Über Michael Schlenger

Ich bin gelernter Kaufmann und studierter Ökonom (Dipl-Vw.). Nach langen Jahren der Tätigkeit in der Wissenschaft und im Bereich Vermögensverwaltung arbeite ich als freiberuflicher Übersetzer und Texter mit Spezialisierung auf den Finanzsektor. Privat sammle und warte ich historische Automobile und Motorräder - je älter und patinierter, desto besser. Auf bestimmte Marken bin ich nicht festgelegt. Mein Fotoarchiv umfasst mehrere tausend historische Originalaufnahmen und sonstige Dokumente von Vorkriegsfahrzeugen. Am Herzen liegen mir außerdem historische Baudenkmäler, Musik von Renaissance bis Spätromantik sowie klassische Literatur. In allen Lebensbereichen folge ich dem Grundsatz der Aufklärung: Glaube nichts, prüfe alles, denke selbst!

Dahinter steckt ein kluger Kopf: Minerva von 1907/08

Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung denken jetzt sicher an den Werbespruch: „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ – nun ja, das war einmal.

Als Abonnent des Traditionsblatts habe ich das vom Werteverständnis bürgerlich-konservative und in wirtschaftlicher Hinsicht liberale Profil selbst viele Jahre geschätzt. Morgens auf dem Weg zur Arbeit „Politik und Finanzen“, abends dann „Feuilleton“ und „Reiseteil“, gern auch „Technik & Motor“ – damit hatte jeder Tag perfekte Struktur.

Das ist freilich längst Vergangenheit, nachdem die Herausgeber das Profil der FAZ von rechts auf links gedreht haben und den Nachwuchs bei FR und TAZ rekrutieren. Das Netz bietet zum Glück auch hier Alternativen zum unkritischen Einerlei.

Online findet der in Sachen Automobil Konservative ebenfalls jede Menge Material, für das gilt: „Dahinter steckt ein kluger Kopf“. Gerade bei der Entstehung der ganz frühen Wagen war das Wirken begabter Individualisten entscheidend, nicht anonyme Entwickler-Kollektive.

So war das auch bei der belgischen Marke Minerva, um die es heute wieder einmal geht. Sylvain de Jong war der kluge Kopf dahinter und die antike römische Göttin der Weisheit – Minerva – lieferte den passenden Firmennamen dazu.

Nach dem Einstieg in die Produktion von Fahrrädern (1898) und Motorrädern (1899) stellte De Jong schon 1900 das erste Auto vor. Der Serienbau begann jedoch erst einige Versuchstypen später im Jahr 1904. Bereits 1906 hatte sich die Firma unter De Jong in die Oberklasse des europäischen Automobilbaus hochgearbeitet.

Ein schönes Beispiel für einen solchen frühen Minerva habe ich hier vorgestellt. Der Wagen, den ich heute präsentieren kann, scheint direkt daran anzuknüpfen – er entstand sehr wahrscheinlich 1907/08:

Minerva von 1907/08; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Den Abmessungen nach zu urteilen, handelt es sich mindestens um den großen Vierzylindertyp 24CV (1908: 28 CV) mit über vier Liter Hubraum. Daneben gab es ein Sechszylindermodell 40 CV, dessen Aggregat über sechs Liter maß.

Die zeitliche Einordnung ist anhand einiger Details der Frontpartie möglich. So taucht erstmal 1906 an den Minerva-Wagen die charakteristische Einbuchtung in der Haube auf, die bis in die 1930er markentypisch bleiben sollte.

Das findet sich zwar ähnlich auch bei Wagen von Lorraine-Dietrich, doch dort verläuft die obere Einfassung des Kühlernetzes nicht waagerecht, sondern folgt der Kontur der Kühlerfront (siehe hier).

Die runde Plakette mit dem Porträt der Göttin Minerva taucht auf Abbildungen erst 1907 auf, bis dahin zierte nur der Markenname das Kühleroberteil. Auch wenn die Plakette hier lediglich schemenhaft zu erkennen ist, können wir so eine Datierung ab 1907 annehmen:

Da die schwingenartige Ausführung der Kotflügel ohne Verbindung mit dem Trittbrett schon 1909 verschwunden war (auch bei anderen Herstellern), spricht aus meiner Sicht alles für eine Entstehung dieses Wagens 1907/08.

Übrigens gilt auch für diesen Ausschnitt „Dahinter steckt ein kluger Kopf“. Denn außer dem Fahrer, der gerade um die Frontpartie herumzugehen scheint, sehen wir hinter dem Minerva eine weitere Person, die ich als den Besitzer des Wagens ansprechen würde.

Dieser muss schon ein kluger Kopf gewesen sein, weil er andernfalls das nötige Kleingeld für dieses damals ungeheuer teure Fahrzeug kaum hätte aufbringen können. Ein solcher Minerva repräsentierte damals nämlich den Gegenwert eines Hauses.

Weitere kluge Köpfe darf man auf dem Rücksitz des Wagens vermuten. Denn die Damen in der Schicht, in der man sich so etwas leisten konnte, waren keine Heimchen am Herd, sondern gebildete und souveräne Frauen, die den komplexen Konventionen der „besseren Gesellschaft“ genügen mussten.

Sie waren Managerinnen eines umfangreichen Hausstands mit Bediensteten und übten oft auf subtile Weise erhebliche Macht aus, was die Geschicke der Familie oder auch eines etwaigen Unternehmens in deren Besitz angeht.

Vermutlich steckten diese Damen an Bildung, Eloquenz und gesellschaftlichem Einfluss manche heutige Quotenfrau in die Tasche – in Anbetracht der damaligen Hutmode darf man hier wohl sagen: „Darunter steckt ein kluger Kopf“:

„Darunter“, „dahinter“, „darüber“ – das beschäftigt uns auf diesem Ausschnitt gleich nochmals.

Denn unter dem Trittbrett auf Höhe der Reservereifen sind zwei Herrenschuhe und Hosenbeine zu sehen. Wo aber ist der (kluge?) Kopf darüber zu sehen?

Nun er scheint aus unserem Blickwinkel auf den Minerva „dahinter“ verborgen zu sein – schade, auch ihn hätten wir gern kennengelernt. So müssen wir uns mit den gesteppten Lederpolstern begnügen, die den Blick versperren.

Dennoch hat uns der Zufall – oder war es Absicht? – hinter dem Minerva ein weitere Sehenswürdigkeit beschert: ein Motorrad, das ich anhand der Form des Tanks auf 1909/10 datieren würde.

Damit kehren wir wieder zu dem klugen Kopf hinter Minerva zurück – besagtem Sylvain de Jong, der mit der Entscheidung für die Motorisierung seiner Fahrräder den entscheidenden Schritt hin in Richtung Automobil getan hatte.

Seine letzte Großtat – im wahrsten Sinne des Wortes – war der Entwicklungsauftrag für einen „Super-Minerva“ im Jahr 1928. De Jong starb im selben Jahr und erlebte nicht mehr das Debüt dieses Luxusautomobils, das mit einem 6,6 Liter großen Achtzylindermotor (125 PS Leistung) nochmals zu den besten Europas gehören sollte.

Doch das ist eine andere Geschichte, die ich gelegentlich anhand eines zeitgenössischen Originalfotos erzählen will…

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Ein Hauch von Hollywood: 1931er Buick an der Ostsee

Schon wieder ein Ami, und dann noch ein Buick – Massenware aus dem Hause General Motors. Das mag jetzt einer denken, der hier lieber etwas mit Prestige sähe.

Groß widersprechen kann man da nicht. Ein Buick war traditionell gehobene Mittelklasse in den Staaten. Technisch wurde allenfalls Standard geboten und natürlich waren die Produktionszahlen sechsstellig – pro Jahr, versteht sich.

Bloß: Was damals in Detroit unter Buick-Flagge vom Fließband lief, bot so ziemlich alles, was des Automobilisten Herz begehrt, solange es nichts Sportliches oder Luxuriöses sein sollte.

Für den Glamour-Effekt sorgte man nötigenfalls selbst – das Ergebnis sah dann so aus:

Buick „Eight“ von 1931; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was könnte es hier auszusetzen geben, außer vielleicht dem Fehlen eines Mercedes-Sterns oder einer geflügelten Horch-Weltkugel?

Die enorm teuren in Manufaktur gebauten Wagen deutscher Provenienz mögen technisch raffinierter und luxuriöser ausgestattet gewesen sein, doch wenn es um vernünftig gepreiste Sechs- und Achtzylinderautos ging, führte an US-Fabrikaten kein Weg vorbei.

Man kann es gar nicht oft genug betonen, wie präsent um 1930 die Amerikaner-Wagen in einem Segment waren, in dem einheimische Hersteller wenig Konkurrenzfähiges auf die Räder stellten. Davon ist auf heutigen „Oldtimer“-Veranstaltungen kaum noch etwas zu sehen, auf denen es vor Prestigefahrzeugen nur so wimmelt.

In Berlin, wo dieser prächtige Buick einst zugelassen war, waren US-Automobile dagegen ein alltäglicher – und wie hier oft erbaulicher – Anblick:

Das Steinschlaggitter vor dem Kühler macht die Identifikation der Marke nicht ganz einfach, doch eine Reihe von Details erlauben es, diesen Wagen als Buick anzusprechen:

Das Kühlergehäuse weist in der gerundeten Partie etwa mittig einen „Knick“ auf, der sich in der Haube eine Weile fortsetzt. Buick-typisch war 1929/30 außerdem die spitz zulaufende Verzierung des vorderen Kotflügelendes.

Für Gewissheit sorgt schließlich das geschwungene „B“ auf den Radkappen – hier an optional erhältlichen Scheibenrädern montiert – meist findet man Speichenräder an den Buicks der späten 20er und frühen 30er. Die Scheibenräder könnten eine Besonderheit in Deutschland montierter Buicks gewesen sein.

Womöglich haben wir es hier auch mit einer Manufakturkarosserie aus deutscher Produktion zu tun. Zurecht kamen sich diese Herrschaften mit ihrem Buick ganz schön glamourös vor:

Man hatte Kleidung und Posen damaliger Filmschauspieler offenbar so weit studiert, dass man sich selbst so zu inszenieren wusste.

Dieser Hauch von Hollywood – den heute hierzulande schwerlich finden wird – macht für mich den eigentlichen Reiz dieser Aufnahme aus.

1931 ist dieses schöne und technisch ausgezeichnete Foto entstanden – wahrscheinlich in Swinemünde vor dem Strandhotel „Walfisch“ (Hinweis von Leser Klaas Dierks).

Wie mögen sich die darauf abgebildeten Personen in der zwei Jahre später beginnenden national-sozialistischen Diktatur verhalten haben?

Offene Anbiederung, oberflächliche Anpassung, innere oder tatsächliche Emigration waren die Optionen, vor denen damals jeder stand – egal, ob man Besitzer eines Buick war oder zu Fuß zur Arbeit musste. Echter Widerstand kam kaum in Frage, da lebensgefährlich.

Wie schnell für den Einzelnen die selbstverständliche Leichtigkeit des Seins dem unbarmherzigen Zugriff eines ideologischen Kollektivs weichen kann, auch daran erinnern einen solche Zeugnisse, auf denen für einen Moment eine perfekte Welt wie aus einem Hollywood-Film festgehalten ist, in der scheinbar kein Platz für düstere Gedanken ist…

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Schöne Bescherung: Oma Käthe im Opel von 1908/09

Nach ein paar Tagen Funkstille, die einem verschärften Arbeitspensum geschuldet waren, geht es nun weiter mit meinen Streifzügen durch die Wunderwelt des Vorkriegsautomobils.

Um meine regelmäßigen Leser (und mich) für entgangenen Genuss zu entschädigen, habe ich mich pünktlich zu Weihnachten für etwas entschieden, das zweifellos eine schöne Bescherung für die ganze Familie darstellt:

Opel Tourenwagen von 1908/09; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer einst dieses Automobil besaß, hatte sich damit bereits vor Weihnachten eine schöne Bescherung gegönnt und wusste genau, was er da für ein Prachtstück sein eigen nannte.

Entsprechend wirkungsvoll wurde das Fahrzeug inszeniert – ganz offensichtlich von Könnerhand. Privataufnahmen so früher Wagen aus derartiger Perspektive sind nur schwer zu finden – schon das stellt für uns eine schöne Bescherung dar.

„Eine schöne Bescherung“ – das trifft auf das Foto allerdings auch in anderer Hinsicht zu, diesmal als Seufzer gemeint. Denn der Originalabzug befindet sich in sehr schlechtem Zustand, an sehr vielen Stellen hat sich die Oberfläche abgelöst.

Die Situation erschien mir aber zu reizvoll, um sie dem Vergessen anheimzugeben und so begann ich in langwieriger Arbeit die digitalisierte Aufnahme zu retuschieren. Das bescherte mir besinnliche Stunden des Auffüllens von Fehlstellen.

Nur im Bereich der Vorderachse habe ich bewusst einen Teil der Schäden beibehalten, die sich genau in dieser Form über den ganzen Wagen und die Insassen hinwegzogen:

Der Aufwand hat sich gelohnt, finde ich, denn wo findet man ein solches Dokument, bei dem sogar die Herstellerplakette auf der Schottwand hinter der Motorhaube lesbar ist?

Markenkenner hätten wohl auch so erkannt, dass wir hier einen frühen Opel vor uns haben. Die Form des Kühlers mit dem charakteristisch gestalteten Einfüllstutzen ist jedenfalls ein starkes Indiz für ein Fabrikat aus Rüsselsheim aus der Zeit deutlich vor dem 1. Weltkrieg.

Der „OPEL“-Schriftzug auf besagter Plakette bestätigt diese Annahme, sodass man sich im nächsten Schritt der Identifikation des Typs zuwenden kann. Doch bei Sichtung der in Frage kommenden Modelle gilt einmal mehr: „Das ist ja eine schöne Bescherung“.

Denn die Firma Opel, deren damaligen Rang man nicht ermessen kann, wenn man das ernüchternde heutige Erscheinungsbild der Marke zugrundelegt, bot schon vor 1910 eine große Vielfalt an Motorisierungen, die vom legendären „Doktorwagen“ mit 8 PS über etliche Mittelklassemodelle bis hin zu veritablen Luxustypen mit bis zu 60 PS reichten.

Äußerlich waren diese unterschiedlichen Opel-Wagen meist nur an den Proportionen unterscheidbar. Im vorliegenden Fall kommt wohl ein Mittelklassemodell in Frage.

Genauer lässt sich dagegen das Baujahr eingrenzen, wobei Vergleiche mit datierten Abbildungen helfen, wie sie die treffliche „Opel Fahrzeug-Chronik, Band 1“ (Barthels/Manthey, Verlag Podszun, 2012) sehr zahlreich enthält.

Demnach tauchen bei Opel direkt ins Trittbrett übergehende Vorderkotflügel erstmals 1908 auf. Da ab 1910 bei den meisten deutschen Fabrikaten, so auch bei Opel, die Partie zwischen Motorhaube und Schottwand von einem strömungsgünstigen Blech – Windlauf, Windkappe oder Torpedo genannt – kaschiert wurde, spricht viel für 1908/09 als Baujahr.

Das ist ein schönes Ergebnis nach all den Mühen, die mir dieses Foto beschert hat. Wer sich dafür interessiert, wie ein Opel aus genau dieser Zeit mit praktisch identischem Aufbau aussieht, der wird auf der Website von Tobias Wenzel (Wiesbaden) fündig:

Opel 10/18 PS von 1908; bearbeitete Version des Originalfotos von Tobias Wenzel (Bildquelle)

Von wenigen Details abgesehen entspricht dieser überlebende Opel 10/18 PS von 1908 exakt dem Fahrzeug auf meinem historischen Originalfoto.

Wer genau hinschaut, wird bemerken, dass der Motor des Opel 10/18 PS offenbar weniger Platz in Anspruch nahm als das Aggregat des eingangs gezeigten Wagens. So ragt dort die Motorhaube bis zur Oberkante der Schottwand, außerdem ist unter dem Kühler ein verziertes Blech angebracht, das beim Opel 10/18 PS fehlt.

