Stets zu Diensten: Audi Landaulet von 1913/14

Die Literatur zu frühen Vorkriegswagen gibt Erfindern, Finanziers und Gestaltern von Automobilen breiten Raum – ganz nach Verdienst, keine Frage.

Doch daneben gab es weitere dienstbare Geister, ohne die sich kein Auto vom Fleck bewegt hätte, geschweige denn auch nur existiert hätte.

Die Rede ist von den Männern, welche die frühen Autos mit ihren eigenen Händen bauten, und diejenigen, welche die Wagen für ihre vermögenden Besitzer warteten und steuerten.

Natürlich sind sie fast immer anonym geblieben, was jedoch ihrer Bedeutung keinen Abbruch tut. Der einzige, der meines Wissens zumindest auch denjenigen ein Denkmal gesetzt hat, die einst in der Produktion beschäftigt waren, ist Michael Schick.

In seinem akribischen Werk zur Geschichte der fabelhaften Steiger-Wagen aus Burgrieden werden – soweit noch bekannt – sämtliche Mitarbeiter des Werks namentlich mit ihrem Tätigkeitsfeld erwähnt. Diese liebevolle Würdigung hat etwas Anrührendes.

Vergleichbares ist mir nicht möglich, doch wenn sich die Gelegenheit ergibt, rücke ich gern diejenigen in den Vordergrund, die stets zu Diensten waren, wenn es um Bau und Betrieb eines Automobils ging, aber meist im Schatten stehen.

Arbeiterromantik liegt mir fern – schließlich ist jeder seines eigenen Glückes Schmied und kann sich mit Fleiß, Bildungs- und Risikobereitschaft auch ein Dasein jenseits des unersprießlichen Rackerns für andere erarbeiten, sofern er nicht gehandikapt ist.

Dennoch ziehe ich meinen Hut vor den Männern, deren Können wir den Bau und den Betrieb prachtvoller und ungeheuer kostbarer Fahrzeuge wie diesem verdanken:

Audi Typ C oder D von 1913/14; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Diese schöne Aufnahme aus dem Fundus von Leser Klaas Dierks illustriert das Motto „Stets zu Diensten“ in idealer Weise.

Stets zu Diensten war zunächst dieser Audi seinen Besitzern, die ihn der Frontpartie nach zu urteilen 1913 oder 1914 im Zwickauer Werk in Auftrag gaben.

Die Gasscheinwerfer verraten, dass wir es noch mit einem Vorkriegsmodell zu tun haben, während der harmonische Übergang von der Motorhaube zum Windlauf vor der Frontscheibe gegen eine frühere Entstehung spricht:

Die genaue Motorisierung ist kaum zu ermitteln. Zwar darf man den 1914 eingeführten kleinen Typ G 8/22 PS aufgrund der Dimensionen ausschließen. Doch ansonsten könnte dies ein Typ C 14/35 PS oder D 18/45 PS, eventuell sogar ein Typ E 22/55 PS sein.

Für den dokumentarischen Wert ist das auch unerheblich. Interessanter ist der repräsentative Aufbau, welcher auf sehr vermögende Besitzer schließen lässt.

Das enorm geräumige Passagierabteil war durch eine Scheibe vom Fahrerraum getrennt – die Kommunikation mit dem Chauffeur erfolgte über ein Sprachrohr.

Offenbar waren die Insassen durch Lamellen bzw. einen gestreiften Vorhang vor neugierigen Blicken geschützt. Jedoch konnte man nach Belieben auf der rückwärtigen Sitzbank auch im Freien sitzen, denn dort ließ sich das Dach öffnen.

So war dieser Audi seinen Besitzern je nach Lust und Laune stets zu Diensten. Dasselbe galt jedoch auch für den Mann, der hier im Arbeitsanzug neben „seinem“ Audi posiert:

Ich vermute, dass wir hier den Chauffeur des Audi vor uns haben, der sich durch seine Fahrermütze als solcher ausweist, während sein übriges Outfit für eine Arbeitssituation spricht.

Oder könnten wir es mit einem Angehörigen von Militär oder Polizei zu tun haben, der „lediglich“ für die Wartung des Wagens zuständig war?

Eine dritte Möglichkeit wäre, dass es sich um einen Arbeiter in einem Karosserie- oder Reparturbetrieb handelt, der sich bloß einmal mit ausgeliehener Chauffeursmütze vor solch einem Repräsentationwagen ablichten lassen wollte.

Sicher ist nur, dass der Mann in einer Funktion tätig war, die es erforderte, „stets zu Diensten“ zu sein. Das schließt einen gewissen Stolz keineswegs aus, den ich hier auf dem Gesicht zu erkennen meine.

Was meinen Sie zu der Situation und dem Audi, meine geschätzten Leser?

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Fund des Monats: Stoewer G15 „Gigant“ Tourer von 1928

Heute haben meinen Leser die Gelegenheit zu einem virtuellen Hausbesuch. Ich gebe nämlich einen kleinen Einblick in meine Bücherstube – dort versteckt sich auch der Fund des Monats September.

Neben Literatur zu einer Vielzahl von Marken sammle ich ein wenig Automobilia – nicht sonderlich zielgerichtet, eher von dem getrieben, was mir gerade begegnet und gefällt.

Eine gewisse Schwäche habe ich für altgerahmte Fotografien von Vorkriegswagen – die sind meist dekorativ, aber nicht immer von dokumentarischem Wert. Was ich nun vorstelle, ist aber in jeder Hinsicht von sehr großem Reiz – sehen Sie selbst:

Haben Sie das gute Stück entdeckt?

Oder ist Ihr Blick am Staub auf den Nabenkappen und Plaketten auf der rechten Seite hängengeblieben? Oder an dem übergroßen „Brieföffner“ auf dem Absatz unten? Das ist nebenbei ein französisches Faschinenmesser (ca. 1830).

Der Fund des Monat befindet sich weiter oben auf der rechten Seite – werfen wir einen näheren Blick darauf:

Natürlich geht es um das goldgerahmte Foto, das ich nicht ganz zufällig an dieser Stelle platziert habe.

Denn es passt zum einen zu der Stoewer-Nabenkappe links davon – wenngleich nur, was die Marke angeht, nicht zeitlich. Zum anderen stammt der darauf abgebildete Wagen aus dem gleichen Jahr, das auf dem daneben befindlichen „Handbuch der internationalen Automobilindustrie“ steht: 1928.

Sie mögen sich fragen, weshalb ich auf diesem Umweg zu dem Bild führe, um das es geht. Der Grund ist der, dass es mir sehr auf die Originalität der Aufnahme ankommt.

