Ein NSU-Tourenwagen in Belgien im 1. Weltkrieg

Man könnte meinen, einem Oldtimer-Blog, der sich schwerpunktmäßig Vorkriegswagen und Marken aus dem deutschen Sprachraum anhand historischer Aufnahmen widmet, geht früher oder später das Material aus.

Weit gefehlt! Fast täglich finden sich auf dem bekannten Marktplatz im Netz für symbolische Beträge Fotos antiker Automobile aus dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn. Heute stellen wir wieder einen außerordentlichen Fund vor:

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© NSU Tourenwagen in Battice (Belgien) 1914/15; Ansichtskarte aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme wurde einst als Postkarte vervielfältigt. Das originale Foto wurde zu Beginn des 1. Weltkriegs im belgischen Städtchen Battice geschossen.

Die Pickelhauben der berittenen Begleiter des Wagens verweisen auf eine Entstehung im Jahr 1914/15. Erst 1916 wurde bei den Truppen des Deutschen Reichs und Österreich-Ungarns der Stahlhelm M1916 eingeführt, dessen Form bis heute fortwirkt.

Der Tourenwagen im Vordergrund wirkt zunächst wenig individuell, sodass die Identifikation schwierig scheint. Es könnte ein Fahrzeug aus deutscher Produktion sein oder ein französischer Beutewagen. Auch belgische Marken kommen in Frage.

Zur Erinnerung: Noch in den 1920er Jahren gab es in Europa und den USA hunderte Hersteller von Serienautomobilen. Besonders vielfältig war die Markenlandschaft in Frankreich. Dort sind insgesamt über 1.000 PKW-Marken verbürgt!

Im vorliegenden Fall erlaubt ein Detail aber die Ermittlung des Herstellers:

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So fällt auf, dass auf der ovalen Oberseite der Kühlermaske ein waagerechtes Element thront, auf dem wiederum der Kühlwassereinfüllstutzen montiert ist.

Dieses markante Detail fand sich bei PKW aus dem deutschen Sprachraum seinerzeit nur bei NSU. Wer hier stutzt, ist nicht alleine. Viele Klassikerfreunde verbinden NSU mit den gleichnamigen Motorrädern oder den NSU-Fiats, die ab 1934 in Heilbronn gebaut wurden.

Doch von 1906 bis zur Übernahme des Werks durch Fiat entstanden unter der Marke NSU eigenständige Mittelklassewagen. Vor dem 1. Weltkrieg fertigte man vor allem 4-Zylinder-Modelle, die zwischen 24 und 35 PS leisteten. Eines davon dürfte auf unserem Foto zu sehen sein.

Noch ein Wort zur Aufnahmesituation: Die belgische Ortschaft Battice war 1914 Schauplatz besonderer Grausamkeiten. Nachdem Freischärler das Feuer auf die Richtung Frankreich durchmarschierenden deutschen Truppen eröffneten – ohne dadurch irgendetwas erreichen zu können – „revanchierte“ sich die deutsche Führung durch Erschießung von Zivilisten und Zerstörung vieler Häuser. 

Diese als Kriegsverbrechen zu klassifizierenden Taten begründen keine „Schuld“ heutiger Generationen. Doch sie ermahnen zu einem besonders sensiblen Umgang der einst am 1. Weltkrieg beteiligten europäischen Nationen miteinander.

Die Aufnahmen aus dem 1. Weltkrieg erinnern daran, dass damals die maßgeblichen Länder Europas durch geschickt gewählte „Beistandspakte“ in jeden Konflikt hineingezogen wurden, den Österreich-Ungarn mit seinen Nachbarn haben konnte.

Aus der Ermordung des österreichischen Thronfolgers durch serbische Terroristen 1914 hätte nicht der 1. Weltkrieg entstehen müssen, wenn nicht ein halbes Dutzend europäischer Staaten auf eine solche Gelegenheit gewartet hätten.

Insofern erinnern uns alte Fotos wie dieses an die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts…

Berliner „Overland Whippet“ der 1920er Jahre in Kiel

Leser dieses Oldtimer-Blogs bekommen schwerpunktmäßig Vorkriegsautos deutscher Hersteller anhand zeitgenössischer Fotos präsentiert. Aber auch auf deutschem Boden gebaute ausländische Lizenzfabrikate genießen hier Aufmerksamkeit.

Vor einiger Zeit haben wir uns mit einem einst in Berlin gebauten Austin Seven befasst – nicht zu verwechseln mit den in Eisenach gefertigten und als Dixi bzw. BMW vermarkteten Nachbauten des englischen Modells.

An der Reihe ist heute ein amerikanisches Fabrikat, das mit dem Berliner Austin etwas gemeinsam hat. Anlass, dieser Verbindung nachzugehen, gibt uns das folgende, auf den ersten Blick wenig informative Originalfoto:

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© Willys-Overland „Whippet“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei genauem Hinsehen erweist sich Situation als hochinteressant. Das Foto zeigt nicht nur einen außergewöhnlichen Wagen, auch Aufnahmedatum und -ort lassen sich präzise benennen, was sonst selten der Fall ist.

Doch der Reihe nach: Der Kenner wendet sich zunächst der Abdeckung des Ersatzrads der Limousine zu. Auch wenn die Ausschnittsvergrößerung etwas unscharf ist, zeigt sie entscheidende Details:

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Nein, man sieht dort keinen Panther oder Jaguar springen – dafür hat der stilisierte Vierbeiner eine zu lange Schnauze. Das ist vielmehr ein Windhund, auf englisch „Whippet“. Genau das steht darunter, gefolgt vom Zusatz „Six“.

Wer sich etwas mit US-Automobilen der Vorkriegszeit auskennt, denkt nun gewiss an das Modell „Overland Whippet“, das von 1926-31 gebaut wurde. Und tatsächlich: „Overland“ scheint in der ersten Zeile der Beschriftung dieser Radabdeckung zu stehen.

Zur Vorgeschichte des Fahrzeugs nur so viel: Der amerikanische Hersteller des Typs – Willys Overland – gehörte bis Ende des 1. Weltkriegs zu den größten PKW-Produzenten in den USA und damit der Welt überhaupt.

