DKW-Hecktriebler vom Feinsten: Sonderklasse 1001

Von den deutschen Großserienherstellern der 1930er Jahre genießt DKW heute wohl das geringste Renommée. Die meisten überlebenden Fahrzeuge sind frontgetriebene 2-Zylinder-Zweitakter mit gering anmutender Leistung.

Doch ist es kein Zufall, dass diese Modelle auf diesem Blog so zahlreich besprochen werden. Denn sie gehörten vor dem 2. Weltkrieg nicht nur zu den populärsten Autos hierzulande, sie waren auch sehr attraktiv gezeichnet. In der Kleinwagenklasse bot sonst niemand so elegant wirkende Autos an.

Dass man bei DKW auch „erwachsene“ Autos bauen konnte, zeigte die Marke aus Zschopau in Sachsen erstmals mit dem heckgetriebenen 4-Zylindertyp V1000 ab 1931. 

1932 legte man nach und stellte mit dem Typ 1001 Sonderklasse das wohl schönste DKW-Modell mit 4-Zylinder-Motor und Heckantrieb vor. Einen solchen Wagen zeigt das folgende Originalfoto:

DKW_Sonderklasse_1001_Galerie

© DKW 1001 von 1932; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Foto ist eine Privataufnahme, doch hat hier jemand alles richtig gemacht:

Eine reizvolle Perspektive mit der schräg nach hinten laufenden Straße, auf das Motiv begrenzte Schärfentiefe und perfekte Belichtung trotz großer Helligkeitsunterschiede. Die Personen auf dem Bild sind malerisch arrangiert und wissen zu posieren, alles in allem eine Fotografie der Sonderklasse!

Damit wären wir bei der Identifikation dieses seltenen DKW-Modells.  

Auf der Kühlermaske erkennt man das typische grün-weiße DKW-Markenemblem, das dem Grundsatz nach bis in die 1950er Jahre überlebte.

Auffallend ist zum einen die Kühlerfigur, die vermutlich ein ADAC-Zubehörteil war (hier spiegelverkehrt, da auf die Insassen ausgerichtet). Zum anderen erstaunen die großen, vollverchromten Scheinwerfer – ein erster Hinweis darauf, dass wir es nicht mit einem der kleineren Frontantriebswagen der Marke zu tun haben.

Der Eindruck eines gehobenen Modells setzt sich bei Betrachtung der Frontpartie fort:

Die durchgehende Stoßstange, die verchromte Abdeckung der Öffnung für die Anlasserkurbel mit „DKW“-Prägung und weit ausladende Vorderkotflügel – das findet man nicht bei den gängigen DKW-Modellen – das muss etwas Besonderes sein.

Der Eindruck bestätigt sich beim Blick auf die filigranen Drahtspeichenfelgen des Autos:

Zwar versuchten viele DKW-Besitzer frontgetriebener 2-Zylinderwagen diese mit allerlei Zubehörteilen aufzuwerten, doch die genannten Details zusammengenommen finden sich nur beim Modell DKW 1001 Sonderklasse, das von 1933-35 gebaut wurde.

Nun noch ein Blick auf die Passagiere dieses geschmackvoll gestalteten Wagens:

Die rund um den DKW posierenden Herrschaften machen nicht den Eindruck von Arbeit zermürbter Volksgenossen. Das sind Leute mit einem gewissen Wohlstand, die Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild legen. Dabei wirken sie so individuell und typgerecht gekleidet, wie das in heutigen Zeiten uniformer „Funktionskleidung“ selten zu finden ist.

Die Dame im DKW mit der Wellenfrisur trägt ein kurzärmliges helles Sommerkleid mit Ausschnitt in klassischer Manier. Dagegen ist das Erscheinungsbild ihrer Geschlechtsgenossin mit dem kräftigen Teint burschikoser. Die schlanken Fesseln und die schmalgeschnittenen Schuhe bilden dazu einen erfreulichen Gegensatz.

Der Herr mit Brille in der Mitte fällt zwar stilistisch nicht aus dem Rahmen. Knickerbocker mit Kniestrümpfen, Oberhemd und Krawatte waren seinerzeit ein sportlicher Standard. Doch das Ganze wirkt so auf den Leib geschneidert, dass es das vermutlich auch war.

