Große Klappe, (fast) nichts dahinter: Röhr „Junior“

Die Freunde der Nischenmarke Röhr aus Ober-Ramstadt in Südhessen nehmen ihn nicht für ganz voll – den Röhr „Junior“, von dem zwischen 1933-35 kaum 2.000 Exemplare entstanden.

Gemessen an den Achtzylinderwagen mit revolutionärem Fahrwerk und tiefliegenden Schwerpunkt, mit denen Röhr ab 1927 Bekannheit erlangte – wenn auch keinen wirtschaftlichen Erfolg, war der „Junior“ tatsächlich eher eine Notlösung.

Mit seinem luftgekühlten 4-Zylinder-Boxer, der aus 1,5 Litern solide 30 PS leistete, war er zwar in gewisser Weise ebenfalls ein Exot, doch eines fehlte ihm: Er war kein Entwurf von Hans-Gustav Röhr und Joseph Dauben, die einst die Marke geprägt hatten.

Zum Zeitpunkt des Erscheinens des Röhr „Junior“ hatten die beiden bereits das Feld räumen müssen – und die Kapitalgeber der chronisch defizitären Firma versuchten mit einem Lizenznachbau des Tatra 75 ihr Glück – besagtem Modell „Junior“.

Natürlich hatte das Auto seine Verdienste, doch es als Röhr anzubieten, war schon etwas kühn, nachdem man zuvor ganz andere Kaliber im Programm hatte. Das Sprichwort „große Klappe, (fast) nichts dahinter“ kommt einem hier spontan in den Sinn:

Röhr „Junior“, 2-türige Cabrio-Limousine; originales Zigarettenbild aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses zeitgenössische Sammelbild deckt schonungslos auf, womit man es in Wahrheit zu tun hatte: Der Kühler – eine Attrappe, der Motor – kaum zu sehen. Dafür nimmt der 30 Liter fassende Benzintank den Großteil des Platzes ein.

Allerdings kann man die Sache auch positiv sehen, wenn man nicht zwanghaft der fixen Idee des „Form follows function“ anhängt. So hatte Tatra (und damit auch Lizenznehmer Röhr), die eigenwillige Motorenkonstruktion raffiniert kaschiert, sodass der Eindruck eines konventionellen Wagens mit repräsentativer Front entstand.

Ich habe zwar schon etliche Fotos des Röhr „Junior“ vorstellen dürfen (zuletzt hier), doch keines davon lässt den Wagen so eindrucksvoll wirken wie dieses, das ich erst kürzlich erstanden habe:

Röhr „Junior“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mag sein, dass dieses Foto mit einem leichten Weitwinkelobjektiv geschossen wurde, das die Proportionen des Wagens etwas übertreibt, aber so ist es trotz einiger technischer Schwächen allemal effektvoll.

Zugelassen war der Wagen dem Kennzeichen nach zu urteilen im Landkreis Teltow in Brandenburg. Außerdem wissen wir, dass das Foto 1938 entstand und dass die junge Dame neben dem Auto Gertrud Gärtig hieß, die Beschriftung von alter Hand auf der Rückseite bezeichnet sie als „Mutti“.

Der Nachname Gärtig war übrigens vor dem Krieg vor allem in Schlesien verbreitet (siehe hier), heute findet man ihn infolge von Flucht und Vertreibung der Namensträger in ganz Deutschland.

Ein weiteres zeitgeschichtliches Detail sieht man an dem Wagen – eine Adler-Standarte hinter dem linken Scheinwerfer, die auf eine nationalsozialistische Organisation hinweisen dürfte. Sicher kann ein sachkundiger Leser dieses Element näher einordnen:

Was mir auf diesem Ausschnitt übrigens merkwürdig vorkommt, ist der horizontale Schriftzug am unteren Ende des vertikalen Röhr-Emblems. Eigentlich sollte dort einfach „JUNIOR“ stehen, doch auf dem Originalabzug vermag ich dies nicht zu erkennen.

Vielleicht hat auch dafür jemand eine Erklärung (bitte wie immer dafür die Kommentarfunktion nutzen, damit alle Leser etwas davon haben).

Nun könnten Marken-Enthusiasten enttäuscht sein, weil es eine ganze Weile her ist, dass ich einen „echten“ Röhr anhand eines zeitgenössischen Originalfotos präsentiert habe.

Da hilft nur eines: Geduld.

Zwar liegen mir inzwischen wieder „neue“ bislang unveröffentlichte Fotos von Röhr-Achtzylinderautos vor, doch zuvor harren noch viele andere Kandidaten der Publikation, die ebenso lohnende Objekte darstellen, auch wenn sie nicht immer so exklusiv ausfallen können, wie das Röhr-Wagen nun einmal waren und sind…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Deutschland-Achter: Ansichten des Röhr 8 Typ RA

Der Deutschland-Achter genießt unter Freunden des Rudersports seit Jahrzehnten hohes Ansehen. Es gibt wenige Sportarten, in denen die deutsche Nationalmannschaft seit über 50 Jahren fast durchgängig Leistungen auf Weltklasseniveau bietet.

Vermutlich ist die Zusammensetzung des deutschen Ruderteams für Diversitäts-Fanatiker eine mindestens so große Provokation wie diejenige der Handball-Nationalmannschaft.

Solche „Kritik“ wird meist von Zeitgenossen erhoben, die selbst nichts können außer ganz selbstverständliche Zustände anzuprangern – außer bei US-Basketballteams, natürlich. Merkwürdige Zeiten, in denen Hautfarbe und Herkunft wieder problematisiert werden…

Um einen Deutschland-Achter ganz anderer Art geht es in meinem heutigen Blog-Eintrag, wenngleich ich am Ende noch die Kurve zum Rudersport zu kriegen beabsichtige…

Zunächst ganz unscheinbar kommt das Objekt daher, das heute im Mittelpunkt steht:

Röhr 8 Typ RA; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Von diesem nicht nur auf den ersten Blick sehr amerikanisch wirkenden Automobil sind drei Aufnahmen erhalten, die mir Leser Marcus Bengsch zur Verfügung gestellt hat.