Willys Overland fertigte Alltagswagen, die damals in Europa ihresgleichen suchten. Folgende deutschsprachige Originalreklame lässt ahnen, wie überlegen in Großserie gefertigte US-Autos bereits vor Kriegsausbruch waren:

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© Overland-Reklame von 1914 aus Sammlung Michael Schlenger

Ein 35 PS starker Wagen mit elektrischer Beleuchtung galt 1914 hierzulande als Luxus. Die Amerikaner waren sich der Überlegenheit ihrer Konzepte natürlich bewusst und zogen nach dem gewonnenen Krieg entsprechende Schlüsse daraus.

1919 tat sich Willys Overland mit der britischen Firma Crossley zusammen, um in Europa unter dem Namen Willys-Overland-Crossley (WOC) Autos herzustellen.

Dazu wurde 1927 auch in Berlin-Adlershof eine Fabrik eingerichtet. Dort waren bis 1918 von etlichen Herstellern Kampfflugzeuge produziert worden. Der Versailler Vertrag erlaubte Deutschland keine entsprechende Produktion mehr, sodass die modernen Hallen ab 1919 leerstanden.

An diesem Ort wurde von WOC neben Willys „Knight“-Wagen mit Schiebermotor auch der Overland „Whippet“ gebaut – und ab 1932 in Lizenz der Austin Seven!

Bevor es zu unübersichtlich wird, kehren wir zu unserem Foto zurück. Dank umseitigen Vermerks wissen wir, dass es am 16. März 1928 entstanden ist. Und es lässt sich sogar herausfinden, wo der Overland Whippet abgelichtet wurde.

Dabei hilft uns folgender Bildausschnitt:

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Über dem Ladengeschäft neben dem Overland Whippet ist „Grabow & Matthes“ zu lesen. Eine Recherche im Netz führt zwar zu keiner existierenden Firma dieses Namens. Doch wird ein Unternehmen „Grabow & Matthes“ häufig im Zusammenhang mit deutschen Orden aus den beiden Weltkriegen erwähnt.

Die in Kiel ansässige Firma scheint unter anderem Aufbewahrungsetuis für Orden verkauft zu haben. Auf dem Foto eines solchen Etuis fand sich die Adresse „Grabow & Matthes, Muhliusstraße 32, Kiel“. Sehr wahrscheinlich ist das Foto einst dort entstanden.

Dazu passt das Nummernschild unseres Overland Whippet, das auf eine Zulassung in Schleswig-Holstein verweist (Kennung „IP“). Leider existiert das abgebildete Gebäude nicht mehr, sodass ein direkter Abgleich nicht möglich ist.

Das Haus in der Muhliusstraße 32 wurde während eines der Luftangriffe auf Kiel im 2. Weltkrieg zerstört. Nach dem letzten Bombardement (fünf Tage vor Kriegsende) waren über 95 % der Altstadt vernichtet. Sie – nicht die Werftanlagen der Stadt – waren wie andernorts das erklärte Hauptziel der britischen „Area Bombing Directive“.

Dort wo einst der Overland Whippet stand, zeigt sich dem Besucher heute eine triste Nachkriegsbebauung, mit der viele deutsche Innenstädte ein zweites Mal verheert wurden.

Vom Schicksal Kiels wussten die Einwohner am 16. März 1928 zum Glück nichts. Die Personen neben dem Overland Whippet schienen sich zum Aufnahmezeitpunkt gerade an einem kleinen Tier zu erfreuen, das der Herr mit Hut neben dem Overland Whippet in der Hand hält – vielleicht ein junger Hund:

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Fiat 505: Ein „Außenlenker“ der frühen 1920 Jahre

Leser dieses Oldtimer-Blogs bekommen einen Einblick in die faszinierende Welt der Vorkriegsautos nicht nur anhand von Fotos längst vergessener Marken und Typen – auch spezielle Karosserietypen werden hier eingängig präsentiert.

Beim heutigen Beispiel ist die Marke zwar noch existent  – Fiat aus Turin – doch Modell und der Aufbau sind alles andere als Großserienstandard.

Kurze Rückblende: Fiat war nach dem 1. Weltkrieg mit dem Typ 501 sein erster Massenerfolg gelungen. Der wie die Fords jener Zeit unerhört robuste Wagen wurde auf der ganzen Welt verkauft – tja, Globalisierung ist ein ziemlich alter Hut.

Der Fiat 501 erhielt noch 1919 einen großen Bruder, den Typ 505:

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© Fiat 505 Außenlenker; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Sein 2,3 Liter großer Vierzylinder leistete immerhin 33 PS. Zum Vergleich: Volkswagen übertraf diesen Wert erst 1960 knapp, als die Exportversionen einen 34 PS-Motor erhielt.

Der gegenüber dem Fiat 501 von 2,65m auf 3,05m verlängerte Radstand des Typs 505 erlaubte großzügigere Aufbauten. Auf unserem Foto sehen wir ein schönes Beispiel dafür.

Vor einer geschlossenen Passagierkabine sitzt der Fahrer im Freien. Dieser noch aus der Kutschbauzeit stammende Aufbau trug außerhalb des deutschsprachigen Raums mondäne Bezeichnungen wie „Coupe de Ville“ oder „Sedanca de Ville“.

Im Deutschen bezeichnete man diese wenig arbeitnehmerfreundliche Variante sachlich als „Außenlenker“. Demgegenüber saß der Fahrer bei einer Limousine im Trockenen, daher die früher gängige Bezeichnung „Innenlenker“. Später gab es ähnliche Aufbauten, bei denen Fahrer wenigstens einen Regenschutz über dem Kopf hatte.

Man mag das heute alles belächeln, doch das Automobil konnte nicht vom ersten Tag an mit Airbag, Sitzheizung und WLAN für alle daherkommen. Über den heutigen Stand der Technik würde man in 90 Jahren ebenfalls den Kopf schütteln, wenn es beim früheren  Entwicklungstempo bliebe – hier sind allerdings Zweifel angezeigt.

Eine verbreitete Anwendung des Außenlenkers war neben privaten Chauffeurwagen das Großstadtaxi. Vielleicht war der Fiat 505 mit Zulassung im Rheinland (Kennung: „IZ“) auf unserem Foto ebenfalls ein solches. Typisch für das Modell waren übrigens die fast waagerecht über den Vorderrädern auslaufenden Kotflügel.

