Ein (nicht so) klarer Fall: Benz-Tourer von 1909/10

Der Fotofundus des Verfassers beherbergt jede Menge Originalaufnahmen deutscher Wagen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg, die wahrscheinlich Modelle der damals noch unabhängigen Pioniermarke Benz zeigen:

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Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Aufnahme eines mutmaßlichen Benz um 1910 aus dem Raum Frankfurt/Main entstand kurz nach dem 1. Weltkrieg, worauf die elektrischen Scheinwerfer und die Kleidung des Besitzerpaars hinweisen.

Alles an dem Wagen passt zu einem Benz, doch den Beweis könnte nur der Markenschriftzug auf Nabenkappen oder Kühler bringen. Mangels geeigneter Vergleichsfotos muss die genaue Identifikation in solchen Fällen vorerst offenbleiben.

Leider gibt selbst die Spezialliteratur zur Marke Benz wenig her, wenn es um aussagefähige Fotos von Modellen der Zeit zwischen 1908 und 1910 geht.

In einschlägigen Publikationen und im Netz findet man in diesem Zeitfenster meist Abbildungen von Sport- und Rennversionen wie diese hier:

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Fritz Erle auf Benz 1908; Abbildung aus einer zeitgenössischen Zeitschrift

Hier hat ein begabter Fotograf den Benz-Ingenieur Fritz Erle in einem rasanten Moment festgehalten – auf dem Weg zum Sieg bei der Prinz-Heinrich-Fahrt 1908.

So wenig repräsentativ dieser Werksrennwagen für die Serienfahrzeuge der Firma Benz war, sollte man sich doch ein Detail daran einprägen – den ansteigenden „Windlauf“ zwischen Motorhaube und Fahrerabteil.

Dieses im Sport erprobte strömungsgünstige Element – bisweilen auch als „Torpedo“ bezeichnet – taucht nämlich etwas später auch bei Alltagswagen auf wie diesem hier:

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Benz von 1909/10; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wir können die Entstehung dieses Benz-Tourenwagens von zwei Seiten her einengen:

Zum einen ist die Aufnahme als Ansichtskarte im Jahr 1911 von Düsseldorf nach Krefeld gelaufen. Zum anderen kann das Auto aufgrund des Windlaufs nicht vor 1908 entstanden sein.

Nun wäre die Angabe der Entstehung auf drei Jahre genau gar nicht so schlecht, wenn die Entwicklung damals nicht so rasant verlaufen wäre.

Vergleiche mit anderen Fotos jener Zeit legen bei aller Vorsicht eine Entstehung 1909, spätestens 1910 nahe. Dafür spricht aus Sicht des Verfassers vor allem ein Detail auf folgendem Bildausschnitt:

Benz_Ak_Dü-dorf_nach_Krefeld_1911_Frontpartie

Hier kann man (im Original) nicht nur den auf dem Kopf stehenden Schriftzug „BENZ“ erkennen, man sieht auch, dass sich am Ende jeder Speiche ein Befestigungsbolzen befindet. Das sieht man eigentlich nur auf Fotos von Benz-Wagen bis etwa 1910.

Schon ab 1910 überwiegen Räder, bei denen zwischen jeweils zwei Speichen ein solcher Bolzen zu sehen ist -bei kleinen Benz-Modellen fünf, bei größeren sechs.

Ebenfalls auffallend ist das Fehlen elektrischer Positionsleuchten am oberen Ende des Windlaufs. Ab 1910 sind diese bei Benz eigentlich Standard. Oder handelte es sich um ein optionales Zubehör? Allerdings findet man sie ab dieser Zeit praktisch durchgängig.

Der Verfasser vermutet, dass wir es mit einem Wagen um 1909/10 zu tun haben, der ein Übergangsstadium markiert. Er besitzt noch das alte Befestigungsschema der Speichenbolzen, aber schon einen Windlauf (wenn auch noch ohne Positionsleuchten).

Nun könnte einer sagen: Es muss doch bekannt sein, wann genau der Windlauf der Sportmodelle in der Serie bei Benz eingeführt wurde. Leider konnte der Verfasser dazu bislang keine klare Aussage finden.

Die Literatur ist zwar sehr ausführlich, was technische Details der Benz-Typen vor dem 1. Weltkrieg angeht, geht aber auf die formale Entwicklung kaum ein. Hinzu kommt, dass die Datierung einiger Fotos in der Literatur fragwürdig erscheint.

Der Verfasser wäre dankbar, wenn von sachkundiger Seite jemand für Klarheit sorgen könnte. Speziell für das Jahr 1909 finden sich kaum eindeutig datierte Fotos von Benz-Serienmodellen.

Möglicherweise ist unser Benz einer dieser Wagen, die in der Übergangsphase zwischen 1908 und 1910 entstanden. Schon mit Windlauf, aber noch mit lederner Abdeckung des Spalts zwischen Trittbrett und Rahmen (später aus Blech):

Benz_Ak_Dü-dorf_nach_Krefeld_1911_Heckpartie Interessant auf diesem Ausschnitt ist die üppige Ausstattung mit Hörnern, während Positionslaternen oder -lampen fehlen. Übrigens ist auf dem Original hier ebenfalls der Schriftzug „BENZ“ auf der Nabenkappe zu lesen, sollte jemand Zweifel haben.

Der junge Mann mit staubdichtem Reisemantel, Fahrerbrille, Schirmmütze und Stulpenhandschuhen dürfte der Chauffeur dieses großzügigen Benz-Automobils gewesen sein.

Er kann uns nach über 100 Jahren nichts mehr zu dem Wagen sagen. Sicher konnte er sich nicht vorstellen, dass „sein“ Auto spätere Generationen noch so faszinieren würde.

Für ihn war der Fall klar: Mit einem Benz gehörte man zwischen 1908 und 1910 zu den oberen zehntausend. 1909 beispielsweise wurden etwas mehr als 700 Wagen im Mannheimer Werk gefertigt.

Nach Ansicht des Verfassers haben wir einen dieser raren Wagen vor uns, vielleicht auch ein Fahrzeug von Anfang 1910. Wer’s besser weiß, möge sein Wissen über die Kommentarfunktion teilen – jedes Puzzlestück ist hochwillkommen!

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

4 Räder und ein Dach über’m Kopf: BMW 3/15 Zweisitzer

Ein „Dreier“-BMW mit 15 PS – das muss ein Scherz sein! Fehlt da nicht irgendwo eine Null? Das mag sich ein von Dreier-BMWs der Neuzeit verwöhnter Enthusiast fragen.

Doch nein, liebe BMW-Freunde, so brav begann die rasante Automobilentwicklung bei dem – auf diesem Gebiet – Spätzünder aus Bayern.

Dabei liegen die Ursprünge nicht einmal im Land der Bajuwaren, sondern im thüringischen Eisenach. Dort wurde ab Ende 1927 der Dixi DA1 gebaut, der nach Übernahme der Fahrzeugwerke Eisenach die Basis für das erste BMW-Auto wurde.

Der dem Vorbild Austin „Seven“ entsprechende Dixi DA1 wurde unter BMW-Leitung zunächst unverändert weiterproduziert. Im Frühjahr 1929 verließen dann die ersten Wagen des von BMW modifizierten Typs DA2 die Werkshallen – in Berlin!

Man sieht: Die Frühzeit der BMW-Automobile war ziemlich kompliziert. Im Prachtband „Die Entwicklungsgeschichte der BMW-Automobile“ von Simons/Zeichner ist diese Phase zum Glück akribisch dokumentiert.

Nicht einfacher wird die Angelegenheit durch die Vielfalt an Aufbauten, die es auf Grundlage des ersten BMWs gab. In dieser Hinsicht lässt die Website von „Dixi“-Papst Helmut Kasimirowicz kaum Wünsche offen.

Doch tauchen immer noch Varianten auf, die möglicherweise nirgends festgehalten sind:

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BMW 3/15 Typ DA2; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Naja, mag man denken – einer von vielen BMWs des Typs DA2, die nach dem Krieg noch eine Weile im Alltag bewegt wurden – hier offenbar in der „DDR“, wie das Kennzeichen aus dem Kreis Bautzen im Bezirk Dresden verrät.

Der Verfasser dachte ebenfalls, dass sich dieser BMW schnell identifizieren lasse. Doch bei näherer Betrachtung ergaben sich einige Unstimmigkeiten. Klar ist, dass wir es mit einem BMW 3/15 PS des Typs DA2 zu tun haben, der von 1929-31 gebaut wurde.

Hauptunterscheidungsmerkmale gegenüber dem Vorläufer Dixi 3/15 PS Typ DA1 sind die in drei Gruppen angeordneten seitlichen Haubenschlitze und die Vierradbremsen des BMW 3/15 Typ DA2.

Beide Details erkennt man auch auf der Ausschnittsvergrößerung:

BMW_3-15_DA2_Nachkrieg_DDR_Ausschnitt1

Doch dann beginnen die Probleme. Was für eine Karosserieausführung haben wir vor uns?

Den viersitzigen Tourer oder das Kabriolett wohl kaum, die abfallende Heckpartie bzw. die Ausführung der Seitenscheibe sprechen dagegen.

Könnte es einer der kompakten Sport-Zweisitzer sein, die nach dem Klassensieg von BMW in der knüppelharten Alpenfahrt 1929 produziert wurden?

Die Heckpartie würde dazu passen. Doch die Literatur liefert bei dieser Ausführung nur eine Steckscheibe an der Seite, die auf den ersten Blick nicht einmal über die gesamte Türlänge reicht:

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BMW 3/15 Typ DA2; Originalfoto von Trude Bucher (Bad Nauheim)

Diese Aufnahme aus dem Besitz einer alten Bad Nauheimer Dame zeigt einen BMW 3/15 Sport-Zweisitzer auf der Kaiserstraße in Friedberg/Hessen, wo der Verfasser in den 1980er Jahren zur Schule ging.

Trotz der Unterschiede im Detail – man beachte auch die Zierleiste zwischen Haube und A-Säule des BMWs aus DDR-Zeiten sowie die Lackierung des breiten Bandes an Türoberseite und Heckpartie in Wagenfarbe – überwiegen die Übereinstimmungen.

Kenner der  frühen BMW-Automobile werden es womöglich besser wissen, doch für’s erste ist dieser Wagen als nach dem Krieg modifizierter Typ 3/15 DA2 anzusprechen.

Zu der abweichenden Gestaltung der Seitenscheibe konnte Leser Renè Förschner folgendes beitragen:

„Die auf dem Bild des BMW in Friedberg vermeintlich nur bis zur Hälfte der Tür reichenden Steckscheiben sind in dem Fall aufgeklappt.

Die Steckscheiben bei DA2 und auch schon beim Dixi DA1 sind nämlich vertikal geteilt, mit kleinen Scharnieren in der Teilung. Somit konnte man den hinteren Teil der Scheibe nach vorn klappen, um aus dem Fenster zu greifen oder sich Frischluft zu verschaffen.

Die Zelluloidscheiben lagen dann doppelt übereinander, ähnlich wie später beim Citroen 2CV (bloß dort horizontal geteilt). Das brachte bei fortgeschrittenem Alter des vormals transparenten Kunststoffs weniger und weniger Durchblick.

Dies war vermutlich der Grund, weshalb der Bautzner DA2 irgendwann ein paar neue Steck- (oder vielleicht Kurbel-)scheiben bekam, die sogar mit einem Aluprofil gefasst wurden.“

Außerdem scheint es, als habe der Besitzer seinem Wagen der Optik halber nachträglich ein Trittbrett verpasst. Merkwürdig hoch angesetzt – fast wie beim Dixi 3/15 DA1 – erscheint auch der untere Türabschluss.

BMW_3-15_DA2_Nachkrieg_DDR_Ausschnitt3

Oder befindet sich dort lediglich eine weitere nachträglich angebrachte Zierleiste?

Unterdessen gehen wir der Frage nach, wieso eigentlich so ein 15 PS-Gefährt einst überhaupt Absatz fand. Nun, ein Verkaufsschlager war das Modell gewiss nicht, trotz beachtlicher Reklamebemühungen.

Nur etwas mehr als 15.000 Käufer ließen sich davon überzeugen, dass ein Derivat des Austin „Seven“ auch fast zehn Jahre nach dessen Erscheinen noch ein gutes Auto sei.

Vergessen dürfen wir aber nicht: Die inländische Konkurrenz – ob DKW, Hanomag oder Opel – hatte im Einsteigersegment ebenfalls kaum mehr zu bieten.

Entscheidend war vor allem eines, was wir auf unserem Foto dokumentiert sehen. Der typische Käufer eines solchen BMW 3/15 PS Typ DA1 kam vom Motorrad und hatte mit zwei Rädern und ohne Dach über’m Kopf im ganzjährigen Betrieb seine Last.

BMW_3-15_DA2_Nachkrieg_DDR_Ausschnitt2

So schön das Gespann von EMW und die MZ RT 125 (vermutlich) auch scheinen – damals fuhr man Motorrad nur im Ausnahmefall zum reinen Vergnügen.

In den 1930er Jahren war das motorisierte Zweirad für viele „Volksgenossen“ im deutschen Reich ebenso ein Mittel, um zur Arbeit zu gelangen, wie das für die „Genossen“ der im Osten unseres Landes folgenden zweiten Diktatur der Fall war.

Es galt bei Wind und Wetter, ob’s stürmt oder schneit, an die Arbeits“front“ zu gelangen – so etwas Kuscheliges wie „Homeoffice“ gab’s ja noch nicht…

So gesehen war ein vierrädriger Begleiter mit einem simplen Verdeck wie der BMW 3/15 PS Typ DA2 selbst in der Ausführung als Sportzweisitzer ein großer Fortschritt.

Und ausgerechnet heute, wo das Automobil in punkto Sicherheit, Bequemlichkeit und Umweltverträglichkeit einen kaum fassbaren Grad der Vollkommenheit erlangt hat, wird mit einem Mal von Fanatikern hierzulande Krieg dagegen geführt…

Wollen wir im Alltag zurück in jene Zeiten, in denen nur eine Minderheit der Bevölkerung Zugang zu autonomer Mobilität hatten und Politiker das Privileg gepanzerter Fahrzeuge genossen?

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

 

Glanzstück von Porsche: Austro-Daimler AD 6-17

Der Name Porsche steht bei Oldtimer-Freunden heute fast ausschließlich für den Volkswagen sowie dessen luftgekühlte Verwandte Porsche 356 und 911.

Das enorm vielseitige Werk von Ferdinand Porsche und seinem Ingenieurbüro im frühen 20. Jahrhundert ist darüber weitgehend in Vergessenheit geraten.

Auf diesem Oldtimerblog für Vorkriegsautos ist das anders: Hier sind sie noch lebendig, die fabelhaften Schöpfungen aus Porsches Anfangsjahren –  seien es die spektakulären Entwicklungen für Mercedes oder für Austro-Daimler.

