So ziemlich das Letzte… NAG Typ D4 10/45 PS

Ich weiß: Sonderlich positiv mutet der Titel meines heutigen Blog-Eintrags nicht an. Doch wie so oft enthält er Spuren von Ironie.

Es geht natürlich nicht um Dinge, bei denen beispielsweise unsere Republik so ziemlich das Schlusslicht in der EU ist, etwa Eigenheimquote, Rentenniveau, Median-Vermögen, Mobilfunkabdeckung usw.

Nein, dergleichen Lappalien wären der Laune nur abträglich. Wie ich kürzlich notierte, müssen wir uns in Anbetracht der Nachrichtenlage mehr denn je mit den schönen Dingen des Lebens beschäftigen, um nicht verrückt oder zumindest griesgrämig zu werden.

Also bleiben Sie heute dabei – es bereitet nämlich durchaus Vergnügen, wenn man sich mit einem Vorkriegsautomobil beschäftigt, das einst „so ziemlich das Letzte“ war…

Mir fällt es bekanntlich leicht, mich für die klassischen Modelle der Berliner Marke NAG zu erwärmen – damit meine ich diejenigen, die mit dem typischen Ovalkühler daherkamen, den man über die Zäsur des 1. Weltkriegs beibehalten hatte.

Bis 1914 und während des Kriegs war er noch flach ausgeführt wie bei diesem K-Typ:

NAG K-Typ; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Dieser Wagen mit Limousinenaufbau und gleichzeitig über den ganzen Innenraum gehendem Verdeck war bei einer deutschen Militäreinheit im Einsatz – sicher kann ein sachkundiger Leser anhand der Beschriftung mehr dazu sagen.

Nach dem 1. Weltkrieg erfuhr der Ovalkühler von NAG eine Veränderung, die ihn für mich erst richtig attraktiv machte – er wurde nämlich nunmehr als Spitzkühler ausgeführt, was nach meinem Eindruck in dieser konsequenten Form kein anderer Hersteller so machte.

Damit wurde als erstes NAG-Modell der ab 1920 gebaute Typ C4 10/30 PS ausstaffiert, der zu den häufigsten Fahrzeugen in meiner Fotosammlung und in meinem Blog gehört.

Hier haben wir ein frühes Exemplar, noch mit expressiver „Tulpenkarosserie“ und sportlich gepfeilter Frontscheibe – so musste ein deutscher Tourenwagen Anfang der 1920er Jahre aussehen:

NAG C4 10/30 PS Tourenwagen, Bauzeit: 1920-24; Werbepostkarte der Pianofabrik Bogs & Voigt, Berlin; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Von diesem für seine Qualität hochgeschätzten Modell gab es vielfältige Aufbauten – eine eindrucksvolle geschlossene Variante will ich bei anderer Gelegenheit vorstellen.

Heute halten wir uns nicht länger mit dem NAG Typ C 10/30 PS auf und wenden uns stattdessen seinem Nachfolger zu – dem Typ D 10/45 PS.

Dieses ab 1924 gebaute Modell war motorenseitig modernisiert worden. Der Hubraum war zwar nur von 2,5 auf 2,6 Liter gesteigert worden, doch der Wechsel von seitlich stehenden zu im Zylinderkopf hängenden Ventilen machte eine um 50 % höhere Leistung möglich.

Dieses Aggregat war meines Wissens „das Letzte“… welches von Ingenieur Christian Riecken für NAG konstruiert worden war, nachdem er bereits mit dem 50 PS starken Sportmodell NAG C4m von 1925/26 gezeigt hatte, dass er sein Geschäft verstand.

Der von Riecken entwickelte NAG Typ D 10/45 PS (zunächst mit 40 PS) unterschied sich äußerlich anfänglich nur geringfügig vom Vorgängermodell C 10/30 PS:

NAG Typ D4 10/45 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Die Gestaltung der Frontpartie war nahezu identisch, wenngleich die Dimensionen eindrucksvoller ausfielen.

Dass wir hier tatsächlich einen D-Typ sehen, verraten die Bremstrommeln an den Vorderrädern – beim C-Typ waren nur die Hinteräder gebremst, außerdem wirkte die Fußbremse wie damals üblich auf die Kardanwelle.

Als weiteres typisches Merkmal festzuhalten ist hier der Abwärtsschwung der Seitenlinie hinter der Windschutzscheibe. Außerdem ist zu vermerken, dass sich das Lenkrad hier noch auf der rechten Seite befindet wie bei vielen deutschen Wagen vor 1925.

Praktisch identisch stellt sich ein weiteres Exemplar des NAG Typ D 10/45 PS auf der folgenden Aufnahme dar:

NAG Typ D4 10/45 PS, Bauzeit: 1924-27; Firmenfahrzeug der A. Dankelmann GmbH, Niedersedlitz (Sachsen); Originalfoto aus Besitz der Familie Dankelmann (via Erik Dünnebier)

Auch auf diesem brillianten Dokument sehen wir das Lenkrad auf der rechten Seite, die Vorderradbremsen und die gleiche Gestaltung der Luftschlitze in der Motorhaube. Die Trittschutzbleche am Schweller und der Verlauf der Seitenlinie sind ebenfalls identisch.

Nun könnte man der Ansicht sein, dass diese Ausführung „so ziemlich das Letzte“ war, was im klassischen NAG-Stil gebaut wurde. Denn danach ging man zu Wagen mit Flachkühlern über, die neu entwickelte 6-Zylindermotoren besaßen (12/60 und 14/70 PS).

Der unverwechsellbare Charakter der NAG-Automobile ging damit aus meiner Sicht verloren, wenngleich diese Fahrzeuge schon aufgrund ihrer Seltenheit interessant sind.

Doch in der Kategorie „so ziemlich das Letzte“ findet sich dann doch noch eine Variation der klassischen NAG-Wagen, die ich bisher nur gestreift habe. Die zu entdecken, nahm allerdings einige Zeit in Anspruch.

So hatte ich meinem Fundus schon vor längerem diese schöne Aufnahme einverleibt, mit der ich zunächst wenig anzufangen wusste:

NAG Typ D4 10/45 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Erst bei der x-ten Wiedervorlage erinnert ich mich daran, wo ich die hinter der Frontscheibe abfallende Seitenlinie und die Trittschutzbleche in genau dieser Ausführung gesehen hatte – beim NAG Typ D 10/45 PS natürlich!

Unter der Lupe ließ sich dann auf dem Originalabzug auch das markante NAG-Logo auf der hinteren Nabenkappe erahnen.

Was aber ist von den völlig anders gestalteten Luftschlitzen zu halten, die nun weit schmaler und zahlreicher sind? Auch diese waren mir schon einmal begegnet, wie ich mich erinnerte.

So hatte ich vor einigen Jahren bereits einen NAG mit dieser modernisierten Gestaltung der Haubenpartie vorgestellt:

NAG Typ D4 10/45 PS; Originalfoto von 1929 aus Sammlung Michael Schlenger

Ich hatte anhand der anderen Ausführung der Haubenpartie geschlussfolgert, dass es sich hier um einen NAG des modernisierten Typs D4 10/45 PS handeln müsse. Da die Vorderräder im Dunkeln liegen, war nicht zu erkennen, ob dort Bremsen verbaut waren.

Zwei Unterschiede sind hier jedoch zu vermerken: Die Türen sind anders gestaltet und vor allem: die Lenkung befindet sich immer noch auf der rechten Seite.

Auch wenn es in der mir vorliegendn Literatur nicht festgehalten ist: Offenbar modernisierte NAG den Typ D4 10/45 PS zunächst äußerlich, behielt aber noch die Rechtslenkung bei. Erst in einem nächsten Schritt wanderte dann die Lenkung auf die linke Seite:

Das ist aber nun wirklich „so ziemlich das Letzte“, was ich zum NAG Typ D 10/45 PS beisteuern kann – danach begann ein neuer Abschnitt in der Markengeschichte, der NAG rasch seinem Finale näherbrachte.

Kann sich diese schöne Momentaufnahme als würdiges „Adieu“ für den letzten klassischen NAG sehen lassen? Ich meine schon.

Zur Klarstellung: „So ziemlich das Letzte“ zu diesem Hersteller in meinem Blog war das natürlich nicht – es gibt auch zu NAG noch viel Material, das aufgearbeitet und präsentiert werden will. Und wenn es sonst derzeit wenig Anlass gibt: Freuen Sie sich darauf!

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Auf den Reifen kommt es an: Mathis Typ GM 10 CV

Dass den Reifen eines Automobils entscheidende Bedeutung im Hinblick auf Fahrsicherheit, Komfort und Zuverlässigkeit zukommt, dass erkannte man schon sehr früh.

So trug zum vielbeachteten Sieg des ersten „Mercedes“ am 25. März 1901 beim Autorennen Nizza-Salon-Nizza auch die Tatsache bei, dass der 35 PS starke und 90 km/h schnelle Wagen mit Luftreifen von Continental ausgestattet war (Quelle).

Der 1871 als „Continental Caoutchouc- & Gutta-Percha Compagnie“ gegründete deutsche Reifenhersteller nutzte Sportveranstaltungen geschickt zur Vermarktung seiner Produkte – außerdem machten viele Käufer offenbar gerne kostenlos Werbung:

unbekannter Tourenwagen von ca. 1905-1907; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser eindrucksvolle und vermutlich recht leistungsfähige Tourenwagen stammt von einem bisher nicht identifizierten Hersteller – wahrscheinlich aus dem deutschsprachigen Raum.

Vorschläge, um welche Marke es sich handelt (beim Auto, natürlich…) werden gern angenommen.

Heute dient mir diese Aufnahme bloß als Beleg für das Motto „Auf den Reifen kommt es an“. Dieses bekommt im Folgenden jedoch noch auf ganz andere Weise seinen Sinn.

Die Bereifung kann nämlich auch der Schlüssel bei der Ermittlung eines Wagentyps sein, da Automobilhersteller bis in die 1920er Jahre häufig sehr ähnliche Modelle fertigten, die sich lediglich in der Motorisierung und den Dimensionen unterschieden.

Genau mit solch einem Fall befassen wir uns heute. Vielleicht erinnern Sie sich an die folgende Aufnahme meines Sammerkollegen Matthias Schmidt (Dresden):

Mathis Typ M oder GM; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Der Wagen ist anhand des markanten Spitzkühlers mit dem kreisförmigen Markenschriftzug als französischer „Mathis“ zu erkennen. Den Spitzkühler führte der im Elsass ansässige Hersteller ab 1923 ein.

Zu diesem Zeitpunkt baute Mathis im wesentlichen Wagen in vier Klassen mit Hubräumen von 0,8 bis 1,6 Liter. Vom kompakten Cyclecar Typ P abgesehen waren die Modelle M, SBO und GM sehr ähnlich gestaltet.

In jedem Fall gab es einen Tourenwagen, dessen Optik dem Fahrzeug auf dem obigem Foto entsprach. Allerdings scheint der nur 1923/24 gebaute 1,1 Liter-Typ SBO noch nicht über lackierte Scheinwerfergehäuse mit vernickeltem Ring verfügt zu haben.

Diese finden sich auch auf einem zweiten Foto eines solchen Mathis-Tourers aus dem Fundus von Matthias Schmidt:

Mathis Typ GM; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Hier fallen die Scheinwerfer allerdings deutlich kleiner aus und sind weiter unten angebracht. In solchen Details gab es also trotz aller sonstigen Übereinstimmung eine gewisse Weiterentwicklung.

Dies lässt auf eine längere Bauzeit schließen, womit der oben erwähnte Typ SBO (1923/24) mit 1,1 Litern noch weniger in Betracht kommt. Aus meiner Sicht engt sich die Auswahl auf den Typ M (1 Liter) und den Typ GM (1,6 Liter) ein.

Beide wurden mit dem Spitzkühler parallel bis 1926 gebaut. Der kleinere Typ M war mit Chassis bis maximal 2,75 Radstand verfügbar, während der Typ GM einen Radstand von 2,95 m aufwies.

Dummerweise fehlt auf solchen Fotos immer der Meterstab, den man sich zur Erleichterung der Typansprache wünschen würde. Doch zum Glück ist das zweite Foto von Matthias Schmidt von so guter Qualität, dass darauf die Reifengröße lesbar ist: 730 x 130.

Der kleinere Typ M besaß Pneus der Dimension 715 x 115. Solche Feinheiten verdanke ich übrigens der Mathis-Website von Francis Roll.

Damit wäre – soweit dies möglich erscheint – der Mathis-Typ geklärt, in dem sich einst ein gut gegen den kühlen Wind eingepacktes Paar ablichten ließ. An der Front des Wagens ist übrigens ein winziger Ausschnitt des weiß unterlegten Nummernschilds zu sehen.

Dieser Mathis wurde also sehr wahrscheinlich in deutschen Landen gefahren wie übrigens zahlreiche weitere Exemplare. Die Reifen waren natürlich ebenfalls ein französisches Qualitätsfabrikat – hier von Michelin.

Pneus von Conti hätten hier vermutlich keinen Unterschied gemacht, doch was die Identifikation des Mathis angeht, hat sich das eingangs erwähnte Motto bewahrheitet: Auf den Reifen kommt es an!

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Gab’s einst auch im Kaufhaus: GWK Cyclecar von 1913

Heute werfe ich nach längerer Pause wieder einmal einen Blick auf ein frühes Fahrzeug aus britischer Produktion. Das Mutterland der Individualisten und Exzentriker bietet natürlich auch reiche Jagdgründe, was eigenwillige Autokonstruktionen angeht – von denen viele ein erstaunlich langes Leben hatten.

Dass ein Hersteller wie Morgan im 21. Jahrhundert immer noch Fahrzeuge nach Traditionen der Vorkriegszeit baut und sogar wieder einen fabelhaften Threewheeler anbietet, das ist nur in England möglich.

Ein weit früheres Beispiel für eine Autofirma, die sich mit einem reinen Nischenkonzept entgegen alle Wahrscheinlichkeit eine ganze Weile hielt, stelle ich heute vor. Ermöglicht hat mir das der deutsche Zusender des folgenden Fotos, der ungenannt bleiben möchte:

GWK von 1913; Originalfoto aus Familienbesitz (via Ulrich A.)

Diese Aufnahme aus dem Familienalbum ist 1913 in England entstanden (eventuell im Umland von Manchester), soviel sei dazu überliefert, so Ulrich A.

Ob ich herausfinden könne, was das für ein Fabrikat sei, wollte er wissen. Und ob das eventuell ein Wagen mit Heckmotor sein können, weil sich hinter dem Fahrerabteil eine seitliche Klappe befinde.

Ich musste zunächst passen, fand dann aber rasch über meine Facebook-Gruppe zu Vorkriegsautos auf alten Fotos heraus, dass es sich um einen britischen GWK handelt.

Davon hatte ich noch nie gehört, aber warum sollte ich auch – gab es doch einst tausende von Autoherstellern alleine in Europa. Tausende, nicht etwa nur hunderte oder zwei Dutzend.

