Benz-Chauffeurlimousine von 1912/13

Es gibt deutsche Vorkriegsmarken, von denen kann man nicht genug bekommen.

Das gilt nicht nur für untergegangene, einst hochangesehene Fabrikate wie NAG, Presto und Stoewer, die in sogenannten Oldtimermagazinen kaum noch auftauchen.

Unerschöpfliche Anziehungskraft für Kenner haben auch die Wagen der deutschen Traditionsmarke schlechthin: Benz.

Benz-Reklame_von_1898_Galerie

Benz-Originalreklame von 1898 aus Sammlung Michael Schlenger

Man beachte in dieser Reklame, wo Benz-Wagen vor 120 Jahren bereits verkauft wurden. Das war Globalisierung, bevor man diesen Zeitgeistbegriff überhaupt kannte.

Dass der heutige Mutterkonzern es geschafft hat, sich auf dem Umweg über die Ehe mit Chrysler des Namensbestandteils „Benz“ zu entledigen, ist eine reife Leistung und verrät viel über den Rang, den die Epoche vor dem 1. Weltkrieg hierzulande genießt.

Ursache ist vielleicht ein Minderwertigkeitskomplex heutiger leitender Angestellter bequem gewordender Konzerne angesichts des kolossalen Könnens der Ingenieure, Techniker und Wissenschaftler im „Kaiserreich“, das nebenbei ein demokratisch verfasster Bundesstaat und keine Monarchie war.

Auf Großtaten, wie sie damals die Altmeister des Automobilbaus – Benz, Daimler, Horch und Maybach – vollbrachten (übrigens ganz ohne Subventionen auf Kosten des Steuerzahlers) wartet man im Deutschland des 21. Jahrhunderts vergebens.

Ein Land, das nicht mehr imstande ist, einen Flughafen in seiner Hauptstadt fertigzustellen, befindet sich technologisch und organisatorisch definitiv auf dem absteigenden Ast.

Für den Verfasser dieses Blogs ein Grund mehr, sich ganz der Frühzeit des Automobils zu widmen, der wir trotz heutiger (oft unnnötiger) Verkehrsprobleme eine Autonomie verdanken, die einer Offenbarung gleichkam:

Benz_Flexenpass_Galerie

Benz Tourenwagen der frühen 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier hat ein Benz mit dem seit 1914 markentypischen Spitzenkühler den fast 1.800 m hoch gelegenen Flexenpass in Österreich erklommen.

Die elektrischen Scheinwerfern und die Positionslampen auf den Schutzblechen lassen auf einen Benz der frühen 1920er Jahre schließen. Die genaue Motorisierung ist aus dieser Perspektive nicht mehr zu ermitteln.

Übrigens: Der mit Bruchsteinen verblendete Tunnel am Flexenpass sieht heute noch genauso aus. Nur die Straße ist besser ausgebaut und einen solchen vollbesetzten Benz Tourenwagen mit Rechtslenkung wird man dort nicht mehr antreffen.

So bleibt uns „nur“, in den unerschöpflichen Schatz überlieferter Fotos früher Benz-Wagen einzutauchen, der in unseren Tagen an die Gestade der Gegenwart gespült wird, während die Generation abtritt, die noch in der Vorkriegszeit gelebt hat.

In den Fotoalben, die nun massenhaft auf den Markt kommen, entweder weil es keine Nachkommen mehr gibt oder weil diesen die eigenen Wurzeln gleichgültig sind, finden sich großartige Dokumente wie das folgende:

Benz_Ak_Itzehoe_n_Schleswig_06-1914_Galerie

Benz von 1912/13; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese hervorragende Aufnahme lief im Juni 1914 als Postkarte von Itzehoe nach Schleswig.

Was haben wir hier für ein Fahrzeug vor uns? Nun, das lässt sich zwar recht gut eingrenzen, doch werden wir mangels Vergleichsmaterial bei Baujahr und Motorisierung am Ende keine ganz präzisen Angaben machen können.

Trotz brauchbarer Literatur – „Benz & Cie“ (Hrsg. Mercedes-Benz AG, 1994) und „Histoire de Mercedes-Benz“ (Hrsg. Jacques Kupélian) fehlt es an einer umfassend bebilderten Gesamtdarstellung der sehr zahlreichen Benz-Typen bis etwa 1920.

Versuchen wir dennoch unser Bestes und nehmen die Frontpartie des Wagens auf unserem Foto unter die Lupe:

Benz_Ak_Itzehoe_n_Schleswig_06-1914_Frontpartie2

Auf dem Originalabzug ist auf der Kühlerplakette der „Benz“-Schriftzug zu erkennen, Form des Flachkühlers und des Verschlusses des Kühlwasserstutzens passen ebenfalls.

Flachkühler bedeutet bei Benz tendenziell „vor 1914“, wenngleich Kunden, die den ab dann verbauten Spitzkühler als zu progressiv empfanden, weiter einen Flachkühler ordern konnten.

Der Windlauf – also die strömungsgünstig gestaltete Partie zwischen Motorhaube und Frontscheibe – taucht bei Benz-Serienwagen ab 1910 auf. Die darin eingelassenen elektrischen Positionsleuchten findet man nach Ansicht des Verfassers nicht vor 1912.

Damit hätten wir das wahrscheinliche Baujahr auf 1912/13 eingeschränkt – nicht schlecht nach über 100 Jahren.

Hier haben wir übrigens eine Originalreklame von Benz aus jener Zeit, die abgesehen vom Aufbau als offener Tourenwagen ein nahezu identisches Modell zeigt:

Benz-Reklame_um_1912_Galerie

Benz-Reklame um 1912 aus Sammlung Michael Schlenger

Schwieriger wird es, die Motorisierung zu bestimmen: Einziger Anhaltspunkt sind die sieben Luftschlitze in der Haube. Bei den Benz-Modellen um 1912 ist diesbezüglich bei aller gebotenen Vorsicht ein gewisses Muster zu erkennen:

  • Typen mit kompaktem Hubraum wie der Benz 8/20 PS kamen offenbar mit fünf Haubenschlitzen aus.
  • Hubraumriesen wie der Benz 33/75 PS verfügten über acht Luftschlitze.
  • Daneben zeigen Abbildungen Benz-Modelle mit sieben Luftschlitzen. Dabei handelt es sich um mittelgroße Wagen der Kategorien 10/30 bzw. 16/40 PS.

Wir haben es nach der Lage der Dinge also wahrscheinlich mit einem Vierzylinder-Benz mit 2,6 Liter oder 3,9 Liter Hubraum zu tun.

Eine nähere Betrachtung wert ist schließlich noch der Aufbau:

Benz_Ak_Itzehoe_n_Schleswig_06-1914_Seitenpartie

Drei Dinge sind hier bemerkenswert:

  • Die (oben ausstellbare) Frontscheibe ist deutlich geneigt und in dieser Position fixiert. Verbreiteter waren bis dato senkrecht stehende Scheiben.
  • Der Passagierraum ist durch eine gläserne Trennwand vom Fahrerraum getrennt, der keine Seitenscheiben besitzt. Würde der Chauffeur ganz im Freien sitzen, spräche man von einem „Außenlenker“, hier hat er aber ein festes Dach über dem Kopf, weshalb „Chauffeurlimousine“ den Aufbau treffender bezeichnet.
  • Am Dach, am Heck und um die Scheiben herum dominieren gerundete Formen. Zusammen mit der schräggstehenden Frontscheibe ergab das ein markantes Bild.

Der von starken Kurvaturen geprägte Aufbau wirkt eleganter als die damals verbreiteten kastenartigen Aufbauten. Hier zum Vergleich (spiegelverkehrt) ein Benz Landaulet derselben Zeit mit vermutlich ähnlicher Motorisierung:

Benz_Landaulet_Galerie_spiegelverkehrt

Benz Landaulet von 1912; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger (seitenverkehrt)

Beide Karosseriestile existierten bis zum 1. Weltkrieg nebeneinander, wobei  geschlossene Aufbauten mit schrägen Frontscheiben und stark gerundeten Formen wie auf dem ersten Foto eher exotisch blieben.

Während in der dem Verfasser zugänglichen Literatur kein Benz mit auch nur annähernd vergleichbarem Aufbau zu finden ist, wird man im Online-Archiv von Mercedes-Benz Classic fündig.