Das Foto findet sich nämlich auch in digitaler (und kostenpflichtiger) Form im Netz bei Getty Images und ich lege Wert darauf, hier einen zeitgenössischen Abzug aus meinem Besitz zu zeigen, der einen originalen Stempel des einstigen Fotohauses aufweist und altgerahmt ist.

Nach dieser notwendigen Vorrede geht es nun endlich zur Sache:

Stoewer G15 „Gigant“ von 1928; Foto von Zander & Labisch (Berlin); zeitgenössischer, gestempelter Originalabzug aus Sammlung Michael Schlenger

Natürlich ist man angesichts der Kühlerfigur – dem pommerschen Greif – und den auf sechs Felder pro Haubenseite verteilten Luftschlitze geneigt, hier einen Stoewer des 1928 eingeführten Achtzylindertyps S8 oder G14 zu sehen.

Dabei spricht die schiere Länge des Wagens eher für den G14 mit 3,40 Meter Radstand (S8: 3,10 Meter). Dann hätten wir es hier mit der 70 PS starken Ausführung zu tun (Hubraum: 3,6 Liter).

Davon wurden zwar nur rund 150 Stück gebaut, doch finden sich immer mal wieder zeitgenössische Fotos davon. Mir ist allerdings noch keines untergekommen, auf dem ein so sportlich flach gehaltener Tourer dieses Typs zu sehen ist.

Auffällig fand ich zudem, dass die Partie zwischen dem hinteren Ende der Motorhaube und der Windschutzscheibe hier wesentlich länger zu sein scheint als gewöhnlich:

Dies und die Gestaltung mit außergewöhnlichen Details wie der abgerundeten Seitenscheibe brachte mich darauf, dass dieses Fahrzeug in einer anderen Liga als der herkömmliche Stoewer „G14“ spielen musste.

Für letzteren waren in der Tourenwagenausführung 1928 zwar schon sagenhafte 11.000 Reichsmark zu berappen, aber es ging natürlich noch deutlich teurer und aufwendiger.

Beim Stöbern in der Literatur (Gerhard Maerz, Die Geschichte der Stoewer-Automobile, 1983) stieß ich auf die Abbildung eines Tourenwagen, die einen weiteren Stoewer-Achtzylinder zeigt, den noch stärkeren Typ G15 „Gigant“. Dessen 3,9 Liter Motor leistete 80 PS und wies eine noch größere Baulänge auf.

Für gewöhnlich ist der „Gigant“ mit der 1929 überarbeiteten Karosserie zu finden, die sich vor allem durch horizontale Luftschlitze von den Achtzylindern des Jahres 1928 unterscheidet. Doch anfänglich glich die Haubengestaltung des „Gigant“ noch derjenigen des S8 und des G14, deren Produktion schon 1928 wieder endete.

Daher vermutete ich, dass mein Foto einen solchen Stoewer G15 „Gigant“ mit einer Spezialkarosserie zeigt, die nicht im Stettiner Werk entstanden ist. Eine Online-Bildrecherche bestätigte die Annahme.

So findet man im Getty-Photoarchiv dieselbe Aufnahme mit folgenden Angaben:

Stoewer Typ G 15 „Gigant“, Baujahr 1928-1931 mit Spezialkarosserie von Altmann; am Steuer Charlotte Kreesmann-Trabarth; Aufnahme Zander & Labisch, 1929.

Der Stempel auf meinem Foto lautet ebenfalls „Zander & Labisch“ – somit ist klar, dass mir ein Originalabzug jener Zeit vorliegt. Bloß wem er einst gehörte, bleibt geheimnisvoll.

Auf der Rahmenrückwand findet sich ein Stempel, der auf eine „Spezial-Werkstätte für feine Bildereinrahmung, Wilhelm Radocaj, Sternstraße 10-11, Berlin-Lichterfelde“ verweist.

Der ursprüngliche Besitzer des Fotos dürfte ebenfalls in diesem Berliner Stadtteil gewohnt haben. Welchen Bezug mag er zu dem Auto oder der Insassin gehabt haben?

Vielleicht findet ja ein Leser mit Muße mehr dazu heraus. Auf jeden Fall wäre es reizvoll zu erfahren, was es mit besagter Charlotte Kreesmann-Trabarth auf sich hatte, die in dem Stoewer abgelichtet worden war.

Und noch etwas: Wer kann etwas zum Hersteller der Karosserie – der Firma Altmann – sagen?

Mir fehlt gerade die Zeit dazu, denn morgen geht es für eine Woche in den Urlaub – solange ruht auch der Blog. Aber ich wollte mich nicht verabsentieren, ohne ein hübsches Objekt zum Bestaunen oder für die weitere Beschäftigung zu hinterlassen…

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Vom Taxi zum Traumwagen: Ein Opel 18/50 PS

Taxifahrer sind hierzulande nach meiner Erfahrung eher phlegmatische Zeitgenossen.

Ich hatte in meinem früheren Leben als Angestellter in Frankfurt am Main wiederholt das Vergnügen, Zugausfällen der schon damals dysfunktionalen deutschen Bahn durch den kostspieligen Umstieg in eine Droschke begegnen zu müssen.

Bei einigen Fahrern stellte ich mir zwar schon die Frage, wie sie die Taxiprüfung bestanden haben (bzw. wer diese für sie bestanden hat). Doch keinem war vorzuwerfen, dass er übertriebenen Gebrauch vom Gaspedal machte.

Dass es auch ganz anders gehen kann, das erlebte ich wiederholt bei Aufenthalten am Golf von Neapel, bei denen ich vom Flughafen ein Taxi in die Innenstadt, zur Fähre oder gleich an die göttliche Amalfiküste nahm.

Die Fahrer waren durchweg sportlich unterwegs und mit der Geistesgegenwart ausgestattet, die man benötigt, wenn Verkehrsregeln nur als Empfehlung verstanden oder gänzlich ignoriert werden. Befolgt wird bloß eine Regel, nämlich dass stets der Schnellere Vorfahrt hat. Die neapolitanischen Taxifahrer sind nicht verrückt, sie beherrschen ihr Metier.

Doch muss es einst auch in deutschen Landen Taxifahrer gegeben haben, denen der Sinn nach zumindest optisch rasanter Fortbewegung stand. Einen davon lernen wir heute kennen und ich bin sicher, dass dabei auch die abgebrühtesten Vorkriegsfreunde auf ihre Kosten kommen – und das ausgerechnet mit einem Opel!

Das macht die Vorkriegszeit ja unter anderem so spannend – die damalige Autowelt war eine völlig andere, als wir Nachkriegskinder sie kennen.

