Platz für zwei: (Wieder) ein Opel 8/25 PS

Freunde von Vorkriegswagen haben ein großes Herz – das müssen sie auch, denn Autos von einst abertausenden Herstellern warten darauf, dass man sich ihrer annimmt.

Doch bei aller Offenheit für solche ungeregelte und produktive Vielfalt – nebenbei das Gegenteil heutiger Verhältnisse, wo einige wenige Marken dem Wunschdenken tausender bildungs- und technikferner Politiker ausgesetzt sind – hat doch jeder seine Favoriten.

Mir sind bislang keine Beschwerden untergekommen, dass jemand keine wiederholte Betrachtung seines Lieblingsgefährts mögen würde. Das trifft gewiss auch für den Gegenstand des heutigen Blog-Eintrags zu.

Dabei gilt das Motto „Platz für zwei“ nicht nur in doppelter Hinsicht, sondern gleich mehrfach. Beginnen wir kurzerhand mit Nummer 1, die sicher manchem Leser vertraut ist:

Opel 8/25 PS (Typ 8M21); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser fesche Opel mit messerscharfer Optik wurde 1925 in Langelsheim (Harz) aufgenommen. Er ließ sich als Typ 8/25 PS identifizieren – ein neues Modell der frühen 1920er Jahre, das unterhalb des traditionellen Typs 9/25 PS angesiedelt war.

Statt aus 2,3 Litern wie beim Opel 9/25 PS schöpfte das auch als 8M21 bekannte Modell seine Leistung aus deutlich weniger Hubraum: In dem neuen Aggregat war nur noch Platz für zwei – Liter, in diesem Fall – das aber verbunden mit agilerer Charakteristik.

Platz für (nur) zwei war ganz offensichtlich auch im Innenraum – hier haben wir nämlich einen schicken Zweisitzer mit Bootsheck vor uns, wie man ihn von Opel in dieser Klasse nicht alle Tage zu sehen bekommt.

Lange glaubte ich, dass ich kein zweites solches Foto auftreiben würde, und in gewisser Hinsicht stimmt das auch. Denn mir selbst ist das bislang nicht gelungen – dafür aber dem Sammlerkollegen Matthias Schmidt aus Dresden.

Und wieso sollte in meinem Blog nicht Platz für zwei sein – wenn es sich um denselben Wagentyp handelt? Es gibt wahrlich schlimmere Wiederholungen als diese hier:

Opel 8/25 PS (Typ 8M21); Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Abgesehen davon, dass der Fotograf hier nicht so in die Knie gegangen ist wie bei der ersten Aufnahme, sehen wir hier einen Opel 8/25 PS Zweisitzer aus praktisch identischem Blickwinkel.

Die Unterschiede sind auch auf den zweiten Blick minimal: Die unteren Scheinwerfer zur Ausleuchtung des Vorfelds des Wagens sind hier stärker zu den Straßenrändern ausgerichtet, die häufig recht abrupt im Graben endeten.

An der Frontscheibe ist hier nicht nur „Platz für zwei“ links und rechts der Mittelstrebe, sondern fahrerseitig auch oben und unten, während beim ersten Foto diese Hälfte nicht zweigeteilt ist.

Ganz klar „Platz für zwei“ ist bei beiden Wagen hinter dem Vorderkotflügel, und zwar für die Ersatzräder. Im Fall des zweiten Fotos wäre freilich noch Platz für einen davon.

„Platz für zwei“ ist außerdem bei beiden Autos auf der rechten Fahrzeugseite – nämlich für Schalt- und Bremshebel, wie das Anfang der 1920er Jahre noch sehr verbreitet war.

Der Opel auf der Aufnahme von Matthias Schmidt hatte aber auch noch Platz für einen Suchscheinwerfer auf der Fahrerseite – etwas, was wieder in Mode kommen könnte, wenn man weiter bloß trübe Funzeln als angebliche „Energiesparlampen“ installiert.

Platz für zwei – das gilt nicht zuletzt für unterschiedliche Typen – den sich sportlich gebenden jungen Mann mit Prinz-Heinrich-Mütze, der energisch den Ganghebel umfasst, und den gereifter wirkenden Herrn, der seine Sturm-und-Drang-Phase hinter sich hat.

So verschiedenen Charaktere bot vor bald 100 Jahren der Opel 8/25 PS Zweisitzer Platz – und wie ich weiß, steht in den Herzen mancher Opel-Vorkriegsfreunde unter meinen Lesern genau dieses Modell sogar auf dem ersten Platz!

Anmerkung: Das erste Foto in diesem Blog-Eintrag habe ich für die 2019 erschienene Neuausgabe (2019) von Werner Oswalds Klassiker „Deutsche Autos 1920-1945“ auf S. 412 zur Verfügung gestellt. Die dort wiedergegebene Modellbezeichnung „10/35 PS Viersitzer“ ist allerdings falsch, einer von etlichen redaktionellen Mängeln dieser Ausgabe).

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Nichts ist unmöglich! Ford Model A

Erinnern Sie sich an den tierisch erfolgreichen Werbefilm von Toyota aus den 1990er Jahren, in dem Affen der Slogan „Nichts ist unmöglich“ in den Mund gelegt wurde?

Ich muss gestehen, dass ich dieses Meisterwerk bislang nur vom Hörensagen kannte, denn einen Fernseher habe ich nie besessen. Wer sich fragt, woher ich die Zeit für diesen Blog sowie etliche alter Autos und Motorräder nehme, findet einen Teil der Antwort darin.

Bei der Suche nach einem Titel für den heutigen Blog-Eintrag fiel mir der Spruch wieder ein, für den die Werbeleute von Toyota seinerzeit gefeiert wurden. Tatsächlich passt er in doppelter Hinsicht:

Zum einen waren damals Toyota-Wagen das, wofür einst das Model A von Ford stand: bezahlbare und zuverlässige Mobilität in anspruchslosem Erscheinungsbild. Heute füllen hierzulande Dacia und Kia diese Rolle aus – Wohlstandszuwachs sieht anders aus…

Zum anderen war auf Basis des Ford Model A tatsächlich nichts unmöglich – den Beweis dafür trete ich heute anhand drei ganz unterschiedlicher Originalaufnahmen an, die allesamt in Deutschland entstanden.

Vielleicht nicht jedermann ist bekannt, dass Ford schon vor Gründung des Kölner Werks (1930/31) Automobile in Berlin gefertigt hatte – zunächst noch einige tausend Exemplare des legendären Model T, dann ab 1928 fast 20.000 Wagen des Model A.

Auch wenn die Berliner Fertigung nicht die Effizienz der Massenproduktion in den USA erreichte, war damals kein deutscher Hersteller in der 40 PS-Klasse imstande, ein von den Kosten her annähernd konkurrenzfähiges Auto zu bauen,

So begegnete man in deutschen Landen dem Ford A in der Vorkriegszeit auf Schritt und Tritt – in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen und Situationen:

Ford Model A Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir eine Ford A Limousine als Hochzeitsauto, wenn ich die Aufnahmesituation richtig deute.

Von dem Wagen sieht man gerade genug, um ihn zu identifizieren – Drahtspeichenräder, Doppelstoßstange, unterer Kühlerabschluss und Gestaltung der Haubenpartie sind typisch für das Model A.

So wenig man hier von dem Ford sieht, so sehr gefällt mir diese Aufnahme – nicht nur, weil sie von der Rolle des Automobils als Familienmitglied erzählt, sondern vor allem, weil soviel Leben darin zu sehen ist. Allein mit der Frage, wer hier mit wem verwandt ist, kann man einige Zeit vertun – selbst das ist besser als Fernsehen.