Ich neige daher dazu, „meinen“ Opel eher in der Leistungsklasse oberhalb von 20 PS anzusiedeln; in Frage käme beispielsweise der Typ 18/30 PS. Genau wird man das aber wohl nicht mehr sagen können.

Genau bekannt ist dafür ein weiteres Detail dieses großzügigen Tourenwagens, nämlich der Name einer Insassin: „Oma Käthe“ steht von alter Hand auf der Rückseite des Originalabzugs und vermutlich war sie mit einem Kreuz auf dem Foto markiert.

Die großflächigen Zerstörungen haben leider etwaige Hinweise darauf getilgt, wer nun „Oma Käthe“ war. In Frage kommt neben der Beifahrerin auch das Mädchen auf dem Rücksitz, dessen Gesicht sich leider nur noch teilweise wiederherstellen ließ:

Rund 110 Jahre dürften mittlerweile vergangen sein, seitdem diese schöne Aufnahme an einem unbekannten Ort entstand.

Von den Insassen ist das vielleicht das letzte Zeugnis, das es ins 21. Jahrhundert geschafft hat. Der Opel ist sicher ebenfalls längst den Weg alles Irdischen gegangen.

Wenn Sie, liebe Leser, nun an Weihnachten Fotos mit der Familie machen – wenn auch vermutlich ohne Auto – dann bedenken Sie dabei, dass es passieren kann, dass jemand dereinst im Jahr 2130 die Situation und die Gesichter studiert.

Ob dann noch jemand ausruft – „Das ist ja eine schöne Bescherung!“ – das bleibt der Qualität des Fotos und dem Gang der Geschichte überlassen…

Und nun wünsche ich allen treuen Lesern und Besuchern meines Blogs „Fröhliche Weihnachten“!

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Vom Schaffer zum Schönling: Chevrolet 1924-29

Heute geht es in die (vermeintlichen) Niederungen der Vorkriegsautomobilität – und zugleich in die Tiefen unserer an Merkwürdigkeiten so reichen Sprache.

Wer beim Titel eher an den „Schaffner“ denkt, liegt nicht verkehrt, doch der damit verwandte „Schaffer“ ist bewusst gewählt. Der alte Name bezeichnet ursprünglich jemanden, der auf einem landwirtschaftlichen Anwesen Herr über Keller und Küche war.

Er sorgte dafür, dass stets genügend Lebensmittel vorhanden waren, war quasi in kulinarischer Hinsicht „schöpferisch“ tätig – dieses Wort ist sprachgeschichtlich damit eng verwandt.

Erst später wich die konkrete Bedeutung von „schaffen“ und „schöpfen“ einer allgemeineren – man denke nur an die Kultur“schaffenden“ – eine Wortschöpfung der 1920er Jahre, die in der DDR Karriere machte und sich neuerdings wieder breitmacht.

Da bleibe ich lieber beim traditionellen „Schaffer“ – der norddeutschen Variante des „Schaffners“, die sich vor allem in der Seemannssprache findet.

In Norddeutschland – und in einem gewissem maritimen Kontext – ist auch das erste der beiden Fotos entstanden, anhand derer ich die steile Karriere des Chevrolet vom „Schaffer“ zum „Schönling“ illustriere, die sich von 1924 bis 1929 vollzog:

Chevrolet von 1924; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Diese herrlich inszenierte Situation ist auf einem Foto festgehalten, das ich Leser Klaas Dierks verdanke.

Die Aufnahme transportiert uns mitten in das Leben auf einem Gutshof irgendwo im Raum Lübeck – das lässt zumindest das Kennzeichen der Hansestadt vermuten. Der maritime Kontext erschöpft sich zwar damit, aber dass wir es hier mit „Schaffern“ zu tun haben, steht außer Frage.

Dazu zählt für mich auch der Pritschenwagen mit hölzerner Bordwand, der hier vermutlich zum Transport von Feldfrüchten eingesetzt wurde. Das urig wirkende Vehikel ist unschwer am markentypischen Kühleremblem als Chevrolet zu identifizieren.

Zwar sind kaum Details des Vorderwagens zu erkennen, aber was man sieht, genügt zur zeitlichen Einordnung. Die kleinen Positionsleuchten vor der Windschutzscheibe tauchen ab 1924 in der Serienausführung auf, zuvor gab es sie nur als Extra.

Spätere Modelljahre kann man ausschließen, da die Oberseite des Kühlers dann unten nicht mehr waagerecht, sondern nach unten geschwungen verlief bzw. eine nach unten weisende Spitze besaß.

Über eine Viertelmillion Chevrolet-Wagen des Modelljahrs 1924 wurden weltweit abgesetzt. Die einfachen, aber robusten und preisgünstigen Chevies verkauften sich auch in Europa ausgezeichnet. In Deutschland fand man ebenfalls Abnehmer, wie man sieht.

Während ein Großteil der deutschen Landwirte so arm war, dass sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt motorisierte Fahrzeuge erwerben konnten, haben wir es hier zweifellos mit einem Auto zu tun, das zu einem großen, wirtschaftlich erfolgreichen Hof gehörte.

Für die jungen „Schaffer“ auf dem Foto, gehörte der fleißige Chevrolet zwar zum Alltag, aber für sie selbst blieb ein Automobil unerreichbar, sofern sie es nicht später irgendwann „schafften“:

Diesen Burschen steht die harte Arbeit bereits in Gesicht geschrieben, aber das war nun einmal der Alltag für den Großteil derer, die zwischen den Weltkriegen aufwuchsen. Ihre Kleidung ist die von Erwachsenen – die Kindheit war kurz und prosaisch in jener Zeit.

Hier heutige Maßstäbe anzulegen, ist müßig. Unsere Vorfahren hatten schlicht keine andere Wahl, während heute viel zuviele ihr Zeit (und das Geld der Eltern) mit brotlosen Studien verplempern.

Selbstbewusst schauen die Drei in die Kamera, nur die gleißende Sonne hinter dem Fotografen zwingt sie, die Augen zusammenzukneifen. Wie kommen wir nun von diesen Schaffern vor dem tüchtigen Chevy zum titelgebenden Schönling?

Nun, der kündigt sich bereits auf dieser Aufnahme an:

Der uns ernst fixierende junge Mann mit der Handluftpumpe kennt zweifellos die Welt der Schaffer. Die kräftigen Schuhe mit Ledergamaschen und die zerknitterte Hose sehen nach Arbeit auf dem Lande aus. Doch unter der Jacke schaut ein weißes Oberhemd mit elegant gestreifter Krawatte hervor.

Dieser Mischung aus ländlicher Kluft und städtischem Chic steht ihm ausgezeichnet und mit diesem Stil wäre man auch heute mit einem Vorkriegswagen authentisch unterwegs. Selbst wenn er hier etwas grimmig schaut, scheint mir das ein gutaussehender Mann zu sein – die Damen in meiner Leserschaft werden das hoffentlich bestätigen.

Neben unserem Schönling vom Lande steht ebenfalls ernst und würdevoll ein Vertreter der vorherigen Generation – ich bin sicher, dass wir hier Vater und Sohn vor uns haben.

Wer genau hinschaut, wird hier nicht nur die Übereinstimmung des Gesichts bemerken, sondern auch den Willen zu korrekter Kleidung trotz des Arbeitsumfelds. Wenn ich mich nicht täusche, trägt er eine Fliege zum Vatermörder-Kragen.

Vermutlich sehen wir hier den Besitzer eines großen Hofs, der nicht nur etwas von der Arbeit, sondern auch vom Geschäft versteht. Mit Anzug würde er in einer Runde zeitgenössischer Unternehmer nicht auffallen – eine eindrucksvolle Persönlichkeit.

Nun fehlt nur noch der Schönling in automobiler Hinsicht – dem Arbeit zwar nach wie vor nicht fremd ist, der sich aber eher in städtischer Umgebung wohlfühlt, hier ist er!

Chevrolet Series AC International; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Kaum zu glauben, dass zwischen dem Chevrolet auf dem ersten Foto und auf diesem gerade einmal fünf Jahre liegen.

Auf einmal haben wir hier einen prächtig verchromten Kühler mit nunmehr modifiziertem Markenemblem und eine Doppelstoßstange ebenfalls mit schwerer Chromauflage. Die Kotflügel sind nun gleichmäßig gerundet und vor dem Kühler befindet sich ein Blech, das sowohl den Straßenschmutz abweist als auch auch den Blick die Achse kaschiert.

Typisch für das Modelljahr 1929 sind die schmalen und hohen, nach hinten versetzten Luftschlitze in der Motorhaube. Die Scheibenräder gab es wahlweise auch bei früheren Modellen, sie verraten daher wenig über das Baujahr.

Interessant finde ich das Kennzeichen, das auf eine Zulassung in Zwickau in Sachsen verweist, damals eines der Zentren der deutschen Automobilindustrie. Warum kaufte dort jemand lieber einen solchen Chevrolet als beispielsweise einen Wanderer?

Versetzen wir uns in die Lage des Besitzers: Ein solcher Chevrolet mit 6-Zylindermotor (46 PS) kostete als Limousine 4.800 Reichsmark. Für einen Durchschnittsverdiener war das damals unglaublich viel Geld und völlig unerreichbar.

Doch auch wer weit besser verdiente, musste mit der Mark rechnen. Ein 6-Zylinder-Wanderer (Typ W11) bot zwar 5 PS Mehrleistung und eine günstigere Steuerklasse. Aber er kostete als ebenfalls viertürige Limousine ungeheure 8.000 Reichsmark.

Selbst der schwächere Wanderer Vierzylindertyp 8/40 PS (W10-II) war mit 6.750 RM preislich nicht annähernd konkurrenzfähig. Kein Wunder, dass US-Importwagen Ende der 1920er Jahre mehr als ein Viertel Marktanteil in Deutschland hatten.

Da war die Entscheidung schnell für den US-Wagen gefallen, und sein Besitzer scheint ausgesprochen zufrieden damit zu wirken. Er mag selbst nicht als „Schönling“ durchgehen, doch sein Erscheinungsbild weist ihn als Mann von urbanem Geschmack aus.

Die Knickerbockerhose mit Pepita- oder Hahnentrittmuster in Kombination mit den raffiniert gemusterten Socken wäre bei den eingangs vorgestellten norddeutschen Gutsbesitzern sicher als überkandidelt wahrgenommen worden.

Auch das Oberteil mit regulierbarem Kragen war ein ausgesprochen modisches Stück, dessen Herkunft ebenfalls in den USA zu suchen sein könnte (weiß es jemand genau?). Immerhin ist darunter das damals unvermeidliche Oberhemd mit Krawatte zu erahnen.

Mir gefällt dieses Outfit ausgezeichnet, auch wenn es damals auf Vertreter des konservativen Geschmacks vielleicht etwas ganovenhaft gewirkt hätte.

Der Chevrolet genoß 1929 auf jeden Fall einen seriösen Ruf als achtbarer Mitteklassewagen. Er hatte sich binnen weniger Jahre aus der Welt der Schaffer hochgearbeitet und wusste nun mit schönen Details zu glänzen, für die man zuvor weder Geld noch Sinn hatte. Sein Erfolg macht auch heute noch sprachlos: Über 1,3 Millionen Exemplare des 1929er Modells wurden einst gebaut!

Für viele Besitzer folgte auf diesen kometenhaften Aufstieg 1929 leider wieder ein jäher Absturz, doch das ist eine andere Geschichte…

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Gekonnt frisiert: Protos 10/45 PS Limousine

Eine gekonnte Frisur war noch nie so wertvoll wie unseren Tagen. Leider habe ich den rechten Zeitpunkt für einen Haarschnitt verpasst, obwohl der harte Lockdown seit Wochen zu riechen war – doch die Arbeit geht nun einmal vor, auch der Fiskus ist hungrig.

Dass der Staat den Untertanen aus „hygienischen Gründen“ den Friseurbesuch verbietet, während die arbeitende Bevölkerung weiter täglich in öffentlichen Verkehrsmitteln zusammengepfercht ist und die „Eliten“ in Talkshows eng zusammenhocken, um über Kritiker ihres Treibens herzuziehen, wäre beispielsweise 1968 unvorstellbar gewesen.

1968 standen für Medien und Politik ganz andere Themen als die „Volksgesundheit“ im Vordergrund, obwohl damals ein Virus namens A/H3N2 massenhaft seinen Tribut forderte. Ältere Semester werden sich erinnern, dass das Leben damals natürlich weiterging.

Schauen wir, wie lange die Obrigkeit diesmal die „Zügel angezogen“ hält. Im Wissen um das verminte Gelände, das sich hier auftut, wende ich mich dem Thema Frisur an einem unverdächtigen Beispiel zu, das uns über 90 Jahre zurück in die Vergangenheit transportiert und eine ganz wunderbare Ablenkung darstellt:

Protos Typ C1 10/45 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Diese Prachtaufnahme, die mir Leser Matthias Schmidt aus Dresden zur Verfügung gestellt hat, gibt zur Abwechslung zwar keine Rätsel auf, eignet sich aber hervorragend für eine nähere Betrachtung.

Der einzigartige, ganz leicht spitz zulaufende Kühler mit dem prächtigen Ornament im oberen Bereich lässt diese Limousine als Produkt der Berliner Protos GmbH erkennen, deren Geschichte bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht.

Die auf zwei Gruppen verteilten, insgesamt zehn Haubenschlitze sind Merkmal des Modells C1 10/45 PS, das von 1924-27 gebaut wurde. Da hier noch keine Vorderradbremsen zu sehen sind, ist dieser Wagen nicht später als 1925 entstanden.

Von der größeren Motorleistung abgesehen, die für erhöhten Kühlbedarf sorgte, unterschied sich der Protos Typ C1 10/45 PS kaum vom Vorgängermodell C 10/30 PS, das wir hier mit ganz ähnlichem Aufbau sehen (Foto ebenfalls von Matthias Schmidt):

Protos Typ C 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Optisch ins Auge fällt – abgesehen von der geringeren Zahl an Luftschlitzen – lediglich der stärker zugespitzte und prachtvoll vernickelte Kühler des seit 1918 gebauten Modells C.

Dass der Nachfolgetyp C1 nunmehr über 45 statt 30 PS Leistung verfügte, war Ergebnis einer gekonnten Frisur. So hatten die Protos-Leute dem nach wie vor 2,6 Liter großen Vierzylinder einen neuen Zylinderkopf verpasst, in dem die Ventile hängend angebracht waren, was eine wesentlich bessere Leistungsausbeute ermöglichte.

Solche Methoden gehörten lange Zeit ebenso zum klassischen Frisieren, wie die Optimierung von Ansaugtrakt und Auspuffanlage, das Vergrößern von Ventilen, geänderte Steuerzeiten und Feinwuchten der Kurbelwelle zwecks höherer Drehzahlfestigkeit.

Was davon die Friseure bei Protos neben dem neuen Zylinderkopf noch unternahmen, um dem Modell C1 zu einer Leistungssteigerung von satten 50 % zu verhelfen, ist mir nicht bekannt. Die eine oder andere handwerkliche Finesse wird schon dabeigewesen sein.

Von klassischem Zuschnitt ist der Aufbau als großzügige 6-Fenster-Limousine mit viel Glas, das heute unvorstellbare Verletzungsgefahren barg. Aber die Lebensrisiken waren generell weit höher als heute – hätte man deshalb die ganze Gesellschaft stillegen sollen?

Sicher bewegten den mutmaßlichen Besitzers dieses Protos einst ganz andere Fragen. Frisurtechnisch hat dieser Mann aber auch aus heutiger Sicht alles richtig gemacht, und das nicht nur um Hinblick auf den Motor seines Wagens:

Zwar zeigt sich auf dem nachdenklichen Haupt noch eine störrische Locke, doch mit dem militärischen „Undercut“ – bei Teilen der Jugend wieder schwer in Mode – wäre dieser Herr bestens gewappnet für einen längeren Lockdown

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Verkehrte Welt: Impressionen vom Peugeot 201/301

Heute ist ein Vorkriegsauto an der Reihe, das ich erst einmal vorgestellt habe (hier) und das – zumindest in Deutschland – auch nicht sonderlich bekannt ist.

