Keineswegs ein seltener Vogel: NAW „Sperber“

Wer das Glück hat wie ich, auf dem Land zu leben – in den letzten Monaten der Corona-Krise ein besonderes Privileg – dem ist der Anblick des Sperbers sicher wohlvertraut.

Zugegeben, ich bin kein besonderer Vogelkenner und kann den Sperber mitunter vom Habicht schwer unterscheiden, doch eines weiß ich: er ist hierzulande keineswegs selten – und das war auch vor über 100 Jahren nicht wesentlich anders.

Damals wurden Teile Deutschlands sogar von Sperbern auf vier Rädern bevölkert – dieser Anblick ist allerdings ein seltener geworden:

NAW „Sperber“ von 1911/12; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der „Sperber“ von NAW – den 1907 gegründeten Norddeutschen Automobilwerken aus Hameln – macht einem die Identifikation aus dieser Perspektive leicht.

Nicht nur, dass er eine sehr charakteristische Kühlerform aufweist, der Name „SPERBER“ ist dort auch praktischerweise gleich eingeprägt.

Das ab 1911 gebaute Vierzylindemodell war mit demselben Chassis in (angeblich) zwei Motorisierungen verfügbar, deren Leistung bei unverändertem Hubraum wohl laufend gesteigert wurde, wie das vor dem 1. Weltkrieg oft der Fall war.

Anders sind die unterschiedlichen Bezeichnungen in der Literatur und auf Reklamen nicht zu erklären – so findet man die Motorisierungen 6/14 PS, 6/15 PS, 6/16 PS und 6/18 PS in Verbindung mit der Kühlerform auf dem eingangs gezeigten Foto.

1913 gab es einen Nachfolger mit neu entwickeltem Motor (6/20 PS), der sich durch eine neue Kühlergestaltung auszeichnete. Von diesem Modell ist mir bislang kein aussagefähiges Foto begegnet, aber vielleicht ändert sich das ja irgendwann einmal.

So zeigt auch der jüngste Neuzugang in der kleinen NAW-Fotogalerie meines Blogs wiederum einen „Sperber“ in der ersten Ausführung von 1911/12:

NAW „Sperber“ von 1911/12; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Diese hervorragende – sicher professionelle – Aufnahme verdanke ich Klaas Dierks, der mit Matthias Schmidt und Marcus Bengsch bislang die meisten Originaldokumente aus dem Kreis meiner Leser beigesteuert hat.

Wie ich selbst wenden meine Sammlerkollegen erhebliche Beträge für die Beschaffung von Fotos und Prospektmaterial aus der Vorkriegszeit auf – und stellen diese kostenlos einer stetig wachsenden Zahl an Enthusiasten zur Verfügung, die diesen Blog als einzigartiges Schaufenster in die Welt des Vorkriegsautomobils schätzen.

Zurück zum NAW „Sperber“ (von dem vermutlich noch zahllose weitere Fotos unproduktiv in privaten Archiven schlummern). Können wir überhaupt sicher sein, dass der abgebildete Wagen ein „Sperber“ und nicht ein Exemplar des kleineren Vorgängers „Colibri“ ist?

Schließlich ist die Typenbezeichnung hier nicht sonderlich gut lesbar:

Nun, bereits beim „Colibri“ verbaute NAW Kühler mit eingeprägter Modellbezeichnung, er besaß aber noch nicht den charakteristischen Abwärtsschwung des Oberteils. Dieser ist eindeutig kennzeichnend für den „Sperber“ der Jahre 1911/12.

Übrigens offenbart dieser Ausschnitt ein weiteres sonst kaum zu sehendes Detail. So erkennt man beim Blick unter den Kotflügel unterhalb des Rahmens zwei Reihen von Schlitzen in der Verkleidung des Unterbaus von Motor und Getriebe.

Wenn nicht alles täuscht, konnte die vom Kühler erhitzte Luft im Motorraum durch diese Schlitze nach außen entweichen – die sonst gängigen seitlichen Schlitze in der Motorhaube findet man beim NAW „Sperber“ generell nicht.

Das setzt freilich voraus, dass die Luft im Motorraum durch entsprechende Bleche nach unten gelenkt wurde – vielleicht kann ein Kenner dieses Typs mehr dazu sagen.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, liefert uns die Plakette an der Wagenflanke die Bestätigung, dass wir hier tatsächlich einen „Sperber“ auf vier Rädern vor uns haben:

Exakt eine solche Plakette schmückt im Original die Sammlung von Claus Wulff aus Berlin, der seine hervorragende Kollektion an Kühleremblemen auch im Netz zeigt. Hier sieht man die besagte „Sperber“-Plakette in voller Pracht.