Gerade Opel ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Vor dem 1. Weltkrieg baute man neben Klein- und Mittelklassewagen auch mächtige Luxusmodelle, die sich in den Garagen von Erb- und Industrieadel sowie bei hohen Militärs fanden.

Interessanterweise waren auch diese Premiumfahrzeuge durchweg mit Vierzylindermotoren ausgestattet. Erst 1916 – also mitten im 1. Weltkrieg – brachte Opel seinen ersten Sechszylinder heraus, den Typ 18/50 PS.

Er bezog seine Leistung wie damals bei den meisten Fabrikaten üblich aus dem Hubraum (4,7 Liter), nicht aus einem effizienzsteigernd gestalteten Ansaugtrakt.

Ein Vorteil dieser Aggregate bestand im hohen Drehmoment, das von Steigungen abgesehen, ein Anfahren auch im großen Gang ermöglichte. Das Schalten konnte man sich daher weitgehend sparen, sofern man es nicht eilig hatte.

Hier haben wir nun ein solches Exemplar des Typs 18/50 PS, das nach dem 1. Weltkrieg eine neue Verwendung als Taxi fand:

Opel 18/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser kolossale Wagen mit Landaulet-Aufbau wies zum Aufnahmezeitpunkt schon etliche Kampfspuren auf, wofür wir dankbar sein müssen, wie sich noch zeigen wird.

Wie komme ich aber überhaupt darauf, dass dieser Wagen ein Opel des Sechszylindertyps 18/50 PS sein dürfte? Immerhin gab es ja auch den recht verbreiteten Opel 8/25 PS bzw. 9/25 PS mit demselben Spitzkühler.

Hier zeigt sich der Wert eines sorgfältigen Studium von Details, die sonst gern übergangen werden. So weist der Wagen auf meinem Foto zwölf Radspeichen auf, während es bei den ab 1919 eingeführten Opel-Typen 8/25 bzw. 9/25 PS durchweg nur zehn sind.

Die größere Speichenzahl deutet auf eine stärkere Motorisierung hin, die Frage ist nur: welche? In der Nachkriegszeit gab es mehrere solcher Opel-Spitzkühlermodelle, darunter den Vierzylindertyp 10/30 PS (ab 1922) und den neuen Sechszylinder 21/50 PS (ab 1919).

Doch bin ich überzeugt, dass keiner davon in Betracht kommt, da sie „zu spät“ auf den Markt kamen. Der Opel auf dem obigen Foto muss in den frühen 1920er Jahren schon älter gewesen sein. Und dafür kommen nur der Vierzylindertyp 12/34 PS und der erwähnte große Sechszylinderwagen 18/50 PS in Betracht, die beide bereits ab 1916 gebaut wurden.

Aufgrund der schieren Länge der Motorhaube meine ich hier am ehesten den Sechszylindertyp 18/50 PS zu sehen:

Wir nehmen nun Abschied vom Taxi, doch zuvor prägen wir uns eine Reihe von Details ein. Zur Abwechslung sind das heute nicht die Zahl der Luftschlitze oder andere Gestaltungselement, sondern die Dellen und Macken, welche die Zeit hinterlassen hat.

Speziell die Kotflügel und das Trittbrett liefern diesbezüglich reichlich Anschauungsmaterial. Nehmen Sie sich etwas Zeit und folgen mit dem Auge der Linie der Schutzbleche, um diese durch ehrliche Arbeit über Jahre gereifte Autopersönlichkeit besser kennenzulernen.

Fertig? Dann schlagen wir jetzt Kapitel 2 im Leben dieses Opels auf. Unser wackerer Taxifahrer war nämlich zweifellos ein solider Vertreter seiner Zunft, doch stand ihm wohl heimlich der Sinn nach Höherem.

Damit war jedoch nicht die schwer zu übertreffende Dachlinie von 2,30 Metern bei der geschlossenen Ausführung des Opel 18/50 PS gemeint, ganz im Gegenteil. Diese musste einem ganz anderen Erscheinungsbild weichen, dem eines offenen Tourenwagens.

Offenbar hatte das damals noch auskömmliche Taxigeschäft genug Kleingeld abgeworfen, um sich einen ganz persönlichen Traumwagen bauen zu lassen – wenn auch mit starken Anleihen bei aktuellen Opel-Modellen der ersten Hälfte der 1920er Jahre.

So eine Ausführung mit gepfeilter Frontscheibe kommt einem doch ziemlich bekannt vor:

Opel 18/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Doch haben wir es hier nicht mit einem Opel 8/25 PS oder 21/50 PS zu tun, wie sie damals genau in dieser Optik angeboten wurden.

Nein, hier sehen wir prinzipiell immer noch den gleichen Wagen wie auf dem ersten Bild, den ich als Opel 18/50 PS ansprechen möchte.

Der ursprüngliche Landauletaufbau ist einer schlichten Tourenwagenkarosserie gewichen, nur die Frontpartie blieb unverändert, und zwar mit allen uns bekannten Dellen und Macken:

Sehen Sie, was ich meine? Auch der Insasse ist immer noch derselbe – bloß jetzt nicht mehr als käuflicher „Droschkist“, sondern als privater Herrenfahrer.

Diese zweite Aufnahme ist nicht nur ein faszinierendes Dokument, das von der Weiterverwendung eines in die Jahre gekommenen Opels kündet, es liefert auch ein starkes Argument für die von mir favorisierte Identifikation als frühes Modell 18/50 PS.

Das Erscheinungsbild dieses Tourenwagens entspricht weitgehend demjenigen der ab 1919 gebauten Opel-Spitzkühlermodelle. Man darf aber wohl ausschließen, dass das als Basis dienende Landaulet ebenfalls ein Nachkriegsexemplar war.

Für eine Umkarossierung nach so kurzer Zeit, was es im Einzelfall durchaus gab, sieht das Auto einfach zu „abgerockt“ aus.

Nein, ich bin sicher, dass der von unserem Taxifahrer zum Traumwagen umgewandelte Opel noch aus Kriegsproduktion stammte und nach 1918 eine Weile als Droschke weiterverwendet wurde, bevor er nochmals ein neues Leben spendiert bekam.

Diese tolle Geschichte hat mir der Zufall beschert – der Verkäufer der Aufnahmen hat diese glücklicherweise zusammen angeboten. So wird hier noch einmal der Traum eines uns leider unbekannten Mannes lebendig, der seinen treuen Opel sehr geliebt haben muss.