Wenn es dennoch kein Kandidat für die Kategorie „Fund des Monats“ ist, dann liegt das zum einen daran, das es letztlich ein Großserienfabrikat zeigt, zum anderen daran, dass mit den Bildern, die mir davon vorliegen, etwas „nicht stimmt“.

Natürlich handelt es sich um zeitgenössische Originalabzüge, aber an allen den Fotos, die ich heute zeige, ist etwas „verkehrt“ – jedenfalls nicht so, wie man sich die Welt von damals vorstellt.

Über den Autotyp will ich nicht viele Worte verlieren, denn man sieht nicht allzuviel von den Wagen auf diesen Aufnahmen und ungewöhnlich ist nichts daran.

Es geht um den Mittelklassetyp 201 von Peugeot in der ab 1934 gebauten Ausführung mit konventionellem 1,3 Liter Vierzylinder, der 28 PS leistete. Damit war er etwas stärker als der 201 in der 1931 vorgestellten Erstversion.

Das technisch auch sonst unauffällige Fahrzeug konnte in der ab 1934 gebauten Variante eines für sich verbuchen – eine gefällige Frontpartie mit schrägstehendem Kühler und seitlichen Luftklappen, die mit Chromleisten verziert waren:

Peugeot 201 von 1934/35; Ausschnitt aus Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Es hat mehrere Gründe, weshalb dieses Foto ausschnitthaft wirkt – vor allem den, dass es einer von mehreren Ausschnitten des Originals ist. Was ich mir bei diesem hier gedacht habe, sehen wir gleich.

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die Aufnahme trotz des unglücklich ins Bild ragenden Baumstamms einen ganz eigenen Reiz hat. Denn schnell lässt man sich hier von der Front des Peugeot ablenken, der ein Wappen mit dem Markennamen und der „201“ mittig auf dem Kühlergrill trägt.

Ganz klar geht der Charme dieses technisch mäßigen Fotos von der eleganten jungen Dame aus, die uns hier mit keck ins Gesicht gerücktem Hut anlächelt. „Ja, die Französinnen der Vorkriegszeit“, mag jetzt mancher denken, „leider passé“.

Leider vorbei ist schon richtig – nur in diesem Fall vorbei am Aufnahmeort. Denn diese charmante Situation entstand Mitte der 1930er Jahre nicht etwa in Frankreich, sondern in deutschen Landen – dem Kennzeichen nach zu urteilen vielleicht sogar in Berlin:

Peugeot 201 von 1934/35; Originalfoto aus Sammlun Michael Schlenger

Ein solcher Peugeot war in den 1930er Jahren in Deutschland eine ziemlich seltene Angelegenheit.

Was mag den Besitzer bewogen haben, die damals nicht gerade bescheidene Auswahl inländischer Fabrikate zu ignorieren und ein französisches Fahrzeug zu bevorzugen, das im Unterschied zu Citroen nicht einmal im Inland gebaut worden war?

Man wird persönliche Bezüge vermuten dürfen – seien sie geschäftlicher Art oder privater Natur. Vielleicht hatte ja ein Franzose hierzulande eine deutsche Frau geheiratet, wollte aber zumindest in automobiler Hinsicht der Heimat treu bleiben.

Wer meint, dass es in der unmittelbaren Vorkriegszeit überall nur streng patriotisch zuging, wird hier eines Besseren belehrt. Verkehrt ist jedenfalls die Vorstellung, dass die Welt so eindimensional war, wie sie die damalige Regierungspropaganda zeichnete.

Die Erwartungen bricht auch der Bau im Hintergrund: ein mehrstöckiges Wohnhaus im Stil der Moderne, der sich nach bald 100 Jahren hartnäckig hält, obwohl er meist nur die gleichen Kästen (verklärend „Kuben“ genannt) hervorbringt.

Der Kontrast zwischen den organischen Formen des Peugeot und der Nüchternheit des Gebäudes dahinter könnte kaum größer sein. Für mich geht beides nicht zusammen, obwohl Vorkriegsautos sonst mit jedem historischen Stadbild harmonieren.

Verkehrt ist auch einiges auf dem zweiten Foto, denn hier sind die zarten deutsch-französischen Bande, die sich auf dem ersten erahnen lassen, ins Gegenteil verkehrt.

Zum einen findet sich hier ein Peugeot 201 in einer Welt wieder, für die er von seinen Erbauern ganz sicher nicht gedacht war – im Krieg auf deutscher Seite:

Peugeot 201 von 1934/35; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die beiden nicht mehr ganz jungen Wehrmachtssoldaten, die sich hier während einer Marschpause „Anzugserleichterung“ genehmigt haben, mögen einer Nachschub- oder Wartungseinheit angehört haben – sonderlich martialisch wirken sie jedenfalls nicht.

Vielleicht haben die beiden dieses ausdrucksstarke Bild mit einem Selbstauslöser gemacht. Der versonnene Blick des Mannes vor dem grau überlackierten Kühler verleiht der Aufnahme etwas Melancholisches. Vermutlich wäre er gern woanders gewesen.

Doch mag sich die Welt des Krieges selbst hinter der Front noch so verkehrt angefühlt haben – ein Entrinnen gab es für diese Männer nicht. Annäherungen an die Normalität wie hier waren von kurzer Dauer. Das Schicksal hatte die beiden offenbar mit einem in Frankreich erbeuteten Peugeot 201 zusammengebracht, auf Gedeih und Verderb.

Übrigens wurden französische Wagen speziell von Peugeot und Citroen bei der Truppe sehr geschätzt – man findet sie auf zeitgenössischen Fotos deutscher Landser immer wieder in den unmöglichsten Situationen und selbst bei Kriegsende waren etliche noch immer auf deutscher Seite im Einsatz.

Manche wurden bei der Kapitulation irgendwo mit leergefahrenem Tank zurückgelassen, andere waren schon beim deutschen Rückzug aus Frankreich 1944 dort verblieben. Einer dieser ehemaligen deutschen Beutewagen ist vielleicht hier zu sehen:

Peugeot 301 von 1934/35; Ausschnitt aus Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nur auf den ersten Blick sieht hier alles so aus, wie man sich das wünscht: Ein Peugeot 201 mit elegantem Cabrioaufbau und Weißwandreifen, eine junge Mutter im langen Sommerkleid und ein Bub in sehr kurzen Hosen (wenn überhaupt).

Auch der Hintergrund will dem Klischee vom ungestörten Vorkriegsidyll entsprechen. Aber Moment: solche Weißwandreifen gab es doch gar nicht serienmäßig bei Peugeot und ist in besagtem Wappen auf dem Kühlergrill als erste Zahl nicht eine „3“ zu lesen?

Verkehrte Welt, in der Tat: Dieser Wagen ist kein Peugeot 201, sondern der parallel erhältliche und mit 1,5 Liter-Vierzylinder etwas stärker motorisierte Typ 301. Äußerlich ist er ansonsten kaum vom kleinen Bruder 201 zu unterscheiden – oder vielleicht doch?

Verkehrt jedenfalls sind die Weißwandreifen – hier hat jemand zu einem späteren Zeitpunkt Hand angelegt. Das war wahrscheinlich erst nach Kriegsende, denn dieses Foto trägt umseitig den Vermerk „1949“.

Dahin ist das Idyll der Vorkriegszeit – dabei wäre es so schön gewesen. Ist es aber ohnehin nicht, denn auf dem Originalfoto ist etwas zu sehen, was optisch die Szene ruiniert:

Peugeot 301 von 1933/34; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Verkehrte Welt! Wie kommt man nur darauf, als erwachsener Mann im besten Alter zu einem langärmeligen Hemd eine kurze Hose zu tragen? Unerträgliche Hitze kann es nicht gewesen sein, wie der makellose Aufzug des gut gebräunten Nebenmannes beweist.

Nun genießen die Deutschen bei unseren französischen und italienischen Nachbarn schon lange den fragwürdigen Ruf, bei jeder unpassenden Gelegenheit in kurzen Hosen aufzukreuzen. Von daher bin ich geneigt, hier ebenfalls einen Landsmann zu sehen.

Gründe, weshalb Deutsche kurz nach dem Krieg an die Stätten ihres „Wirkens“ westlich des Rheins zurückkehrten, gab es durchaus – denn in einigen Fällen waren die Besatzer den Einheimischen wohlgesonnen.

Das galt zwar offiziell als „verkehrt“, aber ich weiß aus der eigenen Familiengeschichte, dass noch auf dem Rückzug 1944 auf deutscher Seite Entscheidungen auf unterer Führungsebene zugunsten der Zivilbevölkerung getroffen wurden, die sonst unter die Räder der alliierten Kriegsmaschinerie gekommen wäre.

Nach dem Krieg konnten solche Begebenheiten, die im Schatten von Kriegsverbrechen leider unerwähnt bleiben, Anlass zur Wiederannäherung unter einstigen Gegnern sein.

Vielleicht haben wir hier ein Zeugnis eines solchen Besuchs in Frankreich wenige Jahre nach dem Krieg. Das beim Militär übliche Zweidornkoppel, das der Mann in kurzen Hosen trägt, könnte ein Indiz dafür sein, dass dieses Foto eine Vorgeschichte hat.

Dann würde sich der erste, unvorteilhafte Eindruck glatt ins Gegenteil verkehren. Doch selbst wenn die Dinge anders lagen, bleibt als Fazit dieser Dokumente: verkehrte Welt!

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Kleyers Kleinster: Adler 5/13 PS von 1912

Für den Kalauer im Titel meines heutigen Blog-Eintrags habe ich mir einige historische Freiheiten genommen:

Zwar war der Gründer der Firma Heinrich Kleyer aus Frankfurt/Main, die sich ab 1881 mit Fahrrädern am Markt etabliert hatte, einst die treibende Kraft hinter der Entstehung der Automarke Adler – doch für die Konstruktion der Adler-Wagen ab 1900 zeichnete er selbst nicht verantwortlich – dafür griff man auf erfahrene Ingenieure zurück.

Zudem war der Name Kleyer bereits mit der Gründung der Adlerwerke AG 1895 eigentlich Vergangenheit – nur der Zusatz „vormals Heinrich Kleyer“ erinnerte noch eine Weile im Firmennamen an ihn – wie in dieser Reklame von 1913:

Reklame für den Adler 5/13 PS-Modell; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Die Anzeige erschien 1913 in der Zeitschrift „Jugend“ – die übrigens Ende des 19. Jh. erstmals den Kunststil ins Rampenlicht gerückt hatte, der nach ihr im deutschsprachigen Raum als „Jugendstil“ bezeichnet wurde.

Richtig ist auf jeden Fall, dass diese Reklame für das seinerzeit kleinste Adler-Modell warb – den Typ 5/13 PS mit 1,3 Liter-Vierzylinder. Im Wesentlichen handelte es sich um eine leistungsgesteigerte Ausführung des seit 1910 gebauten Typs 5/11 PS.

Etwas moderner fielen die Aufbauten aus, bei denen die Linie der Motorhaube harmonisch in die dahinterliegende Blechpartie überging, die zur Windschutzscheibe hin anstieg – als Windlauf, Windkappe oder auch Torpedo bezeichnet.

Zudem besaß der Adler 5/13 PS serienmäßig filigrane Drahtspeichenräder, anhand derer man ihn vom Vorgängertyp 5/11 PS, aber auch vom etwas stärkeren Modell 7/15 bzw. 7/17 PS unterscheiden kann, die beide mit klobigeren Holzspeichenräder daherkamen.

Ein weiteres Detail des Adler 5/13 PS zeichnete sich dadurch aus, dass man es von außen nicht sah – dazu später mehr. Hier erst einmal ein Foto, das höchstwahrscheinlich einen Typ 5/13 PS zeigt, wie er ab 1912 angeboten wurde:

Adler Typ 5/13 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Adler-Wagen der Zeit vor dem 1. Weltkrieg ähneln sich zwar in der Formgebung stark und unterschieden sich äußerlich praktisch nur in den Proportionen.

Doch hier haben wir den glücklichen Fall, dass man anhand der Größe der Insassen und der Fenster im Hintergrund ermessen kann, dass man es mit einem sehr kompakten Modell zu tun hat. Die Drahtspeichenräder bestätigen dann die Vermutung, dass dieses Auto tatsächlich „Kleyers Kleinster“ war – dessen Radstand ganze 2,40 m betrug.

An der Ansprache als Adler kann ohnehin kein Zweifel bestehen, der typische Kühler mit rasterförmigem Netz, der kursive Adler-Schriftzug und die Kühlerfigur sagen alles:

Die mit Karbidgas betriebenen Scheinwerfer unterstützen die Annahme, dass dieses Foto noch vor Beginn des 1. Weltkriegs entstanden ist – der Adler war damals also bestenfalls zwei Jahre alt.

Das Erscheinungsbild der Insassen wäre allerdings sowohl mit einer frühen Datierung als auch mit einer Entstehung in die Zeit kurz nach 1918 vereinbar.

Zwar brachten die 1920er Jahre vor allem bei den Damen einen radikalen Wandel in der Mode mit sich, aber die weiblichen Passagiere könnte man wie die Herren in der Vor- und in der (frühen) Nachkriegszeit verorten:

Dieser Ausschnitt bietet sich nun dazu an, auf das Detail zurückzukommen, das den Adler Typ 5/13 vom Vorgänger 5/11 PS unterscheidet, weil es nicht sichtbar ist.

Was könnte das sein? Nun, schauen wir, was sich in Griffweite des Fahrers befindet: Neben dem Lenkrad natürlich wäre das der Gummiball zur Bedienung der Hupe. Aber fehlt hier nicht noch etwas anderes?

Tatsächlich: Man sieht keinen Handbrems- und Schalthebel – die doch bei so frühen Automobilen fast immer rechts außen an der Karosserie angebracht waren. Ein Blick in die Literatur bestätigt, dass ausgerechnet „Kleyers Kleinster“ mit innenliegenden Brems- und Schalthebeln ausgestattet war.

Bleibt die Preisfrage: Besaß dieser Adler 5/13 PS aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg bereits Brems- und Schalthebel in Wagenmitte – oder waren diese rechts an der Innenseite der Karosserie angebracht?

Die letztgenannte Variante erscheint mir wenig wahrscheinlich – weiß es ein Kenner früher Adler-Modelle dieses Typs genau?

Festzuhalten bleibt so oder so, dass auch „Kleyers Kleinster“ ein interessantes und markentypisch vollwertiges Automobil in bester Verarbeitung war – kein Wunder dass man einst ziemlich stolz darauf war.

Für mich zeigt sich hier wieder einmal, wie ein auf den ersten Blick unscheinbares (und im Original schlecht erhaltenes) privates Autofoto bei näherer Betrachtung einiges Interessantes preisgibt – ganz abgesehen davon, dass historische Aufnahmen dieses Typs sehr selten sind, weshalb jedes Puzzlestück zählt – und sei es auch das kleinste…

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Extra-ordinär: Oakland Cabriolet von 1928

Leser meines Blogs wissen: mein Herz schlägt für Fotos von Vorkriegs-Automobilen, bei denen die Fahrzeuge nur den Hintergrund abgeben, bloß reizvolle Extras darstellen.

Ein Wagen mag für sich perfekt gestaltet sein, sogar über alle Extras verfügen, doch erst, wenn er von Menschen umgeben ist , wird das, was bei aller Kunst im Kern eine ordinäre Maschine ist, wird mit einem Mal extraordinär!

Das Wort gibt es im Deutschen eigentlich gar nicht – da kennt man traditionell nur ordinär – aber es lässt sich mühelos integrieren, denn trotz französischer bzw. englischer Abkunft ist es mit unserer Sprachkultur durchaus kompatibel.