Auf obigem Ausschnitt ist aber noch mehr zu sehen: Hier lassen sich schön die einzelnen funktionellen Elemente erkennen, die noch nicht zu einem durchgestalteten Ganzen verschmolzen waren, wie das ab den 1930er Jahren zunehmend der Fall sein sollte.

So ist die Unterseite der Karosserie noch klar vom darunterliegenden Rahmen abgesetzt, an dem wiederum zwei senkrechte Winkel das Trittbrett halten. Der Raum zwischen Rahmen und Trittbrett ist entweder mit einem Blech oder einem Leder geschlossen.

Mittig auf dem Trittbrett – zwischen den Türen – thront der Karbidgasentwickler, der den Brennstoff für die Scheinwerfer lieferte. Er scheint nicht lackiert zu sein, sondern aus poliertem Messing angefertigt, wie die Spiegelungen in der Oberfläche verraten.

Im Hinterkotflügel ist eine Aussparung angebracht, durch die das Vorderende der Blattfeder der Hinterachse ragt. Später würde man dieses Element mit einem Kasten mit Wartungsklappe kaschieren, bevor man die Rahmenpartie ganz hinter einem durchgehenden Schwellerblech verschwinden ließ.

Für mich liegt der Reiz der frühen Automobile in der nie wieder erreichten gestalterischen Klarheit, die wie bei einer Maschine noch alle funktionellen Zusammenhänge auf Anhieb erkennen lässt – von der Motorhaube einmal abgesehen, die aber letztlich ebenfalls funktionellen Zwecken dient wie dem Schutz des Wagens vor Verschmutzung durch austretendes Öl am oft noch ungekapselten Ventiltrieb.

Der aufmerksame Betrachter wird auf der Hausfassade im Hintergrund die Aufschrift „ZIGARRENFABRIK“ bemerkt haben, und wir dürfen annehmen, dass der ungesund aussehende und missgelaunte Herr am Steuer des NAW „Sperber“ der Direktor oder Besitzer ebendieser Fabrik war.

Die drei Buben im Matrosenanzug scheinen altersmäßig eng beieinander zu liegen, vielleicht waren zwei davon Zwillinge. Ihre Mutter trägt ein hochgeschlossenes Kleid, wie es bis zum 1. Weltkrieg üblich war – die Aufnahme dürfte kaum später entstanden sein.

Die freundlich dreinschauende junge Frau am Heck des „Sperber“ könnte die Haushälterin oder auch das Kindermädchen gewesen sein – dass sie mit auf’s Bild durfte, spricht dafür, wie sehr man sie schätzte und vielleicht als Teil der Familie ansah.

Über 100 Jahre ist diese Situation auf jeden Fall her und keine der Personen auf dem Foto dürfte länger als bis zum Ende des 20. Jahrhunderts gelebt haben – wenn die Buben nicht ohnehin rund 25-30 Jahre später im 2. Weltkrieg umkamen.

Leider wissen wir sonst nichts über diese Familie, die sich einst mit dem NAW „Sperber“ vor der eigenen Fabrik ablichten ließ. Geblieben ist aber vielleicht der Wagen, denn einige Exemplare dieses einst keineswegs raren Vogels haben die Zeiten überdauert…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Fund des Monats: Ein NAW „Colibri“ von 1908/09

Hochsommerlich – wie es sich gehört – ist der August des Jahres 2019 zuendegegangen. Höchste Zeit, den Fund des Monats vorzustellen!

Dazu begeben wir uns 110 Jahre zurück in die Vergangenheit und zugleich in eine Region, die nicht gerade als Heimat vieler Automobilhersteller bekannt ist – Norddeutschland.

Neben Hansa aus Varel und Lloyd aus Bremen ist mir nur ein weiterer Hersteller aus den nördlich gelegenen Gefilden unseres Landes in den heutigen Grenzen bekannt – NAW aus Hameln an der Weser.

Lesern meines Blogs wissen natürlich, wofür das Kürzel steht: Norddeutsche Automobil-Werke. Die Wahl des Namens verrät bereits, dass man in der wenig industriell geprägten Region mit keiner großen Konkurrenz im Fahrzeugbau rechnete.