Von diesem Dokument aus Niedersachsen geht es nun in die Reichshauptstadt, wo ein Ford Model A ein unvermeidlicher Anblick war. Selbst wer sich keinen leisten konnte, mag mit dieser Ausführung in Kontakt gekommen sein:

Ford Model A Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Diese schöne Aufnahme eines Berliner Taxis auf Basis des Ford A verdanke ich Matthias Schmidt (Dresden).

Man kann hier einige Besonderheiten studieren wie die schüsselförmigen Scheibenräder, die im Alltag praktischer waren als die Drahtspeichenräder, aber auch die verstellbare Kühlerjalousie, die ich so noch an keinem Wagen dieses Typs gesehen habe.

Der Besitzer gönnte sich und dem Ford außerdem ein auf dem Kühlwassereinfüllstutzen montiertes Thermometer, das vom Innenraum aus ablesbar war. Ein weiteres Zubehör war der Außenspiegel, damals noch nicht selbstverständlich.

Doch auch an das Wohl der Passagiere wurde hier gedacht: Bei schönem Wetter ließ sich das Verdeck über der Rückbank – und nur dort – öffnen, ein klassischer Landaulet-Aufbau also. So etwas sucht man im Berlin des 21. Jh. – und nicht nur dort – vergebens.

Nichts war unmöglich mit so einem Ford Model A, möchte man da meinen. Weitere Bestätigung liefert das dritte und für heute letzte Foto:

Ford Model A 6-Fenster-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch diese eindrucksvolle Sechsfenster-Limousine basierte auf dem braven Ford Model A. Die Kühlerpartie lässt keinen Zweifel daran, wenngleich auch hier untypische Scheibenräder montiert sind, in diesem Fall sogar mit verchromten Radkappen.

Ford bot solche viertürigen Limousinenaufbauten als „Fordor“ an – eine clevere Wortschöpfung, die wie „four door“ klang und zugleich den Markenname enthielt.

Dabei handelte es sich um die aufwendigste Variante des Ford Model A, doch selbst sie muss aus Sicht der Käufer alles andere aus dem Feld geschlagen haben – und das dem Kennzeichen nach zu urteilen in Sachsen, damals Deutschlands Autostandort Nr. 1!

Kein Wunder: Der gleichstarke Wanderer W10/II 8/40 PS kostete als viertürige Limousine 1928 satte 7.500 Reichsmark, während der Ford „Fordor“ für 4.800 Mark zu haben war. Wanderer konnte nur rund 1.500 Exemplare vom Typ 8/40 PS absetzen.

So war damals für Ford tatsächlich nichts unmöglich – schlicht weil man das Model A wie seinen Vorläufer konsequent vom Marktbedarf her gedacht hatte und sich nicht von den realitätsfernen Träumereien irgendwelcher Konstrukteure leiten ließ.

Einfache Technik, ordentliche Leistung, solide Verarbeitung und Eignung für die Großserienproduktion – dieses Rezept ermöglichte ein Ergebnis, das nicht nur erfolgreich, sondern auch erfreulich war.

Nehmen Sie sich etwas Zeit und genießen Sie einen unrestaurierten Ford A „Fordor“ von 1929. Wer begreifen will, warum vermeintlich einfache Autos wie dieses ihre Besitzer glücklich machten und machen, muss sich das anschauen – bis zum Schluss:

Videoquelle: Youtube.com; hochgeladen von: Paul Shinn

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Original oder Fälschung? Ein Stoewer S8 „Cabriolet“

Heute geht es auf den ersten Blick zwar um einen alten Bekannten, doch wie das bei Vorkriegswagen oft so ist, lassen sich ihm auch nach über 90 Jahren noch neue Seiten abgewinnen.

Das gilt besonders für die feinen Manufakturwagen der späten 1920er Jahre, die Stoewer aus Stettin fertigte und von denen kaum ein Exemplar vollkommen dem anderen entsprach. So kommt es, dass auch ein an sich gut dokumentierter Typ wie der S8 von 1928 die Frage aufwirft „Original oder Fälschung“?

Beim Stoewer S8 handelte es sich um einen der ersten deutschen Achtyzlinderwagen und auch wenn der Motor nicht die Raffinesse und Leistung des parallel eingeführten Horch „8“ erreichte, bleibt es bemerkenswert, dass Stoewer in dieser Liga mitspielte.

Stoewer gelang es zudem, seinen Achtzylinderwagen durch markante Gestaltungsdetails ein eigenständiges Erscheinungsbild zu geben – indem man sich von weniger gängigen US-Vorbildern „inspirieren“ ließ.

Im Fall des S8 übernahm man vom amerikanischen „Gardner“ des Modelljahrs 1927 die Aufteilung der Luftschlitze in kleine übereinanderliegende Felder – wie sie hier sehr schön zu studieren sind:

Stoewer S8 von 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Gerade richtet der Besitzer eines Stoewer S8 die Kühlerfigur des Wagens – den berühmten pommerschen Greif.

„Sehen Sie, Franz, der Greif muss stets genau nach vorne weisen.“„So ist er, der Herr Doktor, als ob ich nicht wüsste, wo’s lang geht!“ könnte sich der Fahrer gedacht haben…

Die bei Gardner – einer von 1920 bis 1932 existierenden Nischenfirma abgeschauten Luftschlitze finden sich auf der folgenden Aufnahme aus der Sammlung von Klaas Dierks wieder, dank der ich den S8 nun erstmals in ganzer Pracht zeigen kann:

Stoewer S8, Vierfenster-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Die wesentlichen Details der vorherigen Aufnahme finden sich hier wieder – die Luftschlitze, die lackierten Scheinwerfer in Trommelform und der Greif auf dem Kühler.

Unterschiede betreffen das Fehlen der vorderen Doppelstoßstange und der vernickelten (oder verchromten) Radkappen – eventuell aufpreispflichtige Extras.

Dass der Besitzer dieses Wagens – vermutlich der junge Mann im damals als sportlich geltenden hellen Trenchcoat – sich nicht das „volle Programm“ von Stoewer leistete, zeigt auch der Umstand, dass er „nur“ die vierfenstrige Version der Limousine wählte und nicht die repräsentative Pullman-Limousine mit sechs Seitenfenstern.

So konnte er neben einigen Reichsmark auch das eine oder andere Kilogramm an Gewicht sparen, denn der Motor des Stoewer S8 hatte mit gerade einmal 45 PS aus 2 Litern Hubraum auch so genug an dem 1,3 Tonnen schweren Wagen zu schleppen.

Parallel bot Stoewer übrigens im Typ G14 ein deutlich stärkeres 8-Zylinder-Aggregat an, das mit 70 PS aus 3,6 Liter Hubraum der Wagenklasse eher angemessen war. Man kann den G14 eigentlich nur anhand der Zahl der Felder unterscheiden, auf die sich die seitlichen Luftschlitze unterteilen – acht statt sechs wie beim S8.

Allerdings war der G14 nicht nur wesentlich teurer, sondern auch weit schwerer und vor allem viel durstiger. Spitze 100 km/h (statt 85 km/h beim S8) forderten mit 18 Liter Verbrauch (ggü. 13 Liter) einen heftigen Tribut.

Da mag es für den einen oder anderen Interessenten attraktiver gewesen sein, sich für den zwar schwächeren, aber wesentlich wirtschaftlicheren S8 zu unterscheiden. Zudem gab es eine weitere Möglichkeit, das Leistungsgewicht zu reduzieren, nämlich diese hier:

Stoewer S8, 2-Fenster-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Auch diese Aufnahme haben wir dem Spürsinn von Leser und Vintagefoto-Spezialist Klaas Dierks zu verdanken.

Auch wenn die junge Dame mit Töchterchen hier die Front verdeckt, spricht die Haubenpartie für einen Stoewer S8 von 1928. Doch dahinter beginnt es rätselhaft zu werden.

