Hanomag „Garant“: Ein versehrter Kriegsheimkehrer

Dass PKW der 1930er Jahre den 2. Weltkrieg unbeschadet überstanden haben, war eine seltene Ausnahme. Was nicht an der Front geblieben war, kehrte oft in ebenso desolatem Zustand zurück wie die geschlagenen Truppen.

In den letzten Tagen und Wochen des Kriegs wurden viele Wehrmachts-Fahrzeuge irgendwo stehengelassen, wenn das Benzin alle war. Wie diese Kriegsheimkehrer auf vier Rädern neue Besitzer fanden, gehört aus Sicht des Verfassers zu den spannenden Kapiteln, zu denen nur wenig bekannt ist. Denn beinahe alle nicht-militärischen Fahrzeuge, die von der Wehrmacht eingesetzt wurden, waren ja zuvor in Privatbesitz, und nach der Kapitulation 1945 waren sie formal weiterhin Eigentum der öffentlichen Hand.

Viele Bilder belegen jedoch, dass solche ehemaligen Wehrmachts-Fahrzeuge in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren wieder von Privatleuten gefahren wurden (siehe auch Ford Taunus auf VW-Kübel-Chassis). Wie das ohne Papiere und Kaufvertrag bewerkstelligt wurde? Auf dem Land genügte es wohl, die richtigen Leute zu kennen, die mit einer gesunden Prise Pragmatismus gesegnet waren und keine unnötigen Fragen stellten – das Leben musste ja weitergehen.

Ein mutmaßliches Beispiel für ein solches Fahrzeug soll hier vorgestellt werden:

Hanomag_Garant_Cabriolimousine

© Hanomag „Garant“, Ende der 1940er Jahre; Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen als solcher ist schnell identifiziert. Auf dem Kühlergrill ist in Fahrtrichtung rechts ein Emblem der Firma Hanomag montiert, die in den 1930er Jahren solide, technisch anspruchslose Mittelklassewagen baute. Während die Modelle „Rekord“ und „Sturm“ durch entsprechende Schriftzge auf dem Kühler leicht zu erkennen sind, verfügten die kleineren Vorgänger „Garant“ und „Kurier“ nicht immer über solche Erkennungsmerkmale.

Doch die Kühlermaske ist hinreichend individuell, um zusammen mit dem wohl nachträglich montierten Hanomag-Emblem die Ansprache als Modell „Garant“ zu rechtfertigen. Auf der anderen Seite des Kühlers ist eine ADAC-Plakette angebracht, die auf der Originalaufnahme besser zu erkennen ist als im hier gezeigten Bild:

Hanomag_Garant_Cabriolimousine_Kühler

Gebaut wurde der Hanomag Garant mit seinem 1,1 Liter-Vierzylinder und 23 PS von 1934-38. Er war als Limousine sowie als Cabriolimousine (von Karmann) verfügbar. Mit einem solchen Wagen mit Karmann-Aufbau haben wir es hier zu tun.

Was spricht nun dafür, dass es sich um ein ehemaliges Wehrmachts-Fahrzeug handelt? Aufschlussreich ist vor allem die matte Lackierung der Kühlermaske, die serienmäßig verchromt war. Bei requirierten Wehrmachts-PKW wurden alle Chromteile grau überlackiert, um verräterische Reflektionen zu vermeiden.

Der Kühler scheint noch diese der Tarnung dienende Lackierung zu tragen, während die verchromten Scheinwerfer nachgerüstet sein können. Vielleicht trugen sie im Krieg auch einen Tarnüberzug aus Stoff, der eine Lackierung der Chromringe überflüssig machte.

Allerdings fällt der Chromrahmen der Frontscheibe auf – entweder wurde die Scheibe nach dem Krieg ausgetauscht oder die Lackierung ließ sich hier leichter entfernen als anderswo. Bei Wehrmachtsfahrzeugen sieht man oft, dass schon während des Kriegseinsatzes die Lackierung speziell an den Scheibenrahmen wieder abblättert, da der Untergrund dort vermutlich nicht eigens angerauht wurde (Beispiel hier).

Möglich ist zwar, dass nur die Kühlermaske von einem Wehrmachtsfahrzeug stammt und später an einem während des Kriegs zivil genutzten Hanomag verbaut wurde. Allerdings weisen mehrere Indizien darauf hin, dass der Wagen härter beansprucht wurde als ein Zivilfahrzeug.