Die lässige Haltung mit Zigarette in der Linken ist Ausdruck einer „Coolness“, die es in Europa schon in der Vorkriegszeit gab – lange bevor dieser Begriff aus Amerika eingeschleppt wurde. Dieses Bild eines DKW 1001 ist nicht nur nur in automobiler Hinsicht „Sonderklasse“.

Ausfahrt zum Saisonauftakt 2016: Bildbericht

Am Sonntag, den 17. April 2016, unternahmen klassische Fahrzeuge aus der Wetterauregion eine zwanglose Ausfahrt zum Saisonauftakt.

Bei unserem Ausflug von Bad Nauheim nach Gedern und zurück konnte man wieder einmal buchstäblich „erfahren“, wie reizvoll unsere Region ist. Eine genaue Routenbeschreibung ist zum Herunterladen verfügbar:

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Anfangs sah es nicht nach danach aus, dass es ein so herrlicher Tag werden würde. Vor dem Start machte der eine oder die andere einen etwas verfrorenen Eindruck…

© Frühjahrsausfahrt 2016; Startaufstellung in Bad Nauheim; Bildrechte: Michael Schlenger

Dann ging es auf Umwegen und in gemächlichem Tempo in Richtung Vogelsberg und die Heizungen an Bord hatten anfänglich noch einiges zu tun. Doch offenbar gefiel dem Wettergott die kleine Kolonne aus klassischen Autos, die sich durch Wiesen und Wälder schlängelte, und zeigte sich großzügig: Schäfchenwolken und Sonnenschein wie aus dem Bilderbuch sollten uns begleiten.

© Frühjahrsausfahrt 2016; Blick auf die Münzenburg; Bildrechte: Bernd Luckas

Ein Genuss, gemütlich und staunend durch die erwachende Natur zu fahren – nie sind die Blätter so leuchtend grün und durchscheinend wie um diese Zeit. Wer da vorwärtshetzt, bringt sich um die eigentliche Freude am Fahren. Autowandern nannte man das einst.

© Frühjahrsausfahrt 2016; unterwegs im Vogelsberg; Bildrechte: Bernd Luckas

Von Verkehr und Pannen unbehelligt trafen wir am Gederner Schloss ein, das mit seiner ockerfarbenen Fassade im Sonnenschein den perfekten Fotohintergrund abgab.

© Frühjahrsausfahrt 2016; Schloss Gedern; Bildrechte: Bernd Luckas/Michael Schlenger

Beim Mittagessen im eleganten Restaurant schien es dann keiner sonderlich eilig zu haben, wieder auf die Straße zurückzukehren. Angenehme Gespräche mit netten Gleichgesinnten und das harmonische Ambiente taten ihre entschleunigende Wirkung.

Auch auf der Rückfahrt blieb uns das Wetter hold, allenfalls die Sonnenbrille wird mancher vermisst haben. Zurück in der Wetterau wirkte dieser glückliche Tag hoffentlich bei allen noch lange nach.

Von unserer Ausfahrt im Herbst 2015 gibt es übrigens ebenfalls einen Bildbericht.

Ein Mercedes aus Mannheim zu Besuch in Friedberg

Taucht man in die Automobilgeschichte ein, wird man auch mit dem Wandel der Lebensumstände konfrontiert. So gab es eine Zeit, da ließ sich eine längere Autobahnfahrt mit Kindern problemlos bewältigen, obwohl es im Auto weder Spielekonsolen noch Bildschirme oder gar eine Internetverbindung gab. Der Verfasser erinnert sich, dass er sich als Kind in den 1970/80er Jahren gut selbst beschäftigen konnte – und sei es mit dem Blick aus dem Seitenfenster des elterlichen Wagens.

Was gab es da alles zu entdecken! Mit etwas Glück einen Opel Admiral, einen NSU Ro 80 oder eine DS von Citroen. Etwas häufiger war ein Ford Capri mit seiner endlosen Haube. Ein SL von Mercedes war dagegen rarer als auf heutigen Oldtimerveranstaltungen. Exotenstatus genoss auch ein Alfa GTV oder ein Jaguar XJ.