1906 trat Porsche – der sich zuvor einen Namen mit Elektroautos gemacht hatte – als technischer Leiter in die Österreichische Daimler-Motoren-Gesellschaft in Wien ein.

Dort konstruierte er seinen ersten mit Benzinmotor ausgerüsteten Wagen – das  Elektroauto mit seinen bis heute fortbestehenden Nachteilen war für ihn nach einer Phase des Experimentierens mit benzin-elektrischem Antrieb erledigt.

Nach Erfolgen bei der Prinz-Heinrich-Fahrt 1910, der Alpenfahrt 1911 und 1912 glänzten Porsche-Konstruktionen auch bei österreichischen Flug- und Luftschiffmotoren.

Der besondere Rang der damaligen Kreationen von Austro-Daimler wird in dieser expressiven Reklame von Januar 1914 deutlich:

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Zeitschriftenreklame von Austro-Daimler; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Nach dem 1. Weltkrieg bewies Porsche erneut seine Vielseitigkeit mit der Konstruktion des leichten „Sascha“-Rennwagens 5/15 PS, der 1922 bei der berüchtigten Targa Florio auf Sizilien in der 1100 ccm-Klasse siegte.

Eigentlich wären das genug der Lorbeeren für das Schaffen von Ferdinand Porsche bei Austro-Daimler. Doch vor seinem Weggang 1923 konstruierte er einen Sechszylinderwagen, von dem die Marke noch lange zehren sollte.

Einen Abkömmling dieser feinen Konstruktion – den Austro Daimler Typ ADM – haben wir hier bereits anhand reizvoller Fotos dokumentiert.

Heute können wir nun erstmals den Vorläufer zeigen – den 1920 vorgestellten Austro-Daimler AD 6-17:

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Austro-Daimler Typ AD 617; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bereits die Kombination aus Stahlspeichenrädern, Spitzkühler und mit markanten Knöpfen versehenen Werkzeugkästen im Schweller lässt den Kenner an einen Wagen der österreichischen Premiummarke denken.

Die schiere Größe des Wagens und vor allem die lange Motorhaube sprechen gegen eines der Vorkriegsmodelle mit vier Zylindern, die man unter der Bezeichnung 6/25 bzw. 15/35 PS bis 1922 weiterbaute.

Nein, hier haben wir es mit einem mächtigen Sechszylinder zu tun, für die Porsche ein 4,4 Liter-Aggregat mit Ventilsteuerung über obenliegende Nockenwelle konstruierte.

Die für ein damaliges Serienautomobil beachtliche Spitzenleistung von 60 PS genügte, um den an die 2 Tonnen schweren Wagen auf 100 km/h zu beschleunigen.

Bei den damaligen Straßen war das ein theoretischer Wert – was dagegen zählte, war das Leistungsvermögen auf bergigen Strecken, nicht gerade eine Seltenheit in Österreich.

Doch was macht uns so sicher, dass wir es mit einem Austro-Daimler AD 6-17 zu tun haben? Wie so oft sagt die Frontpartie alles:

Austro-Daimler_AD617_Frontpartie

Das markante Emblem von Austro-Daimler auf der Kühlermaske ist zwar nicht lesbar, doch den Umrissen nach klar zu erkennen.

Die ungewöhnliche Form des Spitzkühlers mit nach oben ansteigender Seitenlinie ist ebenfalls markentypisch. Die spitz zulaufenden Vorderschutzbleche und die Stahlspeichenräder „passen“ auch.

Könnte das aber nicht ebenso ein Wagen des Nachfolgetyps ADV von 1923 sein? Nun, dagegen spricht das Fehlen von Vorderradbremsen, die beim ADV wie bei den meisten Wagen zur Mitte der 1920er Jahre Standard wurden.

Eine Fahrt auf abschüssiger Strecke im Austro-Daimler AD 6-17 wollte mit auf Antriebswelle und Hinterräder wirkender Bremse wohlkalkuliert sein. Doch ein Amateur-Radrennfahrer riskiert heute in Schussfahrt bei 60-80 Sachen eher mehr.

Zudem besteht ein Unterschied zwischen beherztem Sporteinsatz und einem gepflegten Familienausflug mit sechs bis acht Personen im offenen Tourenwagen.

Bei der damaligen Fahrzeugdichte war man auch bei gemächlichem Tempo kein Verkehrshindernis und Mutter oder Schwiegermutter mussten nicht um den Verlust des Hutes oder der Contenance bangen:

Austro-Daimler_AD617_Insassen

Die Familienverhältnisse der Insassen dieses Austro-Daimler AD 6-17 kennen wir nicht.

Haben wir es mit Eltern und Kindern zu tun, wobei der älteste Sohn am Steuer sitzt? Der Fahrer und der Junge im Matrosenanzug auf der Sitzbank dahinter dürften jedenfalls Geschwister sein – doch wie sieht es mit der übrigen Besatzung aus?

Eine schlüssige Erklärung durch einen Leser wäre hochwillkommen.

Bis dahin freuen wir uns einfach an dem prachtvollen Wagen, der Anfang der 1920er Jahre nicht nur für 99 % der Bevölkerung unerreichbar, sondern unter den wenigen Automobilisten zugleich ein Ausweis hervorragenden Geschmacks war.

Eine Porsche-Konstruktion war damals eine veritable Rarität, kein Massenprodukt…

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Unterwegs in bewegten Zeiten: Ford „Eifel“

Der letzte Ford, mit dem wir uns befasst haben, war das Modell „Köln“ 4/21 PS, mit dem Anfang der 1930er Jahre wenig Staat zu machen war. So bot man bereits ein Ende vor  dessen Produktionsende einen erwachseneren Nachfolger an.

Auch dieser 1935 vorgestellte Typ – der Ford „Eifel“ 5/34 PS – basierte auf einem Modell der britischen Ford-Werke – dem „Ten Junior“. 

Mit seinem 1,2 Liter-Motor und 34 PS war der Ford „Eifel“ in der unteren Mittelklasse angemessen motorisiert – ein Spitzentempo von 100 km/h war kurzzeitig möglich.

Nur das Fahrwerk mit Starrachsen vorne und hinten sowie Seilzugbremsen war damals bereits überholt. Selbst der schwachbrüstige und durstige Opel 1,3 Liter bot in dieser Hinsicht das modernere Konzept für weniger Geld.

Möglicherweise gab die markantere Gestaltung der Frontpartie des Ford bei den Käufern den Ausschlag:

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Ford „Eifel“ Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mit dem gefällig gerundeten Kühler, dem auf einen leistungsstärkeren Motor hinweisenden Seitengrill und den feinen Stahlspeichenrädern wirkte der Ford Eifel schon in der von 1935 bis Anfang 1937 gebauten ersten Version ansprechend.

Diese Ausführung ist in der Literatur gut dokumentiert – die zweitürige Cabriolimousine auf dem Foto scheint aber erst ab 1936 verfügbar gewesen zu sein. Nebenbei: Hat jemand eine Idee, was auf dem Luftballon zu lesen ist?

Interessanterweise fand sich im Fotofundus des Verfassers eine Aufnahme eines weiteren Ford „Eifel“, der mit dem ersten Wagen übereinzustimmen scheint – bis auf die seitlichen Luftschlitze:

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Ford „Eifel“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der erste Gedanke war der, dass es sich um das englische Vorbild handeln könnte – der junge Mann mit Nadelstreifenanzug und sein Hund könnten auch als Bewohner der britischen Inseln durchgehen.

Doch Linkslenkung und das deutsche Kennzeichen sprechen dagegen – auch besaß der englische Ford „Ten Junior“ keine fünf Chromleisten in der Flanke der Motorhaube.

Frage an die Altford-Freunde: Haben wir es hier mit einer Karosserie eines speziellen Herstellers zu tun? Entsprechende Hinweise werden gern berücksichtigt.

Sicher ist, dass der Ford „Eifel“ Anfang 1937 eine gründlich modernisierte Karosserie erhielt. Neben dem keilförmigen Kühler gehört die andere Gestaltung des seitlichen Luftauslasses zu den Hauptunterscheidungsmerkmalen.

Hier hätten wir zunächst eine Aufnahme der schnittigen neuen Frontpartie:

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An den Tarnscheinwerfern erkennen wir: der 2. Weltkrieg hat begonnen.

Dennoch hatten der junge Feldwebel (links) und sein vorgesetzter Offizier offenbar Gelegenheit, eine Dienstreise in die Reichshauptstadt mit einem Zwischenhalt am Berliner Olympiastadion zu verbinden.

Ein Rätsel stellt für den Verfasser das Kennzeichen „K-905“ dar. Wer kann etwas dazu sagen? Klar ist nur, dass wir ein Wehrmachts-Fahrzeug vor uns haben (Kennung WH=Wehrmacht Heer).

Praktisch die gleiche Ausführung des Ford „Eifel“ sehen wir auf der folgenden Aufnahme – hier ist die Gestaltung des seitlichen Luftauslasses besser zu erkennen:

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Ford „Eifel“ Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer genau hinschaut, erkennt neben einem gut aufgelegten Oberfeldwebel in Ausgehuniform (und evtl. mit EK2-Ordensband) einen weiteren Insassen – einen jungen Dackel, vielleicht das Kompanie-Maskottchen.

Der Vergleich der Türinnenverkleidung mit derjenigen auf dem zweiten Foto lässt nur geringe Unterschiede erkennen: Eine Kartentasche ist hinzugekommen und man sieht deutlich die Befestigungsknöpfe der Verkleidung.

Auch die nächste Aufnahme stammt aus dem 2. Weltkrieg – der „Ford Eifel“ scheint bei der Wehrmacht recht verbreitet gewesen zu sein – nun kommen wir dem Frontgeschehen dramatisch näher:

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Ford „Eifel“ Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier posieren im Sommer 1940 vier Mannschaftsdienstgrade und zwei Unteroffiziere (zu erkennen an den hell eingefassten Schulterklappen) vor „ihrem“ Ford.

Stahlhelme, Karabiner und Magazintaschen am Koppel deuten darauf hin, dass die Front in unmittelbarer Nähe ist. Was die teils nicht mehr ganz jungen Herren an diesem Tag erlebt haben oder noch erleben sollten, wissen wir nicht.

Wir können aufgrund der Beschriftung des Abzugs aber davon ausgehen, dass sie mit dem Ford „Eifel“ am Feldzug gegen Frankreich teilnahmen, der überraschend schnell mit einem Sieg der Wehrmacht endete.

Nach der Kapitulation Frankreichs ist vermutlich das folgende Foto entstanden, das wiederum einen Ford „Eifel“ zeigt – nun in der kalten Jahreszeit, wie die Kunstledermanschette um den Kühler verrät, die den Luftdurchlass reguliert:

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Ford „Eifel“ Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die stählerne Kastenbrücke könnte prinzipiell überall in Europa zu finden sein, doch die Ausführung der seitlichen Säulen im Stil des „Art Nouveau“ deutet auf Frankreich hin. Erkennt ein Leser vielleicht den Aufnahmeort?

Neben dem Ford „Eifel“, der hier bei tiefstehender Wintersonne aufgenommen wurde, sehen wir in beide Richtungen weitere deutsche Heeresfahrzeuge fahren.

Die große Limousine hinter dem Ford ist wahrscheinlich ein Mercedes-Benz, während uns auf der Gegenfahrbahn ein Opel das Hinterteil zeigt – eventuell ein 2-Liter-Modell oder ein „Super 6“.

Weiter geht unsere Reise im Ford „Eifel“ durch wahrhaft bewegte Zeiten:

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Ford „Eifel“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir gleich drei Wagen des Typs Ford „Eifel“ – wiederum mit Kühlermanschetten, weshalb die Frontpartie filigraner wirkt als sie tatsächlich ist.

Wo genau dieser Schnappschuss eines deutschen Landsers entstanden ist, wissen wir nicht. Die Nadelbäume, unter denen die Wagen abgestellt worden sind, deuten auf Osteuropa hin.

Eindeutig ist das taktische Zeichen auf dem in Fahrtrichtung rechten Vorderschutzblech  der beiden mittleren Wagen – es steht für einen mobilen Hauptverbandsplatz, wir haben es also mit Autos einer Sanitätseinheit zu tun.

Offenbar besitzen die beiden mittleren Ford „Eifel“ ähnliche Nummernschilder, bei denen die Ziffernfolge mit „127“ beginnt – Zufall? Jedenfalls handelt es sich um beschlagnahmte Privatwagen, der vordere stammt aus dem Rheinland (Kennung „IZ“).

Vermutlich im Hinterland der Ostfront entstand einst dieses Aufnahme, die von der Überforderung von Mensch und Material kündet:

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Ford „Eifel“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Bilder erzählen davon, wie hochfliegende Pläne abgehobener Eliten auf dem Rücken der schweigenden und sich leider allzuwillig fügenden Mehrheit ausgetragen wurden – ein durchaus aktuelles Thema.

Nach 1945 mussten die Leute zusehen, wie sie in dem Scherbenhaufen zurechtkamen, den Politiker mit „Visionen“ und ihr Gefolge angerichtet hatten. Im günstigsten Fall konnte man wieder an zeitlosen Gewissheiten der Vorkriegswelt anknüpfen.

In automobiler Hinsicht war man mit einem grundsoliden Ford „Eifel“ bereits privilegiert, auch wenn er erkennbar die Spuren eines bewegten Daseins trug:

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Ford „Eifel“ Limousine;  Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir so einen Überlebenden des Infernos, der vermutlich bei irgendeiner Wehrmachtseinheit gedient hat. Die meisten Chromteile sind überlackiert, die verlorengegangene originale Stoßstange wurde durch ein Fremdteil „ersetzt“.

Wie man nach dem Krieg als Zivilist an ein solches Fahrzeug aus Armeebeständen geriet und es zugelassen bekam, das ist ein Thema, über das bisher nichts Verlässliches in Erfahrung zu bringen ist – oder doch?

Jedenfalls war es irgendwann in den späten 1940er und frühen 50er Jahren wieder möglich, den Besitz eines alten Ford „Eifel“ so unbeschwert zu genießen wie hier:

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Ford „Eifel“ Roadster; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Dieses zauberhafte Dokument eines glücklichen Tags irgendwo am Nordseestrand verdanken wir einmal mehr Leser und Vintagefotosammler Klaas Dierks.

Hier begeistert nicht nur die lässige Situation, die von einem Ausflug an die See erzählt, vielleicht von ein paar sonnigen Urlaubstagen. Hier haben wir zugleich eine der schönsten Versionen des Ford „Eifel“ vor uns.

Wenn nicht alles täuscht, ist der Wagen mit dem Kennzeichen aus Niedersachsen in der britischen Besatzungszone (Kennung „BN“) ein Roadster in der 1938/39 gebauten Ausführung mit geschwungenem oberen Abschluss des Frontscheibenrahmens.

Ein praktisch identisches Fahrzeug war 2013 bei den Classic Days auf Schloss Dyck am Niederrhein zu bewundern:

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Ford „Eifel“ Roadster; Bildrechte: Michael Schlenger

Deutet das Kennzeichen auf eine Entstehung des Wagens bereits 1937 hin? Oder handelt es sich um denselben Typ – und möglicherweise um dasselbe Fahrzeug?