Foto Nr. 1 lässt zwar technisch sehr zu wünschen übrig, doch zeigt es alle Merkmale eines US-Wagens der späten 1920er und frühen 1930er Jahre. Damals gaben die preisgünstigen und gut ausgestatteten „Amerikaner-Wagen“ den Ton an hierzulande, nicht nur stückzahlenmäßig, sondern auch in formaler Hinsicht.

Wer als einheimischer Hersteller etwas gegen die Konkurrenz aus Übersee ausrichten wollte, musste sich eng am Vorbild der hochmodernen US-Autoindustrie orientieren. Dazu gehört neben dem akribischen Kopieren amerikanischer Linienführung das Angebot von Sechs- und Achtzylindermotoren.

Während die meisten hiesigen Autobauer passable Sechszylinder zustandebekamen – so etwas hatten vor allem Opel und Protos schon vor dem 1. Weltkrieg in Serie gebaut – stellte die Konstruktion eines Achtzylinders eine Herausforderung dar.

Dem sächsischen Horch-Werken gelang es mit hohem Investitionsaufwand, auf diesem Feld glänzene Ergebnisse zu erzielen, doch für eine Massenfabrikation nach US-Vorbild reichte es am Ende auch dort nicht.

Der Wagen, um den es heute geht, ist ein weiteres Beispiel für den Versuch, es den Amerikanern auf dem Gebiet des Achtzylinders gleichzutun. Und solch ein Auto ist auf dem eingangs gezeigten Foto zu sehen.

Hier nun dasselbe Fahrzeug in einer deutlich besseren Aufnahme:

Röhr 8 Typ RA; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Man muss zugeben – dieses Auto macht einiges her und man könnte es glatt für ein amerikanisches Importfahrzeug halten.

Dass es sich „nur“ um das Produkt einer Manufaktur aus dem südhessischen Ober-Ramstadt handelte, möchte man kaum glauben. Die Rede ist von der Röhr Auto AG.

Namensgeber Hans Gustav Röhr war wie viele Köpfe in der Automobilgeschichte ein Naturtalent, was Neuerungen angeht. Für die Umsetzung im Detail hatte er einen begabten Ingenieur an seiner Seite, der ihn zeitlebens begleitete: Joseph Dauben.

Nach einigen Stationen im Anschluss an den 1. Weltkrieg verfolgten die beiden das Projekt eines neuartigen Automobils, das geringes Gewicht, niedrigen Schwerpunkt und überlegene Straßenlage durch Schwingachsen vereinte.

Die Serienfertigung begann in der 1926 übernommenen Fabrik der insolventen Falcon-Autowerke in Ober-Ramstadt bei Darmstadt. Statt des ursprünglich vorgesehenen Sechszylinders entschied man sich für die Entwicklung eines eigenen Achtzylinders.

So hervorragend der ab 1927 gebaut Röhr 8 in punkto Straßenlage war, so größenwahnsinnig war der Anspruch, die US-Autoindustrie auf einem Feld anzugreifen, auf dem sie viele Jahre Vorsprung hatte – dem Achtzylinder.

Offenbar war man bei Röhr – wie übrigens auch bei Adler und Brennabor – auf dem betriebswirtschaftlichen Auge weitgehend blind. So hätte bei nüchterner Betrachung klar sein müssen, dass die Amerikaner mit ihren gigantischen Stückzahlen auch in der Achtzylinder-Kategorie unerreichbare Skalenvorteile hatten.

So verspielte man den Wettbewerbsvorteil eines Chassis mit einzigartiger Straßenlage und hervorragendem Passagierkomfort, den die Amerikaner nicht bieten konnten, indem man sich mit einem Achtzylinder verausgabte, der sich als Fehlkonstruktion erwies.

Es half auch nicht, dass man den ursprünglichen Motor mit nur 2 Liter Hubraum und 40 PS – das entsprach der Leistung des vierzylindrigen Ford Model A – Anfang der 1930er Jahre auf 2,5 Liter Hubraum vergrößerte, sodass zuletzt wenigstens 55 PS anfielen.

Genau diese Ausführung – einen Röhr 8 Typ RA – zeigen die Fotos von Marcus Bengsch. Hier das dritte Exemplar, das nun auch das Kühleremblem erkennen lässt – eine „8“ mit angedeuteten Schwingen:

Röhr 8 Typ RA; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Hier sieht man den Lamellenkühler und die einteiligen, glattflächigen Vorderkotflügel, die für das Modell RA typisch waren, das ab 1931 gebaut wurde.

Das ist ein sehr schönes, melancholisch stimmendes Bild. Fast meint man, dass die junge Dame, die auf der Doppelstoßstange Platz genommen hatte, und der „nachdenklich“ zur Seite schauende Hund geahnt hätten, was mit diesem Wagen etwas zuendeging.

Denn bis Produktionsende 1933 konnten nur 322 Stück des Röhr 8 Typ RA abgesetzt werden. Mit diesem Modell war auch der Traum von einer eigenen Automobilproduktion von Hans Gustav Röhr und Joseph Dauben vorbei.

Wie es mit den beiden und den Röhr-Werken weiterging, ist in einem älteren Blog-Eintrag zu lesen (hier).

Mit dem Debakel des Röhr-Achtzylinders im Hinterkopf kehre ich nochmals zum Thema „Deutschland-Achter“ zurück. Es steht nämlich zumindest in der Vorkriegszeit für das Scheitern an der eigenen Ambition.

