängig von Werkstätten und Software-Updates,
  • auf die Passagiere (nicht den Fahrer) abgestimmtes Platzangebot.

Die Exklusivität und den Erlebniswert einer Reise durch das Europa der Vorkriegszeit mit einem derartigen Luxusautomobil können wir uns kaum vorstellen.

Stattdessen setzen sich heute selbst betuchte Zeitgenossen der Massenunterbringung auf Kreuzfahrtschiffen oder in künstlichen Urlaubsoasen aus…

Wir wissen nicht genau, welcher Route unsere „Camper“ in ihrem Austro-Daimler Typs ADR folgten – nur ein Foto ihrer Reise gibt einen eindeutigen Hinweis:

Austro-Daimler_ADR_Frankreich_Galerie

Austro-Daimler Typ ADR; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Foto – aufgenommen aus raffinierter Perspektive – wird wohl in Südfrankreich entstanden sein. Das verrät die Werbung für die Spirituosenmarke Byrrh, deren Ursprünge in der Region Okzitanien nahe den Pyrenäen liegen.

Das Auftauchen einer Limousine der Marke Austro-Daimler muss einst für die Einheimischen außergewöhnlich gewesen sein – zumindest für die Herren, die hier um die Mittagszeit im Schatten saßen (ihre Frauen hatten vermutlich zu tun…).

Hier ist übrigens ein Detail an dem Wagen zu sehen, das die bisherigen Aufnahmen nicht erkennen ließen – das bis nach hinten zu öffnende Rolldach:

Austro-Daimler_ADR_Frankreich_Galerie2

Ganz selten auf Abbildungen dieses Typs zu sehen ist außerdem die raffinierte Kombination aus ausstellbarer Frontscheibe und verstellbarem Sonnenschutz.

Letzterer war häufig starr ausgeführt, wie zeitgenössische Aufnahmen verraten. Inwieweit es sich hierbei um ein optionales Zubehör handelte oder ob diese Lösung baujahrabhängig war, ist mir nicht bekannt.

Generell freue ich mich über weitere sachkundige Hinweise zu diesem Austro-Daimler ADR, da die Literatur trotz aller Meriten im Detail einige Wünsche offen lässt.

Wunschlos glücklich sollten die Freunde solcher Reiseaufnahmen rarer Autos aus dem deutschprachigen Raum sein, vor allem wenn man ein überraschend frühes Beispiel für „Glamping“ findet…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ganz schön eingesaut: Austro-Daimler ADM Limousine

Zufälle gibt’s! Fast auf den Tag genau vor einem Jahr wurde in diesem Blog für Vorkriegsautos hier ein wunderbares Originalfoto desselben Wagentyps besprochen, mit dem wir uns heute – wieder einmal – befassen.

Die beiden Fahrzeuge und auch die Aufnahmesituation könnten aber kaum unterschiedlicher sein.

Damals hatten wir es mit einem Foto zu tun, auf dem jemand die Atmosphäre eines Sommerabends festgehalten hatte – mit einem Austro-Daimler ADM in der Ausführung als offener Tourenwagen:

Austro-Daimler_ADM_Tourer_Galerie

Austro-Daimler Typ ADM Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der selbstbewusste Herr im ländlichen Outfit täuscht nicht darüber hinweg, dass wir hier einen veritablen Luxuswagen vor uns haben, von dem nur einige hundert Exemplare in Manufaktur entstanden.

Der Typ ADM war das letzte Modell von Austro-Daimler, das auf eine Konstruktion von Ferdinand Porsche zurückging, der die Firma 1923 wieder verließ.

Motorisiert war der Wagen mit einem kopfgesteuerten 6-Zylinder mit Aluminiumblock, der 45 PS Höchstleistung aus 2,6 Liter Hubraum schöpfte. Das wahre Potential dieses hochkarätigen Aggregats zeigte sich freilich erst in den weit stärkeren Sportversionen.

Für die damaligen Käufer der Serienausführung zählten dagegen die anstrengungslose Kraftentfaltung des elastischen Antriebs und das für damalige Verhältnisse ausgezeichnete Fahrwerk mit den zupackenden Vierradbremsen.