Viele dieser wunderbaren offenen Versionen des Ford „Eifel“ werden es nach dermaßen bewegten Zeiten nicht in unsere Tage geschafft haben…

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Erfolg mit 4 Zylindern: Horch 18-22 PS von 1904

Ein Horch mit vier Zylindern – damit werden auch Freunde der Zwickauer Luxuswagenschmiede am ehesten die bereits präsentierten Typen 10/35 PS und 10/50 PS der Zwischenkriegszeit verbinden.

Doch diese Modelle sind „Youngtimer“ im Vergleich zu dem Vierzylindermodell, mit dem wir uns heute anhand einer prächtigen Originalaufnahme befassen wollen.

Dazu begeben wir uns zurück in die Jugendjahre des Automobils und in die Frühzeit der 1899 in Köln (!) gegründeten Marke Horch.

August Horch hatte kurz zuvor die Firma Benz verlassen und versuchte sich zunächst an Ein- und Zweizylinderwagen eigener Konstruktion. Der Erfolg dieser schwachbrüstigen Aggregate hielt sich in Grenzen.

Erst der im Winter 1902/03 (von Ingenieur Fritz Seidel) konstruierte Vierzylinder mit 25 PS Spitzenleistung aus 3,8 Litern Hubraum brachte den erhofften Durchbruch. Daneben wurden zwei etwas schwächere Versionen mit 2,7 Liter angeboten.

Eine davon sehen wir auf folgendem Originalfoto:

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Horch 18-22 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Aufnahme darf man als etwas Besonderes ansehen. Sie wurde einst bewusst inszeniert und von einem professionellen Fotografen angefertigt.

Der Wagen lässt sich präzise identifzieren und sogar das genaue Baujahr ist bekannt. Das findet man bei einem über 110 Jahre alten Automobilfoto nicht alle Tage.

Dass wir es mit einem frühen Horch zu tun haben, ist an der charakteristischen Haube mit niedrigem Seitenteil und weit auseinanderliegenden Luftschlitzen zu erkennen.

Horch_18-22_PS_1904_Ausschnitt1

Man beachte die flexible Anbringung der Frontscheibe und den ledernen Windschutz darunter. Ein Armaturenbrett im modernen Sinn gab es damals nicht, alle wesentlichen Bedienelemente befanden sich entweder am Lenkrad oder im Fußraum.

Eine genaue Typansprache wäre ohne Blick unter die Haube so gut wie unmöglich, doch zum Glück ist der Abzug von alter Hand mit der Bezeichnung 18-22 PS beschriftet.

Einen Horch dieses Typs gab es von 1904 bis 1905. Das entnehmen wir dem vorbildlichen Horch-Standardwerk von Kirchberg/Pönisch (Verlag Delius-Klasing). Dort findet sich auch der Hinweis, dass ab 1905 die Lenksäule stärker schräggestellt war.

Zum Vergleich hier eine historische Sammelkarte, die das ab 1907 gebaute 6-Zylindermodell 31/60 PS als Jagdwagen mit stärker geneigter Lenksäule zeigt:

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Horch 31/60 PS; historische Karte aus Sammlung Michael Schlenger

Wie man sieht, tat sich ansonsten zwischen 1904 und 1907 in formaler Hinsicht nicht viel. Doch in dieser kurzen Zeit gelang es Horch, sich als einer der führenden Autohersteller im deutschsprachigen Raum zu etablieren.

Die fünf vergnügt dreinschauenden Herren auf unserem Foto waren sich vermutlich bewusst, an welcher großartigen Entwicklung sie anno 1904 oder kurze Zeit später teilnahmen.

Nicht vorstellen konnten sie sich vermutlich, dass dieser Moment auch noch gut 110 Jahre später die Aufmerksamkeit mancher Zeitgenossen fesseln würde:

Horch_18-22_PS_1904_Ausschnitt2

Einfach herrlich, wie souverän die Fünf hier posieren. Abgesehen vom modischen Schnauzbart pflegte offenbar jeder von ihnen seinen persönlichen Stil, was sich gut an den unterschiedlichen Kopfbedeckungen festmachen lässt.

Leider wissen wir nichts über die Insassen dieses Horch 18-22 PS oder Ort und Anlass der Aufnahme. Bei der Gelegenheit sei angemerkt, dass die Leistungsangabe nicht der später üblichen Konvention „Steuer-PS/Maximale Motorleistung“ entspricht.

Vor Einführung der am Hubraum orientierten Besteuerung im Jahr 1906 – nebenbei ein wirklichkeitsfremdes Bürokratenprodukt – gab man die Leistung bei Horch und anderen Herstellern oft in einer drehzahlabhängigen Bandbreite an.

Die Bezeichnung 18-22 PS ist also nicht als 18 Steuer-PS und 22 tatsächliche Spitzenleistung zu verstehen. Nach Einführung der Hubraumsteuer firmierte der Typ 18-22 PS als 11/22 PS, was nicht gerade dem Überblick dienlich ist.

Zurück zu unserem Foto. Möglicherweise enthält es zwei Hinweise, aus denen Kenner zusätzliche Informationen ableiten können.

Da wäre zunächst das Reklameschild hinter dem Verdeck des Horch:

Horch_18-22_PS_1904_Ausschnitt3

„Görickes Westfalen-Rad“ ist da zu lesen, darüber wahrscheinlich „Eingetr. Schutzmarke“. Vermutlich waren solche Reklameschilder des Bielefelder Fahrradproduzenten einst im Deutschen Reich weit verbreitet – oder vielleicht nicht?

Hier sind sachkundige Leser gefragt ebenso wie im Hinblick auf die beiden Plaketten an der Karosserie des Horch 18-22 PS von 1904. Sind hier Hinweise auf den Hersteller des Aufbaus oder den Verkäufer des Wagens zu finden?

Horch_18-22_PS_1904_Ausschnitt4

Auch diesbezüglich wäre der Verfasser dankbar für weiterführende Hinweise:

Bekannt sind aus der Frühzeit der Horch-Automobile insbesondere Aufbauten von Kathe aus Halle. Möglicherweise sagt die Form des Emblems neben der geöffneten Tür des Wagens einem Leser etwas.

Zum Schluss noch eines: Die genaue Zahl der gebauten Horchs des Typs 18-22 PS scheint nicht bekannt zu sein. Für die von 1906-10 angebotene, identisch motorisierte Variante 11/22 PS sind 307 Exemplare überliefert.

Von dem zwei Jahre lang gebauten Vorläufer 18-22 PS dürften pro Jahr weniger Exemplare gefertigt worden. Mehr als 150 werden es insgesamt kaum gewesen sein. Gemessen an den früheren Modellen darf dies aber als „Erfolg“ gewertet werden.

Ein Originalfoto eines so frühen und entsprechend raren Horch zeigen zu können, ist heute beinahe ein solches Privileg wie vor über 110 Jahren einen zu besitzen…

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Verblassende Erinnerungen: Chenard & Walcker Type U

Von den einst über tausend Automobilherstellern im Frankreich der Vorkriegszeit kennen die meisten Veteranenfreunde allenfalls noch ein halbes Dutzend.

Auch der Verfasser – immerhin Besitzer eines seltenen La Licorne L760 – müsste bei der Frage passen, wer Mitte der 1920er Jahre die Nr. 4 am französischen Markt war.

Klar: Citroen, Peugeot und Renault belegten die ersten drei Plätze. Aber dann? Amilcar Bugatti und Delage bestimmt nicht, vielleicht Panhard oder Delaunay?

Die richtige Antwort lautet: Chenard & Walcker.

Die 1898 von den Ingenieuren Ernest Chenard und Henri Walcker in einem Vorort von Paris gegründete Marke steht stellvertretend für Aufstieg und Niedergang so vieler anderer französischer Hersteller.

Bis zum 1. Weltkrieg hatte sich Chenard & Walcker eine solide Reputation mit selbstentwickelten Vier- und Sechszylinderwagen erarbeitet.

Die Produktion von Flugmotoren nach Lizenz von Hispano-Suiza während des Kriegs unterstreicht das Qualitätsniveau der Firma.

Nach 1918 baute man zunächst noch das 15CV-Vorkriegsmodell Type UU, ab 1920 folgte dann der 12CV-Vierzylindertyp Type U (2,6 Liter), der bis Mitte der 1920er Jahre im Programm bleiben sollte.

Hier haben wir sehr wahrscheinlich ein Exemplar davon:

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Chenard & Walcker 12 CV Type U; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Aufnahme mag technisch nicht ideal sein, doch vermittelt sie auch so etwas von dem besonderen Reiz von Vorkriegsautos. Hier sind noch alle Bauteile eigenständige Elemente, die nach funktionellen Aspekten zusammengesetzt sind.

Dennoch ergibt sich daraus ein Gesamtbild von einer Magie, die schwer zu erklären ist. Ja, man sieht und versteht auf Anhieb, welchem Zweck jedes Teil dient. Doch die gestalterische Logik ist eine vollkommen andere als die der Nachkriegszeit.

Wie ein fremdes, urtümliches Wesen schaut einen dieses Gefährt über eine Kluft von über 90 Jahren an. Beinahe alles daran ist mit großem handwerklichem Können geschaffen worden, ein Chenard & Walcker war stets ein Manufakturautomobil.

Was macht uns aber eigentlich so sicher, dass wir ein Auto dieser Marke vor uns haben? Modelle mit Rund- oder Ovalkühler gab es bis in die 1920er Jahre etliche.

In Deutschland denkt man dabei an Hersteller wie MAF, NAG oder Oryx, in Frankreich unter anderem an Delaunay-Belleville. Zum Glück haben wir eine weitere Aufnahme desselben Autos, die nun keine Wünsche übriglässt:

Chenard_Walcker_Type_U_2_Galerie

Chenard & Walcker 12 CV Type U; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir den markentypischen „Knick“ im oberen Teil der Kühlermaske und den ungewöhnlich weit hinten im Trittbrett platzierten Batteriekasten – ebenfalls ein Charakteristikum der Wagen von Chenard & Walcker nach dem 1. Weltkrieg.

Die Firma gelangte damals übrigens zu einigem Ruhm, da einer ihrer Rennsportwagen den Sieg bei der ersten Austragung der 24-Stunden von Le Mans 1923 errang.

Wie es scheint, war auch eine Straßenversion des kopfgesteuerten Siegerautos in der 3 Liter-Klasse verfügbar. Die beiden Fotos zeigen aber wohl das 2,5 Liter-Modell Type U mit konventionellen Seitenventilen, das bis Mitte der 1920er Jahre gebaut wurde.

Dabei unterscheiden sich die frühen Ausführungen von den späten durch das Fehlen von Vorderradbremsen wie auf den beiden Bildern.

Allgemein kann man sagen, dass bei Automobilen ab Mitte der 1920er Jahre Vierradbremsen Standard waren – Vorkriegsautos aufgrund ihrer Bremsleistung pauschal abzulehnen ist von daher unangebracht.

Davon unabhängig genießen auch die ganz frühen Wagen von Chenard & Walcker bis heute unter Kennern einen besonderen Ruf. Anders sieht dies bei den Wagen der späten 1920er und 1930er Jahre aus.

Die Modelle jener Zeit wirken beliebig und lassen jede Extravaganz vermissen. Da hilft auch die charmante Präsentation wie bei diesem 9 CV-Modell von 1929/30 nicht viel:

Chenard-Walcker_9CV_Galerie

Chenard & Walcker 9CV; zeitgenössische Abbildung aus Sammlung Michael Schlenger

Man mag kaum glauben, dass diese biedere Limousine mit Anleihen bei US-Modellen von dem traditionsreichen Pariser Hersteller stammen soll. Doch die Beschriftung der originalen Abbildung aus einer französischen Zeitschrift ist eindeutig.

Die Marke war damals bereits auf dem absteigenden Ast – wie vielen Mitbewerber gelang es ihr nicht, ihre durchaus zeitgemäßen Konstruktionen wirtschaftlich zu fertigen.

Die letzten eigenständigen Modelle wurden 1936 gefertigt, bevor der Karosseriebauer Chausson die ehrwürdige Firma übernahm. Bis Kriegausbruch 1939 wurden unter der Marke Chenard & Walcker nur noch Fremdentwicklungen verkauft.

Nach dem 2. Weltkrieg gelang kein Neugebinn mit eigenständigen Konstruktionen mehr. So gesehen steht folgende Aufnahme von Mai 1940 sinnbildlich für das Ende der Marke:

Chenard Walcker_1925_Mai 1940_Ausschnitt

Chenard&Walcker; Originalfoto von Mai 1940 aus Sammlung Michael Schlenger

Offenbar schoss einst ein Soldat der in Frankreich vorrückenden Wehrmacht die Aufnahme dieses aufgegebenen Chenard & Walcker.

Das schon betagte Auto war vermutlich von den zivilen Besitzern zum Ausweichen vor den Kämpfen genutzt worden, bevor es irgendwo am Wegesrande den Geist aufgab.

Zu diesem Zeitpunkt war auch die Lebenszeit der einst angesehenen Marke längst abgelaufen.

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Besuch aus Hamburg: Ein Brennabor in Friedberg

Heute haben wir es mit einem ganz besonderen Foto zu tun – zumindest aus Sicht des Verfassers. Doch vielleicht macht die Aufnahme auch dem einen oder anderen Freund von Vorkriegsautos aus dem Norden der Republik Freude.

Auf den ersten Blick sieht man nichts Spektakuläres und denkt vielleicht: „Naja, irgendein offener Wagen der späten 1920er Jahre irgendwo auf einer Landstraße, noch dazu unvorteilhaft schräg von hinten festgehalten.

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Brennabor Typ AK oder ASK; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Doch das so unscheinbare und nicht sonderlich gut erhaltene Dokument hat es im wahrsten Sinne des Wortes in sich.

Eigentlich hatte der Verfasser diesen Abzug nur aus lokalpatriotischen Motiven erworben und dachte lange nicht, dass auch das Auto darauf eine nähere Betrachtung wert sei, geschweige denn sich identifizieren lasse.

Auf Anhieb klar war, dass die Aufnahme die Ansicht von Friedberg im Wetteraukreis zeigt, die sich einem darbietet, wenn man von Rosbach vor der Höhe (d.h. dem Taunus) kommend auf die einstige Freie Reichstadt (mit römischen Wurzeln) zufährt.

Das verrät dem Einheimischen die unverwechselbare Silhouette der mächtigen gotischen Hallenkirche mit dem auffallend kurzgeratenen Turm:

Brennabor_AK_oder_ASK_bei Friedberg_Hessen_Ausschnitt2

Das für einen Ort mit weniger als 30.000 Einwohnern ungewöhnlich große Bauwerk kündet von der einstigen Bedeutung der hochmittelalterlichen Kaufmannsstadt und überragt noch heute die Silhouette der Stadt.