Wenn überhaupt genießt das ab 1911 gebaute Modell „Sperber“ heute noch eine gewisse Bekanntheit unter den Freunden ganz früher deutscher Automobile. Einige Originalfotos dieses kompakten Vierzylindertyps habe ich schon vorgestellt.

Hier eine „neue“ Aufnahme dieses Modells, die mir ein kanadischer Enthusiast zur Verfügung gestellt hatte und der selbst nicht wusste, was er da hat:

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NAW „Sperber“; Originalfoto aus Sammlung Scott Turner

Bis 1919 blieb dieses ausgezeichnet konstruierte Modell mit Motorisierung 5/15 bzw. 6/20 PS in Produktion. Es sollte das letzte dieser kurzlebigen Marke bleiben.

Doch heute soll der Erstling von NAW im Mittelpunkt stehen – der 1908 vorgestellte Typ „Colibri“.

Dabei handelte es sich um ein leichtes Fahrzeug mit Zweizylinder-Motor, das man in Frankreich der „Voiturette“-Klasse zugeordnet hätte. Gleichwohl wies es alle Merkmale eines Qualitätswagens auf:

  • Motor und Getriebe miteinander verblockt – damals noch unüblich,
  • Vergaser nach eigenem Entwurf,
  • Kardanantrieb – viele Hersteller boten noch Kettenantrieb an,
  • Differentialgehäuse aus Leichtmetall.

Wie es scheint, wurde der Zweizylindermotor anfänglich nur mit 400 ccm Hubraum und 5 PS Leistung angeboten. Doch rasch verdoppelte man den Hubraum, sodass nun 8 bis 9 PS anfielen, die 60 km/h Höchstgeschwindigkeit ermöglichten.

Die Ausführungen bis 1910 waren nur als Zweisitzer verfügbar und genau solch‘ ein NAW „Colibri“ ist mir vor einiger Zeit ins Netz gegangen:

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NAW „Colibri“ von 1908/09; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man mag angesichts der Dimensionen dieses Kleinwagens heute lächeln – vor 110 Jahren war dies für die allermeisten Deutschen ein unerreichbarer Luxusgegenstand.

Luxus ist auch das Foto selbst, das die stolze Besitzerfamilie zeigt, wie sie geduldig ausharrt, während sich in der Plattenkamera die Belichtung vollzieht. In der mir zugänglichen Literatur ist kein einziges historisches Foto dieses Typs zu finden.

Die dort wiedergegebenen Prospektaufnahmen und natürlich die Modellbezeichnung auf dem Kühler ermöglichen aber eine eindeutige Identifikation.

Sehr schön zu sehen ist hier die Schlechtwetterausstattung mit höhenverstellbarer Frontscheibe – im Sommer ließ man die gerne weg – seitlicher Lederverkleidung in den „Türöffnungen“ verbunden mit Kälteschutz für den Unterkörper, Staubmantel für den Fahrer und Reisekleid nebst tuchfixiertem Hut für die Dame.

Ja, so waren die Altvorderen mit ihren frühen Automobilen unterwegs und sie waren damit so privilegiert, wie es heute der Besitzer eines Privatflugzeugs ist.

Produktionszahlen des NAW „Colibri“ sind mir zwar nicht bekannt, aber es würde mich wundern, wenn davon mehr als einige hundert der frühen Zweizylinderversion entstanden. Bis 1912 wurde noch ein Vierzylindertyp gleichen Namens produziert.

Zumindest ein Exemplar des frühen Colibri muss überlebt haben. So findet sich in Halwart Schraders Standardwerk „Deutsche Autos 1885-1920“ die (falsch datierte) Aufnahme eines frühen Colibri aus dem Automuseum Hillers.

Offenbar ist die genannte, in Tremsbüttel ansässige Sammlung nicht mehr zugänglich, doch vielleicht weiß jemand etwas über den Verbleib des dort ausgestellten Colibri…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

Neues vom NAW „Sperber“ Typ C 6/15 PS von 1911/12

Wer meinen Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos schon etwas länger verfolgt, für den ist das Modell „Sperber“ der Norddeutschen Automobilwerke (NAW) aus Hameln ein alter Bekannter.