Wagen der 1930er bis 1950er Jahre allerdings waren schon in den 1970er Jahren ausgestorben. Und ein Autobahnidyll wie auf der folgenden Originalaufnahme war mit dem Wirtschaftswunder endgültig Geschichte. Das Bild zeigt die von Göttingen kommende A7 kurz vor Hedemünden an der hessisch-niedersächsischen Landesgrenze:

© Autobahn A7 vor Hedemünden; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Eine Autobahn mit so wenig Verkehr und diesen Autos haben nur noch die Älteren unter uns erlebt. Sicher: Es ging in vielem weit bescheidener zu als heute, aber das Bild erzählt uns auch davon, was seither verlorengegangen ist. Der Streckenverlauf ist zwar noch derselbe, doch das Tal rund um Hedemünden ist zugebaut und auf der Straße fährt man unförmigen Autos mit Kunstnamen wie Duster, Koleos oder Twingo hinterher.

Autos mit Charakter brauchten einst solche Verrenkungen nicht – oft sorgte schon der Volksmund für eine passende Bezeichnung: Käfer, Ente, Bulli, Nasenbär, Pagode usw. Und wenn es ab Werk einen Namen für ein Modell gab, dann fand man diesen, ohne eine Marketingagentur damit zu beauftragen: Isabella, Kadett, Taunus sind einige Beispiele.

Noch einfacher machte es sich Mercedes-Benz in den 1920er Jahren. Sofern man mehr als eine an PS oder Hubraum anknüpfende Modellbezeichnung für nötig hielt, entschied man sich schlicht für den Produktionsort. Ein Mercedes „Mannheim“ oder „Stuttgart“ sollte also keine Urlaubsassoziationen wie später „Ascona“ oder „Capri“ wecken.

Solch ein in den alten Benz-Werken in Mannheim-Waldhof gebauter Mercedes „Mannheim“ ist auf folgender Aufnahme zu sehen:

© Mercedes-Benz 350 Mannheim Pullman-Limousine in Friedberg/Hessen, Mitte der 1930er Jahre; Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Entstanden ist die Aufnahme in Friedberg/Hessen auf halbem Weg zwischen Frankfurt/Main und Gießen. Im Herz der Wetterau gelegen, war Friedberg lange Zeit eine stolze Kaufmannsstadt, deren Wurzeln sich bis in die Römerzeit zurückverfolgen lassen. Die hier zu sehende Kaiserstraße ist bis heute die Hauptschlagader der Stadt. Sie folgt der Ausfallstraße des römischen Kastells, das sich unter der mittelalterlichen Burganlage befindet. Ein Beispiel für historische Kontinuität über die Jahrtausende, aus dem Friedberg leider keinerlei touristisches Kapital zu schlagen weiß.

Die Häuser links und rechts der Kaiserstraße reichen teilweise bis ins Zeitalter der Gotik zurück, als die Stadtkirche entstand, deren Spitze im Hintergrund zu sehen ist. Die Keller dieser Gebäude stammen oft noch aus der Römerzeit, als sich hier die Zivilsiedlung des Kastells mit 1.000 Mann Besatzung befand.

Nun aber ein näherer Blick auf den Wagen, der auf der Aufnahme zu sehen ist:

Das eindrucksvolle Gefährt ist eine Mercedes-Benz „Mannheim“ Pullman-Limousine. Der auf einer Konstruktion von Ferdinand Porsche basierende 6-Zylinder-Motor leistete in der 3,5 Liter-Version rund 60 PS.

Wer heute auf ein theoretisch erreichbares Höchsttempo fixiert ist, wird nicht begreifen, dass der Mercedes Mannheim damals als großzügig motorisiert galt. Wichtiger als Endgeschwindigkeit war nämlich die Fähigkeit, ohne häufiges Schalten des unsynchronisierten Getriebes auch Steigungen absolvieren zu können.

Auch die 12 Volt-Elektrik des bis 1930 gebauten Wagens lässt ahnen, dass der Käufer mit dem Mercedes-Benz „Mannheim“ ein leistungsfähiges Oberklassefahrzeug erhielt. Die Werkskarosserien von Mercedes waren allerdings damals auffallend schlicht. Wäre da nicht die typische Kühlermaske, ließ sich der Wagen wohl kaum identifizieren.

Kommen wir zur Datierung der Aufnahme: Der Mercedes selbst deutet auf die späten 1920er oder frühen 1930er Jahre hin. Doch wirft man einen Blick auf die Kleidung der Passanten auf dem Foto, darf man eher von der Mitte der 1930er Jahre ausgehen. Erst damals waren die Röcke der Damen so kurz wie hier zu sehen.