Zum einen fehlen vorne und hinten die Radkappen, die ein privater Besitzer nach Wechsel der Räder oder Schmierung der Radlager sicher wieder montiert hätte. Auch die Reifen sehen nach rustikalem Geländeeinsatz aus. Zum anderen scheinen die Vorderkotflügel demoliert zu sein und die Frontstoßstange ist ersetzt worden:

Hanomag_Garant_Cabriolimousine_Frontpartie

Die montierte Stoßstange stammt von einem anderen Fahrzeug. Der markante mittige Knick nach unten ist beispielsweise beim Ford Köln bzw. Rheinland ab 1934 sowie beim Ford Eifel ab 1935 zu finden. Einen solchen Umbau unternimmt man nur, wenn die Originalstoßstange nicht mehr vorhanden ist. Nach einem leichten Unfall könnte man diese ja richten – wenn sie aber ganz fehlt, weist dies darauf hin, dass der Wagen zuletzt nicht im normalen Straßenverkehr bewegt wurde.

Es ist nur eine Vermutung, doch spricht einiges dafür, dass dieser Hanomag Garant in seinem früheren Leben feldmäßig eingesetzt wurde, also einen harten Dienst in der Wehrmacht verrichten musste. Nach dem Krieg wurde der irgendwo gestrandete Wagen wieder in Betrieb genommen und notdürftig hergerichtet.

Übrigens scheint die nachträglich montierte Ford-Stoßstange auch von einem Wehrmachts-Fahrzeug zu stammen, da sie werksseitig verchromt war. Oder der Zustand war so schlecht, dass der Besitzer sie kurzerhand in Wagenfarbe lackierte.

Dass wir es jedenfalls mit einer Aufnahme aus der frühen Nachkriegszeit zu tun haben, beweist das Nummernschild. Es wurde in der „Amerikanischen Besatzungsszone Bayern“ (AB) vergeben, wahrscheinlich 1948 (siehe untere Ziffernkombination in der Mitte).

Derartige Bilder aus der Nachkriegszeit zeigen Fahrzeuge, die mit Mühe und Not am Laufen gehalten wurden und an denen vieles nicht mehr „original“ war. Gerade solche schwer mitgenommenen, aber immer noch genutzten Vehikel sind in besonderer Weise authentisch. Entsprechende Originalbilder sind daher historisch interessanter als andere, die die Fahrzeuge noch im Neuzustand zeigen, der am wenigsten repräsentativ für ein Autoleben ist.

Leider hatten in der Vergangenheit nur wenige Veteranen-Liebhaber hierzulande das Gespür, solche Originale im vorgefundenen Zustand zu konservieren, anstatt sie wieder „auf neu“ zu machen und damit alle Spuren ihrer Geschichte zu zerstören.

Mercedes 170 V: Geburtstagsgrüße aus Budapest

Vor genau 80 Jahren – im Februar 1936 – stellte Mercedes mit dem 170 V ein Modell vor, das bis in die Nachkriegszeit das wichtigste Standbein der Marke werden sollte.

Ein technisches Porträt des Mercedes 170 V findet sich hier. An dieser Stelle sei nur der Zusatz „V“ erläutert. Bei dem 1,7 Liter Vierzylindermotor handelte es sich keineswegs um ein Aggreat mit V-Anordnung der Zylinder – so etwas gab es seinerzeit nur von Lancia (Modell Aprilia). Wer auf Vorderradantrieb tippt, liegt ebenfalls daneben, das war das Revier von Adler und DKW.

Vielmehr diente der Buchstabe der Unterscheidung vom zeitgleich angebotenen Typ 170 H, der über denselben Motor verfügte – diesen jedoch im Heck trug (siehe auch MB 130 H). Somit verweist „V“ schlicht auf die Motorposition „vorne“. Mit dem Zusatz „V“ stellte man – unfreiwillig? – auch heraus, dass der Wagen im Gegensatz zum alten 170er Mercedes (1931-36) nur vier statt sechs Zylinder hatte.

Anstelle weiterer Details zum Mercedes 170 V, die andernorts reichlich verfügbar sind, soll hier nur das Jubiläum des Modells zum Anlass genommen werden, zwei schöne zeitgenössische Aufnahmen des Wagens zu präsentieren:

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© Originalfoto Mercedes-Benz 170 V in Budapest; Sammlung Michael Schlenger

Erkennbar steht der Mercedes hier nicht im Mittelpunkt, dient aber ebenso als dekorative Staffage wie der mächtige Gebäudekomplex im Hintergrund. Dabei handelt es sich um das Parlamentsgebäude in Budapest, das Ende des 19. Jh. im neugotischen Stil errichtet wurde.