Denn hier haben wir keinen gängigen Aufbau als Limousine oder (seltener) Tourenwagen. Auf den ersten Blick scheint es sich um ein zweitüriges Cabriolet zu handeln.

In Verbindung mit dem Radstand von 3,10 m wirkt dieser Aufbau aus heutiger Sicht zwar ungewöhnlich, doch findet man so etwas in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren durchaus.

Die eigentliche Frage, die mich umtreibt, ist folgende: Handelt es sich hier um ein originales Cabriolet oder ist der Aufbau nur so zurechtgemacht? Dann hätten wir es mit einem „Faux Cabriolet“ zu tun, also quasi einer Täuschung des Betrachters?

Für die These eines „gefälschten“ Cabriolets spricht aus meiner Sicht unter anderem das Fehlen eines mittigen Gelenks an der seitlichen Sturmstange. Man findet solche funktionslosen Elemente öfters bei „Faux Cabriolets“, da diese erheblich zum Eindruck eines originalen Cabriolets beitragen.

Zudem scheint mir der untere Abschluss des „Verdecks“ an der Seite und am Heck nahtlos in den Karosseriekörper überzugehen. Meine Vermutung ist, dass wir es mit einem kunstledernen Scheinverdeck auf einem festen Holzrahmen zu tun haben.

Ich kann mich aber auch irren und würde mich daher über Lesermeinungen zur natürlich augenzwinkernd gemeinten Frage freuen: „Original oder Fälschung?“

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Mit Chauffeur und 6 Zylindern: Ein Fiat 512

Der einzige moderne Fiat, der noch als authentisch wahrgenommen wird, ist wohl das Modell 500. Ich habe den Wiedergänger des legendären „Cinquecento“ letztes Jahr als Mietauto über Englands Landstraßen gescheucht und viel Freude daran gehabt.

Doch auch diesem ausgezeichnet konstruierten, effizienten und kompakten Auto wird der irre Krieg der Politik gegen den Verbrennungsmotor und die erschwingliche Mobilität auf vier Rädern für jedermann demnächst den Garaus machen.

Vor rund 100 Jahren hätte man es nicht für möglich gehalten, dass man das Automobil wieder zu einer exklusiven Angelegenheit für gutsituierte Käufer von Batteriekutschen machen will – während sich die Bonzen weiter gepanzerte Benzinmobile gönnen…

So ändern sich die Zeiten und man gewinnt hierzulande mehr und mehr den Eindruck – nicht zum Besseren. Den Zumutungen des Alltags kann man jedoch zuverlässig durch die Flucht in die Vergangenheit entgehen – und sei es auch nur vorübergehend. Klassische Automobile sind dafür die perfekte Zeitmaschine…

An den Auftakterfolg des Fiat 501, der ab 1919 in über 80.000 Exemplaren gebaut und zu einem globalen Erfolg wurde, knüpften die Turiner 1925 mit dem Nachfolger 509 an.

Die Leistung blieb mit 23 PS überschaubar, doch genügten dazu nun nur noch 990 ccm Hubraum statt zuvor 1,5 Liter. Dank obenliegender Nockenwelle war der kleine Vierzylinder so drehwillig wie wohl kein anderes Großserienaggregat in dieser Klasse.

Dass der Fiat 509 ebenfalls am Markt einschlug, das verraten die Produktionszahlen: Bis 1929 entstanden über 90.000 Stück davon. Viele fanden auch in deutschen Landen Käufer, für die die heimische Autoindustrie nichts Vergleichbares im Angebot hatte:

Fiat 509 Tourenwagen, Zulassung im Raum Berlin; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Während weltfremde deutsche Ingenieure an Luxuswagen oder skurrilen Konzepten zu einem „Volksautomobil“ herumdokterten, zeigte Fiat mit dem Typ 509, dass man schlicht den Bedarf des Marktes verstanden hatte:

Ein Kleinwagen darf nicht wie das Bastelprodukt einer Hinterhofgarage aussehen, sondern muss wie ein ernstzunehmendes Automobil daherkommen. Fiat gelang das mit der an der Oberklasse orientierten klassischen Kühlerfront absolut perfekt.

Wie bei Rolls-Royce ist die Kühlermaske der Front eines antiken Tempels mit Dreiecksgiebel nachempfunden. Das Profil setzt sich bis zur Frontscheibe fort. Diese wie gemeißelt wirkende klassische Ästhetik findet sich bei allen Fiats ab 1925.

Die Schattenseite für uns Nachgeborene besteht nicht nur darin, dass so stilsicher heute kaum noch gestaltet wird, sondern dass die Fiat-Wagen der zweiten Hälfte der 1920er Jahre teilweise schwer auseinanderzuhalten sind. Beim Fiat 509 findet sich als einzigartiges Detail das vorn unter dem Kühler hervorschauende Anlassergehäuse.

Doch in anderen Fällen ist die Sache nicht so einfach. So warten noch etliche Fiat-Aufnahmen in meinem Fundus auf die Identifizierung des abgebildeten Typs. Unterdessen kann ich heute wieder einmal ein Exemplar zeigen, bei dem Klarheit besteht:

Fiat 512 Außenlenker; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Prachtstück spielt eindeutig in einer anderen Liga als der zuvor gezeigte Fiat 509 Tourer, auch wenn die Frontpartie dem Prinzip nach gleich gestaltet ist.

Doch hier ist der Kühler deutlich höher und auch die Motorhaube reicht wesentlich weiter nach oben. Auf einen deutlichen Klassenunterschied weisen außerdem die Scheinwerfer mit vernickeltem Zierring und die (wohl nachgerüstete) Stoßstange hin.

Dass wir uns hier nicht in den Sphären einer ordinären Familienkutsche bewegen, zeigt aber vor allem das vom Passagierraum abgeteilte Fahrerabteil, in dem ein eigens angestellter Chauffeur schaltete und waltete.

Links hinter dem Fahrer sieht man das Sprechrohr, über das die Insassen Anweisungen geben konnten. Übrigens saß der Chauffeur bei Regen nicht im Freien, sondern konnte ein Notverdeck vorn am Scheibenrahmen befestigen.

Ein Fiat mit dermaßen luxuriöser Anmutung bot auch antriebsseitig Besonderes. Denn die Gestaltung der Haubenseite mit den weit unten endenden Luftschlitzen und der beträchtlichen freien Fläche oberhalb der darüberliegenden Zierleiste ist typisch für das Modell 512, der ein Jahr nach dem 509 erschien.

Der Typ 512 war Fiats Nachfolger des Sechszylindermodells 510, das ab 1919 parallel um kompakten 501 gebaut wurde. Im Unterschied zum 509 besaß der 512 zwar weiterhin nur seitlich stehende Ventile, doch stieg die Leistung auf 50 PS.

Damit war der Fiat völlig ausreichend motorisiert, zumal der Hubraum von 3,5 Litern eine elastische Motorcharakteristik erwarten lässt, die sich auch auf Reisen in bergigen Gegenden bewährt.

Ein rares Detail sei zuletzt noch erwähnt. Dieser Wagen verfügt nämlich über einen links angebrachten Außenspiegel, der dem noch rechts sitzenden Fahrer das Leben leichter machte. Weitere Details lassen sich auf diesem Ausschnitt genießen:

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Eine Wucht! Austro-Daimler Type ADR „Armbruster“

„Das ist ja eine Wucht!“ – wann und wo hat man das zuletzt gehört oder gelesen? Mir scheint das ein im Aussterben befindlicher Ausdruck zu sein – Anlass, ihn wieder einmal zu benutzen so wie das schöne „Guten Morgen“ statt des schnöden „Hallo“.