Der noch in den Anfängen befindliche Automobilmarkt entwickelte sich völlig ohne öffentliche Einflussnahme, staatliche Subventionen oder gar eine zentrale Planwirtschaft, wie sie neuerdings hierzulande (wieder) zunehmend praktiziert wird.

Niemand wusste, welche technischen Konzepte sich durchsetzen würden und welche neuen die bereits etablierten verdrängen würden. Das blieb dem freien Wettbewerb von unzähligen Tüftlern, Erfindern und Unternehmen um die Gunst der Kunden überlassen.

Unter diesen Bedingungen bekamen auch unkonventionelle Konzepte ihre Chance – manche erwiesen sich zwar als Sackgasse, bewährten sich aber eine ganze Weile in einer Nische.

So war das auch mit dem GWK-Wagen, der seinen Namen vom ersten Buchstaben der drei Gründer Grice, Wood und Keiller erhielt.

Die Herren waren sich anno 1910 einig, dass es in Großbritannien einen Markt für einen leichten Zweisitzer gibt, der über einen Mittelmotor und ein Reibradgetriebe verfügt. Damit bauten sie auf bereits existierenden Konzepten auf.

Für den Friktionsantrieb nutzte man das Patent des Amerikaners John W. Lambert aus dem Jahr 1904 (die Information verdanke ich Enrico Busuito, Turin). Er hat sogar eine Abbildung aus der originalen Patentschrift aufgetrieben:

Abbildung aus dem Friktionsgetriebe-Patent von John W. Lambert, 1904; via Enrico Busuito (Turin)

Die Idee eines solchen Reibradantriebs ist auf dem Papier bestechend einfach: Am Ende der Antriebswelle befindet sich eine beschichtete Scheibe, die eine weitere, mit der Antriebsachse verbundene Scheibe antreibt, welche im Winkel von 90 Grad auf der Oberfläche der Antriebsscheibe läuft.

Durch seitliches Verschieben der auf der Achse befindlichen Scheibe lässt sich stufenlos das Übersetzungsverhältnis zwischen den beiden rotierenden Scheiben verändern. Verschiebt man die Scheibe an der Achse über das Zentrum der Antriebsscheibe hinaus in die andere Richtung, kehrt sich die Bewegungsrichtung um, das ist der Rückwärtsgang.

In der Praxis kommt es jedoch auf die Wirksamkeit und Haltbarkeit der Beschichtung an, welche die Reibung zwischen den Scheiben sicherstellt und ein Durchdrehen vermeidet. Es liegt auf der Hand, dass eine solche Form des Kraftschlusses nur für leichte Fahrzeuge mit niedriger Motorleistung in Frage kommt.

Die Herausforderung wurde von GWK so erfolgreich gemeistert, dass man schon ein Jahr nach dem Bau des Prototyps mit der Serienproduktion beginnen konnte, das war 1912.

Den Motor kaufte man von Coventry-Simplex zu. Es handelte sich um ein bewährtes wassergekühltes Zweizylinderaggregat mit 1 Liter Hubraum und 8 PS Leistung. Damit soll eine Spitzengeschwindigkeit von gut 70 km/h möglich gewesen sein:

GWK Reklame von Anfang 1913; Bildquelle: Grace’sGuide

Ab 1913 nahm die Produktion des GWK Cyclecars richtig Fahrt auf – es sollte das erfolgreichste britische Automobil mit Reibradantrieb werden.

Über 1.000 Stück davon wurden gebaut – zeitweilig war es sogar über ein Kaufhaus erhältlich. Besagtes Kaufhaus war freilich nicht irgendeines, sondern das berühmte „Harrods“ in London, wo eine solvente Käuferschicht einzukaufen pflegte.

Mir war völlig neu, dass das Nobelkaufhaus (übrigens auch architektonisch von einer Klasse, die heute keiner der angeblichen Konsum“tempel“ mehr erreicht) vor dem 1. Weltkrieg weitere Autos im Angebot hatte, darunter solche von Humber, Morris und Singer:

GWK Reklame von Anfang 1913; Bildquelle: Grace’sGuide

Nach dem 1. Weltkrieg versuchte GWK sein Glück mit einem neuen Modell, das nun einen Vierzylinder-Frontmotor (wiederum von Coventry-Simplex) besaß, aber immer noch den altbewährten Reibradantrieb.

Trotz einiger Anfangschwierigkeiten konnte man nochmals an die alten Erfolge anknüpfen und fertigte bis 1926 rund 1.700 Fahrzeuge. Die Firma als solche existierte noch bis 1931, doch entstanden ab 1927 keine Autos mehr.

Die Fabrik in Maidenhead westlich von London wurde zwischenzeitlich von Streamline Cars genutzt, wo der bemerkenswerte Burney-Stromlinienwagen mit Heckantrieb entstand.

1931 schloss GWK für immer die Tore, nachdem man im Vorjahr nochmals einen Prototypen entwickelt hatte, nunmehr einen mit Motor hinter der Hinterachse.

Was von 20 Jahren Firmengeschichte nach rund 90 Jahren bleibt, sind nicht nur die hier gezeigten Reklamen und Fotos aus privaten Familienalben. Es gibt auch noch eine Reihe überlebender GWK-Wagen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg.

Einen entsprechenden Schnappschuss hat mir freundlicherweise Catherine Strutt aus Australien zur Verfügung gestellt. Sie ist selbst eine große Vorkriegsenthusiastin und hat im August 2022 diesen GWK fotografiert, dessen Besitzer sie kennt:

GWK von 1913/14; Bildrechte: Catherine Strutt (Australien)

So schlecht kann das Ursprungskonzept von GWK also nicht gewesen sein, wenn nach weit über 100 Jahren immer noch fahrtüchtige Exemplare existieren.

Ein Auto, das einst sogar im Luxuskaufhaus Harrods erhältlich war, erweist sich am Ende als vielleicht „nachhaltiger“ als das, was heute so unter diesem Label angepriesen wird.

Wenn irgendwann im energetisch und geistig verarmten Europa die Lastenräder und Rikschas wie einst in kommunistischen Musterstaaten dominieren, dann schlägt die Stunde solcher Veteranen – den Sprit dafür gibt’s dann in der Apotheke, das wusste schon Bertha Benz…

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6-Zylinder für Opel-Verächter: Simson R 12/60 PS

Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben. Das war einst sogar mit einem Opel möglich – heute schwer zu glauben, aber die Vorkriegswelt war auch in der Hinsicht eine völlig andere.

Bei Vorkriegs-Opels denkt man vor allem an das ab 1924 gebaute 4 PS-Modell, das sich eng am einige Jahre zuvor eingeführten Citroen 5CV orientierte.

Dieser grundsolide Kleinwagen bestimmt bis heute das Bild der Marke in den 1920er Jahren – hier haben wir ihn als Typ 4/16 PS mit Aufbau als zweisitzigem Cabriolet:

Opel 4/16 PS, Baujahr 1928, aufgenommen im Herbst 1931; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Mit dem ab Herbst 1927 verbauten, frech von der Luxusmarke Packard kopierten Kühler wirkte der 4 PS-Rüsselsheimer fast schon wie ein Großer.

Dabei bot Opel jedoch parallel auch „echte“ Premiumwagen an, jedenfalls nach rein oberflächlichen Maßstäben.

So fertigte man 1927/28 das Spitzenmodell 15/60 PS, das über einen 3,9 Liter messenden Sechszylinder verfügte und mit eindrucksvollen Aufbauten erhältlich war. Das folgende Foto zeigt einen dieser Wagen als repräsentativen Siebensitzer:

Opel 15/60 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Thomas Röder

Rund 8.500 Reichsmark wurden für diesen 6-Zylinder-Opel in der Ausführung als Limousine aufgerufen – mehr als das Doppelte, was für das kleine 4 PS-Modell zu berappen war.

Das war damals eine kolossale Summe, dennoch waren diese großen Opels technisch und von der Ausstattung her relativ einfach gehalten. Der Motor besaß noch seitlich stehende Ventile, nur drei Schaltstufen und konventionelle Reibungsstoßdämpfer.

Prestige – immerhin wurde Opel vor dem 1. Welkrieg auch für Luxuswagen international geschätzt – konnte man mit einem solchen Rezept kaum erlangen. Wem also in dieser Leistungsklasse der Sinn nach Edlerem stand, musste sich anderweitig umschauen.

Heute kann ich mit einem Aspiranten aufwarten, der solventen Opel-Verächtern genau das bot, was sie von einem wirklich exklusiven deutschen Sechszylinder erwarteten.

Erstmals begegnet ist mir dieser aussichtsreiche Kandidat in der Publikation „Die Motorfahrzeuge“ von Paul Wolfram (Ausgabe 1928):

Simson Typ R 12/60 PS; Originalabbildung aus „Die Motorfahrzeuge“ von Paul Wolfram, 1928

Optisch kommt der schon 1926 eingeführte Sechszylinderwagen der bekannten Waffenfabrik aus Suhl (Thüringen) konventionell daher.

Ohne die Marken- und Typbezeichnung auf der kunstledernen Reserveradabdeckung würden nur wenige Details die genaue Ansprache ermöglichen.

Wir prägen uns für später ein: Die niedrig gehaltenen durchbrochenen Trittschutzbleche unterhalb der Türen, die recht breiten und weit nach oben reichenden Luftschlitze in der Motorhaube sowie das am oberen Ende abgeschrägte Kühlergehäuse mit nach vorne halb herausragendem Einfüllstutzen.

Das unprätentiöse Äußere des Simson Typ R 12/60 PS verbarg im Vergleich zum großen Opel-Sechszylinder einiges mehr an Raffinesse.

Der Motor war mit 3,1 Litern etwas kleiner, bot aber dank strömungsgünstig im Zylinderkopf hängender Ventile eine bessere Kraftstoffausbeute und größere Elastizität. Unterstützt wurde der Fahrkomfort durch vier Schaltstufen, hydraulische Stoßdämpfer von Houdaille und einen Bremskraftverstärker (Typ: Bosch-Dewandre).

Neben klassischen Ausführungen als Tourenwagen und Limousine waren auch aufwendigere Aufbauten als zweisitziges Luxus-Cabriolet und als Pullman-Limousine mit Platz für bis zu sieben Insassen verfügbar.

Eine Besonderheit stellten ebenfalls erhältliche Leichtaufbauten aus Sperrholz mit Kunstlederbespannung dar, die vom Schlesienwerk in Liegnitz zugeliefert wurden – nach meinem Eindruck ein Kuriosum in dieser Wagenklasse.

Doch bleiben wir bei der konventionellen Limousine, welche die häufigste Ausführung gewesen sein dürfte. Erstmals ist es mir nun gelungen, ein zeitgenössisches Originalfoto davon aufzutreiben:

Simson Typ R 12/60 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Erinnern Sie sich an die Details, auf die ich weiter oben hingewiesen hatte? Sie finden sie hier alle wieder, wenngleich die technische Qualität des Abzugs zu wünschen übrig lässt.

Aus meiner Sicht ist dieser einst in Willich am Niederrhein abgelichtete Wagen eine Limousine des Typs R 12/60 PS von Simson.

Wer skeptisch ist, weil die Gestaltung der Heckpartie von derjenigen des weiter oben gezeigten Wagens abweicht, dem sei gesagt: Simson baute diesen Typ immerhin fünf Jahre lang – von 1926 bis 1931. Natürlich gab es da einige Änderungen im Detail.

So stellte Simson auch gemessen an der Bauzeit seines 60 PS-Sechszylinders das vergleichbare Opel-Modell mühelos in den Schatten. Doch machen wir uns nichts vor. Auch diese eindrucksvollen Simson-Wagen führten eine reine Nischenexistenz.

11.500 Reichsmark (Limousine 1928) verlangten die Suhler dafür, dass sie zahlungskräftigen Opel-Verächtern eine elitäre Alternative boten. Für die Preisdifferenz von rund 3.000 Mark hätte man auch einen Opel 4/16 PS als offenen Viersitzer bekommen.

Aber wie gesagt: Es war schon immer ein wenig teurer, einen besonderen Geschmack zu haben und Kultur beginnt jenseits der Notwendigkeiten und des schnöden Kalküls…

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Fund des Monats: Ein Dürkopp Typ P12 12/45 PS

Beinahe hätte ich heute einen Fahrradrahmen der Bielefelder Marke Dürkopp gekauft – neben motorisierten Klassikern kann ich mich auch für historische Drahtesel begeistern.

Meine kleine Fahrrad-Sammlung umfasst nichts Besonderes: Räder der 30er bis 50er Jahre von Adler, Miele, Torpedo, Presto – solide Massenware, meist ziemlich abgerockt, teilweise auf „Halbrenner“ reduziert, also ohne Schutzbleche, Beleuchtung und Gepäckträger, dafür aber mit sportlich umgedrehtem Lenker und schickem Ledersattel.

Das mit dem Dürkopp-Rad scheiterte am Zustand – der Rahmen war zwar solide und das markante Emblem vorhanden, aber mehr Oberflächenrost als Lack, das muss nicht sein.

Zur Kompensation gönne ich mir – und Ihnen, liebe Leser – heute ein Dürkopp-Vergnügen auf vier Rädern, das seinesgleichen suchen dürfte.

Der bekannte Hersteller von Fahrrädern und Nähmaschinen baute nämlich eine ganze Weile auch achtbare Automobile und zwar bereits ab Ende des 19. Jahrhunderts. Bis 1927 hielt man an dem meist verlustträchtigen Geschäft fest – weil man es sich leisten konnte.

Merkwürdigerweise fand sich immer genug Kapital am deutschen Markt für unzählige solcher defizitären Experimente, doch gelang es aus irgendwelchen Gründen hierzulande kaum, das in der Breite erhebliche Investoreninteresse am Automobil nach US-Vorbild zu bündeln, um zu einer betriebswirtschaftlich sinnvollen Großserienproduktion zu gelangen.

Im Fall von Dürkopp konnte man sich den Luxus von Verlusten aus dem Autogeschäft offenbar sehr lange leisten – vermutlich lag es an der Aktionärsstruktur. Immerhin verdanken wir diesem Umstand eine Reihe attraktiver Wagen.

Dem Fotobefund nach zu urteilen, scheint der nach dem 1. Weltkrieg eingeführte Typ P8 mit 8/24 PS-Vierzylinder (ab 1924: 8/32 PS) die größte Verbreitung gefunden zu haben.

Aufnahmen dieses Typs finden sich auch, ohne dass man speziell danach sucht, in erheblicher Zahl – hier haben wir ein hübsches Beispiel dafür:

Dürkopp Typ P8; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Wie es scheint, fühlt sich im 21. Jahrhundert niemand mehr zuständig für die Dokumentation der technisch wie gestalterisch stets makellosen, wenn auch unauffälligen Automobile aus dem Hause Dürkopp.

Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, ist das Firmenarchiv im 2. Welkrieg verlorengegangen. Vielleicht war es aber auch bloß ein besonders progressiver Geschäftsführer oder ein eifriger Hausmeister, der für Tradition nichts übrig hatte…

Dessen ungeachtet müssen neben den verbreiteten Dürkopp-Reklamen auch noch etliche Originalprospekte der gängigsten Typen in irgendwelchen Sammlungen schlummern. Bloß macht keiner etwas draus.