Vom soliden Taxi zum rassigen Tourenwagen – das ist eine Karriere, wie sie einem Auto wohl nur ganz selten gelang, leider wird auch sie irgendwann auf dem Schrottplatz geendet haben, wie viel zu oft bei deutschen Vorkriegsautos.

Unter anderem deshalb betreibe ich diesen Blog – er hilft ein wenig, den latenten Phantomschmerz zu lindern, den der Untergang der Vorkriegswelt bei mir bewirkt…

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Funktion UND Eleganz: Stoewer V5 Sport-Cabriolet

Mit dem 1. Weltkrieg endet in Deutschland die kurze, aber enorm fruchtbare Epoche des Jugendstils.

Ein letztes Mal – zumindest aus vorläufiger Sicht – hatten der Natur entlehnte organische Formen die Gestaltung von Bauten und Alltagsgegenständen bestimmt. Auch in weiten Teilen des Habsburgerreichs dominierte dieser variantenreiche Stil bis 1914.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass in Deutschland, das zu den Zentren des Jugendstils in Europa zählte, danach ein Absturz in den Funktionalismus stattfand, der aus meiner Sicht bis heute die deutsche Seele beherrscht und verheert.

Dass nach dem verlorenen Krieg und angesichts der Belastung der Volkswirtschaft durch die maßlosen Auflagen des Versailler „Vertrags“ lange Zeit rein praktische Erwägungen das Alltagsleben der meisten Bürger bestimmen würden, liegt auf der Hand.

Doch unabhängig davon kam eine elitäre Bewegung auf, die den Funktionalismus in allen Gestaltungsfragen zur Doktrin erhob und dabei das menschliche Bedürfnis nach Ornament, Gefälligkeit und Gemütlichkeit rücksichtslos als überholt abtat.

Nicht durch die Funktion eines Baus oder Gegenstands gebotene Gestaltungselemente als überflüssig, ja falsch abzutun, das war Ausfluss keiner Kunstrichtung mehr, sondern einer Ideologie, die meist zu menschenverachtenden Ergebnissen geführt hat.

Ein frühes Beispiel dafür ist die von Technokraten erfundene „Frankfurter Küche“, welche zum sinnenfeindlichen deutschen Konzept der „Sättigungsbeilage“ passt. Dasselbe gilt für die von den Bauhäuslern ersonnenen gesichtslosen Massenquartiere.

Dieser radikale Bruch mit allen historischen Gestaltungstraditionen ist mitverantwortlich für das desolate Erscheinungsbild vieler unserer Städte. Noch 100 Jahre nach dem Bauhaus strahlen einem zwanghaften Kubismus entsprungene Neubauquartiere die immerselbe Tristesse aus.

Man muss sich dieses radikal-nüchternen Trends in den 1920ern Jahre bewusst sein, um das Aufleben der Sehnsucht nach der schönen Form in den 30er Jahren würdigen zu können.

Zur Illustration möchte ich nicht auf eine perfekte Werksaufnahme oder das Foto einer auf Hochglanz gebrachten Karosse verweisen, sondern auf diese Momentaufnahme einer Landpartie in den späten 1930er Jahren:

Steyr 530 und Horch 853; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ich hätte bei dieser Situation auch den Horch 853 auf der rechten Seite in den Vordergrund rücken können, denn ich besitze zwei aus unterschiedlichen Perspektiven geschossene Fotos der beiden Autos.

Doch da ich mit den in Deutschland gern übersehenen österreichischen Premium-Automobilen der Vorkriegszeit sympathisiere, soll hier der verschmutzte Steyr 530 mit Gläser-Karosserie mein Argument unterstützen, dass es in den 30er Jahren im Automobilbau zu einer Renaissance der reinen Schönheit kam, die schwer zu erklären ist.

Die Lust an der eleganten Form manifestierte sich damals sogar an der schwierigsten Partie des Autokörpers – dem Hinterteil. Hier haben wir ein Beispiel dafür, wobei ich keine Ahnung habe, mit was für einem Wagen wir es dabei zu tun:

unbekanntes Cabriolet, aufgenommen in Dortmund; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die der vermögenden Oberschicht vorbehaltene neue Lust an der puren Eleganz – gern auch auf Kosten der Praxistauglichkeit – lässt sich sogar an einem Wagen eines Herstellers veranschaulichen, welcher einer ewaigen Neigung zum Exzess denkbar unverdächtig war.

So entstand auf Basis des vor allem für seine Robustheit geschätzten, ansonsten konventionell gestalteten Typs „Sturm“ (evtl. auch „Rekord“) des Maschinenbaukonzerns Hanomag einst dieser hinreißender Roadster mit extrem flacher Frontscheibe:

Hanomag „Sturm“ Roadster; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Übrigens ist bis heute unklar, wer diese Spezialkarosserie gebaut hat. Leider sind nicht alle Blechkünstler jener Zeit (und den Begriff meine ich ernst) so perfekt dokumentiert wie die Manufaktur von Gläser aus Dresden etwa.

Man könnte stundenlang so weitermachen, doch eigentlich soll es heute ja um den Typ V5 von Stoewer gehen.

Dieser Wagen ist nun einerseits ein Beispiel für reinen Funktionalismus, jedenfalls in der Ende 1930 vorgestellten ursprünglichen Form. Stoewer gelang es damit, den ersten deutschen Frontantriebswagen auf den Markt zu bringen:

Stoewer V5 von 1931; Originalfoto aus Sammlung Helmut Kasimirowicz (Düsseldorf)

Mit seinem immerhin 25 PS leistenden und 1,2 Liter messenden Vierzylinder konventioneller Bauart und dem Frontantrieb repräsentierte der Stoewer V5 zunächst eine rein technologische Entwicklungsstufe.

Dass es dem Nischenproduzenten aus Stettin gelang, diesen Coup kurz vor den Großserienherstellern DKW und Adler zu landen, unterstreicht die Wichtigkeit kleiner innovativer Wettbewerber in einem Markt, an dem es sich gern große Anbieter gemütlich machen.

In Deutschland gibt es diese gesunde Konkurrenz längst nicht mehr, doch Anfang der 1930er war das trotz der brutalen Auslese der späten 1920er Jahre noch anders.

Stoewer machte damals aber nicht nur mit neuen funktionellen Lösungen von sich reden, sondern vermochte auch wiederholt mit Spezialausführungen zu brillieren, die einen ganz eigenen Charakter besaßen und doch als elegant wahrgenommen wurden.

