Basel bis Biscaya: Ein Hotchkiss Roadster von 1937

Mein Blog-Projekt in Sachen Vorkriegsautos ist in erster Linie ein Ego-Trip, sonst würde ich den finanziellen und zeitlichen Aufwand dafür nicht treiben.

Nach getaner Arbeit am Schreibtisch, am Haus oder im Garten steht mir der Sinn nach ganz anderen Unternehmungen, bei denen mir Dinge begegnen, von deren Existenz ich bis dato keine Ahnung hatte.

Schon die Wahrscheinlichkeit spricht dagegen, dass man Neues ausgerechnet im Hier und Jetzt findet – jenem winzigen Ausschnitt der Zeit, den wir gerade zufällig durchlaufen.

Erweitert man den Horizont nur um einige Jahrzehnte, bietet sich einem eine faszinierend andere Welt dar. Man kann dazu Historienromane lesen, alte Filme schauen oder auch sich im Museum den Hinterlassenschaften der Altvorderen widmen.

Für mich repräsentieren Automobile soviel Zeitgeist, dass ihr Studium häufig bereits eine Großteil der Welt offenbart, in der sie einst unterwegs waren. Das gilt für überlebende Originale, aber auch für bloße fotografische Momentaufnahmen ihrer Existenz.

Leser Klaas Dierks hat mir kürzlich in digitaler Form ein Beispiel dafür aus seiner Sammlung übermittelt – verbunden mit der Bitte um Bestimmung des Wagens in der Mitte:

Hotchkiss „Hossegor“ Roadster von ca. 1937; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Dass die Aufnahme um 1950 in der Schweiz entstanden war und der fragliche Wagen in Basel (Stadt) zugelassen war, das hatte Klaas Dierks schon recherchiert.

Mit sicherem Auge hatte er erkannt, dass der Zweitürer mit hufeisenförmigem Kühler und leichtem Verdeck weit interessanter war als der Mercedes mit den etwas unglücklich in den Kotflügeln platzierten Scheinwerfern.

Zwar wusste ich auf Anhieb, dass wir hier einen schicken Vertreter der französischen Oberklassemarke Hotchkiss vor uns haben.

Doch worum es sich genau handelt, das herauszufinden, hat etwas länger gedauert als den x-ten Horch zu identifizieren, so edel diese Fahrzeuge auch waren.

Hier musste man schon genauer hinschauen und mangels Literatur im Netz stöbern:

Zunächst ist festzuhalten, dass wir es nicht mit einem Modell der frühen Nachkriegszeit zu tun haben, auch wenn Hotchkiss seine 4- und 6-Zylinderwagen der 30er Jahre ab 1946 noch eine Weile mit leicht modernisierten Aufbauten weiterbaute.

Die freistehenden Scheinwerfern sind einer der wichtigsten Hinweise in der Richtung. Gleichzeitig deuten die weit herunterreichenden seitlichen „Schürzen“ an den Vorderkotflügeln auf eine Entstehung etwa ab 1934 hin.

Die gelochten Felgen scheinen bei den Hotchkiss-Wagen aber erst später gängig geworden zu sein. Insgesamt deutet das Erscheinungsbild auf eine Entstehung um 1937 hin.

Jedenfalls fand ich nur aus jenem Jahr übereinstimmende Wagen mit dem markant gestalteten Übergang zwischen Kühlerpartie und Vorderkotflügeln sowie diesem Aufbau als zweisitziges Cabriolet.

Hotchkiss bezeichnete genau diese Ausführung mit leichtem Verdeck als Roadster, während es daneben auch ein vollwertiges Cabriolet mit gefüttertem Verdeck gab, das am Heck mehr Platz beanspruchte.

Das Cabrio firmierte als Hotchkiss „Biarritz“ – in Anspielung auf den berühmten Ferienort an am südlichen Abschnitt der französischen Atlantikküste. Davon hat man schon gehört, aber wussten Sie, dass es dort – am Golf von Biscaya – einen weiteren, wenn auch kleineren Badeort gab, der unter Kennern großes Ansehen genoss?

Dieser Ort heißt Hossegor und beherbergte berühmte Besucher, denen der Trubel in Biarritz vielleicht etwas zu viel war, die aber dennoch die Magie der Biscaya genießen wollten. Nach genau diesem winzigen Ort hatte Hotchkiss seine Roadster der 1930er Jahre benannt.

Das war es, was mich an dem Fund von Klaas Dierks heute glücklich gemacht hat – diesen Ort entdeckt zu haben, von dem ich noch nie gehört hatte, der aber für französische Ohren (und Surfer-Fans) einen Klang hat, der sich im Deutschen nur schwer erschließt.