Man darf ausschließen, dass die technisch hochwertige Aufnahme bei einer Präsentation des Mercedes in der ungarischen Haupstadt entstand. Denn insbesondere auf dem zweiten Bild sieht man Gebrauchsspuren an dem Wagen, die man auf einem Werksfoto sicher vermieden hätte:

MB_170V_Budapest_2

© Originalfoto Mercedes-Benz 170V in Budapest; Sammlung Michael Schlenger

Man liegt wohl mit der Vermutung nicht verkehrt, dass es sich hier um Modeaufnahmen handelt. Zwar lächeln die beiden Damen auf dem zweiten Bild etwas angestrengt – vermutlich war es ein kalter Tag – aber wie normale Reisende sehen sie nicht aus. Die insgesamt vier Personen hätten sicher Platz im Mercedes gefunden, doch für Gepäck wäre kein Raum mehr gewesen. Damit kann man eine Urlaubsreise ausschließen.

Dass der Wagen keinen ortsansässigen Besitzer hatte, sondern aus Deutschland stammte, verrät neben dem Nummernschild vor allem der DDAC-Wimpel am Frontstander. DDAC stand für „Der Deutsche Automobil Club“, in dem seinerzeit alle deutschen Automobilclubs zwangsvereinigt waren, darunter auch der ADAC.

MB_170V_Budapest_2_Ausschnitt

Denkbar ist, dass hier jemand von einer Modefirma oder der Redaktion einer Modezeitschrift einen Privatwagen zur Verfügung gestellt hat.

Wieso man ausgerechnet das entfernte Budapest statt etwa Wien oder München als weltstädtischen Hintergrund für die Bilder gewählt hat, bedarf noch der Klärung. Vielleicht weiß ja ein Leser mehr – für weiterführende Hinweise einfach die Kommentarfunktion nutzen (persönliche Angaben werden nicht veröffentlicht).

Feststeht, dass der Mercedes 170 V auf beiden Bildern eine gute Figur abgibt, auch wenn er seinerzeit nur als dekoratives Beiwerk diente. Für ein 80-jähriges Jubiläum ist dieser Gruß aus der Vergangenheit sicher eine angemessene Würdigung.

Nachtrag: Leser Peter Steenbuck konnte anhand der Detailaufnahme der Frontpartie ermitteln, dass der hier gezeigte 170 V frühestens ab September 1937 gebaut wurde. Zuvor trug das 1936 vorgestellte Modell einen sogenannten Schiffchenstern auf der Kühlermaske und das Wasser wurde unter der Motorhaube eingefüllt. Das abgebildete Fahrzeug verfügt aber bereits über den normalen Stern mit Wassereinfüllung von außen. Somit kann der frühestmögliche Aufnahmezeitpunkt Herbst oder Winter 1937 sein.

Für solches Expertenwissen ist der Verfasser ausgesprochen dankbar!

Opel Spitzkühler-Modell 8/25 PS von 1921/22

Die Firma Opel hat sich in der Vergangenheit nicht gerade als Musterbeispiel für Traditionspflege hervorgetan. Das mag –  ähnlich wie bei Fiat – damit zu tun haben, dass man speziell den hochwertigen Modellen der Vorkriegszeit heute nichts Vergleichbares zur Seite zu stellen vermag.

Dennoch sind die Bemühungen der Enthusiasten von Opel-Classic zu loben, mit Veteranen aus der reichen Markengeschichte auf einschlägigen Veranstaltungen Flagge zu zeigen. Besucher des jährlichen Klassikertreffens an den Opel-Villen in Rüsselsheim kennen vielleicht das eindrucksvolle 8/25 PS-Modell vom Anfang der 1920er Jahre, das eines der Glanzstücke im Oldtimerbestand von Opel ist.

PS-fixierte Zeitgenossen werden dem Fahrzeug mit seinem 2 Liter-Vierzylinder wenig abgewinnen können. Doch muss man so einen großen Wagen „in natura“ gesehen haben, um die Klasse zu begreifen, in der sich Opel damals bewegt hat.