Hier ein zeitgenössischer Bericht aus der Allgemeinen Automobil Zeitung von 1923, frei wiedergegeben nach „Austro Daimler“ von Franz Pinczolits, Weilburg Verlag, 1986:

„Mit der Lautlosigkeit eines Elektromobils setzte sich der Wagen in Bewegung…Je weiter wir aus der Stadt kamen, desto deutlicher ließ er die Vorzüge seiner Federung erkennen, denn die Güte der Fahrbahn nahm immer weiter ab…Reichlicher Regen hatte aus den Straßen einen Superlativ an Miserabilität gemacht… Dennoch ging es im Sturm die steile und enge Straße bergauf, durch Pfützen und über bloßgelegten Schotter. Die leere Straße gestattete ein beherztes Loslegen, die Räder jagten ganze Sturzseen von Pfützwasser in die Hecken…“

Auch wenn der Bericht ganz schön dick aufträgt, verrät er die Begeisterung, die der neue Sechszylindertyp ADM bei den Zeitgenossen weckte. Er lässt auch die Unbekümmertheit erkennen, mit denen ein solches Luxusautomobil über die damals kaum befestigten Pisten gescheucht wurde.

Die Beschreibung dieser Testfahrt über aufgeweichte Landstraßen hinauf auf den Kahlenberg bei Wien ist die ideale Überleitung zu dem Foto, das wir heute präsentieren wollen:

Austro-Daimler_ADM_Limousine_Galerie

Austro-Daimler Typ ADM Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Obwohl dieser hochwertige Wagen ebenfalls von einer Fahrt durch Pfützen und Schlamm ganz schön eingesaut ist, macht man wie selbstverständlich eine Aufnahme des Prachtstücks und das auch noch mit Blick auf den verdreckten Innenkotflügel.

Dabei machte der Austro-Daimler vom Schmutz abgesehen einen fast neuwertigen Eindruck und befand sich noch nicht bei irgendwelchen Zweit- oder Drittbesitzern mit wenig Sinn für Fahrzeugpflege.

Wir können daraus schließen, dass es für die Eigner dieser Luxuslimousine keinen Makel darstellte, wenn das teure Gefährt so daherkam. Kein Wunder – bei den damaligen Straßen sahen die Autos in der regenreichen Jahreszeit eigentlich ständig so aus.

Versehentlich hatte der Fotograf die Zone der größten Schärfe auf den verdrecktesten Teil des Wagens gelegt. Dennoch erkennen wir auf den übrigen Partien genug, um den Typ genau identifizieren zu können:

Austro-Daimler_ADM_Limousine_Frontpartie Oben auf der Kühlermaske lässt sich das typische verschlungene Markenemblem von Austro-Daimler erkennen. Die Position der runden Reibungsstoßdämpfer spricht ebenso für das Modell ADM wie die Ausführung der Vorderschutzbleche.

Auf den mächtigen Trommeln der Vorderradbremsen zeichnet sich deutlich die der besseren Wärmeabfuhr dienende Verrippung ab. Die Drahtspeichenräder waren wie bei anderen österreichischen Herstellern jener Zeit serienmäßig.

Insgesamt ein Automobil der obersten Klasse, mit dem man in allen Belangen glücklich sein konnte. Dennoch scheint die Dame daneben alles andere als begeistert:

Austro-Daimler_ADM_Limousine_Personen

Warum sie wohl so ernst und abwesend schaut? Was sie bedrückt oder beschäftigt hat, werden wir nicht mehr erfahren. Auch gut betuchte Menschen können bekanntlich mit ihrem Schicksal hadern oder Sorgen haben.

Der großgewachsene Mann neben ihr dürfte der Ähnlichkeit nach zu urteilen der Sohn sein. Auch ihn scheint gerade anderes zu beschäftigen, er schaut jedoch in die Ferne.

Leider ist der Abzug umseitig nicht beschriftet, sodass wir weder Näheres zu den abgebildeten Personen noch zu Aufnahmeort oder -anlass wissen. Das Kennzeichen gibt immerhin etwas preis: Dieser Austro-Daimler Typ ADM war einst in Wien zugelassen.

Da es nicht viele von diesen teuren Wagen gegeben hat, lässt sich vielleicht durch Zufall doch mehr darüber in Erfahrung bringen. Am Ende existiert er sogar noch…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.