Nur die großzügigen Bürgerhäuser des frühen 20. Jahrhunderts, die man auf dem Foto im Vordergrund sieht, sind inzwischen durch moderne Bebauung verdeckt.

Leider ist die gut erhaltene spätmittelalterliche Altstadt heute durch an Primitivität schwer zu überbietende „Geschäfte“ oft bis ins erste Geschoss verschandelt und lässt kaum mehr etwas vom Einzelhandel ahnen, der noch intakt war, als der Verfasser hier in den 1980er Jahren die Augustinerschule besuchte.

Zum Zeitpunkt der Aufnahme des Fotos war Friedberg dagegen ein wohlhabendes Zentrum des Bürgertums inmitten der von kleinteiliger Landwirtschaft geprägten Wetterauregion.

Mag sein, dass die Zeugen der fast 2.000-jährigen Geschichte von Friedberg einst die Reisenden anzogen, die sich hier bei einem Halt kurz vor der Stadt ablichten ließen:

Brennabor_AK_oder_ASK_bei Friedberg_Hessen_Ausschnitt1

Das Kennzeichen bedarf wohl keiner Erklärung – hier waren tatsächlich unerschrockene Herrschaften aus der Hansestadt Hamburg in einem offenen Zweisitzer-Cabrio mit „Schwiegermuttersitz“ unterwegs.

Der aufmerksame Betrachter wird die kahlen Bäume und die Schneereste am Straßenrand registriert haben – was die Gäste aus dem Norden nicht davon abhielt, mit offenem Verdeck zu fahren.

Während heute Ende März bei 12 Grad Plus und Sonnenschein vor allem junge Zeitgenossen noch mit Wollmützen und geschlossenen „Funktionsjacken“ unterwegs sind, waren unsere Altvorderen hinreichend abgehärtet und trugen bei Bedarf wirklich wärmende Kleidung aus Wolle statt Kunststoff.

Nur so waren solche Touren an der frischen Luft in der kalten Jahreszeit auszuhalten. Mit zwei Passagieren im Heckabteil blieb einem auch nichts anderes übrig, da diese bei geschlossenem Verdeck kaum etwas von der Gegend mitbekommen hätten.

Was aber war das für ein 2+2 Cabriolet, mit dem einst die wackeren Hamburger Jungs und Mädel(s) unterwegs waren?

Brennabor_AK_oder_ASK_bei Friedberg_Hessen_Ausschnitt3

Nun, ein paar Anhaltspunkte haben wir: geschüsselte Scheibenräder mit vier Radbolzen, trommelförmige, lackierte Frontscheinwerfer und zwei auffallend weit auseinanderliegende Zierleisten an der Flanke.

Opel und andere Verdächtige waren rasch ausgeschlossen. Übrig blieb nur ein Brennabor des Sechszylindertyps AK bzw. ASK von 1928/29, an dem sich alle genannten Details wiederfinden.

Der massige Wagen (über 1,5 Tonnen Leergewicht) wurde auf kurzem Radstand (daher das „K“ in der Typbezeichnung) mit 2,5 Liter und mit 3 Liter Hubraum (45 bzw. 55 PS) angeboten. Verfügbar war auch eine Langversion mit Pullman-Aufbau (Typ AL bzw. ASL), die noch schwerer und behäbiger war.

Das zweisitzige Cabrio mit 2 Notsitzen gab es nur in der Kurzversion, daher die Ansprache als  Typ AK oder ASK. Die Ausführung ist in der spärlichen Literatur zu Brennabor erwähnt, aber fotografisch kaum dokumentiert.

So gesehen hat es diese schöne Aufnahme vielleicht auch für die Freunde der einst so erfolgreichen Automarke aus Brandenburg an der Havel „in sich“. Ansonsten kommen hier die Hamburger wie die Wetterauer Lokalpatrioten auf ihre Kosten…

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Der Berg ruft – kein Problem: Buick „Six“ von 1930

Wer Werbeanzeigen früher Automobile studiert, stößt bei höherwertigen Modellen immer wieder auf das Attribut „idealer Bergsteiger“.

Das war ein Hinweis darauf, dass man im Mittel- oder Hochgebirge auch vollbesetzt ohne Überhitzung des Motors fahren konnte. Bis in die 1950er Jahre war eine Alpenüberquerung beispielsweise für viele Autos eine Herausforderung.

Der Ruhm des Volkswagens rührt nicht zuletzt daher, dass sich mit ihm auch die fiesesten Paßstraßen problemlos bewältigen ließen. Der Verfasser erinnert sich gern an die Überquerung des Gotthard mit seinem 1200er Käfer bei strahlendem Sonnenschein.

Vor dem Aufkommen luftgekühlter Motoren brauchte es vor allem reichlich Leistung, um unbeschwert nach Italien zu gelangen, wenn man sich nicht für einen Autoreisezug entschied:

Horch_Opel_Mercedes_usw_Airolo_Galerie

Autoreisezug in Airolo; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese außergewöhnliche Aufnahme zeigt einen Autoreisezug in Airolo (Tessin) südlich des Gotthardpasses.

Neben einem mächtigen Mercedes (zweiter von links) sehen wir unter anderem ein Horch 8 Typ 350 Sedan-Cabriolet (vierter von links), von dem wir hier schon einige Fotos gezeigt haben.

Abseits der Eisenbahnhauptstrecken musste der Besitzer solcher schweren Wagen aber schon selbst Hand anlegen. Da ist es kein Wunder, dass Aufnahmen aus bergigen Urlaubsregionen immer wieder gut motorisierte US-Modelle zeigen.

Folgender Bildausschnitt ist ein Beispiel dafür:

Buick_Six_1930_Minerva_Schweiz_Galerie

Buick „Six“ und Minerva; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vor einem Alpengletscher sehen wir hier an einem Aussichtspunkt irgendwo in der deutschen Schweiz mehrere großzügige Wagen, die den Weg hinauf aus eigener Kraft bewältigt haben müssen.

So reizvoll das offene Modell der belgischen Manufaktur Minerva (zweiter von links) auch ist, beschränken wir uns heute auf die großzügige Limousine am rechten Bildrand mit schweizerischer Zulassung.

Die Form des Kühlers und das zwischen den Scheinwerfern angebrachte Markenemblem verraten, dass es sich um einen Buick „Six“ von 1929 oder 1930 handelt. Ganz genau lässt sich das nicht sagen.

Präzise ansprechen lässt sich der Buick auf dem folgenden Foto, das einst ebenfalls im Alpenraum entstand:

Buick_Six_1930_Fiat_Galerie

Buick „Six“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Neben den beiden Damen mit Schal und Mantel sehen wir einen ganz ähnlichen Buick wie auf der vorangegangenen Aufnahme. Der Markenschriftzug ist etwas nach unten gerutscht, was für sich nicht viel bedeutet.

Wichtiger für die Eingrenzung sind die vertikalen Kühlerlamellen, die erst 1930 eingeführt wurden. Ihre Stellung wurde über ein Thermostat an den Kühlbedarf des Motor angepasst – im Gebirge eine ideale Lösung.

Noch wichtiger war jedoch die souveräne Motorleistung des Buick. Je nach Radstand wurden drehmomentstarke Reihensechszylinder mit 80 bzw. 99 PS angeboten.

Neben diesen Ausführungen des Buick „Six“ gab es ab 1931 auch einen „Eight“, der mit unterschiedlichen Leistungen angeboten wurde, die bis über 100 PS reichten. Zu erkennen waren diese Modelle an einer „8“ auf dem Kühleinfüllstutzen.

Dieses Detail fehlt auf den bisher gezeigten Aufnahmen ebenso wie auf dieser, die wir den Lesern dieses Blogs nicht vorenthalten möchten:

Buick_Six_1930_Pk_05-1938_Galerie

Buick „Six“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Privataufnahme wurde vor fast genau 80 Jahren – im Mai 1938 – als Ansichtskarte verschickt.

An dem im Kreis Schwaben (Kennung IIZ) zugelassenen Buick sehen wir deutlich die erwähnten Kühlerlamellen des Modells von 1930. Auch der obere Kühlerabschluss, die Form der Frontschutzbleche und die Doppelstoßstange passen dazu.

Mangels „8“ auf dem Kühler können wir davon ausgehen, dass diese Limousine mit einem der kräftigen Sechszylinder ausgestattet war.

Mit so einem souveränen und gut ausgestatteten Wagen im Gebirge unterwegs zu sein, muss aus damaliger Sicht ein Vergnügen gewesen sein, vorausgesetzt, die mechanischen Vierradbremsen waren richtig eingestellt.

Die Insassen des Buick scheinen jedenfalls ganz vergnügt gewesen zu sein:

Buick_Six_1930_Pk_05-1938_Ausschnitt

Mit dem leistungsstarken Buick war man auch 1938 noch auf der Sonnenseite des Lebens. Was in den darauffolgenden Kriegsjahren aus den Personen auf dem Foto wurde, wissen wir wie so oft nicht.

Auch über das Schicksal des Buick kann man nur spekulieren. Von den einst so zahlreich in Deutschland verkauften „Amerikaner“-Wagen haben nur sehr wenige die Zeiten überdauert…

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Vollendete 2-Takt-Eleganz: DKW F5 Luxus Cabrio

„Oje, wieder eine dieser Zweitaktgurken von DKW“ – was haben da Eleganz und Luxus verloren? Gemach, bislang hat noch jeder Eintrag in diesem Blog für Vorkriegsautomobile das geliefert, was die Überschrift verspricht.

Schauen wir uns einmal ohne Markenvorurteil an, was wir auf folgendem Originalfoto der späten 1930er Jahre sehen:

DKW_F5_Front_Luxus_Cabriolet_4-sitzig_Galerie

DKW F5 Front Luxus Cabriolet 4-sitzig; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ein elegantes viersitziges Cabriolet mit gefüttertem Verdeck, Ledersitzen, verchromter Sturmstange und seitlicher Chromleiste, die als Kometenschweif ausläuft. Der Glanz des Lacks verrät, dass die Karosserie ganz mit Blech beplankt ist.

Nichts davon will so recht zu einem DKW der Vorkriegszeit passen, an dem außer Motorhaube und Schutzblechen kaum ein Karosserieteil in Stahl ausgeführt war. Von Ledersitzen und solchermaßen üppigem Chromeinsatz ganz zu schweigen.

Und doch haben wir es eindeutig mit einem DKW zu tun – mit einem Typ F5, um genau zu sein. Die Beweisführung führt über einige reizvolle Nebenstrecken zum Ziel.

Man präge sich dazu folgende Elemente auf obiger Aufnahme ein: die breit auslaufende Chromleiste an der Flanke, die lackierten Drahtspeichenräder und die parallel zu Frontscheibe und A-Säule geneigten Luftschlitze in der Haube.

Fast alles finden wir auf folgendem Foto wieder, das einst in der reizvollen Mittelgebirgslandschaft Thüringens entstand:

DKW_F5_Front_Luxus_Cabrio_4-sitzig_Thüringen_Galerie

DKW F5 Front Luxus Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man sieht von dem Wagen – hier mit geschlossenem Verdeck – gerade  genug, um die Übereinstimmung zu erkennen.

Vom abweichenden Farbschema abgesehen alles identisch, möchte man meinen. Doch halt: Speichenräder – Fehlanzeige! Stimmt, dafür sieht man ein anderes wichtiges Detail: die durch das obere Türscharnier laufende Chromleiste.

Daran erkennt man ein 4-sitziges Cabriolet des DKW F5 Front Luxus Cabrios. Diese attraktiven Wagen wurden nicht wie die 2-sitzige Version im Horch-Werk in Zwickau gefertigt, sondern bei Baur in Stuttgart.

Die DKW-Luxusversionen mussten sich mit der Leistung von 20 PS begnügen, wie sie herkömmliche F5-Typen in der Ausstattungsvariante „Meisterklasse“ boten.

Im Deutschland der Vorkriegszeit zählte mehr, überhaupt ein Automobil zu besitzen als das schiere Leistungsvermögen. Bei einem Gewicht von rund 800 kg ließ sich so ein DKW nach damaligen Maßstäben durchaus angemessen bewegen.

Vor 80 Jahren diente das DKW F5 Front Luxus Cabrio sogar als Urlaubsfahrzeug. Denn obige in Thüringen entstandene Aufnahme ist eine von mehreren desselben Wagens. Hier haben wir eine weitere davon:

DKW_F5_Front_Luxus_Cabrio_4-sitzig_Galerie

DKW F5 Front Luxus Cabriolet 4-sitzig; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Über den Aufnahmeort verrät dieser Abzug zwar nichts – irgendwo in Mitteldeutschland könnte das Foto entstanden sein – dafür lässt sich auf dem Original das Kennzeichen entziffern: „IC 57664“.

Demnach war der in Thüringen abgelichtete DKW in Ostpreussen zugelassen, also gut 800 km weiter im Osten. Mancher Leser mag sich an die folgende Aufnahme desselben Autos erinnern, das wir vor längerem bereits gezeigt haben:

DKW_F5_Front_Luxus_Cabrio_4-sitzig_bei_Chemnitz_Galerie

DKW F5 Front Luxus Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zwar ist nur ein Teil des Kennzeichens zu erkennen, doch es ist Foto aus derselben Serie, das den DKW aus Ostpreussen nun in der Nähe von Chemnitz zeigt.

Unser kleiner Rückblick auf die bildschönen Luxus-Cabriolets des Typs F5 von DKW ist damit noch nicht zuende. Es gibt eine weitere Aufnahme, die unser „Fotomodell“ zeigt, diesmal in seiner eigentlichen Heimat.

Auf der Rückseite des folgenden Abzugs ist vermerkt „bei Elbing“.

DKW_F5_Front_Luxus_Cabrio_4-sitzig_bei_Elbing_06-1937_Galerie

DKW F5 Front Luxus Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Als Absolvent eines hessischen Gymnasiums mit entsprechendem „Bildungsstandard“ war dem Verfasser die Bedeutung der einstigen Hansestadt mit ihren seit 1945 verschollenen bedeutenden Bücher- und Handschriftensammlungen nicht geläufig.

Der ehemals deutsche Osten wurde gemäß hessischen Lehrplänen nicht behandelt, als hätte es ihn nie gegeben.

Als Abkömmling einer Familie mit einschlägigem Hintergrund sind für den Verfasser die Dokumente besonders berührend, die aus den Regionen stammen, aus denen die deutschen Einwohner ab 1945 entweder flohen oder vertrieben wurden.

Der DKW, der hier an einem Sommerabend im Juli 1937 auf einer ostpreussischen Allee bei Elbing abgelichtet wurde, dürfte den Krieg nicht überlebt haben:

DKW_F5_Front_Luxus_Cabrio_4-sitzig_bei_Elbing_06-1937_AusschnittDoch seine Besitzer retteten 1945 ihre Fotoalben mit den hier zu sehenden Aufnahmen über Flucht und Vertreibung. So etwas „verlor“ man damals ebensowenig wie Ausweisdokumente.