Heute passt dieser Ausdruck von Begeisterung im doppelten Sinne, denn zur Wucht, die einen umhaut, passt auch die im Titel anklingende Waffe – die Armbrust. Letztere ist übrigens ein Beispiel für eine Verballhornung eines fremdsprachlichen Wortes.

Die Armbrust wurde bereits in der Antike erfunden und in spätrömischer Zeit als „arcu balista“ bezeichnet. Das Wort schliff sich später auf Umwegen zur deutschen Armbrust ab. Die Waffe zeichnet sich durch die enorme Wucht aus, mit der sie aus vorgespanntem Zustand Metallbolzen verschießt, die sogar Rüstungen zu durchschlagen vermögen.

Gebaut wurde diese technisch raffinierte Waffe, die manchen sich fest im Sattel wähnenden Ritter vom Pferd gehauen hat, traditionell vom Armbruster. Der musste sich freilich mit dem Aufkommen der Feuerwaffen auf ein anderes Handwerk verlegen.

Zumindest in einem Fall scheint die Familientradition vom Kriegsgerät zur Fabrikation von Kutschaufbauten und später Automobilkarosserien geführt zu haben – doch die Wucht, mit der das fertige Produkt einen trifft, blieb dabei nicht auf der Strecke:

Austro-Daimler ADR, Karosserie: Armbruster; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Prachtexemplar eines Sportcabriolets traf und trifft den Betrachter völlig unerwartet. Man darf sicher sein, dass auch mancher Kenner von Vorkriegsautomobilen nach erstem Schock erst einmal tief Luft holen muss.

„Das ist die Wucht!“ werden selbst die Freunde der Marke Austro-Daimler ausrufen, denn dieses Exemplar begegnet einem auch dann nicht alle Tage, wenn man sich regelmäßig mit den Modellen der Wiener Traditionsmanufaktur beschäftigt.

Der Wagen mit klassischer Zweifarblackierung wirkt perfekt proportioniert und erfreut das Auge mit dem Auf und Ab der Linien wie die Donauwelle den Gaumen. Doch der Blick auf das riesige Lenkrad offenbart, wie extrem flach dieser Wagen gehalten war.

Die Basis der 1927 eingeführte Austro-Daimler ADR – begünstigte mit seinem Zentralrohrrahmen ein tiefsitzendes Fahrer- und Passagierabteil. Mit einem 70 PS starken 3-Liter-Sechszylinder besaß er zudem sportliche innere Werte.

Rennfahrer Hans Stuck fuhr privat einen solchen Austro-Daimler ADR – und zwar genau in der Ausführung, die wir hier sehen:

Nur das Kennzeichen aus Düsseldorf verrät, dass wir nicht den Wagen von Hans Stuck vor uns haben, denn der besaß ein österreichisches Nummernschild.

Ansonsten handelt es sich um denselben Aufbau als zweisitziges Sportcabriolet der Wiener Karosseriemanufaktur Armbruster.

Übrigens hatte ich den Wagen zunächst als ab 1931 gebauten Typ ADR-8 angesprochen. Dieser erhielt einen noch längeren Radstand und einen formidablen Reihenachtzylinder mit obenliegender Nockenwelle, der satte 100 PS auf den Weg zur Hinterachse schickte.

Wie mir ein sachkundiger Leser mittteilte, war der ADR-8 vom Sechszylindermodell durch eine kleine „8“ oberhalb des Markenschriftzugs am Kühler zu unterscheiden – leider fehlt dieses Detail hier, sonst wäre dies einer von nur rund 50 gebauten ADR-8.

Mit dem ADR-8 endete die eigenständige Automobilfertigung von Austro-Daimler – 1934 erfolgte der Zusammenschluss mit Steyr und Puch zur Steyr-Daimler-Puch AG. Einen spektakuläreren Abschluss von 35 Jahren Automobilfertigung kann man sich schwer vorstellen…

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Rätselhaftes Trio: Ein „Dixi“-Tourer um 1909

Mit der thüringischen Marke Dixi habe ich mich in meinem Blog schon öfters beschäftigt – meist anhand der recht verbreiteten G-Typen der 1920er Jahre sowie des Austin 7-Lizenznachbaus 3/15 PS Typ DA1.

Von den frühen Modellen vor dem 1. Weltkrieg konnte ich bislang nur einen Dixi T7 von 1905 dingfest machen (Porträt hier).

Die schillernde Vielfalt der übrigen bis zum 1. Weltkrieg gebauten Dixi-Modelle wird näherungsweise in Halwart Schraders Klassiker „BMW-Automobile“ deutlich, das ein umfangreiches Kapitel zu den Eisenacher Dixi-Werken umfasst, wo nach Übernahme der Marke die ersten BMWs gebaut werden sollten.

Das Dixi-Kapitel ist zwar mit vielen Werksaufnahmen und Prospektabbildungen garniert, doch darf an deren Zuschreibung angesichts teilweise identischer Abbildungen bei unterschiedlichen Typen gezweifelt werden.

Umso erfreulicher, wenn doch einmal zeitgenössische Fotos solcher frühen Dixi-Automobile auftauchen, die die Wagen im Alltag zeigen – auch wenn dabei einige Unwägbarkeiten mit im Spiel sind. So haben wir es heute mit einem Trio zu tun, das sich zwar am Ende erstaunlich offen zu erkennen gibt, aber dennoch rätselhaft bleibt.

Den Anfang macht diese prachtvolle Aufnahme, die vor der gewaltigen Festung Königstein in Sachsen entstand:

Dixi Tourenwagen von ca. 1905/06; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Festungsanlage gehört mit ihrer großartigen Lage und den Bauphasen vom Mittelalter bis in die Barockzeit zu den herausragenden Sehenswürdigkeiten des Elbsandsteingebirges.

Der Tourenwagen davor verliert sich beinahe in der Aufnahme, die im Original ein noch größeres Panorama umfasst. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass wir es mit einem durchaus repräsentativen Fahrzeug zu tun haben.

Dem Aussehen nach würde man hier auf etwa 1905/06 tippen. Schauen wir genauer hin:

Dixi Tourenwagen von ca. 1905/06; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man präge sich hier folgendes ein: die Stellung des geöffneten Verdecks, die Gestaltung der Karosserieflanke mit geschwungenem unteren Türabschluss, auf der Beifahrerseite angebrachter Ballhupe und einem großen Kasten am vorderen Ende des Trittbretts.

Festzuhalten ist außer dem die senkrechte, sehr hohe Windschutzscheibe, die wohl keine Verstellmöglichkeiten bot. Nicht zuletzt präge man sich die beiden Insassen ein – der Dritte im Trio dürfte sich zu diesem Zeitpunkt hinter der Kamera befunden haben.

Zusammen mit dieser Aufnahme habe ich das folgende Foto erworben, das vom Papier und der Alterung her dazu zu passen scheint. Es zeigt einen ganz ähnlich wirkenden Wagen, aber diesmal schräg von hinten aufgenommen:

Dixi Tourenwagen um 1909; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man ist spontan geneigt, hier dasselbe Auto zu sehen – doch auch wenn die Aufnahmen demselben Konvolut entstammen, ist das nicht der Fall.

So liegt das geöffnete Verdeck hier flacher auf, die Werkzeugkiste befindet sich am hinteren Ende des Trittbretts, davor sind zwei Reservereifen angebracht. Vor allem aber erscheint die Windschutzscheibe hier niedriger und ist schräg fixiert.

Könnte aber nicht einer der Insassen aus dem Wagen auf dem ersten Foto hier mit von der Partie sein? Nun, auszuschließen ist das nicht, vielleicht sind sogar beide hier zu sehen. Doch kann dies auch täuschen, da die den funktionellen Anforderungen angepasste Reisekleidung das Erscheinungsbild dominiert.