Eine Version des Stoewer V5 repräsentierte diese Balance aus Funktion und Eleganz besonders vollkommen – das vom Hersteller selbst entworfene Sport-Cabriolet:

Stoewer V5 Sport-Cabriolet von 1932; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser rasant wirkende, sehr niedrig gehaltene Wagen wurde im Juni 1932 von seinen neuen Besitzern im Stoewer-Werk in Stettin abgeholt und auf eigener Achse nach Hause gefahren – ins 850 km entfernte Karlsruhe.

Obiges Foto zeigt den Wagen auf einem Halt unterwegs mit einem ziemlich mitgenommenen Überführungskennzeichen. Hinter der Stoßstange unterhalb des Kühlergrills sehen wir die noch unbeschriftete weiße Nummernschildfläche.

Dass wir es hier mit einem Fronttriebler zu tun haben, würde man kaum denken – fällt Ihnen ein modernes Auto mit Vorderradantrieb ein, das wie ein klassischer Sportwagen wirkt?

Das oben gezeigte Stoewer V5 Sport-Cabriolet kam jedenfalls glücklich in seiner neuen Heimat im Badischen an und nahm nur kurze Zeit später – Anfang Juli 1932 – am berühmten Concours d’Elegance in Baden-Baden teil, der damals als „Automobil-Turnier“ firmierte:

Stoewer V5 Sport-Cabriolet von 1932; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir den Wagen nun mit geschlossenem Verdeck und dem offiziellen Nummernschild, daneben die uns schon bekannte Insassin.

Was meinen Sie, welchen Platz der Stoewer bei dem Schönheitswettbewerb errungen hat? Nun, den ersten natürlich, so ist es jedenfalls auf der Rückseite des Fotos vermerkt.

Dank Leser Joachim Ade, der eine Originalbroschüre dieser Veranstaltung besitzt, wissen wir, dass sich der Sieg auf die Kategorie „2-3-sitzige Cabriolets bis 1500ccm Hubraum“ bezog.

Bei den damaligen Concours-Veranstaltungen stand der überzeugende ästhetische Auftritt – übrigens auch der Besitzer – im Vordergrund. Im vorliegenden Fall war dies Frau Ministerialrat Schwarz aus Karlsruhe, wie die Broschüre von Joachim Ade verrät.

Die Funktion des Wagens war bei solchen Wettbewerben uninteressant und durfte im Fall einer Traditionsmarke wie Stoewer als über jeden Zweifel erhaben vorausgesetzt werden.

So verbinden sich am Ende unauffällige, zeitgemäße Funktion mit einer eleganten und zugleich charakterstarken äußeren Form. Davon brauchen wir im tristen Deutschland dieser Tage dringend mehr – und das nicht nur in punkto Autogestaltung.

Vielleicht erleben wir noch einmal eine Renaissance der Balance aus unauffälliger Funktion und sinneverwirrender Ästhetik wie auf dieser Aufnahme, die ich bei den Classic Days 2017 auf Schloss Dyck machte:

Horch 853 auf Schloss Dyck 2018: Bildrechte Michael Schlenger

Die grandiosen Fahrzeuge der 1930er Jahre verdienen aus meiner Sicht (und etlicher Kritiker der Neuauflage der Classic Days 2022) künftig wieder eine Kulisse wie diese, welche sich in der kulturell reichen Niederrhein-Region doch finden lassen sollte – wenn man es will.

Dazu muss jedoch der Veranstalter verstehen, dass ein Parkplatz in der Einflugschneise des Düsseldorfer Flughafens rein funktionell betrachtet Vorteile haben mag, aber indiskutabel ist, was ein würdiges Ambiente für solche Kunstwerke auf vier Rädern angeht.

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Den gab’s nur als Zweisitzer: Fafnir Typ 266

Sonderlich inspiriert ist der Titel meines heutigen Blogeintrags nicht – auch der Sprachwitz muss mal Urlaub machen. Aber wie immer entspricht er der Wahrheit, und heute ganz besonders.

Auch wenn der Aufmacher etwas müde daherkommt, lohnt es sich, wach zu bleiben.

Zum einen ist es immer etwas Außergewöhnliches, wenn ich ein Originalfoto eines Wagens des Aachener Herstellers Fafnir präsentieren kann. Ab 1908 fanden diese einige Verbreitung, doch heute sind nur noch einige wenige Exemplare erhalten.

Zum anderen haben wir heute den Fall, dass die Identifikation des Typs ungewöhnlich leichtfällt. Da Fafnir-Wagen stets in mehreren Motorisierungen angeboten wurden, lässt sich bestenfalls anhand des unterschiedlichen Radstands vermuten, womit genau man es zu tun hat.

Es gibt allerdings eine Ausnahme und die findet sich in der Fotosammlung von Matthias Schmidt (Dresden):

Fafnir Typ 266 von ca. 1913; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Den Hersteller hatte Matthias Schmidt bereits selbst anhand von anderen Abbildungen zutreffend bestimmt.

Den entscheidenden Hinweis gibt dabei die Gestaltung der oberen Kühlerpartie.

Doch auch auf den ersten Blick weniger charakteristische Details wie die Drahtspeichenräder, die leicht ansteigende Haube mit dem noch steileren „Windlauf“ vor der Frontscheibe passen zu Fafnir-Wagen von 1912 und 1914.

In dieser Zeit bot Fafnir seine äußerlich ähnlich daherkommenden, bloß unterschiedlich dimensionierten Wagen mit Vierzylindermotoren an, deren Leistung von 16 PS bis 35 PS reichten.

Die Radstände reichten dabei von 2,40 Metern bis 3,40 Metern. Auch wenn wir nicht genau sagen können, wie groß die beiden Männer in dem Fafnir auf dem Foto von Matthias Schmidt waren, wirkt der Wagen eher klein.

Einen Radstand von 3 Metern und mehr wie bei den Varianten mit 25 bzw. 35 PS darf man wohl ausschließen. Mein Favorit war von vornherein das kompakte 6/16-Modell, für das sich in der Literatur zwei Angaben zum Radstand finden: 2,70 Meter und 2,40 Meter.

Wie ich vom stets auskunftsfreudigen Fafnir-Experten Hubertus Hansmann aus Aachen weiß, wurden auf dem längeren der beiden Chassis die üblichen Tourenwagenaufbauten montiert. Dieser Wagen wurde als Fafnir Typ 466 vermarktet.

Der kürzere Radstand war einem sonst bei keinem anderen Fafnir-Typ verfügbaren Zweisitzer vorbehalten – dem Typ 266 mit identischer Motorisierung 6/16 PS.

Damit dürfte klar sein, womit wir es bei dem zweisitzigen Fafnir auf obigem Foto zu tun haben. Dieses ist übrigens von alter Hand auf 1915 datiert – und auf der Vorderseite ist außerdem vermerkt: „Wie ich zuerst aus Cöln fuhr“.