Der offene Viersitzer mit seinem Spitzkühler wirkt sportlich und lässt den Anspruch erkennen, den Opel auch in der Inflationszeit der frühen 1920er Jahre durchzuhalten vermochte. Hier ein historisches Originalfoto des 8/25 PS-Modells:

Opel_8-25_PS_1921-22

© Opel 8/25 PS Tourenwagen im Saarland, Anfang der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Verfasser hat einige Zeit gerätselt, um welches Modell es sich handelt, da auch andere deutsche Qualitätshersteller wie Horch in der frühen Nachkriegszeit sehr ähnliche Wagen bauten. Speziell der Spitzkühler war schwer in Mode und Horch brachte damals seinen Markenschriftzug ebenfalls links und rechts der Mittelachse des Kühlers unter.

Selbst der bewährte „Oswald“ (Deutsche Autos 1920-45) half hier nicht weiter. Gewissheit brachte erst Band 1 der Opel-Fahrzeug-Chronik von Eckhart Bartels und Rainer Manthey, hrsg. 2012 vom Podszun-Verlag. Dort ist auf Seite 62 das Opel-Modell 8/25 PS in zwei Tourenwagen-Versionen abgebildet.

Werfen wir zum Vergleich einen näheren Blick auf den Wagen auf unserem Foto:

Opel_8-25_PS_1921-22_Ausschnitt

Möglich wird die Identifikation des Wagens trotz des unleserlichen Logos auf dem Kühler durch die Scheinwerferkombination nebst Verbindungsstange, den markanten Schwung im Kotflügel zur Aufnahme des Ersatzrads, die Gestaltung der Speichenräder, die Position des Kastens auf dem Trittbrett und die zweiteilige Frontscheibe. Auch die übrigen Details entsprechen den beiden im Buch von Bartels/Manthey abgebildeten Wagen.

Ein historisch interessantes Detail an dem Opel 8/25 PS auf dem Foto offenbart sich erst bei genauem Hinsehen:

Opel_8-25_PS_1921-22_Front Auch wenn der linke Teil des Kennzeichens durch die vordere Rahmenspitze und die Blattfederaufnahme teilweise verdeckt ist, braucht es nicht viel Fantasie, um dort „SAAR“ zu lesen. Tatsächlich wurde diese Buchstabenkombination von 1920-35 im Saargebiet vergeben, das offiziell unter Verwaltung des Völkerbunds stand, faktisch aber französisch besetzt war und wirtschaftlich Frankreich angegliedert war, das erheblichen Nutzen aus den Bodenschätzen der Region zog.

Leider lässt sich nicht mehr über Aufnahmeort und -situation herausfinden. Dennoch bleibt das Foto ein wertvolles und seltenes Originaldokument des Opel 8/25 PS-Modells, von dem nicht einmal die Zahl der produzierten Exemplare bekannt ist.

Wer nun wissen möchte, wie so ein 8/25 PS-Modell „in Farbe“ aussah, sei auf einen Beitrag zu den Teilnehmern an der Kronprinz-Wilhelm-Rasanz 2013 verwiesen. Das zweite dort abgebildete Foto zeigt einen raren Überlebenden genau des Wagentyps auf unserer historischen Aufnahme.

Außerdem gibt es inzwischen einen weiteren Blog-Eintrag mit einem technisch exzellenten Originalfoto eines weiteren Opel 8/25 PS Tourers. Dort bestätigt sich auch die Ansprache des hier vorgestellten Fahrzeugs.

Fiat 1400 von 1954 – Halt an der VAROL-Tankstelle

Zu den Automarken, die es in den letzten Jahren verstanden haben, ihre einstige Klasse weit hinter sich zu lassen, gehört neben Opel und Ford leider auch Fiat. Man muss gar nicht die oft siegreichen Sportwagen der Vorkriegszeit bemühen, um zu erkennen, wie weit die Turiner Marke heruntergekommen ist.

Noch die Modelle der 1950er und 60er Jahre künden von Fiats Ehrgeiz, zur Speerspitze des automobilen Fortschritts zu gehören. Damit sind weniger die genialen Kleinwagen der Typen 500 und 600 gemeint, sondern die Mittelklasse-Modelle, die einst auch hierzulande präsent waren, aber weitgehend vergessen sind.