Also bleiben wir auf die Fotos angewiesen, die man am Wegesrand aufliest – erst jüngst konnte ich dieses hier für kleines Geld erwerben:

Dürkopp-Tourenwagen, wohl Typ P8; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Abgelichtet wurde dieser Dürkopp der 1920er Jahre – zu erkennen vor allem am beiderseits der Kühlerspitze angebrachten Markenemblem – auf dem Gelände der Großgaragen GmbH Chemnitz (Stadestraße 14).

Wenn mitten in Sachsen – damals das Zentrum der deutschen Automobilindustrie – ein westfälischer Dürkoppwagen zugelassen war, kann das entweder ein Kuriosum gewesen sein, welches Anlass zu diesem Foto gegeben hätte, oder es war nicht ungewöhnlich.

Für die letztere These spricht ein zweites Foto vom selben Ort, das einen ganz ähnlichen Dürkopp (am Rande) zeigt, der aber ein anderes Kennzeichen besitzt und auch sonst in einigen Details abweicht:

Dürkopp-Tourenwagen, wohl Typ P8; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist mal wieder ein Foto ganz nach meinem Geschmack – trotz der technischen Mängel. Der Dürkopp spielt hier nur eine Nebenrolle, wie übrigens ein weiterer Tourenwagen am linken Bildrand, den ich bei anderer Gelegenheit vorstellen will.

Doch das eigentlich Faszinierende sind hier die Arbeiter aus der Werkstatt und die Angestellten aus der Verwaltung der Chemnitzer Großgaragen GmbH, die zum Fototermin zusammengekommen sind, sich aber sonst eher selten begegnet sein dürften.

Die Wartung und Reparatur Ihres Wagens wäre bei den Männern auf der linken Seite in besten Händen gewesen, während Sie hinsichtlich der Details einer Inzahlungnahme und des Kauf eines Neufahrzeugs auf der rechten Seite einen Partner gefunden hätten.

Das ist alles sehr schön anzuschauen und gibt Anlass zu vielfältigen Überlegungen.

Doch sind wir dem Fund des Monats auf der Spur, daher können wir nicht länger in der Großgarage Chemnitz verweilen (Kommentare dazu sind natürlich wie immer willkommen).

Auch vom Dürkopp-Vierzylindertyp P nehmen wir Abschied, nicht jedoch ohne an ein schönes Exemplar zu erinnern, das wohl aus der späten Produktion stammte, als die Luftschlitze schmaler und dafür zahlreicher wurden:

Dürkopp-Tourenwagen, wohl Typ P8A 8/32 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Prägen Sie sich bitte die Proportionen dieses Fahrzeugs ein – insbesondere das Verhältnis von Haubenlänge zum Fahrgastraum.

Auch der Platz, den die Luftschlitze in der Motorhaube beanspruchen, die Position des Ersatzrads und der Durchmesser der Bremstrommeln an der Hinterachse sind Anhaltspunkte, der uns bei der Beurteilung des Dürkopp helfen werden, um den es geht.

Dabei handelt es sich trotz der eher nüchternen Umgebung um ein veritables Prachtexemplar, aufgenommen im August 1928:

Dürkopp-Tourer, wohl Typ P12 12/45 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die enorme Länge des Vorderwagens, die eine Anbringung des Ersatzrads ermöglicht, ohne dass dafür eigens eine Mulde im Vorderkotflügel erforderlich war, spricht aus meiner Sicht stark für einen Reihensechszylinder, der wesentlich mehr Länge beanspruchte.

Dafür kommt nach meinem Kenntnisstand nur das von 1922 bis 1926 gebaute Modell P12 mit 12/45 PS-Motor in Betracht. Dessen Radstand lag mit gut 3,40 Metern deutlich über dem der parallel gebauten Vierzylindertypen P 8 und P10.

Leider ist die Reifengröße auf dieser Aufnahme nicht zu erkennen, sonst ließe sich meine These auch anhand der wesentlich größeren Abmessungen (895 x 135) überprüfen.

Mit seinen 45 PS aus 3,1 Litern Hubraum war der Dürkopp P12 offenbar vor allem auf schaltfaules Fahren in allen Situationen getrimmt, während die Höchstgeschwindigkeit lediglich 80 km/h betrug.

Generell scheint sich Dürkopp antriebstechnisch bewusst auf der konservativen Seite bewegt zu haben. Das wurde zumindest aus Sicht des damaligen Betrachters durch die eindrucksvolle Optik aufgewogen.

Mit einem solchen Dürkopp-Sechszylinderwagen bewegte man sich in ähnlichen Sphären wie mit dem Benz 11/40 PS, der ebenfalls über einen Sechszylindermotor verfügte. Leider konnte ich nicht in Erfahrung bringen, ob der Dürkopp günstiger war.

Ich vermute aufgrund der Benz-ähnlichen Optik, dass die Bielefelder Marke mit diesem Modell bewusst im Revier der Konkurrenz zu wildern gedachte. Da die heute vorgestellte Aufnahme die erste mir bekannte ist, die sehr wahrscheinlich einen Dürkopp-Sechszylinder zeigt, wird sich der Erfolg aber in engen Grenzen gehalten haben…

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Den gab’s nur als Zweisitzer: Fafnir Typ 266

Sonderlich inspiriert ist der Titel meines heutigen Blogeintrags nicht – auch der Sprachwitz muss mal Urlaub machen. Aber wie immer entspricht er der Wahrheit, und heute ganz besonders.

Auch wenn der Aufmacher etwas müde daherkommt, lohnt es sich, wach zu bleiben.

Zum einen ist es immer etwas Außergewöhnliches, wenn ich ein Originalfoto eines Wagens des Aachener Herstellers Fafnir präsentieren kann. Ab 1908 fanden diese einige Verbreitung, doch heute sind nur noch einige wenige Exemplare erhalten.

Zum anderen haben wir heute den Fall, dass die Identifikation des Typs ungewöhnlich leichtfällt. Da Fafnir-Wagen stets in mehreren Motorisierungen angeboten wurden, lässt sich bestenfalls anhand des unterschiedlichen Radstands vermuten, womit genau man es zu tun hat.

Es gibt allerdings eine Ausnahme und die findet sich in der Fotosammlung von Matthias Schmidt (Dresden):

Fafnir Typ 266 von ca. 1913; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Den Hersteller hatte Matthias Schmidt bereits selbst anhand von anderen Abbildungen zutreffend bestimmt.

Den entscheidenden Hinweis gibt dabei die Gestaltung der oberen Kühlerpartie.

Doch auch auf den ersten Blick weniger charakteristische Details wie die Drahtspeichenräder, die leicht ansteigende Haube mit dem noch steileren „Windlauf“ vor der Frontscheibe passen zu Fafnir-Wagen von 1912 und 1914.

In dieser Zeit bot Fafnir seine äußerlich ähnlich daherkommenden, bloß unterschiedlich dimensionierten Wagen mit Vierzylindermotoren an, deren Leistung von 16 PS bis 35 PS reichten.

Die Radstände reichten dabei von 2,40 Metern bis 3,40 Metern. Auch wenn wir nicht genau sagen können, wie groß die beiden Männer in dem Fafnir auf dem Foto von Matthias Schmidt waren, wirkt der Wagen eher klein.

Einen Radstand von 3 Metern und mehr wie bei den Varianten mit 25 bzw. 35 PS darf man wohl ausschließen. Mein Favorit war von vornherein das kompakte 6/16-Modell, für das sich in der Literatur zwei Angaben zum Radstand finden: 2,70 Meter und 2,40 Meter.

Wie ich vom stets auskunftsfreudigen Fafnir-Experten Hubertus Hansmann aus Aachen weiß, wurden auf dem längeren der beiden Chassis die üblichen Tourenwagenaufbauten montiert. Dieser Wagen wurde als Fafnir Typ 466 vermarktet.

Der kürzere Radstand war einem sonst bei keinem anderen Fafnir-Typ verfügbaren Zweisitzer vorbehalten – dem Typ 266 mit identischer Motorisierung 6/16 PS.

Damit dürfte klar sein, womit wir es bei dem zweisitzigen Fafnir auf obigem Foto zu tun haben. Dieses ist übrigens von alter Hand auf 1915 datiert – und auf der Vorderseite ist außerdem vermerkt: „Wie ich zuerst aus Cöln fuhr“.

Diese Aussage wird im Zusammenhang mit dem offensichtlich militärischen Einsatzzweck des Wagens zu tun haben, dessen aufgemalte Kennung EKK 37 auf ein Kraftfahrerkorps verweisen dürfte (gewiss kann es ein sachkundiger Leser genau sagen).

Das war es schon alles, was sich ad hoc dieser offensichtlich professionellen Aufnahme abgewinnen lässt – vielleicht etwas ernüchternd, aber immer hin haben wir endlich einmal einen Fafnir, dessen Typ sich genau festnageln lässt.

Aber wer weiß: vielleicht kann Hubertus Hansmann uns doch noch etwas mehr dazu mitteilen…

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Relikt einer untergegangenen Welt: Ein Siddeley-Deasy

Bei Ausbruch des 1. Weltkriegs standen die führenden Länder Europas in vielerlei Hinsicht auf dem Höhepunkt: Wissenschaft und Technik, Kunst und Architektur, aber auch das Bildungsniveau und die politische Teilhabe eines selbstbewussten Bürgertums hatten einen Stand erreicht, wie es ihn in dieser Breite zuvor noch nie gegeben hatte.

Was hätte daraus werden können, wenn nicht die Regierungen aller europäischen Großmächte entschlossen gewesen wären, ihre männliche Jugend auf den Schlachtfeldern zu opfern und ihre Ressourcen komplett der Kriegswirtschaft zu widmen?

In England setzte man das gesamte Empire aufs Spiel und verlor es am Ende – trotz eines Siegs, der ohne das Eingreifen der Vereinigten Staaten 1917 wohl ausgeblieben wäre. Die gigantischen Verluste an Menschenleben, welche die Londoner Regierung nonchalant in Kauf nahm, hinterließen in der Erinnerung noch größere Spuren als der 2. Weltkrieg.

Nach 1918 sollte in England nichts mehr sein wie zuvor und für die einstige Weltmacht markiert der 1. Weltkrieg die Zeitenwende schlechthin.

Wie vollkommen anders die Welt vor 1914 auch in Großbritannien war, das mag das folgende Foto dokumentieren, das ich meinem Sammlerkollegen Jörg Pielmann verdanke:

Siddeley-Deasy um 1913; Originalfoto aus Sammlung Jörg Pielmann

Diese eigenwillige Kreation, deren Motorhaube an den Rammsporn antiker Kriegsschiffe erinnert, mutet an wie der Phantasie des großen Futuristen Jules Verne entsprungen.

Seine wohl bekannteste und schillerndste Romanfigur – Kapitän Nemo – hätte vermutlich ein eigenwilliges Fahrzeug wie dieses bevorzugt, wenn er denn je sein Unterseeboot „Nautilus“ für einen Landgang verlassen hätte.

Mit der wie ein Kristall gebrochenen Haube konnten auch frühe Wagen von Renault oder Komnick nicht mithalten, die auf den ersten Blick eine ähnliche Gestaltung aufwiesen:

Mich erinnert diese aus geometrischen Formen zusammengesetzte Haube an Elemente des strengen Jugenstils, wie es ihn neben den stärker organischen Varianten ebenfalls gab.

Überhaupt fasziniert die Eigenständigkeit der Entwürfe aus der Frühzeit des Automobils als tausende unabhängige Firmen um die Gunst der Käufer rangen – kein fachfremder Politiker hätte sich damals angemaßt, „lenkend“ in die vollkommen offene Entwicklung einzugreifen. Das ist ein wesentlicher Grund für die ungeheure Dynamik jener Zeit.

Der folgende kurze Abriss mag dies illustrieren:

Zwischen 1904 und 1906 baute ein gewisser George Iden, der zuvor bei Daimler tätig war, in Coventry Autos unter seinem Namen. Die Fabrik wurde anschließend von Hugh Peter Deasy übernommen, der bis dato Wagen von Rochet Schneider und Martini importiert hatte.

Deasy überwarf sich allerdings mit seinem Chefentwickler, was die Konstruktion der von ihm geplanten Wagen anging und verließ schon 1908 wieder die von ihm gegründete Firma.

1909 stieg ein gewisser John Siddeley bei Deasy ein und wurde im Folgejahr Geschäftsführer. Siddeley hatte bereits 1902 unter seinem Namen eine Autofabrikation aufgezogen, die 1905 von Wolseley übernommen wurde.

Sieben verschiedene Hersteller sind hier in einer Spanne weniger Jahre beiläufig erwähnt – allein daran vermag man die Aufbruchstimmung jener Zeit zu ermessen.

Unter der Leitung von Siddeley kam Deasy in Schwung, sodass die ab 1912 gebauten Wagen des Herstellers als Siddeley-Deasy vermarktet wurden. Verfügbar waren Antriebe mit 16 bis 24 PS, darunter auch zwei Sechszylinderaggregate mit „Knight“-Schiebermotor.

Welchen davon genau das Bild von Jörg Pielmann zeigt, ist eigentlich unerheblich. Letztlich illustriert diese Aufnahme um 1913 ein Relikt einer untergegangenen Welt, in der alles möglich erschien, bevor plötzlich die Lichter der Zivilisation ausgingen…

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Dienstwagen für privilegierte Genossen: Ein Dinos 16/72 PS

Die wahre Natur der vermeintlich menschenfreundlichen Ideologie des Sozialismus tritt dann hervor, wenn sie an die Schaltstellen der Macht gelangt.

Wer nun an die Ausplünderung und Bevormundung der Bürger, die Drohung mit Energierationierung und die Selbstbedienung denkt, welche der Politadel im Berlin unserer Tage praktiziert, macht sich neuerdings der „Delegitimierung des Staats“ verdächtig – die war lange übrigens Aufgabe kritischer Journalisten.

Zwar liegt es dem Untertanen fern, an das Handeln der heute Herrschenden den Maßstab seiner beschränkten Einsicht zu legen. Gegenüber vergangenen Regimen darf man indessen noch als Kritiker auftreten – genau das erlaube ich mir im Folgenden.

Möglich gemacht hat mir das mein russischer Sammlerkollege Stanislav Kirilets mit einem Foto, das Anlass zu manchen Mutmaßungen gibt.

Ich übernehme dabei die Angaben, die er zu der Aufnahme macht – zum einen, weil er ein ausgewiesener Kenner der Materie ist, zum anderen, weil mir keine verlässlichen Quellen vorliegen, die mich zu einer anderen Einschätzung bewegen könnten:

Dinos Typ 16/72 PS; Originalfoto via Stanislav Kirilets

Laut Stanislav Kirilets ist überliefert, dass es sich bei diesem eindrucksvoll dimensionierten Tourenwagen um einen Typ 16/72 PS des Berliner Herstellers Dinos handelt. Abgelichtet wurde das Fahrzeug auf dem Land in der Nähe von Moskau.