Diese Aussage wird im Zusammenhang mit dem offensichtlich militärischen Einsatzzweck des Wagens zu tun haben, dessen aufgemalte Kennung EKK 37 auf ein Kraftfahrerkorps verweisen dürfte (gewiss kann es ein sachkundiger Leser genau sagen).

Das war es schon alles, was sich ad hoc dieser offensichtlich professionellen Aufnahme abgewinnen lässt – vielleicht etwas ernüchternd, aber immer hin haben wir endlich einmal einen Fafnir, dessen Typ sich genau festnageln lässt.

Aber wer weiß: vielleicht kann Hubertus Hansmann uns doch noch etwas mehr dazu mitteilen…

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Mut zur Lücke: Ein Fiat 522 Cabriolet, oder?

Im Bereich der Automobilliteratur zu Vorkriegswagen deutscher Provenienz gibt es aus jüngerer Zeit einige eindrucksvolle Ergebnisse im Hinblick auf die Marken der Auto-Union sowie hervorragende Arbeiten einzelner Enthusiasten wie im Fall von Röhr oder Steiger.

Doch in der Breite tut sich seit der automobilliterarischen Blütezeit der 1970/80er Jahre in punkto Vorkriegsautos für meine Begriffe zu wenig hierzulande. Jahrbücher lassen Jahre auf sich warten, neue Markenbiografien werden nicht fertig, lang angekündigte Online-Typenübersichten bleiben unvollendet.

Dabei lässt sich doch im Netz der vorläufige Stand jederzeit darstellen und bei neuen Erkenntnissen ergänzen, korrigieren und vertiefen.

Genau das praktiziert Ferdinand Lanner in Bezug auf Fiat seit einigen Jahren und das Ergebnis seiner bisherigen Arbeit ist überwältigend – hier können Sie viele schlaflose Nächte zubringen, liebe Vorkriegsfreunde!

Das geht nur mit dem Mut zur Lücke und dem Willen, die Welt nach und nach an etwas teilhaben zu lassen, für das man brennt und das wohl niemals „fertig“ werden wird. Aber man muss einmal damit anfangen und nie war das einfacher als heute.

Illustrieren lässt sich das anhand von zwei Fiat-Fotos aus meiner Sammlung, die zwar Schwierigkeiten bei der Identifikation der abgebildeten Wagen aufwerfen, aber mit Mut zur Lücke doch eine plausible These erlauben, die sich dann bewähren muss oder auch nicht.

Los geht’s:

Fiat 522 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Eine prachtvolle Werkstattaufnahme ist das, nicht wahr? Sie entstand 1935 im Raum Leipzig, soviel ist überliefert.

Aber was für ein Wagen ist darauf abgebildet? Der Mechaniker, der hier ein Datenblatt zu studieren scheint, wird es genau gewusst haben, steht uns aber nicht mehr zur Verfügung.

Wir Nachgeborenen sind daher auf unseren detektivischen Spürsinn angewiesen und letztlich auch auf den Mut zur Lücke.

Denn dummerweise ist die Kühlermaske mit einer kunstledernen Abdeckung versehen, an der in der kalten Jahreszeit eine Manschette angeknöpft wurde, welche den Luftdurchlass reduzierte und so bei Fehlen eines Thermostats für schnelles Warmwerden des Motors sorgte.

Welche Details liefern einen Hinweis auf die Identität des Wagens? Nach meiner Meinung vor allem die „geknickt“ verlaufende Zierleiste hinter der Motorhaube. Dieses markante Detail findet sich beispielsweise am Fiat 514 – einem 1929 eingeführten Vierzylindertyp:

Fiat 514; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses misshandelte Exemplar kam in einem deutschen Schnulzenfilm zum Einsatz, den ich hier ausführlich gewürdigt habe.

Der Fiat 514 besaß jedoch eine gerade Scheinwerferstange und besaß auch keine so markant gestaltete Doppelstoßstange wie der Werkstattbesucher auf dem eingangs gezeigten Foto.

Allerdings hatte der Fiat 514 einen großen Bruder – den Sechszylindertyp 522 – der kurze Zeit später eingeführt wurde. Dieser war mit mittig ansteigender Stoßstange und einer geschwungenen Scheinwerferstange verfügbar, daneben wies er auch die „geknickte“ Zierleiste hinter der Motorhaube auf.

Scheibenräder besaßen beide Modelle, wobei es nach meinem Eindruck vom Baujahr oder der Ausstattung abhing, ob nur eine kleine Nabenkappe oder eine auch die Radbolzen abdeckende Radkappe montiert war.

Mit diesem oberflächlichen „Wissen“ ausgestattet nähern wir uns nun dem eigentlichen Gegenstand meines heutigen Blog-Eintrags an, welcher abermals Mut zur Lücke verlangt, aber einfach zu reizvoll ist, um länger im Fundus zu schlummern:

Fiat 522 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick würde man bei diesem 1935 bei Oberhof (Thüringen) abgelichteten Wagen wohl nicht auf einen Fiat tippen.

Doch der Steinschlagschutz mit den gepfeilten Streben täuscht. Dahinter verbirgt sich nach meiner Überzeugung ein Turiner Modell um 1930 – bloß welches?

Die Stoßstange ist schon einmal identisch mit derjenigen am oben vorgestellten Werkstatt-Fiat, den ich als Sechszylindertyp 522 ansprechen würde. Auf den Scheibenrädern finden sich nun die erwähnten großen Radkappen, die mir übrigens vor längerer Zeit auch die Identifikation des folgenden Wagens als Fiat (Typ 514) ermöglichten:

Fiat 514 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch der erwähnte „Knick“ der Zierleiste hinter der Motorhaube findet sich wieder.

Doch dahinter beginnt „terra incognita“ – und wie einst Kolumbus auf dem Weg nach Indien muss man Mut zur Lücke haben. Vielleicht bekommt man ja auf der Reise ins Ungewisse irgendwann wieder festes Land unter die Füße.

Doch wird man auch ans erhoffte Ziel gelangen? Kolumbus musste bekanntlich einsehen, dass er sich mit seinem Mut zur Lücke auf dem Globus zwar gründlich verkalkuliert hatte, aber immerhin hatte er den Blick auf eine faszinierend neue Welt eröffnet.