Dort ist ein vom Stil her sehr ähnlicher Landaulet-Aufbau zu sehen. Die Frontpartie ist identisch mit der auf unserem Foto und weist ebenfalls sieben Haubenschlitze auf.

Der Wagen wird im Archiv zwar als 10/25 PS-Modell von 1912 angesprochen, davon weiß die Literatur jedoch nichts.

Da alle technischen Angaben mit denjenigen des ebenfalls 1912 verfügbaren 10/30 PS-Modells übereinstimmen, ist außer einem Fehler nur denkbar, dass die PS-Angabe im Lauf des Jahres 1912 heraufgesetzt wurde. Das kam in anderen Hubraumklassen ebenfalls vor, ohne dass dies immer in der Literatur dokumentiert ist.

Dass genau die Karosserieausführung unseres mutmaßlichen Benz 10/30 PS bislang nirgends dokumentiert zu sein scheint, veranschaulicht den Reichtum ungehobener Schätze aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg.

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Neu vor 90 Jahren: Wanderer W10 Roadster-Cabriolet

Von der Wetter- und Gemütslage war für den heutigen Blogeintrag eigentlich ein herbstliches Motiv vorgesehen. Doch so etwas hat man vor der Haustür zur Genüge – wenn auch ohne Vorkriegsauto.

Nun hat zwar ein Motiv den Vorzug bekommen, das bei strahlendem Sonnenschein aufgenommen wurde. Es passt dennoch, da das darauf abgebildete Fahrzeug im Herbst vor 90 Jahren – im Oktober 1928 – vorgestellt wurde.

Genau genommen gilt das Jubiläum nur für die Karosserie, doch die verdient durchaus eigens zelebriert zu werden.

Die dabei verwendete Basis war ein braver Wanderer des ab 1926 gebauten Vierzylindermodells W10 6/30 PS. Hier haben wir die ab Werk verfügbare Tourenwagenversion:

Wanderer_W10-I_6-30_PS_Dierks_Galerie

Wanderer W10-I 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Diese Aufnahme, die Leser Klaas Dierks beigesteuert hat, zeigt die erste Ausführung des Wanderer W10. Im Unterschied zum Vorgänger W9 besaß das Modell Links- statt Rechtslenkung und Vierradbremsen.

Ein äußerliches Erkennungsmerkmal der frühen Version des Wanderer W10 war das auf die Motorhaube aufgesetzte, nach hinten versetzte Blech mit Luftschlitzen.

Das Auto auf dem Foto muss aus dem Jahr 1927 stammen, als Wanderer erstmals elektrische Fahrtrichtungsanzeiger auf den Vorderschutzblechen anbrachte.

Ein Jahr später – 1928 – war der Wanderer W10-II erhältlich, mit auf 40 PS erstarktem Vierzylindermotor. Erkennbar war das verbesserte Modell daran, dass die Luftschlitze nun in zwei Gruppen auf der Motorhaube angeordnet waren:

Wanderer_W10_II_Galerie

Wanderer W10-II; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dieser wohl von amerikanischen Filmen inspirierten Aufnahme sind neben den erwähnten „Blinkern“ auf den Kotflügeln die bis in die 1950er verbreiteten „Winker“ unterhalb der A-Säule des Aufbaus zu sehen.

Außer dem Tourenwagen und einer zwei- bzw. viertürigen Limousine, die ab Werk verfügbar waren, konnte man den Wanderer W10 auch als Cabriolet bekommen.

So waren unter anderem zwei- oder viertürige Cabrios mit Aufbauten von Gläser (Dresden) und Zschau (Leipzig) erhältlich.

Ein zweitüriges Cabriolet mit Karosserie von Gläser haben wir bereits vor längerem vorgestellt – hier die Heckansicht, die man so in der Literatur vergeblich suchen wird:

Wanderer_W10_3-sitzer_Cabriolet_Gläser_Galerie

Wanderer W10, 3-sitziges Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer nicht glauben mag, dass sich dieses Fahrzeug als Wanderer W10 mit Aufbau aus 2-Türen-Cabriolet mit drei Sitzen identifizieren ließ, kann hier die ganze Geschichte nachlesen, zu der ein weiteres Foto gehört, das den Schlüssel dazu liefert.

Nebenbei, liebe „Besser als neu“-Restauratoren und „Nicht anfassen“-Angsthasen des 21. Jahrhunderts: So sah ein Auto im Alltagseinsatz Ende der 1920er Jahre aus.

Die Dellen im Blech und den Straßenstaub trägt das nur wenige Jahre alte Auto mit Würde, während die Insassen einen Stil an den Tag legen, den man hierzulande in der sonst angeblich so originalitätsorientierten Vorkriegsszene kaum findet…

Kommen wir zum eigentlichen Gegenstand dieses Blogeintrags. Im Oktober 1928 nahm Wanderer diesen offenen Aufbau in die Angebotspalette seines Typs W10 auf:

Wanderer_W10-III_Roadster-Cabriolet_1934_Galerie

Wanderer W10-III Roadster-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir mit einem Mal einen raffinierten Zweisitzer mit ausklappbarer Notsitzbank im Heck – dem berüchtigten Schwiegermuttersitz.

Man versteht die Boshaftigkeit dieser volkstümlichen Bezeichnung erst so richtig, wenn man sich das Verdeck geschlossen und den Himmel voller Regenwolken vorstellt…

Wir sehen den Wanderer-typischen Kühler mit leichtem Abwärtsschwung unterhalb des Markenemblems und die bereits erwähnten, in zwei Gruppen angeordneten Luftschlitze in der Haube.

Dass sonst fast alles anders wirkt als bei den bisher gezeigten Versionen des Wanderer W10, liegt vor allem an der Zweifarblackierung.

Dabei sind die Karosserieelemente oberhalb der Gürtellinie dunkel abgesetzt wie die Schutzbleche und die Schwellerpartie. Dadurch wird die Länge des Aufbaus betont, während die Höhe des Fahrgastraums kaschiert wird.

Bezeichnet wurde dieser Aufbau von Wanderer seinerzeit als „Roadster-Cabriolet“. In den USA hätte man einen solchen Wagen als „Rumbleseat Roadster“ angesprochen. Mit einem Roadster nach britischem Verständnis hat der Aufbau nichts zu tun, aber gut klang „Roadster-Cabriolet“ schon.

Dabei überwogen ganz klar die Cabrio-Elemente wie das vollwertige Verdeck mit seitlicher Sturmstange und die Kurbelfenster. Bei einem britischen Roadster hätten sich die Insassen mit Steckscheiben und dünnem Notverdeck begnügen müssen.

Letzteres war gewiss keine Option für die drei Generationen, die 1934 an Bord dieses Wanderer W10 Roadster-Cabriolets aufgenommen wurden. Sie wirken nicht gerade so, als seien sie an Wind und Wetter gewöhnt (vom Hund einmal abgesehen):

Wanderer_W10-III_Roadster-Cabriolet_Zschau_1934_Insassen

Nur die alte Dame hinter dem Lenkrad, die noch im 19. Jahrhundert geboren wurde, wird gewusst haben, wie hart das Leben für die meisten unserer Vorfahren war, bevor ihnen moderne Technologie und speziell das Automobil eine Bewegungsfreiheit eröffnet haben, die für uns heute selbstverständlich erscheint – aber nicht ist…

Gebaut wurde die feine Karosserie übrigens von Zschau aus Leipzig. Dieses und sein übriges Wissen zur Marke Wanderer verdankt der Verfasser dem maßgeblichen Standardwerk von Erdmann/Westermann: Wanderer-Automobile, 2. Auflage 2011.

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

 

Lief einst auch als Taxi in Berlin: Steyr Typ XII

Wer sich häufiger auf diesen Blog für Vorkriegsautos verirrt, weiß: Hier werden auch die einst hochangesehenen österreichischen Marken geschätzt und anhand alter Fotos „auseinandergenommen“ –  jedenfalls äußerlich.

Zwar war die Herstellervielfalt in Österreich bei weitem nicht so groß wie in Deutschland, aber einige Dutzend Fabrikate gab es ohne weiteres. Davon sind heute allenfalls noch vier bekannt: Austro-Daimler, Gräf & Stift, Puch und Steyr.