Was veranlasst mich zu solchen Wortspielen? Nun, eine Aufnahme, die mich außergewöhnlich viel Zeit gekostet hat – erst mit langwierigen Retuschen eines schlecht erhaltenen Abzugs, dann mit der Identifikation des Autos, das abgebildet ist.

Dass sich der Aufwand am Ende lohnt, war nicht abzusehen und erst ganz zuletzt fand ich etwas, was mir die Idee zum Titel des heutigen Blog-Eintrags gab. Zunächst aber erst einmal das Dokument, um das es geht – in bereits aufbereiteter Form:

Oakland „Landau Coupe“ von 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer hier nur ein ordinäres US-Großserienauto der späten 1920er Jahre auf einem technisch mittelprächtigen Abzug sieht, dem entgeht im Detail einiges.

Das Foto scheint in einer amerikanischen Kleinstadt oder einem Vorort entstanden zu sein, wie der Hintergrund vermuten lässt. Das Licht deutet auf den späten Nachmittag hin, vielleicht auch den frühen Abend im Hochsommer.

Die Gesellschaft, die sich hier vor dem Wagen versammelt hat, könnte unterschiedlicher nicht sein. Da haben wir auf dem Trittbrett des Wagens ein gutgelauntes Paar, das vielleicht den Feierabend oder das Wochenende zu einer Ausfahrt genutzt hat:

Er hat sich „Anzugerleichterung“ erlaubt und die Krawatte abgelegt, die er vielleicht zuvor noch im Geschäft getragen hat. Der Panama-Hut ist neben dem ausgeklappten Hemdkragen ein weiterer Freizeit-Indikator. Eine dunkle Weste ist außerdem zu sehen.

Mir gefällt dieser verhalten lässige Stil – alles wirkt absichtlich verrutscht wie die Lampenschirme und Bilder in englischen Landhäusern, aber man achtet die Konvention.

„Sie“ dagegen erlaubt sich keine solchen Freizügigkeiten – ich könnte mir sie gut als Lehrerin in der örtlichen Schule vorstellen, die keine Disziplinlosigkeit duldet. In meiner Schulzeit lernte man bei solchen Pädagoginnen am meisten – wenn man wollte.

Zwischen den beiden ein prachtvoller Hund – die Rasse wird sicher ein Leser benennen können – der hier einmal nicht in die Kamera schaut, nach meiner Erfahrung die Ausnahme. Er ist offenbar anderweitig beschäftigt und die Bewegung der Pfote, die hier festgehalten ist, ist nur eines von vielen Details, die für das Leben auf diesem Foto sorgen.

Neben diesem Trio sehen wir eine vierte Persönlichkeit, die wahrlich extraordinär ist:

Der baumlange Kerl überragt den Oakland mühelos und jeder, der Umgang mit Autos der späten 1920er Jahre pflegt, weiß: Das muss ein Mann von an die zwei Meter Körpergröße gewesen sein.

Er scheint der Sphäre der praktischen Arbeit anzugehören, in der damals ebenfalls bestimmte Kleidungskonventionen selbstverständlich waren. Haben wir es hier mit dem örtlichen Schrauber zu tun, der das Vertrauen unseres Autobesitzer-Paars genoss?

Und war es vielleicht sein Hund, den er hier genau zu fixieren zu scheint? „Lilly, halte still!“ – so scheint er in dem Moment sagen zu wollen, als der Kameraverschluss auslöste.

Nun, was diese Vier verband, werden wir nicht mehr herausbekommen. Aber was das für ein Auto war, das einst den Hintergrund für diese schöne Szene abgab, das lässt sich ermitteln. Anfänglich dachte ich an einen 1928er Pontiac wie auf dieser Reklame:

Reklame für das Pontiac Cabriolet von 1928 (Bildquelle)

Auf den ersten Blick scheint hier alles übereinzustimmen, einschließlich der in der Anzeige erwähnten hübschen Extras wie Drahtspeichenräder, verchromte Ersatzradhalter und „Schwiegermuttersitz“ im Heck.

Dass wir auf dem Foto aber keinen solchen Pontiac-Sechszylinder in Cabriolet-Ausführung nebst Extras vor uns haben, das verrät erst der Blick auf die Frontpartie:

Auch wenn sonst alles – einschließlich der Extras – fast genauso wie bei einem Pontiac Cabriolet von 1928 erscheint, verrät die abweichende Kühlerfigur, dass wir hier einen Oakland vor uns haben.

Die 1907 gegründete Marke war bereits vor dem 1. Weltkrieg im General Motors-Konzern integriert worden, während Pontiac erst 1926 ins Leben gerufen wurde. Die Pontiac-Sechszylinder stahlen rasch den teureren Oaklands die Schau.

So kam es, dass im Modelljahr 1928 die Wagen von Oakland gegenüber den populären Pontiacs bereits im Hintertreffen lagen – die Stückzahlen der weit älteren Marke stürzten ab und 1931 verließ der letzte Oakland das Werk in Pontiac, Michigan.

So haben wir es am Ende keineswegs mit einem gesichtslosen US-Massenfabrikat zu tun, sondern mit einem damals schon extravaganten Vertreter der Sechszylinderklasse, dessen Käufer sich wohl bewusst für das „Extra-ordinäre“ entschieden, das in diesem Foto festgehalten ist.

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Authentischer geht’s kaum: Audi Typ C 14/35 PS

Ein authentischer Typ – das kann eine höfliche Umschreibung für jemanden sein, der sich nicht im Griff hat und stets tut, was ihm gerade in den Sinn kommt. Die Anhänger der antiautoritären „Erziehung“ (eigentlich überhaupt keine) sorgen für stetigen Nachschub solcher Typen, deren Auffälligkeiten man gern auch als „unkonventionell“ umschreibt.

Wirklich authentisch und dabei völlig konventionell ist dagegen der Typ auf vier Rädern, mit dem wir uns heute beschäftigen – wie authentisch außerdem Typen wirken können, die die Konventionen beherrschen, können wir dabei ebenfalls besichtigen.

Nicht zuletzt leistet der Gegenstand der heutigen Betrachtung einen Beitrag zur Frage, welcher Zustand eines Vorkriegswagens eigentlich als authentisch zu verstehen ist.

Das Ganze am Beispiel eines Fotos, das Leser Klaas Dierks beigesteuert hat und das einen Audi aus den frühen 1920er Jahren zeigt, damals eine Rarität und heute erst recht:

Audi Typ C 14/35 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Der Wagen und die Aufnahmesituation sind so typisch für die frühen 1920er Jahre, wie das überhaupt möglich ist: Ein funktionell gezeichneter Tourenwagen mit spitz zulaufendem Kühler – vollbesetzt irgendwo anlässlich eines Ausflugs von der Seite aufgenommen.

Diese Schlichtheit der Linien und das Fehlen raffinierter Details an einem Luxusgegenstand, der das Automobil im Deutschland der Zwischenkriegszeit war – dieser Stil würden ausländische Klassikerfreunde sofort als „typisch deutsch“ ansprechen.

Der Verzicht auf dem Auge Schmeichelndes ist so auffallend, dass er schon wieder als Eitelkeit durchgehen kann – vergleichbar nackten Betonwänden, die in millionenschweren Eigenheimen des modernen Geldadels als der letzte Schrei gelten.

Dass wir es tatsächlich mit einem gehobenen Fahrzeug aus sächsischer Manufakturproduktion zu tun haben, das offenbart sich einem erst auf den zweiten Blick:

Der Spitzkühler mit hervorgehobenem ovalen Träger des Markenschriftzugs, die Gestaltung der Nabenpartie der Räder und die vier kiemenartigen Luftauslässe in der Motorhaube finden sich in dieser Kombination an Audi-Typen von ca. 1914 bis in die frühen 1920er Jahre.

Die elektrische Beleuchtung mit großem Batteriekasten am Vorderende des Trittbretts deutet eher auf eine Entstehung dieses Wagens nach dem 1. Weltkrieg hin. Damals wurden von den fünf Vorkriegsmodellen nur noch zwei in größeren Stückzahlen gebaut.

Dabei handelte es sich zum einen um das eher kompakte Modell G 8/22 PS, das ich angesichts der Abmessungen dieses Wagens ausschließen möchte. Zum anderen gab es nach wie vor den bereits 1911 eingeführten mittelgroßen Vierzylindertyp C 14/35 PS, für den sich später auch die Bezeichnung 14/38 PS fand.

Die Hubraumriesen Typ D 18/45 PS und E 22/55 PS wurden teilweise ebenfalls auf Chassis von vergleichbarer Länge gebaut wie der Audi C 14/35 PS, doch die Haubenpartie erscheint dafür zu kurz, außerdem wurden sie nur recht selten gefertigt.

Wer den erwähnten Batteriekasten näher studiert hat, wird dort eine hübsche Delle registriert haben – wie überhaupt der ganze Wagen gut gebraucht, aber keineswegs heruntergekommen aussieht.

Vergegenwärtigt man sich den Zustand der damaligen Straßen, war ein so verschmutztes Auto eher der Normalfall. Insofern darf man das Erscheinungsbild dieses Audi als vollkommen authentisch ansehen – so sahen diese Wagen seinerzeit regelmäßig aus.

Natürlich kommt man bei überlebenden Fahrzeugen aus jener Zeit oft nicht umhin, sie wieder komplett neu aufzubauen, weil zuviele Teile fehlen, verrottet oder in sehr unterschiedlichem Zustand sind. Was mir nicht einleuchtet ist, warum viele Besitzer solcher Wagen – über vernünftige Wagenpflege hinaus – danach partout den Fabrikzustand erhalten wollen – die Amerikaner nennen solche Wagen spöttisch „Trailer Queen“.

Niemand hätte das einst versucht, schon weil es im Alltagseinsatz praktisch unmöglich war. Von daher mag ein Vorkriegswagen originalgetreu restauriert sein, aber authentisch wird er erst, wenn er durch Gebrauch allmählich wieder zu dem wird, was er war, als ihn unsere Altvorderen für berufliche Zwecke, Ausflüge und Reisen nutzten.

Damit wären wir auch schon bei den Insassen angelangt – die für mich neben den Gebrauchsspuren am Wagen den eigentlichen Reiz dieser Aufnahme ausmachen:

Die Damen im Heck sind sicher einverstanden, dass wir uns ausnahmsweise den vier Herren zuerst zuwenden, denn so hinterlassen sie am Ende den bleibendsten Eindruck.

Verehrte Leser, unternehmen Sie einmal das folgende Experiment und schauen Sie sich diese Charaktere von links nach rechts kurz intensiv an und halten Sie für sich fest, was Ihnen spontan dazu einfällt.

Bei mir sieht das Ergebnis wie folgt aus:

  • Ganz links ein sportlicher, asketischer Typ, sehr selbstbewusst, eventuell ein erfolgreicher Arzt mit Glück bei den Frauen.
  • Neben ihm ein Unternehmer, dessen Geschäfte gut laufen, und der sich gegenüber der Belegschaft großzügig zeigt, sie als seine erweiterte Familie betrachtet.
  • Nummer drei ist der Einzige, der auf mich unmittelbar und auch bei wiederholter Betrachtung unsympathisch wirkt. Ein leicht verächtliches Lächeln umspielt seine Lippen und er hat etwas Verschlagenes an sich – ihm würde ich kein Auto abkaufen.
  • Ganz rechts schließlich ein Lebemann, der etwas Sinnliches ausstrahlt – ich könnte ihn mir als Bildhauer oder Tastenlöwe gut vorstellen – auch er wie Nr. 1 ein Frauentyp, meine ich.

Genug über die Mannsbilder phantasiert – am Ende verlieren die Damen im Fonds noch die Contenance, die sie hier so vorbildlich wahren:

Zugegebenermaßen fällt es mir hier schwer, aus dem Bauch heraus zu dezidierten Charakterzuschreibungen zu gelangen. So will ich es auch nicht wagen, die drei mit den Herren vorn zu „verbandeln“ – Nr. 4 könnte übrigens die Kamera betätigt haben.

So oft mein Blick auch über die drei Gesichter wandert, alle zu ganz unterschiedlichen Typen gehörend und vollkommen authentisch wirkend, so oft bleibe ich an einem hängen – diesen Augen kann man sich doch nicht entziehen, oder?

Eine schönere Gelegenheit, die heutige Betrachtung zu beenden, wird sich auf dieser bald 100 Jahre alten Aufnahme eines durch und durch authentischen Audi gewiss nicht finden, und so überlasse ich meine Leser für heute ihrem ganz privaten Kopfkino…

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Bewährtes neu verpackt: Phänomen-Spitzkühlertypen

Es ist ein Phänomen! Wagen der gleichnamigen Marke aus Zittau in Sachsen wollten mir lange Zeit keine ins Netz gehen – auf alten Fotos, versteht sich.

Doch dieses Jahr sind mir etliche Funde gelungen – nicht zuletzt dank der Unterstützung von Sammlerfreunden aus aller Welt – mit denen sich eine bereits achtbare „Phänomen“-Galerie aufbauen ließ.

Von den zahlreichen dort abgebildeten Typen habe ich längst nicht alle besprochen, doch auch hier sind allmählich Fortschritte zu verzeichnen.

Heute stelle ich erstmals die Spitzkühlermodelle vor, mit denen Phänomen Ende des 1. Weltkriegs auf den Markt zurückkehrte, nachdem man zuvor hauptsächlich für das Heer produziert hatte. So fand ich diese Zeitungsanzeige aus dem Jahr 1918:

Phänomen-Reklame von 1918; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Neben dem unverwüstlichen „Phänomobil“-Dreirad, das ich gelegentlich besprechen will, begegnet man auf der rechten Seite nun auch einem Phänomen-Wagen mit modischem Spitzkühler.

Alle früheren Modelle, die ich bislang vorstellen konnte, besaßen einen traditionellen Flachkühler – so etwa der Typ 16/45 PS, den ich zuletzt hier zeigen konnte.

In der Literatur („Pioniere des Automobils an der Neiße“, Zittauer Geschichtsblätter Nr. 48) fand ich auf Seite 125 eine Annonce, die „um 1917“ entstanden sein soll und ebenfalls einen Phänomen mit Spitzkühler zeigt, das scheint bis jetzt der früheste Hinweis zu sein.

Interessanterweise kann selbst das genannte hervorragende Werk mit keinen entsprechenden Fotos aufwarten – aber auch hier schließt mein Blog manche Lücke. So schickte mir Jason Palmer aus Australien schon vor längerem diese Aufnahme zu:

Phänomen 10/30 PS um 1920; Originalfoto aus Sammlung Jason Palmer (Australien)

Nur die rautenförmige Markenplakette auf dem Kühler verrät, dass wir hier einen „Phänomen“ vor uns haben – ansonsten hätte das alles Mögliche sein können.

Wie ordnet man nun einen solchen Wagen ein, wenn man keine Vergleichsfotos hat? Nun, zunächst schaut man, welche Typen überhaupt kurz nach dem 1. Weltkrieg in Frage kamen.

Die Literatur zu Phänomen stimmt darin überein, dass die beiden Vorkriegsmodelle 10/30 bzw. 16/45 PS noch einige Jahre technisch kaum verändert weitergefertigt wurden.

Der Hubraumunterschied – 2,6 Liter gegenüber 4,0 Liter – und der daraus resultierende Leistungsunterschied sind so groß, dass man davon ausgehen kann, dass er sich auch in den Größenverhältnissen wiederspiegelte.

Klein ist schon der Phänomen mit Spitzkühler auf dem Foto von Jason Palmer nicht, wobei die drei Sitzreihen schon bei mittelgroßen Modellen die Norm waren. Doch ganz ohne Vergleichsmaßstab steht man mit leeren Händen da.