Ein Zusammenhang zwischen dem Trio auf diesem Foto und dem vorherigen bleibt gleichwohl möglich. Nur was den Wagen angeht, ist der Unterschied gegeben.

Auf ein Detail sei hier noch verwiesen. Wirft man einen Blick auf das Kennzeichen am Heck, scheint dort „CG“ und dann in der zweiten Zeile „302“ stehen. Wirkt erst einmal ungewöhnlich für ein deutsches Nummernschild.

Doch der Eindruck täuscht nicht, denn auf dem dritten Foto aus dieser kleinen Serie ist dasselbe Kennzeichen zu sehen, diesmal von vorn und etwas deutlicher:

Dixi um 1909; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn sich unser Herrentrio hier wieder etwas anders darstellt, ist wiederum eine Schnittmenge gegeben. Nun passen auch die schräggestellte Windschutzscheibe, die Reservereifen und die Neigung des niedergelegten Verdecks.

Rätselhaft bleibt manche Übereinstimmung mit dem Wagen auf dem ersten Foto: Auch hier ist am vorderen Ende des Trittbretts ein Kasten zu sehen, oberhalb der Ersatzreifen lugt ein Teil des Hupenballs hervor. Zudem würde die Windschutzscheibe hochgeklappt wohl wieder so groß wirken wie bei dem Wagen auf der ersten Aufnahme – verwirrend.

Doch findet sich hier ein weiterer klarer Unterschied: die Gestaltung der Vorderschutzbleche, die hier vorn nicht gerade und kastenförmig auslaufen, sondern abgerundet sind und außerdem einen inneren Spritzschutz besitzen:

Dixi-Tourenwagen um 1909; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun erscheinen besagte Innenkotflügel nachträglich angebracht, und die Schutzbleche selbst könnten gegenüber der ersten Aufnahme verändert worden sein.

Doch weitere Unterschiede betreffen den hier geschwungenen oberen Abschluss der Schottwand zwischen Motorraum und Fahrerabteil. Andererseits finden sich wie auf dem ersten Foto ebenfalls merkwürdige Scheinwerfer am hinteren Ende der Vorderkotflügel.

Man ist hin- und hergerissen – haben die beiden Wagen am Ende doch mehr miteinander gemeinsam als nur die Insassen (oder einige davon)?.

Klar ist nur eines: Der Tourenwagen auf dem dritten Foto ist ein Dixi, auch wenn ich im ersten Reflex an die Marke „Dux“ der Leipziger Polyphonwerke dachte – aber da war der Wunsch nach einer solchen Rarität Vater des Gedankens.

Für den ab 1908 recht häufig gebauten kompakten Typ R8 mit 1,6-Liter-Motor wirkt der Wagen zu groß. Auch die zehn statt nur acht Speichen in den Vorderrädern sind ein Indiz für eine stärkere Motorisierung.

Dummerweise kommen hier gleich mehrere Modelle in Frage, da Dixi zu jener Zeit eine kaum überschaubare Palette an Vierzylindermodellen mit Hubräumen bis zu 7,3 Litern (Typ U35) anbot.

Aus meiner Sicht ist es kaum mehr möglich, den Typ exakt zu bestimmen, was aber nicht weiter schlimm ist, da allein schon ein solches Foto mit einem eindeutig als früher Dixi zu erkennenden Wagen ein erfreulicher Fund ist.

Das das Kennzeichen mit dem auf dem zweiten Foto übereinstimmt, hätten wir zudem den raren Fall, dass ein und derselbe Wagen in Front- und Heckansicht dokumentiert ist.

Zu dem Nummernschild selbst noch ein Wort. Ich hielt es anfänglich für ein ausländisches, doch ein Blick in Andreas Herzfelds unverzichtbares Werk „Deutsche Kfz-Kennzeichen, Band 1, Deutschland bis 1945“ lieferte die Lösung.

Unser Herrentrio mit dem großzügigen Dixi-Tourenwagen stammte aus dem Bundesstaat des Deutschen Reichs Sachsen-Coburg-Gotha, wo ab Ende 1906 die Kennung „CG“ verwendet wurde.

Reiselustig scheinen die Herren aus dem Herzogtum gewesen zu sein – und Vertrauen in die Zuverlässigkeit ihres Dixi hatten sie ebenfalls. Denn das dritte Foto dieser schönen Reihe zeigt sie im grandiosen Mittelrheintal bei Kaub:

Just im Moment der Aufnahme rauscht hier ein prächtiger Schaufelraddampfer vor der Burg Pfalzgrafenstein vorbei, die mitten im Fluss liegt und wie die Loreley einst und heute zu den magischen Orten am Mittelrhein zählt, an denen man gern anhält und den Kontrast aus urwüchsiger Natur und menschengemachter Kulturlandschaft genießt.

Dazu passen perfekt rätselhafte Relikte wie dieses Fototrio, das ich heute behandelt habe und dessen Gehalt ich ein wenig unterschätzt hatte, als ich zu schreiben begann.

Nachtrag: Der Wagen auf dem ersten Foto – das vor der Festung Königstein – entstand, zeigt sehr wahrscheinlich ebenfalls einen Dixi, aber wohl ein etwas früheres Modell um 1905/06. Vielleicht bekommen wir doch noch mehr dazu heraus…

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Die Schöne und das Biest: Delahaye Type 122

Das Auto, das ich heute präsentiere, kennt hierzulande vermutlich kein Mensch – dennoch war der Hersteller so rasch identifiziert wie selten. Etwas länger dauerte es dann, bis der genaue Typ klar war.

Zeit nahm außerdem die Suche nach einer geeigneten Überschrift in Anspruch. Ich hätte es mir einfach machen und schlicht schreiben können: Ein Delahaye 10CV Type 122 von 1932/33 – denn genau darum handelt es sich bei dem Wagen.

Die späten Exemplare dieser legendären französischen Marke, sind tatsächlich dermaßen spektakulär, dass ihre Opulenz jede Beschreibung überflüssig macht:

Delahaye Cabriolet im Park von Schloss Chantilly, 2015; Bildrechte: Michael Schlenger

Dieser Delahaye der Enddreißiger war 2015 beim Concours d’Elegance auf Schloss Chantilly nördlich von Paris zu bewundern. Er hat außer dem Markennamen nichts mit dem Fahrzeug zu tun, das heute im Mittelpunkt steht.

So wirkt der Delahaye, den ich im Folgenden präsentiere, erschreckend nüchtern. Dennoch lässt die Aufnahme es nicht an Eleganz mangeln, bloß dass diese nicht von dem Wagen herrührt.

Dieser reizvolle Kontrast und die Enttäuschung der Erwartungen, die beim Markennamen Delahaye unweigerlich aufkommen, lieferten letztlich den Schlüssel zum Titel: „Die Schöne und das Biest“.

Nach dieser Vorrede ist es höchste Zeit für den eigentlichen Star des heutigen Blog-Eintrags:

Delahaye 10 CV Type 122 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Beim Erwerb des Originalabzugs (wie fast immer bei eBay Deutschland) hatte ich keinen blassen Schimmer, was für ein Auto darauf zu sehen ist. Nur dass es ein französisches Fabrikat um 1930 sein muss, war mir klar.

Schmale hohe und oben abgerundete Kühler wie hier finden sich bei einer Reihe französischer Wagen jener Zeit, darunter Citroen und Chenard-Walcker. Doch der leichte Abwärtsknick der oberen Kühlereinfassung sprach für einen anderen Hersteller.

Ich wäre nicht so bald darauf gekommen, fände sich nicht der Herstellername an prominenter Stelle:

Der an der Windschutzscheibe angebrachte Aufkleber mit dem Markennamen lässt vermuten, dass der Wagen brandneu war – auf die Dauer hätte man ihn wohl als störend empfunden, auch wenn er sich auf der Beifahrerseite befindet.