Damit sind diese Bilder nach über 70 Jahren die letzten Zeugen einst weit im deutschen Osten gelebten Lebens und einer unwiederbringlich verschwundenen Welt…

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Ganz schön extravagant: Mercedes-Benz 200 (W21)

Ein 200er Mercedes und extravagant – das scheint auf den ersten Blick unvereinbar zu sein.

Wer in den 1970/80er Jahren sozialisiert wurde, kann sich an drei Möglichkeiten erinnern, mit denen sich Besitzer eines Mercedes-Benz 200 in ihr Schicksal fügten:

  • Man verzichtete auf die Typenbezeichnung auf dem Kofferraumdeckel
  • oder montierte nachträglich frech die eines 230er bzw. 280er Modells
  • oder stand mutig zu seiner Entscheidung für einen „200 D“ beispielsweise.

Umgekehrt verfielen einige Zeitgenossen auf die Idee, ihren in Wahrheit stärkeren Benz mittels Typenschild als biederen „200er“ auszugeben und dann auf der Autobahn die Maske fallen zu lassen.

Solche Sachen macht man heute nicht mehr – nur eine Minderheit scheint noch der Auffassung anzuhängen, dass man mit Autos Spaß haben darf. Selbst in Italien scheint man die Lust am Fahren verloren zu haben (Taxifahrer in Neapel ausgenommen).

Auch deshalb beschäftigen wir uns so gern mit Wagen der Vorkriegszeit, als ein Automobil noch ein Vergnügen darstellte, selbst wenn es so bieder daherkam wie hier:

Mercedes_200_bei_Augustusburg_051937_Galerie

Mercedes-Benz 200 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die vier Herren im mittleren Alter, die im Mai 1937 bei Augustusburg in Sachsen auf dem Trittbrett einer braven Limousine des Typs Mercedes-Benz 200 (W21) posierten, sind aus heutiger Sicht selbst Musterexemplare an Biederkeit.

Man stellt sie sich als Beamte, Lehrer und Advokaten vor, vielleicht war auch ein Hausarzt dabei. Draufgängerisches, Sportlichkeit oder Blendertum geht ihnen ab – und das ist durchaus wohlwollend gemeint.

Solcher soliden Stützen der Gesellschaft bedarf es vermutlich mehr als irgendwelcher von Sturm und Drang beseelter Charaktere, die zwar vorübergehend das aufregendere Leben führen mögen, aber kein solides Dasein finanzieren können.

Dann gibt es aber noch eine weitere Kategorie – die des durch Unternehmertum, Erbe oder Glück zu Geld und Unabhängigkeit gekommenen Lebemanns. Einen solchen sieht der Verfasser auf dieser Aufnahme:

Mercedes_200_Cabrio-Limousine_Galerie

Der nach Art eines Großgrundbesitzers gekleidete Herr ist erkennbar mit sich selbst im Reinen – obwohl auch er „nur“ einen 200er Mercedes fährt.

Tatsächlich fällt es schwer zu glauben, dass dieses luxuriös und großzügig anmutende Automobil etwas mit dem braven Gefährt auf dem ersten Foto gemein haben soll.

Tatsächlich wurden beide vom selben 6-Zylinder-Motor mit mageren 40 PS angetrieben, den Mercedes damals seinen Kunden vorsetzte.

Hansa etwa bot dieselbe Leistung bei seinem 6-Zylinder des Typs 1700 aus deutlich weniger Hubraum, BMWs Sechszylindertyp 319 bot 10 % mehr Leistung bei identischem Hubraum – alle bei deutlich geringerem Gewicht.

Aber: eine dermaßen großzügige Karosserie bot in dieser Klasse kaum einer der Konkurrenten – vielleicht vom Wanderer W22 abgesehen.

Hier haben wir eine viertürige Cabriolimousine vor uns, wie es scheint. Doch ein Detail fällt dabei aus dem Rahmen:

Mercedes_200_Cabrio-Limousine_Ausschnitt

Die verchromte Sturmstange ist normalerweise ein Element, das sich an Cabriolets findet. Doch der feste obere Abschluss der Türen ist typisch für eine Cabrio-Limousine.

An sich wird bei einem solchen soliden Aufbau keine Sturmstange zur Stabilisierung des Verdecks benötigt. Doch findet sich dieses Detail in der Vorkriegszeit sogar an Limousinen und Coupés als Dekor.

Der Verfasser konnte bisher keine Vergleichsaufnahme finden, die einen Mercedes 200 des Typs W21 als Cabrio-Limousine mit Sturmstange zeigt. Insofern haben wir es am Ende tatsächlich mit einer extravaganten Ausführung zu tun.

Konnte man eine Sturmstange bei diesem Modell als Zubehör ordern? Oder hat sich hier der prestigebewusste Besitzer eine Spezialversion anfertigen lassen?

Ideen und Hinweise dazu sind wie immer willkommen!

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Treuer Kamerad an allen Fronten: Renault Celtaquatre

Fotos von Zivilautos im Militäreinsatz spielen auf diesem Blog für Vorkriegsautos eine nicht unerhebliche Rolle – vielleicht sind ein paar Bemerkungen dazu angebracht:

  • Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war in Europa zu einem Großteil vom Krieg geprägt, wobei sich militärische Konflikte nicht auf die Weltkriege beschränkten.
  • Der Krieg hat also das Leben unserer Vorfahren in jener Zeit stark bestimmt und damit die Rolle des Automobils – man kommt auch als friedlich gesinnter Mensch (wohl schon immer die Mehrheit in allen Völkern) nicht daran vorbei.
  • Im 21. Jahrhundert gibt es keine offenen Rechnungen mehr in punkto Weltkrieg. Das Geschehen ist Geschichte, man kann sich damit ungezwungen beschäftigen.
  • Das gilt auch für im Krieg eingesetzte Automobile: requirierte Privatfahrzeuge, Beute-PKW oder auf zivilen Modellen basierende Kübelwagen für’s Militär.
  • Die überlebenden Fahrzeuge und die fotografischen Dokumente ihres Einsatzes sind historische Zeugnisse – es gibt keinen Grund dafür, sie auszublenden oder sie zu verteufeln. In dieser Hinsicht können wir viel von unseren Nachbarn lernen.

Nach dieser Vorrede beginnen wir ganz zivil, werden dann aber zunehmend „militant“, was die Auswahl der heutigen Fotos angeht:

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Renault „Celtaquatre“ Typ ADC1; Originalfoto  aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist eine schöne Aufnahme, auch wenn der Fotograf den Unterteil des Wagens abgeschnitten hat.

Vermutlich wollte er den bei damaligen Kameras üblichen Abbildungsfehler ausgleichen, der sich bei kurzen Distanzen aus der Position des Suchers oberhalb des Objektivs ergab. Man richtete die Kamera dazu etwas höher aus – hier wurde des Guten wohl zuviel getan.

Dennoch können wir den Wagen identifizieren. Oben auf der Kühlermaske zeichnet sich das rautenförmige Renault-Emblem ab. Die Ausführung des Kühlers verrät, dass wir es mit der Variante ADC1 des ab 1934 gebauten Mittelklassemodells zu tun haben.

Mit seinem 1,5 Liter-Vierzylinder konventioneller Bauart war dieses Automobil ausreichend motorisiert – 32 bis 34 PS genügten für rund 900 kg Wagengewicht.

Der Bursche, der die Fahrertür des Renault auf unserem Foto offenhält, wirkt mit seinen Schulterklappen militärisch, lässt aber sonst alle soldatischen Insignien vermissen. Die Schirmmütze besagt nicht viel – die trugen auch zivile Chauffeure.

Hat ein Leser eine Erklärung für die Situation?

Unterdessen schauen wir uns dasselbe Modell einige Jahre später an – nun im Dienst der deutschen Wehrmacht:

Renault_Celtaquatre_ADC1_1935_WH_Galerie

Renault „Celtaquatre“ Typ ADC1; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Den selbstbewusst posierenden Infanterieunteroffizier würde der auf diesem Sektor nur oberflächlich bewanderte Verfasser als Feldwebel ansprechen – Präzisierungen und Korrekturen von sachkundigen Lesern sind wie immer willkommen!

Die Chromteile des Renault sind mattgrau überlackiert wie der übrige Wagen, der vermutlich im Zuge des Frankreichfeldzugs im Sommer 1940 erbeutet wurde.

Der freundlich in die Kamera schauende Gefreite (zu erkennen am Winkel auf dem Ärmel) dürfte der Fahrer des Unteroffiziers gewesen sein.

Sicher ist diese Aufnahme weit hinter der Front entstanden, leider gibt uns der Abzug keine Hinweise auf die Region, in der der Renault einst haltmachte.

Ebenfalls unbekannt ist der Ort, an dem dieser auf deutscher Seite eingesetzte Renault Celtaquatre abgelichtet wurde:

Renault_Celtaquatre_ADC2_WH_Galerie

Renault „Celtaquatre“ Typ ADC2; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Verfasser ist geneigt, einen Aufnahmeort irgendwo in Südosteuropa zu vermuten.

Dass wir es mit einem Beutewagen der Wehrmacht zu tun haben, verrät die Aufschrift „WH“ („Wehrmacht Heer“)  auf dem in Fahrtrichtung linken Schutzblech. Das taktische Zeichen auf dem anderen Kotflügel ist unvollständig wiedergegeben.

An einem der Scheinwerfer fehlt der Tarnüberzug, der das Licht bei Nacht so weit dämpfte, dass es aus der Luft kaum sichtbar war- vermutlich war er verlorengegangen und in der Region war nicht mit gegnerischer Luftaufklärung zu rechnen.

Nun aber zum Wagentyp: Hier haben wir den Nachfolger des zuvor gezeigten Renault, nämlich den Typ ADC2, der ab 1936 gebaut wurde. Hauptunterschied zum Vorgänger war der stärker gepfeilt gestaltete Kühler.

An dem Wagen auf dem Foto fehlt ein Großteil der Mittelstrebe des Kühlers, schwer zu erklären angesichts der sonst unbeeinträchtigten Frontpartie.

Aber was wissen wir schon über das Schicksal dieser Wagen im Militäreinsatz, von denen wahrscheinlich nichts geblieben ist als diese über 80 Jahre alten Fotos, die deutsche „Landser“ irgendwo weit hinter der Front geschossen haben.

Übrigens haben wir eine Aufnahme eines ähnlichen Fahrzeugs bereits vorgestellt:

Renault_Celtaquatre_Wehrmacht_Ostfront_Galerie

Renault „Celtaquatre“ Typ ADC2; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das taktische Zeichen und das Divisionskennzeichen auf dem linken Kotflügel verraten: Der Renault gehörte zur Panzerjäger-Abteilung 49, die Teil der 4. Panzerdivision war. Diese nahm ab Sommer 1941 am Russland-Feldzug teil.

Da das Divisionskennzeichen ab 1943 ein anderes war, entstand das Bild 1941 oder 1942 in Russland – dem Wuchs des Getreides und dem Schattenwurf nach an einem Frühsommertag um die Mittagszeit.

Die 4. Panzerdivision wurde 1943/44 fast völlig aufgerieben. Dabei dürfte auch der kleine Renault verlorengegangen sein, was aus der Besatzung wurde, wissen wir nicht.

Man sieht: Die Beschäftigung mit Vorkriegsfahrzeugen ist weit mehr als nur Technikgeschichte – sie konfrontiert einen mit menschlichen Schicksalen in einem gigantischen Ringen, von dem der Einzelne kaum etwas überblickte.

Für diese Männer, die sich ihr Los meist nicht ausgesucht hatten, sondern von der Schulbank oder aus der Ausbildung in den Krieg geschickt wurden, waren robuste Wagen wie der Renault Celtaquatre treue Kameraden in dick und dünn.

Wenn heute solch ein vom Militär eingesetztes Auto noch existiert oder wieder auftaucht, verdient es durchaus als Zeitzeuge gewürdigt zu werden.

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Fund des Monats: Ansaldo 8/32 PS mit Reutter-Aufbau

Im letzten Blog-Eintrag gab sich der Verfasser etwas voreilig Hoffnungen auf ein baldiges Nahen des Frühlings hin – vermutlich unter dem verwirrenden Einfluss der beiden Fotomodelle, mit denen Mercedes einst so raffiniert warb.

Leider sind zwischenzeitlich wieder spätwinterliche Verhältnisse in die sonst von mildem Lokalklima geprägte Wetterau zurückgekehrt. Da helfen nur ein Glas Rotwein und ein neuer Beitrag zur Rubrik FUND DES MONATS.

Kurioserweise wirft der heutige Kandidat nicht die geringsten Rätsel auf – die beiden Originalaufnahmen sind akkurat beschriftet und auf den Tag genau datiert.

Bemerkenswert ist aber eines: Da hat tatsächlich jemand im Jahr 1925 bei der renommierten Stuttgarter Karosseriebaufirma Reutter einen großzügigen Aufbau als 6-Fenster-Limousine für einen italienischen Ansaldo bestellt.

In deutschen „Oldtimer“-Magazinen mit ihrem beschränkten Markenhorizont und Hang zu ordinären Gebrauchtwagen der 1980er und 90er Jahre kommt ein solches Fabeltier natürlich selten bis nie vor.

Doch auch eingefleischte Vorkriegsenthusiasten haben vermutlich kaum je ein Fahrzeug dieses Typs zu Gesicht bekommen:

Ansaldo_8-32PS_Reutter_für_Fuchs&Börner_08-1925_Galerie

Ansaldo 8/32 PS; Reutter-Werksfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses majestätische Automobil mit großzügigem Passagierabteil – wie wir noch sehen werden – wurde von Reutter im Auftrag des Stuttgarter Autohauses Fuchs & Börner gefertigt.

Leider wissen wir nichts über den Käufer des Wagens. Wer auch immer es war, muss ein Faible für das Außergewöhnliche gehabt haben. Denn Autos des traditionsreichen Turiner Herstellers Ansaldo waren stets teure Manufakturprodukte.

Wer so etwas in Stuttgart Mitte der 1920er Jahre haben wollte, enttäuschte wohl bewusst die Erwartungshaltung seiner schwäbischen Mitbürger – eine Einstellung, die in Zeiten grassierender politischer Korrektheit hochaktuell ist.

Die Beschriftung der Werksaufnahme von Reutter verrät uns neben dem Entstehungsdatum „3.8.1925“ auch die Motorisierung des Ansaldo: 8/32 PS.

Demnach haben wir es wahrscheinlich mit einem der „kleinen“ Vierzylindermodelle des Typs 4D von Ansaldo zu tun.

Auf den ersten Blick erscheint das angesichts der Dimensionen des Wagens unglaubwürdig – unter dieser Haube könnte auch ein Sechszylinder stecken:

Ansaldo_8-32PS_Reutter_für_Fuchs&Börner_08-1925_Frontpartie

Viel Vergleichsmaterial ließ sich bislang nicht auftreiben – der Ansaldo-Konzern betrieb ähnlich wie Hanomag – den Automobilbau eher nebenher.