So wie es – vielleicht mit Ausnahme von HorchEnde der 1920er Jahre keinem deutschen Hersteller gelang, den amerikanischen Achtzylinder-Wagen Ebenbürtiges mit größeren Stückzahlen entgegenzusetzen, so erlitt auch der Deutschland-Achter wenige Jahre später Schiffbruch im Wettkampf mit den USA – bei der Olympiade 1936.

Folgender Film hält die Niederlage des Deutschland-Achter gegen das US-Team fest. Die amerikanische Perspektive ist zeittypisch nicht frei von Propaganda.

Dennoch ist es ein sehenswertes Dokument, das amerikanisches Filmmaterial mit den dynamischen Filmaufnahmen von Leni Riefenstahl verknüpft, die selbst kurz zu sehen ist und die für das Ambivalente jener Zeit steht wie nur wenige andere:

Hochgeladen von David Trujillo; Videoquelle: YouTube

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Einst auffallend präsent – Röhr „Junior“ 10/30 PS

Heute geht es in meinem Blog für Vorkriegsautos um ein Modell, das einst in weniger als 2.000 Exemplaren gefertigt wurde und subjektiv dennoch in zeitgenössischen Dokumenten auffallende Präsenz entfaltet.

Die Rede ist vom letzten Automobil, das in den ehemaligen Röhr-Werken im hessischen Ober-Ramstadt serienmäßig entstand – dem Typ „Junior“ 10/30 PS. Hier haben wir eine schöne Aufnahme, die ich vor längere Zeit (hier) besprochen habe:

Röhr_Junior_Paul_Kemp_Galerie

Röhr Junior mit Paul Kemp; Bildrechte: UfA; Originalabzug aus Sammlung Michael Schlenger

Dass der Wagen ein so auffallendes Erscheinungsbild hatte, das ihn auf Anhieb von anderen deutschen Autos der 1930er Jahre abhob, hat damit zu tun, dass es sich dabei um einen leicht modifizierten Lizenznachbau des luftgekühlten Tatra Typs 75 handelt.

Als der Röhr Junior erschien  – das war im Jahr 1933 – war vom Genius des Firmengründers Hans Gustav Röhr und seines Weggefährten Ingenieur Josef Dauben in Ober-Ramstadt nichts mehr geblieben.

Beide hatten das chronisch unwirtschaftliche Unternehmen 1931 verlassen und waren bei Adler untergeschlüpft – wo sie mit dem frontgetriebenen Modell Trumpf „den“ Großserienerfolg der Frankfurter konstruierten.

In den alten Röhr-Werken kämpfte man unterdessen mit dem Boxermodell „Junior“ gegen den Untergang an. Doch schon 1935 kam das Ende – die Tatra-Lizenz wanderte zu Stoewer nach Stettin, wo man bis 1939 genau 4.000 Stück des überarbeiteten Wagens als „Greif Junior“ fertigte.

Ungeachtet der niedrigen Stückzahlen begegnet einem der Röhr „Junior“ im Deutschland der 1930er Jahre gefühlt auf Schritt und Tritt. Hier steht ein in Berlin zugelassenes Exemplar einsam am Wegesrand – vielleicht am Ufer eines Badesees:

Röhr_Junior_Schwimmbad_Galerie

Röhr „Junior“ 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Erkennt jemand vielleicht die Örtlichkeit anhand des markanten Hinweisschilds? Dann wäre ich für einen Hinweis dankbar.

Übrigens haben wir es hier mit dem neben der Limousine verfügbaren Aufbau als Cabrio-Limousine zu tun – im Deutschland der 1930er Jahre eine bei den meisten inländischen Herstellern besonders beliebte Variante.

Wie eine solche Cabrio-Limousine mit niedergelegtem Verdeck aussah, lässt sich auf der folgenden – technisch und formal hervorragenden Aufnahme studieren:

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Röhr „Junior“ 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Gut zu erkennen ist der feste Türrahmen, der nach Öffnen des Verdecks stehen bleibt. Bei einem Cabriolet wäre hier nur der Rahmen der Seitenscheibe zu sehen, sofern diese nicht ohnehin heruntergekurbelt war.

Auffallend ist hier, dass der Röhr schon stark gebraucht wirkt. Der in Fahrtrichtung linke Kotflügel weist ebenso wie das Nummmernschild erste „Gefechtsspuren“ auf.

Zugelassen war dieser Röhr „Junior“ übrigens in Wuppertal. Dort dürfte auch das junge Paar gewohnt haben, das hier so schön für die Kamera posiert. Während sie selbstbewusst in die Ferne schaut, lässt er es bei einem verhaltenen Lächeln bewenden.

Seine Ausgehuniform weist ihn als Gefreiten der deutschen Luftwaffe aus, die Auszeichnungen an der Brust scheinen Sportabzeichen zu sein. Die Aufnahme ist jedenfalls vor Kriegsausbruch entstanden, sonst besäße der Röhr die ab 1939 vorgeschriebenen Tarnüberzüge an den Frontscheinwerfern.

Wie weit es dieser Wehrpflichtige bei der Luftwaffe gebracht hat, wo er eingesetzt war (nicht zwangsläufig beim fliegenden Personal) und ob er den Krieg überlebt hat, das alles wissen wir nicht.

Nur dass es für beide – wie für Millionen andere Menschen im damaligen Europa – keine Rückkehr in das Idyll gab, das auf dieser Aufnahme festgehalten ist, das lässt sich mit Gewissheit sagen. Noch im März 1945 fielen die letzten Bomben auf das heimische Wuppertal, dessen Bebauung danach zu fast 40 % zerstört war.

Über etwaige Verwendung von Wagen des Typs Röhr „Junior“ bei der Wehrmacht ist nur wenig bekannt. Zwar gab es eine Kübelwagenversion des Typs, doch scheint diese nur in geringen Stückzahlen gebaut worden zu sein.

