Fund des Monats: Ein Fafnir Typ 476 „Sportphaeton“

Der Fund des Monats Juli ist in vielerlei Hinsicht ein ganz besonderer, denn hier stimmt einfach alles: ein rares Auto mit exzentrischer Karosserie, ein technisch hochwertiges Foto und – nicht zuletzt – ein namentlich bekannter Insasse.

Eigentlich müsste man über so ein Prachtstück nicht viele Worte verlieren, denn diese Aufnahme ist so umwerfend, dass man im ersten Moment nur Bewunderung dafür aufbringen kann:

Fafnir Typ 476 „Sport“; Originalfoto bereitgetellt von Familie Pochert (Dresden)

Dieser leicht und schnittig wie ein Rennboot daherkommende Tourer mit den filigranen Drahtspeichenrädern und der im wahrsten Sinne des Wortes „schrägen“, aber sehr wirksamen „Kriegsbemalung“ ist das bislang raffinierteste Fahrzeug, das mir in meiner nunmehr fünfjährigen „Karriere“ als Oldtimer-Blogger auf den Bildschirm gekommen ist.

Als ich das Originalfoto von der Familie Pochert aus Dresden zur Bestimmung zugesandt bekannt, habe ich innerlich gejubelt und das, obwohl ich zunächst keinen blassen Schimmer davon hatte, was ich da vor mir hatte.

Bekannt war nur, dass die Aufnahme in den frühen 1920er Jahren in Berlin entstanden war und dass der Fahrer Eugen Jakubowski hieß – er war der Großvater von Peter Pochert, der uns schon mit zwei weiteren Fotos erfreut hat, die Opa Eugen als wackeren Chauffeur zeigen (siehe hier).

Aber was das für ein Auto gewesen sein könnte, das bereitete mir einiges Kopfzerbrechen. Klar war nur, dass es sich um ein deutsches Fabrikat der Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg handeln musste.

Dafür sprachen der typische Spitzkühler und die exaltierte Gestaltung des Vorderwagens mit geometrischen Elementen – das gab es in dieser Kombination damals nur in deutschen Landen – wo die Autoindustrie nach 1918 eigene Wege beschritt:

Auf dem Bildausschnitt kann man nicht nur den eigenwilligen Luftauslass in der Haube studieren, sondern registriert auch die Vorderradbremsen, die bei deutschen Wagen erst ab 1923/24 allmählich Einzug hielten – beginnend bei hochwertigen Fabrikaten

Einen eindeutigen Hinweis auf die Herkunft dieses fabelhaften Automobils gibt aber erst der markant gestaltete Spitzkühler. Man findet ihn identisch beim 1920 neu eingeführten Fafnir Typ 476 – hier eine Frontansicht einer Limousine:

Fafnir Einheitstyp 476, aufgenommen in Pommern; Originalfoto bereitgestellt von Frank Müller

Dieser Ausschnitt stammt aus einer großformatigen Aufnahme, die einst in Pommern entstand und die mir Leser Frank Müller zur Verfügung gestellt hat.

Vom Kühler und dem Vierzylinderaggregat unter der Haube abgesehen, hat diese klassische Sechsfensterlimousine freilich nichts mit dem rassigen Sportwagenaufbau gemein, in dem sich Eugen Jakubowski einst ablichten ließ.

Zweifellos haben wir es mit einer Spezialkarosserie von Meisterhand zu tun und man wüsste gern, wer den heute noch sportlich wirkenden Aufbau einst entwarf und fertigte.

Immerhin finden sich einige Prospektabbildungen fast identischer Fafnir-Wagen, eine davon in „Deutsche Autos 1885-1920″ von Halwart Schrader (1. Auflage, S. 174).

Dumm nur, dass dem Verlag dort ein redaktioneller Fehler unterlaufen ist, denn der dort abgebildete Fafnir mit dem gleichen Sportaufbau wird als Typ 6/20 PS von 1910 (!) bezeichnet.

Das ist natürlich vollkommen abwegig und muss auf eine nachträgliche Änderung im Satz zurückzuführen sein. Solchen Fehlern begegnet man auch in anderen deutschen Standardwerken (bspw. von Fersen, Oswald) leider des öfteren, weshalb diese bei allen Verdiensten stets mit Vorsicht zu genießen sind.

Zum Glück stehe ich aber mit Fafnir-Spezialist Hubertus Hansmann aus Aachen (wo die Wagen einst gebaut wurden) in Kontakt und er konnte mir sagen, was das wahrscheinlich für ein Typ ist, nachdem er sich vom ersten „Schock“ der Begeisterung erholt hatte…

Seiner Ansicht nach handelt es sich um einen Aufbau als Sportphaeton, den es seinerzeit auch für eine auf 50 PS „frisierte“ Version des Fafnir 2,3 Liter-Motors gab, dann allerdings in Verbindung mit einer speziellen Cantilever-Federung an der Hinterachse.