Doch im Fundus des Verfassers fand sich eine Reklame für das Vierzylindermodell Tipo 4D, bei der die Dimensionen des Vorderwagens ganz ähnlich erscheinen.

Unterschiedlich sind hier lediglich die Ausführung der Räder, die fehlenden Vorderradbremsen und die abweichende Gestaltung des Schutzblechs:

Ansaldo_4D_Reklame_Galerie

Ansaldo-Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Reklame ist etwas älter als die Werksaufnahme des Ansaldo mit Reutter-Karosserie. Dennoch zeigt sie ein Vierzylindermodell mit ganz ähnlichen Proportionen,

Da Ansaldo in den 1920er Jahren auch stärkere Sechszylinderwagen baute, wäre es interessant zu erfahren, ob für die Vierzylinder aus Prestigegründen dasselbe Chassis verwendet wurde.

Für einen 32 PS leistenden Vierzylindermotor wäre jedenfalls ein derartig üppig bemessener Vorderwagen nicht erforderlich gewesen. Möglicherweise war der Klientel von Ansaldo die Motorleistung auch weniger wichtig als eine opulente Erscheinung und großzügige Innenausstattung.

Damit wären wir bei dem zweiten Werksfoto des Wagens, das wir bewusst in voller Größe zeigen. Es zeigt nämlich den Papierstreifen unterhalb des Abzugs mit den bereits erwähnten Daten dieses Ansaldo:

Ansaldo_8-32PS_Reutter_für_Fuchs&Börner_08-1925 (2)_Galerie

Ansaldo 8/32 PS; Reutter-Werksfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Blick in den Innenraum ist eine Offenbarung – das Wertegefüge war einst auch in automobiler Hinsicht ein anderes. Wer über die „bloß“ 32 PS dieses Ansaldo lächelt, verstummt angesichts der wohnzimmerhaften Anmutung des Passagierabteils.

Hier gab es kein „fahrerorientiertes Cockpit“, der Chauffeur hatte sich vielmehr mit einem knapp bemessenen Arbeitsplatz zu begnügen. Bei solchen Wagen stand vielmehr der Komfort der Reisenden im Mittelpunkt.

Dieser Aspekt wird nicht nur bei der Staatsbahn hierzulande schmählich vernachlässigt, auch viele Autobauer meinen, dass Beinfreiheit und großzügiger Rundumblick „von gestern“ seien.

Offenbar will es der gemeine Kunde so, denn Alternativen mit gutem Platzangebot und vorbildlicher Übersichtlichkeit gibt es durchaus. Damit wären wir wieder bei den eingangs geschmähten „Youngtimern“ der 1980er und 90er Jahre.

Aber seien wir ehrlich: Kann eine 30 Jahre alte Mercedes S-Klasse hier mithalten?

Ansaldo_8-32PS_Reutter_für_Fuchs&Börner_08-1925 (2)_Ausschnitt

Tja, so ändern sich die Zeiten. Hier „stieg“ man noch würdevoll ein und genoss einen Freiraum wie einst in einem D-Zug-Abteil. Aber das kennt ja auch kaum noch einer…

Glauben wir bloß nicht, dass wir in jeder Hinsicht in der besten aller Welten leben.

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Auf in den Frühling – im Mercedes „Stuttgart“ Cabriolet

Heute haben wir den 21. März 2018 und tagsüber war tatsächlich ein Hauch von Frühling in der Luft, zumindest in der Wetterau – der Heimat des Verfassers dieses Blogs für Vorkriegsautos.

Wer würde – ungeachtet der frostigen Nachttemperaturen – keine Frühlingsgefühle angesichts dieser beiden unternehmungslustigen Damen entwickeln, die in den 1930er Jahren für eine Reklamekarte von Daimler-Benz posierten?

Mercedes-Benz-Reklame_1930er_Galerie

Originale Ansichtskarte von Daimler-Benz aus Sammlung Michael Schlenger

Wie elegant und charmant selbstbewusste Weiblichkeit daherkommen kann, daran erinnert ausgerechnet ein Dokument aus der Vorkriegszeit. Natürlich sah die Realität meist anders aus, ein Auto besaß hierzulande ohnehin kaum jemand.

Doch diesen Frauentyp gab es durchaus, und der musste sich unter ganz anderen Bedingungen durchsetzen als moderne Geschlechtsgenossinnen, denen nun wirklich alles offensteht, die aber oft nichts aus ihren Möglichkeiten machen.

Bevor nun ein Proteststurm weiblicher Ingenieure, Straßenbauarbeiter, Dachdecker, Fliesenleger und Schweißer losbricht, halten wir uns lieber ans eigentliche Thema.

Hier haben wir eine im wahrsten Sinne des Wortes historische Aufnahme, die Lust auf einen Ausflug im offenen Wagen macht:

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Mercedes 260 „Stuttgart“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Entstanden ist dieses Foto um 1930 im pittoresken Meersburg am Bodensee, das verrät die umseitige Beschriftung des Abzugs.

Mit Unterstützung eines Lesers dieses Blogs ließ sich der Aufnahmeort exakt lokalisieren – der Mercedes hatte unterhalb der Substruktionen des Neuen Schlosses haltgemacht, wo die Rebhänge entlang der Uferpromenade auslaufen.

Auch wenn es vielleicht nicht so wirkt: Die Person, die den offenen Mercedes mitsamt drei Insassen ablichtete, fand darin ebenfalls Platz. Denn das zweitürige Cabriolet verfügte hinten über eine großzügig bemessene Sitzbank:

Mercedes-Benz_260_Stuttgart_Meersburg_Ausschnitt

Lesern dieses Blogs könnte der Wagentyp bekannt vorkommen – ein fast identisches Fahrzeug haben wir hier bereits anhand mehrerer Privatfotos vorgestellt.

Auf jeden Fall handelt es sich um einen Mercedes des 1929 vorgestellten Typs „Stuttgart“, wahrscheinlich in der ab 1932 gebauten Variante mit 2,6 Liter Sechszylinder – zuvor gab es nur eine äußerlich weitgehend identische 2-Liter-Version.

Mit seiner Zweifarblackierung und großzügigem Chromeinsatz kam der Mercedes „Stuttgart“ recht luxuriös daher, während das 50 PS-Aggregat für einen Wagen dieser Klasse eher bescheiden anmutet.

Aber was wissen wir schon im 21. Jahrhundert darüber, was so ein hochkarätiger Wagen für die einstigen Besitzer tatsächlich bedeutete?

Auf eigene Faust die Heimat erkunden, in fremden Ländern auf Reisen gehen, sich im Winter die frische Luft um die Nase wehen zu lassen oder im Frühling den Duft der erwachenden Natur zu genießen – all das war die Verheißung des Automobils vor fast 90 Jahren.

Heute ist ein Mercedes ein Alltagsgefährt wie viele andere – wer einen besitzt, mag beim Anblick des Sterns ab und an daran denken, wo die Wurzeln der Marke liegen und was wir ihr an souveräner und stilvoller Mobilität verdanken:Mercedes-Reklame_1_Galerie

Mercedes-Benz Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger
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Original gesucht: Horch 350 Cabriolet Karosserie Gläser

Dieser Oldtimerblog für Vorkriegsautos hat schon einiges an historisch interessantem Fotomaterial zutagegefördert. Heute geht es aber ausnahmsweise um einen Wagen im Maßstab 1:1 – das heißt, es wird das Original zu einem zeitgenössischen Foto gesucht.

Anlass dafür ist ein atemberaubender Fund, der einem Enthusiasten aus der Nähe von Zwickau vor wenigen Jahren gelungen ist. Er konnte in Tschechien das folgende Fahrzeug erwerben:

Horch_350_Stöhr_2012_Galerie

Horch 8 Typ 350; Bildrechte: Rudolf Stöhr

Auf den ersten Blick sieht man hier einen schwer mitgenommenen Mannschaftswagen – die grüne Lackierung lässt an ein Polizei- oder Militärfahrzeug denken.

Tatsächlich handelt es sich jedoch um ein ehemaliges Feuerwehrauto, das einst von der tschechischen Karosseriebaufirma Hrcek & Neugebauer in Brünn gefertigt wurde.

Die Basis dafür war – man halte sich fest – ein Achtzylinder-Horch des Typs 350 aus den späten 1920er Jahren.

Nun könnte einer sagen, dass ein Horch 350 zwar bei seiner Vorstellung 1928 ein veritables Luxusgefährt war, aber doch auch keine so große Rarität blieb, dass man viel Aufhebens darum machen müsste.

Es stimmt schon, Fotos des 80 PS starken Horch 350 sind auch nach 90 Jahren gar nicht einmal so selten. Der Fundus des Verfassers gibt da einiges her. Hier hätten wir beispielsweise die Ausführung als Sedan-Cabriolet:

Horch_350_Sedan-Cabriolet2_Galerie

Diesen mächtigen Wagen haben wir bereits anhand diverser Fotos vorgestellt. Bei Interesse einfach „Horch 350“ in der Suchfunktion eingeben.

Hier sieht man sehr gut eines der wesentlichen Merkmale, die den Typ 350 von früheren bzw. späteren Achtzylindermodellen von Horch unterscheidet: das seitlich auf der Motorhaube aufgenietete Blech mit den Luftschlitzen.

Von vorne sah dieser Koloss übrigens so aus:

Horch_350_1_Bamberg_04-1931_Ausschnitt

Horch 350; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese in Bamberg entstandene Aufnahme haben wir zusammen mit weiteren hier besprochen.

Der geflügelte Pfeil schmückte den Kühler des Horch 350 nur zeitweise, er wurde später von einer weniger expressiven geflügelten Weltkugel abgelöst.

Man kann diese auf folgendem Foto erkennen, das wir bislang noch nicht gezeigt haben. Es entstand nicht allzuweit vom Heimatort des Verfassers in der Vogelsbergregion an einem Abzweig der Straße zwischen Schlitz und Bad Salzschlirf:

Horch_350_Lindenallee_Bernshausen_AusschnittDer Aufnahmeort lässt sich anhand der Kilometerangaben auf dem Wegweiser noch heute präzise lokalisieren – eine Seltenheit bei historischen Automobilfotos.

Wie die vier Herren vor dem Wagen präsentiert sich selbiger als ziemlich dicker Brocken – wiederum ein Vertreter der Spezies Sedan-Cabriolet mit festen Fenstersäulen und komplett niederlegbarem Verdeck.

In welcher Klasse Horch damals unterwegs war, unterstreicht dieses Beispiel sehr gut. Die Scheinwerfer im Suppenschüsselformat und der riesige Kühler mit vertikalen Lamellen wiesen damals auf ein Automobil der Spitzenklasse hin.

Doch daneben war der Horch 350 auch in hocheleganten Versionen verfügbar und um eine solche geht es heute:

Horch_350_Baronin_Günderode_Wiesbaden_Concours_1928_Galerie

Horch 350; Aufnahme aus: Horch – Prestige und Perfektion, von P. Kirchberg

Diese Aufnahme ist in Paul Kirchbergs Buch „Horch – Prestige und Perfektion“ auf Seite 1926 zu finden.

Das 1928 beim Concours d’Elegance in Wiesbaden entstandene Foto zeigt den Horch 350 als edles 2-türiges Cabriolet mit vier Sitzen.

Gebaut wurde dieses herrliche Fahrzeug von der Manufaktur Gläser in Dresden, seinerzeit eine der ersten Adressen im Karosseriebau im deutschprachigen Raum.

Ein Erkennungsmerkmal der Gläser-Ausführung sind die Drahtspeichenfelgen, die sonst bei keiner der serienmäßigen Versionen des Horch 350 zum Einsatz kamen.

Das sonst recht ähnliche „Sport-Cabriolet“ desselben Typs besaß nur die üblichen Stahlspeichenräder – hier eine bislang unpublizierte Aufnahme:

Horch_350_Sport-Cabriolet_invertiert_Galerie

Horch 350; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So ähnlich die Cabriolets auf beiden Aufnahmen erscheinen, so sehr unterscheiden sie sich im Detail.

Übrigens war die Besitzerin des von Gläser gebauten Cabriolets auf Basis des Horch 350 die Baronin von Günderrode – eine der letzten Nachfahrinnen der Karoline von Günderrode, die zu den bedeutenden Frauengestalten der deutschen Romantik gehörte.

Was aus dem Wagen der Baronin von Günderrode wurde, ist bis heute ungeklärt. An diesem Punkt wird es spannend. Denn der zum Feuerwehrauto umgebaute Horch 350, den wir eingangs gezeigt haben, verfügt über Drahtspeichenräder.

Der heutige Besitzer geht davon aus, das sein Horch 350 einst ebenfalls eine Manufakturkarosserie als zweitüriges Cabriolet von Gläser aus Dresden besaß.

Nun sucht er den Kontakt zu einem Besitzer genau solch eines Wagens, sollte es irgendwo auf der Welt noch einen geben.

Es geht ihm lediglich darum, an die Maße der Karosserie zu gelangen, um den Originalzustand seines Horch 350 wiederherstellen zu lassen.

Sollten Leser dieses Blogs diesbezüglich weiterhelfen können oder auch weitere Fotos des von Gläser karossierten Horch 350 Cabriolets besitzen, stellt der Verfasser gern diskret den Kontakt zum Besitzer des Restaurationsexemplars her.

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So schön kann der Winter sein: Dixi 6/24 PS Tourer

Wir nähern uns dem Frühlingsanfang des Jahres 2018 – zumindest in kalendarischer Hinsicht. Doch das Wetter zeigt sich kapriziös und sorgt bei Autofahrern wie Gartenbesitzern mit unerwartet winterlichen Verhältnissen für Verdruss.

Doch uns Liebhabern von Vorkriegsautos auf alten Fotos bieten Schnee und teils deftige  Temperaturen einen willkommenen Vorwand, eine alte Aufnahme zu studieren, die in ganz ähnlicher Situation vor rund 90 Jahren entstand:

Dixi_6-24_PS_Winter_Galerie

Dixi 6/24 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ja, so schön kann der Winter sein, wenn man in der warmen Stube sitzt, ein solches Prachtfoto genießen kann und nebenbei der Eisenacher Marke Dixi zugetan ist.

Das Auto selbst stellt uns vor keine großen Rätsel, selten lässt sich ein Tourenwagen der 1920er Jahre so mühelos identifizieren. Der Typ als solcher – ein 6/24 PS-Modell – ist uns auf diesem Blog schon auf einigen Aufnahmen begegnet.

Doch keine davon kann es annähernd mit der Qualität dieses Dokuments aufnehmen. Dabei stand der Wagen vielleicht gar nicht im Mittelpunkt, denn der knapp bemessene Schärfebereich ist auf die Ebene des daneben stehenden Fahrers begrenzt.