Doch mit etwas Glück kommt man der Sache näher, so auch im vorliegenden Fall. Denn Leser Klaas Dierks konnte aus seiner Sammlung etwas beisteuern, was aus meiner Sicht eine Einordnung ermöglicht, nämlich diese hervorragende Aufnahme:

Phänomen 16/45 PS um 1920; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Dieses Foto ist von so hoher Qualität, das sich hier auch eine Ausschnittsvergrößerung bezahlt macht, um einmal die Details der Frontpartie eines solchen Phänomen-Spitzkühlerwagens zu studieren.

Dabei erkennt man nicht nur das Markenemblem recht gut, sondern kann auch im Detail Abweichungen der Kühlerform gegenüber auf den ersten Blick sehr ähnlichen Ausführungen studieren, wie sie an Benz- und Simson-Wagen jener Zeit verbaut wurden:

Während die Zahl der Radspeichen identisch ist – es sind zwölf an der Zahl, fällt ein Hauptunterschied zu dem Phänomen auf dem ersten Foto sofort ins Auge: Dieses Exemplar besitzt sieben Haubenschlitze statt lediglich vier.

Während deren unterschiedliche Gestaltung für sich nichts besagt – sie kann vom Karosserielieferanten oder schlicht vom Baujahr abhängen, ist eine wesentlich höhere Zahl an Luftschlitzen in der Motorhaube oft ein Indiz für eine stärkere Motorisierung.

Das wäre aber auch der einzige Hinweis darauf, dass die beiden Fotos wahrscheinlich zwei unterschiedlich Typen zeigen – zunächst den 10/30 PS und dann den 16/45 PS.

Denn auch wenn der zweite Wagen auf den ersten Blick größer wirkt, ergibt ein Vergleich der Proportionen – nämlich Radstand zu Gesamtlänge und Haubenlänge zu Gesamtlänge – trotz unterschiedlicher Perspektive fast dieselben Verhältnisse.

Auch die spärlichen technischen Angaben in der Literatur deuten darauf hin, dass beide Modelle identische Abmessungen hatte. Nur dass beide auch dasselbe Gewicht besaßen, das kann man getrost ausschließen.

Möglich, dass Phänomen sich nach dem 1. Weltkrieg auf den Bau nur eines Chassis beschränkte, das für beide Motorisierungen ausreichend dimensioniert war. Dies würde zum Vereinheitlichungstrend passen, den damals einige deutsche Hersteller verfolgten.

Natürlich sind alle diese Überlegungen so lange nur vorläufiger Natur, wie keine weiteren Aufnahmen oder Prospektabbildungen auftauchen, auf denen eindeutig bestimmte Typen zu sehen sind.

Auch diese hübsche Reklame, die auf 1921 datiert ist, zeigt einen Phänomen mit etlichen Luftschlitzen, aber die Zahl kann künstlerischer Freiheit geschuldet sein und eine Typenangabe fehlt leider:

Phänomen-Tourenwagen; Originalreklame aus „Eichsfeldia Mitteldeutsche Volkszeitung“, 1921

Aber die beiden Puzzlesstücke des heutigen Blog-Eintrags tragen auf jeden Fall dazu bei, dass sich hier allmählich ein klareres Bild abzeichnet. In dem Zusammenhang bin ich für weitere Dokumente sowie Ergänzungen oder auch Korrekturen dankbar.

Der nächste „Phänomen“ wartet übrigens schon auf seinen Einsatz – aber den muss ich erst einmal für die Typengalerie herausputzen, da das Foto schlecht erhalten ist. Sicher ist nur, dass es sich um ein Taxi handelt, das einst vor der Oper in Frankfurt/Main auf Kunden wartete…

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Peter in seinem Auto: Ein GN Cyclecar von 1922

„Peter in seinem Auto“ klingt auf Deutsch nicht gerade nach großer weiter Welt – eher bieder und beschaulich. Mit dem braven Peter könnte einst ein Bub gemeint gewesen sein, den die Eltern in seinem Tretauto abgelichtet haben.

Wie anders dagegen: „Pierre sur sa voiture“! Für unsere wenig verwöhnten germanischen Ohren klingt das elegant, lässt Bilder von raffinierter Lebensart, sportlichem Stil und prickelndem Esprit entstehen, um ein paar übliche Floskeln zu bemühen.

Doch schon immer sah die Realität jenseits des Rheins für die breite Masse prosaischer aus, als es das Bild der „Grande Nation“ vermuten lässt. Von jeher werden die Franzosen von einem arroganten Beamtenadel regiert – dessen Schikanen in jüngster Zeit (Stichwort „Corona“) das diesbezügliche Possenspiel hierzulande weit übertrafen.

Doch eines muss man unseren französischen Nachbarn lassen: Sie haben sich bis heute eine Sprache bewahrt, in der selbst Banalitäten und Beleidigungen einen Wohlklang besitzen, der seinesgleichen sucht. Argwöhnisch wachen zudem die Gelehrten der Académie française darüber, dass dem Französischen kein unötiges Leid geschieht.

Zumindest in dieser Hinsicht hat das Festhalten am Eigenen geklappt, wenngleich Frankreich sonst ebenfalls stark auf dem absteigenden Ast ist. So stehen heute traditionelle Vornamen wie Claire und Florence, Henri oder auch Pierre immer noch an der Spitze – sie haben überhaupt nichts Verstaubtes an sich.

Staub der Geschichte, Tretautos und Peter in seinem Auto – wie geht das heute zusammen? Nun ganz einfach, auf einem zauberhaften Foto wie diesem:

GN Cyclecar von 1922; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Staubig die Piste, ein Automobil knapp über Tretautoformat und am Steuer der wackere „Pierre“ – denn so hieß der junge Fahrer ausweislich der Beschriftung des Abzugs. „Chessy, Juin ’23“ steht dort außerdem, von alter Hand mit Tinte vermerkt.

Demnach wurde „Peter in seinem Auto“ anno 1923 in besagtem Städtchen im Département Seine-et-Marne östlich von Paris aufgenommen. Die größte Attraktion der Gegend scheint das „Disneyland“ zu sein. Man sieht: auch die Franzosen gehören wie die Briten bei Lichte betrachtet zu den Verlierern des 2. Weltkriegs…

Doch was ist das für ein schmucker kleiner Renner mit Drahtspeichenrädern in Motorradformat? Nun, dass wir hier einen der zahllosen Vertreter der in England und Frankreich einst besonders florierenden Gattung des Cyclecars vor uns haben, ist klar.

Im vorliegenden Fall handelt es sich sogar um einen der seltenen Fälle fruchtbarer Zusammenarbeit der sich sonst überwiegend skeptisch beäugenden Nationen zu tun, die einst mit dem Hundertjährigen Krieg einen fragwürdigen Rekord aufstellten.

Denn das Auto ist zwar als „GN“ zu erkennen – also ein Abkömmling der 1910 von H.R. Godfrey und Archibald Frazer Nash gegründeten britischen Marke, die bis zum 1. Weltkrieg einige Hundert solcher Cyclecars mit V2-Motor baute:

Doch ab 1919 fertigte auch der französische Flugmotorenbauer Salmson in Lizenz solche GN-Cyclecars – angeblich rund 1.600 Exemplare.

Ob diese in Frankreich entstandenen GN-Wagen ebenfalls das filigrane Markenlogo auf dem Kühler trugen und ob sie auch die von GN selbst entwickelten Twin-Motoren besaßen, weiß sicher ein Kenner.

Eine Quelle deutet darauf hin, dass die britische Firma GN selbst in Frankreich gebaute Wagen auf der Insel verkaufte, was für eine Weiterverwendung des Markennamens- und Logos spricht.

Das Auto von Pierre, der sich hier mit seinem Hund „Napoléon“ (kleiner Scherz…) auf dem Beifahrersitz ablichten ließ, war jedenfalls einst in Frankreich zugelassen und wahrscheinlich auch auf französischem Boden entstanden:

Um die Ballhupe herum ist der Abzug stark beschädigt, was sich nur begrenzt retuschieren ließ. Schön getroffen ist immerhin der Benzinkanister auf dem Trittbrett – ein früher Vertreter des „Spaceage“-Designs – der öfters an GN-Cyclecars zu sehen ist.

Gerade noch zu erkennen sind die drei kiemenartigen Luftauslässe hinter dem Motor und ein Teil des Haubenausschnitts, aus dem die beiden Zylinder schräg herausragten.

Wie diese Partie im Detail aussah, ist dem folgenden Ausschnitt eines Fotos zu entnehmen, das ich 2017 auf dem Besucherparkplatz des Goodwood Revival in Südengland gemacht habe:

Die komplette Bilderserie dieses älteren GN Cyclecars findet sich in meinem Blog hier.

Der GN von Pierre dagegen lässt sich anhand von Bildvergleichen auf ungefähr 1922 datieren – auch hier sind sachkundige Hinweise von Kennern dieses Typs willkommen.

Übrigens erfreuen sich die GN Cyclecars wie etliche ihrer Verwandten noch heute großer Beliebtheit bei sportlich veranlagten Zeitgenossen. Warum das so ist, er“fährt“ man an besten bei einem klassischen „Hillclimb“ wie hier:

Videoquelle: YouTube.com, hochgeladen von Ben Enticknap

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Fund des Monats: Ein „RAF“ von 1908

Im Fund des Monats November kommt alles zusammen, was die Welt des Vorkriegsautomobils so faszinierend macht: mutiges Unternehmertum, Konstrukteurs-Können, leidenschaftlicher Fahreinsatz und nicht zuletzt gelebte Sammler-Solidarität.

Ganz nebenbei lebt dabei ein Kapitel des alten Europa auf, das mit dem Ende des 1. Weltkriegs unwiederbringlich Geschichte war. Wo beginnen?

Zur Auswahl steht neben Reichenberg in Böhmen – so unglaublich es klingt – Australien! Tatsächlich nahm mein heutiger Fundbericht den Anfang auf dem Kontinent „down under“, den weit mehr mit Europa verbindet, als die ungeheure Entfernung vermuten lässt.

So war es ein australischer Sammlerkollege, der mir das Foto zusandte, das heute im Mittelpunkt steht – sein Name ist Jason Palmer. Er ist nicht nur selbst Besitzer europäischer Vorkriegswagen, sondern auch ein hervorragender Kenner früher Marken aus dem deutschsprachigen Raum.

Einige Male schon habe ich von ihm Fotos aus seiner Sammlung zur genauen Bestimmung der abgebildeten Automobile erhalten – doch diesmal wusste er bereits, was er da an Land gezogen hatte, nämlich einen RAF aus der Zeit vor 1910!

RAF 24/30 PS von 1908; Originalfoto aus Sammlung Jason Palmer (Australien)

Hand auf’s Herz: wer hätte das hierzulande erkannt? Genau das ist es, was Australien so interessant für Liebhaber exotischer Vorkriegsmarken macht – dort gibt es eine sehr lebendige Veteranenszene, die vieles hegt und pflegt, was in Europa längst in Vergessenheit geraten ist oder als verschollen galt.

RAF – da war doch was? Nun, vergessen Sie am besten alles, was Sie damit assoziieren. Begleiten Sie mich stattdessen auf eine Reise nach Böhmen, das vor dem Krieg bei aller Beschaulichkeit auch ein bedeutendes mitteleuropäisches Industriezentrum war.

Dort – in Reichenberg, um genau zu sein – gründeten 1907 einige betuchte Herren kurzerhand eine Automobilfabrik und begannen schon ein Jahr später mit der Produktion. Dabei verschwendete man keine Zeit, sondern stieg gleich in der gehobenen Klasse ein: der erste Typ war ein 30 PS starker Vierzylinder mit bester Ausstattung.

Beim Markennamen griff man zum Naheliegenden: Reichenberger Automobil-Fabrik, kurz RAF – zwar nicht raffiniert, aber markant, vermutlich war die Entscheidung mangels Marketingdirektoren und -agenturen schnell getroffen.

RAF, das war nicht nur auf dem Kühlergehäuse zu lesen, sondern auch auf den Nabenkappen – soweit fällt die Identifizierung noch leicht:

Aber wie soll man diesen RAF zeitlich einordnen und was könnte das für ein Typ gewesen sein? In der Standardliteratur zu frühen deutschen Automobilen ist kaum etwas dazu zu finden, vor allem keine Vergleichsfotos.

Zum Glück gibt es aber eine ganz wunderbare Publikation zu diversen Herstellern aus der Industrieregion beiderseits der Neiße, auf die mich Thomas Ulrich (Berlin) hingewiesen hat: „Pioniere des Automobils an der Neiße“, Zittauer Geschichtsblätter Nr. 48.

Im dortigen Kapitel über RAF (ab S. 414) findet sich eine Prospektabbildung von 1908, die einen nahezu identischen Tourenwagen zeigt, der insbesondere dieselbe auffallend gestaltete Schottwand besitzt wie der Wagen auf dem Foto von Jason Palmer.

Hierbei handelt es sich um die möglicherweise früheste strömungsgünstige Ausführung dieser Partie an einem Serienwagen. Während man sie bei sportlichen Automobilen im deutschsprachigen Raum ab 1908 gehäuft findet, stellt diese Frühform der „Windkappe“, die später den gesamten Übergang von Motorhaube zur Frontscheibe ganz abdeckte, eine ziemliche Rarität dar, meine ich.

Umso wertvoller war die Datierung des RAF in besagter Markengeschichte mit genau diesem Detail auf das Jahr 1908. So ließ sich nämlich auch die Motorisierung dieses Wagens mit für jene Zeit ungewöhnlicher Sicherheit bestimmen.

Höchstwahrscheinlich haben wir es mit dem bereits erwähnten Erstling der Marke zu tun – dem 24/30 PS-Typ, dem 1908 offenbar nur ein deutlich kleineres Modell mit 10 Steuer-PS zur Seite stand.

Auf welchem Niveau die RAF-Wagen von Anfang konstruiert und gefertigt wurde, unterstreicht die Tatsache, dass sie noch im Jahr ihres Erscheinens – also 1908 – auch an bedeutenden Sportveranstaltungen teilnahmen.

An dieser Stelle kommt ein weiteres Stück Literatur ins Spiel, das trotz oder gerade wegen seines Alters eine Quelle erster Güte darstellt, und zwar die originale Bilddokumentation der Prinz-Heinrich-Fahrt 1908:

Broschüre der Continental Caoutchouc- und Gutta Percha-Compagnie zur Prinz-Heinrich-Fahrt 1908; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Die von Prinz Heinrich von Preussen initiierte Fernfahrt über 2.215 km von Frankfurt über Trier, Köln, Hannover, Bremen, Hamburg, Flensburg, Kiel, Lübeck und Stettin nach Berlin war damals eine vielbeachte Zuverlässigkeitsprüfung, bei der das möglichst pannenfreie Ankommen bereits eine Auszeichnung darstellte.

RAF trat dort mit mehreren Wagen an, die wohl weitgehend serienmäßig geblieben waren, jedenfalls stimmen sie beide äußerlich weitgehend mit dem Fahrzeug auf Jason Palmers Foto überein.

Hier haben wir den ersten RAF, der von Alfred Ginzkey gesteuert wurde:

Ausschnitt von Seite 93 der Broschüre der Continental Caoutchouc- und Gutta Percha-Compagnie zur Prinz-Heinrich-Fahrt 1908; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Ginzkey stammte aus Maffersdorf in Böhmen und gehörte zu den Kapitalgebern der jungen Firma. Der Unternehmer sitzt hier selbst am Steuer, so gehört sich das – also nicht ein angestellter Geschäftsführer, der kein persönliches Risiko trägt.

Zu den Gesellschaftern gehörte wohl auch Oskar Klinger aus Reichenberg, jedenfalls hatte er einen Sitz im Präsidium der Firma. Auch er ließ sich nicht lumpen und nahm die Strapazen der Prinz-Heinrich-Fahrt 1908 in Kauf.