Gleich zwei solcher Fiats des Typs 505 sehen wir auf der folgenden Originalaufnahme, die einst vor dem Dom in Mailand entstand:

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© Fiat 505 Taxis in Mailand; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man ahnt hier, dass es zwischen Auto- und Fußgängerverkehr noch keine strikte Trennung gab – auch das wollte erst erarbeitet sein. Jedenfalls scheinen sich die Flaneure zwischen den wenigen Wagen noch recht wohl gefühlt haben.

Natürlich werfen wir bei diesem schönen Foto einen genaueren Blick auf die Menschen, die an einem sonnigen Tag vor über 90 Jahren auf der heute verkehrsberuhigten Piazza del Duomo unterwegs waren:

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Man sieht hier links und rechts der beiden Fiats elegant gekleidete Damen und Herren spazieren, die allesamt „bella figura“ machen, wie es die Italiener bei ansehnlichen und selbstsicheren Menschen zu sagen pflegen.

Bei der Gelegenheit erkennt man auch, dass der vordere der beiden Fiats eine Landaulet-Karosserie aufweist. Dort sitzen die Passagiere ebenfalls in einer separaten Kabine hinter dem – hier überdachten – Fahrerraum. Zusätzlich gibt es ein Verdeck über der hinteren Sitzreihe, sodass die Insassen bei schönem Wetter im Freien sitzen können.

Im Süden pflegt man allerdings an warmen und sonnigen Tagen eher den Schatten zu suchen, weshalb das Verdeck hier geschlossen ist. Touristen aus Ländern nördlich der Alpen hätten es vermutlich vorgezogen, sich einen ersten Sonnenbrand zu holen…

So unterscheiden sich die Lebensumstände und Sitten der Völker – und in genau solchen Unterschieden entdeckt der Reisende eine reizende Vielfalt, nicht in einem beliebig durchmischten Einheitsbrei…

Ein Hanomag „Sturm“ am Golf von Neapel

Diesem Oldtimer-Blog liegen zwei Gedanken zugrunde:

Zum einen sollen hier Vorkriegsautos eine breite Bühne bekommen, vor allem solche von Herstellern aus dem deutschen Sprachraum. Einen entsprechenden Anlaufpunkt im Netz gibt es nach Kenntnis des Verfassers sonst nicht.

Zum anderen soll die faszinierende Vielfalt an Marken und Typen anhand historischer Originalfotos vermittelt werden, die die Fahrzeuge mit den Menschen zeigt, die sie einst besaßen oder bewunderten.

Dabei stößt man neben Schnappschüssen aus dem Familienalbum bisweilen auf Abzüge, deren Einordnung schwerfällt, die aber dennoch eine Veröffentlichung verdienen. Ein Beispiel für diese Kategorie zeigt die folgende Aufnahme:

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© Hanomag „Sturm“ am Golf von Neapel; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Für nüchterne Zeitgenossen ist mit dem Untertitel alles gesagt: Hier wird die Frontpartie eines Hanomag „Sturm“ – des 6-Zylinder-Spitzenmodells des Maschinenbauers aus Hannover – von drei Straßenjungen begutachtet.

Tatsächlich verdient dieses Reklamefoto der späten 1930er Jahre einen Preis für eine der subtilsten Werbebotschaften jener Zeit. Denn vom Auto ist nur der Kühlergrill mit dem stilisierten Hanomag-Adler zu erkennen. Wer mehr von dem großzügigen und sauber gezeichneten Wagen sehen will, kann sich auf diesem Blog hier ein genaues Bild machen.

Raffiniert an diesem Werbefoto aus einem unbekannten Magazin der Vorkriegszeit ist die Platzierung des Wagens vor der grandiosen Kulisse des Vesuvs am Golf von Neapel.

Heuzutage, wo man künstliche Orte wie Dubai und schwimmende Massenquartiere wie Kreuzfahrtschiffe als Sehnsuchtsziele verkauft, mag es nicht mehr jedermann klar sein: Süditalien und speziell die Schönheit der Küste Kampaniens von Neapel bis Salerno hatten einst eine magische Ausstrahlung.

Für den Verfasser, der diese Gegenden seit einem Vierteljahrhundert bereist, ist diese Magie unvergänglich. Und so weckt dieses Reklamefoto Erinnerungen an Aufenthalte am Golf von Neapel und an benachbarten Traumzielen wie Capri und der Amalfiküste.

Wer einseitigen Medienberichten hierzulande Glauben schenkt, verbindet mit dieser Region nur Chaos, Mafia und Müllberge. Tatsächlich ist Neapel eine faszinierende Stadt und die herrliche Bucht mit dem Vesuv dürfte für religiös veranlagte Menschen den perfekten Gottesbeweis darstellen.

An solche Assoziationen knüpfte Hanomag einst mit seiner Werbebotschaft an: Das Modell Sturm führt seine Besitzer an die großartigsten Stätten Europas und erobert die Herzen der Jugend – im Sturm!

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Die drei Buben verkauften vielleicht Blumen an Touristen, die an dieser Stelle haltmachten, um den Blick über das Castel dell’Ovo auf den Vesuv zu genießen.

Der Aufnahmeort liegt an der Küstenstraße des neapolitanischen Stadtteils Mergellina. Die Aussicht von dort sieht heute noch genauso aus.

Wer auch immer den Hanomag Sturm an diese Stelle gefahren hatte, wollte gewiss keine Reklame für das Modell in Italien machen. Dort waren potentielle Käufer mit dem avancierten 6-Zylindermodell Fiat 1500 ohnehin besser bedient.

Es ging darum, dem Publikum in Deutschland zu vermitteln, dass der Hanomag Sturm ein Vehikel für gebildete Leute mit Lebensart war. Der Schlüssel zum Verständnis war der Vesuv im Hintergrund. Wer den Berg für den Fujiyama oder den Kilimandscharo hielt, gehörte nicht zur Klientel, die eines Hanomag Sturm würdig war.

Sollte aber am Ende nicht ein Lamento bezüglich der Kinder stehen, die einst offenbar etwas zum Überleben der Familie beisteuern mussten?

Nun, über das Schicksal der drei Buben auf unserem Foto wissen wir nichts Genaues. Immerhin lässt sich sagen, dass sie noch zu jung waren, um von ihrer Regierung in den 2. Weltkrieg geschickt zu werden.

Nach 1945 gehörte Neapel zu den Städten Italiens, in denen es kein Wirtschaftswunder wie im höherentwickelten Norditalien gab. Die strukturellen Voraussetzungen dafür waren nicht gegeben.

