Offenbar gängiger als gedacht: Komnick Tourenwagen

Vor genau einem Jahr – im Mai 2018 – durfte ich das Foto eines Lesers aus Australien als Fund des Monats präsentieren. Es zeigte einen wunderbaren 8/30 PS-Tourenwagen der Marke Komnick aus dem ostpreußischen Elbing.

Die überragende Qualität rechtfertigt den besonderen Status dieser Aufnahme nach wie vor.

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Komnick 8/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Jason Palmer

Die gesamte mir bekannte Literatur zu deutschen Vorkriegsmarken (Stand: Mai 2019) zeigt keine Abbildung, die annähernd an dieses Dokument heranreicht.

Dadurch wurde nicht nur ich für diese untergegangene Qualitätsmarke aus Deutschlands ehemaligem Osten sensibilisiert, sondern auch Leser meines Blogs.

In der Folge fand sich nach und nach eine ganze Reihe weitere Bilder des markanten Komnick-Tourers, der in den 1920er Jahren mit 8/30 PS (später 8/45 PS)-Motor als offenbar einziges Modell des traditionsreichen Fahrzeugbauers entstand.

So konnte ich hier unter anderem diese ebenfalls ausgezeichnete Aufnahme eines solchen Komnick präsentieren – bereits mit Vierradbremse: 

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Komnick 8/45 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zwar führte Komnick in der bisherigen Literatur bislang nur ein Nischendasein – doch tatsächlich müssen Wagen dieser Marke gängiger gewesen sein, als man denkt. Dabei lasse ich bewusst die Modelle außen vor, die vor dem 1. Weltkrieg entstanden.

Konzentriert man sich auf die PKW-Produktion von Komnick aus den 1920er Jahren – genau gesagt von 1923-27, wenn man der Literatur trauen darf – begegnen einem immer wieder Exemplare davon.

Das ist auch kein Wunder, denn Komnick präsentierte seine Automobile bei der Berliner Automobilausstellung selbstbewusst in repräsentativem Rahmen:

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Komnick-Stand auf der Automobilmesse in Berlin um 1926; Originalpostkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Wenn nicht alles täuscht, ist auf der anderen Seite der Stand des Frankfurter Herstellers Adler zu sehen. Die Komnick-Delegation befand sich also in bester Gesellschaft.

Autos der Marke Beckmann vom Nachbarstand werde ich hoffentlich eines Tages ebenfalls anhand von Originalfotos zeigen können.

Zurück zu Komnick. Hier haben wir eine „neue“ Aufnahme eines Tourenwagens des Herstellers aus Elbing, die ich eher zufällig erwerben konnte:

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Komnick Tourenwagen um 1925; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der aufmerksame Betrachter wird die ersten drei Buchstaben des Markennamens auf der Oberseite der Kühlermaske registrieren. Doch der eigentliche Reiz liegt in der Inszenierung der aus acht Personen bestehenden Gesellschaft.

Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie die damaligen Besitzer oder auch zufällig Anwesenden diese teuren Luxusvehikel „eroberten“ und ganz selbstverständlich darauf Platz nahmen.

Offenbar fürchtete niemand um Kratzer im Lack oder Dellen im Blech. Das mag mit der hervorragenden Qualität der damaligen Lackierungen und der Materialstärke zu tun haben. Wahrscheinlich hatte man aber angesichts der miserablen Straßen zu jener Zeit ohnehin ein entspanntes Verhältnis zu Benutzungsspuren aller Art.

Interessant ist, dass auch dieser Komnick Drahtspeichenräder besitzt – wie auf bisher allen mir vorliegenden Aufnahmen dieses Tourenwagentyps. Tatsächlich war eine solche Ausstattung im Deutschland der Zwischenkriegszeit eher die Ausnahme.

In Österreich, Frankreich und England dagegen waren die filigranen, aber auch empfindlichen Drahtspeichenräder serienmäßig weit häufiger zu finden. Könnte dies mit dem unterschiedlichen Zustand der Straßen zu tun gehabt haben?

Ich habe den Eindruck, dass dies eher eine Stilfrage war. An den Rädern war ohnehin ständig etwas zu machen, da kam es auf die eine oder andere lockere Speiche auch nicht mehr an. Das geringere Gewicht und die sportliche Optik könnten manchem Besitzer wichtiger gewesen sein.

So war auch der Komnick-Tourenwagen auf der folgenden, ebenfalls bisher unveröffentlichten Aufnahme mit Drahtspeichenrädern und Zentralverschlussmutter ausgestattet:

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Komnick Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf diese Aufnahme wies mich übrigens ein Leser  meines Blogs hin, sodass ich diese günstig erstehen konnte. Bemerkenswert ist, dass der Verkäufer wusste, was das für ein Wagen ist – die Nachfrage beflügelt hat dies gleichwohl nicht.

Leider interessiert sich im Unterschied zu anderen Nachbarvölkern hierzulande nur noch ein recht überschaubarer Kreis für Automobile untergegangener heimischer Hersteller – erst recht, wenn sie nicht das für unsichere Persönlichkeiten offenbar sehr wichtige „Prestige“ aufweisen.

Ob wir hier nun einen Komnick 8/30 PS mit Zweiradbremsen oder den äußerlich gleichen Typ 8/45 PS mit Vierradbremsen vor uns haben, lässt sich meines Erachtens nicht entscheiden.

Für den Reiz des Fotos ist das auch unerheblich. Die Originalaufnahme ist noch etwas größer und zeigt im Hintergrund ein holzverkleidetes Haus  aus dem späten 19. Jahrhundert, wenn ich mich nicht irre.

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Komnick Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die stilistischen Details des Gebäudes wirken auf mich etwas eigentümlich, obwohl ich aus dem reichen Bestand an Bauten jener Zeit in meiner Heimatstadt Bad Nauheim einiges an Extravaganzen der Gründerzeit und des Jugendstils kenne.

Mein Gefühl tendiert dazu, hier ein Haus irgendwo im Osten zu sehen, nicht notwendigerweise aus dem Territorium des damaligen Deutschlands, vielleicht auch aus dem Baltikum, wo viele deutsche Familien Verwandschaft hatten.

Daher würde ich auch dem Kennzeichen keine große Bedeutung beimessen, zumal es sich nicht eindeutig interpretieren lässt (die Kennungen „III“ oder „IIN“ sind möglich).

Solche Aufnahmen wurden gern anlässlich der Abfahrt von Besuchern aus der Ferne gemacht. Vielleicht war der edle Komnick gerade startklar für die Heimreise gemacht worden und wurde mitsamt Insassen noch einmal für’s Familienalbum festgehalten.

Das ist gerade einmal etwas mehr als 90 Jahre her und doch wirkt die Welt auf diesem Foto merkwürdig fern und fremd. Ob wenigstens einer dieser so markanten Komnick-Tourer irgendwo als Botschafter aus der Vergangenheit überlebt hat?

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Die reine Freude: BMW 315 Zweifenster-Cabriolet

Nach langer Abstinenz steht heute endlich wieder einmal ein Vorkriegs-BMW im Mittelpunkt meines Blogs.

Natürlich gibt es jede Menge historische Aufnahmen des frühen, noch auf dem „Dixi“ basierenden Typs 3/15 PS, der bis 1932 gebaut wurde. Doch erst mit den ab 1933 angebotenen feinen Sechszylindermodellen fand BMW eine eigene Identität.

Den einen oder anderen davon habe ich bereits vorgestellt -neben dem Erstling 303 auch den äußerlich ähnlichen Vierzylindertyp 309. Das waren durchaus ansprechende Wagen, doch so richtig will der Funken dabei noch nicht überspringen.

Das wird sich mit dem heute zu besprechenden BMW-Modell ändern, das in jeder Hinsicht die reine Freude ist – ganz gleich aus welchem Winkel man ihn betrachtet.

Der Wagen, um den es geht, ist gleich in vier Ansichten überliefert, von denen eine reizvoller als die andere ist. Hinzu kommt, dass es sich um eine besonders elegante Karosserievariante handelt.

Es lohnt sich unbedingt, sich diesem schönen Fahrzeug auf Umwegen zu nähern – beginnen wir mit dieser Heckansicht:

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BMW 315 2-Fenster-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hand auf’s Herz: Bei einer solchen Momentaufnahme ist es eigentlich vollkommen gleichgültig, was für ein Auto hier die Kulisse liefert.

Einen derartigen Schnappschuss in dieser Qualität muss man mit den technischen Mitteln der 1930er Jahre erst einmal hinbekommen. Dass das kein Zufallstreffer war, werden die noch folgenden drei Aufnahmen aus derselben Serie zeigen.

So freudig erregt wie der kleine Hund weiß man gar nicht, worauf man das Auge am ehesten ruhen lassen soll – der jungen Dame mit dem hellen Reisemantel, den dezenten Netzstrümpfen und filigranen Riemchen-Pumps oder eher der feinen Baumwollstruktur der Verdeckhülle, den verchromten Knöpfen der Sturmstange und dem profilierten Scheibenrad mit Chromradkappe und BMW-Emblem.

Nebenbei verrät das Kennzeichen, dass dieser BMW in Sachsen (Kennung „IM“) und dort im Landkreis Oschersleben zugelassen war.

Noch mehr erfahren wir über das Auto auf der nächsten Aufnahme:

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BMW 315 2-Fenster-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die sechs Felder in der Seite der Motorhaube finden sich am Sechszylindertyp 315, den BMW ab 1934 in weniger als 10.000 Exemplaren baute.

Diese markanten, auf die Zylinderzahl verweisenden Luftschlitze waren den frühen Modellen vorbehalten. Jedenfalls fehlen sie auf anderen Aufnahmen desselben Typs, ohne dass die mir vorliegende Literatur ein Wort darüber verliert.

Nachtrag: Leser Dirk Steffens bestätigt, dass die ab 1935 gebauten BMWs des Typs 315 über Luftschlitze verfügten.

Zusätzlich reizvoll wird die Sache dadurch, dass das abgebildete BMW-Cabriolet nur zwei Seitenfenster besitzt, während die meisten Abbildungen deren vier zeigen.

In seiner ganzen Schönheit zeigt sich unser BMW nun auf der folgenden Aufnahme:

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BMW 315 2-Fenster-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir nun auch die mächtige Doppelniere, die der Kühlerpartie ihr BMW-typisches „Gesicht“ verlieh.

Ins Auge fallen hier auch die mit einer Mittelrippe versehenen Stoßstange, die man an den gängigen Versionen des BMW 315 in der Literatur so nicht findet.

Aus meiner Sicht spricht die Ausführung der Vorderschutzbleche wie auch die der Luftschlitze für eine frühe Ausführung. So fehlen hier noch die seitlichen „Schürzen“, die sich bei BMW ab 1935 durchsetzten – wie übrigens bei anderen Marken ebenfalls.

Hier haben wir zum Vergleich einen BMW 315 in der herkömmlichen Ausführung als 4-Fenster-Cabriolet mit den erwähnten Kotflügelschürzen und den offenbar später zur Standardausstattung gehörenden horizontalen Luftschlitzen:

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BMW 315 4-Fenster-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Aufnahme hatte ich vor längerem hier ausführlich besprochen. Hier sieht man nebenbei auch die abweichende Ausführung der Stoßstange.

War es das schon zum BMW 315 in der Ausführung als frühes 2-Fenster-Cabriolet?

Einen Pfeil habe ich noch im Köcher – der noch mehr als die erste Aufnahme direkt das Herz all derjenigen treffen sollte, die sich nicht nur an den Autos der Vorkriegszeit erfreuen können, sondern auch offen sind für die Magie jener untergegangenen Welt.

Dazu gehören nicht immer nur schöne Zeugnisse – gerade was Aufnahmen aus dem deutschsprachigen Raum der 1930er Jahre und aus dem 2. Weltkrieg angeht.

Doch hier haben wir noch einmal ein Dokument, das die reine, ungetrübte Freude am Vorkriegsautomobil und ihren einstigen Besitzern verkörpert:

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BMW 315 2-Fenster-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dank des Hinweises von Leser Dirk Steffens weiß ich nun auch, wer der Schöpfer dieser schönen Ausführung des BMW 315 als 2-Fenster-Cabriolet war: Reutter aus Stuttgart (Vergleichsabbildung).

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Ungleiche Brüder: Hanomag „Kurier“ und „Rekord“

Heute kehre ich in meinem Blog zu einem der deutschen PKW-Modelle der Vorkriegszeit zurück, die trotz niedriger Stückzahl (knapp 20.000) auf historischen Fotos erstaunlich oft zu finden sind – dem „Rekord“ aus dem Hause Hanomag.

Ohne dass ich gezielt danach gesucht hätte, haben sich in meiner Hanomag-Bildergalerie mittlerweile weit über 20 Originalaufnahmen dieses Vierzylinderwagens mit 32 PS (später 35 PS) eingefunden – mehr als 1 Promille der einstigen Produktion.

Diese Quote ließe sich mühelos steigern, wenn man wollte – auch deshalb, weil viele der technisch unauffälligen, aber enorm robusten Wagen den Krieg überlebt haben.

Hier haben wir einen solchen Hanomag „Rekord“, der seinem Nummernschild nach zu urteilen in der britischen Besatzungszone Rheinland lief:

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Hanomag „Rekord“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der zum Aufnahmezeitpunkt mindestens zehn Jahre alte Wagen steht äußerlich hervorragend dar und eignet sich somit als Anschauungsobjekt, um die Besonderheiten des Modells „Rekord“ herauszuarbeiten:

  • vier seitliche Luftklappen mit mittig angebrachter Chromleiste in der Motorhaube
  • schrägstehende Kühlermaske mit Mittelstrebe und „Rekord“-Schriftzug

Auf die erste Ausführung des Modells (Bauzeit: 1934-36) verweisen die Scheibenräder ohne Lochung. Auffallend ist, dass die Radkappe hier zweiteilig und nur der äußere Teil verchromt ist. Festzuhalten ist außerdem die glattflächige Stoßstange.

Die nächste Aufnahme aus meiner Sammlung zeigt ebenfalls einen Hanomag „Rekord“ in der frühen Ausführung, d.h. mit ungelochten Scheibenrädern:

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Hanomag „Rekord“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses schöne Foto entstand noch vor dem 2. Weltkrieg und zeigt einen in Schleswig-Holstein zugelassenen Hanomag „Rekord“. 

Folgende Unterschiede zu dem Wagen auf dem ersten Foto fallen ins Auge:

  • Das Hanomag-Emblem befindet sich an der Oberseite der Kühlermaske und nicht im oberen Drittel.
  • Der „Rekord-Schriftzug“ ist nicht im unteren, sondern im oberen Drittel des Kühlergrills angebracht.
  • Die Radkappe ist einteilig und vollverchromt.
  • Die Stoßstange weist ein Mittelrippe auf und läuft am Ende rechtwinklig aus.

Interessanterweise geht die mir zugängliche Literatur mit keinem Wort auf diese Unterschiede ein, die auf zwei Entwicklungsstufen oder Varianten der ersten Ausführung des Hanomag „Rekord“ schließen lassen.

Nun könnte man vermuten, dass die frühen Exemplare der von 1934-36 gebauten Ausführung noch mit der gerippten Stoßstange ausgestattet waren und das Hanomag-Emblem oben auf der Kühlermaske trugen.

Dagegen spricht jedoch dieses Foto von Pfingsten 1937, das ich bereits an anderer Stelle besprochen habe:

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Hanomag „Rekord“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vielleicht kann ein Leser erläutern, was es mit den Stoßstangenversionen und der unterschiedlichen Position von Hanomag-Emblem und Modell-Schriftzug auf sich hat.

Dass die Scheinwerferstange und Hupe auf dem eingangs gezeigten Nachkriegsfoto lackiert sind, will nichts besagen – es kann sich um eine nachträgliche Modifikation gehandelt haben – zumal die Hupe auch eine andere Form aufweist.

Die originale Hupenform sieht man übrigens auf der folgenden Aufnahme in wünschenswerter Klarheit, die mir Leser Marcus Bengsch zur Verfügung gestellt hat:

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Hanomag „Rekord“; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Dieser im Landkreis Ludwigsburg zugelassene Hanomag „Rekord“ scheint noch die Scheibenräder zu besitzen, die auf die erste Modellgeneration (1934-36) verweist, und besitzt ebenfalls die erwähnte eckige Stoßstange mit Mittelrippe.

Das Abzeichen der NS-Partei an dem Wagen ist mit 80 Jahren Abstand als historische Gegebenheit zur Kenntnis zu nehmen. Was den Deutschen und ihren Nachbarvölkern unter diesem Symbol in den folgenden Jahren blühte, ist bekannt, wenngleich das nicht für jedermann absehbar war – soviel Fairness sollte aus meiner Sicht sein.

Kommen wir nun zur zweiten Generation des Hanomag „Rekord“, die 1937/38 gebaut wurde. Dazu kann ich ein technisch hervorragendes Werksfoto aus meiner Sammlung als Anschauungsexemplar beisteuern:

Hanomag_Rekord_1938_Werksfoto_Galerie

Hanomag Rekord; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Hauptmerkmale der späten Ausführung des Hanomag „Rekord“ sind folgende:

  • gelochte Scheibenräder,
  • lackierte statt verchromte Scheinwerfer und Hupe,
  • Wegfall der verchromten Scheinwerferstange

Die auffallende Reduzierung des Chromzierrats war Anweisungen der NS-Regierung an die deutsche Automobilindustrie geschuldet. Chrom galt als kriegswichtiger Rohstoff – speziell für Zylinderlaufbahnen bei Flugzeugen und Panzern.

Die Rationierung von Chrom spiegelt sich auch in der Ausstattung von Zivilfahrzeugen anderer Hersteller kurz vor Kriegsbeginn deutlich wider.

Von dieser Werksaufnahme lässt sich hervorragend zum parallel verfügbaren Hanomag-Modell „Kurier“ überleiten. Dieses wurde nämlich ebenfalls 1938 in einem schönen Werksfoto festgehalten:

Hanomag_Kurier_1938_Pressefoto_Galerie

Hanomag „Kurier“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Karosserie ist identisch – es handelt sich um dieselbe Ganzstahlkarosserie von Ambi-Budd (Berlin), die auch auf dem Chassis des Hanomag „Rekord“ montiert wurde.

Lediglich der Radstand des „Rekord“ war zehn Zentimeter länger als der des „Kurier“, der statt eines 1,5 Liter-Motors mit 32 bzw. 35 PS lediglich über ein 1,1 Liter-Aggregat mit 23 PS verfügte, das bereits seit Anfang der 1930er Jahre im Einsatz war.

Auch das Fahrwerk mit vorderer Einzelradaufhängung und hydraulischen Vierradbremsen war bei „Rekord“ und Kurier“ das gleiche.

Interessant auf der obigen Werksaufnahme des Hanomag „Kurier“ ist, dass hier nur der äußere Teil der (zweigeteilten) Radkappe verchromt ist, dafür aber die Scheinwerferringe im Unterschied zum „Rekord“ ebenfalls verchromt sind.

Augenfälliger ist aber ein anderes formales Element: Der Hanomag „Kurier“ auf dem Werksfoto von 1938 besitzt schrägstehende Luftschlitze in der Haube, keine Klappen wie der „Rekord“.

Tatsächlich gab es die verstellbaren Luftklappen nur beim Hanomag „Rekord“. Daraus ist aber nicht zu schließen, dass ein Hanomag „Rekord“ immer damit ausgestattet war, auch wenn die folgende Originalreklame aus meiner Sammlung dies suggeriert:

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Hanomag-Reklame, ab 1938; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Aus optischen Gründen musste der Grafiker, der diese Darstellung links oben mit „Brunig“ signierte, das schwächste und kleinste Modell „Kurier“ hier etwas größer abbilden als die beiden größeren Typen „Rekord“ und „Sturm“ (mit Sechszylinder).

Jedoch gab es auch einen Hanomag „Rekord“ mit den schrägstehenden Luftschlitzen in der Haube, die doch eigentlich Merkmal des „Kurier“ waren, und zwar bei der viertürigen Limousine:

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Hanomag „Rekord“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die gelochten Scheibenräder deuten darauf hin, dass wir hier ein spätes Modell von 1937/38 vor uns haben. Der Schriftzug auf dem Kühlergrill verweist eindeutig auf den Typ „Rekord“. Zugleich kann man anhand der Länge der hinteren Seitenscheibe (auf der in Fahrtrichtung linken Seite einen „Kurier“ auschließen.