Ich habe die Geschichte dieser wie so oft schlecht dokumentierten deutschen Marke bislang nur gestreift. Sie beginnt mit der Automobilfabrikation der Firma Loeb & Co., welche in Berlin unter der Marke LUC ab 1909 selbstkonstruierte Wagen anbot.

Bis 1914 genossen LUC-Automobile den Ruf zwar teurer, aber ausgezeichnet konstruierter und leistungsfähiger Wagen.

Hier eine grafisch reizvolle Reklame, die deutlich macht, dass man sich nicht mit Kleinwagen abgab und auch laufruhige Modelle mit Schiebermotor (Patent: Knight) anbot:

LUC-Reklame von 1914; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Nach dem 1. Weltkrieg gelangte das Unternehmen unter die Kontrolle des Stinnes-Konzerns und fertigte nun unter der Marke „Dinos“ weiterhin gut motorisierte Qualitätsautos.

Gewisse Verbreitung scheint das neue 8/35 PS-Modell gefunden zu haben. Es verfügte über einen Motor mit drehzahlfreudiger Charakteristik (Ventiltrieb über obenliegende Nockenwelle und Köngswelle) und erreichte damals beachtliche 100 km/h.

Den Vogel ab schoss man indessen mit dem 1921/22 gebauten Sechszylindertyp 16/72 PS. Dieser schnelle Wagen ließ die aufgewärmten Vorkriegsmodelle etlicher etablierter deutscher Hersteller so lahm und alt aussehen, wie das damals auch der Lancia Kappa tat.

Wenn die Überlieferung stimmt, war das ein veritables Luxusuautomobil mit sportlicher Charakteristik, welches einst im Umland von Moskau für die Nachwelt festgehalten wurde.

Zwar waren frühe deutsche Fabrikate in Russland alles andere als selten – tatsächlich war das Deutsche Reich damals der bedeutendste Handelspartner und deutsche Autos bewährten sich unter den harten Bedingungen in den russischen Weiten.

Doch fragt man sich: Wer konnte nach der „Revolution“ in Russland, die doch über das Zwischenstadium Sozialismus den ersehnten Kommunismus anstrebte, jemand noch so ein unglaublich exklusives Automobil (oder überhaupt irgend ein Kraftfahrzeug) besitzen?

Die Antwort ist so einfach wie ernüchternd:

Nach jeder ideologischen Umwälzung – ganz gleich unter welchem Vorzeichen – gibt es eine neue Oberschicht, die sich aus den Gewinnern des Umsturzes speist (meist aus der Unterschicht und dem akademischen Prekariat) und daneben anpassungsfähige Vertreter der alten Feudalschicht umfasst.

Zwar können wir nicht wissen, welcher der beiden Gruppen die Insassen dieses Dinos 16/72 PS angehörten – sie werden sich aber so oder so als „verdiente Genossen“ präsentiert haben, denen solche Privilegien quasi von Natur aus zustehen:

Die Ansprache des Dinos als Typ 16/72 PS mag unsicher sein – vielleicht war es doch „nur“ das Vierzylindermodell 8/35 PS – doch sicher ist eines:

Den Gewinnern roter, brauner (oder wie auch immer eingefärbter) sozialistischer Revolutionen war und ist das Schicksal der Masse egal – wer romantische andere Auffassungen hegt, sollte Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ oder bei eher nüchterner Veranlagung gleich das „Schwarzbuch des Kommunismus“ lesen…

Freilich weiß man auch, dass in totalitären Verhältnissen mancher „verdienter Genosse“ unter die Räder kam, wenn er sich irgendwelcher Fehltritte schuldig machte – so mag das auch mit den Insassen des Dinos gewesen sein – welcher selbst ebenfalls bald Geschichte gewesen sein dürfte…

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Unzeitgemäße Betrachtungen: Presto D 9/30 PS

Im ersten Impuls wollte ich meinen heutigen Blogeintrag zum Presto Typ D der ersten Hälfte der 1920er Jahre mit dem Titel „Versuch einer Chronologie“ versehen.

Zwar liegen mir inzwischen beinahe 40 historische Fotos dieses seinerzeit recht verbreiteten, heute aber praktisch ausgestorbenen Wagens der sächsischen Presto-Werke vor, die eine Vielzahl unterschiedlicher Details erkennen lassen.

Doch darauf auch nur den Versuch einer Chronologie aufzubauen, erwies sich bei näherer Betrachtung als vermessen oder zumindest verfrüht.

Da sich auf der Zeitschiene aus meiner Sicht noch keine eindeutige Entwicklung nachvollziehen lässt, verfiel ich stattdessen auf das Motto „Unzeitgemäße Betrachtungen“.

Freunde oder Feinde des brillant-bösen Polemikers und Meisters der deutschen Sprache – Friedrich Nietzsche – verbinden mit diesem Titel vier Essays, von denen einer sogar Bezug zu dem hat, was ich hier betreibe: „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“.

Der Essay ist nebenbei wie etliche andere Werke von Nietzsche hervorragend dazu geeignet, sich an einem Thema abzuarbeiten, verschiedene (durchaus zugespitzte) Sichtweisen nachzuvollziehen und sich am Ende ein eigenes Bild zu machen.

„Zugespitzt“ und „ein eigenes Bild“ – damit lässt sich trefflich zum Gegenstand meiner heutigen unzeitgemäßen Betrachtung überleiten.

So haben wir hier ein Foto aus meinem Fundus, welches den 1921 eingeführten Presto Typ D 9/30 PS mit seinem vorne scharfkantigen, oben leicht abgerundeten Kühler zeigt:

Presto-Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Folgende Details sind hier festzuhalten:

Der Kühler ist in Wagenfarbe lackiert, sechs Luftschlitze befinden sich am hinteren Ende der Motorhaube, der Belag des Trittbretts endet an der Schwellerpartie und die Radschrauben sind schlicht in Wagenfarbe gehalten, lediglich die Nabenkappe glänzt ein wenig.

Der Tourenwagenaufbau weist am Heck einen „tulpenartigen“ Querschnitt auf, gewinnt also nach oben an Breite, und das niedergelegte Verdeck verbirgt sich in einem umlaufenden Kasten ohne „aufzutragen“.

Markant ist außerdem die „Bügelfalte“ zwischen dem hinteren Ende der Motorhaube und der Frontscheibe. Diese ist schräggestellt, mittig unterteilt und zumindest auf der Fahrerseite oben ausstellbar.

Beinahe das gleiche Bild zeigt sich auf der nächsten Aufnahme:

Presto-Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Einziger Unterschied: Hier ist der Kühler vernickelt, was die Frage aufwirft, ob dies bereits eine weitere Entwicklungsstufe des Presto Typ D kennzeichnet oder ob es sich lediglich um ein anfänglich aufpreispflichtiges Extra handelt.

Jedenfalls taucht ein lediglich in Wagenfarbe lackierter Kühler auf keinem meiner weiteren Fotos dieses Modells mehr auf.

Ein Extra scheinen jedenfalls die Drahtspeichenräder gewesen zu sein, die auf folgender Aufnahme dokumentiert sind:

Presto-Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Von den Rädern abgesehen scheint hier alles so zu sein wie auf den zuvor gezeigten Fotos. Doch der Tourenwagenaufbau ist am Heck nun schlichter und schmaler gehalten und das niedergelegte Verdeck ist jetzt außen angebracht.

Diese sachliche Gestaltung setzte sich in den 1920er Jahren gegenüber der expressiveren Tulpenform durch, doch könnte es beide Varianten eine Weile parallel gegeben haben.

Ein weiteres Detail lässt sich anhand geeigneter Aufnahmen dokumentieren – und zwar die Anbringung des Ersatzrads auf diesem bislang unpublizierten Foto aus meiner Sammlung:

Presto-Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme stammt aus dem Raum Dresden (das lässt zumindest der Stempel des Fotogeschäfts auf der Rückseite vermuten), als Fahrer des Wagens ist W. Hilpert genannt – vermutlich ein angestellter Chauffeur.

Er konnte im Zweifelsfall auf zwei Ersatzräder zugreifen , welche nicht eigens auf die Felgen aufgezogen werden mussten, sondern auf den Radkranz geschraubt werden konnten.

Davon abgesehen scheint alles den Erwartungen zu entsprechen, die man in Bezug auf einen Presto Typ D 9/30 PS hegt. Auch eine eigenwillige Zweifarblackierung wie auf der nächsten Aufnahme bringt einen noch nicht aus dem Konzept:

Presto-Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Allenfalls bemerkt man an diesem Wagen eine zwar schräggestellte, aber nunmehr durchgehende Windschutzscheibe. Wiederum stellt sich die Frage: Optional oder Hinweis auf eine weitere Entwicklungsstufe des Presto Typ D 9/30 PS?

Ich schätze, dass hier einfach jemand seine persönlichen Vorstellungen hat umsetzen lassen, was im Rahmen der Manufakturproduktion bei Presto sicher möglich war.

Auf den ersten Blick eine weitere Variation über dasselbe Thema findet sich auf der nächsten Abbildung:

Presto-Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses schöne Dokument zeigt einen in Schlesien zugelassenen Wagen, wie ihn meine von dort stammenden Großeltern mütterlicherseits vielleicht einmal gesehen haben.

Alle bislang besprochenen Details scheinen hier vorhanden zu sein – doch nicht ganz: Die sechs Luftschlitze sind näher zur Mitte der Motorhaube gerückt und auf den Rädern findet sich mit einem Mal eine vernickelte breite Nabenkappe mit nunmehr sechs Radbolzen.

Karosserie und Frontscheibe erscheinen wie bisher, dennoch dürften wir es hier mit einer modellgepflegten Variante zu tun haben – Einführungsdatum ungewiss.

Die weiter nach vorne gewanderten Haubenschlitze finden sich auch an dem folgenden Fahrzeug, allerdings sind hier wieder die wie bisher schmucklosen Radnaben zu sehen:

Presto-Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die vernickelten Radkappen würde ich daher als zumindest anfänglich aufpreispflichtiges Zubehör ansehen. Doch findet sich an diesem Presto Typ D ein weiteres neues Detail, welches auf dem vorherigen Foto leicht zu übersehen ist.

Hier endet das Trittblech nämlich nicht am Schweller, sondern reicht abgewinkelt noch ein Stück daran nach oben. Das findet sich dann durchgehend auf allen mir vorliegenden otos von Presto-Wagen des Typs D 9/30 PS mit näher zur Mitte gerückten Haubenschlitzen:

Presto-Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie es scheint, finden sich in Verbindung mit den vernickelten Radkappen und den näher zur Mitte gerückten Luftschlitzen tendenziell auch eher horizontal durchgehende Windschutzscheiben, meist senkrecht stehend.

Aus meiner Sich ging im Zuge dieser Veränderungen die anfänglich sportliche äußere Anmutung des Presto Typ D 9/30 PS verloren – vielleicht an diesem Beispiel eines darauf basierenden Taxis gut erkennbar:

Presto-Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Doch nicht nur diese bieder wirkende Droschkenausführung lässt den ursprünglichen Reiz des Modells D 9/30 PS von Presto vermissen.

Dasselbe gilt für die folgende (bisher unpublizierte) Aufnahme eines weiteren Tourenwagens dieses Typs, welcher einst im Raum Stettin (seit 1945 zu Polen gehörig) zugelassen war:

Presto-Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So schön dieses hochsommerlich anmutende Foto sein mag – irgendwie hat der Presto D 9/30 PS in dieser Ausführung seinen ursprünglichen Reiz als schnittiger Tourer verloren.

Nun ist aus meinen subjektiven unzeitgemäßen Betrachtungen vielleicht doch so etwas wie der Versuch einer Chronologie des Presto Typ D 9/30 PS geworden. Doch würde ich dieses Feld gerne den Markenexperten überlassen.

Aber gibt es denn für die Presto-PKWs überhaupt welche? Schwer zu sagen. Bestimmt gibt es jede Menge originales Prospektmaterial und sonstige Dokumentation in Spezialistenhand, auf die ich als bloß dilettierender Vorkriegsautofreund keinen Zugriff habe.

Friedrich Nietzsche plädiert in seinen Unzeitgemäßen Betrachtungen dafür, die rechte Balance zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig der Auseinandersetzung mit der Historie zu finden.

Vielleicht traut sich ja gelegentlich jemand in Sachen Presto oder einer der anderen unterbelichteten deutschen Marken hervor, gern auch zugespitzt und meinungsstark wie Meister Nietzsche…

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Fund des Monats: Diatto Tipo 10 Sport-Zweisitzer

Nanu, wird vielleicht der eine oder andere denken: Normalerweise kommt der „Fund des Monats“ doch erst kurz vor knapp gegen Mitternacht am Monatsultimo.

Gut beobachtet, und tatsächlich lasse ich mir gerne soviel Zeit dafür, wie es irgend geht. Wenn ich diesmal früher als gewohnt den Monatssieger ausrufe, hat das einen praktischen Grund, welcher ausgezeichnet zu der Marke Diatto passt, wie man am Ende sehen wird.

Die Geschichte dieses heute weitgehend vergessenen, doch alles andere als unbedeutenden italienischen Herstellers lässt sich so liebevoll umständlich erzählen, wie es das Standardwerk zu italienischen Nischenfabrikaten „Le piccole grandi marche automobilistiche italiane“ von Augusto Costantino aus dem Jahr 1983 tut.

Dort geht es drei Seiten lang erst einmal um die Vorläuferfirma von Guglielmo Diatto, der ab 1835 in Turin eine Fabrikation von Wagenrädern aufzog. Wir Menschen des 21. Jh. haben leider nicht mehr die Zeit wie vor 40 Jahren, daher springen wir gleich ins Jahr 1905.

In diesem Jahr gründeten nämlich die Enkel von Signore Diatto am selben Ort eine Automobilfabrik. Dazu schlossen sie einen Vertrag mit der französischen Firma Clement-Bayard, welcher ihnen die Fabrikation von Wagen nach Clement-Lizenz erlaubte.

Die neuen Diatto-Clement Wagen bewährten sich auf Anhieb in Sportveranstaltungen wie etwa dem Rennen von Mailand nach San Remo 1906 (Klassensieg) oder der extrem anspruchvollen Fahrt von St. Petersburg nach Moskau im Jahr 1908 (6. Platz).

So ließe sich das bis zum 1. Weltkrieg fortsetzen, doch die zahlreichen sportlichen Meriten von Diatto zu feiern, will ich kompetenteren Zeitgenossen überlassen. Mir geht es heute nur um eines, nämlich die Identifikation dieses sportlichen Zweisitzers aus dem Hause Diatto:

Diatto, vermutlich Tipo 10; historischer Originalabzug aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme entstand im Jahr 1923, so ist es auf dem Abzug selbst vermerkt. Nun wird man sich fragen, wer damals noch mit Karbidgas-Scheinwerfern herumfuhr.

Schließlich gab es doch bereits ab 1913/14 optional elektrische Beleuchtung, welche sich nach dem 1. Weltkrieg auf breiter Front durchsetzte.