Fiats 1950 präsentiertes Ponton-Modell 1400 (und später 1900) wurde hier kürzlich bereits besprochen (Bildbericht). Nun ist dem Verfasser ein weiteres Originalfoto der ersten Serie dieses hochmodernen Wagens in die Hände gefallen, das Fiats Anspruch noch eindrucksvoller unterstreicht:

Fiat_1400_1954

© Fiat 1400 an VAROL-Tankstelle, 1954; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dieser Aufnahme werden nicht nur die großzügigen Dimensionen des Wagens deutlich, sondern auch die saubere Linienführung, die die Traditionen der Vorkriegszeit vollständig hinter sich gelassen hat. Dagegen sah selbst der erst 1953 vorgestellte Ponton-Mercedes alt aus – er gehört bis heute nach Meinung des Verfassers zu den freudlosesten Hervorbringungen der Stuttgarter Marke.

Die technischen Qualitäten des Ponton-Modells von Fiat werden in besagtem Beitrag eingehend geschildert. Hingewiesen sei nur auf die Anordnung der Scheibenwischer, die sich im Betrieb genau in der Mitte der leicht gewölbten Frontscheibe trafen:

Fiat_1400_1954_Ausschnitt

Die Anbauten an der A-Säule und der Gegenstand auf der Motorhaube des Fiat lassen sich leider nicht identifizieren (vielleicht hat ja ein Leser eine zündende Idee). Hier soll es auch um das Drumherum gehen, das nicht weniger interessant ist.

Als Erstes fällt der senkrechte Schriftzug VAROL ins Auge. Offenbar steht der Fiat an einer Zapfsäule des gleichnamigen Tankstellenverbunds. Die VAROL-Gesellschaft betrieb ein Netz von weit mehr als hundert Tankstellen in Westdeutschland und wurde in den 1960er Jahren von der bis heute existierenden US-Ölfirma Occidental Petroleum übernommen. Nähere Informationen zu VAROL sind willkommen.

Dann gibt es noch etwas Interessantes links im Hintergrund des Ausgangsfotos zu sehen:

Fiat_1400_1954_Ausschnitt_2.jpg

Verschwommen ist das Heck eines Volkswagens mit Brezelfenster zu erkennen und davor mit etwas gutem Willen die Frontpartie eines Tempo-Dreirads.

Für den VW muss man kein Belegfoto liefern, doch im Fall des Tempo kann ein Bild zum Vergleich nicht schaden, hier eines von den Classic Days auf Schloss Dyck 2014:

Tempo-Dreirad_Classic-Days_2014

© Tempo Dreirad der 1950er Jahre, Classic Days Schloss Dyck 2014; Bildrechte: Michael Schlenger

Tempo-Dreiräder mit ihren bewährten Zweitaktmotoren und hoher Zuladung gehörten zu den Helden des Wiederaufbaus nach dem 2. Weltkrieg. Noch Mitte der 1950er Jahre waren tausende dieser Vehikel in Deutschland zugelassen. Überlebt haben nur sehr wenige- ein typisches Nutzfahrzeugschicksal.

Zum Nummernschild des Fiat ist zu sagen, dass das Kürzel KB von 1948-56 bei Fahrzeugen verwendet wurde, die in Westberlin zugelassen waren. Das 1400er Modell von Fiat wurde übrigens auch in Österreich von Steyr in Lizenz gefertigt. Das hat seine Verbreitung im deutschsprachigen Raum deutlich gefördert. Hier ist ein solcher Steyr-Fiat 1400 auf einer Urlaubsfahrt im italienischen Triest zu sehen:

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© Steyr-Fiat 1400 in Triest, 1954; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Heute scheinen Fiat 1400 der 1950er Jahre rarer als manche Luxuswagen jener Zeit zu sein, die bei einschlägigen Veranstaltungen rudelweise auftreten. Der Verfasser hat jedenfalls noch keinen zu Gesicht bekommen…

NAG-Protos 6-Zylinder-Limousine von 1928

Die großzügigen Wagen der Berliner Automarke NAG hatten es dem Verfasser schon angetan, als er noch ein Schüler war. Zu verdanken war das dem „Oswald“ (Deutsche Autos 1920-45), den es in der Friedberger Stadtbibliothek gab, die direkt am Schulweg lag. Die darin abgebildeten NAG-Cabriolets der 1930er Jahre mit ihrer eleganten, sehr niedrigen Linie gehörten zu seinen Favoriten.

Heute, über 30 Jahre später, ist der „Oswald“ immer noch erste Wahl, wenn es um einen kompetenten und annähernd kompletten Überblick über deutsche Wagen der Zwischenkriegszeit geht.