Tatsächlich findet sich in Werner Oswalds Standardwerk „Deutsche Autos 1920-1945“ eine Abbildung eines solchen Hanomag „Rekord“ von 1937/38 in der Ausführung als viertürige Limousine mit genau diesen Luftschlitzen statt der üblichen Luftklappen.

Warum man nur bei der viertürigen Limousine des „Rekord“ auf ein formales Element des „Kurier“ zurückgriff, ist mir schleierhaft. Ist es möglich, dass die ganz späten Exemplare der Modelle „Rekord“ und „Kurier“ aus Rationalierungsgründen dieselben Karosserien erhielten?

Dies muss eine Hypothese bleiben, bis sich eine weitere Aufnahme eines Hanomag „Rekord“ findet, die ebenfalls die schrägstehenden Luftschlitze des „Kurier“ zeigt, dies aber in Verbindung mit einer zweitürigen Limousine.

Letztlich bin ich selbst überrascht, wieviele Details bei den beiden Modellen „Rekord“ und „Kurier“ Rätsel aufgeben, hielt ich doch diese Wagen für gut dokumentiert.

Wer als Leser bis hierher durchgehalten hat, wird sich vielleicht über eine letzte Aufnahme freuen, die keine weiteren Fragen aufwirft. Sie zeigt schlicht einen Hanomag „Kurier“ (der Schriftzug ist im Original eindeutig) in einer selten schönen Aufnahme:

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Hanomag „Kurier“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Hanomag war aus ausweislich seines Kennzeichens im Landkreis Hannover zugelassen – wo er auch gebaut worden war.

Die Scheibenräder und das Vorhandensein eine durchgehenden Scheinwerferstange sind eindeutige Hinweise darauf, dass es sich um ein Exemplar der ersten Modellgeneration von 1934-36 handelt.

Woran mag das das blonde Mädchen im Vordergrund wohl gedacht haben, als dieses Foto vor gut 80 Jahren entstand? Was mag aus ihr und dem schönen Wagen geworden sein? Wir wissen leider nichts darüber.

Dem Wortschatz meiner Mutter, die 1931 geboren wurde, verdanke ich aber die Kenntnis eines Fachbegriffs, der zumindest die korrekte Ansprache der Zöpfe des Mädchens erlaubt: „Affenschaukeln“. Die trug sie auch, als sie im selben Alter war…

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Steyr Typ II oder V? Das ist hier die Frage…

Die intensive Beschäftigung mit Vorkriegautos auf alten Fotos schärft zwar den Blick für’s Detail weit mehr als die Betrachtung von Abbildungen in Büchern oder das Studium überlebender Fahrzeuge.

Doch je mehr man weiß und sieht, desto eher können auch bisherige Gewissheiten ins Wanken kommen. Mit einem solchen Fall will ich mich heute befassen.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser an die folgende Originalaufnahme aus meiner Sammlung, die ich in einem älteren Blog-Eintrag (hier) besprochen habe.

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Steyr Typ II oder V; Orignalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Den mächtigen Tourenwagen mit Steyr-typischem Spitzkühler hatte ich als Typ V 12/40 PS identifiziert – den ab 1924 gebauten Nachfolger des noch vom genialen Konstrukteur Hans Ledwinka entwickelten Sechszylindermodells Typ II der österreichischen Waffenschmiede.

Mich hatte seinerzeit der beträchtliche Radstand dazu gebracht, hier einen längeren Typ V statt des identisch motorisierten Vorgängers Typ II zu sehen. Tatsächlich sind mir bei der Lektüre der technischen Details der beiden Steyr-Modelle außer dem um 15 cm differierenden Radstand keine wesentlichen Unterschiede aufgefallen.

Nun scheint es aber so, dass Steyr Typ II und V zumindest in einem gestalterischen Detail voneinander abwichen. Betrachten wir dazu die Frontpartie des eingangs gezeigten Wagens näher:

Steyr_Typ_II_Tourenwagen_2_Frontpartie

Nebenbei: Ist es nicht fantastisch, wie präzise hier jedes Detail des Vorderwagens festgehalten ist? Das ist ein Beispiel für die fotografische Qualität, die vor über 90 Jahren möglich war, und selbst das ist noch längst nicht das Ende der Fahnenstange…

An sich erschließt sich hier dem Auge alles von allein – nur auf eines möchte ich aufmerksam machen:

Die Innenseite der Vorderschutzbleche reicht hier nicht bis an das vordere Ende der Rahmenausleger, sondern läuft nach hinten geneigt abwärts.

Schräg von vorne würde das dann so aussehen wie auf dem folgenden Foto aus meiner Sammlung, das ich hier erstmals vorstelle:

Steyr_Typ_II_oder V_Galerie

Steyr Typ II oder V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Trotz der weit schlechteren Qualität finden sich hier alle Elemente wieder, die bei der ersten Aufnahme so gestochen klar hervortreten – auch die Ausführung der nach hinten versetzten Luftschlitze in der Motorhaube, die Zahl der Speichen der Stahlräder und die Art der Unterteilung der Winschutzscheibe stimmen überein.

Der Radstand des Tourenwagens ist aus dieser Perspektive schwer einzuschätzen. Ausschließen würde ich hier nur den kleinen Vierzylindertyp IV (Radstand: 2,90 m), den Steyr parallel zum sechszylindrigen Typ II (Radstand: 3,33 m) baute.

Doch könnte nach meiner vorläufigen Einschätzung die erwähnte Ausführung der Vorderschutzbleche ein Unterscheidungsmerkmal – vielleicht sogar das einzige – des Steyr Typs II gegenüber dem Nachfolgetyp V sein.

Denn auf der folgenden, schon einmal besprochenen Aufnahme eines Steyr Typ V findet man eine andere Linienführung am Innenteil des Vorderkotflügels:

Steyr_Typ_V_Galerie

Steyr Typ V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier läuft die Innenkante des Schutzblechs nämlich nicht nach hinten, sondern schwungvoll auf das vordere Ende der Rahmenausleger zu.

Dem aufmerksamen Betrachter wird außerdem die horizontale statt vertikale Unterteilung der Windschutzscheibe auffallen, außerdem die verchromte (oder vernickelte) Ausführung der Kühlermaske.

Könnten die in glänzendem Metall ausgeführten Elemente Hinweise auf eine spätere Entstehung und damit den ab 1924 gebauten Typ V statt den Vorläufertyp II sein? Oder handelte es sich lediglich um aufpreispflichtige Extras?

Aus der mir vorliegenden Literatur (Hubert Schier: Die Steyrer Automobil-Geschichte von 1956-1945, Verlag Ennsthaler, 2015) geht das nicht klar hervor. Sicher kann ein sachkundiger Leser hierzu etwas beisteuern.

Dann ließe sich nämlich auch dieser Steyr-Tourenwagen auf einer weiteren bislang noch nicht gezeigten Privataufnahme aus meiner Sammlung eindeutig ansprechen:

Steyr_Typ_V_Berchtesgaden_Galerie

Steyr Typ II oder V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier finden sich ebenfalls in wünschenswerter Klarheit die dem vorderen Ende des Rahmens zustrebenden scharfen Kanten der Kotflügel, die ich für ein typisches Merkmal des Steyr Typs V in Abgrenzung vom Typ II halte.

Interessant allerdings, dass hier die Ausführung der Frontscheibe wieder derjenigen des Steyr auf dem ersten Foto entspricht, den ich als Typ II ansprechen würde.

Möglicherweise lassen sich solche Details wie auch die Verchromung/Vernickelung der Kühlereinfassung nicht eindeutig einem der beiden Typen zuordnen.

Wir dürfen bei allem Forschereifer nicht vergessen, dass wir es bei den Steyr-Automobilen der 1920er Jahren mit Manufakturwagen zu tun haben – zumindest, was das äußere Erscheinungsbild angeht. Da war auf Kundenwunsch einiges möglich.

So individuell wie die hochkarätigen und hochpreisigen Wagen von Steyr fielen im besten Fall auch deren Insassen aus – dafür liefert die letzte Aufnahme ein schönes Beispiel:

Steyr_Typ_V_Berchtesgaden_Passagiere

Schauen Sie sich einmal diese Damen und Herren genauer an – Typen wie aus dem Traum eines Filmregisseurs – man könnte jedem davon eine Charakterrolle zuweisen.

Eine solche Aufnahme wird man heute nicht mehr zustandebekommen – dazu bedürfte es so etwas wie des englischen Goodwood Revivals auf deutschem Boden – zumindest die Autos sind ja vorhanden.

Nachtrag: Steyr- und Fiat-Kenner Ferdinand Lanner verdanke ich den Hinweis, dass sich die beiden aufeinanderfolgenden Typen Steyr II und V bei hinreichender Fotoqualität wie folgt unterscheiden lassen:

  • Steyr Typ II: wabenförmiger Kühler
  • Steyr Typ V: Röhrenkühler

Damit wird ein Teil meiner obenstehenden Vermutungen hinfällig. In meiner Steyr-Galerie sind die betreffenden Wagen auf jeden Fall korrekt angesprochen.

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Fund des Monats: Fiat 1500 Cabriolet in Thüringen

30. April, kurz vor 11 Uhr abends – höchste Zeit für den Fund des Monats.  Mal sehen, ob ich noch die Kurve kriege…

Fund des Monats und Fiat 1500 – wie geht das zusammen? Sicher, mit dem formal wie technisch hochmodernen Wagen der oberen Mittelklasse schufen die Turiner 1935 ein heute viel zu selten gewürdigtes Meisterwerk.

Stromlinienkarosserie mit großem Platzangebot, hydraulische Bremsen, standfeste 45 PS aus nur 1500ccm Hubraum und Spitze 115 km/h – kein deutscher Hersteller konnte in dieser Klasse Vergleichbares bieten.

Auch in der einstigen NSU-Autofabrik in Heilbronn wurde der Fiat 1500 einst gebaut – und so wundert es nicht, dass zeitgenössische Aufnahmen des Modells aus Deutschland alles andere als Mangelware sind.

Hier haben wir einen Fiat 1500 mit sächsischer Zulassung, der von seinem Besitzer an irgendeiner einsamen Landstraße abgelichtet wurde:

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Fiat 1500 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vom etwas kleineren, aber noch populäreren Vierzylindertyp Fiat 1100 unterschied sich der 1500er äußerlich vor allem durch die halb in die Vorderkotflügel integrierten Scheinwerfer.

Weitere sehenswerte Aufnahmen dieses hierzulande fast völlig vergessenen Fiat-Modells sind in einem Blog-Eintrag aus dem Jahr 2018 zu sehen. Dort gibt’s sogar Fotos eines überlebenden Fahrzeugs zu bestaunen.

Dass der Fiat 1500 einst in Deutschland Furore machte, zeigt auch die folgende Aufnahme aus meiner Sammlung, die ich hier erstmals vorstelle:

Fiat_1500_ital_kz_Galerie

Wenn ich mich nicht täusche, besaß dieser Fiat 1500 ein italienisches Kennzeichen, das auf eine Zulassung in Mailand (Milano) verweist.

Vermutlich handelte es sich um einen Wagen von Reisenden aus dem Süden, vor dem sich ein deutsches Paar gegen Ende der 1930er Jahre ablichten ließ, als sei es ihres.

Wo genau das Foto entstand, lässt sich leider nicht mehr rekonstruieren. Aufgrund des Bündnisses des Deutschen Reichs mit Italien sind einige Konstellationen denkbar, etwa ein Wagen italienischer Gesandter in Berlin.

Die stark abgefahrenen Reifen weisen darauf hin, dass der Fiat schon länger in Gebrauch war. Autobahntauglich war er nach damaligen Maßstäben absolut und so traut man ihm durchaus zu, als Kurierwagen entlang der „Achse“ Berlin-Rom eingesetzt worden zu sein.

Doch auch abseits der damaligen Autobahnrouten konnte man einem Fiat 1500 begegnen – und was für einem! So wurde einst in Thüringen in einem Örtchen mit dem schönen deutschen Namen Finsterbergen diese Variante abgelichtet:

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Fiat 1500 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir den Fiat 1500 in der sehr raren Ausführung als zweitüriges Cabriolet. Bei einem offenen Wagen hält sich der Vorteil einer strömungsgünstigen Karosserie zwar in Grenzen – aber im Stehen weiß der luftige Fiat das Auge umso mehr zu erfreuen.

Die Zweifarblackierung mit hellem Wagenkörper und dunkel abgesetzten Elementen – Kotflügel, Motorhaube und Gürtellinie – steht dem Auto ausgezeichnet – sie gab es vermutlich nur bei den Cabrioletversionen.

Hier übrigens die Originalaufnahme des Wagens, die erkennen lässt, dass der Fiat vor einer wehrhaft wirkenden Kirche im romanischen Stil abgelichtet wurde.

Fiat_1500_Finsterbergen_Th_Wald_2_Galerie

Fiat 1500 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Kann jemand den Kirchenbau identifizieren? Zum Ort Finsterbergen im Thüringer Wald – laut umseitiger Beschriftung des Abzugs der Aufnahmeort – will der Turm jedenfalls nicht passen.

Merkwürdig ist auch das Nummernschild mit weißen Lettern auf schwarzem Untergrund. Das gab es in Deutschland nur einige Jahre lang nach dem 2. Weltkrieg, als die Besatzungsmächte entsprechende neue Kennzeichen ausgaben.

Meine Vermutung ist, dass dieser offene Fiat 1500 in den späten 1940er Jahren aufgenommen wurde. Dafür spricht ein weiteres, ganz wunderbares Foto, das ich zusammen mit dem ersten erwerben konnte:

Fiat_1500_Cabrio_Finsterbergen_Th_1_Galerie

Fiat 1500 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlug Michael Schlenger

Fast überflüssig zu sagen, dass der Fiat hier als Hochzeitsauto eingesetzt wurde – vermutlich war er das schönste Fahrzeug, das weit und breit aufzutreiben war.

Die abgefahrenen Reifen und der auf dem linken Vorderschutzblech angebrachte Außenspiegel erzählt von den Verhältnissen der frühen Nachkriegsfahrzeug, als man die Fahrzeuge, die der Krieg übriggelassen hatte, irgendwie in Gang hielt.

Die Hochzeitsgesellschaft wirkt auf den ersten Blick nicht anders als eine vor dem Krieg – Kleidung und Frisuren blieben noch eine Weile unverändert, man hatte andere Sorgen.

Doch fällt auf, wie gertenschlank alle Personen auf dem Foto sind – in der Vorkriegszeit hätte man den einen oder anderen gut genährten Zeitgenossen zu sehen bekommen.

Die einzigen opulenten Rundungen besaß hier der Fiat. Man vergleiche die herrlichen Formen des Vorderkotflügels mit denen der Limousinenversion. So etwas fiel nicht aus irgendeiner Blechpresse, das war wahrscheinlich Manufakturarbeit.

Vom serienmäßigen Fiat 1500 in der geschlossenen Variante weicht auch die Gestaltung der Seitenpartie unterhalb der Motorhaube ab. Weiß vielleicht jemand, wo diese wunderbaren offenen Versionen entstanden?

Vermutlich glich davon keine der anderen. Darauf deutet zumindest eine Aufnahme hin, die wir dem Familienalbum von Leser Rolf Ackermann verdanken:

Fiat_1500_Cabrio_Rolf_Ackermann

Fiat 1500 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Rolf Ackermann

Zwar haben wir hier ebenfalls einen Fiat 1500 als zweitüriges Cabriolet mit identischem Farbschema und wunderbar fließender Linienführung. Doch es fehlen die seitlichen Zierleisten unterhalb der Motorhaube.

Denkbar ist, dass diese Leisten am Wagen auf dem vorherigen Foto erst nachträglich angebracht worden waren. Mit über 70 Jahren Abstand wäre aber auch eine solche Variation als authentisch anzusehen.

Doch gibt es heute überhaupt noch einen Überlebenden dieses Typs – also des Fiat 1500 als zweitüriges Cabriolet? Ich habe da meine Zweifel – lasse mich aber gern eines Besseren belehren – denn ein solcher Wagen müsste doch ganz wunderbar sein!

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Auf Spurensuche: Horch 470/480 Sport-Cabriolet

Meine bisherigen Blog-Einträge zur Zwickauer Luxusmarke Horch konzentrierten sich auf Modelle der Vierzylinderära (40 PS-Modell von 1913/14 und 10/50 PS um 1925) sowie die frühen Achtzylinder (303, 305, 350 und 375 der späten 1920er Jahre).

Von diesen Typen will ich auch hin und wieder „neue“ Bilder vorstellen – es hat sich einiges angesammelt über den Winter. Doch für die meisten Horch-Freunde sind die hocheleganten Modelle der 1930er die eigentlichen Objekte der Begierde.

Wer nun auf die legendären Typen 853 und 853 A hofft, muss sich aber noch etwas in Geduld üben – wenngleich meine Fotosammlung auch da einiges zu bieten hat.

Die Horch-Modelle, die diesen einmalig schönen Wagen der späten 30er Jahre vorangingen, werden selten gewürdigt, dabei lassen sie bereits die formale Klasse erkennen, für die die sächsische Traditionsmarke bis heute Bewunderung genießt.

Allerdings ist der Zugang dazu gar nicht so einfach – die laufend verfeinerten Horch-Achtzylindermodelle der frühen 1930er Jahre wurden jeweils nur in wenigen hundert Exemplaren gefertigt – heute kennt sie kaum noch jemand.

Gutes zeitgenössisches Bildmaterial ist entsprechend schwer zu bekommen, aber oft genug liegt der Reiz von Meisterwerken im Fragment:

Horch_470_oder_480_Sport-Cabriolet_Fahrt_nach_Freiburg_Galerie

Horch 470 oder 480 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auweia, mag jetzt mancher denken – wie soll man so einen Wagen identfizieren?

Halten wir zunächst fest, was wir vor uns sehen:

  • ein zweitüriges Cabriolet mit schrägstehender Frontscheibe und Winkern
  • Vorderschutzbleche ohne seitliche Schürzen (d.h. vor 1933/34)
  • voluminöses Kühlergehäuse mit davor montiertem Steinschlagschutzgitter
  • Drahtspeichenräder mit großen Radkappen und erhaben geprägtem Emblem
  • zwei Reihen senkrecht stehender Luftschlitze in der Motorhaube

Der Originalabzug liefert als zusätzliche Information dieses: „Fahrt nach Freiburg“. Somit haben wir es sehr wahrscheinlich mit einem deutschen Auto zu tun – eines der Luxusklasse, wie die hierzulande eher seltenen Dratspeichenräder verraten.

Maybach und Mercedes-Benz sind anhand der genannten Karosseriedetails rasch ausgeschlossen – was bleibt dann noch übrig? Die in den 1930er Jahren arg dezimierte Herstellerlandschaft lässt nur noch Horch als Kandidaten übrig.

Und tatsächlich: Horch baute 1931/32 ein solches Sport-Cabriolet mit allen diesen Elementen, allerdings in drei nicht leicht voneinander unterscheidbaren Varianten:

  • Modell 420 mit 4,5 Liter Achtzylinder und 90 PS (späte Ausführung)
  • Modell 470 mit 4,5 Liter Achtzylinder und 90 PS
  • Modell 480 mit 5 Liter Achtzylinder und 100 PS

Die Modelle 470 und 480, die sich offenbar nur in Motorisierung und Spurweite unterschieden, sind unter anderem an der bis an die Frontscheibe reichenden Motorhaube zu erkennen.

Dumm nur, dass die späten Versionen des kürzeren Modells 420 ebenfalls damit ausgestattet wurden.

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen dem modernisierten Typ 420 und den längeren Typen 470 bzw. 480 ist auf unserem Foto nicht zu sehen – die Ausführung der Stoßstange.

Diese blieb nämlich beim Horch 420 bis zum Schluss zweiteilig (so scheint es), während Horch 470 und 480 eine massive einteilige Stoßstange besaßen.

Solche Details werden ohne Anschauungsmaterial zunehmend abstrakt, je mehr man davon aufzählt, daher zur Illustration eine weitere Originalaufnahme:

Horch_470_oder_480_Sport-Cabriolet_Galerie

Horch 470 oder 480 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir neben den bereits oben erwähnten Details auch die einteilige Stoßstange und wiederum besagtes Steinschlagschutzgitter vor dem Kühler, das beim Horch 470 und 480 serienmäßig war.

Dass auch das erste Foto ein solches Accessoire aufweist, ist ein Indiz dafür, dass es ebenfalls einen Horch 470 oder 480 zeigt. Dies ist aber kein Beweis, da es auch ein Extra beim Horch 420 gewesen sein kann.