Ist das am Ende auch bei diesem wunderbar gestalteten zweitürigen Cabriolet der Fall? Ich konnte zwar bislang keine Entsprechung finden, doch halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass wir es mit einem Manufakturaufbau auf Basis eines Fiat 522 zu tun haben:

Ein dermaßen exquisites Cabriolet mit schräggestellter Frontscheibe und elegant geschwungenem unteren Türabschluss auf Basis eines Fiat um 1930 konnte ich bislang auch in Ferdinand Lanners Dokumentation der in Frage kommenden Typen nicht finden.

Meine Vermutung – Sie sehen, ich habe immer noch Mut zur Lücke – geht dahin, dass wir es bei diesem erlesen schönen Exemplar mit Berliner Zulassung um eine Sonderanfertigung einer deutschen Karosseriefirma zu tun haben.

Das stand zwar im Widerspruch zur Ausrichtung von Fiat auf Großerienproduktion, die bereits 1919 begann. Doch im Deutschland der Vorkriegszeit waren Automobile dieser Kategorie nach wie vor Luxusobjekte, die nur für einen sehr geringen Teil der Bürger überhaupt erreichbar waren.

Diese Kundschaft konnte sich oft auch einen nochmals wesentlich teureren Manufakturaufbau leisten – was übrigens auch bei vielen importierten US-Wagen zu beobachten ist, die in der Heimat reine Massenprodukte waren.

Was meinen Sie nun zu diesem Wagen? Liege ich richtig mit meiner Vermutung, oder habe ich mich mit meinem Mut zur Lücke doch zu weit hinaus gewagt ins Ungewisse? In letzterem Fall könnte ich aber doch immerhin Glück gehabt haben wie einst Kolumbus und auf etwas ganz anderes gestoßen sein als vermutet, aber was?

Nachtrag: Dem Hinweis von Leser Erhardt Schmidt folgend konnte ich ermitteln, dass der Fiat 522 tatsächlich auch im Heilbronner NSU-Werk als NSU-Fiat 10/52 PS (bzw. NSU-Fiat 2500) gefertigt wurde. Wagen aus der Heilbronner Fiat-Fertigung wurden gern auch mit deutschen Sonderkarosserien versehen (hier vermutlich von Drauz).

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Cabrio nach deutscher Manier? 1929er Oakland „Six“

In meinem letzten Blog-Eintrag ging es um ein deutsches Fabrikat, das nachträglich mit einer Karosserie im US-Stil versehen worden war. Heute haben wir beinahe den umgekehrten Fall – jedenfalls meine ich das.

So präsentiere ich Ihnen nun ein amerikanisches Fahrzeug, welches aus meiner Sicht mit einem Aufbau im deutschen Stil der späten 1920er Jahre versehen worden war.

Hier haben wir das gute Stück:

Oakland „Six“ von 1929, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bevor wir uns mit der Karosserie im Detail befassen, ein paar Anmerkungen zur Identifikation dieses Wagens. Ich habe über die Jahre sicher schon einiges in Sachen Vorkriegsautos gesehen, aber ein vergleichbares Fahrzeug war mir noch nicht begegnet.

Dennoch half mir das irgendwo im Kopf angesammelte Bildmaterial dabei, rasch zunächst den Hersteller herauszubekommen. In solchen Fällen hilft es den grauen Zellen, wenn man schon einmal erkannt hat, in welcher Schublade zu suchen ist.

Im vorliegenden Fall verrieten vor allem die wuchtigen Holzspeichenräder, dass es sich sehr wahrscheinlich um ein US-Fabrikat handelt.

Während deutsche Autobauer nach dem 1. Weltkrieg meist Stahlspeichenräder montierten, hielten die ansonsten technisch führenden amerikanischen Hersteller bis Ende der 1920er Jahre an Holzspeichen fest – vielleicht hat jemand eine Erklärung dafür.

Ausgehend von der These, dass es sich um ein nach Deutschland exportiertes US-Fabrikat handeln dürfte, ließ sich die Zahl der Hersteller einengen, wobei immer noch ohne weiteres zwei Dutzend Marken oder mehr dafür in Betracht kamen.

Letztlich half das genauere Studium der Vorderpartie:

Den entscheidenden Hinweis gab die mittige Unterteilung des Kühlers – bei amerikanischen Autos eher eine Seltenheit. Zunächst dachte ich an Marquette – ein hierzulande kaum bekanntes Fabrikat, das aber ebenfalls am deutschen Markt tätig war.

Doch dann fiel mir ein, dass ich genau diese Mittelstrebe beim 1929er Pontiac schon einmal gesehen habe. Der war es dann zwar auch nicht, aber von Pontiac kam ich zu deren älterer Schwesterfirma Oakland.

Tatsächlich findet sich beim 1929er Oakland (und unter den US-Modellen nur dort) das markante Muster der auf fünf Gruppen verteilten Luftschlitze in der Motorhaube.

Damit waren Hersteller und Baujahr geklärt. Verfügbar war der 1929er Oakland nur mit einer Motorisierung – als Sechszylinder mit 3,5 Litern Hubraum und knapp 70 PS. Allerdings waren ab Werk rund 10 Karosserievarianten erhältlich.

Bloß enspricht aus meiner Sicht keine davon dem hier zu sehenden Aufbau als Zweifenster-Cabriolet mit „Schwiegermuttersitz“.

Ähnlich von der Silhouette war zwar das Werks-Coupe, doch dieses besaß ein festes Dach. Der offene Zweisitzer „Sport-Roadster“ mit „Rumble-Seat“ im Heck wies hingegen eine deutliche niedrigere Seitenlinie auf.

Der recht hohe Türabschluss in Verbindung mit dem Cabriolet-Verdeck lässt mich annehmen, dass wir es hier mit einem der vielen Fälle zu tun haben, in denen US-Fahrzeuge als „rolling chassis“, also mit Fahrwerk, Motor und Haubenpartie nach Europa geliefert wurden und dort einen Aufbau nach lokalem Geschmack erhielten – also hier nach deutscher Manier.

Könnte das hier ebenfalls so gewesen sein? Nun, die drei gut aufgelegten Herren hätten es uns gewiss sagen können, doch leider kündet von ihnen nur noch dieses Foto, das Anfang der 1930er Jahre entstanden sein mag, als der Oakland schon „Feindkontakt“ gehabt hatte.

Was meinen Sie, liebe Leser? Kann vielleicht jemand sogar den Hersteller dieses Aufbaus benennen? Oder war es doch eine ab Werk verfügbare Version, die mir entgangen ist?