Dennoch können wir annehmen, dass die drei neapolitanischen Jungen, die vor rund 80 Jahren vor dem Hanomag Sturm abgelichtet wurden, in einem übermateriellen Sinn ein glückliches Leben hatten. Vielleicht sind sie hochbetagt noch unter uns.

1924: Im Dürkopp P10 Landaulet unterwegs in Berlin

Auf diesem Oldtimer-Blog kommen Freunde deutscher Vorkriegswagen auf ihre Kosten. Denn hier werden nicht nur die Großserienhersteller wie Adler, BMW, DKW, Hanomag, Opel und Mercedes-Benz abgehandelt.

Auch vergessene Marken wie AGA, NAG, Hansa, Protos, Stoewer und Wanderer usw. finden angemessene Würdigung.

Heute widmen wir uns dem Bielefelder Hersteller Dürkopp, aus dessen wenig bekannter PKW-Produktion hier bereits der Typ P8 der 1920er Jahre vorgestellt wurde.

Daneben baute Dürkopp in seinem Werk in Berlin in kleinen Stückzahlen Wagen der Luxusklasse, von denen einer auf folgendem hervorragenden Foto zu sehen ist:

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© Dürkopp P10 Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die außerordentliche Qualität dieses Abzugs dürfte dem Einsatz einer großen Plattenkamera zu verdanken sein. Das Negativformat machte eine Vergrößerung überflüssig und das Positiv wurde erkennbar von kundiger Hand geschaffen.

Spektakulär ist aber auch der abgebildete Wagen mit Landaulet-Karosserie. In der spärlichen Literatur über die Automobile von Dürkopp findet sich zum Glück eine exakte Entsprechung. So ist auf Seite 104 des Standardwerks „Deutsche Autos 1920-45“ von Werner Oswald dasselbe Modell abgebildet, dort als Typ P10 bezeichnet.

Der 1914 vorgestellte Wagen hatte einen 2,6 Liter Motor mit 30 PS Leistung. In ähnlichem Erscheinungsbild waren daneben stärkere und größere Typen erhältlich, die zwischen 45 und 70 PS leisteten.

Ihnen gemeinsam war der Spitzkühler mit „Dürkopp“-Emblem auf beiden Seiten:

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Auf der Nabenkappe ahnt man ebenfalls den Markennamen. Die elektrisch betriebenen Scheinwerfer wie auch die wenig vorteilhafte Kleidung der überrascht schauenden jungen Dame vor dem Wagen verweisen auf die 1920er Jahre.

Fotos jener Zeit zeigen häufig Frauen, die sich zwar aus dem Korsett der Kaiserzeit befreit hatten, nun aber sackartige Kleider überzogen, die ihrer Anatomie wenig schmeichelten. Diese modische Verirrung war zum Glück ein vorübergehendes Phänomen…

Interessant ist allerdings die noch an die Kaiserzeit erinnernde Rocklänge und der breitkrempige Hut. Offenbar war diese junge Dame noch nicht ganz auf der Höhe der Zeit.

Zurück zu dem eindrucksvollen Dürkopp. Zwar verdeckt unser „Fotomodell“ die Motorhaube, doch die Proportionen machen es wahrscheinlich, dass wir es mit einem Wagen des Typs P10 und nicht einer größeren Variante zu tun haben.

Interessanter als die Frage der Motorisierung ist ohnehin der Landaulet-Aufbau:

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Hier stellt sich die Frage: Konnte das Verdeck über der Rückbank tatsächlich geöffnet werden, wie es bei einem Landaulet-Aufbau üblich war? Das Fehlen einer Verdeckstange stimmt jedenfalls skeptisch.

Vermutlich wäre zumindest die hintere der beiden Damen dankbar gewesen, in der geschlossenen Kabine unterwegs sein zu können. Die vordere scheint sich mit hohem Kragen, Fuchspelz und Handschuhen eher für kühles Wetter zurechtgemacht zu haben als ihre etwas unglücklich dreinschauende Mitinsassin.

Interessant auch hier der Gegensatz zwischen der mondänen Erscheinung im Vordergrund und der äußerlich noch in der Vorkriegszeit „hängengebliebenen“ Person dahinter.

Einen abschließenden Blick verdienen auch die beiden Herren auf den Vordersitzen:

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Wie beim klassischen Landaulet üblich, ist das Personal weniger komfortabel untergebracht. Immerhin sitzt der Fahrer hier nicht mehr ganz im Freien, wie das zu Kutschenzeiten noch üblich war.

Doch außenliegende Handbremse und Hupe stehen einem Seitenfenster entgegen. Wenigstens der Schalthebel ist im Innenraum angebracht. Man mag das belächeln, doch konnte das Auto nicht von Anfang an die Finessen bieten, ohne die sich viele verunsicherte Zeitgenossen heute kaum noch aus der Garage trauen.

Aufmerksame Beobachter werden registrieren, dass der Fahrer seine Anweisungen über ein Rohr aus dem Innenraum erhielt. Das Pendant dazu ist heute die elektronische Stimme des Navigationsgeräts, das mehr oder minder sinnvolle Befehle gibt.

Im Fall unseres Fotos wissen wir sogar, wie die Anweisung an den Chauffeur dieses Dürkopp Typ P10 einst lautete: „Fahren Sie bitte in den Tiergarten.“ Genau dort in Berlin im Jahr 1924 ist diese beeindruckende Aufnahme entstanden.

Die Personen auf dem Foto schauen uns an, als sei es gestern gewesen. Doch von ihnen ist wohl nichts mehr geblieben als diese Momentaufnahme. So mahnen diese alten Bilder stets auch an die Vergänglichkeit – vielleicht eines der Motive, weshalb kluge Menschen alte Autos lieben…

Geteiltes Schicksal: Zwei Fiat 508 A im Nachkriegs-Berlin

Das Schicksal von Vorkriegsautos wird auf diesem Oldtimer-Blog anhand historischer Fotos bis in die 1950/60er Jahre nachverfolgt. So lange waren viele Fahrzeuge, die den 2. Weltkrieg überstanden hatten, hierzulande noch im Alltag unterwegs.

Ihr Erscheinungsbild unter den Bedingungen der deutschen Teilung war oft weit vom einstigen Auslieferungszustand entfernt. Entscheidend war, dass sie funktionierten – nicht selten unter abenteuerlichen Bedingungen.