Auch wenn in der Standardliteratur zu deutschen Autos der Zeit bis 1920 kein einziges Foto dieses Kleinwagentyps zu finden ist (Stand: Ende 2018), lässt er sich leicht identifizieren, sofern er aus dieser Perspektive aufgenommen wurde:

NAW_Sperber

NAW „Sperber“ Typ C 6/15 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir das erste Foto eines NAW, der nach dem Kleinraubvogel Sperber“ benannt wurde, das ich vor einiger Zeit präsentieren konnte.

Wie man sieht, trägt das Auto – nebenbei der erste Vierzylindertyp der Marke – seinen Namen gut lesbar auf der Kühlermaske. Ansonsten wäre es kaum möglich gewesen, den Wagen eindeutig anzusprechen.

Auch wenn der übrige Aufbau wenig markant erscheint, sei der Leser doch auf einige Details aufmerksam gemacht, die uns noch begegnen werden:

  • das mit einer recht breiten Leiste kaschierte Scharnier der Motorhaube,
  • die abgerundete Frontscheibe, deren Unterseite noch nicht mit dem Windlauf abschließt,
  • die dünnen Vorderschutzbleche, die in gerader Linie und stumpfem Winkel auf  das Trittbrett stoßen,
  • das Fehlen eines außenliegenden Schalthebels (nur die Handbremse ist zu sehen)
  • die beiden Halterungen am Trittbrett, die zwei Reserveräder aufnehmen konnten (hier ist nur noch eines vorhanden).

Alle diese Elemente finden sich auf dem zweiten bereits im Blog vorgestellten Foto eines NAW „Sperber“ wieder und erlauben zusammen mit der Form des Kühlerausschnitts die Identifikation, auch wenn der Schriftzug „Sperber“ hier fehlt:

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NAW „Sperber“ Typ 6/15 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die andere Ausführung von Scheinwerfern, Positionslampen und Hupen hat nichts zu bedeuten – das waren damals in der Regel Zubehörteile, die im Detail variierten.

Unter der Haube des erkennbar kompakten Wagens arbeitete ein von NAW selbstentwickelter Vierzylindermotor mit 1,6 Litern Hubraum, für den die Literatur eine Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h angibt.

In Ermangelung eines originalen Prospekts müssen wir diese Angabe aus Heinrich von Fersens Buch „Autos in Deutschland 1885-1920“ glauben, plausibel ist sie jedenfalls.

Sicher nicht richtig ist aber das im Fersen’schen Werk angeführte Gesamtgewicht des Tourenwagens von 750 kg.  Ein mir vorliegender Prospekt des Nachfolgetyps F4 6/18 PS von 1913/14 nennt dasselbe Gewicht nämlich für das Chassis ohne Aufbau.

Hier haben wir übrigens eine Originalreklame für dieses Modell:

NAW_Sperber_6-18_PS_1913-14-Reklame_Galerie

NAW „Sperber“ 6/18 PS; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Abbildung bestätigt die Ansprache des zuvor abgebildeten NAW „Sperber“ trotz fehlenden Schriftzugs.

Der Zeichner hat hier im Interesse der Klarheit der Darstellung auf die Wiedergabe von Hupen und Ersatzrädern verzichtet. Dafür sieht man am oberen Abschluss der Karosserie auf Höhe des Fahrersitzes ein Wappen, das uns später wieder begegnen wird.

Vorher werfen wir noch einen Blick auf ein weiteres „neues“ Foto eines NAW „Sperber“ des Typs C 6/15 PS, das Leser Klaas Dierks bereitgestellt hat:

NAW_Sperber_Lippe_Dierks_Galerie

Auch hier kann an der Ansprache des Fahrzeugs kein Zweifel bestehen. Doch bei näherer Betrachtung fällt folgendes auf:

  • die Frontscheibe ist an den unteren Ecken nicht mehr abgerundet und zudem nicht verstellbar,
  • die Gürtellinie der Karosserie liegt nun höher und umschließt die Insassen stärker,
  • die Vorderachse wird durch einen Wagenheber abgestützt – offenbar ist der rechte Vorderreifen geplatzt,
  • an der Hinterachse ist ein Notrad montiert, wie es in der Zeit des 1. Weltkriegs verbreitet war, als für Privatfahrzeuge keine Luftreifen mehr verfügbar waren.