Stilistisch hätte ich den Wagen noch am Ende der 1920er Jahre angesiedelt, doch tatsächlich erwies er sich als deutlich jünger. Fündig wurde ich nach längerem Durchforsten der Delahaye-Typen beim Modell 10 CV Type 122 von 1932/33.

Dabei handelte es sich um einen technisch unauffälligen Wagen der oberen Mittelklasse mit 1,8 Liter-Vierzylindermotor, der 38 PS leistete – genug für Spitze 90 km/h.

Nur 800 Stück entstanden von dem Modell, das meist als Limousine verkauft wurde, deren Karosserie von SICAL zugeliefert wurde – einem Karosseriebauer, der vorwiegend für Citroen tätig war, aber auch Aufträge anderer Autofirmen annahm.

Kenner des Citroen C6 werden eine beträchtliche Ähnlichkeit mit dem Aufbau dieses Delahaye feststellen. Lediglich die in vier Gruppen angeordneten schrägstehenden Luftschlitze scheinen spezifisch für den Delahaye Typ 122 gewesen zu sein.

Besonders attraktiv wirkt der Wagen damit nicht, jedenfalls nicht auf dieser Aufnahme. Welchen Part er hier im Hinblick auf „Die Schöne und das Biest“ spielt, scheint eine ausgemachte Sache zu sein, nimmt man die junge Dame neben ihm in Augenschein:

Hach, was soll man zu soviel lässiger Eleganz sagen? Die Schöne hat sich in eine perfekt anmutende Pose begeben wie eine Diva, die das täglich macht.

Man beachte die gespreizte Linke, die Hals und Haaransatz berührt – eine raffinierte Geste, die in Vergessenheit geraten ist. Der rechte Arm ist hinter dem Rücken verborgen und gibt den Blick auf die Taille frei. Der lange Rock enthüllt in dieser Haltung mehr als er verbirgt – hier wusste jemand genau, wie man sich vorteilhaft in Szene setzt.

Der in sich ruhende Blick strahlt ein tiefes Selbstbewusstsein aus – das Bewusstsein der gewaltigen Macht, die weibliche Schönheit besitzt und die Männern verwehrt ist. An dieser Magie kann auch die kulturmarxistische Gender-Ideologie nichts ändern.

Offen bleiben muss jedoch die Frage, ob wir „Die Schöne und das Biest“ hier am Ende in Personalunion vereint sehen und der brave Delahaye nur eine Statistenrolle innehat…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Öfter mal was Neues: Audi Typ 225 Limousine

„Öfter mal was Neues“ – vielleicht nicht ganz das, was man in einem Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos erwartet – oder doch?

Nun, am Wochenende habe ich einen Stapel „neuer“ Aufnahmen gesichtet und dabei reichlich Neuentdeckungen aus der Wunderwelt des Vorkriegsautomobils gemacht.

Wenn heute wieder einmal Audi auf dem Programm steht, könnte man im ersten Moment enttäuscht sein – was soll es da schon Neues geben?

Eine ganze Menge und das obwohl (oder vielleicht weil) Vorkriegs-Audis enorm selten waren und sind. Das Standardwerk „Audi-Automobile 1909-1940“ von Kirchberg/Pönisch erwähnt lediglich 110 überlebende Fahrzeuge (Stand: 2015).

Seither mag irgendwo in den Weiten Osteuropas das eine oder andere „neue“ Exemplar aufgetaucht sein, das dort im Dienst der Wehrmacht einst strandete. Doch am eigentlichen Befund ändert dies nichts: Vorkriegs-Audis sind Raritäten.

Der Großteil der noch vorhandenen Fahrzeuge entfällt auf die Frontantriebsmodelle, die von 1933 bis 1938 gebaut wurden. Dabei fällt auf, dass rund 80 % davon Cabriolets bzw. Roadster sind und nur 20 % Limousinen.

Verständlich wäre das, denn die meist von Gläser (Dresden) gelieferten offenen Versionen der Audi-Fronttriebler sahen einfach gut aus:

Audi Typ 225; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese hübsche Aufnahme wäre die erste Neuigkeit, von der es heute zu berichten gibt, denn sie zeigt ein bisher unpubliziertes Exemplar des Audi „Front“ in der Ausführung mit Kühlluftkiemen in der Motorhaube, die ab Frühjahr 1934 gebaut wurde.

Wer sich hier an Horch erinnert fühlt, liegt nicht völlig falsch, denn diese Audis entstanden im Zwickauer Horch-Werk und dort wurden auch die wesentlichen formalen Elemente entworfen. Doch die schrägstehende „1“ auf dem Kühler verweist eindeutig auf Audi – seit 1923 war diese die Kühlerfigur der Marke.

Wo sich das Hotel „Kaiserhof“ befand, vor dem der Audi mit den beiden Kindern einst abgelichtet wurde, ist mir leider nicht bekannt – vielleicht existieren das Gebäude und das Hotel aber noch. Dann würde ich mich über entsprechende Hinweise freuen.

Mit diesem Cabriolet wäre das erste Dutzend solcher Audi-Fronttriebler voll, die in meiner stetig wachsenden Audi-Galerie versammelt sind. Interessanterweise finden sich dort ebenfalls nur ganz wenige Limousinen.

25 % beträgt ihr Anteil an allen bislang von mir dokumentierten Audi-Frontwagen. Der Wert liegt nur etwas höher als die Quote der überlebenden Autos dieses Typs (20 %). Selbst wenn man annimmt, das schicke Cabrios häufiger fotografiert wurden, ist das ein starkes Indiz dafür, dass die Audi-Käufer damals offene Aufbauten bevorzugten.

Vor diesem Hintergrund stellt das folgende Foto eines Audi-Fronttrieblers mit Aufbau als 6-Fenster-Limousine durchaus „etwas Neues“ in meinem Blog dar:

Audi 225 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zugegeben: Die Qualität dieser Aufnahme ist nicht gerade berauschend. Doch sieht man alles Wesentliche, was zur Ansprache von Marke und Typ erforderlich ist: Vorn auf dem leicht schrägstehenden Kühler thront die Audi-„1“, entlang der Motorhaube ist der obere Abschluss der kiemenartigen Luftschlitze zu erkennen.

Der Aufbau ist klar als geräumige 6-Fenster-Limousine zu erkennen, wie sie von Horch für den Audi „Front“ gefertigt wurde. Es leuchtet ein, dass eine so massige Karosserie nicht die ästhetischen Qualitäten der offenen Aufbauten von „Gläser“ erreichen konnte.

Gut möglich, dass Käufer des neuen frontgetriebenen Audi damals auch in äußerer Hinsicht auf einen besonderen Auftritt Wert legten, obwohl ab den späten 1920er Jahren immer größere Marktanteile auf Limousinen bzw. Cabrio-Limousinen entfielen.

An dem Tag, an dem das Foto dieses raren Audi „Front“ mit geschlossenem Aufbau entstand – laut Beschriftung des Abzugs der 2. November 1935 – könnten die Insassen jedoch ein festes Dach über dem Kopf und ein feierliches Erscheinungsbild bevorzugt haben – so könnte das Auto damals als Hochzeitswagen gedient haben.

Leider ist von den Insassen fast nichts zu erkennen. Auf dem größeren Originalabzug ist im Hintergrund aber ein Kirchenportal zu sehen. Der Stempel eines Fotohauses aus Hildesheim deutet darauf hin, dass es sich um den dortigen Dom oder die Michaeliskirche handeln könnte.

Leider sind beide Gotteshäuser wenige Wochen vor Kriegsende durch alliierte Bombenangriffe stark zerstört worden und wurden später in stark reduzierter Form wiederhergestellt, sodass es schwerfallen dürfte, heute den genauen Ort zu lokalisieren.