Heute ist wieder ein Modell der Marke an der Reihe, die nach ihrem Firmensitz benannt war: Steyr.

Dort entstand aus einer Waffenproduktion nach Zwischenschritten über Fahrradbau und elektrotechnische Produkte eine Automobilfabrikation, die von Anfang an nur beste Qualität hervorbrachte.

Kein Wunder: KuK-Konstrukteursgrößen wie Ledwinka und Porsche gaben sich in Steyr die Klinke in die Hand. Auch formal waren die Wagen aus Steyr stets vollkommen auf der Höhe – ein Beispiel dafür zeigt diese schöne Aufnahme:

Steyr_Typ_XII_Ausschnitt

Ausführlich vorgestellt haben wir diese Variante des Steyr XII mit seinem zwar kleinen, aber technisch raffinierten 30 PS-Sechszylinder hier.

Auf weitere konstruktive Meriten wie die Hinterachse mit unabhängiger Radaufhängung (1926 ein Novum im Serienbau) soll hier nicht näher eingegangen werden.

Das Thema des heutigen Blogeintrags zum Steyr Typ XII ist vielmehr die trotz Fließbandfertigung beeindruckende Vielfalt an verfügbaren Aufbauten.

So bot Steyr seinen Typ XII ab Werk in mindestens sechs Varianten an:

  • viertürige Limousine
  • zweitüriges Cabriolet
  • Sport-Zweisitzer
  • viersitziger Tourenwagen
  • viersitziger Tourenwagen mit abnehmbarem Limousinenaufsatz
  • Außenlenker-Taxi

Diese Angaben sind dem eindrucksvollen Standardwerk zu den Steyr-Automobilen von Hubert Schier zu verdanken („Die Steyrer Automobilgeschichte“, 1. Auflage, 2015).

Ein (in Text und Bild) dermaßen erschöpfendes Werk wünscht man sich für etliche deutsche Marken abseits der ganz großen Namen…

Doch selbst das famose Steyr-Buch von Hubert Schier kann natürlich nicht die Karosserievarianten berücksichtigen, die auf Basis des Steyr XII bei unabhängigen Firmen entstanden.

So gab es neben dem ab Werk angebotenen Taxi-Aufbau, bei dem der Fahrer wie zu Zeiten der Pferdekutsche unter freiem Himmel saß (Außenlenker) offensichtlich auch eine geschlossene Variante für den Transport zahlender Fahrgäste:

Steyr_Typ_XII_Taxi_Berlin_Galerie

Steyr Typ XII Taxi; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun ja, viel erkennt man da nicht, mag nun ein verwöhnter Zeitgenosse sagen. Doch ist dieses Bild bereits Ergebnis aufwendiger Retuschen an einem von Oberflächenablösung betroffenen Originalabzug.

Der Aufwand lohnt sich aber, da sich so eine sonst wohl kaum dokumentierte Taxi-Version des Steyr Typ XII herauspräparieren ließ. Bereits bei Erwerb des Abzugs hatte der Verfasser den Verdacht, dass ein Steyr Typ XII darauf zu sehen ist.

Steyr-Kenner werden jetzt lächeln, doch wenn man es mit hunderten Marken aus dem deutschsprachigen Raum zu tun hat, kann man nur Universalist sein, kein Spezialist.

Woran kann man nun erkennen, dass man einen Steyr – noch dazu des Typs XII – vor sich hat? Jetzt kommt das Übliche: Fokus auf die Frontpartie!

Steyr_Typ_XII_Taxi_Berlin_Frontpartie

Auweia, die Vergrößerung macht es nicht gerade leichter, doch da müssen wir durch. Ähnlich der Einfahrt in einen Tunnel gewöhnt sich das Auge rasch daran.

Wie gesagt: hier ist schon heftig retuschiert worden. Immerhin ist gerade noch das Kürzel „IA“ für Berlin auf dem Nummernschild zu erahnen.

Erster Hinweis auf einen Steyr Typ XII sind die Scheibenräder mit für damalige Verhältnisse recht großer (verchromter) Nabenkappe und sechs Radbolzen.

Weiter führt dann besagte Steyr-Literatur: Dort finden sich – von der nachgerüsteten Doppelstoßstange nach US-Vorbild  abgesehen – alle wesentlichen Details wieder:

  • langgestreckt nach hinten verlaufende Vorderschutzbleche
  • zehn in einer geschlossenen Gruppe angeordneten Luftschlitze in der Motorhaube (die vordere Gruppe ist hinter dem Schutzblech verborgen
  • Flachkühler mit „Dreiecksgiebel“ nach klassischem Vorbild und Markenemblem
  • Scheinwerfer in Schüsselform, aus den Kotflügeln „herauswachsend“
  • nach unten vorschwingende A-Säule

Wer über ein fotografisches Gedächtnis verfügt, wird jetzt sagen: auf dem ersten Foto mit dem Steyr XII liefen die Luftschlitze aber in einem fort und waren nur vertikal in zwei Reihen unterteilt.

Gut beobachtet! Tatsächlich gab es unterschiedliche Ausführungen der Luftschlitze beim Typ XII, deren Bedeutung vielleicht ein Kenner aufklären kann:

  • eine durchgehende Reihe hoher Luftschlitze
  • zwei durchgehende Reihen niedriger Luftschlitze
  • zwei auf zwei Gruppen unterschiedlicher Länge verteilte Reihen Luftschlitze

Wenden wir uns nun dem faszinierenden Taxi-Aufbau zu, der nichts mit der ab Werk lieferbaren „Taxameter“-Ausführung zu tun hat:

Steyr_Typ_XII_Taxi_Berlin_Seitenpartie

Auf diesem Ausschnitt ist die Steyr-typische Gestaltung des Scheibenrads besser nachvollziehbar. Auch ist die Nummer des Taxis – zu erkennen an der Abfolge schwarzer und weißer Quadrate entlang der Gürtellinie – lesbar: 10.731.

Erlaubt diese Berliner Kennung womöglich eine Datierung oder gar die genaue Ansprache des Taxi-Betriebs?

Unabhängig davon ist festzuhalten, dass dieses Taxi auf Basis eines Steyr Typ XII ab der A-Säule über einen Manufakturaufbau als Landaulet verfügte. Dort konnten die rückwärtigen Passagiere das Verdeck über ihren Köpfen niederlegen lassen.

Dies mag die damalige Exklusivität der Beförderung in einem Taxi unterstreichen. Offenbar war das Passagiergeschäft für den Betreiber lukrativ genug, um sich einen solchen Spezialaufbau leisten zu können.

Denkbar ist aber auch, dass hierfür einfach gebrauchte Limousinen umkarossiert wurden. Dann wäre unser Foto ein (wohl seltener) Beleg für solche Aktivitäten…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Raffinierter geht’s nicht: Opel 4/20 PS Zweisitzer

Beim Opel 4 PS-Modell der zweiten Hälfte der 1920er Jahre denkt der Kenner in erster Linie daran, dass die Rüsselsheimer damit zunächst nur ein Plagiat des erfolgreichen Citroen 5 CV-Kleinwagens ablieferten.

Für eine Traditionsmarke, die bis zum 1. Weltkrieg zu den führenden Herstellern Europas in allen Leistungsklassen gehörte, war dies ein Eingeständnis verlorengegangener Kompetenz.

In welcher Liga die heutige Brot-und-Butter-Marke Opel einst spielte, versinnbildlicht folgender Grand Prix-Wagen von 1913 – ja : Opel baute einst auch Rennwagen!

Opel_GP-Wagen_1913_Schloss_Dyck_Classic_Days_2011

Opel Grand-Prix Wagen von 1913 bei den Classic Days auf Schloss Dyck 2011; Bildrechte Michael Schlenger

Woran es lag, dass Opel – wie den meisten deutschen Herstellern – nach dem 1. Weltkrieg lange Zeit kein Anschluss an die internationale Automobilentwicklung gelang, ist eine spannende Frage.

Der Verfasser ist geneigt, den verlorenen Krieg – genauer: den von den USA gewonnenen Krieg – als Grund dafür anzunehmen, dass die meisten deutschen Marken die in den Vereinigten Staaten vorangetriebenene Rationalisierung der Autoproduktion aus falsch verstandenem Patriotismus ablehnten.