Folgende Reklame lässt den Aufbau eines solchen kriegsmäßigen Ersatzes erkennen:

AROP-Reklame_Galerie

AROP-Notrad, Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Stählerne Schraubenfedern sorgten hier für die Federwirkung und nur die Lauffläche des Reifens war mit dem knappen Rohstoff Gummi belegt, der eventuell durch Verwertung abgefahrener Reifen gewonnen wurde.

Solche durchaus anspruchsvollen Notlösungen waren typisch für die Kriegswirtschaft der rohstoffarmen Mittelmächte (Deutsches Reich & Österreich-Ungarn). Abbildungen derartiger Ersatzräder sind keineswegs selten, sie erfüllten offenbar ihren Zweck.

Im Fall des letzten Fotos hat man jedoch den Eindruck, dass man sich bei dem NAW „Sperber“ nach dem Defekt eines weiteren Luftreifens keinen abermaligen solchen Ersatz mehr leisten konnte oder wollte.

Das würde erklären, weshalb der Wagen vorn aufgebockt wurde, um Reifen und Federn zu entlasten. Bei einer vorübergehenden Panne hätte man kaum eine solche Aufnahme gemacht.

Das Foto sollte wohl friedensmäßige Verhältnisse suggerieren – eventuell ist es auch erst kurz nach Kriegsende entstanden, als man wieder Sinn für derlei Aufnahmen hatte, aber neue Reifen vielleicht noch nicht verfügbar waren.

Wie dem auch sei: Dokumente wie diese erlauben faszinierende Einblicke in die automobile Welt von vor über 100 Jahren, die kein noch so schöner Prospekt jener Zeit bietet – abgesehen davon, dass diese heute im Fall von NAW ganz große Raritäten sind.

Denn im Hamelner Werk der Norddeutschen Automobilwerke entstanden seinerzeit nur einige hundert Wagen pro Jahr, kein Wunder bei einer Belegschaft von gerade einmal 500 Arbeitern und Angestellten (Stand: 1. März 1914).

Vor diesem Hintergrund liegt der historische Wert solcher Fotos von NAW auf der Hand. Dabei enthält meine Sammlung noch eine weitere Aufnahme desselben Typs:

NAW_Sperber_Typ_C_6-15_PS_Galerie

NAW „Sperber“ Typ C 6/15 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zu dieser ausgezeichneten Aufnahme muss man nicht viele Worte verlieren. Der Kleidung der Damen auf der Rückbank nach zu urteilen, könnte das Foto direkt vor dem 1. Weltkrieg oder auch kurz danach entstanden sein.

Wer genau hinschaut, wird am oberen Karosserieabschluss auf Höhe des Ellenbogens des Chauffeurs das Wappen wiederkennen, das auf der weiter oben gezeigten Reklame stilisiert zu sehen ist.

Es zeigte einen Sperber mit „H“ auf dem Leib und darüber den Schriftzug „SPERBER“ (siehe hier).

Übrigens lassen sich alle vier hier gezeigten NAW-Automobile des Typs „Sperber“ C 6/15 PS auf 1911/12 datieren, da 1913/14 die Kühlerpartie unter Beibehaltung des Namens neu gestaltet wurde. Das Ergebnis sah so aus:

NAW_Sperber_Prospekt_03-1914_1_Galerie

Mit dieser Abbildung aus einem kopierten Originalprospekt von März 1914 (Quelle unbekannt) endet meine Besprechung des NAW „Sperber“ vorerst.

Zwar findet sich in der Sammlung von Leser Klaas Dierks ein Foto, das wahrscheinlich einen solchen späten NAW „Sperber“ zeigt, doch vielleicht lässt sich ja noch eine bessere Aufnahme auftreiben als diese:

NAW_Mosel_22-10-1921_Galerie

NAW „Sperber“ von 1913/14; Originalfoto von Oktober 1921 aus Sammlung Klaas Dierks

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

1912: Winterliche Ausfahrt im offenen NAW „Sperber“

Der Februar 2018 gibt sich nach mildem Jahresbeginn recht winterlich – nachts Minusgrade, tagsüber Schneeschauer.

Die nasskalte Witterung ist kein Vergnügen, auch wenn wir im 21. Jahrhundert meist nur kurze Strecken an der frischen Luft zurücklegen müssen. Ob im eigenen Auto, Bus oder Bahn – eine zuverlässige Wärmequelle ist meist in Reichweite.

Wer kann sich heute noch vorstellen, unter diesen Bedingungen eine Spritztour im offenen ungeheizten Automobil zu machen?