Ob der von der wilden Biscaya einst ins brave Basel gespülte Hotchkiss „Hossegor“ Roadster nun einen Vierzylindermotor oder einen der mindestens zwei verfügbaren 6-Zylinder unter der Haube hatte, das ist mir dagegen hier und jetzt ziemlich egal…

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Bringt einen auf die Palme: Ein Hotchkiss AM2 Cabrio

Hat Sie dieses Jahr schon etwas auf die Palme gebracht hat? Wenn das noch nicht der Fall war, haben Sie vermutlich noch nicht ihren neuen „Grundsteuer“-Bescheid oder Ihre Nebenkostenabrechnung erhalten…

Mir als gewohnheitsmäßigem Skeptiker und Pessimisten passiert es es außerhalb des Straßenverkehrs nur selten, dass mich etwas wirklich auf die Palme bringt.

Doch einem Leser ist genau das gelungen – er nahm sich nämlich die Freiheit, mir mitten im Grau des germanischen Winters ein Foto von seinem derzeitigen Aufenthaltsort auf Fuerteventura mit tropischer Vegetation zu senden – Frechheit!

Damit brachte er mich auf die Palme, die heute im Mittelpunkt des Interesses stehen wird.

Bevor wir uns jedoch mit einschlägigen botanischen und benachbarten Studien befassen können, war erst einmal Arbeit angesagt.

Die Vielzahl der Kratzer auf dem folgenden Foto brachte mich irgendwann so auf die Palme, dass ich es bei einer nur halbherzigen Reinigungsaktion beließ – die Qualität war schon bei Entstehung des Abzugs vor rund 95 Jahren nicht berauschend:

Hotchkiss Typ AM2; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Auf ebendiese Palme brachte mich also besagter Leser und ihm sei an dieser Stelle dafür gedankt. Denn solche spontane Inspiration ist mir die liebste, weil dann der Denkapparat nach einem langen Arbeitstag im Leerlauf bleiben kann.

Beim Erwerb der Aufnahme hatte ich schon eine Ahnung, was für ein Wagen hier zu sehen ist – die Vermutung sollte sich auch bestätigen. Nach wie vor ratlos bin ich indessen bezüglich des Aufnahmeorts. Irgendwo in Frankreich vermute ich – aber wo?

Üppige Palmen gedeihen dort ja an einigen Küstenabschnitten – also kann nur das repräsentative Gebäude im Hintergrund einen Hinweis liefern. Es wirkt nicht sonderlich markant, aber vielleicht hat es schon jemand von Ihnen auf Reisen oder in der Literatur gesehen und dann geht meist zuverlässig eine Schublade in der Erinnerung auf.

Ich beschränke mich ganz auf das Auto, das anhand des hufeisenförmigen Kühlers und des mittig angebrachten Markenemblems leicht als „Hotchkiss“ zu identifizieren ist.

Die komplizierte Geschichte dieses französischen Herstellers können Sie in einem älteren Blogeintrag nachlesen, der den 6-Zylindertyp AM 80 von 1931 zum Gegenstand hatte.

Ganz so mondän geht es im vorliegenden Fall nicht zu, aber auch dieser Hotchkiss hatte seine repräsentativen Seiten – obwohl er seinen Fahrer hier auf die Palme zu bringen scheint, er streckt sich jedenfalls schon auf dem Trittbrett stehend sehnsüchtig schauend dorthin:

Leider gibt der arg mitgenommene Abzug nicht mehr her – bei Gelegenheit bringe ich ein Foto eines weit früheren Hotchkiss in bester Qualität, versprochen!

Doch wo genau ist eigentlich dieser Wagen zeitlich anzusiedeln? Gar nicht so einfach zu sagen, mir liegt keine Literatur zu dieser langlebigen Marke vor, die von 1903 bis Anfang der 1950er Jahre gehobene und teilweise luxuriöse Wagen baute.

Bei der Recherche las ich nebenher, dass Hotchkiss neben Delage eine der wenigen Marken war, die bereits ab etwas 1920 serienmäßig Vierradbremsen verbauten. Standard wurde das in Europa erst Mitte der 20er Jahre.

Mit dem Wagen auf dem heute vorgestellten Foto bewegen wir uns aber zwei Autogenerationen später – um 1930 würde ich sagen. Ich schätze, dass es sich um eines der recht oft gebauten Vierzylindermodelle von Hotchkiss handelte.

1923 brachte die Marke mit dem Typ AM einen bereits gut motorisierten Wagen mit 2,4 Litern Hubraum neu heraus. Limitiert wurde dessen Leistung (ca. 45 PS) jedoch durch die traditionellen seitlich stehenden Ventile – eine einfache, aber auch wenig strömungsgünstige Lösung für den Gaswechsel im Motor.

Ab 1926 wurde dann bei gleichem Hubraum eine Version mit im Zylinderkopf hängenden Ventilen eingeführt – die Leistungsangaben dafür schwanken zwischen 50 und gut 55 PS.

Damit ließen sich zwar keine Bäume ausreißen, doch es genügte, um einen auf die Palme zu bringen, wie man an dem heute vorgestellten Foto sieht, das nach meiner Einschätzung so einen Hotchkiss des Typs AM2 um 1930 zeigt.