Generell sollte man sich nie an nur einem Element orientieren, wenn es um die genaue Ansprache eines Vorkriegswagens geht. Erst das Vorhandensein mehrerer typischer Details erlaubt eine einigermaßen sichere Identifikation.

So muss offenbleiben, ob das Sport-Cabriolet auf dem ersten Foto einer der letzten Hochs des Typs 420 mit kurzem Radstand war oder ein Typ 470 bzw. 480 mit längerem Radstand und im Fall des Typs 480 stärkerer Motorisierung.

Bei Manufakturwagen, wie sie Horch fast ausschließlich produzierte, kommt hinzu, dass prinzipiell unbegrenzte Möglichkeiten zur Individualisierung bestanden.

Und bei manchen überlieferten Horch-Fotos wird wohl ganz ungeklärt bleiben, was sie genau zeigen – etwa in diesem Fall:

Horch_450_Cabrio_Grazien_Galerie

Horch 8 eventuell Modell 450 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses viertürige Cabriolet ist ebenfalls ein Horch der frühen 1930er Jahre – das verraten allein schon die Radkappen mit dem gekrönten „H“ und die typische Kühlerfigur.

Doch leider sehen wir nichts von der Motorhaube und bei den Stoßstangen bin ich unsicher, ob sie einteilig oder zweigeteilt sind. Dennoch ist das ein wunderbares Dokument – nicht nur wegen der gut aufgelegten Insassen.

Nur selten bekommt man Details der Innenausstattung dieser luxuriösen Horch-Wagen so gut zu sehen, hier etwa die in Leder ausgeführte Tasche an der Türverkleidung sowie den Chromgriff und das Netz an den Vordersitzen.

Was mag aus dem schönen Cabriolet und seinen Passagieren geworden sein, die hier für die Nachwelt festgehalten sind? Genaues wissen wir nicht, aber es wäre doch merkwürdig, wenn zumindest von dem Horch überhaupt nichts außer diesem Foto erhalten geblieben wäre.

Eine verbogene Kühlerfigur, eine rostige Radkappe, ein eingedellter Scheinwerfer – irgendetwas von dem, was wir auf diesem Fotos sehen, mag noch existieren – meine eigene Teilesammlung umfasst ebenfalls solche Relikte, auch von Horch-Wagen.

So kehrt man auf der Suche nach den Spuren alter Autos stets zum Thema Vergänglichkeit zurück – und dem Bemühen des Menschen, diese aufzuhalten – einst, indem man solche Fotos machte und heute, indem man übriggebliebene Fahrzeuge erhält oder Geschichten darüber erzählt…

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Franzosenchic & Sachsenstolz: Citroen B14 Landaulet

In der Vorkriegszeit war Sachsen eines der Zentren der deutschen Autoindustrie. Wenn ich mich nicht täusche, gab es außer in Berlin nirgends im deutschsprachigen Raum eine derartige Konzentration von Automobilherstellern, Karosseriebauern und Zulieferern.

Dennoch waren die zahlreichen lokalen Produzenten nicht imstande, die ab Mitte der 1920er Jahre hierzulande rapide steigende Nachfrage zu stillen. In die Lücke stießen vor allem amerikanische Automarken.

Die US-Fabrikate waren längst von Konstruktion und Logistik her konsequent auf Großserie getrimmt und so lag der Versuch nahe, auch auf dem brachliegenden deutschen Markt zu expandieren.

Dazu bedurfte es keiner besonderen Anstrengungen, bereits ein einfach gestrickter Chevrolet wie dieser aus dem Modelljahr 1927 war mehr als konkurrenzfähig:

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Chevrolet von 1927 mit Zulassung in Sachsen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie konnte ein solches simples Gefährt mit 30 PS-Vierzylinder dem Kennzeichen nach zu urteilen selbst im stolzen Autoland Sachsen an den Mann gebracht werden?

Die Antwort ist schlicht die, dass dieser Wagen verfügbar war – und das zum absolut konkurrenzfähigen Preis. Die einheimischen Modelle dagegen konnten von keinem Hersteller in den Stückzahlen gefertigt werden, die der Markt seinerzeit verlangte.

Dass Chevrolet quasi nebenher den Bedarf deutscher Käufer stillen konnte, wird an den auch heute noch unfassbaren Stückzahlen deutlich: Von dem oben gezeigten Modell entstanden 1927 mehr als eine Million Exemplare!

Da kam es auf einige tausend Stück mehr oder weniger kaum an. Zudem gab es weitere ausländische Produzenten, die zusammen mit den US-Herstellern Ende der 1920er Jahre im Deutschen Reich auf einen Marktanteil von bis zu 40 % kamen.

Möglicherweise der erfolgreichste Mitbewerber der Amerikaner war Citroen. Die Franzosen waren direkt nach dem 1. Weltkrieg in die Massenfabrikation eingestiegen und lieferten Opel ungewollt die Blaupause für das spätere 4 PS-Modell „Laubfrosch“.

Doch als Opel begann, dank des französischen „Vorbilds“ erstmals nennenswerte Stückzahlen in der Einsteigerklasse zu fertigen, hatte Citroen bereits seinen Schwerpunkt auf die Mittelklasse verlegt.

Ganz billig waren diese Wagen hierzulande nicht – vermutlich erreichte die 1927 eingerichtete Citroen-Fertigung in Köln nicht die Produktivität des Mutterhauses. Doch verkaufte sich das neue Mittelklassemodell B14 mit 25 PS aus 1,5 Litern am deutschen Markt auf Anhieb ausgezeichnet.

Als Beispiel mag dieser Citroen B14 in der Limousinenausführung dienen:

Citroen_B14_Klausenpass_Galerie

Citroen B14 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen machte 1928 am Klausenpass in der Schweiz halt – wohl um eine Überhitzung des Kühlwassers auf dem mehr als 20 km langen Anstieg zu vermeiden.

Das Kennzeichen verweist auf eine Zulassung in Deutschland und tatsächlich war dieser Wagen auf deutschen Straßen damals keine Seltenheit – fast 9.000 Stück davon entstanden 1927/28 im Kölner Citroen-Zweigwerk, das entsprach fast 5 % der Neuzulassungen im Deutschen Reich.

Trotz ähnlich einfacher Bauart wies der Citroen B14 gegenüber „Amerikaner“wagen vom Schlag eines Chevrolet eine diskrete Eleganz auf, die vor allem der recht schmalen Spur geschuldet war.

Während der oben gezeigte Chevrolet den stämmigen Auftritt eines breitbeinig daherkommenden Cowboys hatte, waren die Proportionen des Citroen grundlegend anders: der Wagen war mit 1,83 m deutlich höher als breit (Spur: 1,23 m):

Citroen_B14_Max Franke_Bezirk_Dresden_Galerie

Citroen B14 Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Aufnahme unterstreicht nicht nur, dass der Citroen B14 mit seinen typischen Scheibenrädern und acht nach hinten versetzten Luftschlitzen in der Motorhaube deutlich filigraner wirkt.

Man erkennt zudem am Nummernschild, dass die Qualitäten des äußerst robust geltenden Wagens auch im Herzen Sachsens geschätzt wurden – das Auto war nämlich im Verwaltungsbezirk Dresden zugelassen.

Bemerkenswert ist an diesem Fahrzeug die dreiteilige Stoßstange nach amerikanischem Vorbild, die hier bei gleicher Ausführung höher angebracht war als bei dem Citroen am Klausenpass. Wer hat eine Idee zu den Beweggründen?

Der Wagen macht – einmal von den Reifen abgesehen – einen kaum gebrauchten Eindruck und die Aufnahme wirkt nicht wie ein zufälliger Schnappschuss. Hier wurde vielleicht kurz nach Anlieferung ein bewusst inszeniertes Foto gemacht.

Ich vermute, dass dabei das Firmenschild an der Hauswand im Hintergrund bewusst in die Bildgestaltung einbezogen wurde:

Citroen_B14_Max Franke_Bezirk_Dresden_Ausschnitt2

Bei der überdurchschnittlichen Qualität dieser Aufnahme darf man davon ausgehen, dass der Fotograf das Firmenschild nicht in den Tiefenschärfebereich einbezogen hätte, wenn sie irrelevant gewesen wäre.

So ist denkbar, dass der auf der Hauswand erwähnte Schmiede- und Autoreparaturbetrieb Max Franke etwas mit diesem Citroen zu tun hatte.

Für unternehmerische Tüchtigkeit spricht auch, das Werbeschild für Benzin der Marke Dapolin, die zur seit 1890 bestehenden Deutsch-Amerikanischen Petroleum Gesellschaft gehörte und Kraftstoffe von Standard Oil vertrieb.

Aus einer ursprünglichen Schmiede war wohl inzwischen eine Autowerkstatt mit Tankstelle entstanden. Wie passt aber nun der Citroen dazu? Nun, obiger Bildausschnitt liefert ein Indiz.

Denn am in Fahrtrichtung linken Scheibenrahmen sieht man einen Taxameter mit darüber angebrachtem Schild „FREI“. Besagter Max Franke könnte demnach auch in das Taxigeschäft eingestiegen sein.

Dieses Metier war damals noch stärker von Einzelunternehmern geprägt und die Verdienstmöglichkeiten waren besser als heute, da kein Überangebot an Fahrzeugen herrschte.

Auf diese Weise konnte sich ein Taxifahrer offenbar sein eigenes Auto finanzieren. Näheres dazu kann vielleicht ein sachkundiger Leser beitragen.

Wenn meine Vermutung zutrifft, haben wir hier vielleicht besagten umtriebigen Max Franke höchstselbst mit der frisch angeschafften Citroen-Droschke vor uns – ansonsten einen als Fahrer fungierenden Angestellten.

Jedenfalls ist dem jungen Sachsen, der hier zuversichtlich in die Ferne zu schauen scheint, ein gewisser Stolz auf den feinen Citroen anzusehen.

Citroen_B14_Max Franke_Bezirk_Dresden_Ausschnitt1

Hier lohnt sich das genaue Hinschauen:

Interessant ist zum einen die einreihige Jacke aus Wolltuch, deren Schnitt und Ausführung mit aufgesetzten Taschen nur noch entfernt an die schweren ledernen Fahrerjacken anlehnt, wie sie Kraftfahrer vor dem 1. Weltkrieg und bis weit in die 1920er Jahre trugen.

Seitdem der Fahrer nicht mehr im Freien saß, war die Notwendigkeit eines Wetterschutzes nicht mehr in der Weise gegeben wie zuvor – entsprechend feiner wirkt hier die Chauffeurskleidung. Geblieben war die für Fahrer typische Schirmmütze.

Leider ist auch auf dem Originalabzug das Emblem auf der Mütze nicht genau erkennbar – es hätte möglicherweise einen interessanten Hinweis geliefert.

Dafür erkennt der Betrachter am Heck des Wagens etwas, das Aufmerksamkeit verdient. Denn dort sieht man, dass der rückwärtige Teil der Dachpartie nach hinten geklappt ist, sodass die Passagiere auf der hinteren Rückbank bei schönem Wetter unter freiem Himmel sitzen konnte.

Es handelt sich bei dem Aufbau des Citroen also um die besonders elegante Karosserieversion eines Landaulet, die noch aus der Kutschenära stammte.

Am Ende des hier senkrecht stehenden Dachabschnitts sind zwei Klappverschlüsse zu sehen, mit denen bei wieder hochgeklapptem Verdeck die Verbindung zum Dach hergestellt wurde.

Dieses Detail habe ich bislang so deutlich auf noch keinem historischen Originalfoto gesehen und man kann den Handwerkern, die diese technische Lösung klappersicher und wasserdicht umzusetzen hatten, nur großen Respekt zollen.

Nebenbei: Landauletversionen des Citroen B14 scheinen gerade bei Droschken nicht ungewöhlich gewesen zu sein. Bloß: Eine Ausführung wie die auf dem Foto – also mit starrer Hecksäule – konnte ich bislang nicht finden.

Kann es sein, dass sich hier französischer Chic mit sächsischem Stolz vermischten? Dann hätte sich der Taxi-Betrieb zwar für einen schlank gebauten Citroen B14 entschieden, aber den Aufbau von einem lokalen Karosserieschneider fertigen lassen.

Für Ideen zu diesem für mich spannenden Fahrzeug und der reizvollen Situation bin ich wie immer dankbar (bitte Kommentarfunktion nutzen).

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Ideal in jeder Kurve: NAG Typ C4 10/30 PS

„Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ – wer kennt nicht dieses Zitat? Man nutzt es gern, um sein Geschmacksurteil als ebenso legitim wie jedes andere zu rechtfertigen.

Ich meine: Wer Zitate irgendwelcher Geistesgrößen bemüht, hat eine schwache Position, da es ihm offenbar an eigenen Argumenten und damit an Urteilskraft mangelt.

Kurios wird es dann, wenn sich der vermeintliche Urheber universeller Weisheiten wie der genannten bei näherer Betrachtung verflüchtigt.

„Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ wird im deutschen Sprachraum gern Goethe zugeschrieben, der aber als Klassizist sehr resolute Vorstellungen davon hatte, was als schön gelten darf und was nicht.

In Großbritannien nennt man als Urheber wahlweise den schottischen Philosophen David Hume oder einen der zuverlässigsten Zitatelieferanten überhaupt: William Shakespeare (z.B. in „Love’s Labour’s Lost)“.

Wiederum andere schreiben die Sentenz den alten Griechen zu und verweisen auf sinngemäße Feststellungen von Platon oder Thukydides.

Gemeinsam ist ihnen: Keiner hat je ein Automobil erblickt und so fehlten ihnen die Maßstäbe, ein ästhetisches Urteil über eine Schöpfung wie zum Beispiel diese zu fällen.

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unbekanntes Cabriolet der 1930er Jahre, aufgenommen in Dortmund

Ich wage die Behauptung, dass sich kaum jemand finden wird, der die Linien dieses bislang unidentifizierten Wagens als „nicht schön“ – also ausdrücklich als „hässlich“ –  bezeichnen würde.

Das hat meiner Überzeugung nach damit zu tun, dass die meisten Menschen organische, geschwungene Formen als angenehm empfinden. In der Natur, aus der wir stammen, gibt es nun einmal kaum gerade Linien, sondern fast nur Kurven.

Wer der Natur nicht völlig entfremdet ist, empfindet spontan Vertrautheit mit sanften Bögen, opulenten Rundungen und spannungsreichen Linien. Das ist ein uraltes Erbe, dass durch ein paar Jahrtausende Sesshaftigkeit nicht zunichtegemacht wurde.

Es mag ja mancher intellektuellen Zugang zum Diktat des rechten Winkels und der geraden Linie der Bauhaus-Ideologie gefunden haben. Mir ist diese in Deutschland besonders verbreitete Leidenschaft für unorganische Formen unheimlich.

Für mich entfaltet sich Meisterschaft in der Formgebung eines Industrieprodukts eher in Beispielen wie diesem:

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Hanomag 1,3 Liter; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Es fällt schwer, an diesem Hanomag auch nur eine gerade Linie zu finden und dennoch kommt seine von der Stromlinie beeinflusste Karosserie ganz ohne Zierrat aus.

Als schön würde ich den Wagen zwar nicht bezeichnen, dafür fehlt ihm schlicht die Länge, die es braucht, damit sich solche Formen voll entfalten können und am Ende schlüssig zueinanderfinden.

Doch ist dieser letzte Hanomag für mich ein gutes Beispiel für den plastischen Reiz, den organische Formen ausüben können. Eine derartige Dreidimensionalität und Dynamik kann nun einmal nicht von einem Ziegelstein auf Rädern ausgehen

Damit wäre ich beim eigentlichen Gegenstand meines heutigen Blog-Eintrags:

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NAG Typ C4 10/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Tourenwagen, der hier aus außergewöhnlicher Perspektive abgelichtet wurde, verkörpert für mich idealtypisch das Konzept der von Bögen und Kurvaturen geprägten Karosserie, das in deutschen Landen bis in die 1920er Jahre fortlebte.

Der Wagen als solcher – ein NAG Typ C4 10/30 PS aus Berlin – stellt keineswegs eine Besonderheit dar. Er wurde in der ersten Hälfte der 1920er Jahre mit den unterschiedlichsten Karosserien gebaut.

Allein in meiner NAG-Galerie finden sich mehr als ein Dutzend Originalfotos dieses Typs und ich habe meine Zweifel, dass von diesem Modell wirklich nur „höchstens ca. 5.000 Exemplare“ entstanden, wie es in der älteren Literatur heißt (vgl. W. Oswald: Deutsche Autos 1920-1945).

Sicher bezieht dieses Modell einen Großteil seiner Wirkung aus der raffinierten Verwandlung des NAG-typischen Ovalkühlers in einen Spitzkühler, wie er seit 1913/14 Mode im deutschsprachigen Raum war.

Folgende Ausschnittsvergrößerung lässt ungewöhnlich gut erkennen, wie sich ausgehend von der ovalen Kontur des Kühlers die Karosseriesilhouette entlang der Motorhaube bis zum Fahrgastraum weiterentwickelt:

NAG_C4_Frontansicht_Kehre_Ausschnitt

Hier wird unmittelbar erkennbar, woher die Bezeichnung „Tulpenkarosserie“ für einen derartigen Aufbau herrührt – wie die Blüte einer Blume öffnet sich der Wagenkörper nach hinten immer weiter.

Aus dieser Perspektive mag deutlich werden, dass es der Kunst von Bildhauern bedurfte, um, eine derartige sich in drei Dimensionen kontinuierlich entfaltende Form aus Holz und Stahl zu schaffen.

Natürlich fielen auch die Vorderschutzbleche dieses NAG nicht aus einer seelenlosen Stanze – sie wurden von Hand über Holzformen aus dem Blech getrieben und man sieht ihnen an, dass sie keine exakten Spiegelbilder voneinander waren.

Wie bei einem schönen Gesicht die eine Hälfte nicht völlig der anderen entspricht, waren es kleine Abweichungen von der Symmetrie, die die Spannung und Persönlichkeit eines derartigen Fahrzeugs ausmachten.

Ein letztes Mal entfaltete sich solche Meisterschaft und organische Formgebung in den italienischen Manufakturkarosserien der 1960er Jahren. Auch dort kam außer spannungsreichen Bögen und schwellenden Formen fast kein Dekor zum Einsatz.

Wer je ein Auto jener Zeit mit individueller Karosserie restauriert hat, weiß um die Herausforderungen, die schon mit dem Einpassen des Kotflügels oder der Tür eines Spenderfahrzeugs verbunden sind.

Eigentlich passt nichts zusammen, weil jedes dieser Fahrzeuge eine eigene Linie, eine Persönlichkeit hatte. Das ist es – unter anderem – was seit damals verlorengangen ist.

Und das ist zugleich das Geheimnis der Magie früher Vorkriegsfahrzeuge wie zum Beispiel dieses Benz-Wagens von 1910, dessen Gestaltungslogik sich im NAG Typ C4 der frühen 1920er Jahre ein letztes Mal widerspiegelt:

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Benz von 1910; Bildrechte: Michael Schlenger

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Pionier des Fortschritts: Panhard & Levassor von 1908

Heute geht es in meinem Blog für Vorkriegsautos auf historischen Fotos 111 Jahre zurück in die Vergangenheit – ins Jahr 1908.

Dabei haben wir den seltenen Fall, dass sich nicht nur die Aufnahme datieren lässt – sie entstand im Oktober 1908 irgendwo in Frankreich – auch das Baujahr des darauf abgebildeten Wagens lässt sich auf das Jahr genau bestimmen – ebenfalls 1908.

Hier haben wir das Prachtstück:

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Panhard & Levassor von 1908; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Hersteller ist anhand des markanten Kühlergehäuses ebenfalls eindeutig zu bestimmen: Es handelt sich um ein Fahrzeug von Panhard & Levassor, dem ersten Hersteller eines Serienwagens mit Benzinmotor in Frankreich.

Kenner der Pionierära wissen, dass Panhard & Levassor zusammen mit De Dion-Bouton das in Deutschland von Daimler und Benz erfundene Auto so weit verbesserten, dass es anschließend seinen internationalen Siegeszug antreten konnte.

So wie Bertha Benz 1888 mit ihrer legendären Langstreckenfahrt im Auto ihres Mannes Carl den entscheidenen Impuls zur Marktreife der neuen Erfindung gegeben hatte, war es auch im Fall von Panhard & Levassor eine Frau, die im entscheidenden Moment das Richtige tat, und das ging so:

Emile Levassor, eine der beiden Inhaber des auf das Jahr 1846 zurückgehenden und seit 1886 als Panhard & Levassor firmierenden Maschinenbauunternehmens war mit einem belgischen Ingenieur namens Edouard Sarazin befreundet.