Wohl kaum einer – abgesehen von Bewohnern der britischen Inseln und den Veteranenfreunden vom ASC Hessen, die ihre traditionelle Winterausfahrt „Rund um Schotten“ im Februar abzuhalten pflegen.

Vor über 100 Jahren hatten die Automobilisten jedenfalls keine Wahl – die meisten Fahrzeuge waren offene Tourenwagen, teure geschlossene Aufbauten waren die Ausnahme.

So ist zu erklären, weshalb im Februar 1912 diese Herrschaften ohne Dach über’m Kopf unterwegs waren:

NAW_Sperber_02-1912_Pk_Danzig_Berlin_Ltnt_Engel_IR_19_Galerie

NAW „Sperber“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wir kennen den Aufnahmezeitpunkt deshalb so genau, weil diese Aufnahme einst als Postkarte von Danzig nach Berlin verschickt wurde.

Empfänger war ein Leutnant Engel vom III. Bataillon des 19. Infanterieregiments mit Standort in Görlitz.

Der Absender, der mit „Berthold“ unterschrieb – der genaue Wortlaut der Nachricht ist schwer zu entziffern – dürfte einer der jungen Soldaten auf dem Foto gewesen sein. Man konnte damals auch privat geschossene Aufnahmen als Postkarte versenden.

Nun aber zur Frage, in was für einem Wagen die Männer einst im Winter irgendwo im Umland von Danzig unterwegs waren. Dazu werfen wir wie den obligatorischen näheren Blick auf die Frontpartie:

NAW_Sperber_02-1912_Pk_Danzig_Berlin_Ltnt_Engel_IR_19_Frontpartie

Die markante Kühlermaske mit der wellenförmigen oberen Einfassung des Kühlernetzes kam dem Verfasser auf Anhieb bekannt vor.

Ähnlich, aber ausgeprägter -und natürlich mit Markenemblem – fand sich das vor und nach dem 1. Weltkrieg unter anderem bei NSU. Das Fehlen einer Plakette oder eines Schriftzugs machte jedoch stutzig.

Fast wirkt es so, als sei auf dem Abzug an der Frontseite des Kühlers etwas wegretuschiert worden. Eigentlich sollte an dieser Stelle nämlich der Name des Modells eingeprägt sein wie auf folgendem Foto, das wir vor längerem hier vorgestellt haben:

NAW_Sperber Dieser Wagen besitzt einen ganz ähnlichen Kühler und mit etwas gutem Willen ist darauf „SPERBER“ zu entziffern.

Dabei handelte es sich um ein verbreitetes Modell der Norddeutschen Automobilwerke aus Hameln, das von 1911-1919 angeboten wurde.

Der Gesamteindruck der beiden Wagen ist recht ähnlich – im Detail finden sich nur geringfügige Unterschiede, speziell am Aufbau, was nicht viel heißt.

Gewissheit gab dann folgende Originalreklame aus dem Fundus des Verfassers:

NAW_Sperber_6-18_PS_1913-14-Reklame_Galerie

NAW-Reklame aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir nun präzise das Modell, in dem die Soldaten auf der ersten Aufnahme unterwegs waren. Sogar der Aufbau hinter der Frontscheibe ist identisch, was bei so frühen Wagen nicht selbstverständlich ist.

Die in der Reklame genannte Motorisierung 6/18 PS ist eine von fünf bisher bekannten Varianten. Sie scheint erst ab 1912 verfügbar gewesen zu sein, davor und danach nennt die Literatur in derselben Steuerklasse die Ausführungen 6/14 und 6/20 PS.

Ob der NAW Sperber auf unserer Postkarte nun ebenfalls einen 6/18 PS-Motor besaß, muss vorerst Spekulation bleiben – es sei denn, ein Kenner der Marke weiß es genauer.

Jedenfalls ergibt sich aus dem Datum der Postkarte, dass es ein „Sperber“ von 1911 oder Anfang 1912 gewesen sein muss. Von den sehr wenigen Originalfotos dieses Typs ist diese womöglich eine, die auch bei der Datierung anderer Aufnahmen hilft.

In der Literatur gibt es jedenfalls kaum aussagefähige Fotos von NAW-Automobilen, was die allmählich wachsende Zahl von NAW-Fotos in diesem Blog interessant macht.

Bleibt die Frage, was es mit dem fehlenden Schriftzug auf dem Kühler auf sich hat.