Trotzdem sehen wir von dem Auto auf Anhieb alles wesentliche, was die präzise Ansprache erlaubt:

Dixi_6-24_PS_Winter_Ausschnitt

Der gemäßigte Spitzkühler mit dem nach vorn abfallenden Oberteil und dem Aufwärtsschwung des unteren Abschlusses würde auch ohne das Markenemblem genügen, um das Auto als Dixi der 1920er Jahre identifizieren zu können.

Zusammen mit den nach hinten geneigten, recht niedrigen Luftschlitzen in der Motorhaube verweisen diese Details auf den ab 1923 gebauten Typ 6/24 PS.

Technisch unspektakulär, aber sorgfältig konstruiert und einwandfrei verarbeitet erfreute sich das Modell einiger Beliebtheit – bis 1928 wurde es gebaut. Das markante „Gesicht“ und die serienmäßigen Drahtspeichenräder mögen dazu beigetragen haben.

Das Fehlen von Trommelbremsen an der Vorderachse spricht für ein Modell aus der Zeit vor 1925. Dem makellosen Zustand nach zu urteilen könnte es sich um ein beinahe neues Exemplar gehandelt haben – die unterschiedlichen Profile der beiden Vorderreifen sprechen aber dagegen.

Bei guter Lackpflege vermochte der Winter den damaligen Autos auch kaum etwas anzuhaben. Streusalz auf den Straßen gab es nicht, rostanfällige Hohlräume ebenfalls nicht und die Schichtdicke der Lackierungen war beachtlich.

Sicher war dem Fahrer – offenbar ein Chauffeur eines Reichspostbeamten (siehe Kennzeichen) – sehr an einem sauberen Erscheinungsbild „seines“ Wagens gelegen. Der Beruf genoss damals Prestige, wenn man bedenkt, dass die allermeisten Altersgenossen in der Landwirtschaft, im Handwerk oder der Industrie schwere, eintönige oder gefährliche Arbeiten leisten mussten.

Der blutjunge Bursche war sicher stolz auf seine Position und hat sich eigens fotografieren lassen, um Angehörigen und Familie zu zeigen:“Seht her, ich habe es zu etwas gebracht.“

Dixi_6-24_PS_Winter_Ausschnitt2

Ruhig und ernst, mit bewusster Haltung schaut er in die Kamera – ein Schnappschuss war das eindeutig nicht. Nur einen Knopf der zweireihigen Lederjacke hat er vergessen zu schließen.

Das ist übrigens ein zeitloses Kleidungsstück, wie es bereits die Kampfflieger des 1. Weltkriegs trugen und bei Automobilisten und Motorradfahrern lange Zeit beliebt blieb.

Deutsche Polizisten trugen bis in die 1970er Jahre solche Lederjacken in bester Qualität. Mit etwas Glück bekommt man noch ein gut erhaltenes Exemplar, das ohne weiteres eine Winterjacke ersetzt, wie der Verfasser aus eigener Erfahrung weiß.

Für Fahrer offener Vorkriegsautomobile und klassischer Motorräder ist dies eine ausgezeichnete Wahl, die das authentische Erscheinungsbild abrundet.

Überhaupt kann man sich auf solchen zeitgenössischen Fotos einiges an Stilsicherheit abschauen, den man in Zeiten von „Funktionskleidung“ in aggressiven Farben vermisst…

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Unheimlich selten: Hanomag 6/32 PS Cabriolet

Heute haben wir es mit einem geheimnisvollen Originalfoto eines alten Bekannten zu tun – das bei näherer Betrachtung ein wenig unheimlich wirkt.

Ganz vermochte der Verfasser das Rätsel dieser Aufnahme nicht zu lösen und hofft auf zündende Ideen der Leserschaft. Wäre nicht das erste Mal, dass jemand eine Erklärung für ein mysteriöses Detail auf einem historischen Foto eines Vorkriegswagens hat.

Entgegen sonstiger Gepflogenheiten zeigen wir erst einmal eine Prachtaufnahme des rätselhaften Automobils und nehmen damit einen Großteil der Lösung vorweg – ein Rest an Geheimnis verbleibt jedoch.

Treue Leser dieses Oldtimerblogs für Vorkriegsautos auf alten Fotos mögen sich an folgende wunderbare Werksaufnahme eines Hanomag 6/32 PS Cabriolets erinnern:

Hanomag_6-32_PS_Cabriolet_Hannover_Galerie

Hanomag 6/32 PS Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was soll man sagen? Diese Aufnahme ist schwer zu überbieten – nicht nur wegen des charmanten Fotomodells, auf das der Fotograf scharfgestellt hat, während die Kühlerpartie des Wagens im Unschärfebereich liegt.

Ob dieses Foto damals die Gnade der Herren gefunden hat, die das Sagen in der Zentrale des hannoveranischen Maschinenbaukonzerns hatten? Egal, es hat auch so die Zeiten überdauert und macht noch nach über 80 Jahren glücklich.

Denn hier sehen wir eines der raren zweitürigen Cabriolets, die 1933/34 auf Basis des Hanomag 6/32 PS entstanden. Von dem Typ als solchen sind nur wenig mehr als 1.000 Exemplare entstanden – die Cabrioversionen waren noch weit seltener.

Kein Wunder, dass es eine ganze Weile gedauert hat, bis wieder eine Aufnahme dieses Typs in der Ausführung als Zweifenster-Cabriolet auftauchte. Das Foto hat aber etwas Unheimliches an sich, aus dem der Verfasser nicht ganz schlau wird:

Hanomag_6-32_PS_Cabriolet_Galerie

Wanderer W10/IV und Hanomag 6/32 PS Cabrio; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun mag einer sagen, das ist doch ein Wanderer W10/IV im Vordergrund, definitiv kein Hanomag. Volle Punktzahl für die Identifikation des Wanderer-Modells, das wir hier besprochen haben.

Doch was steht da eingeklemmt zwischen dem Wanderer und dem Opel 1,2 Liter (der gelegentlich noch zu würdigen ist)?

Da haben wir besagten unheimlichen Fall, denn dieses Auto erscheint irgendwie unwirklich:

Hanomag_6-32_PS_Cabriolet_Ausschnitt

Wir sehen genug von dem Wagen, um ihn als Hanomag 6/32 PS Cabriolet ansprechen zu können.

Da wären der nach unten spitz zulaufende Kühlergrill mit den verchromten Streben und das geflügelte Hanomag-Emblem. Sicher, das gab es auch bei den Modellen 3/18 PS und 4/23 PS der frühen 1930er Jahre.

Doch haben wir es hier mit einer Cabriolet-Version zu tun, bei der häufigeren Cabrio-Limousine war die Oberseite des Frontscheibenrahmens stärker ausgeprägt. Ein Werks-Cabriolet von Hanomag gab es aber nur vom 6/32 Modell (siehe oben).

Auch die nach vorn ausgestellte Frontscheibe unterstützt die Vermutung, dass sich hier eines der raren Werkscabrios des Hanomag 6/32 PS zwischen den Wanderer und den Opel gemogelt hat.

Aber: Betrachtet man das Ausgangsfoto, wirkt der Hanomag, als wäre er auf unheimliche Weise in die Aufnahme hineinprojiziert worden.

Er passt weder von den Größenverhältnissen zwischen den Wanderer und den Opel, noch befindet er sich in einer Ebene mit dem Opel, der deutlich schräger steht.

Haben wir es hier mit einer Mehrfachbelichtung zu tun?

Für diejenigen, die nur Digitalknipsen kennen oder mit ihren „Smartphones“ fotografieren: Bei Analogkameras kam es vor, dass nach erfolgter Belichtung der Filmtransport versagte und dieselbe Filmpartie nochmals belichtet wurde.

Dann können solche geisterhaften Aufnahmen entstehen, auf denen nicht zusammengehörige, bei unterschiedlichen Gelegenheiten oder aus unterschiedlichen Perspektiven aufgenommene Objekte gemeinsam auf einem Bild erscheinen.

Die Identifikation des mysteriösen Hanomag als rares Cabriolet des Typ 6/32 PS dürfte eindeutig sein, doch das unheimliche Erscheinen dieses Wagens auf der Aufnahme harrt einer Erklärung…

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Bella figura – nicht nur am Gardasee: Fiat 509 Zweisitzer

Wenn heute noch irgendeines der zahlreichen und meist hervorragend konstruierten Vorkriegsautos der Turiner Traditionsmarke Fiat bekannt ist, dann ist es der legendäre Typ 500 „Topolino“.

Zwar hatte Fiat bereits Anfang der 1920er Jahre mit dem Typ 501 einen internationalen Erfolg gelandet, doch dieses frühe Beispiel für Großserienfertigung ist heute außerhalb Italiens weitgehend vergessen.

Mit der gestalterischen Raffinesse des 1936 vorgestellten „Topolino“ konnte es allerdings auch kaum ein anderer Wagen in der Einsteigerklasse aufnehmen:

Fiat_Topolino_1_Galerie.jpg

Fiat 500 „Topolino“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nie zuvor – und nach Meinung des Verfassers nie wieder danach – ist es gelungen, eine dermaßen kompakte Karosserie so gefällig zu gestalten – da kommt auch die so beliebte Nachkriegsversion des Fiat 500 nicht mit.

Bevor Fiat ab Mitte der 1930er Jahre bei seinen Typen 500, 1100 und 1500 die fließenden Formen der Stromlinie adaptierte, hatte man Karosserien gefertigt, wie sie klassischer kaum sein konnten.

Vor allem die Frontpartie mit dem Kühler in Form einer antiken Tempelfassade war typisch für die Turiner Produkte der zweiten Hälfte der 1920er Jahre.

Von diesen Wagen aller Größenklassen mit ihren wie gemeißelt wirkenden Frontpartien haben wir schon etliche in historischen Originalfotos vorgestellt, doch tauchen immer wieder „neue“ reizvolle Beispiele dafür auf.

Eines davon versteckt sich auf dieser alten Postkarte vom Gardasee, die im September 1932 den Weg nach Deutschland fand:

Fiat_509_Gardasee_09-1932_Galerie

Fiat 509 Zweisitzer; Ansichtskarte aus Sammlung Michael Schlenger

Kommt hier nicht spontan Urlaubsstimmung auf? Was gäbe man dafür, die meisterhaft angelegten Straßen rund um den Gardasee heute so ungestört genießen zu können?

Die Demokratisierung der Automobilität hat nun einmal ihren Preis und in jeder Zeit gibt es Licht und Schatten – dafür mag die obige Aufnahme mit ihrem fast schmerzhaften Kontrast sinnbildlich stehen.

Schauen wir uns genauer an, was da für ein Wagen an der Böschungsmauer hoch über dem Seeufer haltgemacht hat:

Fiat_509_Gardasee_09-1932_Ausschnitt

Wenn nicht alles täuscht, muss das ein 2-sitziges Cabriolet des Typs Fiat 509 sein. Typisch für die Fiats in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre war die Fortsetzung des giebelartigen Kühleroberteils in der Motorhaube bis hin zur Schottwand.

Die kompakten Abmessungen deuten auf das Basismodell 509 mit 20 PS leistendem 1 Liter-Vierzylinder hin, während der stärkere (1,5 Liter, 25 PS) Typ 503 etwa größer ausfiel.

Die aus heutiger Sicht moderat erscheinenden Leistungen täuschen über zweierlei hinweg: Zum einen wogen diese Wagen zumindest in der offenen Ausführung nicht viel, zum anderen besaßen sie außerordentlich drehfreudige und zugleich standfeste Aggregate – schon damals eine Spezialität von Fiat.

Die kopfgesteuerten Motoren dieser braven Volumenmodelle lieferten auch die Basis für hochgezüchtete Sportwagen, was ihre Qualitäten unterstreicht.

Kein Wunder, dass die kleinen, aber feinen Fiat-Modelle jener Zeit auch in Deutschland etliche Liebhaber fanden – hier haben wir einen 509 in genau der Ausführung als offener Zweisitzer wie auf der Postkarte vom Gardasee:

Fiat_509_März_1929_Galerie

Fiat 509, 2-sitziges Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Aufnahme entstand im März 1929, also vor beinahe 90 Jahren. Die drei wie aus dem Ei gepellten Herren machen hier mindestens ebenso „bella figura“ wie der kleine Fiat, auf dessen Trittbrett sie posieren.

Dass man mit heutigen Autos solche Fotos nicht mehr machen kann, unterstreicht den formalen Reiz von Vorkriegsautos.

Sie sind grundlegend anders als alles, was in späterer Zeit folgte und deshalb fallen sie inmitten der herrlichsten Nachkriegswagen sofort auf, ganz gleich welche bescheidene Rolle sie in der Autohierarchie zur Zeit ihrer Produktion einnahmen.

Gleichzeitig hat hier mancher sein Aha-Erlebnis, wer klare, konzentrierte Formen für ein Privileg der 1960er Jahre hält. Schon die Autos der 1920er Jahre weisen eine Sachlichkeit der Linienführung auf, die mitunter ins Belanglose abgleitet.

Doch bei den italienischen Wagen jener Zeit – nicht nur Fiat, sondern auch Ansaldo, Ceirano und O.M. – finden wir eine blitzsaubere klassische Formgebung, die nichts zu wünschen übrig lässt:

Fiat_509_März_1929_Frontpartie

Diese Seitenansicht würde bereits genügen, um den Wagen als Fiat der zweiten Hälfte der 1920er Jahre zu identifizieren – die wie mit dem Lineal geführte, leicht ansteigende Linie vom Kühler, die bis zur Frontscheibe reicht, ist unverwechselbar.

Typisch für die Modelle 509 und 503 ist außerdem die Proportion der Haube mit den eher niedrig angebrachten Luftschlitzen und der breiten Seitenleiste darüber.

Bei den größeren Modellen erzwang der Platzbedarf etwas andere Abmessungen, die nicht mehr ganz so harmonisch wirken. Ein Beispiel dafür – oder besser: zwei – sind die nächsten Fiat-Kandidaten in diesem Blog. Das werden dann zur Abwechslung einmal richtig große Wagen sein!

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Ist das noch ein DKW? Vierzylindertyp „Sonderklasse“

Was verbinden Freunde deutscher Vorkriegswagen typischerweise mit einem DKW?

Nun, in technischer Hinsicht einen 2-Zylinder-Zweitakter, Frontantrieb und mechanische Bremsen. Das Ganze verpackt in ansehnliche, doch wenig robuste Karosserien aus Holz und Kunstleder.

In der Regel liegt man mit diesem Schema richtig. Doch neben den kleinen, aber enorm erfolgreichen Fronttrieblern bot DKW auch erwachsener wirkende Wagen an.

Sie verfügten über einen komplexen V4-Zylinder-Zweitakter mit je einer Ladepumpe pro Zylinderbank, Heckantrieb und hydraulische Bremsen. Sie waren nicht ganz so unverwechselbar gestaltet, boten aber mehr Platz und eine besseres Ausstattung.