Dass die Anwendung „kapitalistischer Produktionsmethoden“ im Ergebnis dem „Proletariat“ eine Teilhabe am bis dato nur Vermögenden vorbehaltenen Luxusgut Automobil ermöglichte, störte im Mutterland der als Marxismus bekannten Geistesverwirrung kaum jemanden (Ausnahme: Brennabor).

Erst als sich die Konkurrenz anschickte, den deutschen Markt mit preisgünstigen Autos aus Massenproduktion zu überfluten, erkannten die mit Manufakturmethoden vor sich hin bastelnden Hersteller hierzulande die Zeichen der Zeit.

Opel kommt immerhin das Verdienst zu, mit dem ab 1924 gebauten 4 PS-Typ eine Antwort auf die Herausforderung gefunden zu haben. Vom französischen Original entfernte man sich während der bis 1931 reichenden Produktionsdauer zusehends.

Ende der 1920er Jahre bot Opel den in über 40.000 Exemplaren gebauten 4 PS-Typ in einer raffinierten Variante an, die nur wenig mit dem Ausgangsmodell zu tun hatte:

Opel_4-20_PS_Roadster_1929-30_09-1932_galerie

Opel 4/20 PS Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die sechs Herren auf diesem Schnappschuss wussten vielleicht gar nicht, auf welcher Rarität sie da herumturnten.

Nur die Scheibenräder, die Form des Zierblechs auf dem Schweller und die Gestaltung des Windschutzscheibenrahmens deuten hier auf einen 4/20 PS-Opel in der ab 1929 gebauten Version hin.

Für den Verfasser überraschend ist, dass in der gängigen Literatur kein exaktes Vergleichsstück zu diesem Opel-Zweisitzer zu finden ist.

Das von der Frontscheibe ausgehende dunkel abgesetzte seitliche Band ist in genau dieser Ausführung – unterhalb der Türoberkante und ganz leicht nach hinten abfallend so gut wie nicht dokumentiert.

Im Netz finden sich zwar einige wenige überlebende Fahrzeuge mit diesen Details, doch historische Belegstücke sind wie gesagt Mangelware.

Zum Glück kann sich der Verfasser dieses Blogs auf einige Foto“lieferanten“ verlassen, die ein ausgezeichnetes Auge für Qualität und seltene Modelle haben. Einer davon ist Klaas Dierks, dem wir bereits zahlreiche exzellente Fotodokumente verdanken.

Aus seiner umfangreichen Sammlung hochwertiger Vintagefotos stammt auch das folgende, das man in der Literatur zu Opel-Wagen vergeblich suchen wird:

Opel_4-20_PS_1929_Foto_1934_Dierks_Galerie

Opel 4/20 PS Zweitsitzer von 1929/30; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Hier sehen wir denselben Opel 4/20 PS-Typ wie auf der vorherigen Aufnahme, bloß ist dieser anhand der Frontpartie mit von Packard abgekupfertem Kühler eindeutig identifizierbar.

Eine raffiniertere Version des Opel 4/20 Modells, das zuletzt eine Höchstgeschwindigkeit von über 75 km/h ermöglichte und eine Reichweite von fast 400 Kilometern bot, wird man schwerlich finden.

Kein Wunder, dass sich die einstigen Besitzer, über die wir leider sonst nichts wissen, vor bald 80 Jahren stolz mit dem Opel (und mit Hund) ablichten ließen.

Heute macht das kein Mensch mehr mit seinem Opel, der ein belangloses Alltagsvehikel geworden ist – und genau in dieser veränderten Sicht auf das Automobil liegt der Reiz von Vorkriegsautos auf alten Fotos

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Fortschritt feindosiert: Varianten des Adler 6/25 PS

Es ist erstaunlich, welche Facetten sich dem einstigen Volumenmodell eines großen deutschen Automobilbauers nach über 90 Jahren noch abgewinnen lassen.

Die Rede ist vom Typ 6/25 PS der Frankfurter Traditionsmarke Adler, von dem zwischen 1925 und 1928 immerhin über 6.000 Exemplare entstanden.

Ein Promille davon haben wir in diesem Blog für Vorkriegswagen bereits anhand zeitgenössischer Automobilfotos dokumentiert.

Das klingt nicht sehr eindrucksvoll, ist aber das Doppelte von dem, was das verdienstvolle, aber nach bald 40 Jahren veraltete Adler-Standardwerk von Werner Oswald zu bieten hat.

Zwei hier präsentierte Adler des Typs 6/25 PS sind in der Literatur sogar überhaupt nicht in Abbildungen dokumentiert – das 2-sitzige Cabriolet und eine Landaulet-Version.

Doch selbst bei der gängigsten Version – dem Tourenwagen – lassen sich mehrere Ausführungen unterscheiden, über die die Literatur kein Wort verliert.

Zum Einstieg eine Reklame aus dem Reichsverkehrsführer des ADAC von 1927:

Adler_Reklame_1927_Galerie

Adler-Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Die Darstellung des Adler 6/25 PS Tourenwagen ist zwar stilisiert, aber von den Proportionen sehr genau. Das Fahrzeug entsprach mit seinem sachlichen Aufbau dem formalen Ideal in Deutschland um die Mitte der 1920er Jahre.

Allerdings werden wir sehen, dass man es bei Adler durchaus verstand, selbst die Seitenansicht unverwechselbar zu gestalten. Doch zuvor kurz das Nötigste zur Technik dieses Erfolgsmodells von Adler:

Unter der Haube arbeitete ein nur 1,6 Liter großer Vierzylinder mit konventionellen Seitenventilen, dessen 25 PS Spitzenleistung durchaus beachtlich war. Eine wichtige Neuerung waren die Vierradbremsen – wenn auch noch mechanisch betätigt.

Bewusst zeigen wir hier nun zunächst das Vorgängermodell 6/24 PS, das in der Literatur aus unerfindlichen Gründen völlig ignoriert wird:

Adler_6-24_PS_Tourer_Galerie

Adler 6/24 PS (1923/24); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir Drahtspeichenräder – vorne ungebremst – außerdem eine leicht schrägstehende, mittig unterteilte Frontscheibe sowie recht breite Luftschlitze in der Motorhaube (geschätzt rund 15).

Man präge sich außerdem die nach innen abgekantete Oberseite der Türen ein, die für  eine raffinierte Lichtbrechung sorgt und die Kontur der Motorhaube fortsetzt. Festzuhalten ist außerdem, dass keine außenliegenden Türgriffe zu sehen sind.

Auf folgender bislang noch nicht veröffentlichten Aufnahme sehen wir praktisch die gleiche Karosserie noch dazu aus derselben Perspektive:

Adler_6-25_PS_Tourer_Dame_am_Steuer_Galerie

Adler 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wir haben hier ein frühes Exemplar des Adler 6/25 PS vor uns, das sich formal noch stark am Vorgängertyp 6/24 PS orientierte und nur anhand der Scheibenräder und der schmaleren, weit zahlreicheren Haubenschlitze identifizierbar ist.

Kühlerpartie, mittig unterteilte Frontscheibe und seitliche Linienführung sind vollkommen identisch. Es fehlen nur das Zierblech auf dem Seitenschweller und die Lufteintrittsklappe im Karosserieabschnitt zwischen Motorhaube und Vordertür.

Eine derartige Ähnlichkeit mit dem Adler 6/24 PS konnten wir noch bei keinem der bislang vorgestellten 6/25 PS-Typen feststellen. Auch ein weiteres, kürzlich „neu“ aufgetauchtes Foto eines Adler 6/25 PS Tourenwagens weicht deutlich davon ab:

Adler_6-25_PS_Tourer_Dortmund_08-1929_Galerie

Adler 6/25 PS Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der aufmerksame Betrachter wird folgendes bemerken:

  • die Scheibenräder weisen hier eine zusätzliche konzentrische Linierung auf,
  • die Türen haben auf einmal außenliegende Griffe,
  • die Oberseite der Türen ist nicht mehr nach innen abgekantet,
  • die Linienführung der Haube findet keine Fortsetzung hinter der Scheibe,
  • die Frontscheibe ist nicht länger vertikal unterteilt, dafür ist das Oberteil auf voller Breite nach vorne ausstellbar.