Das letzte mir vorliegende Dokument eines Röhr „Junior“ aus der Zeit vor 1945 ist eine Postkarte von Januar 1941. Sie zeigt einen Junior aus Berlin auf dem Marktplatz von Garmisch-Partenkirchen vor dem Hintergrund des grandiosen Zugspitzmassivs.

Röhr_Junior_Garmisch_Ak_01-1941_Galerie2

Röhr „Junior“ 10/30 PS; Ausschnitt aus Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Nebenbei ist das hier als Rathaus fungierende Gebäude im Hintergrund ursprünglich als Kurhaus gebaut worden – ich vermute in den 1920er Jahren. Es nimmt in Form und Gestaltung klar Bezug auf seine Umgebung, wie das vor dem Einbruch der Moderne über Jahrhunderte selbstverständlich war.

Noch auf Ansichtskarten der 1950er Jahre findet sich dieser schöne Bau – doch wenn nicht alles täuscht, wurde er später abgerissen. Ich konnte jedenfalls keinen Hinweis mehr darauf finden, würde mich aber freuen, hier zu irren.

Leider muss man bei der Beschäftigung mit der Welt der Vorkriegszeit immer wieder feststellen, was alles verlorengangen ist – beileibe nicht nur durch Kriegseinwirkung.

Vielerorts kam es im Zuge mehrerer „Modernisierungs“wellen zu immer neuen sinnlosen Zerstörungen der wenigen noch vorhandenen historischen Substanz.

Auch hier ging und geht man hierzulande besonders gründlich vor – ich wüsste kein Land in Europa, wo man derartig rabiat bei historischen Bauten Fassaden mit gut brennbarer „Dämmung“ ruiniert, Vorgärten mit grauem Schutt vernichtet, Holzfensterläden achtlos fortwirft und buntglänzende Ziegel auf’s Dach montiert.

Eine Vorstellung von einer äußerlich heilen Welt der Vorkriegszeit – die nichts von den bedrückenden politischen Verhältnissen ahnen lässt – vermitteln diese Aufnahmen aus den späten 1930er Jahren, die unter anderem Rothenburg ob der Tauber zeigen:

© Videoquelle youtube.com, hochgeladen von Deutschlandsender

Hier reist man durch ein ländliches, romantisch anmutendes Deutschland, in dem Automobile noch die Ausnahme – und Alltagshärten, Samstagsarbeit und eine Woche Urlaub der Normalfall – waren.

Beschwingt von den Rhythmen des Orchesters von Willy Glahe geht es gemächlich durch eine märchenhaft anmutende untergegangene Welt. Bei 1:07 min fährt dann ein Röhr Junior durch’s Bild!

Tatsächlich – auffallend präsent war einst dieses heute extrem rare Modell…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

1933: Röhr Typ 8 F mit „neuem“ Porsche-Motor

Frage an die Vorkriegsfraktion: Welche waren wohl die exotischsten deutschen Automarken in den frühen 1930er Jahren?

Wer jetzt an Horch, Maybach oder Stoewer denkt, weiß immerhin, dass die Automobillandschaft hierzulande einst vielfältiger war als heute. Doch gab es weitere Hersteller, die das Markensterben in den 20er Jahren überstanden hatten.

Bis 1934 führte noch die Nationale Automobil-Gesellschaft (NAG) aus Berlin ihre Produktion fort. Auch Simson aus Suhl hielt bis dahin durch. Brennabor aus Brandenburg hatte ein Jahr früher aufgegeben.

Gleichzeitig kämpfte Röhr aus dem hessischen Ober-Ramstadt um’s Überleben. Nach dem wirtschaftlichen Debakel mit dem Röhr Typ 8 R, den wir hier vorgestellt haben, war die Röhr Auto AG 1930 insolvent geworden.

Die Konkursmasse reichte aber aus, um als Neue Röhr Werke AG weiterzumachen. Zwar musste Konstrukteur Hans-Gustav Röhr das Werk verlassen –  er lief aber anschließend bei Adler in Frankfurt noch zu großer Form auf.

Die letzte von ihm verantwortete Konstruktion bei Röhr wurde nach der Neugründung weitergebaut –  der Röhr Typ 8 RA. Auf den ersten Blick scheint das folgende Foto von Leser Marcus Bengsch einen Wagen dieses Typs zu zeigen:

 

Röhr_8_RA_Cabriolimousine_Bj_1932_Marcus_Bengsch_Galerie

Röhr 8 von 1933; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Diese Aufnahme hätte ohne weiteres einen Röhr-Prospekt zieren können.

Hier stimmt alles: dynamische Perspektive schräg von vorn, sicher in die Kamera blickende junge Dame mit Mannequin-Figur, weltmännisch wirkende Herren als Staffage und abwechslungsreiche Berglandschaft als Hintergrund.

An diesem Beispiel sieht man, dass für ein gelungenes Foto technische Aspekte wie maximale Schärfe nachrangig sind. Die Wirkung obiger Aufnahme ergibt sich aus dem gekonnten Bildaufbau, bei dem das Auge des Betrachters vom Kühler des Wagens über die junge Dame am Einstieg in den Hintergrund geführt wird.

Solche klassisch aufgebauten Aufnahmen historischer Automobile findet man heute fast nur noch antiquarisch. Man scheint das Fotografierhandwerk heute wohl nicht mehr „von der Pike auf zu lernen“ oder glaubt – wie auch in der Architektur – alles besser zu wissen und alles anders machen zu müssen.

Eine Ausnahme stellt – nicht nur in dieser Hinsicht – das britische Magazin „The Automobile“ dar. Dort finden sich bisweilen Bildstrecken, die klassische Fahrzeuge so zeigen, wie man das früher machte – nur in Farbe, sehr reizvoll.

Nun aber zurück zu dem herrlichen Röhr auf dem Foto von Marcus Bengsch:

Röhr_8_RA_Cabriolimousine_Bj_1932_Marcus_Bengsch_Frontpartie

Der ab 1931 in nur 322 Exemplaren gebaute Röhr Typ 8 RA unterschied sich äußerlich vom Vorgänger vor allem durch die schrägstehende Kühlermaske.