Ein Exemplar dieser „großen“ DKWs – den Typ V1001 Sonderklasse – haben wir vor längerem schon einmal zeigen können (Bildbericht):

DKW_1001_Sonderklasse_Galerie

DKW V1001 Sonderklasse; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das repräsentativere Erscheinungsbild bezahlte der Käufer mit gegenüber den kleineren Zweiyzlindermodellen drastisch erhöhtem Verbrauch an Kraftstoff.

DKW bekam die Trunksucht des V4-Motors nie in den Griff. Da es dennoch eine gewisse Nachfrage nach dem gehobenen Modell gab (rund jeder zehnte DKW-Käufer entschied sich dafür) beschränkte man sich auf formale Überarbeitungen.

Nicht jede dieser optischen Modellpflegemaßnahmen glückte. Auf den klassisch schönen DKW V1001 Sonderklasse auf dem ersten Foto folgte 1934 die Version „Schwebeklasse“, die vom Ideal der Stromlinie beeinflusst war (Bildbericht):

DKW_Schwebeklasse_Galerie

DKW „Schwebeklasse“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Gefährt – daraüber kann die hübsche Beifahrerin nicht hinwegtäuschen – wirkt so unharmonisch wie ein Eigenbau aus Teilen verschiedener Spenderwagen.

Rustikal wie hier die einzelnen Elemente zusammengesetzt sind, war die „Schwebeklasse“ kein Ruhmesblatt der verantwortlichen Gestalter.

Zum Glück besann man sich bei DKW anschließend wieder klassischer Tugenden und brachte die Sonderklasse 1937 mit abermals neuer Karosserie heraus – das Ergebnis sah dann so schnittig aus wie auf dieser Aufnahme:

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DKW „Sonderklasse“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch dieser Wagen wurde wie sein Vorgänger auf dem vorangegangenen Aufnahme nach dem 2. Weltkrieg aufgenommen – im März 1950 bei Bamberg.

Abgesehen von dem verlorengegangenen Auto-Union-Emblem – normalerweise an der Miittelstrebe des Kühlergrills angebracht – scheint der Wagen den Krieg recht gut überstanden zu haben. Die Stoßstangenhälften entsprechen dem Original, sind hier aber wohl silbern lackiert statt ursprünglich verchromt.

Die sehr gelungene Frontpartie erinnert an zwei andere zeitgenössische Wagen. Der eine ist der elegante Fiat 1100, der seinerzeit auch in Deutschland gefertigt wurde. Hier haben wir eine Aufnahme dieses Typs, die wir bislang noch nicht gezeigt haben:

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Fiat 1100; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer eine Idee zur Bedeutung des merkwürdigen Kennzeichens hat, möge dazu die Kommentarfunktion nutzen.

Wir wenden uns unterdessen dem tatsächlichen Vorbild für die harmonische Karosserie des DKW Sonderklasse zu, dem Wanderer W 24.

Dieser Typ der ebenfalls zum Auto-Union-Verbund gehörende Traditionsmarke spendete nicht nur den Aufbau, sondern auch das Chassis. Damit erhielt die DKW Sonderklasse erstmals eine Blechkarosserie und einen klassischen Rahmen als Unterbau.

Äußerlicher Hauptunterschied des Wanderer W24 gegenüber dem DKW war die weniger fließend gestaltete, dafür markantere Kühlerpartie:

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Wanderer W24; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme eines Wanderer W24 entstand übrigens 1939 kurz nach Kriegsausbruch – daher die vorgeschriebenen Tarnüberzüge auf den Scheinwerfern.

Ob diese schöne viertürige Limousine und ihr Besitzer auch später dem Einsatz bei der Wehrmacht entgangen ist, wissen wir nicht. Nicht völlig auszuschließen ist, dass der Wagen mit der Zulassung im Kreis Dresden-Bautzen noch existiert.

Überlebende der äußerlich an den Wanderer W24 angelehnten DKW „Sonderklasse“ dürften dagegen seltener sein, ihre unwirtschaftlichen Motoren waren nach dem Krieg erst recht ein Problem. Mit Schönheit allein war kein Staat mehr zu machen…

Ein ausführliches Porträt des Wanderer W 24 und seiner weitverzweigten Verwandschaft folgt gelegentlich…

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Ford Model C aus Köln: Porträt des Typs „Rheinland“

Klar, das Model A von Ford ist Freunden von Vorkriegsautos so geläufig wie das legendäre Model T – sie waren Beispiele für echte Volkswagen, als Automobile in Deutschland nur für einen winzigen Teil der Bevölkerung erschwinglich waren.

Beide Typen wurden ab 1926 auch hierzulande montiert, vom Model A entstanden bis 1932 fast 20.000 Stück – bis 1931 in Berlin übrigens. Hier haben wir eines davon:

Ford_Model A_Roadster

Ford Model A Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Doch schon der Nachfolger des Model A dürfte heute kaum noch jemandem etwas sagen. Dieses Model B war ein Übergangstyp, das etwas mehr Leistung und eine modernere Karosserie bot.

Fotos eines Ford Model B aus Deutschland sind sehr selten – keine 2.000 Stück davon entstanden hierzulande. Einem Leser verdanken wir die folgende Originalaufnahme aus dem Nachlass der Aachener Unternehmerfamilie Faensen-Löwe:

Ford_Model_B_Josef_Faensen_Frau_Katharina_Tochter_Maritta_Tante_Leni_1932_Galerie

Auf dem Foto sehen wir Peter-Josef Faensen, den wir vor einiger Zeit bereits als stolzen Insassen eines Dixi G1 6/18 PS kennenlernen durften.

Zwischen jener Aufnahme und der obigen von 1932 liegen rund zehn Jahre. Inzwischen hatte Peter-Josef Faensen eine Familie gegründet. Neben ihm seine Frau Katarina und Tochter Maritta, ganz links vermutlich seine Schwester Leni.

Der Ford B mit der abgerundeten Kühlerpartie und den lackierten Stahlspeichenrädern muss damals so gut wie neu gewesen sein. 1932 wurden in Köln die ersten 600 Exemplare des Typs gefertigt.

Ob es sich um die gegenüber dem Model A leistungsgesteigerte Variante 13/50 PS mit 3,3 Liter Hubraum oder den Typ 8/40 PS mit 2-Liter-Motor handelt, ist von außen nicht zu erkennen. Die auf dem europäischen Markt angebotene schwächere Ausführung scheint ansonsten mit der stärkeren identisch gewesen zu sein.

Bereits nach zwei Jahren erhielt das Ford Model B einen vor allem optisch abermals überarbeiteten Nachfolger – um dieses Model C geht es heute.

In Deutschland wurde der Wagen – der übrigens immer noch das 3,3 Liter-Aggregat des Model A besaß – als Typ 13/50 PS „Rheinland“ angeboten. Gegenüber dem parallel angebotenen etwas mickrigen Ford 4/21 PS „Köln“ war das ein großzügiges Auto.

Hier sehen wir eines davon in der Frontalansicht:

Ford_Rheinland und Opel_2_Liter_Berlin_1934-39_Galerie2

Natürlich ist nicht die Rede von dem Opel 2 Liter, der rechts vorbeifährt – besagter Ford Rheinland ist links am Bordstein geparkt. Das Brandenburger Tor im Hintergrund sagt alles über Ort und Zeitpunkt der Aufnahme.

Was macht uns so sicher, dass wir es mit einem Ford Rheinland in Berlin zu tun haben? Nun, die mittig nach unten geschwungene Stoßstange verweist schon einmal auf den Stil amerikanischer Wagen jener Zeit.

Die leicht herzförmig gestaltetete, schrägstehende Kühlermaske ist ein Erkennungsmerkmal von Ford-Wagen zur Mitte der 1930er Jahre. Man findet sie sogar bei Nutzfahrzeugen der Marke wie diesem bulligen 3-Tonner:

Ford_3-Tonner_V8-51_1937-39_Galerie Diese Aufnahme aus Siebenbürgen aus einem privaten Familienalbum hätte es normalerweise nicht in diesen auf Personenwagen beschränkten Blog geschafft, würde sie nicht so gut die „Familienähnlichkeit“ im Ford-Programm illustrieren.

Man sieht hier, dass Lastwagen häufig aus besonders robusten PKW-Typen entwickelt wurden und entsprechend moderate Dimensionen aufwiesen. Interessant auch das Erscheinungsbild der Arbeiter, die hier wohl im Straßenbau tätig waren.

Zurück zu unserem Ford „Rheinland“: Auf einer weiteren Aufnahme, die nach dem 2. Weltkrieg entstand, sehen wir ein Exemplar aus fast identischer Perspektive:

Ford_Rheinland_Nachkrieg_Galerie

Ford „Rheinland“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Oberhalb der improvisiert wirkenden Kühlermanschette, die in der kalten Jahreszeit für eine ausreichende Betriebstemperatur des Motors sorgte, kann man immerhin Teile des Namenszugs lesen: „…einland“

Ob die zweite Hupe verlorengegangen ist oder nur als Extra verfügbar war, wissen wir nicht. Die Altford-Freunde können dazu sicher etwas sagen.

Unklar ist auch, ob die Verchromung am Frontscheibenrahmen abgeblättert ist, oder ob diese unter einer ehemaligen Tarnlackierung wieder hervorgekommen  ist – was für einen einstigen Wehrmachtswagen sprechen würde. Allerdings würde man dann ähnliche Spuren an Stoßstange und Scheinwerfern erwarten.

Wie dem auch sei, dieser Ford Rheinland hat zumindest bis in das Jahr 1948 überlebt – die kaum lesbare Zahl am unteren Rand des Besatzungskennzeichens verrät es.

Der Rest des „Rheinland“-Schriftzugs auf dem Kühler findet sich auf einer anderen Aufnahme, die uns wieder in die Vorkriegszeit zurückführt:

Ford_Rheinland_Ostern_Galerie

Ford „Rheinland“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Allzuviel ist nicht zu sehen von dem Wagen, dessen Besitzer wenig begeistert von den zu entfernenden Schneemengen zu sein scheint.

Gerechnet hatte er wohl nicht mehr mit dem weißen Segen, sonst hätte er die Kühlermanschette montiert gelassen. Kein Wunder, denn „An Ostern“ steht lapidar auf der Rückseite des Abzugs…

Für uns ein Glück, denn so können wir den sonst verdeckten Schriftzug einwandfrei lesen. Spätetens mit diesem Vergleichsexemplar dürfte die Identifikation des ersten Wagens aus Berlin gesichert sein.

Einziger Unterschied ist der Aufbau – zunächst als Cabriolet (vermutlich von Drauz) und zuletzt als Limousine (wohl Ambi-Budd, Berlin).

Besonders das wohlproportionierte Cabriolet war ein durchaus elegantes Gefährt, das über die konservative Technik hinwegsehen ließ. Dass ein solcher Vorkriegsford heute eine außerordentliche Rarität darstellt, wer hätte das gedacht?

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Erstaunlich vielseitig: Der Brennabor Typ P 8/24 PS

Den ersten Volumenerfolg eines deutschen Autoherstellers nach dem 1. Weltkrieg landete keineswegs Opel, wie man meinen könnte.

Nach Stückzahlen führend war Anfang der 1920er Jahre vielmehr die Marke Brennabor aus Brandenburg an der Havel.

Dass die Autoproduktion der einst so vielseitigen Firma heute kaum noch bekannt ist, dürfte auch daran liegen, dass ein überzeugendes Standardwerk dazu bislang fehlt.

Im Internet finden sich ebenfalls nur wenige in die Tiefe gehenden Informationen und Originalfotos. Die äußerlichen Veränderungen der Brennabor-Typen während ihrer Produktionsdauer sind daher für Außenstehende nur mühsam nachzuvollziehen.

Dass es solche Veränderungen gab, liegt bei einer bis 1927 dauernden Produktion des ersten Nachkriegstypen „P“ auf der Hand. Wenn der Eindruck nicht täuscht, gab es nicht nur Unterschiede in der Motorisierung (8/24 und 8/32 PS), sondern auch in Details wie Ausführung und Zahl der Luftschlitze, Scheinwerferform usw.

Von daher dürfte jedes „neue“ Foto eines solchen P-Typs, von dem immerhin rund 10.000 Exemplare entstanden, auch für die Brennabor-Freunde ein Gewinn sein. Wie vielseitig dieses Modell daherkommen konnte, sehen wir beispielsweise hier:

Brennabor_Typ_P_Lieferwagen_Kleemann_Koffer_Leipzig_Galerie

Brennabor Typ P; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zwar ist auch auf dem Originalabzug die Kühlerplakette nicht eindeutig zu erkennen. Doch deren Platzierung und Größe sowie das geschwungene Oberteil der Kühlermaske sprechen stark für einen Brennabor.

Einen Hinweis auf die genaue Datierung könnten die trommelförmigen Scheinwerfer, die demontierbaren Felgen, die Form des Vorderschutzblechs und die mindestens acht Luftschlitze in der Haube geben:

Brennabor_Typ_P_Lieferwagen_Kleemann_Koffer_Leipzig_Frontpartie

Für konkrete Hinweise von Brennabor-Spezialisten wäre der Verfasser ausgesprochen dankbar. Von den Dimensionen und dem Erscheinungsbild her tippt er auf einen Typ P 8/24 PS der frühen 1920er Jahre.

Dabei handelte es sich um ein technisch konventionelles Modell mit 2,1 Liter großem Vierzylindermotor.

Immerhin ist dokumentiert, dass es den Typ P auch in Nutzfahrzeugvarianten gab wie der hier abgebildeten. Der Beschriftung nach diente das Auto einst dem Leipziger Koffer- und Lederwarenhersteller Kleemann als Lieferwagen.

Viel war über die Firma nicht herauszufinden. Sie wurde 1842 gegründet und scheint in der Zwischenkriegszeit als F.C. Kleemann GmbH an der repräsentativen Adresse Brühl 37 existiert zu haben.

Vielleicht weiß ein Leser, was aus der Firma nach dem Krieg wurde – heute scheint sie jedenfalls nicht mehr zu existieren. Der besondere Reiz dieser Aufnahme liegt aus Sicht des Verfassers ohnehin in einem anderen Detail:

Brennabor_Typ_P_Lieferwagen_Kleemann_Koffer_Leipzig_Insassin

Wann hat man in einem so profanen Gefährt eine so hübsche und gutgekleidete junge Dame gesehen? War sie vielleicht eine Büroangestellte der Firma Kleemann, die in der Mittagspause auch einmal in einem Automobil posieren wollte?

Der Verfasser hat einen anderen Verdacht: Dies könnte die Tochter des Firmeninhabers gewesen sein, denn einer Angestellten hätte man vermutlich nicht die Mitnahme eines kleinen Hunds erlaubt.

Wer ihn übersehen hat, darf noch einmal nachsehen, er sitzt tatsächlich auf ihrem Schoß – mit einer überdimensionierten Hundemarke um den Hals.

Nicht zuletzt sind es solche liebenswerten Details, die die Magie historischer Originalaufnahmen von Vorkriegsautos ausmachen. Da ist es manchmal gar nicht so wichtig, auch noch den genauen Wagentyp herauszufinden…

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