Sarazin verfügte über Kontakte zum deutschen Motorenhersteller Deutz, wo bis 1882 Gottlieb Daimler beschäftigt war. Nachdem Daimler sich selbständig gemacht hatte,  wurde Sarazin sein Vertreter bei der Sicherung seiner Patente in Frankreich.

Als Edouard Sarazin 1887 unvermittelt starb, trat seine Witwe Louise auf den Plan. Sie überzeugte Emile Levassor, den Kontakt ihres verstorbenen Mannes zu Daimler für die Zwecke von Panhard &  Levassor zu nutzen. 

Zusammen mit Levassor reiste Louise Sarazin 1888 zu Daimler nach Bad Cannstadt.  Dort stieß Levassor nicht nur auf den ihm bereits bekannten Einzylindermotor, sondern auch auf eine interessante neue Zweizylinderkonstruktion.

Panhard & Levassor erwarben eine Lizenz zum Nachbau dieses Zweizylinders und statteten damit ihren ersten Wagen aus – den Typ P2D 2 CV, der Ende 1890 fertig wurde.

Maßgeblichen Einfluss auf die Entscheidung von Panhard & Levassor, selbst Automobile zu bauen, hatte einmal mehr Louise Sarazin, die noch 1890 Levassor heiratete – ein weiteres Beispiel dafür, wie kluge Frauen vor über 100 Jahren subtil Macht ausübten.

Keine 20 Jahre später, als das oben präsentierte Foto von 1908 entstand, gehörte Panhard & Levassor zu den international bedeutendsten Automobilherstellern und hatte die deutsche Konkurrenz längst überflügelt.

Das Jahr 1908 war in zweifacher Hinsicht bedeutsam für die Automobile von Panhard: Zum einen setzte sich eine formale Lösung durch, die eine schrittweise weitere Verschmelzung bis dato unabhängiger Elemente des Aufbaus ankündigte.

So wurde ab dann das Vorderschutzblech, das zuvor vor dem Trittbrett weiter nach unten reichte, nun in den meisten Fällen so ausgeführt, dass es in elegantem Bogen an die Horizontale des Trittbretts anschloss.

Folgender Bildausschnitt lässt dies erkennen:

Panhard_Pk_10-1908_Ausschnitt1

Zu sehen sind in dieser Ausschnittsvergrößerung weitere reizvolle Details:

  • die facettierte Ausgestaltung der Kühlergehäuses, die durch feine, von Hand gezogene Zierlinien zusätzliche Plastizität erhält,
  • der markante Verschluss des Kühlwassereinfüllstutzens, dessen Gestaltung sich an klassischen Gefäßformen orientiert
  • die niedergelegte Windschutzscheibe mit poliertem Messingrahmen
  • die prachtvollen Positionsleuchten, die mit Petroleum betrieben wurden
  • die Halter der gasbetriebenen Frontscheinwerfer, die damals oft nur bei Nachtfahrten montiert wurden, um sie vor Steinschlag zu schützen.

Wer genau hinsieht, kann am in Fahrtrichtung linken Scheinwerferhalter ein herabhängendes Lederband erkennen. Dieses diente während der Fahrt der Fixierung der Anlasserkurbel.

Dass das Band auf dem Foto abgenommen ist, lässt erkennen, dass der Wagen im Anschluss an das Foto in Betrieb genommen werden sollte – sofern nicht vergessen worden war, es anlässlich der letzten Fahrt wieder zu fixieren.

Die andere bedeutende Veränderung neben der erwähnten Weiterentwicklung der Karosserieelemente betraf die Kraftübertragung auf die Hinterachse.

Nachdem gegen Ende 1907 erstmals ein Panhard & Levassor mit Kardan- statt Kettenantrieb vorgestellt worden war – das Modell 15 PS – kamen 1908 zwei weitere Kardanmodelle mit 10 und 18 PS hinzu.

Nur die beiden großen Modelle 24 PS und 35 PS wurden noch in nennenswerten Stückzahlen ausschließlich mit Kettenantrieb hergestellt.

Welche der insgesamt gut ein Dutzend gängigen Motorisierungen mit Hubräumen von 1,8 bis über 7 Liter „unser“ Panhard & Levassor aufwies, muss wohl offen bleiben.

Vermutlich wird es sich den Proportionen nach zu urteilen um eines der mittelgroßen Modelle 15 bis 24 PS gehandelt haben (3,5 bis 5,3 Liter Hubraum). Annähernd 700 solcher Fahrzeuge baute Panhard & Levassor 1908.

Der Wagen auf dem Foto dürfte frisch angeliefert worden sein und das Besitzerpaar posiert für das damals übliche Foto mit dem stolzen Ehemann am Steuer:

Panhard_Pk_10-1908_Ausschnitt2

Recht gut zu erkennen sind an der Schottwand vor der Lenksäule die senkrechten Druckknöpfe, über die wichtige Schmierstellen mit Öl versorgt wurden.

Übrigens verkörpert die Beifahrerin einen selbstbewussten und durchsetzungsfähigen Frauentyp, der im damaligen Großbürgertum nicht selten gewesen zu scheint.

Der junge Mann mit der Schirmmütze und dem fein geschnittenen Gesicht auf dem Rücksitz ist mit Sicherheit der Chauffeur und damit der eigentliche Herr dieses prachtvollen Panhard & Levassor.

Mit der Verantwortung für den zuverlässigen Betrieb dieses teuren Luxuswagens und die sichere Beförderung seiner Insassen genoss ein Fahrer damals eine außerordentliche Vertrauensposition. 

Die Beherrschung und Instandhaltung einer dieser neuartigen Fahrzeuge verlieh ihm eine herausgehobene Stellung. Hinzu kam, dass in den exklusiven Kreisen der damaligen Automobilisten perfekte Manieren erwartet wurden.

Wie so oft bei Betrachtung dieser Bilder aus längst vergangene Zeit fragt man sich, wie wohl der weitere Lebensweg der Menschen ausgefallen sein mag, die uns über den Abstand von weit mehr als 100 Jahren in die Augen schauen.

Leider werden wir nichts mehr darüber in Erfahrung bringen – es sei denn, man hat mit einem der seltenen Fälle zu tun, dass sich auf diesen Dokumenten einer untergegangenen Welt prominente Personen identifizieren lassen.

Sicher nicht prominent war die junge, schlicht gekleidete Dame, die mit Hund neben dem Panhard & Levassor posiert:

Panhard_Pk_10-1908_Ausschnitt3

Aufgrund der langen Belichtungszeit der damaligen Plattenkameras findet sich auf Aufnahmen jener Zeit selten ein spontanes Lächeln. Doch meine ich, dass um die Lippen dieser Unbekannten durchaus etwas Freundliches spielt.

Welche Rolle mag sie in dem Haushalt der Besitzer des eindrucksvollen Panhard & Levassor gespielt haben, dass sie ebenfalls auf dem Foto mitposieren durfte?

Wie immer sind Ideen und Anmerkungen dazu und auch zu anderen Details willkommen und finden gegebenenfalls Eingang in diesen Blogeintrag.

Einige weitere Fotos von Wagen der Marke Panhard & Levassor schlummern in meinem Fundus, doch erfordert eine genaue Ansprache noch einige Recherchen.

Unterdessen empfehle ich allen, die sich für die Markengeschichte interessieren, ein Buch, das für mich einen einzigartigen Rang einnimmt, da es jedes einzelne Baujahr umfassend abhandelt und dabei eine Fülle von Originalfotos (nicht nur Prospektabbildungen) zeigt wie kaum ein Buch zu deutschen Vorkriegsmarken:

Bernhard Vermeylen: Panhard & Levassor – Entre Tradition et Modernité, Verlag ETAI, 2005, ISBN: 2-7268-9406-2

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Noch einmal ganz große Klasse: Der Adler „Diplomat“

Autos von Adler aus Frankfurt am Main sind seit 1945 Geschichte. Doch wer mit der Eisenbahn in die heutige Bankenmetropole reist, kann die Silhouette der grandiosen Adlerwerke nordwestlich des Hauptbahnhofs kaum übersehen.

Zwar ignoriert die Frankfurter Kulturpolitik von jeher das technikgeschichtliche Erbe der Geburtsstadt Goethes, doch halten Enthusiasten hierzulande und weltweit die Erinnerung an die große Zeit der Adler-PKW am Leben.

Naturgemäß stehen dabei die überlebenden Exemplare des über 100.000mal gebauten Frontantriebswagens „Trumpf Junior“ im Mittelpunkt. Nebenbei war ein Wagen dieses Typs der letzte zivile Adler-PKW, der 1941 in Frankfurt vom Band lief.

Zusammen mit den DKW-Fronttrieblern, dem englischen Austin Seven und dem Ford Model T ermöglicht der Trumpf Junior von Adler nach wie vor einen preisgünstigen Einstieg in die Wunderwelt der Vorkriegsautos.

Hier haben wir ein besonders reizvolles Exemplar dieses Typs, aufgenommen nach Kriegsausbruch 1939, wie die Tarnüberzüge auf den Scheinwerfern verraten:

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Adler Trumpf Junior Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man kann über hinten angeschlagene Türen denken was man will, aber ihre Vorzüge sind hier auch für den modernen Betrachter ganz offensichtlich.

Die Kunst des eleganten Aussteigens ist mit den Karosserien der Gegenwart ebenso  verlorengegangen wie der mühelose und würdevolle Einstieg ins Heckabteil.

Bevor die PKW-Herstellung bei Adler endete, lief man in Frankfurt am Main noch einmal zu großer Form auf – zum einen mit dem Stromlinienmodell 2,5 Liter, das ich gelegentlich vorstellen werde, zum anderen mit dem ebenfalls sechszylindrigen konventionellen „Diplomat“, der die Nachfolge des „Standard 6“ antrat.

Eine mächtige Limousinenausführung dieses Typs hatte ich vor längerem vorgestellt:

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Adler „Diplomat“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bevor ich heute zwei weitere Aufnahmen desselben Typs zeige, möchte ich kurz in die Geschichte der ganz großen Adler-Modelle zurückblenden, die auch Freunden der Frankfurter Marke oft kaum noch gegenwärtig ist.

Tatsächlich hatte Adler – wie auch Opel aus dem nahen Rüsselsheim am Main – bereits vor dem 1. Weltkrieg mit Hubraumriesen erhebliches Renommee gewonnen.

Aus Volumina von 8 bis 9 Liter gewannen die Spitzenmodelle von Adler vor 1914 eindrucksvolle 70 bis 80 PS, die theoretisch Höchstgeschwindigkeiten von deutlich über 100 km/h erlaubten.

Für die damaligen Käufer dieser unerhört teuren Wagen zählte aber vielmehr die anstrengungslose Leistungsentfaltung, die einen Gangwechsel außer bei Steigungen fast völlig überflüssig machte.

Hier haben wir einen dieser Giganten aus der Zeit ab etwa 1912:

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Adler Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass dieser offenbar im Frühjahr abgelichtete Adler zu den Oberklassemodellen mit einer Leistung von 60 PS aufwärts gehörte, ist aus der Größe des Kühlergrills abzuleiten.

Schwächere Adler-Typen sahen damals zwar ähnlich aus, waren aber von den Proportionen deutlich kompakter und besaßen Räder mit weniger Speichen.

Ein schönes Detail an diesem Wagen sind die aus Messing gefertigten Kappen auf den Frontscheinwerfern, die die empfindlichen Gläser der Gasleuchten schützten.

Entstanden sein wird dieses Foto im 1. Weltkrieg anlässlich des Fronturlaubs des hochdekorierten Soldaten auf dem Beifahrersitz. Noch 1914 setzte sich übrigens bei den neuen Adler-Modellen der allgemein in Mode gekommene Spitzkühler durch.

Dieses markante Detail kennzeichnet auch die Adler-Wagen der frühen Nachkriegszeit, zu denen abermals großvolumige Typen mit an die 60 (später auch 80 PS) gehörten. Historische Abbildungen dieser Wagen sind ausgesprochen selten.

Folgendes Foto dürfte einen dieser großen Adler zeigen, die nach dem 1. Weltkrieg in kaum veränderter Form – von den Lampen abgesehen – weitergebaut wurden:

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Adler Tourenwagen der frühen 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die genaue Datierung und typmäßige Einordnung dieses Adler bereitet bislang noch Schwierigkeiten, da kein ausreichendes Vergleichsmaterial vorliegt. Das wird sich aber im Lauf der Zeit sicher ändern, wie das bei anderen in der Literatur schlecht oder gar nicht dokumentierten Modellen anderer Hersteller schon der Fall war.

Der nächste „große“ Adler war dann das Modell „Standard 6“ bzw. der rare „Standard 8“ vom Ende der 1920er Jahre. Hier stellvertretend für diese im US-Stil gestalteten Spitzenmodelle aus Frankfurt eine bereits gezeigte Aufnahme:

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Adler „Standard 6“, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Es ist faszinierend zu sehen, wie diese perfekten Repräsentanten des 20er-Jahre-Stils ab 1933 von Nachfolgern abgelöst wurden, die eine neue Linie verkörperten – und das wiederum in geradezu idealer Hinsicht.

Die Rede ist vom erwähnten „Diplomat“, der abgesehen vom Hubraum (2,9 Liter, Leistung auf 60 PS erhöht) kaum noch etwas mit dem Vorgänger gemeinsam hatte.

Man sieht an der Linienführung, dass sich Adler mittlerweile vom Vorbild amerikanischer Hersteller weitgehend gelöst hatte. Faktisch verfolgte man dieselbe formale Logik wie bei den erfolgreichen kleinen Modellen Trumpf und Primus.

Das ist auch kaum verwunderlich, wurde doch die Ganzstahl-Karosserie des 1934 aufgelegten Diplomat ebenso von Ambi-Budd aus Berlin gefertigt wie die der kompakteren Modelle, zumindest in der geschlossenen Version.

Dennoch ist eine Adler „Diplomat“-Limousine von 1934 auf den ersten Blick gar nicht so einfach zu identifzieren, wie das folgende Beispiel zeigt:

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Adler „Diplomat“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei dieser Aufnahme ist auf Anhieb wenig zu erkennen, was an Adler erinnert, abgesehen von den schlichten Radkappen auf den profilierten Scheibenrädern.

Die primitive Ausführung des Flachdachbaus im Hintergrund lässt zunächst an eine Aufnahme aus den USA denken, wo solche barackenähnlichen, später als „Bungalow“ geadelten Bauten bereits vor dem 2. Weltkrieg aufkamen.

Doch die solide ausgeführten mehrstöckigen Häuser mit steilem Dach auf der linken Seite verraten letztlich eine Entstehung des Fotos in Mitteleuropa. Zudem spricht der Wimpel neben der Haube eine eindeutige Sprache.

Das offenbar während des national-sozialistischen Regimes entstandene Foto zeigt jedenfalls einen Adler „Diplomat“ in der nur 1934 gebauten Ausführung, die unter anderem an den fünf hohen Luftklappen in der Motorhaube zu erkennen ist.

Die Harmonie der geschlossenen Karosserie von Ambi-Budd wird erst auf einer zweiten Aufnahme desselben Wagens deutlich, die ich zusammen mit der ersten erwerben konnte:

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Adler „Diplomat“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Ansicht erinnert an zeitgenössische elegante Aufbauten aus England, jedenfalls würde man nicht mehr auf die Idee kommen, eine Herkunft aus den USA zu vermuten.

Die deutschen Hersteller hatten sich mittlerweile von den lange überlegenen amerikanischen Konkurrenten emanzipiert und verfolgten technische wie formal  zunehmend eigenständige Wege.

Bemerkenswert ist an dieser makellosen Karosserie des Adler „Diplomat“ nicht nur die schiere Größe, die zugleich jede Übertreibung meidet.

Festzuhalten ist auch, dass dieser Wagen der letzte von den Frankfurter Adlerwerken vorgestellte Typ war, der noch der traditionellen Gestaltungslogik folgte, die ihren Ursprung in der Kutschbauära hatte.

Deutlich wird dies insbesondere anhand des Dachaufbaus, der vom Wagenkörper abgesetzten, opulent geschwungenen Schutzbleche, den freistehenden Frontleuchten und dem am Heck angesetzten Koffer.

Die letzten von Adler vor Kriegsausbruch vorgestellten PKW-Modelle – der Typ 2 Liter (ab 1938) und vor allem der Typ 2,5 Liter (ab 1937) – hatten nur noch wenig mit den klassischen Linienführung des Adler „Diplomat“ gemeinsam.

Sie fielen auch deutlich kompakter aus als der letzte „große“ Adler, was letztlich den „Diplomat“ zum letzten Vertreter des Oberklasseautomobils der Frankfurter Traditionsmarke macht.

In natura ist mir übrigens noch kein Adler „Diplomat“ in der hier gezeigten klassischen Ausführung  von 1934 begegnet. Dasselbe gilt für den bis 1940 gebauten, optisch abweichenden Nachfolger, den ich ebenfalls noch besprechen werde.

Vielleicht weiß ja ein Leser von einem überlebenden Exemplar des eindrucksvollen Adler „Diplomat“ von anno 1934 – solche Hinweise sind mir ebenso willkommen wir ergänzende Informationen oder auch Korrekturen von berufener Seite.

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Hanomag-Historie: vom 3/16 PS zum 4/20 PS-Modell

Mein heutiger Blogeintrag bietet an sich nichts Spektakuläres – umso eindrucksvoller wird dafür der demnächst anstehende Fund des Monats ausfallen.

Dennoch findet der eine oder andere Leser vielleicht Gefallen an dem Bilderreigen aus der Historie der neuentwickelten Hanomag-PKWs, die ab 1929 auf das eigenwillige 2/10 PS Modell „Kommissbrot“ folgten.

Die konventionellen Typen 3/16 PS bis 4/20 PS, die der Maschinenbaukonzern aus Hannover bis 1931 baute, bergen nämlich im Detail einige Geheimnisse.

Das erschließt sich einem erst nach und nach bei der Betrachtung zeitgenössischer Dokumente und dem Abgleich mit der – leider auch hier – lückenhaften Literatur. 

Auf einigermaßen sicherem Boden bewegt man sich noch bei der Beschäftigung mit der ersten Version des Ende 1928 als Nachfolger des „Kommissbrot“ vorgestellten Modells 3/16 PS mit seitengesteuertem 750ccm-Reihenvierzylinder:

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Hanomag 3/16 PS Cabriolet; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Werbeanzeige zeigt die geschönte erste Ausführung des Hanomag 3/16 PS ab 1929, die nur als 2-sitziges Cabriolet mit außenliegendem Notsitz erhältlich war.

Auch wenn das Auto hier weit größer und eleganter wirkt, als es tatsächlich war, gibt die Zeichnung doch alle wesentlichen Details getreu wieder:

  • Flachkühler mit Hanomag-Markenemblem und dem niedersächsischen Wappentier als Kühlerfigur
  • auf zwei Gruppen verteilte senkrecht stehende Luftschlitze in der Motorhaube,
  • trommelförmige Scheinwerfer mit horizontaler Verbindungsstange
  • flache Scheibenräder mit vier Radbolzen ohne Radkappe,
  • Frontscheibe mit waagerechtem, nicht der Haubenkontur folgendem unteren Abschluss,
  • beim Kühler beginnende, entlang der gesamten Gürtellinie laufende Zierleiste,
  • Cabrioletverdeck mit seitlicher Sturmstange.

Die Realität sah dann wie folgt aus:

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Hanomag 3/16 PS Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man findet zwar alle erwähnten Details wieder, doch wirkt der Hanomag in natura etwas kastiger. Der Wagen war deutlich schmaler und der Dachaufbau fiel höher aus.

Das ändert aber nichts am Reiz dieser Privataufnahme, auf der ein junges Paar gekonnt posiert – offenbar hatte man Vorbilder aus der Filmwelt studiert. Fast kommen einem die beiden wie eine deutsche Version des Bankräuber-Gespanns Bonnie & Clyde vor.

Deutlich bürgerlicher geht es auf folgender Aufnahme zu, die mir Leser Klaas Dierks zur Verfügung gestellt hat:

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Hanomag 3/16 PS Cabriolet; Originalaufnahme aus Sammlung Klaas Dierks

Diese Bilderbuchansicht zeigt wiederum einen Hanomag 3/16 PS in der Cabriolet-Ausführung, hier mit Lübecker Zulassung und gutgelaunten Urlaubern.