Die seitlichen „Schürzen“ an den Vorderkotflügeln verraten, dass dieser Wagen erst 1932/33 gebaut worden sein kann. Die souverän gestaltete Karosserie dieser Cabriolimousine stammte von Autenrieth in Darmstadt.

Die montierten Stoßstangen unterschieden sich offenbar – auf Fotos des Typs in der Literatur findet man auch eine zweiteilige sowie eine glattflächige ohne Mittelrippe. Auch wurden wohl Scheibenräder mit unterschiedlich großen Radkappen verbaut.

Typisch für den eigenen Stil dieser Röhr-Wagen ist die niedrige Frontscheibe – das findet man sonst eher bei britischen Autos jener Zeit.

Was aber hatte sich unter der Haube getan? Nun, im Blogeintrag zum Vorgänger Röhr 8 Typ R klang bereits an, dass der kompakte 8-Zylinder-Motor mit 50 PS aus 2,3 Litern Hubraum nicht gerade das Gelbe vom Ei war.

Für den Röhr 8 Typ RA hatte man den Hubraum auf 2,5 Liter vergrößert, die Leistung stieg auf 55 PS – zu wenig für den deutlich schwerer gewordenen Wagen.

Zum Vergleich: Der für Brot-und-Butter-Wagen konstruierte V8-Motor von Ford brachte es 1932 auf 65 PS, ab 1933 waren es dann 75 PS.

Schon ein klassischer 6-Zylinder amerikanischer Bauart hätte es beim Röhr mit seiner hervorragenden Straßenlage getan – aber das wäre ja zu einfach gewesen… So wurde der letzte von Hans-Gustav Röhr für die gleichnamige Firma konstruierte Wagen ein noch größerer Misserfolg als der Vorgänger.

Unterdessen hatte die Neue Röhr Werke AG einen stärkeren 8-Zylinder-Motor bei Porsche bestellt. Der zog eine Konstruktion aus der Schublade, die eigentlich für Wanderer gedacht war, dort aber nicht realisiert wurde.

Der konventionelle Reihenachter leistete 75 PS aus 3,3 Liter Hubraum und verhalf dem Röhr 8 endlich zu einer angemessenen Motorisierung.

Die Karosserien dieses Nachfolgetyps Röhr 8 Typ F waren fast völlig  identisch mit denen des Röhr 8 RA. Der großzügige Spender des Fotos ist aber sicher, dass wir es mit einem Typ F zu tun haben. Dafür sprechen die Größe der Verdeckhalterungen an der Frontscheibe sowie die Anordnung der Winker.

Vom Röhr 8 F entstanden ab 1933 einige hundert Exemplare, bevor die weiterhin unwirtschaftliche Produktion die erneute Pleite und 1935 das endgültige Aus für die Marke Röhr brachte.

Ob unser „Model“ wohl einst ahnte, wie exklusiv das Vergnügen bleiben sollte, in einem solchen Röhr-Wagen mit Porsche-Motor unterwegs zu sein?

Röhr_8_RA_Cabriolimousine_Bj_1932_Marcus_Bengsch_Insassen1Vermutlich war dieses Auto einst bewusst in „besseren Münchener Kreisen“ erworben worden – das Kennzeichen lässt diese regionale Zuordnung zu.

Die Wagen von Röhr wurden in der Presse als fortschrittlich gepriesen und boten eine rassige Optik wie sonst nur wenige deutsche Serienfahrzeuge.

Für eine Klientel, der ein Mercedes-Benz zu konservativ daherkam und ein Horch zu überkandidelt war, bot Röhr damit eine attraktive Alternative.

Vielleicht unterhielten sich die beiden Herren neben dem Wagen ja über die weiteren Perspektiven dieser Exotenmarke, während sie sich eine Zigarette gönnen:

Röhr_8_RA_Cabriolimousine_Bj_1932_Marcus_Bengsch_Insassen2

„Mein Röhr-Spezi in München, der Sedlmayr Franz, hat mir neulich was verraten. Angeblich steht man mit Horch in Verhandlung über eine Zusammenarbeit. Die sind in Zwickau ganz scharf auf das Fahrwerk unseres Röhr 8. Vielleicht kriegen die Ober-Ramstädter ja so doch noch die Kurve.“

So könnte es gewesen sein, bei einem Fotohalt irgendwo im Alpenraum im Jahr 1933. Leider wurde aus der Kooperation mit Horch dann doch nichts – sie hätte Röhr vielleicht die Rettung bringen können – verdient hätte die Marke es….

 

Literatur: Werner Schollenberger, Röhr – Ein Kapitel deutscher Automobilgeschichte, Darmstadt 1996

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An der eigenen Brillianz gescheitert – Röhr 8 Typ R

In der Automobilgeschichte der Vorkriegszeit wimmelte es vor tragischen Existenzen – tausende von Entwicklern, Konstrukteuren und Finanziers glaubten einst, dass sie etwas bahnbrechend Neues beizutragen haben.

Übriggeblieben sind nach über 125 Jahren Autoentwicklung ein Dutzend Hersteller, die den Weltmarkt beherrschen. Ihre Produkte sind meist von derselben öden Perfektion geprägt – gleichzeitig werden die Logos immer größer.

Als die Autos noch echten Charakter hatten, war die Wahl der Automarke, des Typs und der Konstruktion Ausdruck persönlicher Überzeugung.

In den 1920er Jahren statt eines „Amerikaner-Wagens“ ein in fast jeder Hinsicht unterlegenes deutsches Auto zu fahren, war ebenso ein „Statement“ wie in den 1930ern Fronttriebler zu bevorzugen oder auf Luftkühlung zu schwören.