Ein ganz ähnliches Exemplar hat jemand auf einer Oldtimer-Veranstaltung für uns auf Video festgehalten. Das Einzige, was einen hier vielleicht auf die Palme bringt, ist das Drumherum, das dieses schönen Wagens nicht ganz würdig ist – aber Sie sind ja auch verwöhnt!

Michael Schlenger, 2025. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

1931 der Stolz der Familie: Hotchkiss 6-Zylinder

Warum sich mit Vorkriegsautos beschäftigen? Sind das nicht entweder lahme Fahrzeuge mit mangelhaften Bremsen oder unbezahlbare Luxus- oder Sportgefährte für die Schönen und Reichen?

Nun, wenn man nichts anderes als – sagen wir: DKW-Zweitakter oder Horch-Achtzylinder kennt – mag das eine berechtigte Frage sein. Doch beispielsweise ein Blick zu unseren französischen Nachbarn fördert reizvolle Alternativen zutage.

Dort sind nicht nur nach wie vor bezahlbare „Brot- und Butter-Autos“ aus der Zwischenkriegszeit für überschaubares Geld zu bekommen. Es gibt bisweilen auch gut motorisierte Prestigewagen zu ergattern, die hierzulande kaum einer kennt.

Das folgende Foto zeigt einen leistungsstarken Qualitätswagen aus französischer Produktion, den man in hiesigen „Oldtimer“-Magazinen und auf Klassiker-Messen für eine „Besser als neu“-Klientel kaum antreffen wird:

Hotchkiss AM 73 oder AM 80; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Hintergrund mit barackenartigen Wohnhäusern, die auf eine Situation nach dem 2. Weltkrieg hinweist, täuscht. Das ist alles andere als ein Auto für „kleine Leute“ – diese Limousine würde auch heute noch Eindruck machen.

Wie so oft bei schwierigen Fällen gelang die Identifikation nur durch Zufall. Beim Durchblättern eines älteren Autobuchs blieb der Blick an einem Wagen mit ganz ähnlicher Frontpartie hängen – einem Hotchkiss aus den späten 1920er Jahren.

Zunächst ein paar Worte zur Marke als solcher: „Hotchkiss“ klingt englisch und war es ursprünglich auch.

Gründer der gleichnamigen Firma war ein amerikanischer Waffenfabrikant, der im späten 19. Jh. nach Frankreich ging. Seine Firma begann dort 1903 parallel zur Rüstungsproduktion mit dem Bau von Automobilen, um weniger abhängig von staatlichen Aufträgen zu sein.

Von Anfang an baute Hotchkiss – nun in französischer Aussprache „Otschkiss“ – erstklassige Wagen mit damals beachtlicher Leistung.

Nach dem 1. Weltkrieg versuchte man zunächst vergeblich, in der Luxuswagenklasse anzutreten. Erfolgreich war erst der Typ AM, der ab 1926 einen 4-Zylinder-Motor mit strömungsgünstig im Kopf hängenden Ventile besaß und rund 50 PS leistete.

Auf ihn folgte 1928 das Sechszylindermodell AM 80, das wir auf unserem Foto sehen:

Der 3-Liter Motor des Hotchkiss AM 80 leistete 70 PS und ermöglichte souveräne Fahrleistungen. Daneben wurde ein kleinerer Sechszylinder angeboten, der AM 73. Später sollte es noch eine 3,5 Liter-Version mit weit über 100 PS geben.

Ob sich die Frontpartien wesentlich unterschieden, ließ sich nicht feststellen. Jedenfalls sprechen die Dimensionen des Wagens auf dem Foto für ein Sechszylindermodell.

Details wie die Radkappen, der vorne schräge Schutzblechausschnitt und die Stoßstange mit den drei senkrechten Rillen verweisen auf eine Entstehungszeit des Autos Anfang der 1930er Jahre.

Erst 1936 wurde diese Baureihe durch einen moderner gestalteten Nachfolger ersetzt. Die Käufer der Qualitätswagen von Hotchkiss scheinen mit der bis dato konservativen Formgebung zufrieden gewesen zu sein.

Zwar schaut das Paar auf unserem Foto etwas ernst drein, doch stolz muss man auf den Wagen gewesen sein, sonst hätte man nicht damit posiert:

Über die Umstände dieser raren Aufnahme und den Ort, an dem sie entstand, wissen wir nichts. Vermerkt ist umseitig nur das Datum: 1931.

Wieviele solcher Wagen Hotchkiss einst baute, ließ sich nicht in Erfahrung bringen. Auch im französischen Teil des Internets sind jenseits der einschlägigen Wikipedia-Artikel nur spärliche Informationen verfügbar.

Immerhin gibt es heute noch eine Reihe dieser großzügigen und einst prestigeträchtigen Wagen. Hier ein kurzes Videoporträt, das bei einer kleinen Veranstaltung in der französischen Provinz entstand:

© Videoquelle YouTube; hochgeladen von: Mister59Bean

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.