Aus dieser Perspektive ist das damalige Hanomag-Emblem mit der stilisierten Seitenansicht eines „Kommissbrot“ gut zu erkennen. Von der Idee, den nicht weiterverfolgten Vorgängertypen als Markenlogo zu wählen, kam man bald wieder ab.

Rechts unten auf dem Kühlernetz erkennt man schemenhaft eine Eichel, die sich die deutsche Automobilindustrie auserkoren hatte, um heimische Produkte von populären ausländischen „abzugrenzen“ – als ob deutsche Käufer das nicht so erkannt hätten…

Interessanter als dieser klägliche Versuch, am deutschen Markt nur verhalten aufgenommene Fahrzeuge mit patriotischer Symbolik aufzuwerten, ist aber das Emblem eines weiteren Hanomag 3/16 PS Cabriolets:

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Hanomag 3/16 PS Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne, vielleicht an einem Spätsommerabend entstandene Aufnahme des im Raum Chemnitz zugelassenen Wagens zeigt alle bereits vertrauten Elemente wieder.

Nur das Kühleremblem gibt Rätsel auf: Die dreieckige Grundform ist noch vorhanden, doch fehlt die Silhouette des „Kommissbrot“. Stattdessen ist mittig ein „H“ zu erkennen, wenn nicht alles täuscht.

Kann es sein, dass sich der Besitzer dieses Wagens ein Logo angefertigt hat, das ohne die Erinnerung an das nicht zukunftsweisende 2/10 PS-Modell auskam?

So war Hanomag erst mit dem 3/16 PS technisch wie formal – wenn auch verspätet – der Anschluss an international erfolgreiche Konzepte wie den Austin 7 (bzw. Lizenznachbau Dixi DA1) und Opel 4 PS („Laubfrosch“ in Citroen-Tradition) gelungen.

Wer Ideen zu diesem eigenständigen Emblem hat, nutze bitte die Kommentarfunktion.

Bei dieser Gelegenheit festzuhalten ist, dass alle bisherigen Abbildungen von Cabrio-Versionen des Hanomag 3/16 PS vorn annähernd gerade abgeschnittene Schutzbleche aufweisen.

Anders sehen die Kotflügel durchweg bei den ab 1930 angebotenen Limousinen aus:

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Hanomag 3/16 oder 4/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Von den vorne rund auslaufenden Schutzblechen und der nun verchromten Kühlermaske abgesehen entspricht die Frontpartie der Limousine derjenigen des parallel weiterhin angebotenen Cabriolets.

Unklar ist, ob das Cabriolet analog zur neu eingeführten Limousine ebenfalls veränderte Vorderkotfügel erhielt. Die bisherigen Fotos und die dürftige Literatur zu diesem Hamonag-Modell erlauben aus meiner Sicht bislang keine eindeutige Aussage.

Übrigens konnte ich kürzlich einen Reservetank genau des Typs nach Patent „Krauss“ erwerben, der auf dem Trittbrett der Hanomag-Limousine zu sehen ist:

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Reservetank Patent „Krauss“; Originalstück aus Sammlung Michael Schlenger

Bislang bewegen wir uns noch im Bereich, den auch die mir zugängliche Literatur zu diesem Hanomag-Modell umreißt.

Doch nun beginnen sich einige Rätsel aufzutun. So wird das Hanomag 3/16 PS Modell im Standardwerk „Deutsche Autos von 1920-45“ von Werner Oswald (Ausgabe: 2019) als Typ P Serie I bezeichnet.

Von einer Serie II ist jedoch nirgends mehr die Rede. Stattdessen werden zwei größere Typen 53 bzw. 63 genannt, die statt 750ccm einen Hubraum von 800 bzw. 1100cm aufweisen – letzterer bezeichnet das erwähnte 4/20 PSModell (evtl. mit Bezug auf den Durchmesser der Zylinderbohrung von 63 mm).

Nun ist mir die Bezeichnung Hanomag Typ P Serie I aber in Verbindung mit einer dritten Motorisierungsvariante – 3/18 PS – begegnet, und zwar bei einer Ausstellung in der Central-Garage in Bad Homburg:

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Hanomag 3/18 PS Cabriolet; Bilddrechte: Michael Schlenger

Die Motorisierung 3/18 PS taucht laut Literatur erst beim größeren Nachfolgemodell ab 1931 auf, das einen längeren Radstand aufwies und nur als vierfenstrige Limousine bzw. Cabrio-Limousine verfügbar war.

Mein obiges Foto zeigt aber denselben zweifenstrigen Cabriolet-Typ wie die bisherigen Dokumente des 3/16 PS Modells. Zudem wurde als Baujahr dieses 3/18 PS-Modells 1930 angegeben:

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Meiner Ansicht nach sind diese Angaben mit Vorsicht zu genießen.

So liegt der hier genannte Preis von 3.300 Reichsmark deutlich über dem für das Cabriolet 3/16 PS (1929-31) angegebenen Preis von 2.800 Mark  sowie über dem der Limousine und der Nachfolgemodelle einschließlich des größeren 4/23 PS-Modells.

Denkbar ist, dass das in der Central-Garage gezeigte Auto nachträglich den 900ccm-Motor mit 18 PS erhielt, der eigentlich dem Nachfolger ab 1932 vorbehalten war. Übrigens verweisen auch die Chrom-Radkappen auf eine nachträgliche „Aufwertung“ des im übrigen in sehr mäßigem Zustand befindlichen Wagens.

Dieses Beispiel mag veranschaulichen, dass erhaltene „restaurierte“ Exemplare oft nicht den Originalzustand repräsentieren. Dies ist an sich kein Problem, da auch zeitgenössische Modifikationen bzw. Patina als historisch anzusehen sind.

Wer allerdings wissen will, wie die Fahrzeuge bei Auslieferung aussahen, ist mit dem Studium möglichst vieler Aufnahmen neuwertiger Fahrzeuge der Vorkriegszeit besser beraten.

Der Reiz solcher frühen Fotos liegt nicht zuletzt darin, wie diese Wagen einst von ihren Besitzern gesehen und inszeniert wurden. Das konnte beispielsweise so aussehen:

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Hanomag 3/16 oder 4/20 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was es mit diesem herausgeputzten Wagen und seinem Besitzer (vermutlich) auf sich hat, damit habe ich mich bereits vor längerer Zeit hier befasst.

Nebenbei trägt auch dieser Hanomag den bereits erwähnten Reservetank nach Patent „Krauss“ auf dem Trittbrett. An anderen Fahrzeugen ist mir dieses markante Stück noch nicht aufgefallen – könnte es sich um einen speziell von Hanomag genutzten Zulieferer gehandelt haben?

Zum Abschluss noch eine Aufnahme einer Hanomag-Limousine des Typs 3/16 oder 4/20 PS, die ein weiteres Rätsel aufgibt:

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Hanomag 3/16 oder 4/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen auf dieser am Rhein bei Kaub entstandenen Aufnahme unterscheidet sich in einem kleinen Detail von den bisher gezeigten Hanomag-Typen:

Der untere Abschluss der Kühlermaske ist schwarz lackiert und weist ein vertikal ausgerichtetes „Riffel“muster auf.

Dieses Detail findet sich eigentlich erst am Nachfolger Hanomag 4/23 PS ab 1931 wie dem folgenden Wagen – und dann in Verbindung mit einem korrespondierendem Element an der Oberseite der Kühlermaske sowie neuem Markenemblem:

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Hanomag 4/23 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Anhand dieser Aufnahmen aus meiner Sammlung dürfte deutlich geworden sein, wie wenig zu den Details der direkten Nachfolgetypen von Hanomags „Kommissbrot“ bekannt bzw. publiziert ist.

Meine Fotos sollen auf der einen Seite helfen, den Blick für Unterschiede zwischen den einzelnen Versionen zu schärfen, auf der anderen Seite sollen sie im Idealfall zur Klärung entsprechender Fragen beitragen, die sich bislang nicht beantworten lassen.

Alle Hinweise oder auch Korrekturen von sachkundiger Seite sind wie immer hochwillkommen – das Schöne am Blog-Format ist ja, dass man jederzeit Änderungen und Verbesserungen einarbeiten kann.

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Unendliche Geschichte: Ein Presto D-Typ 9/30 PS

Zu den häufigeren „Gästen“ in meinem Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos gehört der D-Typ der einstigen Marke „Presto“ aus Chemnitz.

Einige tausend Stück (die genaue Zahl ist unbekannt) des Vierzylindermodells mit dem schnittigen Bug wurden in der ersten Hälfte der 1920er Jahre gefertigt.

Bislang 15 davon sind in meiner Presto-Galerie dokumentiert – mehr als an irgendeinem anderen Ort, sei es in der Literatur oder im Netz.

Den Schwerpunkt stellen die offenen Versionen dar, für die dieser prächtige Tourenwagen steht:

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Presto Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Kurz zur Erinnerung: Typisch für den Presto Typ D 9/30 PS sind folgende Elemente:

  • Spitzkühler mit schnabelartig ausgeführter Oberseite der Kühlermaske
  • sechs hohe, senkrecht stehende Luftschlitze in der Motorhaube
  • bis ans Ende der vorderen Rahmenausleger reichende Frontschutzbleche

Alles übrige am Aufbau unterlag mehr oder minder starken Variationen.

So finden sich am Tourenwagen sowohl die mittig unterteilte, schrägstehende Windschutzscheibe wie bei obigem Foto als auch eine senkrecht stehende mit horizontaler Unterteilung:

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Presto Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Neben den verbreiteten offenen Versionen, die am erschwinglichsten waren, scheint es nur relativ wenige Presto-Wagen des Typs D 9/30 PS mit geschlossenem Aufbau gegeben zu haben.

Mein Fundus beherbergte jedenfalls bislang nur drei entsprechende Dokumente. Folgende Aufnahme aus Besitz von Leser Gottfried Hess stellt eine interessante Ergänzung dar:

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Presto Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Gottfried Hess

Möglicherweise handelt es sich hier um eine Aufsatz-Limousine – d.h. der Aufbau oberhalb der Gürtellinie konnte abgenommen werden.

Jedenfalls erkennt man entlang des Rahmens der hinteren beiden Seitenfenster eine horizontale Unterteilung, unterhalb derer sich die Linie eines Tourenwagen mit nach innen eingezogenem Karosserieabschluss abzeichnet.

Bei einem „echten“ Limousinenaufbau war dagegen die Karosserie oberhalb des Schwellers aus einem Guss wie auf der folgenden Aufnahme, die ebenfalls einen Presto-Typ D 9/30 PS zeigt:

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Presto Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn dieser Wagen über Drahtspeichenräder verfügt (als Extra erhältlich) handelt es sich dabei jedoch höchstwahrscheinlich ebenfalls um einen Presto D-Typ – die Chemnitzer Traditionsfirma stellte von 1921-25 nur diesen einen Typ her.

Die vier bisher gezeigten Aufnahmen lassen bereits ahnen, dass kaum ein Presto des D-Typs aussah wie der andere.

Details wie die Ausführung der Frontscheibe mögen baujahrabhängig variiert haben – ich vermute, dass nur ganz frühe Modelle die vertikal unterteilte Scheibe besaßen – leider sind dazu nirgends verlässliche Aussagen zu finden.

Speziell die geschlossenen Versionen unterschieden sich stark, da sie von unabhängigen Karosseriefabrikanten hergestellt werden.

Auch von daher darf man annehmen, dass bei einer Produktionszahl von einigen tausend Stück die realisierten Aufbauten zahllose Variationen aufwiesen.

Dass wir es im Fall des Presto Typ D 9/30 PS tatsächlich mit einer „unendlichen Geschichte“ zu tun haben, belegt mein jüngster Fund:

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Presto Typ D 9/30PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Sieht man von der Unschärfe der Frontpartie (und dem banalen Hintergrund) ab, gehört diese Aufnahme zu den besten, die mir bislang vom Presto D-Typ begegnet sind.

Aus dieser Perspektive kommen der schnittige Bug, die vorn spitz zulaufenden Schutzbleche und die schlanke, leicht taillierte Karosserie gut zur Geltung.

Erst auf den zweiten Blick bemerkt man, dass der Presto hier einen geräumigen Aufbau als Chauffeur-Limousine besitzt. Charakteristisch für diese Karosserievariante ist, dass nur das Passagierabteil über Seitenscheiben verfügt. 

Der Fahrer scheint hier für das Foto eigens auf den Beifahrerseitz gerückt zu sein. Dass er so ebenfalls wirkungsvoll abgelichtet wurde, ist durchaus typisch für derartige Aufnahmen – der Chauffeur war in der Regel eine geschätzte Vertrauensperson.

Auf diesem Ausschnitt erkennt man aber noch mehr:

Presto_D_9-30_PS_Chauffeur-Limousine_Ausschnitt

Zwei Dinge fallen hier ins Auge:

  • Oberhalb des ausstellbaren Teils der Windschutzscheibe befindet sich eine weitere Fensterpartie, die eine höhere Dachpartie ermöglicht
  • Unterhalb des Rahmens der hinteren Seitenscheiben ist eine horizontale Unterteilung zu erkennen, die genau auf Höhe des oberen Karosserieabschlusses im Fahrerabteil liegt.

Diese Indizien sprechen stark für eine weitere Aufsatz-Limousine. Denkt man sich den Aufbau weg, hat man einen typischen Presto-Tourenwagen mit senkrechter Windschutzscheibe vor sich.

Wie so oft fragt man sich bei der Betrachtung solcher aufwendigen Schöpfungen, die im Deutschland der 1920er Jahre einen heute kaum vorstellbaren Luxus verkörperten: Wie kann ein solches großartiges Produkt menschlichen Erfindungsgeistes und praktischen Können so einfach verschwinden?

Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass irgendwo noch ein Exemplar eines Presto Typs D 9/30 PS in der enorm aufwendigen Ausführung als Chauffeur-Limousine mit Aufsatz-Karosserie existiert.

Doch dank alter Fotos wie der hier gezeigten bleibt die Beschäftigung mit Prestos D-Typ 9/30 PS auch im 21. Jahrhundert eine unendliche Geschichte

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Winter adé – Zwei „Grahams“ von 1930/31

Wir schreiben den 17. März 2019 – nur noch wenige Tage, um den Winter zum Teufel zu jagen und dem Frühling frohgemut entgegenzusehen. Dazu passen perfekt die zwei Autofotos aus der Vorkriegszeit, die ich heute vorstellen will.

Beide zeigen Wagen einer amerikanischen Marke, die einst auch in Deutschland einiges Ansehen genoss, doch heute hierzulande weitgehend vergessen ist – Graham.

Die Firma wurde zwar erst 1927 von den Gebrüdern Graham gegründet, doch geschah dies im Zuge der Übernahme der bereits seit 1908 bestehenden Marke Paige. Dementsprechend firmierte man anfänglich unter Graham-Paige, ab 1930 beschränkte man sich auf den Namen Graham.

Damit wären wir im Baujahr des ersten Wagens, um den es heute geht:

Graham_Cabriolet_1930_Ausschnitt

Graham Roadster von 1930; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Graham, der hier neben einer Schneewand auf einer freigeräumten Straße aufgenommen wurde, lässt sich unter anderem anhand der Ausführung der Kühlermaske datieren.

Typisch ist die speziell im oberen Bereich filigrane Kühlereinfassung mit den verchromten Stäben sowie die stark geschwungene Stange zwischen den beiden Scheinwerfern.

Beim Vorgänger von 1928/29 sah das noch ganz anders. Ein entsprechendes Exemplar mit Berliner Zulassung habe ich hier bereits beschrieben:

Graham-Paige_1928_Umbau_Frontpartie

Graham-Paige von 1928/29; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Allzuviel lässt sich zu dem Graham auf dem ersten Foto sonst nicht sagen. Es gab ihn wie bei amerikanischen Mittelklassewagen üblich mit sechs und acht Zylindern.

Bemerkenswert ist vielleicht, dass er ab Werk mit fünf Radständen und in einem Dutzend Karosserievarianten erhältlich war – in Großserienfertigung, wohlgemerkt!

Bedeutende Unterschiede der Graham-Modelle der Jahr 1930 und 1931 konnte ich nicht ausmachen. Der nächste große Sprung sollte erst 1932 erfolgen – mit dem radikal neuen Typ „Blue Streak“.

Nur ein paar Kleinigkeiten unterschieden den Graham des Jahrgangs 1931 von dem des Vorjahrs – die einteilige Stoßstange, die nunmehr gerade Scheinwerferstange und die Positionsleuchten auf den Kotflügeln:

Graham_1931_deutsch beschriftet_Galerie

Graham Limousine von 1931; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Sehr gut zu erkennen ist aus dieser Perspektive der stämmige Auftritt des Grahamtypisch für viele US-Wagen, die mit breiter Spur den oft noch unbefestigten Wegen in der Fläche der Vereinigten Staaten Rechnung trugen.

Möglicherweise lag auch der Aufnahmeort – laut Kennzeichen im Umland von New York – in einer nur wenig erschlossenen Gegend, wo große Bodenfreiheit und „breitbeinige“ Statur von Vorteil waren.

Immerhin scheint auf diesem schönen Foto, das einst deutsche Auswanderer an die Verwandten in der alten Heimat schickten, der Winter auf dem Rückzug zu sein.

Die Sonne muss hier bereits einige Wärme verströmt haben, sonst hätte die junge Dame kaum ohne Mantel, Hut und Handschuhe im Freien posiert. Nur einer der Hunde ist mit dem Nahen des Frühlings unzufrieden – kein Wunder bei dem Pelz:

Graham_1931_deutsch beschriftet_Ausschnitt

Ich werde den Verdacht nicht los, dass diese als Postkarte verschickte Aufnahme einen professionellen Hintergrund hat. Handelt es sich bei der adretten jungen Dame, die hier so kokett in die Kamera lächelt, vielleicht um eine Prominente jener Zeit?

Wie immer bin ich für Ideen und Sachinformationen dankbar, die einem Bild wie diesem möglicherweise sein Geheimnis zu entlocken vermögen.

So oder so bleibt der Eindruck eines in jeder Hinsicht gelungenen Fotos einer ansehnlichen Graham-Limousine von 1931, das Hoffnung auf ein Weichen des Winters und das Nahen des Frühlings weckt…

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Verschwunden und vergessen? Nicht ganz: Dürkopp P8

Im fünften Jahr schreibe ich nun an diesem Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos. Rund 2.500 Leser nehmen daran im Monatsschnitt Anteil.

Nebenher sind viele wertvolle, oft freundschaftliche Kontakte mit Gleichgesinnten im gesamten deutschsprachigen Raum entstanden, die ohne das Internet kaum – oder zumindest nicht so schnell – zustandegekommen wären.

So erfreulich und ermutigend das ist, so bedauerlich finde ich, dass sich für einige deutsche Marken niemand mehr zuständig fühlt. Natürlich gibt es Kenner für untergegangene Hersteller wie Adler, AGA, Brennabor und Dixi, für Ley, MAF, Steiger und Stoewer – doch schon bei DUX, NAG, Phänomen, Presto und Protos wird es dünn.

Zu den kaum begreiflichen Leerstellen in dieser Hinsicht gehört die Automobilproduktion eines weiteren Herstellers: Dürkopp.

Zwar sind die Hauptprodukte der Traditionsfirma aus Bielefeld – Nähmaschinen und Zweiräder – gut dokumentiert. Doch Dürkopp hat 30 Jahre lang auch Autos gebaut (bis 1927) – in der Literatur ist dennoch fast kein Foto davon zu finden.

Im Netz herrscht ebenfalls weitgehend Fehlanzeige. Verschwunden und vergessen scheint die Automarke Dürkopp zu sein. Doch nicht ganz – in meinem Blog findet sich mittlerweile eine eigene Fotogalerie dazu – die langsam, aber stetig wächst.

Zuletzt hatte ich dieses Prachtexemplar vorgestellt – eine Dürkopp-Limousine Typ P10:

Dürkopp_P10_Spitzkühler_und_Opel_Galerie

Dürkopp Typ P10 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ausführliche Porträt dieses mächtigen Wagens ist hier zu finden.

Heute möchte ich gleich zwei Neuzugänge in der Dürkopp-Galerie vorstellen. Der eine mag auf den ersten Blick etwas unscheinbar wirken, was der mäßigen Qualität des Abzugs geschuldet ist. Der zweite wird umso eindrucksvoller ausfallen.

Ihren Reiz als Zeitdokumente haben aber beide Fotos – hier das erste davon:

Dürkopp_Typ_P8A_8-32_PS_Zul_Schwaben_und_Neuburg_Galerie

Dürkopp 8/32 PS Typ P8A; Orignalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Unabhängig davon, was hier für ein Auto zu sehen ist und wo die Aufnahme entstanden ist: Solche Bilder macht heute niemand mehr.