Die Vielfalt der Anbieter und Konzepte in der Vorkriegszeit erleichterte solche automobile Distinktion.

Hinzu kam, dass Automobile hierzulande bis zum 2. Weltkrieg ein Luxusgegenstand blieben, der nur einem kleinen Bevölkerungsteil zugänglich war.

Bei den deutschen Marken, die diese spezielle Klientel bedienten und dabei auf hohem Niveau stilvoll scheiterten, denken Kenner außer an Stoewer aus Stettin auch an den hessischen Hersteller Röhr.

Fotos von Wagen dieser kurzlebigen Marke (1927-35) sind eine Rarität. Die folgende Aufnahme verdanken wir Leser Marcus Bengsch, der uns mehrere Röhr-Originalfotos aus seiner Sammlung zur Verfügung gestellt hat:

Röhr_8_R_Cabriolet-Limousine_Marcus_Bengsch_Galerie

Röhr 8 Typ R; Originalaufnahme aus Sammlung Marcus Bengsch

Dass dies eine Privataufnahme ist, mag man kaum glauben – hier wirkt alles professionell: Blickwinkel, Bildaufbau, Belichtung und Schärfentiefe – auch das „Modell“ scheint es gewohnt zu sein, vor der Kamera zu posieren.

Bevor wir uns näher mit dem Auto befassen, das Wichtigste zur Vorgeschichte der Autoproduktion von Röhr:

Der Namensgeber – Hans Gustav Röhr – war wie viele Köpfe in der Automobilgeschichte ein Naturtalent, was Neuerungen angeht, ohne sie bis ins Detail selbst konstruktiv umzusetzen – dafür hatte er einen begabten Ingenieur an seiner Seite, der ihn zeitlebens begleiten sollte: Joseph Dauben.

Mit ihm zusammen hatte Röhr noch als Minderjähriger (!) ein Flugzeug gebaut, das auch tatsächlich flog. Den 1. Weltkrieg überstand Röhr als Pilot von Aufklärungs- und Jagdmaschinen mit viel Glück.

Nach dem Krieg findet man das Gespann bei der Kölner Autofabrik Priamus wieder, von deren Wagen wir bei Gelegenheit erstmals Originalfotos zeigen werden.

Versuche der beiden, bei Priamus Erkenntnisse aus dem Flugzeugbau umzusetzen, scheiterten. Nach dem Konkurs von Priamus 1921 schlug sich Röhr in Berlin mit diversen Tätigkeiten durch.

Daneben verfolgte er sein Projekt eines neuartigen Automobils, das geringes Gewicht, niedrigen Schwerpunkt und überlegene Straßenlage vereinte. Als Antrieb vorgesehen war dafür ein Sechsyzlinder.

Nach diversen Anläufen fand Röhr – wiederum zusammen mit Joseph Dauben – einen Finanzier, der 1926 die Übernahme der insolvente Falcon-Autowerke in Ober-Ramstadt bei Darmstadt ermöglichte.

Dieser Schritt ermöglichte eine Serienproduktion der Röhr-Wagen, war aber wohl auch der entscheidende Grund für das Scheitern.

Weil die Falcon-Werke für eine Serienfertigung in großem Stil zu klein waren, entschied man sich für eine Neukonstruktion des Röhr-Wagens mit 8 Zylindern, bei der sich auch kleinere Stückzahlen rechnen sollten.

Das Ergebnis sehen wir auf dem Foto von Marcus Bengsch:

Röhr_8_R_Cabriolet-Limousine_Marcus_Bengsch_Ausschnitt

Bei seiner Vorstellung 1927 sorgte der auf den ersten Blick unscheinbare Röhr 8 Typ R – die Karosserie stammte übrigens von Autenrieth im benachbarten Darmstadt – für Aufsehen durch seine bis dahin unerreichte Straßenlage.

Das Geheimnis lag in der Kombination aus Tiefbett-Kastenrahmen, der eine niedrige Sitzposition, günstige Schwerpunktlage und niedrige Bauweise erlaubte, und Einzelradaufhängung vorn und hinten.

Das erinnert an den Lancia Lambda, mit dem Unterschied, dass der Röhr hinten keine Starrachse mehr besaß. Man erkennt dies auf dem Foto gut am Sturz der Hinterräder.

Röhr bewarb seinen Entwurf mit dem kühnen Slogan „Der sicherste Wagen der Welt“ – was in Zeiten, in denen man Reklame noch als solche aufzufassen wusste, nicht gleich Unterlassungserklärungen gieriger Anwälte nach sich zog.

Weniger brilliant fiel die Motorenkonstruktion aus. Der anfänglich nur 2 Liter messende, später vergrößerte Reihenachtzylinder wies Malaisen auf, die nie ganz beseitigt wurden.

Doch scheint das nicht der Hauptgrund gewesen zu sein, weshalb der Röhr 8 Typ R ein kommerzieller Misserfolg war, der 1930 zum Zusammenbruch der Firma führte.

Das Kernproblem der Firma wie anderer deutscher Hersteller war, dass man keine wirtschaftlich tragfähige Produktion zustandebrachte. Viele Autobauer hierzulande wollten einfach nicht begreifen: der Schlüssel zum Erfolg war eine rationelle Fertigungsweise.

Röhr hatte die Falcon-Werke gekauft, obwohl dort keine für die Produktion im großen Stil ausreichende Infrastruktur und geschulte Arbeiterschaft vorhanden war. Man hätte wohl besser auf der grünen Wiese eine angemessen dimensionierte Fabrik gebaut.

Dass Ende der 1920er in Deutschland von vielen Firmen immer noch keine Lehren aus dem Erfolg der Massenproduktion der US-Autobauer gezogen wurden, kündet von einem überheblichen Vertrauen in die eigene Brillianz und einer eigentümlichen Ignoranz gegenüber wirtschaftlichen Aspekten.