Hier sehen wir ihn bei einem Zwischenstopp in einem vermutlich identischen RAF Wagen des Typs 24/30 PS:

Ausschnitt von Seite 95 der Broschüre der Continental Caoutchouc- und Gutta Percha-Compagnie zur Prinz-Heinrich-Fahrt 1908; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Die von der Presse begleitete Sportveranstaltung lieferte weitgehend unabhängig vom Abschneiden der Wagen den teilnehmenden Marken enorme Publicity.

Kein Wunder, dass RAF schon bald Vertretungen in ganz Europa unterhielt und zu den anerkannten Herstellern der Oberklasse zählte. Wohl aus wirtschaftlichen Gründen entschlossen sich die Gesellschafter der Firma 1913 zum Verkauf an den ebenfalls in Böhmen ansässigen Konkurrenten Laurin & Klement – ein Hersteller, der noch einer Würdigung bedarf.

Wohl haben einige wenige RAF-Wagen mehr oder minder original die Zeiten überdauert, aber die Marke ist nur noch Spezialisten bekannt.

Ein Grund mehr, diese Episode aus dem faszinierenden Kapitel der frühen Automobilgeschichte im deutschsprachigen Raum anhand rarer Originaldokumente nachzuerzählen – mit etwas Nachhilfe aus Australien!

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Platz für zwei: (Wieder) ein Opel 8/25 PS

Freunde von Vorkriegswagen haben ein großes Herz – das müssen sie auch, denn Autos von einst abertausenden Herstellern warten darauf, dass man sich ihrer annimmt.

Doch bei aller Offenheit für solche ungeregelte und produktive Vielfalt – nebenbei das Gegenteil heutiger Verhältnisse, wo einige wenige Marken dem Wunschdenken tausender bildungs- und technikferner Politiker ausgesetzt sind – hat doch jeder seine Favoriten.

Mir sind bislang keine Beschwerden untergekommen, dass jemand keine wiederholte Betrachtung seines Lieblingsgefährts mögen würde. Das trifft gewiss auch für den Gegenstand des heutigen Blog-Eintrags zu.

Dabei gilt das Motto „Platz für zwei“ nicht nur in doppelter Hinsicht, sondern gleich mehrfach. Beginnen wir kurzerhand mit Nummer 1, die sicher manchem Leser vertraut ist:

Opel 8/25 PS (Typ 8M21); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser fesche Opel mit messerscharfer Optik wurde 1925 in Langelsheim (Harz) aufgenommen. Er ließ sich als Typ 8/25 PS identifizieren – ein neues Modell der frühen 1920er Jahre, das unterhalb des traditionellen Typs 9/25 PS angesiedelt war.

Statt aus 2,3 Litern wie beim Opel 9/25 PS schöpfte das auch als 8M21 bekannte Modell seine Leistung aus deutlich weniger Hubraum: In dem neuen Aggregat war nur noch Platz für zwei – Liter, in diesem Fall – das aber verbunden mit agilerer Charakteristik.

Platz für (nur) zwei war ganz offensichtlich auch im Innenraum – hier haben wir nämlich einen schicken Zweisitzer mit Bootsheck vor uns, wie man ihn von Opel in dieser Klasse nicht alle Tage zu sehen bekommt.

Lange glaubte ich, dass ich kein zweites solches Foto auftreiben würde, und in gewisser Hinsicht stimmt das auch. Denn mir selbst ist das bislang nicht gelungen – dafür aber dem Sammlerkollegen Matthias Schmidt aus Dresden.

Und wieso sollte in meinem Blog nicht Platz für zwei sein – wenn es sich um denselben Wagentyp handelt? Es gibt wahrlich schlimmere Wiederholungen als diese hier:

Opel 8/25 PS (Typ 8M21); Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Abgesehen davon, dass der Fotograf hier nicht so in die Knie gegangen ist wie bei der ersten Aufnahme, sehen wir hier einen Opel 8/25 PS Zweisitzer aus praktisch identischem Blickwinkel.

Die Unterschiede sind auch auf den zweiten Blick minimal: Die unteren Scheinwerfer zur Ausleuchtung des Vorfelds des Wagens sind hier stärker zu den Straßenrändern ausgerichtet, die häufig recht abrupt im Graben endeten.

An der Frontscheibe ist hier nicht nur „Platz für zwei“ links und rechts der Mittelstrebe, sondern fahrerseitig auch oben und unten, während beim ersten Foto diese Hälfte nicht zweigeteilt ist.

Ganz klar „Platz für zwei“ ist bei beiden Wagen hinter dem Vorderkotflügel, und zwar für die Ersatzräder. Im Fall des zweiten Fotos wäre freilich noch Platz für einen davon.

„Platz für zwei“ ist außerdem bei beiden Autos auf der rechten Fahrzeugseite – nämlich für Schalt- und Bremshebel, wie das Anfang der 1920er Jahre noch sehr verbreitet war.

Der Opel auf der Aufnahme von Matthias Schmidt hatte aber auch noch Platz für einen Suchscheinwerfer auf der Fahrerseite – etwas, was wieder in Mode kommen könnte, wenn man weiter bloß trübe Funzeln als angebliche „Energiesparlampen“ installiert.

Platz für zwei – das gilt nicht zuletzt für unterschiedliche Typen – den sich sportlich gebenden jungen Mann mit Prinz-Heinrich-Mütze, der energisch den Ganghebel umfasst, und den gereifter wirkenden Herrn, der seine Sturm-und-Drang-Phase hinter sich hat.

So verschiedenen Charaktere bot vor bald 100 Jahren der Opel 8/25 PS Zweisitzer Platz – und wie ich weiß, steht in den Herzen mancher Opel-Vorkriegsfreunde unter meinen Lesern genau dieses Modell sogar auf dem ersten Platz!

Anmerkung: Das erste Foto in diesem Blog-Eintrag habe ich für die 2019 erschienene Neuausgabe (2019) von Werner Oswalds Klassiker „Deutsche Autos 1920-1945“ auf S. 412 zur Verfügung gestellt. Die dort wiedergegebene Modellbezeichnung „10/35 PS Viersitzer“ ist allerdings falsch, einer von etlichen redaktionellen Mängeln dieser Ausgabe).

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Nichts ist unmöglich! Ford Model A

Erinnern Sie sich an den tierisch erfolgreichen Werbefilm von Toyota aus den 1990er Jahren, in dem Affen der Slogan „Nichts ist unmöglich“ in den Mund gelegt wurde?

Ich muss gestehen, dass ich dieses Meisterwerk bislang nur vom Hörensagen kannte, denn einen Fernseher habe ich nie besessen. Wer sich fragt, woher ich die Zeit für diesen Blog sowie etliche alter Autos und Motorräder nehme, findet einen Teil der Antwort darin.

Bei der Suche nach einem Titel für den heutigen Blog-Eintrag fiel mir der Spruch wieder ein, für den die Werbeleute von Toyota seinerzeit gefeiert wurden. Tatsächlich passt er in doppelter Hinsicht:

Zum einen waren damals Toyota-Wagen das, wofür einst das Model A von Ford stand: bezahlbare und zuverlässige Mobilität in anspruchslosem Erscheinungsbild. Heute füllen hierzulande Dacia und Kia diese Rolle aus – Wohlstandszuwachs sieht anders aus…

Zum anderen war auf Basis des Ford Model A tatsächlich nichts unmöglich – den Beweis dafür trete ich heute anhand drei ganz unterschiedlicher Originalaufnahmen an, die allesamt in Deutschland entstanden.

Vielleicht nicht jedermann ist bekannt, dass Ford schon vor Gründung des Kölner Werks (1930/31) Automobile in Berlin gefertigt hatte – zunächst noch einige tausend Exemplare des legendären Model T, dann ab 1928 fast 20.000 Wagen des Model A.

Auch wenn die Berliner Fertigung nicht die Effizienz der Massenproduktion in den USA erreichte, war damals kein deutscher Hersteller in der 40 PS-Klasse imstande, ein von den Kosten her annähernd konkurrenzfähiges Auto zu bauen,

So begegnete man in deutschen Landen dem Ford A in der Vorkriegszeit auf Schritt und Tritt – in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen und Situationen:

Ford Model A Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir eine Ford A Limousine als Hochzeitsauto, wenn ich die Aufnahmesituation richtig deute.

Von dem Wagen sieht man gerade genug, um ihn zu identifizieren – Drahtspeichenräder, Doppelstoßstange, unterer Kühlerabschluss und Gestaltung der Haubenpartie sind typisch für das Model A.

So wenig man hier von dem Ford sieht, so sehr gefällt mir diese Aufnahme – nicht nur, weil sie von der Rolle des Automobils als Familienmitglied erzählt, sondern vor allem, weil soviel Leben darin zu sehen ist. Allein mit der Frage, wer hier mit wem verwandt ist, kann man einige Zeit vertun – selbst das ist besser als Fernsehen.

Von diesem Dokument aus Niedersachsen geht es nun in die Reichshauptstadt, wo ein Ford Model A ein unvermeidlicher Anblick war. Selbst wer sich keinen leisten konnte, mag mit dieser Ausführung in Kontakt gekommen sein:

Ford Model A Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Diese schöne Aufnahme eines Berliner Taxis auf Basis des Ford A verdanke ich Matthias Schmidt (Dresden).

Man kann hier einige Besonderheiten studieren wie die schüsselförmigen Scheibenräder, die im Alltag praktischer waren als die Drahtspeichenräder, aber auch die verstellbare Kühlerjalousie, die ich so noch an keinem Wagen dieses Typs gesehen habe.

Der Besitzer gönnte sich und dem Ford außerdem ein auf dem Kühlwassereinfüllstutzen montiertes Thermometer, das vom Innenraum aus ablesbar war. Ein weiteres Zubehör war der Außenspiegel, damals noch nicht selbstverständlich.

Doch auch an das Wohl der Passagiere wurde hier gedacht: Bei schönem Wetter ließ sich das Verdeck über der Rückbank – und nur dort – öffnen, ein klassischer Landaulet-Aufbau also. So etwas sucht man im Berlin des 21. Jh. – und nicht nur dort – vergebens.

Nichts war unmöglich mit so einem Ford Model A, möchte man da meinen. Weitere Bestätigung liefert das dritte und für heute letzte Foto:

Ford Model A 6-Fenster-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch diese eindrucksvolle Sechsfenster-Limousine basierte auf dem braven Ford Model A. Die Kühlerpartie lässt keinen Zweifel daran, wenngleich auch hier untypische Scheibenräder montiert sind, in diesem Fall sogar mit verchromten Radkappen.

Ford bot solche viertürigen Limousinenaufbauten als „Fordor“ an – eine clevere Wortschöpfung, die wie „four door“ klang und zugleich den Markenname enthielt.

Dabei handelte es sich um die aufwendigste Variante des Ford Model A, doch selbst sie muss aus Sicht der Käufer alles andere aus dem Feld geschlagen haben – und das dem Kennzeichen nach zu urteilen in Sachsen, damals Deutschlands Autostandort Nr. 1!

Kein Wunder: Der gleichstarke Wanderer W10/II 8/40 PS kostete als viertürige Limousine 1928 satte 7.500 Reichsmark, während der Ford „Fordor“ für 4.800 Mark zu haben war. Wanderer konnte nur rund 1.500 Exemplare vom Typ 8/40 PS absetzen.

So war damals für Ford tatsächlich nichts unmöglich – schlicht weil man das Model A wie seinen Vorläufer konsequent vom Marktbedarf her gedacht hatte und sich nicht von den realitätsfernen Träumereien irgendwelcher Konstrukteure leiten ließ.

Einfache Technik, ordentliche Leistung, solide Verarbeitung und Eignung für die Großserienproduktion – dieses Rezept ermöglichte ein Ergebnis, das nicht nur erfolgreich, sondern auch erfreulich war.

Nehmen Sie sich etwas Zeit und genießen Sie einen unrestaurierten Ford A „Fordor“ von 1929. Wer begreifen will, warum vermeintlich einfache Autos wie dieses ihre Besitzer glücklich machten und machen, muss sich das anschauen – bis zum Schluss:

Videoquelle: Youtube.com; hochgeladen von: Paul Shinn

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Original oder Fälschung? Ein Stoewer S8 „Cabriolet“

Heute geht es auf den ersten Blick zwar um einen alten Bekannten, doch wie das bei Vorkriegswagen oft so ist, lassen sich ihm auch nach über 90 Jahren noch neue Seiten abgewinnen.

Das gilt besonders für die feinen Manufakturwagen der späten 1920er Jahre, die Stoewer aus Stettin fertigte und von denen kaum ein Exemplar vollkommen dem anderen entsprach. So kommt es, dass auch ein an sich gut dokumentierter Typ wie der S8 von 1928 die Frage aufwirft „Original oder Fälschung“?

Beim Stoewer S8 handelte es sich um einen der ersten deutschen Achtyzlinderwagen und auch wenn der Motor nicht die Raffinesse und Leistung des parallel eingeführten Horch „8“ erreichte, bleibt es bemerkenswert, dass Stoewer in dieser Liga mitspielte.

Stoewer gelang es zudem, seinen Achtzylinderwagen durch markante Gestaltungsdetails ein eigenständiges Erscheinungsbild zu geben – indem man sich von weniger gängigen US-Vorbildern „inspirieren“ ließ.

Im Fall des S8 übernahm man vom amerikanischen „Gardner“ des Modelljahrs 1927 die Aufteilung der Luftschlitze in kleine übereinanderliegende Felder – wie sie hier sehr schön zu studieren sind:

Stoewer S8 von 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Gerade richtet der Besitzer eines Stoewer S8 die Kühlerfigur des Wagens – den berühmten pommerschen Greif.

„Sehen Sie, Franz, der Greif muss stets genau nach vorne weisen.“„So ist er, der Herr Doktor, als ob ich nicht wüsste, wo’s lang geht!“ könnte sich der Fahrer gedacht haben…

Die bei Gardner – einer von 1920 bis 1932 existierenden Nischenfirma abgeschauten Luftschlitze finden sich auf der folgenden Aufnahme aus der Sammlung von Klaas Dierks wieder, dank der ich den S8 nun erstmals in ganzer Pracht zeigen kann:

Stoewer S8, Vierfenster-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Die wesentlichen Details der vorherigen Aufnahme finden sich hier wieder – die Luftschlitze, die lackierten Scheinwerfer in Trommelform und der Greif auf dem Kühler.

Unterschiede betreffen das Fehlen der vorderen Doppelstoßstange und der vernickelten (oder verchromten) Radkappen – eventuell aufpreispflichtige Extras.

Dass der Besitzer dieses Wagens – vermutlich der junge Mann im damals als sportlich geltenden hellen Trenchcoat – sich nicht das „volle Programm“ von Stoewer leistete, zeigt auch der Umstand, dass er „nur“ die vierfenstrige Version der Limousine wählte und nicht die repräsentative Pullman-Limousine mit sechs Seitenfenstern.

So konnte er neben einigen Reichsmark auch das eine oder andere Kilogramm an Gewicht sparen, denn der Motor des Stoewer S8 hatte mit gerade einmal 45 PS aus 2 Litern Hubraum auch so genug an dem 1,3 Tonnen schweren Wagen zu schleppen.

Parallel bot Stoewer übrigens im Typ G14 ein deutlich stärkeres 8-Zylinder-Aggregat an, das mit 70 PS aus 3,6 Liter Hubraum der Wagenklasse eher angemessen war. Man kann den G14 eigentlich nur anhand der Zahl der Felder unterscheiden, auf die sich die seitlichen Luftschlitze unterteilen – acht statt sechs wie beim S8.

Allerdings war der G14 nicht nur wesentlich teurer, sondern auch weit schwerer und vor allem viel durstiger. Spitze 100 km/h (statt 85 km/h beim S8) forderten mit 18 Liter Verbrauch (ggü. 13 Liter) einen heftigen Tribut.

Da mag es für den einen oder anderen Interessenten attraktiver gewesen sein, sich für den zwar schwächeren, aber wesentlich wirtschaftlicheren S8 zu unterscheiden. Zudem gab es eine weitere Möglichkeit, das Leistungsgewicht zu reduzieren, nämlich diese hier:

Stoewer S8, 2-Fenster-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Auch diese Aufnahme haben wir dem Spürsinn von Leser und Vintagefoto-Spezialist Klaas Dierks zu verdanken.