Der schicke Fafnir, den einst Eugen Jakubowski für einen Besitzer von besonderem Geschmack bewegen durfte, verfügt zwar über eine weitgehend identische Karosserie, das Chassis ist aber eines mit herkömmlicher Blattfederung an der Hinterachse, wie man hier ansatzweise erkennen kann:

Fahrer Eugen Jakubowski fixiert uns hier kühl und mag sich denken: „Wenn Ihr wüsstet, was ich für ein Glück mit diesem Wagen und meinem Brötchengeber gehabt habe…“

Denn ein solcher Fafnir war auch im Berlin der 1920er Jahre, in dem fast alles möglich war und das damals noch eine wohlhabende, international führende Industriemetropole war, ein aufsehenerregendes Qualitätsautomobil.

Schon der Vorgängertyp des hier gezeigten Wagens – der Typ 472 8/22 PS von 1914 – besaß eine Innenschaltung und einen besonders tiefen Schwerpunkt, seinerzeit absolut außergewöhnlich.

Fafnir vermochte auch nach dem 1. Weltkrieg an seinen hohen Standards festzuhalten, verlor aber wie viele andere deutsche Hersteller den Anschluss an den Trend zur Massenfertigung, der das Automobil für breitere Schichten erschwinglich machte.

So wird der herrliche Fafnir Typ 476 Sportphaeton, mit dem einst Eugen Jakubowski im Berlin der Wilden 1920er Jahre unterwegs war, einer von wahrscheinlich nur ein paar Dutzend Exemplaren gewesen sein.

Laut Hubertus Hansmann hat kein einziger davon nach bisherigem Kenntnisstand überlebt. Selbst Fotos dieses Sporttyps scheinen unglaublich selten zu sein – möglicherweise ist das von der Familie Pochert bereitgestellte Original das erste überhaupt.

Es sind Entdeckungen wie diese, die mir bestätigen, dass ein offenes, kostenloses, dynamisches und interaktives Medium wie dieser Blog der richtige Ansatz ist, um das verstreute Bildmaterial und Wissen zu Vorkriegswagen in populärer und zugleich sinnvoll strukturierter Form zu bündeln.

Lässt sich ein solcher Fund des Monats noch steigern? Nun, da bin ich in Anbetracht des vorliegenden Materials inzwischen zuversichtlich…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Sagenhafte Autos aus Aachen: Ein Fafnir um 1912

Die altehrwürdige Stadt Aachen im Grenzland zu Belgien und den Niederlanden ist vor allem für ihren Dom bekannt, der eine fast 1.000 jährige Baugeschichte hat – von der Karolingerzeit (8. Jh.) bis ins Barock (18. Jh.).

Auch an die römischen Wurzeln der einstigen Königsresidenz wird man im Stadtbild und im Untergrund erinnert. Meine persönlicher Bezug zu Aachen basiert auf einer einstigen Wochenendbeziehung, die mir als Student mein treuer 1200 Volkswagen ermöglichte.

Das ist über ein Vierteljahrhundert her – und wenn man Erinnerungen über so lange Zeiträume mit sich herumträgt, merkt man auf einmal, dass man nicht mehr ganz jung ist.

Doch konnte ich zu Aachen in letzter Zeit eine ganz neue Beziehung knüpfen – und die hat mit der einstigen Automobilproduktion der dort angesiedelten AACHENER STAHLWARENFABRIK zu tun, die ab Ende des 19. Jh Einbaumotoren herstellte.

Unter der Markenbezeichnung „Fafnir“ – ich komme am Ende darauf zurück – fertigte man Aggregate für die unterschiedlichsten Fahrzeuge, die nicht nur bei heimischen Herstellern, sondern auch international ausgezeichneten Absatz fanden.

Ein Nischengeschäft blieb der um 1908 begonnene Automobilbau. Unter dem Markennamen Fafnir entstanden bis Ausbruch des 1. Weltkriegs vorwiegend Wagen der unteren Mittelklasse mit 1,5 bis 2,0 Litern Hubraum und weniger als 20 PS.

Nach ersten Anfangserfolgen wurde das Unternehmen im Jahr 1912 in FAFNIR-WERKE AG umfirmiert. Aus dieser Zeit stammt die folgende selbstbewusste Reklame:

Fafnir-Reklame um 1912; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Die in der Werbung erwähnte „langjährige Erfahrung“ bezog den Motorenbau ein, in dem die Aachener Firma eine eindrucksvolle Historie vorzuweisen hatte. Interessant, dass man in der Bildunterschrift darauf hinwies, dass hier ein Fafnir in England zu sehen ist.