Speziell der Qualitätsmarke NAG widmete sich zuletzt Hans-Otto Neubauer in seinem Werk „Autos aus Berlin – Protos und NAG“, erschienen 1983 im Kohlhammer-Verlag, ISBN: 3-17-008130-6, derzeit nur antiquarisch erhältlich.

Nachdem hier bereits zwei Beiträge zu sportlichen 4-Zylinder-Wagen von NAG erschienen sind (C4 Monza und D4 Tourer), sind nun die mächtigen 6-Zylinder-Limousinen an der Reihe, die ab 1926 gebaut wurden. Hier ein Originalfoto:

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NAG-Protos 12/60 oder 14/70 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Es handelt sich entweder um das 12/60 PS-Modell mit 3,1-Liter-Motor (Typ 201) oder um das sonst offenbar baugleiche 14/70 PS-Modell mit 3,6 Liter Hubraum (Typ 204). Weniger Leistung hätten die NAG-6-Zylinder kaum haben dürfen, denn der Wagen hatte je nach Karosserieaufbau ein Gewicht von bis zu 1,9 Tonnen.

Übrigens gab es ab diesem Modell nicht mehr den einst NAG-typischen Ovalkühler, sondern einen konventionellen Flachkühler. Dennoch ist die Identifikation einfach, denn auf folgendem Ausschnitt kann man das markante Logo erkennen, das nach der Übernahme von Protos durch NAG im Jahr 1925 verwendet wurde:

NAG Protos_Frontpartie

Die trommelförmigen Scheinwerfer, die Gestaltung der Stahlspeichenräder, die untere Ersatzradhalterung, die Anordnung der Zierlinien an der Fahrerkabine und das Blech am Einstieg stimmen vollkommen mit den Verhältnissen bei der im „Oswald“ abgebildeten 6-sitzigen Limousine mit Wendler-Karosserie überein.

Interessant ist die Zweifarblackierung, wobei Schweller, Dach, Motorhaube und wohl auch Kotflügel dunkel und die übrigen Partien des Wagens heller sind. Möglicherweise war dies eine Kombination aus schwarzer und hellgrüner Lackierung. Im „Oswald“ ist ein NAG mit identischer Farbgebung zu finden, ebenfalls mit Wendler-Karosserie.

Zum Abschluss noch ein paar Worte zur Aufnahmesituation. Das Kennzeichen verrät, dass der NAG in Sachsen zugelassen war (Kürzel „I M“). Laut handschriftlichem Vermerk auf der Rückseite ist das Foto 1928 entstanden, dem Licht nach zu urteilen vielleicht an einem sonnigen Frühlingstag:

NAG Protos_Passagiere

 

Der NAG war zu diesem Zeitpunkt noch beinahe neu und sicher der Stolz der vermögenden Besitzer. 12.600 Reichsmark waren seinerzeit für den Sechssitzer zu berappen.

Zusammen mit dem Fotografen war der Wagen vollbesetzt und wird dann sicher nur ein gemächliches Tempo an den Tag gelegt haben. Das war angesichts der starren Hinterradfederung mit Rücksicht auf die rückwärtigen Passagiere auch anzuraten. Übrigens scheinen die Herrschaften allesamt recht groß gewesen zu sein. Der NAG war genau 2 Meter hoch, und der junge Mann ganz links erreicht annähernd die Dachlinie des – allerdings etwas schräg stehenden – Wagens.

Welches Format die Sechszylinder-Modelle von NAG tatsächlich hatten, lässt sich anhand dieses Fotos also nur erahnen. Leider scheint es keine Gelegenheit mehr zu geben, einen Überlebenden zu begutachten…

Übertroffen wurden diese Fahrzeuge nur noch von den grandiosen 8-Zylinder-Typen aus den letzten Jahren von NAG.

Rarer DKW „Special“: der Tornax Rex

Die hübschen Zweitakter mit Frontantrieb von DKW kennt noch heute jeder, der sich für alte deutsche Automarken interessiert. Viele dieser Wagen haben die Zeiten überdauert und ermöglichen auch bei kleinem Geldbeutel den Einstieg in die Vorkriegsszene.

Kürzlich wurde hier ein DKW F2 vorgestellt, der typisch für den Stil der Marke in den 1930er Jahren ist (Bildbericht). Dass es von diesem braven 20PS-Vehikel einst auch einen rassigen Roadster gab, den man so nur den Briten zutrauen würde, wissen selbst manche Experten nicht.