Auch wenn die junge Dame mit Töchterchen hier die Front verdeckt, spricht die Haubenpartie für einen Stoewer S8 von 1928. Doch dahinter beginnt es rätselhaft zu werden.

Denn hier haben wir keinen gängigen Aufbau als Limousine oder (seltener) Tourenwagen. Auf den ersten Blick scheint es sich um ein zweitüriges Cabriolet zu handeln.

In Verbindung mit dem Radstand von 3,10 m wirkt dieser Aufbau aus heutiger Sicht zwar ungewöhnlich, doch findet man so etwas in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren durchaus.

Die eigentliche Frage, die mich umtreibt, ist folgende: Handelt es sich hier um ein originales Cabriolet oder ist der Aufbau nur so zurechtgemacht? Dann hätten wir es mit einem „Faux Cabriolet“ zu tun, also quasi einer Täuschung des Betrachters?

Für die These eines „gefälschten“ Cabriolets spricht aus meiner Sicht unter anderem das Fehlen eines mittigen Gelenks an der seitlichen Sturmstange. Man findet solche funktionslosen Elemente öfters bei „Faux Cabriolets“, da diese erheblich zum Eindruck eines originalen Cabriolets beitragen.

Zudem scheint mir der untere Abschluss des „Verdecks“ an der Seite und am Heck nahtlos in den Karosseriekörper überzugehen. Meine Vermutung ist, dass wir es mit einem kunstledernen Scheinverdeck auf einem festen Holzrahmen zu tun haben.

Ich kann mich aber auch irren und würde mich daher über Lesermeinungen zur natürlich augenzwinkernd gemeinten Frage freuen: „Original oder Fälschung?“

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Mit Chauffeur und 6 Zylindern: Ein Fiat 512

Der einzige moderne Fiat, der noch als authentisch wahrgenommen wird, ist wohl das Modell 500. Ich habe den Wiedergänger des legendären „Cinquecento“ letztes Jahr als Mietauto über Englands Landstraßen gescheucht und viel Freude daran gehabt.

Doch auch diesem ausgezeichnet konstruierten, effizienten und kompakten Auto wird der irre Krieg der Politik gegen den Verbrennungsmotor und die erschwingliche Mobilität auf vier Rädern für jedermann demnächst den Garaus machen.

Vor rund 100 Jahren hätte man es nicht für möglich gehalten, dass man das Automobil wieder zu einer exklusiven Angelegenheit für gutsituierte Käufer von Batteriekutschen machen will – während sich die Bonzen weiter gepanzerte Benzinmobile gönnen…

So ändern sich die Zeiten und man gewinnt hierzulande mehr und mehr den Eindruck – nicht zum Besseren. Den Zumutungen des Alltags kann man jedoch zuverlässig durch die Flucht in die Vergangenheit entgehen – und sei es auch nur vorübergehend. Klassische Automobile sind dafür die perfekte Zeitmaschine…

An den Auftakterfolg des Fiat 501, der ab 1919 in über 80.000 Exemplaren gebaut und zu einem globalen Erfolg wurde, knüpften die Turiner 1925 mit dem Nachfolger 509 an.

Die Leistung blieb mit 23 PS überschaubar, doch genügten dazu nun nur noch 990 ccm Hubraum statt zuvor 1,5 Liter. Dank obenliegender Nockenwelle war der kleine Vierzylinder so drehwillig wie wohl kein anderes Großserienaggregat in dieser Klasse.

Dass der Fiat 509 ebenfalls am Markt einschlug, das verraten die Produktionszahlen: Bis 1929 entstanden über 90.000 Stück davon. Viele fanden auch in deutschen Landen Käufer, für die die heimische Autoindustrie nichts Vergleichbares im Angebot hatte:

Fiat 509 Tourenwagen, Zulassung im Raum Berlin; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Während weltfremde deutsche Ingenieure an Luxuswagen oder skurrilen Konzepten zu einem „Volksautomobil“ herumdokterten, zeigte Fiat mit dem Typ 509, dass man schlicht den Bedarf des Marktes verstanden hatte:

Ein Kleinwagen darf nicht wie das Bastelprodukt einer Hinterhofgarage aussehen, sondern muss wie ein ernstzunehmendes Automobil daherkommen. Fiat gelang das mit der an der Oberklasse orientierten klassischen Kühlerfront absolut perfekt.

Wie bei Rolls-Royce ist die Kühlermaske der Front eines antiken Tempels mit Dreiecksgiebel nachempfunden. Das Profil setzt sich bis zur Frontscheibe fort. Diese wie gemeißelt wirkende klassische Ästhetik findet sich bei allen Fiats ab 1925.

Die Schattenseite für uns Nachgeborene besteht nicht nur darin, dass so stilsicher heute kaum noch gestaltet wird, sondern dass die Fiat-Wagen der zweiten Hälfte der 1920er Jahre teilweise schwer auseinanderzuhalten sind. Beim Fiat 509 findet sich als einzigartiges Detail das vorn unter dem Kühler hervorschauende Anlassergehäuse.

Doch in anderen Fällen ist die Sache nicht so einfach. So warten noch etliche Fiat-Aufnahmen in meinem Fundus auf die Identifizierung des abgebildeten Typs. Unterdessen kann ich heute wieder einmal ein Exemplar zeigen, bei dem Klarheit besteht:

Fiat 512 Außenlenker; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Prachtstück spielt eindeutig in einer anderen Liga als der zuvor gezeigte Fiat 509 Tourer, auch wenn die Frontpartie dem Prinzip nach gleich gestaltet ist.

Doch hier ist der Kühler deutlich höher und auch die Motorhaube reicht wesentlich weiter nach oben. Auf einen deutlichen Klassenunterschied weisen außerdem die Scheinwerfer mit vernickeltem Zierring und die (wohl nachgerüstete) Stoßstange hin.

Dass wir uns hier nicht in den Sphären einer ordinären Familienkutsche bewegen, zeigt aber vor allem das vom Passagierraum abgeteilte Fahrerabteil, in dem ein eigens angestellter Chauffeur schaltete und waltete.

Links hinter dem Fahrer sieht man das Sprechrohr, über das die Insassen Anweisungen geben konnten. Übrigens saß der Chauffeur bei Regen nicht im Freien, sondern konnte ein Notverdeck vorn am Scheibenrahmen befestigen.

Ein Fiat mit dermaßen luxuriöser Anmutung bot auch antriebsseitig Besonderes. Denn die Gestaltung der Haubenseite mit den weit unten endenden Luftschlitzen und der beträchtlichen freien Fläche oberhalb der darüberliegenden Zierleiste ist typisch für das Modell 512, der ein Jahr nach dem 509 erschien.

Der Typ 512 war Fiats Nachfolger des Sechszylindermodells 510, das ab 1919 parallel um kompakten 501 gebaut wurde. Im Unterschied zum 509 besaß der 512 zwar weiterhin nur seitlich stehende Ventile, doch stieg die Leistung auf 50 PS.

Damit war der Fiat völlig ausreichend motorisiert, zumal der Hubraum von 3,5 Litern eine elastische Motorcharakteristik erwarten lässt, die sich auch auf Reisen in bergigen Gegenden bewährt.

Ein rares Detail sei zuletzt noch erwähnt. Dieser Wagen verfügt nämlich über einen links angebrachten Außenspiegel, der dem noch rechts sitzenden Fahrer das Leben leichter machte. Weitere Details lassen sich auf diesem Ausschnitt genießen:

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Eine Wucht! Austro-Daimler Type ADR „Armbruster“

„Das ist ja eine Wucht!“ – wann und wo hat man das zuletzt gehört oder gelesen? Mir scheint das ein im Aussterben befindlicher Ausdruck zu sein – Anlass, ihn wieder einmal zu benutzen so wie das schöne „Guten Morgen“ statt des schnöden „Hallo“.

Heute passt dieser Ausdruck von Begeisterung im doppelten Sinne, denn zur Wucht, die einen umhaut, passt auch die im Titel anklingende Waffe – die Armbrust. Letztere ist übrigens ein Beispiel für eine Verballhornung eines fremdsprachlichen Wortes.

Die Armbrust wurde bereits in der Antike erfunden und in spätrömischer Zeit als „arcu balista“ bezeichnet. Das Wort schliff sich später auf Umwegen zur deutschen Armbrust ab. Die Waffe zeichnet sich durch die enorme Wucht aus, mit der sie aus vorgespanntem Zustand Metallbolzen verschießt, die sogar Rüstungen zu durchschlagen vermögen.

Gebaut wurde diese technisch raffinierte Waffe, die manchen sich fest im Sattel wähnenden Ritter vom Pferd gehauen hat, traditionell vom Armbruster. Der musste sich freilich mit dem Aufkommen der Feuerwaffen auf ein anderes Handwerk verlegen.

Zumindest in einem Fall scheint die Familientradition vom Kriegsgerät zur Fabrikation von Kutschaufbauten und später Automobilkarosserien geführt zu haben – doch die Wucht, mit der das fertige Produkt einen trifft, blieb dabei nicht auf der Strecke:

Austro-Daimler ADR, Karosserie: Armbruster; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Prachtexemplar eines Sportcabriolets traf und trifft den Betrachter völlig unerwartet. Man darf sicher sein, dass auch mancher Kenner von Vorkriegsautomobilen nach erstem Schock erst einmal tief Luft holen muss.

„Das ist die Wucht!“ werden selbst die Freunde der Marke Austro-Daimler ausrufen, denn dieses Exemplar begegnet einem auch dann nicht alle Tage, wenn man sich regelmäßig mit den Modellen der Wiener Traditionsmanufaktur beschäftigt.

Der Wagen mit klassischer Zweifarblackierung wirkt perfekt proportioniert und erfreut das Auge mit dem Auf und Ab der Linien wie die Donauwelle den Gaumen. Doch der Blick auf das riesige Lenkrad offenbart, wie extrem flach dieser Wagen gehalten war.

Die Basis der 1927 eingeführte Austro-Daimler ADR – begünstigte mit seinem Zentralrohrrahmen ein tiefsitzendes Fahrer- und Passagierabteil. Mit einem 70 PS starken 3-Liter-Sechszylinder besaß er zudem sportliche innere Werte.

Rennfahrer Hans Stuck fuhr privat einen solchen Austro-Daimler ADR – und zwar genau in der Ausführung, die wir hier sehen:

Nur das Kennzeichen aus Düsseldorf verrät, dass wir nicht den Wagen von Hans Stuck vor uns haben, denn der besaß ein österreichisches Nummernschild.

Ansonsten handelt es sich um denselben Aufbau als zweisitziges Sportcabriolet der Wiener Karosseriemanufaktur Armbruster.

Übrigens hatte ich den Wagen zunächst als ab 1931 gebauten Typ ADR-8 angesprochen. Dieser erhielt einen noch längeren Radstand und einen formidablen Reihenachtzylinder mit obenliegender Nockenwelle, der satte 100 PS auf den Weg zur Hinterachse schickte.

Wie mir ein sachkundiger Leser mittteilte, war der ADR-8 vom Sechszylindermodell durch eine kleine „8“ oberhalb des Markenschriftzugs am Kühler zu unterscheiden – leider fehlt dieses Detail hier, sonst wäre dies einer von nur rund 50 gebauten ADR-8.

Mit dem ADR-8 endete die eigenständige Automobilfertigung von Austro-Daimler – 1934 erfolgte der Zusammenschluss mit Steyr und Puch zur Steyr-Daimler-Puch AG. Einen spektakuläreren Abschluss von 35 Jahren Automobilfertigung kann man sich schwer vorstellen…

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Rätselhaftes Trio: Ein „Dixi“-Tourer um 1909

Mit der thüringischen Marke Dixi habe ich mich in meinem Blog schon öfters beschäftigt – meist anhand der recht verbreiteten G-Typen der 1920er Jahre sowie des Austin 7-Lizenznachbaus 3/15 PS Typ DA1.

Von den frühen Modellen vor dem 1. Weltkrieg konnte ich bislang nur einen Dixi T7 von 1905 dingfest machen (Porträt hier).

Die schillernde Vielfalt der übrigen bis zum 1. Weltkrieg gebauten Dixi-Modelle wird näherungsweise in Halwart Schraders Klassiker „BMW-Automobile“ deutlich, das ein umfangreiches Kapitel zu den Eisenacher Dixi-Werken umfasst, wo nach Übernahme der Marke die ersten BMWs gebaut werden sollten.

Das Dixi-Kapitel ist zwar mit vielen Werksaufnahmen und Prospektabbildungen garniert, doch darf an deren Zuschreibung angesichts teilweise identischer Abbildungen bei unterschiedlichen Typen gezweifelt werden.

Umso erfreulicher, wenn doch einmal zeitgenössische Fotos solcher frühen Dixi-Automobile auftauchen, die die Wagen im Alltag zeigen – auch wenn dabei einige Unwägbarkeiten mit im Spiel sind. So haben wir es heute mit einem Trio zu tun, das sich zwar am Ende erstaunlich offen zu erkennen gibt, aber dennoch rätselhaft bleibt.

Den Anfang macht diese prachtvolle Aufnahme, die vor der gewaltigen Festung Königstein in Sachsen entstand:

Dixi Tourenwagen von ca. 1905/06; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Festungsanlage gehört mit ihrer großartigen Lage und den Bauphasen vom Mittelalter bis in die Barockzeit zu den herausragenden Sehenswürdigkeiten des Elbsandsteingebirges.

Der Tourenwagen davor verliert sich beinahe in der Aufnahme, die im Original ein noch größeres Panorama umfasst. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass wir es mit einem durchaus repräsentativen Fahrzeug zu tun haben.

Dem Aussehen nach würde man hier auf etwa 1905/06 tippen. Schauen wir genauer hin:

Dixi Tourenwagen von ca. 1905/06; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man präge sich hier folgendes ein: die Stellung des geöffneten Verdecks, die Gestaltung der Karosserieflanke mit geschwungenem unteren Türabschluss, auf der Beifahrerseite angebrachter Ballhupe und einem großen Kasten am vorderen Ende des Trittbretts.

Festzuhalten ist außer dem die senkrechte, sehr hohe Windschutzscheibe, die wohl keine Verstellmöglichkeiten bot. Nicht zuletzt präge man sich die beiden Insassen ein – der Dritte im Trio dürfte sich zu diesem Zeitpunkt hinter der Kamera befunden haben.

Zusammen mit dieser Aufnahme habe ich das folgende Foto erworben, das vom Papier und der Alterung her dazu zu passen scheint. Es zeigt einen ganz ähnlich wirkenden Wagen, aber diesmal schräg von hinten aufgenommen:

Dixi Tourenwagen um 1909; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man ist spontan geneigt, hier dasselbe Auto zu sehen – doch auch wenn die Aufnahmen demselben Konvolut entstammen, ist das nicht der Fall.

So liegt das geöffnete Verdeck hier flacher auf, die Werkzeugkiste befindet sich am hinteren Ende des Trittbretts, davor sind zwei Reservereifen angebracht. Vor allem aber erscheint die Windschutzscheibe hier niedriger und ist schräg fixiert.

Könnte aber nicht einer der Insassen aus dem Wagen auf dem ersten Foto hier mit von der Partie sein? Nun, auszuschließen ist das nicht, vielleicht sind sogar beide hier zu sehen. Doch kann dies auch täuschen, da die den funktionellen Anforderungen angepasste Reisekleidung das Erscheinungsbild dominiert.

Ein Zusammenhang zwischen dem Trio auf diesem Foto und dem vorherigen bleibt gleichwohl möglich. Nur was den Wagen angeht, ist der Unterschied gegeben.

Auf ein Detail sei hier noch verwiesen. Wirft man einen Blick auf das Kennzeichen am Heck, scheint dort „CG“ und dann in der zweiten Zeile „302“ stehen. Wirkt erst einmal ungewöhnlich für ein deutsches Nummernschild.