Ich weiß allerdings von meiner eigenen französischen Voiturette von 1921 (Marke EHP), dass Kleinwagen damals bisweilen noch standardmäßig mit gasbetriebenen Scheinwerfern ausgeliefert wurden.

Die Freunde von Vorkriegsfahrrädern wissen, dass diese Technologie bis in die 1930er Jahre verbreitet blieb, sie erfüllte ihren Zweck, war bloß nicht ganz so pflegeleicht und unkompliziert wie elektrische Beleuchtung.

Daher würde ich auch hier aus dem Vorhandensein von Gasscheinwerfern nicht zwingend schließen, dass dieser kompakte Zweisitzer noch vor dem 1. Weltkrieg entstanden war.

Tatsächlich entspricht die Kühler- und Haubenpartie genau derjenigen des erst 1922 eingeführten Diatto Tipo 20:

Für eine Entstehung Anfang der 1920er Jahre spricht übrigens auchdas Fehlen außenliegender Schalt- und Bremshebel.

Das sehr kompakte Format dieses auf’s Wesentliche reduzierten Zweisitzers lässt mich an den Tipo 10 denken, welchen Diatto 1919 als Einstiegsmodell auf den Markt brachte. Mit seinem 1 Liter messenden Vierzylinder sollte er wohl Fiats Typ 501 Konkurrenz machen.

Gegen die Großserienstrategie von Fiat war Diatto natürlich chancenlos, aber wer sich in dieser Hubraumklasse etwas Besonderes gönnen wollte, war mit dem kleinen Diatto gut bedient – speziell, wenn man ihm eine knackige Sonderkarosserie angedeihen ließ.

Dieser Aufbau erscheint jedenfalls wie ein perfekt sitzender Maßanzug geschneidert:

Die Verfechter der Bauhaus-Ideologie werden hier vermutlich das Fehlen sturer Geraden und radikal rechter Winkel vermissen – aber bitte: Hier stimmt doch einfach alles, reine Funktionalität, wo man hinschaut.

Gleichzeitig ist dieses Nebeneinander praktischen Erfordernissen gehorchender Linien ein Vergnügen für das Auge, welches nun einmal von Natur organische Formen gewohnt ist.

Man hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, den Rahmen zu kaschieren oder das Trittbrett länger als erforderlich auszuführen.

Stellen Sie heute einem Enthusiasten ein abgerocktes Vorkriegschassis mit Motor, Kühler und Haube auf den Hof und sagen Sie ihm, er möge daraus einen sportlichen Special schaffen – dann kommt immer noch ziemlich genau so etwas heraus.

Manche Dinge sind Grundtatbestände des Daseins und ändern sich nie – das ist gut so. Das gilt auch für eine Sache, die ich unterschlagen habe. Diatto erreichte 1906 auf der siebenstündigen Fahrt Lugano-San Gottardo die ersten beiden Plätze.

Diese Strecke -bloß in umgekehrter Richtung – werde ich morgen absolvieren auf dem Weg in meine zweite Heimat südlich der Alpen.

Wenn ich zurück bin, geht es weiter im Blog und ich kann meinen Lesern – bald 10.000 pro Monat – versprechen: Es gibt unpubliziertes, abwechslungsreiches Vorkriegsmaterial ohne Ende…

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Jetzt auch als Tourer! Mannesmann Typ WII 5/20 PS

Hand auf’s Herz – wer hat schon einmal einen PKW aus dem Hauses Mannesmann in natura zu Gesicht bekommen?

Ich jedenfalls noch nicht. Sicher, man kennt die gleichnamigen Lastkraftwagen, aber die Zahl der Personenautos, die im Remscheider Werk entstanden, scheint sich in engen Grenzen gehalten zu haben – oder vielleicht doch nicht?

Die in der Literatur wiedergegebene Zahlen (etwas über 2.000 Exemplare) sind reine Schätzungen – für mich zählt letzlich die Evidenz in Form erhaltener zeitgenössischer Fotos.

Dabei musste ich zu meiner Überraschung feststellen, dass es so viele Aufnahmen von Mannesmann-PKW gibt, dass diese bereits eine eigene Bildergalerie in meinem Blog rechtfertigen – für einen als Exoten geltenden Hersteller ungewöhnlich.

Darin sind nur die Fotos enthalten, die mir vorliegen, ohne dass ich danach gesucht habe.

Bislang sind nur Bilder von sportlich anmutenden Mannesmann-Zweisitzern begegnet. Heute kann ich erstmals auch mit Tourenwagen der Marke aufwarten. Das erste Foto mag noch noch nicht ganz überzeugen, aber warten Sie ab:

Mannesmann Typ WII 5/20 PS Tourer; Originalfoto aus Sammlung Jason Palmer (Australien)

Dieses Foto verdanke ich einem Sammlerkameraden aus Australien, der mir schon viele interessante Aufnahmen deutscher Vorkriegswagen aus seinem Fundus zugespielt hat. Sein Name ist Jason Palmer und er besitzt selbst einige europäische Klassiker.

Ich stelle immer wieder fest, dass man eher aus dem Ausland solche Dokumente deutscher PKW-Geschichte erhält aus dem Westen unserer Republik. In Ostdeutschland sieht es freilich ganz anders aus, dort gibt es noch eine große und aktive Vorkriegsszene.

Wir werden auch heute wieder sehen, dass im Osten der Republik die Leidenschaft für die frühen Automobile deutscher Hersteller (auch exotischer) nach wie vor quicklebendig ist.

Doch erst einmal zurück zum Foto, das Jason Palmer entdeckt und mir mit der Bitte zugesandt hat, den Hersteller und Typ zu identifizieren. Man glaubt kaum, dass dies möglich ist, sieht dieser Tourenwagen doch auf den ersten Blick aus wie dutzende andere, die in den 1920er Jahren hierzulande gebaut wurden.

IPrägen Sie sich die Drahspeichenräder (vorne ohne Bremstrommel), den angedeuteten Spitzkühler und das Trittschutzblech auf dem leicht schrägen Schweller (der Partie zwischen Trittbrett und Karosserie) ein, außerdem den weit nach oben reichenden Belag auf der Vorderseite des hinteren Kotflügels.

So, und jetzt wechseln wir die Perspektive und betrachten ein Originalfoto, das ich meinem Sammlerkollegen Matthias Schmidt aus Dresden verdanke:

Mannesmann Typ WII 5/20 PS Tourer; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Wenn Sie die genannten Punkte abarbeiten, werden Sie feststellen, dass dieser Tourer in allen Punkten mit demjenigen übereinstimmt, der auf dem Foto von Jason Palmer zu sehen ist.

Der Unterschied ist bloß der, dass man nun das charakteristische Kühleremblem sieht, welches diesen Wagen als Mannesmann ausweist.

Da auch hier vorne noch keine Bremstrommeln zu sehen sind, dürfen wir davon ausgehen, dass diese 1929 entstandende Aufnahme ebenfalls den Typ WII 5/20 PS zeigt, welcher angeblich von 1923-27 gebaut wurde.

So ganz traue ich den Angaben in der Literatur ja nicht, was das Fehlen von Vorderradbremsen über das Baujahr 1925 hinausgeht.

Wie auch immer – wir sehen hier, wie leicht sich durch Zusammenarbeit von nur drei Sammlern das Bild der Mannesmann-PKW-Produktion vervollständigen lässt.

Was wäre möglich, wenn die hunderten von Sammlern, die ängstlich ihre Bestände an alten Papierabzügen von Fotos deutscher Vorkriegsautos hüten, in dieser Weise zusammenarbeiten würden, bevor die Erbengeneration ihre „Schätze“ einfach dem Altpapier anvertraut?

Genau das ist meine Motivation: die brachliegenden und gefährdeten Dokumente deutscher Vorkriegsmobilität zusammenzuführen, sie sinnvoll zu strukturieren und sie für weitere Analysen und Publikationen zugänglich zu machen.

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Cabrio nach deutscher Manier? 1929er Oakland „Six“

In meinem letzten Blog-Eintrag ging es um ein deutsches Fabrikat, das nachträglich mit einer Karosserie im US-Stil versehen worden war. Heute haben wir beinahe den umgekehrten Fall – jedenfalls meine ich das.

So präsentiere ich Ihnen nun ein amerikanisches Fahrzeug, welches aus meiner Sicht mit einem Aufbau im deutschen Stil der späten 1920er Jahre versehen worden war.

Hier haben wir das gute Stück:

Oakland „Six“ von 1929, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bevor wir uns mit der Karosserie im Detail befassen, ein paar Anmerkungen zur Identifikation dieses Wagens. Ich habe über die Jahre sicher schon einiges in Sachen Vorkriegsautos gesehen, aber ein vergleichbares Fahrzeug war mir noch nicht begegnet.

Dennoch half mir das irgendwo im Kopf angesammelte Bildmaterial dabei, rasch zunächst den Hersteller herauszubekommen. In solchen Fällen hilft es den grauen Zellen, wenn man schon einmal erkannt hat, in welcher Schublade zu suchen ist.

Im vorliegenden Fall verrieten vor allem die wuchtigen Holzspeichenräder, dass es sich sehr wahrscheinlich um ein US-Fabrikat handelt.

Während deutsche Autobauer nach dem 1. Weltkrieg meist Stahlspeichenräder montierten, hielten die ansonsten technisch führenden amerikanischen Hersteller bis Ende der 1920er Jahre an Holzspeichen fest – vielleicht hat jemand eine Erklärung dafür.

Ausgehend von der These, dass es sich um ein nach Deutschland exportiertes US-Fabrikat handeln dürfte, ließ sich die Zahl der Hersteller einengen, wobei immer noch ohne weiteres zwei Dutzend Marken oder mehr dafür in Betracht kamen.

Letztlich half das genauere Studium der Vorderpartie:

Den entscheidenden Hinweis gab die mittige Unterteilung des Kühlers – bei amerikanischen Autos eher eine Seltenheit. Zunächst dachte ich an Marquette – ein hierzulande kaum bekanntes Fabrikat, das aber ebenfalls am deutschen Markt tätig war.

Doch dann fiel mir ein, dass ich genau diese Mittelstrebe beim 1929er Pontiac schon einmal gesehen habe. Der war es dann zwar auch nicht, aber von Pontiac kam ich zu deren älterer Schwesterfirma Oakland.

Tatsächlich findet sich beim 1929er Oakland (und unter den US-Modellen nur dort) das markante Muster der auf fünf Gruppen verteilten Luftschlitze in der Motorhaube.

Damit waren Hersteller und Baujahr geklärt. Verfügbar war der 1929er Oakland nur mit einer Motorisierung – als Sechszylinder mit 3,5 Litern Hubraum und knapp 70 PS. Allerdings waren ab Werk rund 10 Karosserievarianten erhältlich.

Bloß enspricht aus meiner Sicht keine davon dem hier zu sehenden Aufbau als Zweifenster-Cabriolet mit „Schwiegermuttersitz“.

Ähnlich von der Silhouette war zwar das Werks-Coupe, doch dieses besaß ein festes Dach. Der offene Zweisitzer „Sport-Roadster“ mit „Rumble-Seat“ im Heck wies hingegen eine deutliche niedrigere Seitenlinie auf.

Der recht hohe Türabschluss in Verbindung mit dem Cabriolet-Verdeck lässt mich annehmen, dass wir es hier mit einem der vielen Fälle zu tun haben, in denen US-Fahrzeuge als „rolling chassis“, also mit Fahrwerk, Motor und Haubenpartie nach Europa geliefert wurden und dort einen Aufbau nach lokalem Geschmack erhielten – also hier nach deutscher Manier.

Könnte das hier ebenfalls so gewesen sein? Nun, die drei gut aufgelegten Herren hätten es uns gewiss sagen können, doch leider kündet von ihnen nur noch dieses Foto, das Anfang der 1930er Jahre entstanden sein mag, als der Oakland schon „Feindkontakt“ gehabt hatte.

Was meinen Sie, liebe Leser? Kann vielleicht jemand sogar den Hersteller dieses Aufbaus benennen? Oder war es doch eine ab Werk verfügbare Version, die mir entgangen ist?

Luxus-Fragen, denen man sich in herrlich warmen Nächten mit kühlem Kopf und vielleicht einem ebensolchen Getränk und beschwingter Musik als Begleiter widmen kann. So pflege ich das jedenfalls zu tun in diesem prächtigen Sommer 2022…

Nachtrag: Wie mir eine Leserin aus Neuseeland schreibt, gab es in kleinen Stückzahlen tatsächlich einen solche Werksaufbau für den 1929er Oakland – bezeichnet als Convertible Coupe“ – hier der Beleg:

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Tschechisch, stark und chic: Aero 30

Tschechische Vorkriegswagen haben auch in deutschen Landen viele Liebhaber – das gilt vor allem für die bekannte Marke Tatra. Doch auch für weitgehend vergessene Nischenhersteller unseres Nachbarlands können sich einige Enthusiasten begeistern.

Ein schönes Beispiel dafür – im wahrsten Sinne des Wortes – ist Aero. Nach dem 1. Weltkrieg als Flugzeugbauer gegründet, begann die Firma Ende der 1920er Jahre auch PKW zu fertigen.

Das erste Modell – der Aero 500 – basierte noch auf einem Entwurf der Prager Marke Enka, deren Konstrukteur mangels eigener Expertise im Automobilbau kurzerhand von Aero abgeworben wurde.

Nach diesen Anfängen wandte man sich kompakten Konstruktionen mit Zweizylinder-Zweitakter nach DKW-Vorbild zu. 1934 ging man ebenfalls zum Vorderradantrieb über, der damals bereits von weit mehr Herstellern propagiert wurde, als man denken mag.

Der erste Vertreter diese Bauweise war der Aero 30 – auf dem Papier zwar „nur“ ein Kleinwagen mit 1-Liter-Motörchen – doch dieser hatte es in sich: Mit 30 PS Höchstleistung ließen die Tschechen die bestenfalls 20 PS „starken“ DKW-Frontwagen locker hinter sich.

Auch gestalterisch ging Aero durchaus eigene Wege – wenngleich ich auf die formalen Qualitäten der zeitgenössischen DKW-Wagen nichts kommen lasse, die war für meine Begriffe in der Kleinwagenklasse international konkurrenzlos.

Aber markant und durchaus sportlich kam bereits der Aero 30 des ersten Modelljahrs daher – hier freilich auf einer Nachkriegsaufnahme mit allerlei die Linie störenden Anbauteilen:

Aero 30; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man muss sich hier folgendes wegdenken, um die Gestaltung der Frontpartie wertschätzen zu können: Blinker, Positionsleuchten, Nebelscheinwerfer, Rückspiegel und wohl auch die Stoßstange waren allesamt nachgerüstet.

Ohne dieses ganze „Lametta“ hat man einen gutaussehenden, niedrig bauenden Wagen vor sich, der heute auf mancher von Prestigemarken dominierten Klassikerveranstaltung Furore machen machen würde.