Nicht unerwähnt bleiben soll die markante Kühlerfigur, die einen stilisierten Adler im Flug zeigt:

Adler_6-25_PS_Tourer_Dortmund_08-1929_Frontpartie

Angesichts dieser sauber gestalteten Silhouette und der makellosen Proportionen kann man die Begeisterung des Herrn mit Hut verstehen, der eine Rollfilmkamera in seinen Händen hält.

Die Wahrscheinlichkeit, im Deutschland der Zwischenkriegszeit einem solchen Adler 6/25 PS-Modell zu begegnen, war nicht sehr groß, als dieses Foto im August 1929 an einem unbekannten Ort entstand.

Beinahe 90 Jahre sind seither vergangen und immer noch schlagen uns Vorkriegsautofreunde Aufnahmen wie die hier gezeigten in den Bann.

Es wäre an der Zeit, der großen Marke Adler endlich die Hommage in Buchform zukommen zu lassen, die sie verdient. Der Verfasser hätte dafür noch jede Menge weiterer bisher unveröffentlichter Fotos in petto…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Elegantes Intermezzo: Adler „Favorit“ Weinsberg

Zu den bedeutenden deutschen Automarken, die aus kaum verständlichen Gründen immer noch einer zeitgemäßen Aufarbeitung der Typengeschichte harren, gehört Adler aus Frankfurt am Main.

Sicher, es gibt das Standardwerk von Werner Oswald „Adler Automobile 1900-1945“, doch diese Darstellung ist bald vierzig Jahre alt und ist speziell für die Zeit vor 1925 ziemlich lückenhaft, was das Bildmaterial angeht.

Selbst die Adler-Galerie dieses Blogs, der gerade einmal seit 2015 besteht, enthält wesentlich mehr Originalfotos ganz früher Adler-Wagen (und im Fundus des Verfassers schlummert noch einmal mindestens die gleiche Zahl).

Einigermaßen vollständig und zuverlässig ist das Oswaldsche Opus hingegen, was die ab 1925 gebauten Typen angeht – Lücken fallen freilich auch dort ins Auge.

Immerhin zeichnet das Werk die Geschichte des Wagentyps gut nach, um den es heute (wieder einmal) geht. Die Rede ist vom Vierzylindermodell „Favorit“ 8/35 PS, der ab 1928 parallel zum Standard 6 und dem noch größeren Standard 8 angeboten wurde.

Allgemein lassen sich zwei Entwicklungsstufen dieses Typs unterscheiden – hier der erste, dem wir bereits ein ausführliches Porträt gewidmet haben:

Adler_Favorit_Foto_Otto_Petras_Züllichau_Galerie

Adler „Favorit“, Bauzeit: 1928-30; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Erkennen lässt sich die erste Generation des Adler „Favorit“ an folgenden Details:

  • fünf Radbolzen (Standard 6 und Standard 8 besaßen sieben davon),
  • zweiteilige Vorderschutzbleche mit starker umlaufender Profilierung,
  • zwei Reihen horizontaler Luftschlitze,
  • Kühlermaske mit in das Kühlernetz hineinragendem Adler-Emblem.

Zum Einprägen nachfolgend die genannten Details in der Ausschnittsvergrößerung:

Adler_Favorit_Foto_Otto_Petras_Züllichau_Kühler

Übrigens wurde diese Ganzstahlkarosserie nach amerikanischem Vorbild vom Presswerk Ambi-Budd in Berlin bezogen und entsprach weitestgehend der des Adler Standard 6 (Radstand und Reifengröße unterschieden sich allerdings).

Auch bei der zweiten Modellgeneration des Adler „Favorit“ lieferte Ambi-Budd die behutsam modernisierten Karosserien.

Zur Illustration dieser Generation des Adler „Favorit“ zeigen wir eine bisher unveröffentlichte Aufnahme aus der Nachkriegszeit:

Adler_Favorit_spät_DDR_Galerie

Da hatte doch tatsächlich ein Adler „Favorit“ in der Ostzone überlebt – von den Kommunisten zynisch als Deutsche Demokratische Republik (DDR) tituliert.

Der Herr neben dem gut erhaltenen Adler war vermutlich nicht der Besitzer, wusste aber offenbar zu schätzen, was im Zentrum einer unbekannten ostdeutschen Stadt parkte.

Im Hintergrund sehen wir einen Lebensmittelladen der staatlichen Handelsorganisation („HO“) und ein Geschäft für Güter des täglichen Bedarfs, das von einer Konsumgenossenschaft betrieben wurde, daher die Bezeichnung „Konsum“.

An dem stattlichen Adler, der in fast jeder Hinsicht alles übertraf, was die sozialistische Mangelwirtschaft an fahrbaren Untersätzen zustandebrachte, lässt sich das Erscheinungsbild der zweiten Generation des „Favorit“ studieren:

Adler_Favorit_spät_DDR_Frontpartie

Folgende Elemente zeichnen diese ab 1931 montierten Aufbauten aus:

  • Einteilige Vorderschutzbleche ohne Profilierung, vorne gerundet
  • eine durchgehende Reihe senkrechter Luftschlitze in der Motorhaube
  • in das Oberteil der Kühlermaske intgeriertes Adler-Emblem

Nach wie vor besaß der Adler „Favorit“ fünf Radbolzen, doch damit unterschied er sich nun nicht mehr vom Standard 6. Der war fast nur noch an der von einer Raute eingeschlossenen „6“ vor dem Kühler zu erkennen.

An dieser Stelle würde eines der gedruckten „Oldtimer“-Magazine wohl abbrechen  man braucht schließlich noch Platz für die vierseitige Besprechung des VW Golf III von 1991-1997, der garantiert ein Klassiker der Zukunft wird (Ironie aus).

Dieses Beispiel stammt übrigens aus der „Oldtimer-Praxis“, Ausgabe 10-2018, in der kein einziges Vorkriegsauto besprochen wird (der Mercedes 170 von 1950 zählt nicht). Wenigstens widmet man sich am Schluss dem famosen Motor des Ford Model T…

Zurück zum Adler „Favorit“, mit dem wir noch lange nicht fertig sind, denn natürlich gab es in der Vorkriegszeit stets mehr als nur die Standardtypen von Serienwagen, auch bei Adler. Einige Spezialversionen wollen da noch vorgestellt werden.

So gab es beim grundsoliden Adler „Favorit“ Abweichungen von der Norm, die für den Vorkriegsenthusiasten das Salz in der Suppe sind. Nehmen wir dieses Cabriolet etwa:

Adler_Favorit_oder_Standard_6_Cabrio_ab_1932_Ulrich_Galerie

Adler „Favorit“ Cabriolet, Baujahr: 1930/31; Originalfoto aus Archiv Thomas Ulrich

Diese reizvolle Aufnahme verdanken wir Thomas Ulrich, der sich unter anderem auf Vorkriegsfahrzeuge aus seiner Heimatstadt Berlin spezialisiert hat und zu den rührigen Mitgliedern der deutschen Automobilhistorischen Gesellschaft (AHG) gehört.

Als Erstes fällt an dem Adler auf, dass ihm die Erdenschwere der Limousine fehlt – das liegt nicht nur an dem luftigen Aufbau als zweitüriges Cabriolet, sondern auch am raffinierten Schwung des Karosserieabschlusses oberhalb des Schwellers.

Die Vemeidung der öden Geraden ist es häufig, die Vorkriegsautos davor bewahrt, so sachlich daherzukommen wie ein beliebiges Industrieprodukt. Was fällt außerdem noch auf an diesem eleganten Adler? Schauen wir näher hin:

Adler_Favorit_oder_Standard_6_Cabrio_ab_1932_Ulrich_Frontpartie

Hier gibt es Bemerkenswertes festzuhalten:

  • Die zweiteiligen, profilierten Vorderschutzbleche entsprechen noch der ersten Modellgeneration,
  • Anordnung und Ausführung der Haubenschlitze verweisen auf die zweite Generation
  • Das Adler-Emblem auf der Kühlermaske ist nach oben gewandert, doch scheint der obere Abschluss des Kühlerausschnitts noch gewölbt zu sein.

Dieses Nebeneinander von Elementen der ersten und der zweiten Generation des Adler „Favorit“ findet sich ähnlich in Werner Oswalds Adler-Standardwerk auf S. 53.

Dort ist das Foto einer Limousine abgebildet, deren Karosserie genau in der Übergangszeit zwischen den beiden Generationen des Adler „Favorit“ angesiedelt ist. Geliefert wurde sie vom Karosseriewerk Weinsberg aus der Region Heilbronn.