Sich mit Familie und Freunden um das Automobil zu versammeln, sich in Pose zu werfen und sich für die Nachwelt ablichten zu lassen – das ist heutigen Autobesitzern vermutlich so fremd wie die korrekte Einstellung des Zündzeitpunkts.

Fotos wie dieses erzählen davon, welche enorme Errungenschaft das Aufkommen des Automobils für unsere Vorfahren einst bedeutete. Besonders gern hielt man still, wenn man in einem so ausgezeichneten Wagen aufgenommen wurde:

Dürkopp_Typ_P8A_8-32_PS_Zul_Schwaben_und_Neuburg_Frontpartie

Der Wagen mit der sportlich geneigten, mittig unterteilten Windschutzscheibe und der langen, leicht abfallenden Motorhaube ist eindeutig als Dürkopp zu identifizieren.

Auf beiden Seiten des moderaten Spitzkühlers ist ein verspieltes „D“ zu erahnen, wie es typisch für die Wagen der Bielefelder Dürkopp-Werke war.

Dieses Detail und die 15 Luftschlitze in der Motorhaube finden sich an einem anderen Dürkopp wieder, dessen Konterfei ich vor längerer Zeit hier besprochen habe:

Dürkopp_P8_Galerie

Dürkopp 8/32 PS Typ P8A; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier ist das erwähnte Dürkopp-„D“ schon besser zu erkennen. Die Zahl der Luftschlitze lässt sich ohne weiteres auf 15 ergänzen.

Allerdings steht die zweigeteilte Frontscheibe hier noch fast senkrecht – die Drahtspeichenräder scheinen ein nachgerüstetes Zubehör zu sein, zumindest werden sie in der Standardliteratur (Werner Oswald: Deutsche Autos 1920-1945) nicht erwähnt.

Schaut man genau hin, erkennt man hinter dem Ersatzrad genau dieselbe glänzende Lochblende, die auf dem vorherigen Foto vor der A-Säule zu sehen ist. Die meisten übrigen Details stimmen ebenfalls überein.

Wenn wir schon bei der erwähnten Lochblende sind, die der Belüftung des vom Motor aufgeheizten Fußraums diente – auf folgender Aufnahme findet sie sich wieder:

Dürkopp_P8A_8-32_PS_Hochzeit_Galerie

Dürkopp 8/32 PS Typ P8A; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Über den Anlass der Aufnahme – eine Hochzeit – müssen wir nicht viel spekulieren. Leider konnte ich den Aufnahmeort bislang nicht identifizieren.

Offenbar steht der Dürkopp vor dem Seitenportal einer mächtigen gotischen Kirche. Merkwürdig ist die geneigte, schmucklose Mauer aus hellen Kalksteinquadern daneben, die man eher als Teil einer Stadtumwehrung einordnen würde.

Oder stützt sie einen erhalten gebliebenen Teil eines romanischen Vorgängerbaus der Kirche ab? Wer dazu eine Idee hat, nutze bitte die Kommentarfunktion.

Zurück zum Dürkopp:

Dürkopp_P8A_8-32_PS_Hochzeit_Frontpartie

Auch hier haben wir wieder Drahtspeichenräder, diesmal aber in Kombination mit einer markanten Zentralverschlussmutter, deren Form mir in der Vorkriegszeit bislang andernorts noch nicht begegnet ist – weiß jemand etwas dazu?

Auffallend ist auch der Ersatzreifen, der noch wie ein Überbleibsel aus der automobilen Frühzeit wirkt, als dem Reifengummi noch kein Ruß beigemischt wurde, weshalb die Reifen hellbeige statt schwarz war.

Allerdings kann auch das Reflektionsverhalten des Ersatzreifens ein anderes gewesen sein als das der im Einsatz befindlichen Reifen. Bei einem Schwarz-Weiß-Foto kann dies erhebliche Auswirkungen auf den realisierten Grauwert haben.

Auch hier haben wir übrigens eine Version mit senkrecht stehender Frontscheibe. Ob das ein Kennzeichen früher Ausführungen des ab 1924 gebauten Dürkopp Typ 8/32 PS war oder nicht, muss vorerst offenbleiben.

Und noch etwas ist nicht gesichert: Dass es sich überhaupt um einen Typ P8 8/32 PS von Dürkopp handelt. Die Ausführung mit den (rund) 15 Luftschlitzen ist nämlich in der mir zugänglichen Literatur nirgends abgebildet.

Nur der Vorgänger Dürkopp Typ P 8/24 PS mit vier Luftschlitzen ist dort dokumentiert. Ein mutmaßliches Exemplar davon konnte ich vor längerer Zeit hier unter Vorbehalt dingfest machen.

Zwar heißt es, nur der Typ P8 habe „zahlenmäßig eine gewisse Bedeutung“ erlangt, was die Annahme erlaubt, dass die meisten erhaltenen Fotos von Dürkopp-Wagen der 1920er Jahre dieses Modell zeigen.

Doch gab es daneben bis 1926 auch einen großen Typ P12 mit 12/45 PS-Sechsyzlinder. Davon konnte ich bisher keine Spuren finden, sodass es an Vergleichsmaterial fehlt. Das kann sich aber ändern, wie mich meine Erfahrung lehrt.

Ein abschließendes Urteil „verschwunden und vergessen“ ist jedenfalls unangebracht, das zeigen schon die bisher unpublizierten Fotos, die ich bislang von den einst so wirkungsvollen Dürkopp-Wagen zusammentragen konnte.

Was aber mag vor über 90 Jahren die junge Braut so nachdenklich oder missmutig gestimmt haben, dass sie nicht einmal in die Kamera schauen mochte?

Dürkopp_P8A_8-32_PS_Hochzeit-Seitenpartie

Auch die übrigen Herrschaften zeigen sich eher ernst – nur der Chauffeur lächelt pflichtschuldig ins Objektiv. Ihm konnte ja auch egal sein, was die Atmosphäre auf der Rückbank möglicherweise verdüsterte.

Hauptsache, der Dürkopp verrichtet unauffällig seinen Dienst, mag er sich gedacht haben.

Dafür werden die Techniker und Arbeiter des Bielefelder Maschinenbauers schon gesorgt haben. Vielleicht erfährt deren Leistung im Automobilbau ja irgendwann doch noch eine angemessene Gesamtwürdigung…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Exklusives Arbeitsumfeld: Ein Opel Landaulet von 1909

Es gibt Zeitgenossen, die die 5-Tage-Arbeitswoche, 6 Wochen bezahlten Urlaub und x Feiertage pro Jahr ernsthaft für einen Anschlag auf die „Work-Life-Balance“ halten.

Interessanterweise hört man solches kaum von Arbeitern bei der Müllabfuhr, im Garten- und Landschaftsbau oder im Baugewerbe. Gejammert wird vorzugsweise von Insassen beheizter und klimatisierter Büros mit einer EDV-Ausstattung, deren Leistungsfähigkeit den effektiven Arbeitsaufwand auf ein Minimum reduziert.

Ich gehöre selbst zur Fraktion dieser Schreibtischtäter und weiß, dass auch konzentrierte Kopfarbeit und der Umgang mit einer großen Informationsfülle unter Zeitdruck Kraft kosten und einen am Ende eines Tages ausgelaugt zurücklassen kann.

Aber zu behaupten, das „Leben“ komme beim heutigen Umfang an Freizeit zu kurz, erscheint kühn, abgesehen davon, dass die Arbeit Teil unseres Daseins ist. Heilsam ist da die Konfrontation mit den Lebensverhältnissen unserer Vorfahren in der Frühzeit des Automobils.

Ein Beispiel dafür ist Gegenstand meines heutigen Blog-Eintrags und man mag daran ermessen, wie exklusive Arbeitsplätze vor 110 Jahren aussahen, nämlich wie auf folgendem Originalfoto aus meiner Sammlung:

Opel_Ak_Darmstadt-Langenselbold_08-1909_Galerie

Opel Landaulet von ca. 1909; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Den meisten Freunden von Vorkriegsautos ist zwar klar, dass es sich hierbei um ein frühes Automobil handeln muss. Doch wie es einzuordnen ist oder wie Hersteller und Baujahr herauszufinden sind, das ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln.

In der Tat ist die Akribie eines Archäologen gefragt, der kleinsten Details Beachtung schenkt und eine Vorstellung von der Chronologie bestimmter Merkmale hat.

Auch im heutigen Fall ist es entscheidend, alle mit dem Foto verknüpften Informationen auszuwerten und Vergleichsstücke in die Betrachtung einzubeziehen.

Wertvolle Hinweise, wo wir mit der Suche beginnen sollten, geben Absender, Adressat und Datum der Postkarte, auf der dieser Wagen einst abgebildet war. So lief diese Karte im August 1909 vom hessischen Darmstadt ins knapp 60 Kilometer entfernte Städtchen Langenselbold bei Hanau.

Damit haben wir ein starkes Indiz – wenn auch keinen Beweis – dafür, dass der abgebildete Wagen von einem deutschen Hersteller stammt. Des weiteren besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass das Fahrzeug in der Region hergestellt wurde – auch wenn das natürlich nicht zwingend der Fall sein muss.

Vielversprechend erscheint daher eine nähere Betrachtung zeitgenössischer Wagen von Adler aus Frankfurt am Main und Opel aus Rüsselsheim.

Beginnen wir zu Vergleichszwecken mit folgendem vom Aufbau fast identischen Adler, der 1908 in Wandlitz aufgenommen wurde:

Adler_30_bis_40PS_ca._1907_1_aufgenommen_in_Wandlitz_1908_Galerie

Adler Landaulet von ca. 1907; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vorgestellt habe ich dieses Fahrzeug zwar noch nicht, aber das wird bei Gelegenheit nachgeholt – im Fundus schlummert noch einiges an Originalmaterial in dieser Hinsicht.

Zwei Dinge springen sofort als abweichend ins Auge: Das für Adler typische Kühlergehäuse mit oben waagerechtem Abschlusss des Kühlernetzes und die senkrecht stehenden Luftschlitze in der Seite der Motorhaube.

Bei näherem Hinsehen unterscheiden sich außerdem die Ausführung des Kühlwasseinfüllstutzens und der Gestaltung der Nabenkappe an den Vorderrädern.

Speziell die schrägstehenden Haubenschlitze sind ein recht zuverlässiger Indikator für zeitgenössische Opel-Wagen, was bereits zur Identfikation des folgenden Typs von 1907 beitrug (Bildbericht):

Opel_Ak_Breslau_nach_Harmersdorf_Lk_Chemnitz_12-1907_Galerie

Opel 24/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch hier stoßen Motorhaube und die Schottwand zum „Innen“raum genau rechtwinklig aufeinander – bei Fahrzeugen aus dem deutschsprachigen Raum ein recht zuverlässiger Hinweis auf eine Entstehung vor 1910.

Aber: Die Vorderschutzbleche folgen hier – wie übrigens beim Adler auch – noch der Radform und ihr unterer Abschluss reicht deutlich unter das Niveau des Trittbretts.

Genau dieses Detail stellt sich beim heute vorgestellten Opel anders dar:

Opel_Ak_Darmstadt-Langenselbold_08-1909_Frontpartie.jpg

Während die Ausführung der Radnabe bis ins Detail derjenigen beim Opel 24/40 PS von 1907 entspricht, löst sich die Linie des Vorderkotflügel hier mit einem Mal von der Radform und strebt im unteren Abschnitt auf die Horizontale des Trittbretts zu.

Diese Detaillösung, bei der bislang aneinandergesetzte Elemente der Karosserie miteinander eine organische Verbindung einzugehen beginnen, ist stilistisch etwas später anzusetzen.

Laut datierten Abbildungen in der Literatur ist diese Entwicklungsstufe bei Opel auf 1908/09 zu datieren. 1910/11 folgte der nächste, weit größere Schritt, als nämlich der Übergang von der Motorhaube zur Schottwand mit einem „Windlauf“ kaschiert wurde wie bei diesem Opel-Taxi, das ich hier ausführlich besprochen habe:

Opel_Taxi_um_1911_Galerie

Opel von ca. 1911; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nach der Lage der Dinge lässt sich der majestätisch wirkende Opel auf der eingangs gezeigten Postkarte recht genau auf 1908/09 datieren – für ein derartig frühes Automobil mit dünner Evidenz in der gedruckten Literatur ein achtbares Ergebnis.

Lässt sich aber auch die Motorisierung ähnlich genau ermitteln? Leider nein, aber eine zufriedenstellende Annäherung erscheint möglich. Welcher Motor sich unter der Haube verbarg, ist bei diesen frühen Automobilen nur selten genau zu bestimmen.

Zum einen war ein und derselbe Aufbau oft mit mehreren Motorisierungen erhältlich, die sich äußerlich kaum bemerkbar machten. Zum anderen fällt es bisweilen schwer, die Dimensionen abzuschätzen, die bei der Einengung auf wenige Motorenvarianten helfen.

Betrachten wir zunächst die 1909 von Opel in Verbindung mit Landaulet-Aufbau verfügbaren Motorisierungen mit den jeweils überlieferten Radständen:

  • Am unteren Ende rangierte der „Doktorwagen“4/8 PS mit 1,0 Liter-Zweizylinder, der über einen Radstand von nur 2,13 m verfügte.
  • Das obere Ende der Palette markierte der Opel 35/60 PS mit 8,9 Liter-Vierzylinder und Radstand von 3,54 m.
  • Dazwischen gab es mehr als ein halbes Dutzend weitere Motorisierungen von 6/12 PS bis 30/50 PS.

Anhand der Proportionen der langgestreckten Haube mit ihren mindestens 15 Luftschlitzen lassen sich alle kleinen und mittleren Typen ausschließen. Gegen die ganz großen Modelle spricht der noch moderate Radstand des abgebildeten Wagens.

Unterstellt man bei dem Diener, der neben dem Opel steht, eine Körpergröße von 1,65 bis 1,70 m, lässt sich ein Radstand von gut 3 Meter ansetzen, aber nicht wesentlich mehr:

Opel_Ak_Darmstadt-Langenselbold_08-1909_Seitenpartie

Die Spitzenmodelle mit Radständen von 3,24 bzw. 3,54 Meter kann man demnach ausschließen. Sie verfügten zudem über zwei Seitenfenster, nicht nur eines wie hier.

In Frage kommen am ehesten die Modelle 15/24 PS, 18/32 PS und 21/45 PS, die alle einen Radstand von rund 3,15 Metern aufwiesen. Genauer lässt sich die Motorisierung vermutlich nicht mehr angeben.

Letztlich ist das auch zweitrangig, da sich alle in Frage kommende Typen in einer Preisregion von weit über 10.000 Goldmark bewegten, wofür man damals auch ein Eigenheim kaufen konnte.

Damit ist auch klar, in welch‘ exklusiven Kreisen die beiden Männer auf den Vordersitzen sowie der erwähnte Diener angestellt waren – Haushalten sehr vermögender großbügerlicher oder auch adliger Familien.

Obwohl man aus heutiger Warte schnell dazu neigt, das Schicksal solcher „Bediensteten“ zu bedauern, muss man sich vergegenwärtigen, dass sie auf der sozialen Stufenleiter der damaligen Gesellschaft deutlich höher angesiedelt waren als die weit überwiegende Mehrheit ihrer Mitbürger, die in der Landwirtschaft, im Handwerk oder der Industrie harten und oft gefährlichen Tätigkeiten nachgingen – 10-12 Stunden täglich von Montag bis Samstag und oft ohne nennenswerte Urlaubsansprüche.

Die Männer, die sich hier stolz und würdevoll der Kamera präsentieren, wussten gewiss um ihre exklusiv zu nennenden Arbeitsplätze, die ihnen neben Fachwissen nicht zuletzt sichere Umgangsformen abverlangten, die die Oberschicht erwartete.

Von dieser Position war mit Fleiß und Bildungswillen ein weiterer gesellschaftlicher Aufstieg möglich, der der Masse der Bevölkerung speziell in der (heute zu Unrecht  romantisch verklärten) kaum maschinisierten Landwirtschaft verschlossen blieb…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

Original? Nicht ganz, aber authentisch: Horch 10/50 PS

Was bei historischen Fahrzeugen als original gelten kann und was nicht, darum tobt ein wohl nie endender Streit zwischen mehreren Fraktionen:

  • Extremisten lassen nur ein Fahrzeug in unberührtem, aber quasi fabrikneuem Zustand als original durchgehen, was es von wenigen Ausnahmen kaum gibt – schon gar nicht bei Vorkriegswagen.
  • Dann gibt es die Verfechter des über Jahrzehnte der Nutzung (oder auch Vernachlässigung) entstandenen Zustands mit viel Patina auf Lack, Chrom und Leder. Diese Auffassung hat in England und Frankreich viele Anhänger.
  • Die Mehrheit der „Oldtimer“freunde hierzulande (und in den USA) hängt einer dritten Philosophie an: Original ist demnach ein restaurierter Zustand, der der Situation bei Auslieferung nahekommt oder diesen sogar übertrifft.

Wie beim Thema Tempolimit scheint mir eine pragmatische Sichtweise angebracht zu sein – will heißen: es kommt auf die jeweilige Situation an. 

Dass man je nach vorgefundenem Zustand des Wagens zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann, will ich heute anhand dreier historischer Originalfotos zeigen, die jeweils einen Horch Typ 10/50 PS zeigen.

Wer normalerweise reflexartig zu wissen meint, was an einem Vorkriegswagen „original“ ist und was nicht, wird hier erst einmal kleinlaut.

Denn während auf nahezu jeder hochkarätigen Klassikerveranstaltung einer der herrlichen Horchs der Achtzylinder-Ära zu bestaunen ist, sagt die Bezeichnung 10/50 PS mit Sicherheit nur den wenigsten etwas.

Das hat zwei Gründe: Zum einen handelt es sich „nur“ um ein Vierzylindermodell – die Anführungszeichen sind bewusst gesetzt, ich komme noch darauf zurück. Zum anderen war der Wagen speziell als Tourenwagen formal von ernüchternder Sachlichkeit:

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Horch 10/50 PS; Bildrechte: Michael Schlenger

Hier haben wir ein ganz seltenes Beispiel für einen erhaltenen Horch des von 1924-26 gebauten Typs 10/50 PS – ausgestellt auf den Classic Days auf Schloss Dyck 2018.

Dass die Leute von Audi Tradition diesen auf den ersten Blick so unscheinbaren Wagen mitgebracht haben, unterstreicht die Ernsthaftigkeit und zugleich die Leidenschaft, mit der man in Ingolstadt und in Zwickau Traditionspflege in Bezug auf die Marken der einstigen Auto-Union betreibt.

Tatsächlich war der Horch Typ 10/50 PS der bis dato erfolgreichste Wagen der seit 1900 aktiven sächsischen Marke überhaupt: Mehr als 2.300 Exemplare entstanden von Dezember 1924 bis Dezember 1926.

Das war gemessen an den unfassbaren Produktionszahlen der damals tonangebenden US-Hersteller verschwindend wenig, doch Horch bot mit dem 10/50 PS etwas Besonderes.

Paul Daimler konstruierte den 2,6 Liter Vierzylindermotor des Wagens, dessen im Kopf hängende Ventile über eine Königswelle gesteuert wurden. Der Motorblock bestand aus einer Aluminiumlegierung, die Kolben waren aus Vollaluminium, die Oberflächen aller bewegten Teile wurden nach neusten Methoden gehärtet.

Diese feine Aggregat soll laut Literatur imstande gewesen sein, den je nach Aufbau um die 2 Tonnen schweren Horch auf 100 km/h zu beschleunigen. Das war zwar in der Praxis auf damaligen Straßen kaum erreichbar, verrät aber etwas von den Kraftreserven, die der Motor bot – wichtig vor allem an Steigungen.

Bei Horch war man zurecht stolz auf dieses Modell, das dementsprechend auch das erste war, das das neue Marken-Emblem auf der Front des Kühlergehäuses trug:

Horch_10-50_PS_Schloss_Dyck_2018_Kühler

Das vom Gestalter Prof. Ernst Böhm geschaffene Emblem zeigt den Horch-Schriftzug wie die Zacken einer Krone auf dem H thronend – schlicht und doch visionär, was den künftigen auf die Oberklasse abzielenden Anspruch des Hauses anging.