Kein Wunder, dass diese optisch wie vom Tempo her flotten Wagen auch hierzulande ihre Freunde haben – es gibt sogar eine eigene und sehr aktive Aero-IG. Dieser verdanke ich auch meine gesamte Weisheit, was die Autos der Marke angeht.

Dank der dort wiedergegebenen Typenhistorie war ich imstande, einen weiteren Aero 30 näher einzuordnen, dessen Konterfei mir Johannes Kühmayer (Wien) freundlicherweise aus seinem Familienalbum zur Verfügung gestellt hat:

Aero 30, Karosserie Sodomka; Originalfoto aus Familienbesitz (via Johannes Kühmayer, Wien)

Bei dieser fabelhaft aussehenden Cabrio-Limousine käme man nicht unbedingt auf Idee, dass es sich lediglich um eine spätere Ausführung des Aero 30 handelt.

Das ist kein Wunder – denn bei dieser Version haben die Gestalter der Karosseriefabrik Sodomka Hand angelegt. Diese pflegte einen expressiven, doch stets gekonnten Stil, welcher vielen tschechischen Vorkriegswagen eine unverwechselbare Optik von großem Reiz verlieh.

Leider kann ich derzeit nur mit dieser Aufnahme eines solchen Aero 30 nach Sodomka-Entwurf aufwarten – aber vielleicht findet sich im Fundus eines Lesers noch mehr in dieser Richtung.

Es darf dann übrigens auch gern der Aero 50 sein, der ab 1936 die Palette nach oben abrundete. Mit seinen 50 PS bei gut 1.000 Leergewicht (Zweisitzer) wäre das auch in der Nachkriegszeit noch einige Jahre lang ein durchaus sportliches Auto gewesen.

Doch nur dem schwächeren Aero 30 sollte noch eine kurze Nachkriegskarriere vergönnt bleiben. 1946 wurde die Firma vom kommunistischen Regime verstaatlicht und in der sich daraufhin „entfaltenden“ Planwirtschaft war bald kein Platz mehr für die sinnliche Mischung „Tschechisch, stark und chic“…

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Was vom Kriege übrigbleibt: Ein Berliet Typ VL um 1920

Ich bin ein Kind des Kalten Kriegs – aufgewachsen während des Ost-West-Konflikts zwischen Warschauer Pakt und NATO.

Ich war damals überzeugt, dass dies ein Konflikt zwischen sich ausschließenden Gesellschaftsformen war – einer, die den Interessen des Individuums den Vorrang gab, und einer, welche die Interessen eines Kollektivs vorgab, um Macht auszuüben.

Die Freiheit, sein Leben selbst gestalten zu können, nicht gegen das Ameisendasein in einer von Bürokraten kontrollierten Zwangsgemeinschaft tauschen zu müssen – für diese Überzeugung habe ich vor dem Fall des Eisernen Vorhangs meinen Wehrdienst an der innerdeutschen Grenze geleistet.

Die Zeiten haben sich seither geändert – die Konfrontation zweier entgegengesetzter Gesellschaftsentwürfe hat sich erledigt. Heute steht der einst freie Westen nicht mehr für den Vorrang des Einzelnen vor den Anmaßungen eines übergriffigen Staats.

Wuchernde Institutionen haben das Kommando über unser Leben, Reden und Denken übernommen. Wer das für übertrieben hält, rufe sich Abgabenquoten, Vorschriftendichte und Meinungsvielfalt im öffentlichen Raum der 1970er/80er Jahre in Erinnerung.

Für das heutige Deutschland oder gar den Beamtenadel im Kunstgebilde EU würde ich mich nicht mehr als Soldat zur Verfügung stellen. Zudem weiß ich aus familiärer Anschauung, was Krieg an Verlusten, Verwundungen und Verwüstungen hinterlässt.

Ganz gleich, wie die Sache ausgeht – was vom Kriege übrigbleibt, ist immer verheerend. Die Beschäftigung mit Vorkriegsautos auf alten Fotos sensibilisiert dafür zusätzlich:

Kathedrale von Ypern, Mitte der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die gotische Kirche, die sich hier so prächtig darbietet, war wenige Jahre vor der Entstehung dieses Fotos ein Schutthaufen. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um herauszubekommen, dass es die Kathedrale von Ypern in Belgien war.

Am Ende des 1. Weltkriegs lag die grandiose Martinskeerk in Trümmern. Als mein obiges Foto aufgenommen wurde, war sie in einer heute unvorstellbaren Energieleistung weitgehend wiederhergestellt worden.

Die beiden Autos davor, der linke wohl ein DeDion, der rechte vielleicht ein aus der deutschen Besatzungszeit stammender Tourer, verblassen gegen den grandiosen Bau.

Leider sind an vielen anderen Orten – gerade auch im kriegsversehrten Deutschland – die Relikte unserer technischen Zivilisation das Einzige, was vom Kriege übrigblieb.

Doch auch die Kriegsschäden an einigermaßen glimpflich davon gekommenen Baudenkmälern, an denen Generationen unserer Vorfahren gearbeitet haben, sind schlimm genug anzusehen. Damit wäre ich bei dem Foto, um das es heute geht:

Berliet Type VL, um 1920; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ein unscheinbar wirkender Tourenwagen parkt vor der beschädigten Westfassade einer im dramatischen Stil der französischen Hochgotik gehaltenen Kathedrale.

„Notre Dame“ ist auf der Rückseite des Abzugs vermerkt. Doch ist nicht die gleichnamige Kirche in Paris gemeint, deren 800 Jahre alter Dachstuhl 2019 ein Raub der Flammen wurde (angeblich ist die Ursache immer noch ungeklärt…).

Nein, diese Opulenz des Skulpturenschmucks findet sich genau so an der Kathedrale „Notre Dame“ in Reims (Champagne). In ihrem Fall ist übrigens bekannt, wer für die Zerstörung des Dachstuhls aus dem Spätmittelalter zuständig war: deutsche Artillerie.

Im September 1914 hatten bereits mehrere Geschosse für den Einsturz eines Gerüsts am Nordturm gesorgt, bei dem der Skulpturenschmuck erhebliche Schäden erlitt.

Später wurde die Fassade durch Sandsäcke geschützt, doch kam es im weiteren Kriegsverlauf noch zu weiteren Zerstörungen, die sich freilich gegenüber der Kathedrale von Ypern in einigermaßen erträglichen Grenzen hielten.

So können wir zumindest hier erleichtert zur Kenntnis nehmen, das vom Kriege in Reims weit mehr übrigblieb als ein paar zeitgenössische Automobile (und ein Neubau).

Doch interessiert es schon, was das für ein Wagen war, der offenbar kurz nach Kriegsende vor dem Westportal der Kathedrale hielt, als dort noch Stacheldraht zur Absperrung diente:

Berliet Type VL, um 1920; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass es ein Fahrzeug des französischen Nutzfahrzeugbauers Berliet war, welcher eher nebenher auch Personenwagen herstellte, verrät der Schriftzug auf dem Kühler.

Einige Autos von Berliet habe ich in meinem Blog vorgestellt, doch bin ich weit davon enfernt, mich mit den einzelnen Typen auszukennen.

Ich habe mein Glück versucht und aus einem Bauchgefühl heraus nach Berliet-PKWs um 1920 recherchiert. Viel jünger schien mir dieses Fahrzeug mit seinem hochgezogenen Windlauf vor der Frontscheibe, aber bereits elektrischen Scheinwerfern, nicht zu sein.

Und siehe da: Fündig wurde ich beim Berliet des Typs VL, einem Vierzylindermodell, welches ab 1919 gebaut wurde. In der Cité de l’Automobile – der einstigen Sammlung Schlumpf in Mühlhausen (Elsass) – ist genau so ein Exemplar zu bewundern.

Was vom Kriege übrigblieb, ist am Ende also nicht nur die überwältigende gotische Kathedrale von Reims, sondern auch ein dagegen zwergenhaft anmutender Tourenwagen, welcher vor über 100 Jahren dort Halt machte.

Beide Relikte können wir heute noch bewundern, außerdem das Foto, auf welchem sie vereint sind. Sie werfen nebenbei die zeitlose Frage auf, was es wert ist, einen Krieg partout bis zum Ende auszufechten anstatt schleunigst Friedensverhandlungen anzustreben.

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Fund des Monats: Ein „Ehrhardt“ Tourer von 1921/22

In meinem Blog ist immer „Tag der offenen Tür“ – und so bekomme ich fast täglich ich Zuschriften, Kommentare und Fotos zum Thema Vorkriegsautos mit Schwerpunkt auf deutschen Fabrikaten.

Heute fand ich im Briefkasten sogar einen USB-Stick eines mir bislang unbekannten Schweizer Lesers mit aufregendem Inhalt. Dieser muss freilich noch etwas warten wie so manches andere Material ebenfalls, das sich bei mir staut – es scheint hierzulande sonst kaum noch jemanden zu geben, der sich in ähnlicher Weise darum kümmert.

Heute ist aber in besonderer Weise „Tag der offenen Tür“ – wieso, das werde ich rechtzeitig auflösen. Bis dahin will ich Sie, liebe Leser, ein wenig vertraut machen mit einer Marke, die ich bislang noch nicht behandelt habe: Ehrhardt!

Die Vorgeschichte dieses Herstellers beginnt in der Fahrzeugfabrik Eisenach, deren Gründer Heinrich Ehrhardt sich 1903 wieder selbständig machte, um nun unter eigenem Namen Automobile nach Lizenz der französischen Marke Decauville zu bauen.

Das machten seinerzeit auch etliche andere deutsche Autoproduzenten, aber Ehrhardt nahm selbstbewusst für sich in Anspruch, die „besten Wagen der Gegenwart“ zu bauen:

Ehrhardt-Reklame von 1904; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Reklame ist das älteste Dokument in meiner Sammlung, welches auf die Firma Ehrhardt verweist, die im thüringischen Zella St. Blasii (ab 1919: Zella-Mehlis) Automobile fertigte.

Etwa ab 1906 scheint man Eigenentwicklungen angeboten zu haben, über die sich zwar in in der Literatur einige Angaben finden lassen, die aber fotografisch nur sehr dürftig dokumentiert zu sein scheinen.

Durch Vergleiche bin ich zur Einschätzung gelangt, dass die folgende Postkarte aus meine Sammlung, welche im September 1914 verschickt wurde, einen Ehrhardt zeigt, der noch kurz vor dem 1. Weltkrieg entstand:

Ehrhardt von ca. 1913; originale Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Eine gewisse Verbreitung scheint damals der Ehrhardt Typ 50 mit 7/20 PS Vierzylinder erlangt zu haben und ich vermute, dass obige Aufnahme ein Exemplar davon zeigt.

Gern lasse ich mich aber auch eines Besseren belehren, sollte es der Zufall wollen, dass sich ein Kenner der Marke Ehrhardt in meinen Blog verirrt. Wie gesagt: verlässliche Materialien zu diesem Hersteller gibt es aus meiner Sicht nur wenige.

Meiner Sache sicher bin ich mir aber im Fall des Funds des Monats Juni, den ich heute präsentiere – und wie bereits erwähnt ist heute in besonderer Weise „Tag der Offenen Tür“:

Ehrhardt Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese krude Kiste zum Fund des Monats zu küren, erscheint auf den ersten Blick kühn, aber gedulden Sie sich einen Moment, ich habe noch etwas dazu in petto.

Zunächst ist festzuhalten, dass wir es mit einem sauber ausgeführten Umbau eines klassischen Tourenwagens zu tun haben.

Das neu angefertigte Heck führt die Linie mit der nach innen gezogenen „Schulter“ weiter, welche typisch für deutsche Wagen der Zeit kurz nach dem, 1. Weltkrieg war. Statt eines gerundeten und nach unten stark nach innen gezogenen Abschlusses entschied man sich aus praktischen Erwägungen für eine gerade Ausführung des Hecks.

Zusammen mit der sauber angesetzten Klappe erhielt man so Zugang zu einer breiten und ebenen Ladefläche – vermutlich hatte sich ein Handwerker diese Ausführung anfertigen lassen.

Jedenfalls hatte der Besitzer dazu einen gebrauchten Tourenwagen als Basis erworben, wobei die filigranen Drahtspeichenräder dafür sprechen, dass es sich nicht um ein ordinäres Vehikel handelte, dann wären eher kräftige Holz- oder Stahlspeichenräder zu erwarten gewesen.

Tatsächlich hatte sich hier jemand etwas Außergewöhnliches für sein Umbauvorhaben ausgesucht – ein Fahrzeug, das vermutlich schon zur Zeit seines Erscheinens ein Exot war:

Ehrhardt Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Jetzt sind sicher auch diejenigen zufrieden, die angesichts dieses Pickups an meinem Verstand – oder noch schlimmer: an meinem Geschmack – gezweifelt haben.

Mit diesem Modell versuchte Ehrhardt nach dem Ersten Weltkrieg einen Neuanfang, nachdem man zunächst noch alte Modelle weitergebaut hatte. Zielgenau hatte man sich ein Segment ausgewählt, in dem sonst kaum ein hiesiger Hersteller etwas zu bieten hatte.

So bot Ehrhardt ab 1921 einen 10/40 PS-Typ an, welcher deutlich oberhalb verbreiteter Fabrikate wie Protos, Presto und NAG angesiedelt war. Der Vierzylindermotor des Wagens besaß kopfgesteuerte Ventile und konnte damit als fortschrittlich gelten.

Doch vermutlich aus Kostengründen blieb der Kühler dieses Ehrhardt ein seltener Anblick, darum genießen Sie hier Ihr Privileg, nach fast 100 Jahren einen zu erblicken:

Übrigens gab es Anfang der 1920er auch ein Sechszylindermodell von Ehrhardt, das mit flamboyanten Aufbauten der Berliner Karosseriefirma Szabo & Wechselmann (Szawe) kurzzeitig eine gewisse Furore machen sollte, doch das ist eine andere Geschichte.

Für heute begnügen wir uns mit zwei der ganz wenigen zeitgenössischen Originalfotos eines Ehrhardt-Tourenwagens 10/40 PS, wie er auf etwa 1920/21 zu datieren ist.

Übrigens hieß der Besitzer, welcher den Umbau zum Nutzfahrzeug veranlasste, Emil Kretzschmar und seine Adresse lautete „Enzmannstraße 12“, so steht es jedenfalls auf dem neu angefertigten Heck.

Zwar ist der Ort nicht überliefert, aber den bekommt vielleicht einer meiner akribischen Leser heraus, deren Entdeckungen und Einschätzungen mir stets willkommen sind, denn offenbar geht es auch ihnen um mehr als nur alte Autos – die ganze Welt von gestern…

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Perfektes Poserauto: Brennabor Typ S 6/20 PS

Wie so oft ist der Titel meines heutigen Blog-Eintrags augenzwinkernd zu verstehen – doch etwas Wahrheit steckt schon drin, wenn ich den Brennabor Typ S 6/20 PS der frühen 1920er Jahre zum perfekten Poserauto erkläre.

Dieses 1922 erschienene Modell hatte die altehrwürdige Marke aus Brandenburg speziell auf die Fließbandproduktion getrimmt, mit welcher nebenbei Konkurrent Opel erst zwei Jahre später zu großer Form auflaufen sollte.