In der Hoffnung, dass es vielleicht doch gelingt, präsentiere ich am Ende entgegen meinen sonstigen Gepflogenheiten den Originalabzug, da er mehr Details des Kirchenbaus zeigt:

Audi 225 Limousine, November 1935, Hildesheim; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch in dieser Hinsicht bewahrheitet sich also der heutige Titel „öfters mal was Neues“, denn hier sieht man zur Abwechslung einmal das Ausgangsmaterial – wobei bereits die zahlreichen Flecken und Defekte des Originals retuschiert sind.

Wer die Szenerie wiedererkennt, ist eingeladen, sein Wissen über die Kommentarfunktion kundzutun, denn so haben alle meiner Leser etwas davon.

An die 5.000 Besucher sind es übrigens inzwischen pro Monat. Auch das sind Neuigkeiten, die mir sagen, dass ich mit meinem Projekt zur Dokumentation von Vorkriegsautomobilen im alten Europa auf dem richtigen Weg bin.

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Jetzt auch von vorn: Ein Cord L-29 um 1930

„Jetzt auch von vorn“ – das gilt für den Gegenstand meines heutigen Blog-Eintrags in zweierlei Hinsicht. Kenner amerikanischer Vorkriegswagen werden zumindest eine Bedeutung davon erahnen – speziell in Verbindung mit dem Cord L-29.

Die Bezeichnung ist eines von vielen Beispielen dafür, dass ein wirklich charakterstarkes Automobil auch mit einer an Banalität schwer überbietbaren Typbezeichnung bleibenden Eindruck hinterlässt.

Dass sich der Cord L-29 letzlich als Flop erwies, ist wohl vor allem der Tatsache geschuldet, dass er zur völligen Unzeit erschien.

Acht Wochen nachdem die Cord Corporation – zu der auch Auburn und Duesenberg gehörten – den ersten Wagen unter dieser Marke eingeführt hatte, platzte die Spekulationsblase an der New Yorker Wall Street und ließ über Nacht den Markt für Oberklassewagen zusammenbrechen.

Dabei hätte der Cord L-29 das Zeug zu einem beachtlichen Erfolg gehabt – denn mit ihm gab es erstmals bei einem US-Serienwagen den Antrieb „jetzt auch von vorn“. Der damals noch schwer zu beherrschende Frontantrieb war nicht nur technisch ein Meilenstein. Er bot auch neue gestalterische Möglichkeiten, die Cord sehr wirksam nutzte.

Um das zu veranschaulichen, muss man aber erst einmal eine geeignete Aufnahme finden – nicht ganz einfach angesichts einer Stückzahl von wenigen tausend Exemplaren in der kurzen Bauzeit von 1929-31.

Nun soll mein Blog aber vor allem die Welt des Vorkriegsautomobils in Europa in allen ihren Facetten beleuchten – da grenzte es bereits an ein Wunder, dass ich vor drei Jahren erstmals einen Cord L-29 zeigen konnte, der wahrscheinlich in Wien zugelassen war:

Cord L-29; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn hier nur wenig von dem Wagen zu sehen ist, erschien mir dieser Fund seinerzeit spektakulär genug, um ihn als Fund des Monats zu präsentieren. Dazu trug neben der Seltenheit des Modells in Europa auch die hübsche Situation bei, in der dieses exotische Fahrzeug abgelichtet worden war.

Man muss sich dabei vergegenwärtigen, dass es damals außerhalb der USA nichts Vergleichbares gab – ein Frontantriebswagen mit einem 125 PS starken Achtzylinder, der 130 km/h Spitze ermöglichte – er galt in seiner Heimat nebenbei als untermotorisiert.

Neben der technischen Raffinesse zog noch etwas anderes Käufer auf unserer Seite des Atlantiks an – die Möglichkeit, eine sehr niedrige Karosserie auf das enorm lange Chassis zu setzen. Möglich war das da der platzraubende Antriebsstrang zur Hinterachse entfiel.

So machte der Cord L-29 mit einer Reihe eleganter Sonderaufbauten Furore bei Concours-Veranstaltungen auch in der Alten Welt. Mit so etwas kann ich zwar heute nicht aufwarten – doch umwerfend ist der Wagen auch mit Serienkarosserie, zu genießen jetzt auch von vorn!

Cord L-29 Convertible Coupe; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Gerade im Vergleich zu der nebenstehenden Limousine fällt auf, wie niedrig der Cord gehalten war. Die offizielle Bezeichnung dieser besonders beliebten Variante lautete „Convertible Coupe“ – wir würden den Wagen als 2-türiges Cabriolet ansprechen.

Der ohnehin niedrige Aufbau wirkt an der Flanke dank zweier Kunstgriffe nochmals leichter und flacher:

Zum einen ist das helle Zierprofil unter der Seitenscheibe schlanker ausgeführt, wodurch die Türhöhe optisch geringer erscheint als sie tatsächlich ist. Zum anderen wirkt durch eine hell abgesetzte weitere Leiste die Unterseite der Flanke recht hoch angesetzt.

Man könnte meinen, dass die Tür dort endet, doch tatsächlich reicht sie über den scheinbaren Abschluss bis knapp über das Trittbrett nach unten, wie das eingangs gezeigte Foto erkennen lässt.

Das Zweifarbschema erscheint in verspielter Form nochmals an der Spitze der Vorderkotflügel, hier galt es, den Eindruck einer zu breiten unstrukturierten Fläche zu vermeiden. Noch Mitte der 1920er Jahre wäre das als unnötiger Zierrat abgetan worden.

Gefällig wirken an dem Wagen auch die Weißwandreifen, die in der Vorkriegszeit weit weniger verbreitet waren, als dies moderne „Restaurierungen“ suggerieren. Im Fall dieses Cord ergänzen sie das Farbschema des Aufbaus auf sehr stimmige Weise.

Weniger gefällig wirkt dagegen die Partie unterhalb des Kühlergrills, welcher hier übrigens nicht serienmäßig ist:

Im Unterschied zu deutschen Frontantriebswagen wie Stoewer V5, DKW F2 oder Adler Trumpf, die Anfang der 1930er Jahre erschienen, kaschierten die Gestalter des Cord L-29 bewusst nicht das bauartbedingt vorne liegende Differential.

Offenbar hielt man die neuartige Antriebsform für so beachtlich, dass sie auch von außen erkennbar bleiben sollte – ein an funktionelle Gestaltungsgrundsätze anknüpfender Gedanke.

So blieb auch der Blick auf die Stoßdämpfer, die innenliegenden (!) hydraulischen Bremsen und die beiden Antriebswellen unverstellt. Streiten kann man sicher darüber ob die Gestaltung der Doppelstoßstange gelungen ist, doch fehlen dem Cord L-29 die vorderen Rahmenausleger, an denen sich diese hätte anbringen lassen (siehe hier).

Angesichts so vieler ungewöhnlicher Details an der Frontpartie könnte man glatt das Nummernschild übersehen – dabei ist es kaum weniger exotisch:

„IIA“ stand einst für eine Zulassung in München, wobei die ungewöhnlich niedrige laufende Nummer auf gute Beziehungen zur örtlichen Zulassungsstelle schließen lässt. Als Aufnahmeort ist ebenfalls München auf dem Abzug vermerkt.

Bleibt die Frage, wie dieser prächtige Cord L-29 einst in die bayrische Hauptstadt gelangt sein könnte. Leider wissen wir nichts über den Besitzer und auch nichts darüber, was aus dem edlen Wagen geworden ist. Mag sein, dass er bei Kriegsausbruch vielleicht noch eine Weile bei einer Wehrmachtseinheit in der Heimat einem Offizier diente – für einen tatsächlichen Kriegseinsatz war er zu alt und wohl auch zu komplex.