Doch der Eindruck täuscht nicht, denn auf dem dritten Foto aus dieser kleinen Serie ist dasselbe Kennzeichen zu sehen, diesmal von vorn und etwas deutlicher:

Dixi um 1909; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn sich unser Herrentrio hier wieder etwas anders darstellt, ist wiederum eine Schnittmenge gegeben. Nun passen auch die schräggestellte Windschutzscheibe, die Reservereifen und die Neigung des niedergelegten Verdecks.

Rätselhaft bleibt manche Übereinstimmung mit dem Wagen auf dem ersten Foto: Auch hier ist am vorderen Ende des Trittbretts ein Kasten zu sehen, oberhalb der Ersatzreifen lugt ein Teil des Hupenballs hervor. Zudem würde die Windschutzscheibe hochgeklappt wohl wieder so groß wirken wie bei dem Wagen auf der ersten Aufnahme – verwirrend.

Doch findet sich hier ein weiterer klarer Unterschied: die Gestaltung der Vorderschutzbleche, die hier vorn nicht gerade und kastenförmig auslaufen, sondern abgerundet sind und außerdem einen inneren Spritzschutz besitzen:

Dixi-Tourenwagen um 1909; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun erscheinen besagte Innenkotflügel nachträglich angebracht, und die Schutzbleche selbst könnten gegenüber der ersten Aufnahme verändert worden sein.

Doch weitere Unterschiede betreffen den hier geschwungenen oberen Abschluss der Schottwand zwischen Motorraum und Fahrerabteil. Andererseits finden sich wie auf dem ersten Foto ebenfalls merkwürdige Scheinwerfer am hinteren Ende der Vorderkotflügel.

Man ist hin- und hergerissen – haben die beiden Wagen am Ende doch mehr miteinander gemeinsam als nur die Insassen (oder einige davon)?.

Klar ist nur eines: Der Tourenwagen auf dem dritten Foto ist ein Dixi, auch wenn ich im ersten Reflex an die Marke „Dux“ der Leipziger Polyphonwerke dachte – aber da war der Wunsch nach einer solchen Rarität Vater des Gedankens.

Für den ab 1908 recht häufig gebauten kompakten Typ R8 mit 1,6-Liter-Motor wirkt der Wagen zu groß. Auch die zehn statt nur acht Speichen in den Vorderrädern sind ein Indiz für eine stärkere Motorisierung.

Dummerweise kommen hier gleich mehrere Modelle in Frage, da Dixi zu jener Zeit eine kaum überschaubare Palette an Vierzylindermodellen mit Hubräumen bis zu 7,3 Litern (Typ U35) anbot.

Aus meiner Sicht ist es kaum mehr möglich, den Typ exakt zu bestimmen, was aber nicht weiter schlimm ist, da allein schon ein solches Foto mit einem eindeutig als früher Dixi zu erkennenden Wagen ein erfreulicher Fund ist.

Das das Kennzeichen mit dem auf dem zweiten Foto übereinstimmt, hätten wir zudem den raren Fall, dass ein und derselbe Wagen in Front- und Heckansicht dokumentiert ist.

Zu dem Nummernschild selbst noch ein Wort. Ich hielt es anfänglich für ein ausländisches, doch ein Blick in Andreas Herzfelds unverzichtbares Werk „Deutsche Kfz-Kennzeichen, Band 1, Deutschland bis 1945“ lieferte die Lösung.

Unser Herrentrio mit dem großzügigen Dixi-Tourenwagen stammte aus dem Bundesstaat des Deutschen Reichs Sachsen-Coburg-Gotha, wo ab Ende 1906 die Kennung „CG“ verwendet wurde.

Reiselustig scheinen die Herren aus dem Herzogtum gewesen zu sein – und Vertrauen in die Zuverlässigkeit ihres Dixi hatten sie ebenfalls. Denn das dritte Foto dieser schönen Reihe zeigt sie im grandiosen Mittelrheintal bei Kaub:

Just im Moment der Aufnahme rauscht hier ein prächtiger Schaufelraddampfer vor der Burg Pfalzgrafenstein vorbei, die mitten im Fluss liegt und wie die Loreley einst und heute zu den magischen Orten am Mittelrhein zählt, an denen man gern anhält und den Kontrast aus urwüchsiger Natur und menschengemachter Kulturlandschaft genießt.

Dazu passen perfekt rätselhafte Relikte wie dieses Fototrio, das ich heute behandelt habe und dessen Gehalt ich ein wenig unterschätzt hatte, als ich zu schreiben begann.

Nachtrag: Der Wagen auf dem ersten Foto – das vor der Festung Königstein – entstand, zeigt sehr wahrscheinlich ebenfalls einen Dixi, aber wohl ein etwas früheres Modell um 1905/06. Vielleicht bekommen wir doch noch mehr dazu heraus…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Die Schöne und das Biest: Delahaye Type 122

Das Auto, das ich heute präsentiere, kennt hierzulande vermutlich kein Mensch – dennoch war der Hersteller so rasch identifiziert wie selten. Etwas länger dauerte es dann, bis der genaue Typ klar war.

Zeit nahm außerdem die Suche nach einer geeigneten Überschrift in Anspruch. Ich hätte es mir einfach machen und schlicht schreiben können: Ein Delahaye 10CV Type 122 von 1932/33 – denn genau darum handelt es sich bei dem Wagen.

Die späten Exemplare dieser legendären französischen Marke, sind tatsächlich dermaßen spektakulär, dass ihre Opulenz jede Beschreibung überflüssig macht:

Delahaye Cabriolet im Park von Schloss Chantilly, 2015; Bildrechte: Michael Schlenger

Dieser Delahaye der Enddreißiger war 2015 beim Concours d’Elegance auf Schloss Chantilly nördlich von Paris zu bewundern. Er hat außer dem Markennamen nichts mit dem Fahrzeug zu tun, das heute im Mittelpunkt steht.

So wirkt der Delahaye, den ich im Folgenden präsentiere, erschreckend nüchtern. Dennoch lässt die Aufnahme es nicht an Eleganz mangeln, bloß dass diese nicht von dem Wagen herrührt.

Dieser reizvolle Kontrast und die Enttäuschung der Erwartungen, die beim Markennamen Delahaye unweigerlich aufkommen, lieferten letztlich den Schlüssel zum Titel: „Die Schöne und das Biest“.

Nach dieser Vorrede ist es höchste Zeit für den eigentlichen Star des heutigen Blog-Eintrags:

Delahaye 10 CV Type 122 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Beim Erwerb des Originalabzugs (wie fast immer bei eBay Deutschland) hatte ich keinen blassen Schimmer, was für ein Auto darauf zu sehen ist. Nur dass es ein französisches Fabrikat um 1930 sein muss, war mir klar.

Schmale hohe und oben abgerundete Kühler wie hier finden sich bei einer Reihe französischer Wagen jener Zeit, darunter Citroen und Chenard-Walcker. Doch der leichte Abwärtsknick der oberen Kühlereinfassung sprach für einen anderen Hersteller.

Ich wäre nicht so bald darauf gekommen, fände sich nicht der Herstellername an prominenter Stelle:

Der an der Windschutzscheibe angebrachte Aufkleber mit dem Markennamen lässt vermuten, dass der Wagen brandneu war – auf die Dauer hätte man ihn wohl als störend empfunden, auch wenn er sich auf der Beifahrerseite befindet.

Stilistisch hätte ich den Wagen noch am Ende der 1920er Jahre angesiedelt, doch tatsächlich erwies er sich als deutlich jünger. Fündig wurde ich nach längerem Durchforsten der Delahaye-Typen beim Modell 10 CV Type 122 von 1932/33.

Dabei handelte es sich um einen technisch unauffälligen Wagen der oberen Mittelklasse mit 1,8 Liter-Vierzylindermotor, der 38 PS leistete – genug für Spitze 90 km/h.

Nur 800 Stück entstanden von dem Modell, das meist als Limousine verkauft wurde, deren Karosserie von SICAL zugeliefert wurde – einem Karosseriebauer, der vorwiegend für Citroen tätig war, aber auch Aufträge anderer Autofirmen annahm.

Kenner des Citroen C6 werden eine beträchtliche Ähnlichkeit mit dem Aufbau dieses Delahaye feststellen. Lediglich die in vier Gruppen angeordneten schrägstehenden Luftschlitze scheinen spezifisch für den Delahaye Typ 122 gewesen zu sein.

Besonders attraktiv wirkt der Wagen damit nicht, jedenfalls nicht auf dieser Aufnahme. Welchen Part er hier im Hinblick auf „Die Schöne und das Biest“ spielt, scheint eine ausgemachte Sache zu sein, nimmt man die junge Dame neben ihm in Augenschein:

Hach, was soll man zu soviel lässiger Eleganz sagen? Die Schöne hat sich in eine perfekt anmutende Pose begeben wie eine Diva, die das täglich macht.

Man beachte die gespreizte Linke, die Hals und Haaransatz berührt – eine raffinierte Geste, die in Vergessenheit geraten ist. Der rechte Arm ist hinter dem Rücken verborgen und gibt den Blick auf die Taille frei. Der lange Rock enthüllt in dieser Haltung mehr als er verbirgt – hier wusste jemand genau, wie man sich vorteilhaft in Szene setzt.

Der in sich ruhende Blick strahlt ein tiefes Selbstbewusstsein aus – das Bewusstsein der gewaltigen Macht, die weibliche Schönheit besitzt und die Männern verwehrt ist. An dieser Magie kann auch die kulturmarxistische Gender-Ideologie nichts ändern.

Offen bleiben muss jedoch die Frage, ob wir „Die Schöne und das Biest“ hier am Ende in Personalunion vereint sehen und der brave Delahaye nur eine Statistenrolle innehat…

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Öfter mal was Neues: Audi Typ 225 Limousine

„Öfter mal was Neues“ – vielleicht nicht ganz das, was man in einem Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos erwartet – oder doch?

Nun, am Wochenende habe ich einen Stapel „neuer“ Aufnahmen gesichtet und dabei reichlich Neuentdeckungen aus der Wunderwelt des Vorkriegsautomobils gemacht.

Wenn heute wieder einmal Audi auf dem Programm steht, könnte man im ersten Moment enttäuscht sein – was soll es da schon Neues geben?

Eine ganze Menge und das obwohl (oder vielleicht weil) Vorkriegs-Audis enorm selten waren und sind. Das Standardwerk „Audi-Automobile 1909-1940“ von Kirchberg/Pönisch erwähnt lediglich 110 überlebende Fahrzeuge (Stand: 2015).

Seither mag irgendwo in den Weiten Osteuropas das eine oder andere „neue“ Exemplar aufgetaucht sein, das dort im Dienst der Wehrmacht einst strandete. Doch am eigentlichen Befund ändert dies nichts: Vorkriegs-Audis sind Raritäten.

Der Großteil der noch vorhandenen Fahrzeuge entfällt auf die Frontantriebsmodelle, die von 1933 bis 1938 gebaut wurden. Dabei fällt auf, dass rund 80 % davon Cabriolets bzw. Roadster sind und nur 20 % Limousinen.

Verständlich wäre das, denn die meist von Gläser (Dresden) gelieferten offenen Versionen der Audi-Fronttriebler sahen einfach gut aus:

Audi Typ 225; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese hübsche Aufnahme wäre die erste Neuigkeit, von der es heute zu berichten gibt, denn sie zeigt ein bisher unpubliziertes Exemplar des Audi „Front“ in der Ausführung mit Kühlluftkiemen in der Motorhaube, die ab Frühjahr 1934 gebaut wurde.

Wer sich hier an Horch erinnert fühlt, liegt nicht völlig falsch, denn diese Audis entstanden im Zwickauer Horch-Werk und dort wurden auch die wesentlichen formalen Elemente entworfen. Doch die schrägstehende „1“ auf dem Kühler verweist eindeutig auf Audi – seit 1923 war diese die Kühlerfigur der Marke.

Wo sich das Hotel „Kaiserhof“ befand, vor dem der Audi mit den beiden Kindern einst abgelichtet wurde, ist mir leider nicht bekannt – vielleicht existieren das Gebäude und das Hotel aber noch. Dann würde ich mich über entsprechende Hinweise freuen.

Mit diesem Cabriolet wäre das erste Dutzend solcher Audi-Fronttriebler voll, die in meiner stetig wachsenden Audi-Galerie versammelt sind. Interessanterweise finden sich dort ebenfalls nur ganz wenige Limousinen.

25 % beträgt ihr Anteil an allen bislang von mir dokumentierten Audi-Frontwagen. Der Wert liegt nur etwas höher als die Quote der überlebenden Autos dieses Typs (20 %). Selbst wenn man annimmt, das schicke Cabrios häufiger fotografiert wurden, ist das ein starkes Indiz dafür, dass die Audi-Käufer damals offene Aufbauten bevorzugten.

Vor diesem Hintergrund stellt das folgende Foto eines Audi-Fronttrieblers mit Aufbau als 6-Fenster-Limousine durchaus „etwas Neues“ in meinem Blog dar:

Audi 225 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zugegeben: Die Qualität dieser Aufnahme ist nicht gerade berauschend. Doch sieht man alles Wesentliche, was zur Ansprache von Marke und Typ erforderlich ist: Vorn auf dem leicht schrägstehenden Kühler thront die Audi-„1“, entlang der Motorhaube ist der obere Abschluss der kiemenartigen Luftschlitze zu erkennen.

Der Aufbau ist klar als geräumige 6-Fenster-Limousine zu erkennen, wie sie von Horch für den Audi „Front“ gefertigt wurde. Es leuchtet ein, dass eine so massige Karosserie nicht die ästhetischen Qualitäten der offenen Aufbauten von „Gläser“ erreichen konnte.

Gut möglich, dass Käufer des neuen frontgetriebenen Audi damals auch in äußerer Hinsicht auf einen besonderen Auftritt Wert legten, obwohl ab den späten 1920er Jahren immer größere Marktanteile auf Limousinen bzw. Cabrio-Limousinen entfielen.

An dem Tag, an dem das Foto dieses raren Audi „Front“ mit geschlossenem Aufbau entstand – laut Beschriftung des Abzugs der 2. November 1935 – könnten die Insassen jedoch ein festes Dach über dem Kopf und ein feierliches Erscheinungsbild bevorzugt haben – so könnte das Auto damals als Hochzeitswagen gedient haben.

Leider ist von den Insassen fast nichts zu erkennen. Auf dem größeren Originalabzug ist im Hintergrund aber ein Kirchenportal zu sehen. Der Stempel eines Fotohauses aus Hildesheim deutet darauf hin, dass es sich um den dortigen Dom oder die Michaeliskirche handeln könnte.

Leider sind beide Gotteshäuser wenige Wochen vor Kriegsende durch alliierte Bombenangriffe stark zerstört worden und wurden später in stark reduzierter Form wiederhergestellt, sodass es schwerfallen dürfte, heute den genauen Ort zu lokalisieren.

In der Hoffnung, dass es vielleicht doch gelingt, präsentiere ich am Ende entgegen meinen sonstigen Gepflogenheiten den Originalabzug, da er mehr Details des Kirchenbaus zeigt:

Audi 225 Limousine, November 1935, Hildesheim; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch in dieser Hinsicht bewahrheitet sich also der heutige Titel „öfters mal was Neues“, denn hier sieht man zur Abwechslung einmal das Ausgangsmaterial – wobei bereits die zahlreichen Flecken und Defekte des Originals retuschiert sind.

Wer die Szenerie wiedererkennt, ist eingeladen, sein Wissen über die Kommentarfunktion kundzutun, denn so haben alle meiner Leser etwas davon.

An die 5.000 Besucher sind es übrigens inzwischen pro Monat. Auch das sind Neuigkeiten, die mir sagen, dass ich mit meinem Projekt zur Dokumentation von Vorkriegsautomobilen im alten Europa auf dem richtigen Weg bin.

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.