Damit unterstrich man geschickt die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu einem Zeitpunkt, als die deutsche Automobilindustrie ihre einstige Führungsrolle (Ende des 19. Jh.) längst an Frankreich, Belgien und England abgegeben hatte.

Der abgebildete Wagen mit recht steil ansteigendem Windlauf – dem Luftleitblech zwischen Motorhaube und Frontscheibe – und Holzspeichenrädern könnte ein Fafnir Typ 274 6/14 PS oder ein Typ 284 8/16 PS gewesen sein.

Daneben gab es einen größeren Typ 384 10/25 PS, dessen Radstand von rund 3 Metern deutlich über dem der kompakteren Modelle lag.

Wohl eines der kleineren Fafnir-Modelle ab 1912 sehen wir auf folgender Aufnahme:

Fafnir Typ 466 6/16 PS um 1913; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Ansprache als Fafnir gelang letztlich anhand des Schriftzugs auf dem Kühler, der mich anfänglich in Richtung der Marke Hansa hatte recherchieren lassen.

Doch die Kühlerform wollte nicht so recht passen, sodass ich schließlich bei Fafnir fündig wurde. Das Vorhandensein von Drahtspeichenrädern spricht für den ab 1913 gebauten Nachfolger des erwähnten Typs 6/14 PS – den Fafnir Typ 466 6/16 PS.

Jedenfalls ergibt sich das aus der dünnen Literatur – hier „Heinrich von Fersen: Autos in Deutschland 1885-1920“, S. 188-189. Natürlich sind die dortigen Angaben mit Vorsicht zu genießen, wie das bei allen älteren Standardwerken zu deutschen Automobilen der Fall ist.

Bemerkenswert ist auf dieser technisch guten Aufnahme das Nebeneinander moderner elektrischer Frontscheinwerfer und – zumindest der Form nach – Gaspositionslichtern:

Vermutlich ist diese Aufnahme nach dem 1. Weltkrieg entstanden, als viele Vorkriegsmodelle entweder mit moderner Elektrik weitergebaut wurden oder eine solche nachgerüstet wurde. Ideen von Lesern zu diesem Befund sind wie immer willkommen.

Leider gibt der Originalabzug keinen Hinweis auf den Entstehungszeitpunkt der Aufnahme. Die Rückseite enthält lediglich den handschriftlichen Vermerk „Zur Erinnerung an H. Bayer“.

Dergleichen Details sind mir wichtig, weil sie solche alten Automobilfotos mit Leben füllenso kennen wir wenigstens den Namen eines der Insassen.

Wer dieser vier gut aufgelegten Herren besagter H. Bayer war, wird wohl der einstige Besitzer dieses Fotos mit ins Grab genommen haben:

Man darf aufgrund der Kleidung – keine Hemden mit Vatermörderkragen – und dem völligen Fehlen von Bärten davon ausgehen, dass dieses schöne Dokument irgendwann in den 1920er Jahren entstand.

Wann genau? Nun, im Winter natürlich, so genau lässt sich das anhand der Schneeketten an den Hinterrädern schon sagen. Es muss ein milder Tag gewesen sein, wenn man die leichten Outfits der beiden vergnügten Männer im Heck zugrundelegt.

Doch wird man die Schneeketten nicht zum Spaß montiert haben – vielleicht hatte man eine Fahrt in noch winterliche Höhen vor oder hinter sich. So oder so war diese Generation aus einem anderen Holz geschnitzt als unsereiner.

Damit komme ich zum Schluss zurück auf einen Helden, der sich noch ganz anderen Härten aussetzte – die Rede ist von Siegfried aus der altgermanischen Sagenwelt. Im Nibelungenlied tötet Siegfried den Drachen Fafnir und badet anschließend in dessen Blut, um unverwundbar zu werden. Dabei spielt ein Lindenblatt eine wichtige Rolle…

Vor bald 100 Jahren – 1924 – entstand unter Regie von Fritz Lang der Stummfilm „Die Nibelungen“. In Teil 1 wird man Zeuge, wie Siegfried den wohl ersten animierten Drachen der Filmgeschichte zur Strecke bringt.

Auch wenn man den traurig dreinblickenden Drachen Fafnir bemitleiden und das „heroische“ Gebaren Siegfrieds heute belächeln mag, ist diese Szene ein Meilenstein der Filmgeschichte:

Videoquelle Youtube; hochgeladen von: Larchive

Weitere Meilensteine aus dem Hause Fafnir will ich nach und nach vorstellen – es handelt sich allerdings um sagenhafte Raritäten, denen man sich respektvoll nähern sollte…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.