Andererseits sehen wir in folgendem Film, wie sich selbst das Wrack eines Cord L-29 (hier als Landaulet) wiederbeleben lässt, zumindest in technischer Hinsicht – viel Vergnügen!

Videoquelle: youtube.com; hochgeladen von SebasticookVideo

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Gelungener (?) Aufsatz zum Thema: Presto D 9/30 PS

Beim Stichwort „Aufsatz“ schrecken ältere Semester unter meinen Lesern vielleicht auf.

„Hefte raus, Klassenarbeit“, das war einst die gefürchtetste Begrüßung zu Beginn einer Unterrichtsstunde. Damals wurde ein Aufsatz über – sagen wir: „Die Rolle der Katastrophe im Liebesroman“ – noch nicht wochenlang angekündigt und thematisch sorgfältig vorbereitet wie eine Weltumsegelung, sondern stand so unverhofft auf der Tagesordnung wie anno 793 die Landung der Wikinger am Kloster Lindisfarne.

Doch aus eigener Erfahrung weiß ich: Wer über eine solide Basis verfügt, muss einen Aufsatz nicht fürchten. Im besten Fall ging die Sache sogar leicht von der Hand – so wie das spätabendliche Verfassen eines Blog-Eintrags zum Thema.

Denn so wie mir schon zu Schulzeiten ein Aufsatz nicht schwerfiel – tatsächlich fand ich früh Gefallen daran – so ist es auch mit dem heutigen Aufsatz über ein Thema, zu dem ich mir eine breite Grundlage beschafft habe, auf der sich aufbauen lässt.

Das Thema mutet nur schlecht präparierten Novizen rätselhaft an: „Presto D 9/30 PS“. Was wie eine Anweisung in einer obskuren Notenhandschrift klingt oder wie eine Stelle in der Briefsammlung eines antiken Kirchenvaters, ist tatsächlich etwas sehr Vertrautes:

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mehr als 30 historische Aufnahmen dieses schnittig wie ein Schnellboot daherkommenden Modells von Presto aus Chemnitz in Sachsen sind mittlerweile in meiner Markengalerie versammelt.

Zwischen 1921 und 1925 entstanden einige tausend Exemplare des technisch unauffälligen Vierzylindertyps mit 2,3 Liter-Seitenventiler – genau weiß das niemand mehr.

Der oben abgerundete Spitzkühler, die glattflächige Blechverkleidung der Frontpartie und fünf kiemenartig ausgebildete Luftschlitze in der Haube machten den D-Typ von Presto unverwechselbar wie sonst kaum einen Wagen aus deutschen Landen in den frühen 1920er Jahren:

Die meisten Exemplare des Presto D-Typs wurden als Tourenwagen verkauft, was nicht zuletzt mit dem drastischen Aufpreis zu tun hatte, der für einen geschlossenen Aufbau zu berappen war – aufwendige Manufakturarbeit forderte schon damals ihren Tribut.

Jenseits wirtschaftlicher Überlegungen wurde allerdings auch das offene Fahren mit einem Tourenwagen geschätzt – so sind Aufnahmen mit montiertem Verdeck und seitlichen Steckscheiben bei dieser Karosserieversion eher selten.

Solange es trocken blieb, bevorzugte man beinahe ganzjährig das Freiluftgefühl, da das Verdeck eines Tourenwagens eher Behelfscharakter hatte und die Steckscheiben nicht vollkommen abdichteten, dafür aber rasch beschlugen und im Lauf der Zeit milchig wurden.

Also entschied man sich lieber für passende Kleidung anstatt auf den unverstellten Blick auf Landschaft und Himmel zu verzichten. Im vorliegenden Fall scheinen aber die Temperaturen noch recht mild gewesen zu sein:

Wer sich übrigens fragt, was es mit dem Tunnel hinter dem Presto auf sich hat und was wohl auf dem Schild daneben zu lesen war, dem kann geholfen werden, allerdings nicht, weil ich dazu selbst die nötige Ortskenntnis besäße.

Doch findet sich die Lösung auf der Rückseite des Originalabzugs. Dort steht von alter Hand geschrieben: „Am Wilhelmsblick, Harz 1926“. Zum gleichnamigen, in kühner Position oberhalb des Bodetals gelegenen Aussichtspunkt führt der gut 20 Meter lange Tunnel, dessen Eingang man hier sieht.

Damals wie heute stehen auf einem Schild in holprigen Versen folgende Worte:

„Wanderer halt die Schritte ein, willst Du Herz und Sinn erfreun.
Leicht ersteigen Bergeshöhen, wo der Vorwelt Schauer wehen.
Und vor längst entschwundenen Jahren Türme noch und Zinnen waren.
Aber jetzt Dein Auge ruht auf des Bergstroms wilder Flut.
Und Du fühlst nur Luft – doch Grauen, wenn Du es wagst hinabzuschauen.
Tritt in diese Höhle ein.“

Zu der Lokalität passt die Zulassung des Presto-Tourers im unweit gelegenen Harz-Erholungsort Blankenburg.

Bis hierhin war das aber eher eine Nacherzählung als ein Aufsatz – mag nun einer einwenden, der im Deutschunterricht aufgepasst hat. Stimmt, und darum geht es jetzt übergangslos zum Aufsatz:

Presto Typ D 9/30 PS Limousine mit Aufsatzkarosserie; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Ist dieses Auto nicht eine Wucht? Es trifft den unvorbereiteten Eleven so unverhofft wie einst der Aufsatz in der Deutschstunde.

Doch das Thema ist bei Licht betrachtet ein wohlbekanntes. Hier kann keiner sagen: „Das haben wir aber gar nicht durchgenommen!“ Etwas geistige Beweglichkeit hilft freilich, um zu begreifen, worum es bei diesem Aufsatz geht.

Hebt man nämlich in Gedanken die dunkel gehaltene Dachpartie ab, findet man sich gleich auf vertrautem Grund wieder – zumindest, was den Wagen angeht:

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto (gespiegelt) aus Sammlung Michael Schlenger

Von Kleinigkeiten wie der Ausführung der Räder (Drahtspeichen waren optional) und dem Schwung des hinteren Kotflügels sieht man hier praktisch den gleichen Wagen.

Gut, nach Entfernen des Aufsatzes muss auch eine andere Frontscheibe her, aber das war es dann auch. Habe ich gerade „Aufsatz entfernen“ gesagt? Geht das so einfach – einen lästigen Aufsatz schlicht eliminieren?

Anders als in der Schule kam man um diesen Aufsatz tatsächlich gut herum – man brauchte bloß tüchtige Helfer, die das Oberteil („den Aufsatz“) von der Karosserie abnehmen fertig war der Tourenwagen für die Ausfahrt bei schönem Wetter.

Was leicht klingt, wollte freilich mit schwerer Münze bezahlt werden. Eine solche Aufsatzkarosserie war nämlich beinahe so teuer wie ein Limousinenaufbau ab Werk. Doch vermute ich, dass man mit einem derartigen Aufsatz immer noch günstiger davonkam.

So schwer war das doch am Ende gar nicht, oder? Ein solcher Aufsatz zum Presto D 9/30 PS geht in Wirklichkeit leicht von der Hand, nicht zuletzt, wenn einem der Besitzer dieser Aufnahme – Matthias Schmidt aus Dresden – gleich dazu sagen kann, wo dieses Prachtstück von Wagen mit Aufsatzkarosserie einst abgelichtet wurde.

Das war vor dem Nordeingang zum Wasserschloss Moritzburg bei Dresden – einer wunderbar in die Landschaft eingebetteten Barockanlage mit reichen Kunstschätzen. Doch ein Aufsatz zu diesem Thema würde definitiv ausufern

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