Besagter DKW F2 „Special“ war so selten – nur 168 Stück wurden gebaut – dass man eigentlich nicht damit rechnen kann, auch nur ein zeitgenössisches Foto davon aufzutreiben, geschweige denn ein Originalfahrzeug.

Doch Sammler halten sich oft an die Devise des Universalgenies Karl Lagerfeld: „Ich suche auch, was ich nicht suche“ und lassen sich vom Angebot überraschen. Dass einem so der Zufall die schönsten Funde in die Hände spielt, beweist folgendes Foto:

Tornax_Rex_Vorkrieg© Tornax „Rex“ auf DKW-Basis, Baujahr: 1934-36; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dies ist übrigens kein Bildausschnitt, sondern bereits die ganze Aufnahme. Und doch sieht der Kenner genug, um sicher zu sein: Die Frontpartie des Wagens, der hier gerade auf einer Fähre den Rhein überquert, gehört zu einem „Rex“ Roadster!

Es ist keine Bildungslücke, wenn einem das nichts sagt. Dieses Modell wurde von 1934 bis 1936 von der deutschen Motorradfirma Tornax in Manufaktur gebaut. Die technische Basis dafür – also Motor und Fahrwerk – lieferte das Modell F2 von DKW.

Die Motorenspezialisten von Tornax steigerten die Leistung des 700ccm-Motors mal eben um 40 % auf immerhin 28 PS – dafür gab es einst das schöne Wort des „Frisierens“. Kombiniert wurde das Aggregat mit einem selbstentwickelten Rahmen und einer hinreißenden Karosserie der Firma Hebmüller – später bekannt für ihr elegantes Käfer-Zweisitzer-Cabriolet.

Eine näherungsweise Vorstellung vom Aussehen des Wagens gibt folgendes Sammelbild der 1930er Jahre – wie gesagt, ist an andere historische Aufnahmen kaum heranzukommen.

Tornax REX

© Tornax „Rex“, originales Sammelbild der 1930er Jahre aus Sammlung Michael Schlenger

Man fühlt sich unwillkürlich an Typen der britischen Marke Morgan erinnert. Deutlich wird auf dem kleinen Sammelbild die breite Spur des Wagens, die vom sportlichen Anspruch des Tornax Rex kündet. Mit der flachen Silhouette und dem niedrigen Gewicht war ein Tempo von über 100km/h möglich, was einem in dieser reduzierten Verpackung vermutlich doppelt so schnell vorkam.

In einem Punkt kann der Tornax seine Herkunft von einem Motorradhersteller nicht verbergen. So verfügen die Vorderräder über mitlenkende Schutzbleche, was man in der folgenden Ausschnittsvergrößerung erahnen kann:

Tornax_Rex_Vorkrieg_Vorderrad

Trotz sensationeller Optik und beachtlicher Fahrleistungen schlief die Produktion des Tornax Rex bald wieder ein. Ob das an mangelndem Kundeninteresse – der Wagen war nicht billig – oder an der Einstellung der Motorenlieferungen durch DKW lag, sei dahingestellt.

Auf jeden Fall gehört dieser DKW „Special“ made by Tornax heute zu den ganz großen Raritäten und hätte ohne Zweitakttechnik vielleicht das Zeug zu einem „der“ deutschen Traumwagen der 1930er Jahre gehabt. Nur ganz wenige dieser Roadster existieren heute noch (hier zwei Beispiele).

Horch 10/50 PS: Neubeginn nach dem 1. Weltkrieg

Wie andere deutsche Automobilhersteller auch brauchte die Nobelmarke Horch nach dem 1. Weltkrieg einige Zeit, um wieder Anschluss an die allgemeine Entwicklung zu bekommen. Bis 1922 stellt man im sächsischen Zwickau noch die Vorkriegsmodelle her, bis sie durch den völlig neuen Typ 10 M abgelöst wurden.

Mit diesen bis 1927 gebauten Wagen, die es als 10/35 PS und 10/50 PS-Ausführung gab, war Horch nicht nur auf der Höhe der Zeit, sondern in mancher Hinsicht führend, zumindest am deutschen Markt. So konservativ die Linienführung wirkt, so kompromisslos modern war die verbaute Technik.