Nun mag ein Vertreter der „Echt ist nur fabrikneu“-Auffassung sagen, dass dieser wohl in Zwickau restaurierte Horch 10/50 PS doch am ehesten als „original“ anzusehen sei. Gewiss wird Audi-Tradition bei diesem Wagen keine Mühe gescheut haben und nur beste Handwerker das stolze Stück wiederherrichten haben lassen.

Aber: Sie haben sicher die Blinker an der Vorderkante der Kotflügel gesehen – nicht original. Dasselbe gilt natürlich für die Gummimischung der Reifen, die Ausführung der Birnen in den Scheinwerfern, die Struktur und Gerbung des Leders, die Zusammensetzung des Lacks usw.

Damit wir uns nicht falsch verstehen – all‘ das lässt sich kaum umgehen und das Ergebnis kommt dem einstigen Original sicher sehr nahe. Wer aber schon einmal die an Emaille erinnernde Glätte und Tiefe eines gut erhaltenen Nitrolacks studiert hat, weiß um die Grenzen, die einer modernen Restauration auferlegt sind.

Auf den ersten Blick vollkommen original dürfte dagegen der Horch 10/50 PS auf folgender Aufnahme sein:

Horch_10-50_PS_Pk_Reutlingen_Aalen_08-1926_Galerie

Horch Typ 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier schimmert der Lack tiefschwarz (vermutlich), als sei der Wagen gerade erst ausgeliefert worden. Zwar erzählen die abgefahrenen Reifen eine andere Geschichte – ihr Profil ist dennoch originaler als das auf dem restaurierten Horch, oder?

Blinker sind nirgends zu sehen, auch keine Winker (die wurden erst später Vorschrift). Könnte dieser Horch 10/50 PS, dessen Konterfei im August 1926 auf einer Postkarte von Reutlingen nach Aalen reiste, die maximale Annäherung an das Original sein?

Sicher, das ist ein Horch sehr nahe am Auslieferungszustand – aber wie sahen andere Exemplare desselben Typs in den späten 1920er Jahren aus? Beispielsweise so:

Horch_10-50_PS_Rs_Daniela Schmidt_Eisenach_evtl_1929_Galerie1

Horch Typ 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dieser prachtvollen Aufnahme, die laut Leser Ansgar Czilwik vor dem Trusetaler Wasserfall im Thüringer Wald entstand, wird noch deutlicher, wie wenig charakteristisch der Horch 10/50 PS in der Tourenwagenausführung aussah.

Hier hatte die Ideologie der radikalen Sachlichkeit ganze Arbeit geleistet – doch fand diese Phase ihr baldiges Ende, sonst wären die grandiosen Karosserieschöpfungen der 1930er Jahre nicht möglich gewesen.

Dieser Wagen wäre kaum zu identifizieren gewesen, wäre da nicht ein kleines Detail, das überhaupt nicht original scheint. Dazu werfen wir einen Blick auf die Kühlerfigur des Wagens auf folgendem Bildausschnitt:

Horch_10-50_PS_Rs_Daniela Schmidt_Eisenach_evtl_1929_Galerie

Dort ist mit etwas gutem Willen ein geflügelter Pfeil auf einer vertikalen Stütze zu erkennen.

Das ist der in Fachkreisen so bezeichnete „Hadank-Pfeil“ – benannt nach Prof. Oskar Hadank, der ab 1927 für die Gestaltung der Horch-Modelle verantwortlich war.

Tatsächlich war die Produktion des Horch 10/50 PS bereits 1926 ausgelaufen. Offenbar hatte der Besitzer dieses Wagens die markante Kühlerfigur nachträglich montiert. Nur sie ist es, die dem Horch in dieser Ansicht Charakter verleiht.

Was ist dazu unter Originalitätsaspekten zu sagen? Nun, für die Verfechter des Neuzustands geht diese Figur am Horch 10/50 PS natürlich gar nicht – also weg damit!

Darf aber ein nachgerüstetes Zubehör an einem zum Aufnahmezeitpunkt gerade einmal zwei oder drei Jahre alten Vorkriegsauto nicht auch als „original“ gelten?

Ich tendiere dazu, zeitgenössisches Zubehör oder zeitgenössische Modifikationen ebenfalls als original anzusehen, bevorzuge aber die Bezeichnung „authentisch“, um fruchtlose Diskussionen mit Anhängern des – aus meiner Sicht unerreichbaren – „Neuzustands“ zu vermeiden.

So gesehen liefern historische Fotos wie das des Horch 10/50 PS mit nachträglich montiertem „Hadank-Pfeil“ auf dem Kühler wertvolle Informationen, was den Umgang mit Restaurierungsobjekten angeht.

Dokumentierte zeitgenössische Modifikationen sollten meines Erachtens bei der Konservierung oder auch beim ggf. erforderlichen Neuaufbau beibehalten werden, sie verleihen dem Fahrzeug authentischen Charakter, der sie von anderen abgrenzt.

Schwieriger ist die Entscheidung, wenn es um die Frage geht, ob man starke Spuren des Gebrauchs oder gar deutliche Beschädigungen erhalten oder beheben soll. Diese müssen übrigens keineswegs erst Folge der Kriegs- und Nachkriegszeit sein.

Hier haben wir ein Beispiel für so einen Fall – wiederum einen Horch 10/50 PS, diesmal jedoch als mächtige 6-Fenster-Limousine:

Horch_10-50_PS_Pk_Vaters_Geb_03-1933_Galerie

Horch 10/50 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zunächst ist das trotz der Knickspuren im Abzug eine ganz wunderbare Aufnahme, wie sie heute unwiederholbar wäre.

Hier hat sich eine aus jungen Burschen bestehende Blasmusikkappelle vor einem schon ziemlich angejahrten Horch 10/50 PS versammelt – Anlass war laut umseitiger Beschriftung „Vaters Geburtstag, März 1933“.

Die Aufschrift auf dem Backsteingebäude lässt sich zu „BADEANSTALT“ ergänzen – ein kurioser Ort für eine Geburtstagsfeier. Doch uns interessiert der Wagen mehr:

Horch_10-50_PS_Pk_Vaters_Geb_03-1933_Frontpartie

Beeindruckend, welche Präsenz der Horch in der geschlossenen Version entfaltet, dabei handelt es sich eindeutig ebenfalls „nur“ um den Vierzylindertyp 10/50 PS.

Der erste 8-Zylinder-Horch (Typ 303 ab 1927) wies bei ähnlicher Kühlerpartie anders gestaltete Luftschlitze in der Motorhaube auf.

Ins Auge fällt hier neben dem reichlichen Straßenschmutz an der Frontpartie die Decke, die über der Verbindungsstange zwischen den Scheinwerfern hängt. Es muss damals ein recht kalter Märztag gewesen sein und vermutlich sollte die Decke vor dem Kühler dafür sorgen, dass der Motor schneller seine Betriebstemperatur erreichte.

Der versonnen in die Ferne schauende Herr hinter dem Horch dürfte der Fahrer dieses noch rechtsgelenkten Wagens gewesen sein. Erst im letzten Quartal 1926 stellte Horch beim Typ 10/50 PS kurz vor Produktionsende auf Linkslenkung um.

Könnte am Ende der Fahrer das Geburtstagskind gewesen sein? So ergäbe die Aufnahme in Verbindung mit der Beschriftung des Abzugs einen Sinn.

Es ist aber ein anderes Detail, dem wir zum Abschluss unsere Aufmerksamkeit widmen sollten: Der in Fahrtrichtung linke Vorderkotflügel hat infolge von „Feinberührung“ einen Riss und ist an der entsprechenden Stelle verbogen.

Dies ist nicht das einzige Foto aus meiner Sammlung, auf dem ein hochkarätiges Auto in solch einem Gebrauchtzustand zu sehen ist. Offenbar störte sich einst niemand daran, man fuhr den Wagen einfach weiter.

Würde man heute einen solchen Horch genau in dem Zustand vorfinden wie auf dem Foto und wäre er in allen Teilen vollständig, was würde man damit machen?

Ich würde ihn nur technisch überholen, behutsam reinigen und Korrosionsansätze stoppen. Alles übrige würde ich so lassen, einschließlich des Risses im Schutzblech – sofern dieser sich nicht durch Vibrationen beim Fahren erweitert.

Denn genau so hätte der Horch in unserem Gedankenexperiment die längste Zeit seines Lebens existiert, also über 85 Jahre. Das ist aus meiner Sicht ein Beispiel für einen authentischen Zustand, der erhalten zu werden verdient.

Jetzt fehlt „nur“ noch das Glück, einen solchen Horch zu finden…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

1912/13 noch mit Flachkühler: Hansa Typ D 10/30 PS

Der Winter nähert sich seinem Ende – da begibt man sich leicht auf dünnes Eis… Und so wage ich mich heute wieder einmal an eine deutsche Marke heran, über deren frühe Autotypen wenig Gesichertes vorliegt: Hansa.

Die Hansa-Wagen aus dem in Friesland gelegenen Varel – zusammen mit Ladenburg (Benz) und Ober-Ramstadt (Röhr) eine der kleinsten deutschen Städte, in der es einst eine nennenswerte Automobilfabrikation gab – sind leider miserabel dokumentiert.

Wer im Netz nach Informationen und Bildern zu den Wagen dieser 1905 gegründeten Marke sucht, landet in vielen Fällen in meinem Blog. In Sachen Suchmaschinenpräsenz ist das ja erfreulich, nur hilft es weder mir noch anderen weiter, wenn „neue“ Fotos von Hansa-Wagen auftauchen, deren Identifikation Schwierigkeiten bereitet.

Zwar gibt es in der Literatur zu deutschen Autos bis 1920 (von Fersen und Schrader) einige Fotos mit Typzuschreibung, doch diese widersprechen sich teilweise. So wird dort ein Wagen auf ein und demselben Foto einmal als Typ A 6/18 PS (von Fersen) und einmal als Typ C 8/24 PS (Schrader) bezeichnet – letztere Ansprache dürfte richtig sein.

Weitere ab 1911 gebaute Typen (E und G) werden zwar genannt, doch technische Details gibt es nur in Minimalausführung bei von Fersen. In der jüngeren Publikation von Schrader findet man gar nichts dazu – es war wohl nichts Verlässliches verfügbar.

Doch eines der mit den Typen E und G verwandten Modelle lässt sich recht gut erfassen – der Hansa Typ D 10/30 PS (siehe meinen ausführlichen Blogeintrag dazu). Wenn nicht alles täuscht, zeigt folgendes Originalfoto ebenfalls dieses Modell:

Hansa_Typ_D_Kraftfahrbataillon_Berlin_Schöneberg_08-1915_Dierks_Galerie

Hansa Typ D 10/30 PS: Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Der Hansa auf dieser Aufnahme von August 1915 war beim Kraftfahrbataillon Berlin Schöneberg eingesetzt .

Das über 100 Jahre Foto ist von sehr guter Qualität – das Original bietet gegenüber der hier gezeigten datenreduzierten Version noch mehr Schärfe und Tonwertabstufungen – typisch für Plattenkameraaufnahmen jener Zeit.

Wir verdanken dieses Dokument dem Spürsinn von Leser Klaas Dierks, der schon etliche herausragende Fotos vergleichbaren Kalibers beigesteuert hat.

Bei der Gelegenheit sei daran erinnert, dass dieser Blog von Beiträgen solcher  Enthusiasten lebt, die dafür einiges an Zeit und Geld investieren. Dafür wissen sie ihre Schätze hier in einem hochwertigen Forum gut aufgehoben.

Die Hauptmerkmale des Hansa Typ D 10/30 PS sind auf folgendem Ausschnitt zu erkennen:

Hansa_Typ_D_Kraftfahrbataillon_Berlin_Schöneberg_08-1915_Dierks_Frontpartie

Hansa-typisch sind – weitgehend typ- und baujahrübergreifend – die beiden hoch angebrachten Griffmulden an den Motorhaubenseiten.

Die sechs Luftschlitze sind beim Hansa Typ D 10/30 PS sonst im hinteren Haubendrittel angebracht, aber das will vermutlich nichts viel bedeuten.

Mangels Abbildungen ist unklar, ob die parallel verfügbaren größeren Modelle G 12/40 PS und E 15/50 PS über mehr Luftschlitze verfügten. Konstruktiv waren sie jedenfalls eng mit dem Typ D 10/30 PS verwandt.

So verfügten diese großen Hansa-Modelle über Motoren, deren Ventile nicht mehr seitlich neben den Zylindern standen, sondern strömungsgünstig im Zylinderkopf des Motors hingen. Vor dem 1. Weltkrieg war dies noch eine sehr seltene Lösung.

Der Schnabelkühler fand sich vermutlich ebenfalls bei allen Hansa-Typen D, E und G. Die Literatur schweigt dazu, doch vermute ich, dass der Schnabelkühler erst 1914 eingeführt wurde – als eigenwillige Alternative zur Spitzkühlermode.

Tatsächlich stammt keines der mir bekannten Fotos von Hansa-Wagen mit Schnabelkühlern aus der Zeit vor 1914, obwohl – wie gesagt – die großen Typen D, E und G bereits ab 1911 gebaut wurden.

Das Foto aus der Sammlung von Klaas Dierks ist nicht zuletzt deshalb wertvoll, da hier auch ein Teil des Markenschriftzugs auf dem Kühler zu sehen ist. Er ist in ein Oval eingefasst, das oben und unten von senkrechten Stäben „gehalten“ wird.

Diese beiden vertikalen Streben findet man nur bei Hansa-Wagen jener Zeit, was auch die Ansprache von Fahrzeugen erlaubt, bei denen der Schriftzug verdeckt oder nicht zu lesen ist – wie hier zum Beispiel:

Hansa_um_1913_Galerie

Hansa Typ D 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schön inszenierte Aufnahme aus meiner Sammlung zeigt zwar einen Wagen mit Flachkühler, aber die erwähnten Streben auf dem Kühler sind klar zu erkennen.

Auch hier haben wir die charakteristischen, hoch angebrachten Griffmulden an den Haubenseiten sowie abermals sechs Luftschlitze – diesmal im hinteren Drittel der Haube.

Vergleicht man die eigenwillige Form der Vorderschutzbleche, die vorne schräg nach oben zeigen, erkennt man eine weitere Übereinstimmung mit dem zuvor gezeigten Hansa Typ D 10/30 PS mit Schnabelkühler.

Interessant ist, dass auch dieser Hansa bereits über elektrische Positionslichter vor der Windschutzscheibe verfügt. Sie sind nicht mehr außen an der Karosserie angebracht, sondern in den Windlauf eingelassen.

Die genannten Details erlaubent aus meiner Sicht eine Datierung auf 1912/13. Davor wären elektrische Positionslichter – sofern überhaupt vorhanden – außen montiert gewesen. Und danach wäre mit einem Schnabelkühler zu rechnen, so meine Vermutung.

Vielleicht ist Ihnen bei der Betrachtung des Hansa auf dem Bild von Klaas Dierks aufgefallen, dass dieser außer über elektrische Positionslichter zusätzlich über gasbetriebene Positionslampen verfügte.

Hier wollte jemand offenbar auf „Nummer sicher“ gehen für den Fall, dass die elektrische Anlage den Dienst einstellt. Bewusst gesehen habe ich so etwas noch nirgends – ein weiteres Beispiel dafür, was solche alten Fotos immer noch hergeben.

Auch hier ein näherer Blick auf die Frontpartie des Wagens:

Hansa_um_1913_Frontpartie

Wer ganz genau hinschaut kann mit etwas gutem Willen auf der Nabenkappe die Abkürzung HAG erahnen, die für „Hansa Automobil Gesellschaft“ stand.

An der Identifikation der Marke kann kein Zweifel bestehen, aber wie sicher ist die Ansprache als frühe Flachkühlerversion des Hansa Typs D 10/30 PS?

Nun, solange keine eindeutig zugeschriebenen Abbildungen der beiden stärkeren Schwestertypen E und G vorhanden sind, steht die Identifikation unter Vorbehalt.

Ich bin aber zuversichtlich, dass es nicht zuletzt mit Hilfe von Lesern gelingt, weitere solche Fotos aufzuspüren, die mehr Klarheit zu schaffen vermögen.

Bis dahin genießen wir einfach diese eindrucksvollen Dokumente, die uns mit einer längst untergegangenen Welt konfrontieren, als es sei es gestern gewesen:

Hansa_um_1913_Fahrer

Wer uns hier ernst und selbstbewuss posierend über einen Abstand von über 100 Jahren fixiert, war einst der Fahrer dieses Hansa.

Er trägt die für Chauffeure damals üblichen Insignien, also Schirmmütze (oft mit Markenemblem), Kurzmantel zwecks besserer Beweglichkeit beim Fahren und bei Reparaturen sowie Schaftstiefel bzw. Ledergamaschen, die Schutz vor Verschmutzung boten und wärmten.

Man beachte aber auch das weiße Hemd mit lässig um den Stehkragen gebundener Krawatte. Man bekommt hier eine Vorstellung davon, dass ein Fahrer damals eine besondere und durchaus geschätzte Position einnahm.

Fotos von Chauffeuren aus der Frühzeit des Automobils zeugen durchweg von  Standesbewusstsein und der Würde des außergewöhnlichen Berufs, den sie ausübten. Ihre Passagiere sicher und zuverlässig bei Wind und Wetter ans Ziel zu bringen, erforderte mit den damaligen Fahrzeugen außerordentliches Können.

Wer nicht in die Welt des Kraftfahrzeugs eingeweiht war, für den war der souveräne Betrieb eines Automobils pure Magie. Chauffeur zu sein, darauf durfte man einst mit Recht stolz sein, als es keine Automatik, Fahrassistenten und Navigationsgeräte gab.

So ändern sich die Zeiten – doch wer heute noch solch einen Wagen der Frühzeit zu bewegen vermag, kann sich ebenfalls der Bewunderung seiner Mitmenschen sicher sein…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

„Neues“ vom Audi Typ 225 Luxus Cabriolet

Luxus – das ist ein vielschichtiger Begriff, mit dem im Wandel der Zeiten unterschiedliche Dinge verknüpft wurden. Ursprünglich bedeutete das lateinische Wort „luxuria“ soviel wie „üppiges Wachstum“ oder „außerordentliche Fruchtbarkeit“.

Schon in römischer Zeit bekam das Wort in seiner übertragenen Bedeutung jedoch einen negativen Beiklang und stand für „Verschwendung“ in der Lebensführung. Die christliche Theologie knüpfte später daran und zählte die „luxuria“ im Sinne von Ausschweifung und Genussucht zu den sieben Todsünden.

In der Neuzeit gewann „Luxus“ dagegen eine positive Bedeutung im Sinne von „überflüssig, aber begehrenswert“. Wer ein Leben im Luxus zubringen, sich in Luxushotels und -restaurants aufhalten, sich mit Luxusgegenständen umgeben und sich Luxusproblemen widmen kann, wird zwar neidvoll beäugt, aber nicht verachtet.

So trat auch die sächsische Traditionsmarke Audi keineswegs ins Fettnäpfchen, als sie im Frühjahr 1936 die optisch wie technisch verfeinerte Version ihres seit 1933 gebauten Frontantriebswagens als „Audi 225 Luxus“ vorstellte.

Ein sehr schönes Originalfoto des Modells verdanken wir Leser Marcus Bengsch:

Audi_225_Luxus_Cabrio_2-fenstrig_Bengsch_Galerie
Audi Typ 225 Luxus; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Dieses schöne zweifenstrige Cabriolet habe ich bereits an anderer Stelle vorgestellt. Es handelt sich um die eher seltene Ausführung als 2-Fenster-Cabriolet. Das im Vorderschutzblech eingelassene Reserverad war ein Zubehör, das den Grundpreis von rund 6.700 Reichsmark nochmals erhöhte.

Gefertigt wurden die offenen Aufbauten der Fronttriebler von Audi traditionsgemäß von der in Dresden ansässigen Karosseriebaufirma Gläser. Man erkennt das charakteristische hochovale Gläser-Emblem schemenhaft am unteren Ende der A-Säule.

Etwas besser zu erkennen ist das Emblem auf der folgenden Aufnahme, die die gängigere Ausführung als 4-Fenster-Cabriolet zeigt:

Audi_225_Luxus_Cabrio_4-fenstrig_Galerie

Was bei der ersten Aufnahme nur zu erahnen war, ist hier in wünschenswerter Klarhkeit zu erkennen – die leicht geneigte „1“, die seit 1923 den Kühler von Audis schmückte. Beim modernisierten Audi Typ 225 Luxus fiel sie jedoch kleiner aus.