Zu den Überlebenden der Vorkriegszeit gehörten nicht nur Wagen deutscher Hersteller, sondern auch in Deutschland gebaute Fremdfabrikate. Besonders verbreitet waren in den 1930er Jahren die Fiat-Typen, die im alten NSU-Werk in Heilbronn gefertigt wurden.

Vor dem populären 500er „Topolino“ und dem 1100er „Millecento“ wurde schon das Modell 508 „Nuova Balilla“ in Deutschland gebaut und als NSU/Fiat 1000 verkauft. Leser dieses Blogs sind ihm auf diesem Blog hier und hier und hier und hier begegnet.

Heute präsentieren wir zwei Exemplare dieses von 1934-38 gebauten NSU-Fiats, die im Nachkriegs-Berlin bewegt wurden. Beginnen wir mit einem Exemplar, das im Westen der Reichshaupstadt die Wirren des Kriegsendes überstanden haben muss:

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© Fiat 508 A bzw. NSU-Fiat 1000; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Typ als solcher ist am schrägen Kühlergrill in Herzform zu erkennen. Auch die Radkappen wurden so nur beim Fiat 508 Nuova Balilla bzw. NSU-Fiat 1000 verbaut, zumindest zeitweise. Lack und Stoßstangen scheinen die Zeit gut überstanden zu haben.

Dass das Auto in Berlin zugelassen war, verrät das Nummernschild mit der Buchstabenkombination „KB“, die nach dem Krieg von den Besatzungsbehörden dort ausgegeben wurde; sie steht für „Kommandantur Berlin“.

Der Brezelkäfer im Hintergrund deutet auf eine Entstehung im Westen der geteilten Stadt hin. Kleidung und Frisur der beiden Personen am Fiat entsprechen den späten 1940er Jahren. Im Hintergrund stehen Häuser der 1920/30er Jahre.

Erkennbar ist dieser Vorkriegsfiat auch in schweren Zeiten geschätzt und gepflegt wurde. Dennoch dürfte der Wagen spätestens um 1960 auf den Schrott gewandert sein.

Im Osten Deutschlands wurden solche Vorkriegsautos noch länger in nennenswerter Stückzahl gefahren – nicht aus Nostalgie, sondern weil die sozialistische Mangelwirtschaft unfähig war, die benötigten Güter und Produkte bereitzustellen.

Im einstigen Arbeiter- und Bauernparadies, in Wahrheit eine alle Lebensbereiche erfassende Diktatur, sah das Straßenbild um 1960 Jahre aus:

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© Vor- und Nachkriegswagen im Umland von Berlin; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was aus heutiger Sicht wie eine Oldtimerparade aussieht, ist eine ganz normale Situation im Umland von Ostberlin. Die Nummernschilder entsprechen der 1953 in der Deutschen „Demokratischen“ Republik (kurz: DDR) eingeführten Konvention.

Die Buchstaben „IA“, „DP“ und „DK“ auf den Nummernschildern verweisen auf Zulassungsbezirke in und um Ostberlin. Das Umfeld mit Kiefern auf sandige Boden macht eine Entstehung des Fotos im Raum Berlin-Brandenburg wahrscheinlich.

Uns soll vor allem der Wagen ganz vorne interessieren:

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Wir sehen hier den herzförmigen Kühlergrill eines Fiat 508 A Nuova Balilla oder auch eines NSU-Fiat 1000. Die Chromumrandung wurde offenbar überlackiert.

Stoßstangen und Radkappen weichen vom Fiat 1000 auf obigem Foto ab, aber das will nicht viel heißen. In der Bauzeit gab es einige Änderungen und die in Deutschland gefertigten Exemplare wichen im Detail vom italienischen Original ab. Außerdem wurde nach dem 2. Weltkrieg an überlebenden Wagen der 1930er Jahre alles Mögliche verbaut.

Bemerkenswert ist der Dachgepäckträger auf dem Fiat. Er wurde wohl nachträglich nach Gutdünken auf der Dachpartie verschraubt. Das Auto wurde trotz seines Alters offenbar für Reisen eingesetzt, bei denen für das Gepäck der Insassen sonst kein Platz war.

Schauen wir uns der Vollständigkeit halber die übrigen Wagen auf dem Foto an:

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Hinter dem Fiat steht ein IFA F9, ein vor dem 2. Weltkrieg als Nachfolger des DKW-IFA F8 entwickeltes Fahrzeug, das 1948 vorgestellt wurde. Bis zur Serienproduktion brauchte man noch ein wenig Zeit, erst ab 1950 war das Modell lieferbar.

Die nach dem Krieg in Westdeutschland neugegründete Auto-Union baute ab 1950 übrigens ein äußerlich sehr ähnliches Modell, den Typ F89 „Meisterklasse“.

Interessanter ist der hinter dem IFA F9 zu sehende Ford „Eifel“, der ab 1935 gebaut wurde. Der Wagen auf dem Foto dürfte eines der formschönen 2-sitzigen Cabriolets sein, die 1936/37 von der Dresdener Karosseriemanufaktur Gläser gefertigt wurden.

Auffallend an diesem Wagen sind die in die Vorderschutzbleche integrierten Frontscheinwerfer. Das hat es so bei den Serienfahrzeugen nicht gegeben, vermutlich ist es eine der verbreiteten Nachkriegs-Bastellösungen.

Nicht unerwähnt bleiben soll der Kombi ganz links auf dem Foto. Das muss ein ab 1955 gefertigter Sachsenring P70 sein. Der in Zwickau im alten Horch- bzw. Audi-Werk gefertigte Wagen verfügte über den Motor des DKW-IFA F8, hatte aber eine Pontonkarosserie, bei der ein Holzgerippe mit Kunststoffteilen beplankt wurde. Dieses Fahrzeug gilt als einer der Vorläufer des Trabants.

Zum Zeitpunkt unserer Aufnahme war nicht absehbar, dass das 22 PS schwache Gefährt am Ende der Kolonne Vorbote der Bescheidenheit war, die den „Genossen“ in der DDR in den nächsten 30 Jahren von der wohlmeinenden Partei verordnet wurde.