Aus technischer Sicht war der Brennabor Typ S durchaus modern. Strömungsgünstig im Zylinderkopf hängende Ventile waren längst kein Standard, und der ins Wageninnere gewanderte Schalthebel hätte manch anderem deutschen Wagen gut zu Gesicht gestanden.

Von daher standen eigentlich die Chancen gut, einen größeren Verkaufserfolg zu landen.

Bloß hatten die im technischen Detail fortschrittlich denkenden Entwickler vergessen, dass ein so öffentlichkeitswirksamer und nicht gerade billiger Gegenstand wie ein Automobil auch gut aussehen sollte.

Leider scheint Brennabor im Fall des Typs S Anleihen bei der funktionalistischen Ideologie gemacht zu haben, die sich nach dem 1. Weltkrieg hierzulande in vielen Bereichen (besonders in der Architektur) breitmachte und bis heute auf fatale Weise fortwirkt.

So hatte der Wagen eine grobschlächtige Anmutung wie kaum ein anderes Serienfabrikat seiner Zeit:

Brennabor Typ S 6/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Dieser Tourenwagenausführung lässt deutlich erkennen, dass an der Frontpartie praktisch nichts gelungen war:

Die Scheinwerfer sind in Relation zur Kühlerpartie viel zu klein, die blechbeplankten vorderen Rahmenausleger wirken wie zusammengestaucht, die Haubenschlitze erscheinen zu klein und ihr großer Abstand irritiert.

Doch genau diese verunglückten gestalterischen Details sind es, welche den Typ S von Brennabor unverwechselbar machen und das hilft uns bei einer Reihe weitere Aufnahmen dieses Modells, die ich heute präsentieren darf.

Gemeinsam ist ihnen, dass der Wagen belanglos wirkt und die darin bzw. darauf oder daneben posierenden Menschen die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Das folgende schöne Beispiel verdanke ich – wie bereits die erste Aufnahme – Leser und Sammlerkollege Matthias Schmidt aus Dresden:

Brennabor Typ S 6/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Der junge Mann, der hier im perfekten Fahrerdress posiert, hieß Paul Dohrmann – leider wissen wir sonst nichts über ihn, zumal kein Nummernschild erkennbar ist.

Doch bereits bei diesem liebenswerten Zeugnis wird deutlich, dass sich der Brennabor Typ S 6/20 PS ausgezeichnet als „Poser-Auto“ eignete – das Auge hält sich nicht lang mit ihm auf und bleibt schließlich am menschlichen Element hängen.

Chancenlos ist der Brennabor natürlich erst recht, wenn er sich einer Übermacht an Insassen beugen muss – hier einer Familie, die sich einst in Neuenhammer (Oberschlesien) mit ihrem offenbar noch recht neuen Wagen ablichten ließ:

Brennabor Typ S 6/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Diese hervorragende Aufnahme aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks lässt sehr gut erkennen, wie streng funktionalistisch die Gestaltung dieses Wagens war.

Die beiden Haubenhalter – normalerweise dezent platzierte und moderat dimensionierte Bauteile – fallen ins Auge und sind fast so groß wie die Haubenschlitze. Ein solches offenkundiges Desinteresse an gefälliger Form findet man sonst nur bei Nutzfahrzeugen.

Geradezu brutal muten die Öffnungen in der Schwellerpartie an, die das Abschmieren beweglicher Teile der hinteren Radaufhängung ermöglichen. Andere Fabrikate warteten hier mit Abdeckungen auf, welche die seitliche Linienführung weniger stark störten.

Sie sehen: glücklich bin ich mit diesem Modell von Brennabor nicht. Aber das will nicht heißen, dass es mich nicht fasziniert. Denn zum Posen war diese Kiste allemal gut.

Das zeigt die letzte Aufnahme, die ich heute präsentieren möchte und welche aus meiner eigenen Sammlung stammt.

Hier ist auf einmal alles vollkommen, denn vom Brennabor sieht man gerade genug, um den Typ zu erkennen – gleichzeitig wird hier posiert, was das Zeug hält:

Brennabor Typ S 6/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das Auto, offenbar auf einer Fähre irgendwo in Norddeutschland aufgenommen, ist völlig unerheblich – es könnte ein beliebiger Tourer der frühen 1920er Jahre sein. Nur ein paar Details verraten, dass dies ein Brennabor Typ S 6/20 PS sein muss.

Die beiden Herren – der eine tapsig und unsicher wirkend, der andere verklemmt auf dem Trittbrett zusammengekauert – machen zwar keine besonders gute Figur.

Doch die beiden Damen reißen alles raus – sie wussten genau, wie man sich gibt, wenn es zwar nur zu einem braven Brennabor reichte, aber doch immerhin zu einem eigenen Auto!

Was das einst bedeutete und weshalb man dermaßen stolz davor posierte, das können wir uns heute kaum noch vorstellen – oder vielleicht erst dann, wenn das Automobil wieder ein Luxusgegenstand für wenige wird.

Wenn ich mich aber so umschaue, scheint der Bedarf an politisch unkorrekten Poserautos noch ziemlich ausgeprägt zu sein, sodass ich bei allem sonst angebrachten Kulturpessimismus meine: ganz so schlimm wird’s schon nicht werden.

Im Zweifelsfall lässt sich nämlich selbst mit einem Brennabor Typ S 6/20 PS „bella figura“ machen…

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Zufälle gibt’s: „Faun“ Typ K3 6/30 PS Tourer

Nach meiner Erfahrung verdanken wir die besten Dinge im Dasein nicht gezielter Planung des Lebenswegs oder streng systematischem Vorgehen. Sicher, beides kann bei Entscheidungen über Ausbildung, Beruf oder Lebensmittelpunkt helfen.

Doch schon bei der Partnerwahl sind wir von Natur aus dem willkürlichen Walten der Götter unterworfen, die Ergebnisse fallen entsprechend aus: mal so, mal so. Wer beim einem „mal so“ danebengreift, ist gut beraten, sich baldmöglichst wieder dem Glücksspiel auszusetzen, vielleicht gelingt ja dann das andere „mal so“, von dem man nie mehr lassen will.

Ich jedenfalls habe mit Kamerad Zufall gute Erfahrung gemacht – in vielerlei Hinsicht, auch in punkto Berufstätigkeit. Ein weiteres Feld, in denen sich der Zufall als mein bester Freund erwiesen hat, ist die Beschäftigung mit Vorkriegsautos auf alten Fotos.

Die besten Sachen auf diesem Sektor findet man nicht, indem man danach sucht, sondern indem man ihnen Gelegenheit gibt, sich selbst zu offenbaren. Das passiert auf wunderbare Weise immer wieder – heute präsentiere ich ein weiteres Beispiel dafür.

Vor drei Jahren spielte mir der Zufall die Aufnahme eines Wagens zu, der zu den großen Unbekannten der deutschen Automobilproduktion der 1920er Jahre zählt. Groß deshalb, weil die PKW-Produktion der Nürnberger Faun-Werke alles andere als ein Geheimnis ist, unbekannt deshalb, weil es mit entsprechenden Bilddokumenten nicht weit her ist.

Das sieht man schon daran, dass mein folgender Fotofund mit der prominenten Aufnahme in die Neuauflage des „Oswald“ (Deutsche Autos 1920-1945, Motorbuchverlag, 2019) geadelt wurde:

Faun Typ K2 6/24 PS Tourer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Offenbar hatten auch die weit erfahreneren und viel länger als ich aktiven Vorkriegsspezialisten hierzulande nichts Vergleichbares in petto. Nach drei Jahren kann ich nun nachlegen, und wiederum nur, weil ich mich ganz auf den Zufall verlassen habe.

Dieser spielt einem mitunter merkwürdige Streiche und solche Sachen zählen für mich zu den schönen Seiten am Leben. So kam mir einiges auf dem neu aufgetauchten Foto eines Faun-Tourenwagens ausgesprochen bekannt vor.

Da hatte doch tatsächlich jemand vor über 90 Jahren sein Auto in einer ganz ähnlichen Umgebung abgelichtet wie der, in der seit einigen Jahren mein 1933er LaLicorne L760 einer behutsamen Aufarbeitung entgegenschlummert:

LaLicorne L760 von 1933; Bildrechte: Michael Schlenger

Prägen Sie sich die Deckenkonstruktion ein – flache Ziegelsteingewölbe, die von Doppel-T-Trägern gestützt werden – außerdem den rustikalen weißen Putz sowie ein altes „Presto“-Fahrrad links im Hintergrund.

Das zugemauerte Fenster im Hintergrund ignorieren Sie bitte ebenso wie den Abdruck einer leider unrettbar vom Holzwurm angenagten alten Stiege an der Rückwand, die einer modernen Dachbodentür gewichen ist.

Wer sich für das Auto interessiert: Das ist einer von genau 2.000 gebauten Licorne dieses Typs – die traditionsreiche Marke fiel leider der sozialistisch inspirierten zentralen Planwirtschaft im Frankreich in der frühen Nachkriegszeit zum Opfer.

Der Wagen ist komplett original, besitzt also den Erstlack und die unberührte Innenausstattung, der Holzrahmen ist einwandfrei erhalten und nach einer technischen Überholung könnte das Auto sofort wieder einsatzfähig sein.

Um 1950 landete das Auto in einer französischen Privatsammlung, wo es die Jahrzehnte überdauerte, selbst die Michelin-Reifen aus jener Zeit halten immer noch die Luft.

Zurück zum Thema. Haben Sie noch parat, was Sie sich auf meiner heute abend angefertigten Aufnahme merken sollten? Nun, gleich werden Sie einiges wiedererkennen:

Faun Typ K 6/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Da ist sie wieder – die markante Deckenkonstruktion mit flachem Ziegelgewölbe unterstützt von einem Stahlträger, der ganze Raum weiß verputzt. Auch die Zweiräder am linken Bildrand „passen“.

Dem zugemauerten Fenster in meiner Halle entspricht – großzügig interpretiert – das auf einem Bord abgestellte seitliche Steckfenster, das zu diesem klassischen Tourenwagen mit Zulassung in Mittelfranken gehörte und bei schönem Wetter an seinem Platz blieb.

Ein hübscher Zufall, finden Sie nicht auch? Damit enden aber auch schon die Gemeinsamkeiten, wenngleich uns der Zufall weiterhin hold bleibt, denn der abgebildete Wagen ist eindeutig ein weiteres Exemplar des raren Faun-Tourers der 1920er Jahre.

Werfen wir einen genaueren Blick darauf, denn er weist einige wesentliche Unterschiede zu dem eingangs gezeigten Typ K2 6/24 PS auf, der von 1924-26 gebaut wurde:

Faun Typ K 3 6/30 PS Tourer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Kühler scheint identisch zu sein, auch die Position der Scheinwerfer wirkt ähnlich.

Doch scheinen die Vorderkotflügel nun stärker der Radform zu folgen und die zuvor modische vertikal geteilte und leicht geneigte Frontscheibe ist einer horizontal unterteilten und senkrecht stehenden gewichen.

Auf der Innenseite des in Fahrtrichtung rechten Vorderrads erkennt man eine große Bremstrommel. Das Modell K2 6/24 PS erhielt diese erst ab 1926, als auch bereits der Nachfolgetyp K3 6/30 PS erschien.

Nach der Lage der Dinge sehen wir hier wahrscheinlich ein Exemplar dieser späten Ausführung des Faun-Tourenwagens, dessen Produktion 1928 endete.

Wie die schwächere 6/24 PS-Ausführung besaß dieser eine im Zylinderkopf rotierende Nockenwelle, die über eine Königswelle angetrieben wurde. Diesen bemerkenswerten Aufwand trieb man wohl nur, weil man es konnte.

In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre war mit 30 PS – aufwendiger Ventiltrieb hin oder her – kaum noch Staat zu machen, da bot jeder billige US-Importwagen mehr. Umso schöner, dass zumindest ein Exemplar des Faun Typ K 3 6/30 PS zumindest in Bildform überlebt hat – und das noch in so vertraut anmutendem Ambiente.

Jetzt muss ich glatt noch einmal in der Halle nachschauen, ob dort nicht dort plötzlich ein deutscher Faun statt eines französischen LaLicorne steht – denn: Zufälle gibt’s…

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Die Dame mag es luftgekühlt: Piccolo 7 PS Phaeton

An der Luftkühlung scheiden sich bis heute die Geister in der Automobilfraktion: Die einen schwören drauf, vor allem aufgrund des charakteristischen Motorengeräuschs, die anderen wenden sich mit Grausen ab.

Wie so oft, sollte man auch in dieser Hinsicht die Dinge nicht zu ideologisch sehen.

Mir gefällt das seidige Säuseln eines wasserummantelten Sechszylinders ebenso wie das heisere Fauchen eines luftgekühlten Boxermotors (auch wenn ich speziell mit einigen Vertretern der Porsche-Fraktion meine Probleme habe).

Um einen uralten Werbespruch zu zitieren: Es kommt drauf an, was man daraus macht. Und vieles hängt davon ab, wie man als Fahrer eines Luftgekühlten damit umgeht.

Ein vielleicht überraschendes Beispiel dafür darf ich heute präsentieren. Überraschend unter anderem deshalb, weil sich die Luftkühlung nicht nur auf den Antrieb bezieht, sondern auch auf die Insassen, die selbige durchaus zu genießen scheinen.

Doch zuvor will etwas Historie konsumiert sein, natürlich gefällig aufbereitet, denn in meinem Blog soll der Genuss der Bilder von Vorkriegsautomobilen im Vordergrund stehen – die nüchternen Fakten beschränke ich gern auf’s Notwendigste.

Vielleicht erinnern Sie sich an Aufnahmen des „Piccolo“ 5 PS-Modells, welches von 1904 bis 1907 von der Firma A. Ruppe & Sohn im thüringischen Apolda gefertigt wurde. Eine „neue“ davon verdanke ich Leser Klaas Dierks:

Piccolo 5 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Zugegeben: Viel ist hier nicht zu erkennen, aber genug, um diesen einfachen Zweisitzer als 5 PS-Piccolo zu identifizieren. Eindeutiges Indiz ist der runde Lüfter vor dem V2-Aggregat, welcher sich in einem Messinggehäuse dreht, das uns hier entgegenleuchtet.

Nach der Vorstellung in Leipzig Ende 1904 verkaufte sich das robuste Wägelchen dank seines relativ niedrigen Preises gut: Schon 1906 feierte man die Produktion des tausendsten Exemplars (Quelle: Gränz/Kirchberg: Ahnen unserer Autos, 1975).

Die Motorleistung wurde wie damals üblich laufend gesteigert, sodass man 1907 bei 6 und kurze Zeit darauf bei 7 PS angelangt war. Fast 50 km/h Höchstgeschwindigkeit waren damit erreichbar – kein anderes Individualverkehrsmittel erreichte auf Dauer dieses Tempo.