Unterstützt wird diese Annahme durch die Beschriftung der Karte in Sütterlinschrift. Diese bereits vor dem 1. Weltkrieg entwickelte und gebräuchliche Schreibschrift wurde 1935 zur offiziellen „Deutschen Volksschrift“. Seitdem wurde sie auch außerhalb privater Korrespondenz vermehrt genutzt. Leider sind auf dem Bild keine anderen Autos zu sehen, die zur Datierung beitragen könnten. In der Wetterau – die bis heute ländlich geprägt ist – waren in der Vorkriegszeit Automobile noch sehr selten.

So fragt man sich: Was hatte diese teure Mercedes-Benz „Mannheim“ Pullman-Limousine seinerzeit in Friedberg verloren? Leider ist das Kennzeichen auch auf dem Originalfoto nicht lesbar. Vielleicht ein Verwandtenbesuch, oder war hier jemand einfach nur auf der Durchreise nach Norden und hat bloß ein paar Einkäufe getätigt?

Die Friedberger Geschäftswelt war damals noch vielfältig, solider Einzelhandel dominierte die Kaiserstraße bis in die 1990er Jahre. Seither ist die Stadt in vielfacher Hinsicht heruntergekommen – im Elsass, in England oder Italien wäre eine Stadt mit einer derartigen Geschichte und Substanz dagegen zum Juwel herausgeputzt. Alte Bilder wie das hier gezeigte erinnern daran, wie verächtlich hierzulande vielerorts mit unserem architektonischen Erbe umgegangen wird. Und das gilt nicht nur vom Krieg verheerte Städte wie Mannheim…

1933: Im Mercedes 200 von Berlin nach Monte-Carlo

Vor dem 2. Weltkrieg war beim Auto die Höchstgeschwindigkeit im Alltag weniger wichtig – sie war durch die Straßenverhältnisse, die Qualität der Reifen und das Bremsvermögen ohnehin begrenzt.

Was zählte, war Zuverlässigkeit – gerade in Europa, wo die Besteuerung nach Hubraum zu kleinvolumigen Motoren führte, die ständig hoch belastet wurden.

Daher unternahmen die Hersteller bei neuen Modellen oft publikumswirksame Langstreckenfahrten, um die Qualität der Konstruktion unter Beweis zu stellen. Hierbei setzte man gern Rennfahrer als Tester ein.

In Deutschland gehörte Karl Kappler zu den Rennsportgrößen, die sich begeistert für solche Aktionen hergaben. Er hatte 1930 nach vielen Erfolgen auf Benz, Bugatti, Mercedes und Simson seine offizielle Karriere beendet und verlegte sich auf Ausdauertests.

Eine seiner spektakulärsten Aktionen dieser Art fand im April 1933 statt. Mercedes-Benz hatte gerade den neuer 200er vorgestellt, der das Modell 8/38 PS „Stuttgart“ ablöste.

Mit seinem 40 PS starken 6-Zylinder war der Mercedes 200 nicht gerade temperamentvoll. Doch mit Einzelradaufhängung vorne, Pendelachse hinten und hydraulischen Bremsen war er fahrwerksseitig hochmodern.

Über eine 1.700 km lange Strecke von Berlin nach Monte Carlo sollte sich der Mercedes bewähren. Hier ein originales Pressefoto, das den Wagen mit Kappler am Lenkrad beim Start in Berlin zeigt.

© Mercedes 200 beim Start zur Rekordfahrt von Berlin nach Monte-Carlo, April 1933; Sammlung: Michael Schlenger

1933 gab es in Deutschland trotz bereits laufender Planungen noch kein Autobahnnetz. Die Fahrt führte also über Landstraßen, was die gegenüber der heutigen Route größere Entfernung erklärt.

Von Berlin ging es über Leipzig und Nürnberg nach Innsbruck. Dann stand die Überquerung der Alpen an. Hier sieht man den Mercedes bei einem Halt auf italienischer Seite.

© Mercedes 200 am Castel Toblino (Trentino), April 1933; Sammlung: Michael Schlenger

Der Ort, an dem das Foto entstand, lässt sich genau lokalisieren. Es handelt sich um eine Biegung der SS45bis zwischen Trento und dem Nordzipfel des Gardasees. Von hier aus eröffnet sich der Blick nach Südwesten auf das malerisch gelegene Castel Toblino. Die Stelle sieht heute noch genauso aus.