Altmeister Werner Oswald liefert uns noch eine Information dazu, und zwar in seinem weiteren Standardwerk „Deutsche Autos 1920-45“.

Dort heißt es, dass die Karosseriewerke Weinsberg 1930/31 rund 100 solcher Zwitter-Aufbauten für den Adler Favorit gefertigt hätten. Allerdings spricht er nur von Limousinen.

Nun stellt sich die Frage: Bauten die Karosseriewerke Weinsberg im Zuge dieses Intermezzos auch offene Versionen wie auf dem Foto von Thomas Ulrich? Denkbar ist natürlich alles, zumal die Firma Weinsberg in Manufaktur arbeitete.

Wie so oft ist es bedauerlich, dass wir nur die alten Aufnahmen als Zeugen solcher Spezialaufbauten haben, die einstigen Besitzer uns aber nichts mehr dazu sagen können:

Adler_Favorit_oder_Standard_6_Cabrio_ab_1932_Ulrich_Insassen

Die beiden Insassen, die uns hier über einen Abstand von über 85 Jahren selbstzufrieden anschauen, hätten wohl einiges zu den Besonderheiten ihres Adler-Cabriolet zu berichten gewusst.

Leider ist von dem Wagen wie von seinen Besitzern wohl nichts geblieben als dieser alte Abzug aus den frühen 1930er Jahren. Oder kann jemand doch noch etwas mehr zu diesem raren Adler-Cabriolet aus mutmaßlicher Weinsberg-Produktion sagen?

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

1910/11: Opel nimmt Abschied von der Motorkutsche

Das Jahr 1910 markiert eine wichtige Zäsur in der gestalterischen Entwicklung des Automobils – vor allem im deutschsprachigen Raum.

Inspiriert von Entwicklungen im Rennsport ab etwa 1908 verbauten die meisten Hersteller auf einmal auch bei Serienwagen ein Karosserieelement, das den Luftwiderstand senken bzw. Verwirbelungen für die Insassen reduzieren sollte.

Die Rede ist vom sogenannten Windlauf – einst auch Torpedo genannt – der einen strömungsgünstigen Übergang von der Motorhaube zum Fahrerraum schafft.

Sehr gut zu erkennen ist dieses haubenartige Bauteil auf der folgenden Originalreklame von Opel von ca. 1908/09:

Opel-Reklame_vor_1914_galerie

Opel-Reklame aus Sammlung Michael Schlenger

Diese grafisch äußerst reizvolle Darstellung macht trotz gestalterischer Freiheiten die Funktion des Windlaufs augenfällig: Bei Sportwagen, die keine Frontscheibe besaßen, war der Fahrer damit besser vor Wind und Staub geschützt.

Gleichzeitig konnte die Luft besser über den Fahrerraum strömen, was höhere Geschwindigkeiten ermöglichte. Auch die minimalistischen Schutzbleche und die kleinen Positionslichter dienten der Verringerung des Luftwiderstands.

Was sich im Sporteinsatz bewährt hatte, hielt schon vor über 100 Jahren rasch Einzug in der Serienfabrikation. So dienten vor dem Ersten Weltkrieg die unzähligen Rennen und Langstreckenfahrten vor allem dem Nachweis, dass die noch junge Motorkutsche für Alltag und individuelle Fernreisen hervorragend geeignet war.

Wer sich damals eines der enorm teuren Manufakturautos leisten konnte, erwartete zurecht, dass ihm ausgereifte Technik bereitgestellt wurde, sonst hätte er weiterhin die Eisenbahn vorgezogen, die einst den letzten Winkel des Deutschen Reichs erschloss.

Interessant ist zu sehen, wie das neuartige Element des Windlaufs zunächst noch mit überkommenen Bauformen kombiniert wurde. Folgende Aufnahme macht deutlich, dass die formale Tradition des Kutschbaus 1910 noch nicht ganz überwunden war:

Opel_Doppel-Phaeton_ab 1910_Galerie

Opel Doppel-Phaeton von 1910/11; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer übrigens meint, die Qualität des Fotos beanstanden zu müssen, sollte erst einmal den unretuschierten Originalabzug sehen…

Die zeitraubenden Korrekturen waren den Aufwand wert. So ist hier der Moment festgehalten, in dem bei Opel ein letztes Mal die formale Tradition des Kutschbaus dominiert, doch schon in Kombination mit dem modernen Element des Windlaufs.

Außerdem werden wir sehen, dass wir es hier mit einem ganz großen Modell des einst hochangesehenen Rüsselsheimer Herstellers zu tun haben.

Was aber verrät uns, dass wir überhaupt einem Opel vor uns haben? Dazu werfen wir einen näheren Blick auf die Frontpartie des eindrucksvollen Wagens:

Opel_Doppel-Phaeton_ab 1910_Frontpartie

Für einen Opel aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg sprechen neben der Form des Kühlergehäuses vor allem die schräggstellten Luftschlitze in der Haube. Sieben davon sind zu erkennen, vermutlich sind hinter dem Kotflügel weitere verborgen.

Deutlich sieht man hier, wie der nach oben weisende Windlauf am hinteren Ende der Motorhaube nachträglich aufgesetzt ist. Das spricht für eine Entstehung dieses Opel im Jahr 1910 bzw. spätestens 1911, als das Element noch neu war.

Länge und Höhe der Motorhaube verweisen auf einen der Opels mit Hubräumen von gut vier bis über sieben Liter – alles Vierzylinder wohlgemerkt. Ob wir hier nun eines der damaligen Modelle mit 35, 50 oder 65 PS sehen, bleibt ungewiss.

Letztlich ist es auch unerheblich, weil alle diese Wagen souveräne Fahrleistungen boten, was damals vor allem bedeutete, vollbesetzt und am Berg schaltfaul unterwegs sein zu können. Idealerweise nutzte man die unteren Gänge nur zum Anfahren.

Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf das Passagierabteil und die Insassen:

Opel_Doppel-Phaeton_ab 1910_Insassen

Eine beinahe identische Karosserie von 1911 findet sich auf S. 48 der Opel-Fahrzeugchronik, Band 1 von Barthels/Manthey, bloß ist der dort unten links abgebildete Wagen etwas kleiner.

Auffällig ist, wie niedrig die Einstiegstür zum Fahrerraum ist. Das findet sich in besagtem Buch ähnlich auf S. 40 bei einem Opel Doppel-Phaeton von 1910.

So spricht viel für eine Datierung des Wagens auf dem Foto ins Jahr 1910/11. Ab 1912 verschwanden die Kutschbau-Anleihen und die Opel-Aufbauten wurden glattflächiger. Mit dem hier abgebildeten Wagen sagte Opel der Ära der motorisierten Kutsche adieu.

Der Zukunft zugewandt war auch der Herr, der mit Zigarette im Mund lässig auf dem Trittbrett posiert. Er wäre noch in den frühen 1950er Jahren modisch nicht aufgefallen.

Ganz anders die sieben Damen im Opel. Sie erscheinen bis zur Halskrause eingepackt, wobei die Hüte und Tücher zum Schutz der aufwendigen Frisuren ihr Übriges tun. Da war man um 1800 schon liberaler und im wahrsten Sinne des Wortes offenherziger.

Doch die Befreiung der Frauen aus den Ganzkörperverkleidungen und von der Männerherrschaft sollte nicht mehr lange auf sich warten lassen (Vorsicht: Ironie!):

Damenrunde_galerie

Leider kam vorher noch der Erste Weltkrieg dazwischen – der in jeder Hinsicht eine noch größere Zäsur markierte als das Jahr 1910, in dem man von der heraufziehenden Katastrophe in Europa nichts ahnte…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

Typisch deutsch: Ein Graham-Paige von 1929 in Berlin

Was in der englischsprachigen Welt als „typisch deutsch“ wahrgenommen wird, spiegelt sich unter anderem in den Wörtern wider, die man mangels eigener Begriffe aus dem Deutschen übernommen hat.

An der Spitze dürfte die „German Angst“ stehen, die in Zeiten bizarrer Phobien gegenüber Elektrosmog, Feinstaub, Gluten usw. fröhliche Urständ zeitigt.

