Fund des Monats: Ein Kissel „Gold Bug“ Speedster

Wo aber bleibt das Positive, Genosse?“ – diese zeitlos aktuelle Frage in Bezug auf die Segnungen, die den Deutschen (und ggf. Nachbarn) seit Jahrzehnten aus dem offiziellen Berlin zuteil werden – diese Frage beantworte ich regelmäßig ausweichend.

Angesichts nicht minder zeitloser Gefahren der Majestätsbeleidigung meidet man das Feld des Politischen möglichst und begibt sich stattdessen hinaus auf eine ideologisch unbelastete Grünfläche im Berliner Umland.

Dort findet man dann mit etwas Glück das gesuchte Positive bei einer gänzlich unpolitischen Versammlung gleichgesinnter Weggefährten. Gemeinsam haben sie allenfalls die Kennung „IA“, die bis Ende des 2. Weltkriegs auf eine Registrierung im Raum Berlin verwies.

Neben Bekannten in- und ausländischer Provenienz begegnet einem auf alten Dokumenten solcher Autonomen-Treffen bisweilen auch etwas, was einen über den Alltag erhebt und – ganz positiv – in die Luft gehen lässt.

Genau an einem solchen Erlebnis darf ich Sie, liebe Leser, heute teilhaben lassen. Ich war eine Weile sogar geneigt, hier bereits den Fund des Jahres entdeckt zu haben, aber dann dachte ich mir: „Ach was, legen wir die Lattte dafür einfach noch höher„.

So präsentiere ich hier und jetzt als Fund des Monats Mai 2026 dieses Gerät:

Kissel „Gold Bug“ Speedster um 1925; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

In kühner Perspektive aufgenommen sehen wir hier einen großdimensionierten Roadster mit typischen tief ausgeschnittenen Türen, sehr niedriger Frontscheibe (mit seitlichen Windabweisern), Doppelstoßstange und Drahtspeichenrädern.

Die schiere Größe des Wagens ließ mich gleich an ein US-Fabrikat denken – dennoch brauchte es einige Zeit, bis ich den Hersteller und das Modell herausgefunden hatte. Als das der Fall war, konnte ich kaum glauben, was ich da an Land gezogen hatte.

Das Auto entpuppte sich als „Kissel“ aus Hartford im US-Bundesstaat Wisconsin. Dort hatte 1909 der deutschstämmige Louis Kissel mit seinen Söhnen begonnen, sehr hochwertige und gut motorisierte Wagen zu bauen, die sich passabel verkauften.

Direkt nach dem 1. Weltkrieg landete man einen großen Wurf – weniger die Stückzahlen, denn das Prestige betreffend. So brachte man einen knallgelb lackierten Roadster mit Sechszylindermotor heraus, der über 60 PS leistete und sich sportlich bewegen ließ.

Das gerundete Heck und die Farbe brachten diesem kostspieligen Spaßmobil den Spitznamen „Gold Bug“ ein – also: Goldkäfer.

Bis 1927 blieb der Kissel „Gold Bug“ im Programm, wobei neben dem hauseigenen 6-Zylindermotor zuletzt auch ein Achtzylinder von Lycoming verfügbar war. Auf Wunsch wurden schon 1924 hydraulische Bremsen verbaut, ab 1925 waren sie Standard.

Die Produktion dieses aufsehenerregenden Fahrzeugs blieb beschränkt. Die Schätzungen zur Gesamtzahl von 1919 bis Ende der 20er Jahre bewegen sich zwischen 1500 und 3000. Die geringe Zahl der überlebenden Exemplare (ca. 50) spricht aus meiner Sicht eher für die niedrigere Schätzung.

So oder so ist es bemerkenswert, dass ein Fahrzeug dieses Typs irgendwann ab 1925 im Raum Berlin einen Käufer gefunden hatte. Für die Datierung sprechen vor allem die Doppelstoßstange und der relativ niedrige Kühlwassereinfüllstutzen.

Frühere Exemplare grenzen sich im Detail davon ab – etwa das Exemplar von 1923 im Forney Museum of Transporation in Denver (Colorado). Es gehörte der legendären Fliegerin Amelia Earhart, die das Auto besonders liebte.

Sie selbst verschwand auf ihrem Flug um die Welt im Jahr 1937 – wahrscheinlich nach einer Notlandung auf dem unbewohnten Atoll Nikumaroro (vormals Gardner Island) im Pazifik.

Während Earharts Flugzeug – eine Lockheed Electra – bis heute verschollen ist, hat ihr Kissel „Gold Bug“ die Zeiten überdauert. Wir sehen ihn im folgenden Video auf einfühlsame Weise zusammengeschnitten mit Aufnahmen von Amelia Earhart…

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