Die weitere Strecke führte durch die Po-Ebene Richtung Ligurien. Von Genua aus ging es dann an der Küste entlang bis nach Monte Carlo. Hier sieht man den Mercedes kurz vor Erreichen des Ziels oberhalb der Stadt mit ihrem schon damals berühmten Hafen.

© Mercedes 200 oberhalb von Monte-Carlo, April 1933; Sammlung: Michael Schlenger

Nach 24 Stunden und 50 Minuten Fahrzeit erreichte Kappler mit seinen Begleitern das Spielcasino von Monte-Carlo. Die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug fast 70 km/h. Dies war möglich, weil Kappler den Mercedes dank guten Wetters voll ausfahren konnte.

Das spektakuläre Resultat sorgte seinerzeit für viel Aufsehen. Kappler wurde vom Automobilclub von Monaco für seine Leistung geehrt. Bei der Gelegenheit besuchte er seinen Rennkameraden Rudolf Caracciola, der damals in Monte-Carlo residierte.

Hier das abschließende Bild aus der damals für die Presse angefertigten Fotoserie. Es zeigt den erkennbar mitgenommenen Mercedes am Ziel.

© Mercedes 200 in Monte-Carlo, April 1933; Sammlung: Michael Schlenger

Ein Porträt des einst so populären „Charlie“ Kappler findet sich hier. Er war schon bei seinem Tod im Jahr 1962 zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

Buchtipp:

„Im Donner der Motoren. Karl Kappler.“ von Martin Walter, hrsg. im Wartberg Verlag, 2004, 79 Seiten, viele zeitgenössische Fotos

ISBN: 3-8313-1101-3; neuwertig erhältlich bei http://www.ebay.de

Im Tatra 87 durch Afrika und Lateinamerika

Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Tatra mit dem Modell 77 das erste Serienfahrzeug mit Stromlinienkarosserie und Heckmotor gebaut (ab 1934). Alle vorherigen Versuche (Claveau, Burney, Briggs) waren im Prototypenstadium steckengeblieben.

© Tatra 77 in der Klassik Remise Düsseldorf, 2015; Bildrechte: Michael Schlenger

Der kurze Zeit später vorgestellte Tatra 87 folgte demselben Konzept, war aber etwas kürzer, deutlich leichter und damit noch leistungsfähiger. Dieses Modell sollte bis 1950 nur wenig verändert in über 3.000 Exemplaren gebaut werden.

Dass die luftgekühlten Tatras ausgereift und zuverlässig waren, stand bald außer Zweifel. Dass sie aber auch den harten Anforderungen abseits geteerter Straßen standhalten würden, sollte sich erst nach dem Krieg erweisen.

Ab 1947 waren die beiden tschechischen Reisejournalisten Jiri Hanzelka und Miroslav Zikmund über mehrere Jahre mit einem Tatra 87 in Afrika und Südamerika unterwegs, um Material für Film- und Bildreportagen zu sammeln. Die Nutzung als Expeditionsfahrzeug auf schlechten Wegstrecken und unter extremen Klimabedingungen verlangte dem Tatra Dinge ab, für die er eigentlich gar nicht konstruiert war.

Für die beiden Abenteurer scheint es aber genau das richtige Gefährt gewesen zu sein. In ihren zahlreichen Reisebüchern finden sich immer wieder sorgfältig komponierte Bilder, bei denen der treue Tatra im Mittelpunkt steht.

© Bildquelle: „Südamerika“ von Jiri Hanzelka/Miroslav Zikmund, Verlag: Volk und Welt, 1958

Sind die luftgekühlten Tatras schon auf europäischen Straßen ein außergewöhnlicher Anblick, wirken sie erst recht in freier Natur wie Erscheinungen aus einer anderen Welt.

Leider gibt es nur wenig Filmmaterial, auf dem der Tatra 87 im Einsatz abseits der Zivilisation zu sehen ist. Die folgende zeitgenössische Filmsequenz zeigt eine solche Situation:

   

© Videoquelle: YouTube, hochgeladen von: Luka Regmuko; Urheberrecht: Jiri Hanzelka/Miroslav Zikmund

Hier zeigt der Tatra nicht nur gute Geländegängigkeit dank weicher Federung, sondern erweist sich auch als tauglich für Flussdurchfahrten.

Da die Luft für den V8-Motor hinten von oben angesaugt wird, bestand kaum Gefahr, dass bei solchen Aktionen Wasser den Antrieb lahmlegt. Auch Überhitzung oder Frostschäden im Wechsel zwischen Wüste und Hochgebirge sowie Steinschlagschäden am Kühler waren nicht zu befürchten.