Neben fragwürdigen „Errungenschaften“ wie Blitzkrieg, Oktoberfest und Passivhaus haben es auch romantische Befindlichkeiten wie Gemütlichkeit, Sehnsucht und Weltschmerz in die englische Sprache geschafft.

Selbst die Frage, was eigentlich einen Deutschen ausmacht, ist bereits „typisch deutsch“. In Italien, der Schweiz oder den Niederlanden hat man solche Probleme nicht – man spürt und weiß einfach, wer Landsmann ist und wer nicht.

Diese gut deutsche Vorrede hat viel mit dem eigenwilligen Vorkriegswagen zu tun, den wir heute vorstellen:

Graham-Paige_1929-30_Berlin_Galerie

Graham-Paige; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Historische Aufnahmen wie diese erklären, weshalb hier mitunter zwei, drei Tage bis zum nächsten Blogeintrag vergehen.

Das in Berlin „Unter den Linden“ vor der ehrwürdigen Humboldt-Universität entstandene Foto hat den Verfasser lange Zeit wieder und wieder beschäftigt.

Dass es sich dabei um kein Modell eines deutschen Herstellers handeln kann, war frühzeitig klar. Zwar waren auch beim Horch 8 Typ 400 die Luftschlitze in der Haube nach hinten versetzt, aber ansonsten gibt es praktisch keine Übereinstimmung.

Die auffallend große Bodenfreiheit lässt einen an einen amerikanischen Wagen denken. In den Vereinigten Staaten musste ein Automobil darauf ausgelegt sein, längere Strecken gegebenenfalls auch ohne befestigte Straße zurücklegen zu können.

So fallen amerikanische Serienfahrzeuge der Vorkriegszeit durch ihre breite Spur und die Auslegung als „high rider“ auf. Letzteres scheint auch hier der Fall zu sein

Graham-Paige_1929-30_Berlin_Frontpartie

Leider erkennt man außer Scheibenrädern mit konzentrischer Linierung, eher kleiner Nabenkappe, ausladender Doppelstoßstange und vollverchromten Scheinwerfern nicht viel. Dennoch lässt die Ausführung eine Recherche bei US-Marken vielversprechend erscheinen.

Mangels Hinweisen auf die Markenidentität bleibt einem nur das geduldige Durcharbeiten des über 1.600 Seiten starken, bis 1942 reichenden Standard Catalog of American Cars von Kimes/Clark.

Trotz weit geringerer Zahl an Vorkriegsmarken gibt es für die Hersteller im deutschsprachigen Raum bis heute keine Publikation, die dem nahekommt – wo ist eigentlich die typisch deutsche Gründlichkeit geblieben?

Ein Grund mehr, im Netz zu zeigen, was mit heutigen Publikationsformaten möglich ist. So haben wir vor nicht allzulanger Zeit einen Cadillac von 1928 präsentiert, der auf den ersten Blick Ähnlichkeiten mit dem Wagen aus Berlin aufweist:

Cadillac_1928_Wien_230429_Frontpartie-spiegelverkehrt

Allerdings können wir einen Cadillac aufgrund der schieren Größe des Vorderwagens ausschließen – auch die Gestaltung der Räder passt nicht.

Es gibt aber eine Marke, die sich anno 1929 an der Anordnung der Haubenschlitze am Cadillac des Vorjahrs orientiert zu haben scheint – Graham-Paige.

Tatsächlich bot die 1927 von den Gebrüdern Graham gegründete Firma, deren Basis die seit 1908 bestehende Marke Paige war, im Modelljahr 1929/30 einen Wagen an, dessen Haubengestaltung an Cadillac erinnert.

So einen Graham-Paige, der mit unterschiedlichen Radständen sowie mit Reihensechs- bzw. -achtzylinder verfügbar war, sehen wir höchstwahrscheinlich auf dem eingangs gezeigten Foto.

Verwunderlich ist das nicht. Ende der 1920er Jahre hatten amerikanische Wagen einen Marktanteil von über einem Drittel in Deutschland. Einige Modelle wurden sogar hierzulande in Serie gefertigt oder aus zugelieferten Teilen montiert.

Doch wie sieht es mit der Karosserie unseres Graham-Paige aus Berlin aus?

Graham-Paige_1929-30_Berlin_Seitenpartie

Auf den ersten Blick meint man ein viersitziges Vollcabriolet zu sehen, bei dem die Seitenscheiben heraufgekurbelt sind.

Doch scheint es sich eher um die sehr deutsche Ausführung als Sedan-Cabriolet zu handeln, das über eine feste B-Säule verfügte und vielleicht einem subjektiven  Sicherheitsbedürfnis entsprang, das man heute ebenfalls als typisch deutsch bezeichnen würde. Vergleichbares gab es in den USA nach Ansicht des Verfassers nicht.

Verfügbar war der Graham-Paige von 1929/30 ab Werk außer als Roadster, Zweisitzer-Cabriolet, Tourenwagen, Coupé und Limousine lediglich als Convertible Sedan. Das war aber weder eine (ebenfalls typisch deutsche) Cabriolimousine, noch ein Sedan-Cabriolet.

Somit dürfen wir annehmen, dass eine unbekannte deutsche Karosseriebaufirma einst den Aufbau des Graham-Paige ab der Schottwand besorgte.

Der großgewachsene Besitzer, der uns hier etwas bemüht anlächelt – der unbeholfene Auftritt galt bei benachbarten Kulturnationen lange ebenfalls als typisch deutsch – kann uns leider nichts mehr zu seinem Auto sagen.

Auf jeden Fall handelt es sich um eines von vielen Beispielen für die hochindividuellen Fahrzeuge, die in der Zwischenkriegszeit deutsche Straßen bevölkerten. 

Oft wissen selbst amerikanische Enthusiasten nicht, welche Verbreitung US-Marken im deutschsprachigen Raum einst genossen und welche bedeutende Rolle dabei einheimische Importeure, Produzenten und Karosserielieferanten spielten.

An sich wäre das ein markenübergreifendes Thema, das eine eigenständige Publikation verdiente. Doch dem scheint ein auffallendes Desinteresse der Deutschen an ihrer Vorkriegsgeschichte – nicht nur in automobiler Hinsicht – entgegenzustehen…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

Zur Hochzeit was Besonderes: Ein Hanomag Rekord!

Kenner deutscher Vorkriegsautos mögen jetzt die Augen verdrehen – seit wann ist ein Hanomag „Rekord“ etwas Besonderes?

Der ab 1934 gebaute Typ mit seinem kreuzbraven 1,5 Liter Vierzylinder und 32 PS (ab 1937: 35 PS) war doch in keiner Weise seiner Zeit voraus!

Im Zylinderkopf hängende Ventile, hydraulische Vierradbremsen und Spitze 100 km/h waren zwar Standard in der damaligen Mittelklasse, aber mehr auch nicht. Immerhin genossen die Wagen aus Hannover den Ruf großer Zuverlässigkeit.

Die zeitgenössische Werbung von Hanomag war bemerkenswert ehrlich:

Hanomag_Reklame_um_1935

Hanomag-Reklame ab 1937; Original aus Sammlung Michael Schlenger

„Alle erprobten Errungenschaften, die das Kraftfahren angenehm gestalten, sind in den Hanomag-Wagen in Vollendung vereinigt“, heißt es da.

Einigermaßen wirklichkeitsgetreu ist auch der Hanomag des Typs „Rekord“ wiedergegeben, den man an den vier seitlichen Luftklappen in der Haube erkennt.

Zwar montierte Adler bei seinen Mittelklassemodellen dieselbe Standard-Karosserie von Ambi-Budd, doch nur für Hanomag gab es Luftklappen statt Haubenschlitze.

Dieses Detail ist dank der darauf angebrachtenChromleisten so markant, dass sich daran ein Hanomag Rekord selbst auf einem Ausschnitt wie folgendem erkennen lässt:

Hanomag_Rekord_Mutter von_Michael_Mennigen_Galerie

Hanomag Rekord; Originalfoto aus Familienbesitz von Michael Menningen

Diese trotz – oder vielleicht gerade wegen – des Ausschnitts reizvolle Aufnahme verdanken wir Leser Michael Menningen. 

Wieder einmal gilt: Erst die mit den Wagen abgelichteten einstigen Besitzer oder Passagiere sind es, die diesen alten Fotos Leben einhauchen und uns die Vorstellung ermöglichen, selbst Zeuge der Situation zu sein.