Wie in der Frühzeit des Automobils überwiegend üblich, kamen die Insassen dabei in den Genuss natürlicher Luftkühlung, denn geschlossene Aufbauten waren weit teurer. Zumindest im Stand scheint man damit vollkommen glücklich gewesen zu sein.

Das lässt zumindest die folgende Aufnahme vermuten, die mir Leser Matthias Schmidt Dresden zur Verfügung gestellt hat. Hier mochte es auch die Dame offenbar luftgekühlt:

Piccolo 7 PS Modell; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Das unwiderstehliche Lächeln der Beifahrerin, die sich hier perfekt in Szene gesetzt hat, mag freilich auch einer anderen Tatsache geschuldet sein.

So spendierte man dem Piccolo ab 1906 eine richtige Motorhaube und eine Kühlerattrappe, was dem Wagen ein erwachseneres Aussehen gab.

„Heinrich, auf keinen Fall kommt mir so eine Benzinkutsche ins Haus , bei der sich die schnöde Technik unverhüllt zeigt. Die beiden Zylinder sollen zumindest dem Auge verborgen sein, wenn man sie schon hört. So lasse ich mir die Luftkühlung gern gefallen.“

Vielleicht hatte unsere selbstbewusste Dame mit ihrem Erbe erst die Anschaffung des Fahrzeugs ermöglicht – die Vorstellung, dass Frauen von Autobesitzern vor bald 120 Jahren bloße Heimchen am Herd waren, ist jedenfalls abwegig.

An der Identifikation des Wagens als Piccolo habe ich keinen Zweifel, bloß die genaue Datierung bereitet mir Schwierigkeiten. Angeblich wurde das 7 PS-Modell bis 1910 gebaut, da mag es baujahrsabhängige Unterschiede gegeben haben.

Hier fallen die breiten Luftschlitze auf, die sich eher selten finden. Ob sie ein Hinweis auf eine frühe oder späte Entstehung sind, kann ich derzeit nicht sicher sagen. Vielleicht weiß es ein Leser genauer (dann bitte mit Beleg).

Jedenfalls gibt es etliche Dokumente, die ganz ähnliche Piccolo-Zweisitzer mit mehreren schmalen Luftschlitzen zeigen.

Einer davon scheint bis in die 1930er Jahre überlebt zu haben und wurde bei einer unbekannten Veranstaltung vorgestellt und von enthusiastischen Jugendlichen okkupiert:

Piccolo von 1907; Originalaufnahme von 1931 aus Sammlung Michael Schlenger

Die Angabe „Anno 1902“ auf der Motorhaube kann nicht stimmen, vermutlich liegt hier ein Übertragungsfehler vor – jemand hat wohl eine „7“ als „2“ gelesen“.

Die Kühlerattrappe gehört jedenfalls zu einem Piccolo ab 1906 und da kommt vor allem das zweizylindrige Modell mit 800ccm und 6 bzw. später 7 PS in Betracht.

Daneben gab es ab 1910 von Ruppe&Sohn auch ein primitives Einzylindermodell namens „Mobbel“, das jedoch heillos aus der Zeit gefallen war und nur selten verkauft wurde.

Damit wäre für heute das Wichtigste zu den luftgekühlten „Piccolo“-Wagen aus Apolda gesagt, wäre da nicht eine weitere Aufnahme, die mir wiederum Matthias Schmidt aus Dresden zugesandt hat.

Sie zeigt einen unrestaurierten Piccolo von 1907, der in der verkehrstechnischen Sammlung Dresden die Zeiten überdauert hat und vor einigen Jahren der Öffentlichkeit wieder auf der Straße gezeigt wurde:

Piccolo 6 PS von 1907; Bildrechte: Matthias Schmidt (Dresden)

Könnte das am Ende derselbe Wagen sein wie das bereits 1931 als „Oldtimer“ präsentierte Automobil?

So oder so ist es berührend, dass überhaupt ein Exemplar dieser frühen „Luftgekühlten“ noch existiert und das auch noch ohne eine sogenannte Restaurierung erlitten zu haben.

Das ist ja das Großartige an den Wagen von einst: Ihre Erbauer und Besitzer sind längst verblichen, doch die Autos sind immer noch da und erzählen von vergangenen Leidenschaften, zu denen früh auch die nach „Luftkühlung“ gehörte, während die Masse der Mitbürger zeit ihres Lebens selten kaum über Schrittgeschwindigkeit hinauskam…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Im Drachen ist noch Leben: Fafnir Sport Phaeton

Wagner-Freunde kennen ihn aus der „Der Ring des Nibelungen“, Vorkriegsauto-Enthusiasten – vielleicht – aus meinem Blog. Die Rede ist von Fafnir, dem Drachen aus der nordischen Sagenwelt bzw. dem gleichnamigen Autobauer aus Aachen.

Um das Überleben des Fafnir in Wagners Werk muss man sich nicht sorgen – die Meisterwerke europäischer Musikgeschichte werden im Zweifelsfall in Fernost weiterhin geschätzt werden, wenn im Abendland dereinst die Lichter ausgehen.

Was die automobile Fafnir-Tradition angeht, muss man indessen noch etwas tun, damit sie nicht in Vergessenheit gerät. Zwar gibt es Sammler und Spezialisten, die sich der vor 1914 bedeutenden Marke angenommen haben, aber die Literatur dazu lässt sehr zu wünschen übrig, was die Dokumentation einzelner Typen betrifft.

Dass in dem alten Drachen auf vier Rädern immer noch Leben ist, beweisen Zuschriften von Lesern, die mir andernorts unveröffentlichte Originaldokumente zu der Marke bereitstellen, welche ich mit Vergnügen vorstelle – weil es sonst niemand macht.

Mancher mag sich an das folgende Foto erinnern, das mir die Familie Pochert aus Dresden zur Verfügung gestellt hatte und welches ich vor bald zwei Jahren hier besprechen durfte:

Fafnir Typ 476; Originalfoto bereitgestellt von Familie Pochert (Dresden)

Ein solches Zeugnis ist schwer zu überbieten, aber trefflich daran anknüpfen lässt sich durchaus.

Dieser Fafnir „Sport Phaeton“ des Typs 476 aus der ersten Hälfte der 1920er Jahre ist nämlich auch in einigen zeitgenössischen Anzeigen und Prospektabbildungen dokumentiert.

So übersandte mir Claus Wulff aus Berlin, dessen Website zu Kühleremblemen zum Besten gehört, was hierzulande im Netz in Sachen Vorkriegsautos existiert, eine Reklame von 1922 aus seiner Sammlung, die einen Fafnir mit ganz ähnlicher Karosserie zeigt:

Fafnir Typ 476; Originalreklame aus Sammlung Claus Wulff (Berlin)

Interessant ist an dieser Abbildung, dass man darauf das in Fahrtrichtung links angebrachte Reserverad sieht, außerdem die Leistungsangabe 9/28 PS.

In der Literatur findet sich für den Typ 476 nämlich oft die Angabe 9/30 PS, teilweise auch 9/32 PS und sogar 9/36 PS. Man ersieht daraus, dass die Höchstleistung bei unveränderter Grundkonstruktion durch Feinarbeit im Ansaug- und Abgastrakt laufend gesteigert wurde.

Vermutlich stellte die Motorisierung 9/28 PS die Ausgangsversion des Typs 476 dar, der bis Mitte der 1920er Jahre gebaut wurde. Wie andere deutsche Hersteller jener Zeit auch scheint sich Fafnir auf dieses eine Modell konzentriert zu haben – ich komme darauf zurück.

An dieser Stelle tritt nun Heiner Goedecke aus Leipzig auf den Plan. Er befindet sich in der glücklichen Lage, dass sein Großvater namens Kurt Lohsee einige bemerkenswerte Vorkriegswagen besaß bzw. nutzte.

Er war Generaldirektor eines bedeutenden sächsischen Stromversorgers und war so in einer Position, in der man sich Chauffeurswagen wie auch sportliche Automobile zum eigenen Vergnügen leisten konnte.

In die letzte Kategorie dürfte dieses Fahrzeug gehört haben:

Fafnir Sport-Phaeton; Originalfoto aus Familienbesitz, bereitgestellt von Heiner Goedecke (Leipzig)

Hier sehen wir Generaldirektor Lohsee am Steuer eines sportlichen Tourers, dessen markanten Kühlluftauslass in der Motorhaube wir sofort wiedererkennen – das muss ein Fafnir sein!

So unvollkommen die Aufnahme nach traditionellen Maßstäben sein mag, so großartig transportiert sie die Wirkung des offenen Wagens mit spitz zulaufendem Kühler und langer Haube vor niedriger Windschutzscheibe.

Das waren im Deutschland der frühen 1920er Jahre die Merkmale eines sportlichen Automobils. Mit fast 100 km/h Spitzengeschwindigkeit war so ein Fafnir auch recht leistungsfähig – speziell in dieser leichten Ausführung.

Daneben sah der Wagen umwerfend aus – ich wüsste kaum ein deutsches Serienfabrikat jener Zeit, dass dermaßen dynamisch daherkam. Das behaupte ich nicht nur einfach, sondern kann es dank Heiner Goedecke auch belegen.

Denn in seinem Besitz befindet sich eine weitere Aufnahme dieses Fafnir, welche den Wagen von der Seite zeigt:

Fafnir Sport-Phaeton; Originalfoto aus Familienbesitz, bereitgestellt von Heiner Goedecke (Leipzig)

Wer bislang der Ansicht war, dass Deutschlands Autoindustrie nach dem 1. Weltkrieg nur Schnee von gestern oder dröge Funktionsware zustandebrachte, wird durch diesen schon im Stand schnell wirkenden „Sport Phaeton“ eines Besseren belehrt.

Eine solchermaßen kühne Perspektive findet sich auf keiner Werksaufnahme und erst recht nicht in den an Freudlosigkeit schwer überbietbaren Hersteller-Prospekten jener Zeit.

Das Beste kommt aber – vielleicht – noch zum Schluss:

Die Länge des Wagens erweckt bei mir nämlich den Verdacht, dass wir es hier nicht mit dem gängigen Fafnir-Typ 476 zu tun haben, sondern mit dem etwas größeren und wesentlich stärkeren Typ 471, der trotz geringeren Hubraums 50 PS leistete.

Möglich war dies aufgrund der modernen Ventilanbringung im Zylinderkopf, welche eine drastisch verbesserte Effizienz ermöglichte. Mit diesem Aggregat waren in der Ausführung als Sport-Phaeton laut Literatur glatte 120 Km/h Spitze drin.

Über die Stückzahlen dieser besonders leistungsfähigen Ausführung des Fafnir Sport-Phaeton ist nichts bekannt – vielleicht wurden einige Dutzend davon gefertigt.

Jedenfalls kann man sich gut vorstellen, dass Generaldirektor Lohsee für den Privatgebrauch eine solche „fauchende“ Version des Drachen Fafnir bevorzugte. Dass er überhaupt einen erlesenen Geschmack in automobiler Hinsicht hatte, das darf ich bei nächster Gelegenheit am Beispiel eines Horch 350 zeigen…

Nachtrag: Fafnir-Spezialist Hubertus Hansmann tendiert beim oben gezeigten Wagen eher zum Typ 476, und zwar ein spätes Modell (ab 1924), das am im Heck angebrachten Tank zu erkennen ist.

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Fund des Monats: Ein „SEMAG“-Tourenwagen

Gerade zurückgekehrt aus dem Süden kann ich heute mit einem automobilen Fundstück aufwarten, dass ich quasi unterwegs aufgelesen haben – nämlich in der Schweiz!

Das ist allerdings nur im übertragenen Sinne zu verstehen, denn der Fund des Monats Mai ist bloß ein Foto, das ich bei eBay erworben habe, weil es mir interessant erschien und es sonst niemand haben wollte.

Da es ein rares schweizerisches Automobil zeigt, verdient es jedoch eine prominente Präsentation, obwohl wenn nur wenig Gesichertes darüber bekannt ist.

Wer nun meint, dass Autos aus der Schweiz per se Raritäten seien, muss sich ebenso eines Besseres belehren lassen wie ich selbst.

Denn nach Erwerb des 260-seitigen Standardwerks „Schweizer Autos“ von Ernest Schmid (1978) stellte ich fest, dass es auch die Schweizer schon in der Vorkriegszeit zu einer beachtlichen Produktivität in Sachen Automobil gebracht haben.

Unter den Dutzenden Herstellern in diesem empfehlenswerten Werk fehlt indessen ausgerechnet der, welcher einst den Tourer auf dem folgenden Foto fertigte:

SEMAG Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mein erster Gedanke war hier, dass der Tourer mit dem birnenförmigen Kühlergehäuse einige Ähnlichkeit mit Fiats der Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg aufweist.

Allerdings wird man bereits nördlich der Alpen fündig, was den Produzenten angeht und zwar in Seebach bei Zürich. Dort ist ab 1912 die von Matthias Klüglein gegründete Seebacher Maschinenbaufabrik nachweisbar, welche unter dem Kürzel SEMAG firmierte.

Fabriziert wurden dort recht unterschiedliche Gerätschaften, die von Getrieben über Flugmotoren bis hin zu automatischen Schusswaffen (MG und Flak) reichten.

Nach dem 1. Weltkrieg fertigte die SEMAG angesichts des Nachfrageinbruchs bei Rüstungsgütern für kurze Zeit (1920-22) auch ein Automobil, der landläufig als „Seebacher“ bezeichnet wurde.

Angeblich verfügte das Fahrzeug über einen von Zücher zugelieferten Vierzylindermotor, der per elektrischem Anlasser gestartet wurde – in Europa damals noch die Ausnahme.

Die Konstruktion des SEMAG-Wagens wird dem umtriebigen Ingenieur Rudolf Egg zugeschrieben, der bereits ab 1893 mit der Entwicklung von Kraftfahrzeugen hervortrat.

Die Leistung des Fahrzeugs wird mal mit 11 PS, mal mit 22 PS angegeben. Vermutlich bezieht sich die erste Angabe auf einen von Rudolf Egg und Fritz Moser kurz zuvor entwickelten Kleinwagen, der als „Egg“ bzw. als „Moser“ vertrieben wurde.

Die Kühlerpartie des „Egg“ ähnelte der des SEMAG-Wagens stark (siehe E. Schmid, Schweizer Autos, S. 59), jedoch unterschieden sich die Proportionen erheblich.

Aufnahmen des SEMAG-Autos sind äußerst selten, da wohl nur ein paar Dutzend davon entstanden. Jedenfalls gab man die Produktion rasch wieder auf, denn es ließen sich keine rentablen Stückzahlen erreichen, welche der in Schwierigkeiten befindlichen Firma zu einem einträglichen weiteren Standbein verholfen hätten.

Die Liquidation der SEMAG zog sich anschließend bis 1925 hin. In dieser Zeit sind eventuell noch einige unverkaufte Autos der Marke an den Mann gebracht worden. Jedenfalls scheint dieser Herr mit seinem Erwerb nicht unzufrieden gewesen sein – und so bin ich es auch!

Hauptquelle zur Produktion des „Seebachers“: Ortsgeschichtliche Sammlung Seebach

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