Buchtipp für Tatra-Freunde:

Auf deutsch sind von Jiri Hanzelka und Miroslav Zikmund folgende Reisebücher mit vielen Tatra-Bildern erschienen:

  • Afrika – Traum und Wirklichkeit
  • Südamerika – Zwischen Paraná und Río de la Plata
  • Südamerika – Über die Kordilleren
  • Südamerika – Bei den Kopfjägern
  • Mittelamerika – Zwischen zwei Ozeanen

Aufgelegt jeweils im Verlag Volk u. Welt (1954-59). Antiquarisch erhältlich über http://www.eBay.de oder http://www.zvab.com

4. Regionaltreffen ADLERWERKE

Am 26. September 2015 fand im Raum Frankfurt das 4. Regionaltreffen ADLERWERKE statt. Hier der Bericht von Manfred Schleißing, Vorsitzender des ADLER-MOTOR VETERANEN CLUB:

„Das Regionaltreffen ADLERWERKE ist eine schöne familiäre Veranstaltung, die sich als Tradition etabliert hat. Wenige Tage vorher waren erst vier Teilnehmer angemeldet….doch dann lachte die Sonne an einem warmen Herbsttag und so konnte Fahrtleiter Rolf Ackermann 32 Personen mit 19 Adler-Fahrzeugen am Treffpunkt in der Klassikstadt Frankfurt begrüßen. Darunter befanden sich einige Nicht-Mitglieder, die unser Treffen kennenlernen wollten.

Benzingespräche, ein Rundgang durch die Ausstellungsräume der Klassikstadt und ein geselliges Mittagessen schafften beste Stimmung. Bevor die alten Herren sich zu einem Nickerchen zurückziehen konnten, scheuchte sie Fahrtleiter Rolf auf die Strecke. Ausgerüstet mit Kartenskizze und Beschreibung machten wir uns auf den Weg.

Vorneweg ein hundertjähriger ADLER 5/13. Ohne Blinker, nur mit Winkkelle und viel Optimismus nahm er die teils heftigen Steigungen über Bergen-Enkheim und Vilbel nach Bad Homburg in Angriff. Trotz einer kleinen, schnell behobenen Panne lief er auf seiner Premiere nach der Vollrestaurierung 50 km zur Zufriedenheit.

In der Central Garage in Bad Homburg wartete ein weiße ADLER 18/35 von 1906 mit 4,7 Liter Hubraum und 35 PS auf uns. Er ist Mittelpunkt einer Ausstellung mit edlen alten Reisewagen unter dem Titel „Mit dem Auto in die Kurstadt“. An über 30 Stationen trifft Kurgeschichte auf Automobilgeschichte. Schwerpunkte sind die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die 1920/30er Jahre und die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Muss man gesehen haben!

© Ausstellung Central Garage 2015; Bildrechte: Michael Schlenger; weitere Bilder hier

Die stilvolle GASOLIN Tankstelle vor der Central Garage hatte leider kein Benzin (Preis 1935 war 38 Pfennig/Liter) für uns und so ließen wir die Adler wieder Richtung Frankfurt fliegen.

Gegen 16 Uhr trafen alle im ADLERWERK ein. Dort ließen wir in Wort und Bild die 1. Clärenore-Stinnes-Erinnerungsfahrt Revue passieren. Das machte Appetit auf die geplante 2. Fernfahrt von den ADLERWERKEN nach Berlin im Juli 2016.

Letzter Höhepunkt war ein Vortrag über ein besonderes Stück Frankfurter Geschichte: den Flugplatz Rebstock von 1926 bis 1939. Hier landeten und starteten nicht nur Flugzeuge und Zeppeline, sondern auch ADLER setzte hier mit der Übernahme des GERNER Flugzeugbau 1934 zu einem kurzen Höhenflug an, der jedoch schon 1935 mit einer Bruchlandung endete.

Ein schöner Tag ging viel zu früh zu Ende. Freuen wir uns schon auf das 5. Regionaltreffen ADLERWERKE im September 2016!“

Mit freundlicher Genehmigung von Manfred Schleißing

Passend dazu: Originalreklame der Adler-Werke aus dem Kriegsjahr 1917.

© Reklame aus: Illustrirte Zeitung, 1917; Sammlung Michael Schlenger