Keine moderne Aufnahme noch so schön restaurierter oder original erhaltener Vorkriegsautos kann uns in die Entstehungszeit zurückversetzen, wie das selbst unvollkommene alte Fotos mühelos schaffen.

Weil es so schön ist, greifen wir in die Schatulle und gönnen uns ein von der Situation vergleichbares Foto, das hier vor längerer Zeit schon einmal präsentiert wurde:

Hanomag_Rekord_1934-36_Galerie

Hanomag Rekord; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Solche Dokumente machen selbst nach über 80 Jahren Freude, auch wenn die Wagen und die Menschen darauf längst den Weg alles Zeitlichen gegangen sind.

Bevor wir nun zum eigentlichen Gegenstand des heutigen Blogeintrags kommen, präge sich der Leser bitte die Seitenpartie des Hanomag ein. Zu sehen sind:

  • ein Limousinenaufbau mit zwei Türen und zwei Seitenfenstern,
  • eine über der Mitte des hinteren Schutzblechs endende Heckpartie
  • Scheibenräder mit großen, gewölbten Chromradkappen

Wie anders erscheint dieser Wagen – trotz ebenfalls vier Luftklappen in der Haube:

Hanomag_Rekord_6-Fenster_um_1938_Hochzeitstag_mit Bruder_Galerie

Hanomag Rekord, 6-Fenster-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch das ist ein Hanomag Rekord – doch hier in der selteneren Ausführung als viertürige Limousine mit sechs Seitenscheiben.

Der Radstand war identisch mit dem der zweitürigen Limousine, doch reicht der Aufbau hinten deutlich über die Mitte des Heckschutzblechs hinaus.

Damit bot die viertürige Limousine des Hanomag Rekord für die Passagiere im Fonds ähnlich großzügige Platzverhältnisse wie im Schwestermodell „Sturm“, das gut 20 cm länger war und einen 55 PS starken Sechszylindermotor besaß.

Die gelochten Räder verweisen auf eine Entstehung des Hanomag Rekord ab 1937 – die aus Sicht des Verfasser eleganteren Scheibenräder gab es nur von 1934-36.

Die beiden großgewachsenen jungen Herren waren laut Beschriftung angeblich Brüder, was man kaum glauben mag – aber möglich ist auf dem Sektor ja einiges…

Hanomag_Rekord_6-Fenster_um_1938_Hochzeitstag_mit Bruder_Ausschnitte

Von alter Hand auf der Rückseite des Abzugs vermerkt ist zudem, dass das Foto „um 1938“ anlässlich der Hochzeit des Bruders im Frack entstand.

Etwas merkwürdig mutet die Situation schon an: Der angehende Bräutigam lässt Fliege und Zylinder vermissen, stattdessen trägt er das Hemd offen und hat sich einen flotten Alltagshut aufgesetzt.

Auffallend ist auch, dass der Hochzeitsanzug so aussieht, als trage ihn der Bräutigam schon eine Weile. Auch das eher sportliche Jackett des angeblichen Bruders mag nicht so recht zu einer Festivität passen.

Was ist davon zu halten? Zündende Ideen von Lesern sind wie immer willkommen.

Unterdessen erfreuen wir uns an der Linienführung des Hanomag Rekord, von dem erstaunlich viele Fotos erhalten sind, obwohl einst keine 20.000 Stück davon gebaut wurden. Er muss bereits den Zeitgenossen irgendwie „besonders“ vorgekommen sein.

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

Großer Auftritt: Ein Stoewer Typ D3 Tourenwagen

Im letzten Blogeintrag hieß es, wir würden uns nach dem Rückblick auf die Classic Days 2018 auf Schloss Dyck wieder in die „Niederungen“ des automobilen Alltags im Deutschland der Vorkriegszeit begeben.

Das war halbironisch gemeint. Zwar lassen sich auf historischen Originalfotos nicht ständig Preziosen wie dieser auf Schloss Dyck zu bewundernde Atalanta-Sportwagen entdecken:

Atalanta_Classic_Days_2018_Galerie

Atalanta; Bildrechte: Michael Schlenger

Doch spannend sind selbst Aufnahmen einst gängiger deutscher Marken allemal – wobei „gängig“ relativ zu verstehen ist.

Gemessen an der Autoindustrie in den Vereinigten Staaten blieben nämlich die meisten deutschen Hersteller – von DKW und Opel abgesehen – Nischenproduzenten.

Manche einst hochangesehene Marke würde man heute sogar als Manufakturhersteller bezeichnen. In diese Kategorie fällt beispielsweise Stoewer aus Stettin – eine Firma, deren Ruf stets größer war als ihre eigentliche Bedeutung.

Das ist durchaus positiv gemeint, denn wie sich Stoewer vom Ende des 19. Jahrhunderts bis Mitte der 1930er Jahre als familiengeprägtes Unternehmen über Wasser hielt und dabei ein eigenes Profil bewahrte, ist bewundernswert.

Gemessen an den stets überschaubaren Stückzahlen ist es erstaunlich, wieviele historische Fotos von Stoewer-Wagen erhalten sind. In diesem Blog ist naturgemäß der Typ D3 am häufigsten vertreten, der von 1920-23 rund 2.000mal gebaut wurde.

Hier haben wir eine Aufnahme des 24 PS leistenden Vierzylindermodells, die bislang noch nicht publiziert wurde:

Stoewer_D3-Typ_Galerie

Stoewer Typ D3; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wann und wo dieses Foto entstand, wissen wir leider nicht – Kleidung und Frisuren lassen auf die Mitte der 1920er Jahre schließen.

Der Aufbau mit Spitzkühler und „Tulpenkarosserie“ – wegen des wie bei einer Tulpenblüte nach oben immer breiter werdenden Passagierraums – ist typisch für deutsche Tourenwagen der frühen Nachkriegszeit.

Dennoch erkennt man auf Anhieb, dass dies ein Stoewer sein muss. Die leichte Schrägstellung der Vorderkante des Spitzkühlers, die Anordnung der Haubenschlitze und die gepfeilte Frontscheibe verraten es.

So weit, so konventionell – wenn das bei einem Stoewer zu sagen erlaubt ist. Neben diesem Standardaufbau gab es eine raffiniertere Variante, die wir hier sehen:

Stoewer_D3_großer aufbau_Brennabor_Galerie

Stoewer Typ D3 Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick ist man geneigt, hier auf einen der stärkeren D-Typen von Stoewer zu tippen. Doch wie die Rückfrage beim unbedingt sehenswerten Stoewer-Museum bestätigte, haben wir auch hier einen Typ D3 vor uns.

Jedoch wurde hier ein großzügiger und eleganterer Aufbau montiert – man beachte allein die feine Zierlinie zwischen dem hinteren Ende der Motorhaube und dem Windlauf vor der Frontscheibe.

Außerdem wurde eine flache, jedoch leicht schräggestellte Frontscheibe verbaut. Wenn nicht alles täuscht, besitzt dieser Wagen auch ein Kühlwasserthermometer:

Stoewer_D3_großer aufbau_Brennabor_Frontpartie

Das Nummernschild lässt auf eine Zulassung in Schleswig-Holstein (Kennung IP) im Landkreis Steinburg-Itzehoe schließen.

Ansonsten wissen wir auch hier nichts über den genauen Ort und das Datum der Aufnahme. Sicher ist nur, dass die Besitzer des Stoewer über einen Chauffeur verfügten, zu erkennen an der Schirmmütze.

Bei der Betrachtung dieses Automobils fragt man sich: Wie kann so ein eindrucksvolles Produkt menschlicher Schöpferkraft einfach vom Erdboden verschwinden?

Vielleicht gibt es irgendwo noch Fragmente davon – eventuell der Kühler oder eine Nabenkappe, möglicherweise hat irgendwo das Lenkrad überlebt oder ein Scheinwerfer.

Auf diesem alten Foto, das es bis ins 21. Jahrhundert geschafft hat, ist der Stoewer jedenfalls noch in voller Pracht zu sehen – der tiefe Glanz des Lacks und das blitzsaubere Erscheinungsbild lassen auf ein fast neues Fahrzeug schließen.

Freuen wir uns einfach darüber, dass zumindest diese Aufnahme übriggeblieben ist…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.