Die vier Männer in dem Wagen hätten es uns vielleicht sagen können, aber von ihnen ist nur diese Momentaufnahme ihres Daseins geblieben, das womöglich schon wenige Jahre später auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkriegs endete.

Nicht ausschließen können wir immerhin, dass das Auto überlebt hat – eine handvoll davon gibt es noch. Ist eines mit glattem Kühler ohne Typenschriftzug darunter?

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Vor 100 Jahren: NAW „Sperber“ – ein Auto aus Hameln

Leser dieses Blogs dürfen neben Bildberichten über klassische Vorkriegswagen heute noch bekannter oder existierenderer Marken auch Porträts von Exoten aus aller Welt erwarten. Für den Individualisten sind solche ultrararen Veteranen das Salz in der Suppe.

Das können französische Wagen von Bellanger-Frères, britische Fahrzeuge von Crossley oder auch belgische Autos von Metallurgique sein. Doch auch am deutschen Markt buhlten einst zahllose Hersteller mehr oder weniger erfolgreich um die Gunst der Käufer.

Als Beispiel sei die Berliner Automarke NAG genannt, deren großzügige und hochwertige Wagen hier bereits öfters besprochen wurden. Heute geht es um den ähnlich klingenden Hersteller NAW aus dem niedersächsischen Hameln.

NAW war der Markenname der Norddeutschen Automobil-Werke, die von 1907-1919 eine kurze Blütezeit erlebten. Es  gibt nur wenige überlebende Fahrzeuge dieser einst international angesehenen Marke und ein historisches Originalfoto ist ebenso rar.

Selbst in Halwart Schraders Standardwerk „Deutsche Autos 1885-1920“ findet sich im gesamten fünfseitigen Bericht über NAW kein einziges historisches Foto eines Autos der Marke. Von daher ist folgender alter Abzug ein großartiger Fund:

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© NAW „Sperber“ Tourenwagen, 1911-19; Foto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Anbieter dieses Fotos wusste, was er da hat und lieferte eine präzise Beschreibung. Ein früherer Besitzer hatte auf der Rückseite Marke, Typ und technische Details vermerkt.

Dass sich sonst niemand für die Abbildung interessierte, sodass diese für einen lächerlichen Preis zu erwerben war, kündet von der Ignoranz der hiesigen Klassikerszene gegenüber wirklich raren Autos der Frühzeit.  

Schauen wir uns den Wagen einmal näher an:

NAW_Sperber_vor WKI_Frontpartie

Auf der Kühlermaske ist in erhabenen Lettern der Schriftzug „SPERBER“ zu lesen. Das war das ab 1911 gebaute Modell von NAW, das mit einem 1300 bzw. 1600 ccm großen Vierzylindermotor gebaut wurde.

Es handelte sich damit hubraummäßig um einen Kleinwagen, der mit 15-20 PS damals jedoch als ausreichend motorisiert galt. Äußerlich machten die Autos von NAW einen erwachsenen Eindruck, was von der guten Verarbeitung unterstützt wurde.

Noch vor Kriegsbeginn 1914 erhielt der NAW Sperber ein 4-Gang-Getriebe, was bis in die 1930er Jahre keine Selbstverständlichkeit sein sollte.

Unser Foto dürfte noch vor dem 1. Weltkrieg aufgenommen worden sein. Darauf weist weniger die Tourenwagenkarosserie hin, die bei vielen Herstellern noch bis in die 1920 üblich bleiben sollte. Den entscheidenden Hinweis gibt der Hut der ernst schauenden Mitfahrerin auf dem Rücksitz:

NAW_Sperber_vor WKI_Seitenpartie

So ausladende Kopfbedeckungen waren mit dem Ende der Kaiserzeit 1918 passé. Im vorliegenden Fall handelt es sich zudem um ein wenig geschmackvolles Beispiel. Wie elegant die Hutmode jener Zeit sein konnte, zeigt der Vergleich mit dem Foto einer jungen Dame, die sich seinerzeit vor einem Albatros-Flugzeug ablichten ließ.

Zum Schicksal der Marke NAW sei angemerkt, dass das Hamelner Werk 1917 von der Firma Selve übernommen wurde, die dort von 1920-29 grundsolide Wagen unter eigenem Namen fertigte. Wer sich näher für die einstige Automobilproduktion in Hameln interessiert, sei auf diesen Überblick verwiesen.