Aber werfen wir erst einmal einen Blick auf eines dieser neuen Horch-Modelle:

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© Originalfoto eines Horch 10/50 PS, späte 1920er Jahre; Bildquelle: Sammlung Michael Schlenger

Das Originalfoto ist von ausgezeichneter Qualität, doch glaubt man erst einmal nicht, dass sich das Fahrzeug identifizieren lässt. Der großgewachsene Herr in Mantel und Schiebermütze hat sich so vor den Kühler gestellt, dass man fast nichts davon sehen kann. Markenlogos sucht man an dem Wagen ansonsten vergebens.

Doch wie so oft helfen mehrere Indizien weiter: Das Stadtbild im Hintergrund, die Insassen und letztlich der Wagen selbst wirken sehr „deutsch“. Für eine so großzügige Tourenwagenkarosserie mit sechs Sitzen kam seinerzeit hierzulande nur eine Handvoll Hersteller in Frage.

Letztlich ist es das Zusammentreffen mehrerer Merkmale, das die Identifikation als Horch 10/50 PS-Modell ermöglicht: die Parabelform der Stahlspeichen, die Gestaltung der Bleche unterhalb der Türen, die verchromten/vernickelten Nabenkappen, die tiefliegenden Kühlluftschlitze und die spitzgiebelartige Form der Motorhaube, die für eine entsprechende Kühlermaske spricht. In Werner Oswalds Standardwerk „Deutsche Autos 1920-45“ ist genau diese Ausführung abgebildet.

Zwar waren diese Horch-Modelle noch weit von der gestalterischen Raffinesse der späteren 8-Zylinder-Wagen der Marke entfernt. Doch scheint die Kundschaft auch so verstanden zu haben, dass man damit Fahrzeuge der gehobenen Klasse erwarb. Der Anspruch, den die Geschäftspolitik von Horch (heute würde man von „Philosophie“ sprechen) auszeichnete, kam nicht nur in der makellosen Verarbeitung zum Ausdruck. Auch die fortschrittliche Technik zeugt vom Ehrgeiz der Firma.

So hatte das von 1924-26 gebaute 10/50 PS-Modell zwar nur einen 4-Zylinder-Motor mit 2,6 Liter Hubraum. Doch die hängenden Ventile wurden von einer königswellengetriebenen obenliegenden Nockenwelle gesteuert – noch präziser ließ sich das damals kaum bewerkstelligen. Verantwortlich für die Konstruktion war übrigens Paul Daimler, der 1922 zu Horch kam.

Der Motorblock bestand aus einer Aluminium-Legierung, die Kolben waren sogar ganz aus Aluminium. Hochbelastete Flächen waren nitriert, also mit Stickstoff zeitaufwendig gehärtet; eine Bearbeitung war dann nur noch mit Diamanten möglich.

Der Horch 10/50 PS wurde serienmäßig mit Vierradbremsen geliefert – was keine Selbstverständlichkeit darstellte. Ein Novum waren die Bandstoßdämpfer, die dem unkontrollierten Ausfedern entgegenwirkten. Dass immer noch 40 Schmiernippel an Fahrwerk, Lenkung und Bremsen mit Fett versorgt sein wollten, verrät einiges darüber, wie stark Automobilbesitzer einst in Anspruch genommen wurden.

Dennoch: wer einen solchen Wagen Mitte der 1920er Jahre sein eigen nennen konnte, durfte stolz darauf sein. Diese Selbstzufriedenheit kommt in unserem Foto gut zum Ausdruck. Die Herrschaften – wohl eine Familie – hatten sich für die populäre Phaeton-Ausführung entschieden, also den offenen Tourenwagen mit leichtem Verdeck und seitlichen Steckscheiben aus Zelluloid.

Horch_10-50PS_1924-27_Ausschnitt

Die Pelzmäntel der Damen und die Schneereste im Hintergrund verweisen auf einen Wintertag in einer nördlich gelegenen deutschen Stadt – die Backsteinarchitektur spricht dafür. Vielleicht erkennt ein Leser die Silhouette mit der markanten zweitürmigen Kirche und den mächtigen Bastionen.

Nachtrag: Dank eines Fotos aus der Sammlung von Helmut Kasimirowicz konnte ich den Ort als Tangermünde identifizieren.

Dass man bei trockenem Wetter mit einem solchen Wagen auch bei Kälte offen fuhr, mutet in Zeiten beheizbarer Lenkräder irritierend an. Doch auch Vermögende waren damals offenbar aus einem anderen Holz geschnitzt…

Literaturtipp: Kirchberg/Pönisch: Horch – Typen, Technik, Modelle, Verlag Delius-Klasing, 2. Ausgabe 2011, ISBN: 9-783768-817752