Manch einer zog dieser traurigen Errungenschaft der staatlich gelenkten Industrie bis in die 1970er Jahre größere und stärkere Vorkriegsautos vor…

Regionale Herbstausfahrt am 9. Oktober 2016

Die Tage sind inzwischen merklich kürzer, die Nächte kühler, die Blätter an den Bäumen nehmen herbstliche Farben an. Bevor sich die Oldtimer-Saison 2016 dem Ende zuneigt, gibt es am 9. Oktober von Bad Nauheim aus wieder eine gemeinsame Ausfahrt lokaler Klassikerfreunde.

Die Route führt wie im Vorjahr in den Taunus, geht jedoch diesmal über Butzbach und Waldsolms weiter nach Westen bis Weilmünster. Von dort führen dann kurvenreiche Nebenstraßen nach Weilrod, wo im Ortsteil Gemünden ein Mittagshalt im Landgasthof Zur Linde eingeplant ist.

Die Strecke hat eine Länge von rund 100 km, als Fahrtdauer bei gemächlichem Tempo sind gut 2 Stunden zu veranschlagen (Übersicht der vorläufigen Route).

Charakter der Ausfahrt: Das Ganze ist ausdrücklich keine Oldtimer-Rallye und hat keinen wettbewerblichen oder gewerblichen Charakter. Eine Teilnahmegebühr fällt nicht an. Für den verkehrssicheren Zustand des Fahrzeugs ist jeder selbst zuständig.

Für die vorgeschlagene Route wird es wieder ein präzises Roadbook geben, aber natürlich kann jeder nach Belieben abkürzen oder verlängern. Hier die Fixpunkte im Überblick:

  • Treffpunkt am 9.10. in Bad Nauheim: Großparkplatz am Kurpark, Frankfurter Straße
  • Abfahrt um 11.15 Uhr
  • Tischreservierung im „Landgasthof Zur Linde“ ab 12.30 Uhr
  • Weiterfahrt ab etwa 14 Uhr Richtung Usingen und Pfaffenwiesbach
  • Heimfahrt nach eigenem Gutdünken

Die Teilnehmerzahl ist auf zehn Fahrzeuge beschränkt. Interessenten können sich über die Kommentarfunktion oder unter der E-Mail-Adresse michael.schlenger@freenet.de anmelden.

Fahrfreude vor über 100 Jahren: Adler K 7/17 PS 2-Sitzer

Dieser Oldtimerblog ist keiner speziellen Marke gewidmet so wie auch die historischen Fahrzeuge des Verfassers von einem halben Dutzend Hersteller stammen. Monotone Aufreihungen der immer gleichen Typen wirken fad, selbst wenn es Jaguar E-Types auf dem Besucherparkplatz des Goodwood-Revivals sind:

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© Jaguar E-Types beim Goodwood Revival Meeting 2016; Bildrechte: Michael Schlenger

Die Idee hinter diesem Blog ist eine andere: Hier soll die vielfältige und spannende Welt der Vorkriegsautos anhand historischer Fotografien präsentiert werden.

Das bedeutet, dass hier die Marken und Modelle aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in dem Verhältnis auftauchen, in dem sie einst im deutschsprachigen Raum anzutreffen waren und in zeitgenössischen Aufnahmen festgehalten wurden.

So findet auf diesem Blog eine der einst bedeutendsten deutschen Marken eine angemessene Würdigung: Adler aus Frankfurt am Main. Dabei sind nicht nur relativ bekannte Modelle der 1920/30er Jahren anzutreffen wie der Standard 6 oder der Trumpf.

Zu bestaunen gibt es hier auch Fotoraritäten, die Adler-Modelle aus der Zeit kurz vor und nach dem Ersten Weltkrieg zeigen. Die einschlägige Literatur liefert zu wenige aussagefähige Bilder, um die Frühzeit der Marke angemessen zu dokumentieren.

In der Adler-Fotogalerie auf diesem Blog sind etliche frühe Typen vertreten, die bislang kaum oder gar nicht in der Literatur abgebildet waren. Heute kommt ein weiteres Modell dazu, wieder in Form einer außergewöhnlichen Originalaufnahme:

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© Adler Typ K 7 PS, 1910-13; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Abzug hat in den letzten 100 Jahren ein wenig gelitten, doch mit einigen Retuschen ließ sich die hervorragende ursprüngliche Qualität näherungsweise wieder herstellen. Die damaligen großformatigen Plattenkameras oder auch Mittelformatkameras lieferten prinzipiell sehr gute Ergebnisse, wenn Blende und Belichtung richtig gewählt wurden.

Dass wir es mit einem Adler aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg zu tun haben, verrät dem Kenner die typische Gestaltung der Frontpartie:

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Vor allem die Proportionen der Kühlermaske und die Ausführung des Kühlwasserstutzens sind typisch für frühe Adler. Die sanft abfallende Motorhaube in Kombination mit den waagerecht verlaufenden Zierlinien um die seitlichen Luftschlitze herum sprechen für eine Entstehung ab etwa 1910.

Ab Mitte 1913 zeigen Reklameabbildungen von Adler dagegen horizontal verlaufende Motorhauben. Hier ein Beispiel aus der Kunstzeitschrift „Die Jugend“, die übrigens namengebend für den Jugendstil war:

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© Adler-Reklame aus „Die Jugend“, Nr. 38/1913 aus Sammlung Michael Schlenger

Wer den rechts abgebildeten Zweisitzer betrachtet, wird dennoch gewisse Ähnlichkeiten mit dem Wagen auf unserem Foto erkennen.

Es scheint sich in der Anzeige um den weiterentwickelten Typ KL zu handeln, bei dem die Proportionen erhalten blieben, speziell die lange Partie zwischen Motorhaube und Schottwand, außerdem das kurze Heck mit überhängendem Verdeck.

adler_k-typ_um-1910_heckpartie

„Unser“ Adler wirkt demgegenüber zwar etwas antiquierter, doch die formale Idee eines kompakten Zweisitzers ist ähnlich.

Tatsächlich bot Adler ab 1910 mit dem K-Modell genau so einen Wagen an, der einen für damalige Verhältnisse kleinen Motor besaß, wie er in obiger Anzeige beworben wurde.

Für einen Typ K 7/17 PS mit 1,8 Liter Hubraum spricht die Zahl der Luftschlitze (13) in der Motorhaube, da der Typ K 5/11 PS mit 1,3 Liter Hubraum nur 11 aufweist – so die Aussage von Adler-Veteranenkenner Thorsten Flick.