Typisch für das Modell sind die beiden Reihen schrägstehender Luftschlitze in der Motorhaube, die von drei waagerechten Chromleisten eingefasst sind. Die Scheibenräder mit Chromradkappen waren ebenso Standard wie die großen tropfenfömigen Scheinwerfer.

Die Lampen auf den Kotflügeln waren Positionslichter, der Fahrtrichtungsanzeiger war ein herkömmlicher Winker, der seitlich im Holm der Frontscheibe eingelassen war.

Alle diese Details – auch die massive einteilige Stoßstange – finden sich auf dem folgenden Foto wieder, das ein Neuzugang in der Sammlung von Leser Klaas Dierks ist (das Originalfoto ist übrigens weit größer):

Audi_225_Luxus_Cabrio_Strasse_SH_Dierks_galerie
Audi Typ 225 Cabriolet; Ausschnitt eines Originalfotos aus Sammlung Klaas Dierks

Hier sind nun auch die erwähnten vier versenkbaren Seitenfenster mit Chromrahmen zu sehen, außerdem wiederum die Plakette von Gläser aus Dresden.

Das Kennzeichen dieses Audi verweist übrigens auf eine Zulassung im Raum Kiel. Auf dem Bügel vor dem Kühler befindet sich ein großer Extrascheinwerfer, trotz der Ausrichtung leicht nach oben wahrscheinlich ein Nebelscheinwerfer.

Klaas Dierks konnte eine weitere Aufnahme eventuell desselben Wagens beisteuern:

Audi_225_Luxus_Cabrio_KaufhausAlbrecht_SH_Dierks_Galerie

Das ist eine in mehrfacher Hinsicht reizvolle Aufnahme. Zum Beispiel sehen wir hier die halb versenkten hinteren Seitenscheiben und das mit einer Hülle versehene, hochaufgetürmte Verdeck mit den seitlichen Sturmstangen.

Erfahrene Restauratoren solcher Fahrzeuge wissen, wieviel Zeit und Geld allein in Details wie Scheibenmechanik und Verdeckgestänge versenkt werden können. Das war aufwendigste Handarbeit in meisterhafter Ausführung, was die Arbeiter bei Gläser und Audi damals leisteten.

Wer sich einen solchen Manufakturwagen leisten konnte, wusste natürlich, was für eine privilegierte Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie man damit einnahm.

Der Sechszylindermotor des Audi 225 Luxus mit 55 PS aus 2,3 Litern Hubraum mag heute bescheiden anmuten, damals war aber bereits ein braver Opel oder Hanomag mit 25 PS weniger für die allermeisten Deutschen ein unerreichbarer Traum.

Warum aber schaut die junge Dame mit Cabriohaube, die hier mit einer Hand an der Tüklinke des Familien-Audis posiert, so mürrisch drein?

Audi_225_Luxus_Cabrio_KaufhausAlbrecht_SH_Dierks_Ausschnitt1

Ob ihr die Kombination aus dem Mäntelchen und dem kurzen Kleid darunter peinlich ist? Wohl ebensowenig wie die Tatsache, dass sie aus den Ärmeln des Mantels schon herausgewachsen ist.

Vielmehr scheint ihr etwas anderes nicht zu passen. „Jetzt machen wir hier schon ein Foto mit unserem schicken Audi Cabrio und da mogelt sich ausgerechnet dieser ungezogene Bauernlümmel ins Bild“, mag sie sich gedacht haben.

Denn kurz bevor einer aus der Gesellschaft auf den Auslöser der Kamera drückte, hat sich rechts ein halbnackter blonder Junge in Stellung gebracht hat und schaut ernst, aber durchaus selbstbewusst in das Objektiv:

Audi_225_Luxus_Cabrio_KaufhausAlbrecht_SH_Dierks_Ausschnitt2

Der braungebrannte Knabe mit Lederhose gehörte mit Sicherheit nicht zu der Reisegesellschaft im Audi, sondern wird die Gelegenheit genutzt haben, sich einmal zusammen mit reichen Leuten ablichten zu lassen.

Denn auch wenn man – zumindest in der warmen Jahreszeit – nicht allzuviel zum Leben auf dem Lande braucht, wie man hier sieht, wusste man als aufgeweckter Bursche schon, was die Städter da für ein feines Luxusgefährt mitgebracht hatten.

Dass sich der Junge von dieser vierrädrigen Erscheinungsform des Überflusses angezogen fühlte, spricht für den natürlichen Reiz von Luxus, wenn er so stilsicher daherkommt wie im Fall dieses schönen Audi Typ 225 Cabriolet…

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Einfach – spitze! Adler Typen 9/24 PS und 9/30 PS

Wer meinen Blog schon etwas länger verfolgt, hat sicher mitbekommen, dass ich den allermeisten Autos der Vorkriegszeit etwas abgewinnen kann und keinen speziellen Markenfimmel pflege.

Allerdings gibt es einen bestimmten Stil der frühen 1920er Jahre, den ich besonders mag – weil er selbst sonst simplen Wagen einen schnittigen Charakter gab, den die Vorläufer wie die unmittelbaren Nachfolger vermissen lassen.

Die Rede ist von der Spitzkühlermode, wie sie 1913/14 aufkam und sich hauptsächlich im deutschsprachigen Raum bis etwa 1925 hielt.

Heute möchte ich die aus meiner Sicht besonders schlüssige Gestaltung von Spitzkühlermodellen anhand des Adler 9/24 PS Typs und seiner stärker motorisierten Variante 9/30 PS illustrieren.

Kehren wir zunächst zum hier bereits vorgestellten Typ KL 9/24 PS zurück, den die Adlerwerke aus Frankfurt am Main noch kurz vor dem 1. Weltkrieg vorstellten:

Adler_Kl_9-24_PSWk1_Viadukt_Galerie

Adler Typ KL 9/24 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser in der Mittelklasse angesiedelte Wagen – hier ein bei einer deutschen Militäreinheit als Offizierswagen eingesetztes Exemplar – verfügte über einen Vierzylindermotor, der aus 2,3 Liter Hubraum maximal 24 PS schöpfte.

Diese einfache Konstruktion besaß keine Lichtmaschine, sondern die damals noch übliche Magnetzündung sowie mit Karbidgas betriebene Scheinwerfer.

Bemerkenswert an diesem Modell ist allerdings, dass die bis dato meist noch rechts vom Fahrer außerhalb der Karosserie angesiedelten Hebel für Gangschaltung und Hinterradbremse bereits in den Fahrerraum gewandert waren.

Formal bot der Adler KL 9/24 PS noch einen Flachkühler, wenn auch garniert mit einem Markenschriftzug und einer Adler-Kühlerfigur, die als Extra erhältlich war:

Adler_Kl_9-24_PSWk1_Viadukt_Frontpartie

Charakteristisch für Adler-Wagen der Zeit vor dem 1. Weltkrieg ist übrigens die Struktur des Kühlernetzes mit den markanten horizontalen Stegen und der leichte Abwärtsschwung des unteren Abschlusses der oberen Kühlereinfassung.

Nach Ende des 1. Weltkriegs bauten die Adlerwerke das 9/24 PS-Modell weiter. Hubraum und Leistung blieben unverändert, doch war nun eine Lichtmaschine Standard, die elektrische Beleuchtung ermöglichte.

Interessanterweise verlegte man Schalt- und Bremshebel wieder nach außen, während die Karosserie komplett modernisiert wurde. Der Flachkühler wich einem schnittigen Spitzkühler und darauf montierte man ein Adler-Emblem aus Emaille.

Diese Kunstgriffe ließen den braven Adler 9/24 PS wie verwandelt erscheinen:

Adler_9-24_oder_9-30_PS_Taxi_Galerie

Adler 9/24 oder 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Foto mag nicht das beste sein, doch lässt es bereits alle wesentlichen Elemente erkennen, die kombiniert eine Identifikation nach dem Ausschlussprinzip erlauben:

  • Spitzkühler mit vertikal verlaufender Vorderkante
  • dreieckiges Adler-Emblem auf dem Kühleroberteil
  • rund 13 seitliche Luftschlitze in der Motorhaube
  • Vorderschutzbleche in der Form wie beim Vorgänger KL 9/24 PS

Der hintere Aufbau als Tourenwagen ist wenig spezifisch. Hier ist er besonders schlicht ausgeführt, was eher für das spätere Modell 9/30 PS (ab 1922) spricht.

Es gab eine nur auf den ersten Blick ähnliche Ausführung, bei der jedoch der obere Abschluss des hinteren Aufbaus schräg abgekantet verläuft:

Adler_9-24_oder_9-30_PS_Sommer_1924_Galerie

Adler 9/24 oder 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diesen Kunstgriff, der den Karosseriekörper dank der dadurch bewirkten Lichtbrechung plastischer erscheinen lässt, findet man bei vielen deutschen Tourenwagen jener Zeit.

Basis war wohl ein Entwurf des Multitalents Ernst Neumann-Neander, der sich damals viele solcher Karosserietypen patentieren ließ.

Aus dieser Perspektive lässt sich auch die Zahl der Luftschlitze in der Haube bestimmen – es sind 14 an der Zahl. Hier zum Nachzählen der Vorderwagen des im Sommer 1924 aufgenommenen Adler:

Adler_9-24_oder_9-30_PS_Sommer_1924_Frontpartie

Die Zahl von 13 oder 14 Luftschlitzen findet man auf allen mir bekannten Abbildungen des Adler 9/24 bzw. 9/30 PS wieder.

Dazu ist zu sagen, dass die spärliche Adler-Literatur an sich gar keine Abbildungen dieses frühen Nachkriegsmodells enthält. Alle übrigen dokumentierten Adler-Typen jener Zeit weichen jedoch in der Haubenlänge und Zahl der Luftschlitze davon ab oder besitzen bereits einen Flachkühler wie das Modell 6/24 PS (ab 1923).

Dass es sich bei den Spitzkühler-Wagen mit 13 bzw. 14 Luftschlitzen auf meinen Fotos um Wagen des Typs 9/24 oder (ab 1922) 9/30 PS handelt, dafür spricht zudem, dass sie mit über 3.000 Exemplaren bis 1925 die am häufigsten gebauten Adler waren.

Da die mir zugängliche Literatur keinen einzigen dieser Adler zeigt, sind meines Erachtens Fotos umso wichtiger, die quasi eine 3D-Ansicht dieses einst gängigen Typs bieten.

Hier haben wir im Detail die Heckpartie des oben abgebildeten Adler:

Adler_9-24_oder_9-30_PS_Sommer_1924_Heckpartie

Die versonnen schauende Mutter mit Kleinkind sitzt auf der üppig gepolsterten Rückbank, während sich die Passagiere in der Reihe davor mit weniger bequemen Klappsitzen begnügen mussten.

Gut zu erkennen ist hier übrigens, dass das niedergelegte Verdeck im Karosseriekörper verschwand und mit einer Persenning abgedeckt wurde – eine optisch saubere Lösung.

Nicht unerwähnt bleiben soll die bei Bedarf ausklappbare Gepäckbrücke am Heck, denn einen Kofferraum kannte man damals noch nicht.

Wer genau hinschaut, wird am unteren Heck außerdem den Benzintank erkennen, der dem Auge noch nicht verborgen wurde. Tatsächlich war die Gestaltung dieser Wagen organischer und funktionsorientierter, als dies später jemals der Fall sein sollte.

Typisch für viele deutsche Tourenwagen jener Zeit war auch die vollkommene Glattflächigkeit der Seitenpartie, die von keinerlei Zierrat gestört wurde. Selbst auf außenliegende Türgriffe verzichtete man, wie man hier erkennt:

Adler_9-24_oder_9_30_PS_Fahrt nach Schönberg_02-1925_Galerie

Adler 9/24 PS oder 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch auf dieser Aufnahme von Februar 1925 finden sich wieder 14 Luftschlitze in der Haube. Wie beim zuvor gezeigten Adler ist der Werkzeugkasten teilweise im Trittbrett versenkt, was hier ein wenig unharmonisch wirkt.

„Gestört“ wird die Linie außerdem durch den mit Lederriemen befestigten Dreieckskanister – ein zeittypisches Zubehörteil, das im Handel erhältlich war.

Wie bei den übrigen bisher gezeigten Adler-Wagen war auch hier der Rahmen der Windschutzscheibe vernickelt. Zudem besaß dieses Fahrzeug eine wohl ebenfalls vernickelte Zierleiste am hinteren Abschluss der Motorhaube.

Ich habe zwar einen Verdacht, welche Elemente eine zeitliche Einordnung der Versionen des Adler 9/24 bzw. 9/30 PS erlauben, will aber erst noch weiteres Vergleichsmaterial ausfindig machen, um irgendwann eine Chronologie zu wagen.

Als (vorläufiger) Abschluss der heutigen Betrachtung des Modelles soll nun noch eine besondere Aufnahme folgen, die den Titel des heutigen Blogeintrags „Einfach – spitze“ hoffentlich verständlich macht.

Denn so sehr der Adler 9/24 bzw. 9/30 PS in technischer Hinsicht unauffällig und auch auch in der Seitenansicht schlicht gehalten war, so bestechend war seine Frontpartie:

Adler_9-24_oder_9-30_PS_2_Galerie

Adler 9/24 PS bzw. 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn dies bereits eine außergewöhnliche Aufnahme ist, handelt es sich noch nicht um die vor längerem angekündigte, alles mir bisher Begegnete in den Schatten stellende Frontalaufnahme eines solchen Adler 9/24 bzw. 9/30 PS.

Obiges hervorragende Fotodokument wurde Mitte der 1920er Jahre von einem Amateur bei einem unbekannten Anlass erstellt. Vielleicht hat jemand eine Idee dazu.

Das Nummernschild lässt auf eine Entstehung in Westfalen schließen, möglicherweise im Raum Bochum.

Ergänzende oder auch korrigierende Anmerkungen von berufener Seite zu den hier versammelten Adler-Wagen des Typs 9/24 bzw. 9/30 PS sind wie immer willkommen.

Bei der Gelegenheit sei auch der Hinweis wiederholt, dass ich gern meine Fotos aus der Adler-Galerie in diesem Blog – mir ist keine umfangreichere bekannt – unentgeltlich jedermann zur Verfügung stelle, der eine Publikation zu dieser großen Marke plant.

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6-Zylinder und Gläser-Karosserie: Steyr 430 Cabrio

Zu den vielen Leerstellen in den sogenannten Oldtimer-Magazinen in Deutschland gehören aus meiner Sicht die zahlreichen VorkriegsAutomodelle österreichischer Hersteller wie Austro-Daimler, Gräf & Stift oder auch Steyr.

Ich selbst verfüge auf diesem Sektor über keine besonderen Kenntnisse oder Neigungen. Doch lasse ich mich gern von der Historie einer Traditionsmarke wie Steyr verführen, wenn sie so aufbereitet ist wie im 350 Seiten starken Werk von Hubert Schier:

„Die Steyrer Automobile-Geschichte von 1856-1945″, herausgegeben vom Ennsthaler Verlag, 1. Auflage, 2015

Ohne mit dem Verfasser oder seinem Verlag in Verbindung zu stehen, meine ich aus persönlicher Überzeugung, dass dieses Buch in die Sammlung jedes Liebhabers von Vorkriegsautomobilen aus dem deutschen Sprachraum gehört.

Bei praktisch allen bisherigen Einträgen in meinem Blog zu Wagen des in Steyr angesiedelten Waffenherstellers habe ich mich darauf gestützt. Auch im Netz gibt es aus meiner Sicht bislang keine auch nur annähernd vergleichbare Quelle.

In meinem letzten Blog-Eintrag, der sich mit einem Vorkriegswagen von Steyr befasste, ging es um den Typ XVI von 1928/29 (Bildbericht).

Steyr_Typ_XVI_Tourer_Jason_Palmer_Galerie

Steyr Typ XVI; Originalfoto aus Sammlung Jason Palmer

Zwischen diesem noch auf einer Konstruktion von Hans Ledwinka basierenden 6-Zylinder-Modell und dem Auto, um das es heute geht, liegen weniger als fünf Jahre.

Beide Fahrzeuge markieren Ende und Anfang einer Epoche. Mit dem Typ XVI baute Steyr ein letztes Mal einen Vertreter des sachlichen Stils der späten 1920er Jahre.

Nach den Turbulenzen der Weltwirtschaftskrise 1929, in der die Pkw-Produktion bei Steyr fast zum Erliegen kam, tat sich die Marke 1930 mit einem neuen Sechszylindermodell hervor, das auf einem Entwurf von Ferdinand Porsche basierte, dem 2-Liter-Typ XXX.

In Verbindung mit hinterer Pendelachse und hydraulischer Vierradbremse war dieses 40 PS leistende, auch innen gut ausgestattete Modell auf der Höhe der Zeit.

Bislang ist mir vom Steyr Typ XXX nur die folgende Aufnahme ins Netz gegangen:

Steyr_30_1930-33_Luftwaffe_Galerie

Steyr Typ XXX; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir drei gut gelaunte Soldaten der deutschen Luftwaffe, die sich mit einem Steyr Typ 30 haben ablichten lassen. Die Tarnüberzüge auf den Frontscheinwerfern verraten, dass das Foto nach Kriegsbeginn 1939 entstanden sein muss.

Viel sieht man von dem matt überlackierten Steyr nicht, doch lässt er sich anhand der Form des Kühlers, der Scheibenräder und der Luftschlitze in der Motorhaube als Typ 30 ansprechen, wie er bis 1933 in wenigen tausend Exemplaren entstand.

Wie immer freue ich mich auch in Bezug auf dieses Modell über bessere Belegfotos von Lesern, die helfen die Dokumentation von Vorkriegswagen im deutschen Sprachraum zu vervollständigen – denn die gedruckte Literatur bietet nur einen Bruchteil davon.

Kommen wir nun zum eigentlichen Gegenstand des heutigen Blog-Eintrags, dem ab 1933 gebauten Steyr-Typ 430. Sein Motor basierte noch auf der Konstruktion von Ferdinand Porsche für den Vorgänger Typ XXX oder 30.

Doch in gestalterischer Hinsicht begann damit auch bei Steyr eine neue Ära:

Steyr_430_MarcusBengsch_Galerie

Steyr Typ 430 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Hier haben wir ein Steyr-Cabriolet des Typs 430 mit Karosserie von Gläser aus Dresden, einem der renommiertesten deutschen Karosseriebaubetriebe der Vorkriegszeit überhaupt.

Vorbei war hier die Herrschaft der strengen Sachlichkeit, der sich die Gestaltung des Automobils zumindest im deutschen Sprachraum um 1925 unterordnete.

Mit einem Mal begannen sich organische, gerundete und spannungsreiche Formen zu etablieren, die den Fahrzeugen der 1930er Jahre oft eine skulpturenhafte Anmutung verliehen.

Man muss sich schon bemühen, an diesen Fahrzeugen irgendeine gerade Linie zu finden. In der Natur, aus der wir stammen, verhält es sich ganz ähnlich. Die Gerade ist dort die absolute Ausnahme und den rechten Winkel hat man dort noch nie gesehen.

Aus meiner Sicht ist dies Teil der Erklärung dafür, weshalb gerade Automobile der 1930er Jahre wohl von jedermann instinktiv als formal harmonisch empfunden werden, ganz gleich was man von ihren sonstigen Qualitäten halten mag.

Wer das übertrieben findet, dem sei folgende Aufnahme ans Herz gelegt, die das Nachfolgemodell des Steyr 430 zeigt, den größeren, stärker motorisierten Typ 530:

Steyr_530_Gläser_mit_Horch_Hamburg_Galerie

Steyr Typ 530; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Selbst Besitzer der heute leider in Deutschland üblichen immergleichen Bauhaus-Bunker mit Blaubasalt-Schutt im Vorgarten dürften solche Blech-Kreationen kaum als optische Beleidigung empfinden.

Ich wage die Behauptung, dass kein modernes Automobil imstande ist, eine derartige raumgreifende Präsenz zu entwickeln und das Auge in vergleichbarer Weise zu fesseln wie die beiden Wagen, die auf diesem über 80 Jahre alten Foto abgelichtet sind.

Nicht auszuschließen ist dabei, dass ein Teil der Faszination gar nicht vom 6-Zylinder-Steyr Typ 530 ausgeht, sondern von dem daneben zu sehenden Horch Achtzylinder.

Für heute lasse ich es bei der Betrachtung des für sich bereits vollkommenen Steyr Typ 430 auf dem Foto von Leser Markus Bengsch bewenden. Doch zu dessen Nachfolger 530 und vor allem dem Nachbarn aus dem Hause Horch kehre ich gewiss zurück…

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