Die deutsche Neigung zur Verzettelung im Detail und die Begeisterung für irrationale Sonderwege führt aber auch heute noch zu bizarren Blüten – etwa der eklatanten Unfähigkeit, einen Flughafen in der Hauptstadt zu errichten.

Wenn die Ergebnisse dieses organisatorischen Versagens nur so brilliant daherkämen wie ein Röhr Achtzylinder der späten 1920er Jahre…

Literatur: Werner Schollenberger, Röhr – Ein Kapitel deutscher Automobilgeschichte, Darmstadt 1996

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Rätelhaftes Foto eines Röhr „Junior“ der 1930er Jahre

Zu den absoluten Automobil-Raritäten aus einstiger deutscher Produktion gehören neben NAG, Simson, Steiger und Stoewer auch die Wagen von Röhr aus dem hessischen Ober-Ramstadt.

Die Firma gehört zu den kurzlebigsten überhaupt auf deutschem Boden – zwischen 1926 und 1935 baute sie nur wenige tausend Fahrzeuge. Allenfalls die opulenten 8-Zylinder-Modelle genießen noch einen gewissen Bekanntheitsgrad.

Entsprechend rar sind zeitgenössische Originalaufnahmen von Röhr-Automobilen.

Vor Längerem wurde hier ein Pressefoto mit einem Ufa-Schauspieler im Röhr „Junior“ vorgestellt. Jüngst ist ein weiteres Foto desselben Fahrzeugtyps aufgetaucht, der übrigens ein Lizenznachbau des Tatra 75 war:

Röhr_Junior_Cabrio-Limousine_Galerie

© Röhr Junior, 1930er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Besitzer des Bildes hatte den Wagen als Stoewer „Greif“ Junior identifiziert. Das stimmt zwar nicht ganz, ist aber auch nicht ganz falsch.

Denn die ewig am Rande des Ruins lavierende Firma aus Stettin entschied sich ebenfalls für eine Lizenzfertigung des luftgekühlten 30PS-Tatra als letzten Strohhalm. Wir stellen den Stoewer Greif Junior anhand originaler Fotos gelegentlich vor.

Nur soviel sei an dieser Stelle gesagt: Die Stoewer-Version zeichnet sich durch eine deutlich schräger verlaufende Frontpartie aus. Hier sehen wir dagegen den steilen „Kühlergrill“ – tatsächlich eine funktionslose Verkleidung – eines Röhr „Junior“:

Röhr_Junior_Cabrio-Limousine_Front

Gut zu erkennen sind auch die vier Zierleisten in der kurzen, hohen Motorhaube – typische Elemente des „Junior“.

Auf den ersten Blick meint man, der Herr im dunklen Anzug kurbele den Röhr gerade an. Doch bei genauem Hinsehen scheint er so etwas wie einen Zweig in der Hand zu halten und sich auf Höhe des Kennzeichens zu schaffen zu machen.

Nicht genau erkennbar ist auch, was die junge Dame im schicken Kostüm in den Händen hält. Sie schaut mit einer Mischung aus Ratlosigkeit und Überraschung in die Kamera.

Ebenso rätselhaft ist das Treiben im Innern des Wagens – übrigens eine Cabrio-Limousine, zu erkennen an der festen Verbindung zwischen A-Säule und Türpfosten:

Röhr_Junior_Cabrio-Limousine_Seite

Man braucht einen Moment, um zu erfassen, dass hier zwei Personen in hellen Staubmänteln zugange sind. Was sie dort tun, ist ungewiss.

Klar ist nur, dass die Aufnahme Mitte bis Ende der 1930er Jahre entstanden sein muss. Der Kleidung nach zu urteilen, käme auch die frühe Nachkriegszeit in Betracht, doch die Form des hinteren Nummernschilds spricht dagegen.

Die Situation als solche bleibt rätselhaft. Was hat sich der Fotograf bei dieser Aufnahme gedacht? Vielleicht hat ein Leser eine Idee, was hier vor sich geht.

Lesetipp: Wer sich näher für die Marke Röhr interessiert, sei auf Werner Schollenbergers Netzpräsenz verwiesen.

Autorarität aus Hessen: Röhr 6/30 PS „Junior“

Hessische Lokalpatrioten mit einer Schwäche für klassische Automobile haben nicht viel Auswahl. Neben Opel aus Rüsselsheim und Adler aus Frankfurt brachte das landwirtschaftlich geprägte Hessen nur noch die Marke Röhr hervor.

Röhr ist ein Beispiel für die zahllosen technisch kompetenten Fahrzeughersteller hierzulande, die es nie zu einer wirtschaftlich tragfähigen Produktion gebracht haben.

Dass die erst 1926 gegründete Marke aus Ober-Ramstadt überhaupt noch einen gewissen Bekanntheitsgrad besitzt, grenzt angesichts einer Fertigung von wenigen tausend Autos bis zum Untergang 1935 an ein Wunder.

Wer sich für die Marke Röhr interessiert, kommt an Werner Schollenbergers Netzpräsenz nicht vorbei. Eine komprimierte Markengeschichte gibt es außerdem hier zu lesen. Dort wird auch einer der großartigen 8-Zylinder-Wagen von Röhr vorgestellt, denen die Marke ihren Ruhm verdankt.

Hier soll dagegen ein anderes Kapitel der Geschichte des glücklosen Herstellers beleuchtet werden. Anlass ist der Fund dieser zeitgenössischen Originalaufnahme:

Röhr Junior

© Röhr Junior mit Paul Kemp, Mitte der 1930er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen auf dem großformatigen und hochwertigen Abzug dokumentiert den letzten Versuch von Röhr, einen wirtschaftlich erfolgreichen Wagen am Markt zu platzieren.

Es ist bezeichnend, dass man dazu auf ein ausländisches Fabrikat zurückgriff, das man in Lizenz zu bauen gedachte. In den 1920er Jahren hatten Opel mit dem 4 PS-Modell und BMW mit dem Dixi erfolgreich denselben Weg beschritten.