Jedenfalls war schon damals bei Adler neben den üblichen Hubraumkolosssen (bis zu 6,5 Liter) „Downsizing“ angesagt. Die K-Modelle erwiesen sich als ausgesprochen langlebig und sie werden uns hier noch in weiteren Variationen begegnen.

Den beiden Insassen muss der Adler K-Typ trotz seiner nominell bescheidenen Leistung Freude gemacht haben, wie ihr glücklicher Gesichtsausdruck beweist:

adler_k-typ_um-1910_insassen

Dem Erscheinungsbild nach würde man die beiden glattrasierten jungen Männer eher in die Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg einsortieren. Doch auch vor 1914 trug nicht jeder Mann im Deutschen Reich einen Schnauzer nach Vorbild von Kaiser Wilhelm.

Jedenfalls hat man den Eindruck, dass die beiden Insassen im Adler einen Heidenspaß in dem Wagen haben – vermutlich ist es ihr erstes Auto überhaupt…

Der Laubfrosch wird erwachsen: Opel 4/16 und 4/20 PS

Auf diesem Oldtimer-Blog wird die Geschichte von Vorkriegsautos anhand originaler Fotografien aus der Sammlung des Verfassers erzählt. Im Mittelpunkt stehen Marken aus dem deutschsprachigen Raum (einschließlich Lizenzfabrikaten).

Wer sich für die PKW-Produktion von DKW und Hanomag bis 1945 interessiert, fndet hier bereits eine fast vollständige Fotodokumentation der einzelnen Typen. Bei AdlerBMWHorch, Mercedes-Benz, NAG und Wanderer bestehen noch einige Lücken, die aber im Lauf der Zeit ebenfalls geschlossen werden sollen.

Fortschritte macht derzeit die Typenbesprechung bei Opel vom 4PS-Typ „Laubfrosch“ bis zu den Modellen der späten 1940er Jahre. Zuletzt hatten wir hier die ab 1925 gebaute frühe Variante des Opel 4/16 PS präsentiert. Heute ist die von Oktober 1927 an erhältliche Ausführung an der Reihe, die sich formal von der ersten Serie unterschied.

Bei der Herausarbeitung der Unterschiede sind uns drei Originalfotos behilflich:

© Opel 4/16 PS und 4/20 PS; Originalfotos aus Sammlung Michael Schlenger

Keine Sorge, wir schauen uns die Wagen noch genauer an, doch soll hier auch die originale Situation festgehalten werden, die den Blick der damaligen Fotografen widerspiegelt.

Wir beginnen dort, wo wir aufgehört haben, beim Opel 4/16 PS in der frühen Variante, und rufen uns seine äußeren Merkmale anhand folgenden Ausschnitts der ersten Fotografie in Erinnerung:

opel_4-16_ps_1926-27_konigsbrunn_galerie

Der ab Oktober

1926 erhältliche Typ 4/16 PS verfügte anfänglich noch über die weit ausladenden Vorderschutzbleche des Vorgängers 4/14 PS. Der Tankeinfüllstutzen lag aber nicht mehr außen vor der Windschutzscheibe und die Reihe Luftschlitze in der Motorhaube war durchgehend statt in der Mitte unterbrochen.

Übrigens sehen wir hier die viersitzige Tourenwagenversion des Opel 4/16 PS vor einem Haus, das wahrscheinlich einem Besitzer aus dem bayrischen Städtchen Königsbrunn gehörte, wie eine Netzrecherche anhand des Firmennamens ergab.

Wenden wir uns nun dem zweiten Foto zu, das die ab Oktober 1927 gebaute Nachfolgeversion des Opel 4/16 PS auf einer Reise im Alpenraum zeigt:

opel_4-16_ps_1927-28_ausschnitt

Gegenüber dem vorigen Foto fällt das abgerundete Vorderschutzblech auf, das das Rad enger umfasst und weniger vom Unterbau des Vorderwagens preisgibt. Auch der hintere Kotflügel verläuft nun nicht mehr so exaltiert.

Ansonsten scheint auf den ersten Blick alles beim alten zu sein. Mit den beschriebenen Änderungen wurde aber auch ein Detail eingeführt, das nur ansatzweise zu erkennen ist.

Dazu schaue man auf der Höhe der rechten Hand des vor dem Opel stehenden Reisenden auf die Gestaltung der Motorhaubenoberseite. Dort zeichnet sich eine nach hinten auslaufende Einkerbung ab, die von einer Stufe in der Kühlermaske ausgeht.

Tatsächlich wurde bei der hier gezeigten späteren Version des Opel 4/16 PS  (ab 1927) der bisherige Rundkühler durch einen markanten Kühler abgelöst, den die Rüsselsheimer bei der US-Luxusmarke Packard abgekupfert hatten.

Nachdem der erste Opel 4/12 PS „Laubfrosch“ ein Plagiat des Citroen 5CV war, setzte man mit der bei Packard geklauten Kühlerpartie noch einen oben drauf. Kurioserweise wurde Opel später von einem Packard-Konkurrenten – General Motors – übernommen…

Da man dieses Detail auf dem von der Seite aufgenommenen Foto kaum erkennen kann, schauen wir uns den am Opel ab 1927 verbauten Packard-Kühler auf der dritten Aufnahme genauer an:

opel_4-20_ps_2-sitzer_und_tourenwagen_wagen1_1929

So unscharf der vordere der beiden abgebildeten Opels auch abgebildet ist, so deutlich tritt doch die abgestufte Form des „Packard“-Kühlers hervor.

Ein Detail weist aber daraufhin, dass dieser Wagen – vom identischen Kühler abgesehen – wohl kein Opel 4/16 PS mehr ist, sondern eine frühe Version des Nachfolgers 4/20 PS, der ab 1929 in der hier zu sehenden offenen Zweisitzer-Ausführung verfügbar war.

So tauchen im Jahr 1929 anstelle der bisher oben abgerundeten Trittschutzbleche am Schweller breitere auf, die oben leicht spitz zulaufen. Das sind subtile Details, aber nur sie erlauben eine Einordnung der Versionen des Opel 4 PS „Laubfroschs“.

Mit der letzten Variante 4/20 PS war das Modell erwachsen geworden und hatte den Makel des Plagiats hinter sich gelassen. Über 100.000 Exemplare wurden bis zum Ende der Produktion im Jahr 1931 gefertigt, mehr als von jedem anderen deutschen Auto zuvor.

Und so kam ein Opel Laubfrosch meist nicht allein. Auf dem dritten Bild ist er auch im Doppelpack unterwegs, irgendwo auf dem Lande zu Erntezeit. Daher noch ein Blick auf den zweiten Opel auf dem Foto:

opel_4-20_ps_2-sitzer_und_tourenwagen_wagen2_1930-31Auch dies muss ein Typ 4/20 PS sein, und zwar eine späte Version, wie sie 1930/31 gebaut wurde. Das verrät der Verlauf der von der A-Säule ausgehenden Zierleiste.

Über die Menschen, die auf den drei Aufnahmen zu sehen sind, ist längst das große Rad der Zeit hinweggegangen. Doch die alten Fotos und die überlebenden Fahrzeuge aus vergangener Zeit erinnern an sie.

Das macht einen Teil der Magie der Oldtimerei aus…

Geländesportwagen der 1930er Jahre von Mercedes

Auf diesem Oldtimer-Blog werden Vorkriegsautos bevorzugt anhand historischer Originalfotos aus der Sammlung des Verfassers präsentiert. Sie zeigen die Fahrzeuge in ihrem ursprünglichen Umfeld und Erscheinungsbild, das sich oft von den Hochglanzrestaurierungen und sterilen Präsentationen unserer Tage unterscheidet.

Bei den meisten Bildern lässt sich der genaue Typ recht gut identifizieren oder zumindest eingrenzen. Bei speziellen Karosserieausführungen kann die genaue Zuschreibung aber Schwierigkeiten bereiten.

Mit so einem Fall haben wir es auf folgender außergewöhnlicher Aufnahme zu tun:

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© Mercedes-Benz 200 Geländesport; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man sieht einen anfahrenden Mercedes-Roadster bei einer der in den 1930er Jahren verbreiteten Geländeprüfungen, für die sich später der Begriff „Rallye“ einbürgerte.

Zunächst erschien es recht einfach, das Modell zu identifizieren. So fand sich im Fundus ein zeitgenössisches Zigaretten-Sammelbild, auf dem ein ganz ähnliches Fahrzeug abgebildet ist – eine falsche Fährte, wie sich noch zeigen wird:

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© Mercedes-Benz 200 Roadster; Zigarettenbild aus Sammlung Michael Schlenger

Das Auto stimmt abgesehen vom flachen Kühlergrill in allen Details mit dem Wagen auf unserem Foto überein. Auf der Rückseite des Sammelbilds steht als Typangabe „Mercedes-Benz 200 Sport-Roadster“.

Doch die einschlägige Literatur liefert keine übereinstimmende Abbildung des Modells. Zwar gab es vom Mercedes 170 (W15) und dem darauf basierenden 200 (W21) eine ähnliche Version, die als „Sport-Roadster“ verkauft wurde. Diese Variante unterschied sich aber in wesentlichen Details vom Fahrzeug auf dem Foto und dem Sammelbild.

So hatte der Sport-Roadster schwungvoll nach hinten verlaufende Vorderkotflügel mit daran anschließendem Trittbrett. Des Weiteren besaß das Modell eine horizontal unterteilte Frontscheibe, deren Oberteil umklappbar war. Außerdem waren die Türen hinten angeschlagen und der Türausschnitt war abgerundet statt eckig wie hier:

mercedes_200_sport-roadster_seitenpartie

Demnach handelte es sich bei dem zur Geländeprüfung angetretenen Mercedes offenbar um eine Sonderversion, die nicht im offiziellen Programm zu finden war.

Sucht man im Netz unter „Mercedes Geländesport“ nach historischen Fotos, stößt man neben dem gleichnamigen Werkssportwagen auf eine weitere Ausführung, die bei Gelegenheiten wie der 3-Tage Mittelgebirgsfahrt 1935 oder der Ostpreußenfahrt 1936 eingesetzt wurde.

Diese Fahrzeuge gab es als 200er, 230er und 290er Mercedes mit einem Aufbau, der in fast allen Details unseren Abbildungen entspricht. Der einzige Unterschied, der dem Verfasser aufgefallen ist, ist eine ausklappbare Seitenscheibe an der A-Säule, die bei einigen dieser Spezialversionen zu sehen ist.

Wie der zuständige Typreferent des Mercedes-Benz Veteranenclubs – Hartmut Schroer –  bestätigte, handelt es sich um eine vom Werk nicht käuflich erhältliche Geländesportausführung, die Privatfahrern leihweise zur Verfügung gestellt wurde.

Der Wagen auf unserem Foto war die 200er Version, zu erkennen an der Zahl der seitlichen Luftschlitze und der Länge der Motorhaube.

Ein Wort noch zum Charakter der Veranstaltung, bei der unser Schnappschuss einst entstanden ist. Im Hintergrund sind etliche Personen mit militärisch anmutendem Erscheinungsbild zu erkennen.

mercedes_200_sport-roadster_frontpartie

Bei den Herren mit Leder- bzw. Staubmantel dürfte es sich um politische Funktionsträger des NS-Regimes handeln, während weiter rechts auch Mitglieder von SA, NSKK und Reichswehr bzw. Wehrmacht anwesend zu sein scheinen.

Die Geländesportveranstaltungen im Dritten Reich genossen hohe politische Aufmerksamkeit und Unterstützung, da hier das Leistungsvermögen deutscher Technik publikumswirksam zur Schau gestellt werden konnte.

Militärischen Nutzen hatten diese Sportveranstaltungen dagegen kaum. Die eingesetzten Fahrzeuge waren seriennah und verfügten weder über Allradantrieb, Sperrdifferential oder besondere Bodenfreiheit.

Für den Bedarf des Heeres wurden ohnehin bereits seit Reichswehrzeiten und vermehrt für die Wehrmacht von allen bedeutenden Herstellern aus Serienmodellen abgeleitete Kübelwagen produziert. Sie werden auf diesem Blog ebenfalls behandelt (Übersicht).

Somit dürfte bei den Geländeprüfungen trotz der Präsenz von Uniformträgern für die Teilnehmer der sportliche Charakter im Vordergrund gestanden haben.

In England pflegt man das Vergnügen, seriennahe Vorkriegsautos durchs Gelände zu prügeln, übrigens bis heute bei den populären „Trials“ – eine weitere Tradition rund ums alte Blech, bei denen wir von den Briten einiges lernen können…