Röhr entschied sich für das Modell 75 des tschechischen Herstellers Tatra, das 1933 vorgestellt wurde. In guter Tatra-Tradition besaß der Wagen einen vorne montierten luftgekühlten Boxermotor, der immerhin 30 PS leistete. Bei einem Wagengewicht von etwas mehr als 900 kg erlaubte das ansprechende Fahrleistungen.

Wie Tatra auch verbaute Röhr einen funktionslosen Kühlergrill, der Käufern die Entscheidung für das unkonventionelle Konzept erleichtern sollte. Auf folgendem zeitgenössischen Sammelbild ist schön zu sehen, dass der „Kühler“ mt der Motorhaube verbunden war:

Röhr_Junior_Sammelbild

© Röhr „Junior“, originales Sammelbild um 1935 aus Sammlung Michael Schlenger

Ironischerweise wurde der in Lizenz gebaute und als „Röhr Junior“ vermarktete Tatra das erfolgreichste Modell von Röhr. Rund 1.700 Exemplare sollen bis 1935 davon entstanden sein.

Man sieht an der überschaubaren Stückzahl, dass die Röhr-Wagen in Manufaktur erzeugt wurden. Auch dieser Hersteller ignorierte beharrlich, dass nur Serienfabrikation eine wirtschaftliche Produktion von Alltagswagen ermöglichte.

So war die Einführung des Röhr Junior ein Erfolg, den der Hersteller mangels Kapital nicht zu nutzen imstande war. Nach erneuter Insolvenz der Firma endete 1935 die Produktion. Fertigungsanlagen und Lizenz übernahm die Stettiner Firma Stoewer, die den Wagen als Greif Junior bis Kriegsbeginn 1939 produzierte.

Wie in diesem Blog üblich soll auch ein Blick dem fröhlichen Fahrer am Steuer des Röhr gelten:

Röhr Junior_Paul_Kemp

Es ist der populäre Filmschauspieler Paul Kemp (1896-1953), der mit UFA-Größen der 1930er Jahre wie Willy Fritsch und Lilian Harvey einige Erfolge landete. Seine Spezialität war das komödiantische Fach.

Wer Spaß an solchen Dingen hat, wird Paul Kemps Version des Nonsens-Schlagers „Ich wollt‘ ich wär ein Huhn“ mögen. Ihm haben wir zeitlose Weisheiten zu verdanken wie „Ich bräuchte nie mehr ins Büro – ich wäre dämlich, aber froh.“

Ob das Pressefoto des beliebten Paul Kemp mit dem Röhr Junior ein frühes Beispiel für „Werbung mit Prominenten“ war? Geholfen hat es jedenfalls nicht…

Ein weiteres Originalfoto eines Röhr „Junior“ findet sich übrigens hier.

Inspiriert von der Stromlinie: Der Röhr 8F

In den 1930er Jahren experimentierten fast alle Autohersteller mit der Stromlinienform, die bereits in den 20ern aus der Erfahrung mit dem Flugzeug- und Zeppelinbau abgeleitet worden war.

Während die Protypen von Burney und Briggs sowie die Serienwagen von Tatra und Chrysler das Stromlinienideal konsequent umzusetzen suchten, wurden bei anderen Fahrzeugen nur einzelne Elemente als modisches Zitat verwendet. Mit solchen Pseudo-Stromlinienwagen erreichte man ein progressives Aussehen, ohne das Publikum zu überfordern.

Sachlich betrachtet hätte die Stromlinienform seinerzeit allenfalls im Kleinwagensegment einen Nutzen gebracht, ermöglichte sie doch angesichts der in Europa allgemein schwachen Motorisierungen passable Endgeschwindigkeiten.

Oberklasseautos dagegen stand ausreichend Leistung zur Verfügung, um ein überlegenes Tempo zu erreichen. Gegen wirklich hohe Geschwindigkeiten sprachen Reifen- bzw. Fahrwerksqualität und Bremsvermögen. Wer sich im Europa der 1930er Jahre ein großzügiges Fahrzeug leisten konnte, für den war auch der Benzinverbrauch unerheblich.

Kein Wunder, dass die meisten „windschnittig“ gestalteten Wagen der Vorkriegszeit lediglich Anklänge an die Stromlinie aufwiesen. Hier als Beispiel der Maybach-Stromlinienwagen von 1932 anhand zweier zeitgenössischer Sammelbilder:

© Originale Sammelbilder der 1930er Jahre; Sammlung Michael Schlenger

Ein ähnlich extravaganter Pseudo-Stromlinienwagen wurde 1932 vom deutschen Hersteller Röhr vorgestellt. Auf Basis des 8-Zylindermodells „F“ bot Röhr eine Sonderausführung mit Autenrieth-Karosserie an, die ebenfalls von der Stromlinie inspiriert war.

Wie beim Maybach war die Front weitgehend konventionell gestaltet. Dagegen zitierte das Heck Elemente, die sich bei echten Stromlinienwagen der Zeit finden. So zerklüftet die Vorderpartie ist, so schwungvoll und glatt läuft das Hinterteil aus.

Selbst eine Mittelfinne (siehe Tatra 77) ist angedeutet und bewirkt die markante Zweiteilung des Rückfensters.

© Originale Sammelbilder der 1930er Jahre; Sammlung Michael Schlenger

Ein ausführliches Porträt dieses Modells von Röhr mit einem eindrucksvollen Video eines restaurierten Exemplars findet sich hier. Dabei wird auch die Geschichte dieser interessanten Marke näher beleuchtet.

Röhr war einer der zahlreichen Hersteller, die nach dem Ersten Weltkrieg auf Erfahrungen aus dem Flugzeugbau zurückgriffen. Das zog oft unkonventionelle, aber reizvolle Lösungen nach sich.