Luxus-Fragen, denen man sich in herrlich warmen Nächten mit kühlem Kopf und vielleicht einem ebensolchen Getränk und beschwingter Musik als Begleiter widmen kann. So pflege ich das jedenfalls zu tun in diesem prächtigen Sommer 2022…

Nachtrag: Wie mir eine Leserin aus Neuseeland schreibt, gab es in kleinen Stückzahlen tatsächlich einen solche Werksaufbau für den 1929er Oakland – bezeichnet als Convertible Coupe“ – hier der Beleg:

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Auf amerikanisch gemacht: Audi-Spitzkühlerwagen

In meinem letzten Blog-Eintrag ging es um ein Hanomag-Modell der frühen 1930er Jahre mit einem eigenwilligen Kühler – oben flach, unten spitz nach vorne auskragend.

Diese Gestaltungsweise war zwar markant, aber ziemlich von gestern. Sie orientierte sich grob an einer Idee, welche Audi kurz nach dem 1. Weltkrieg in die Tat umgesetzt hatte:

Audi (wahrscheinlich Typ G 8/22 PS); Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Diese großartige Aufnahme aus dem Fundus von Leser Klaas Dierks lenkt den Blick in idealer Weise genau auf dieses Element.

Spitzkühler tauchen bei Automobilen aus dem deutschsprachigen Raum gehäuft ab 1913/14 auf – Audi scheint sich diesem Trend jedoch erst ab 1919 angeschlossen zu haben. In der mir vorliegenden Literatur wird darüber kein Wort verloren.

Jedenfalls ist mir noch keine früher datierte Aufnahme eines Audis mit Spitzkühler begegnet – wenngleich ich auch hier wie immer gern dazulerne.

Heute kann ich jedenfalls ein Foto eines Spitzkühler-Audi präsentieren, der ohne jeden Zweifel im vorliegenden Erscheinungsbild ganz klar in der Nachkriegszeit zu verorten ist:

Audi Typ C 14/35 PS oder G 8/22 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Moment mal, mag jetzt mancher denken – dieser Wagen im amerikanischen Stil eines „Rumbleseat-Roadster“, also eines Zweisitzer-Cabriolets mit „Schwiegermuttersitz“ – soll ein Audi sein? Glaube ich nicht.

Verständlich, ich habe so etwas auch noch nie gesehen, aber ein näherer Blick auf die Frontpartie lässt jeden Zweifel schwinden – das ist ganz klar ein Spitzkühler-Audi!

Wer noch schwankt, nehme die Partie rechts unten neben dem in Fahrtrichtung rechten Scheinwerfer ins Visier – dort erkennt man, wie sich die Vorderkante des Spitzkühlers schräg nach vorne fortsetzt.

Das gab es in den 1920er am deutschen Markt nur bei Audi. Die beiden Herren, die uns hier etwas zwielichtig mustern, passen ebenfalls gut ins Deutschland jener Zeit. Ich würde sie jedenfalls weder in Frankreich oder England noch in Österreich oder Italien verorten.

Ungewohnt mag den Freunden der Spitzkühler-Audis, die bis etwa 1924 im Programm blieben, auch die Doppelstoßstange vorkommen. So etwas hat es ab Werk meines Wissens bei diesen Typen nie gegeben.

Doch findet man solche Stoßstangen nach US-Vorbild gehäuft ab Mitte der 1920er Jahre an deutschen Wagen – zuerst als Zubehör, später auch serienmäßig. Dazu passt ausgezeichnet das überlieferte Entstehungsjahr meines Fotos: 1926.

Wie es scheint, hat hier jemand einen Spitzkühler-Audi um die Mitte der 1920er Jahre mit einer neuen Karosserie im modischen Stil amerikanischer „Rumbleseat-Roadster“ neu einkleiden lassen.

Da es bei deutschen Fabrikaten in der ersten Hälfte der 1920er Jahre kaum nennenswerte technische Fortschritte gegeben hatte, sprach einiges dafür, einem gut eingefahrenen Audi-Modell der frühen 1920er einen moderneren Aufbau zu verpassen anstatt gleich ein ganzes neues Auto zu kaufen, was kaum etwas besser konnte.

So dürfte diese aus meiner Sicht reizvolle Kombination aus teutonischem Spitzkühler und Karosserie im amerikanischen Stil zustandegekommen sein. Die Insassen wirken jedenfalls so, als ob sie mit ihrem modisch aktualisierten Transportmittel zufrieden sind:

Übrigens wage ich die Behauptung, dass zumindest die Dame in der Mitte hinter dem Audi steht und nicht ebenfalls im Schwiegermuttersitz eingepfercht ist.

Denn unmöglich war dieser Wagen so breit, dass er auf den rückwärtigen Notsitzen mehr als zwei Personen Platz bot. Auch die relativ kurze Motorhaube spricht dafür, dass wir hier einen kompakteren Audi-Typ jener Zeit vor uns haben.

Den auch nach dem 1. Weltkrieg weitergebauten Typ E 22/55 PS mit seinem mächtigen 5,7 Liter-Motor können wir getrost ausschließen. So kommen für diesen Spitzkühler-Audi nur die Modelle C 14/35 PS und G 8/22 PS in Frage, ebenfalls beides Vorkriegskonstruktionen.

Mit der auf amerikanisch gemachten Karosserie war dieser Audi bis Ende der 1920er durchaus noch optisch auf der Höhe – wenngleich Kennern klar sein musste, dass man es im Kern mit einem älteren Modell zu tun hat.

Doch speziell mit der Motorisierung 14/35 PS war der Audi leistungsmäßig keineswegs veraltet. Mit an die 90 km/h Spitzengeschwindigkeit war er nach wie vor auf der Höhe, nur das Fehlen von Vorderradbremsen ließ das Alter der Konstruktion spüren.

Aber das scheint der modebewussten Truppe in dem Audi ebenso unwichtig gewesen sein wie die Tatsache, dass an der Vorderachse Reifen mit stark unterschiedlichem Profil montiert waren – heute wäre das ein Anlass für höchste Alarmbereitschaft.

Doch es waren andere Zeiten damals in Deutschland – wer überhaupt ein Auto besaß oder zumindest in einem mitfahren konnte, war bereits unerhört privilegiert.

Äußerlich ließ sich so ein Audi zwar einem Amerikanerwagen annähern, aber so völlig selbstverständlich für jedermann wie in den Staaten sollte ein eigenes Kraftfahrzeug hierzulande erst in den 1960er Jahren werden.

Wir sehen auf solchen Fotos aus deutschen Landen also praktisch immer Luxusobjekte – heute können Sie diese hier kostenlos genießen…

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Tschechisch, stark und chic: Aero 30

Tschechische Vorkriegswagen haben auch in deutschen Landen viele Liebhaber – das gilt vor allem für die bekannte Marke Tatra. Doch auch für weitgehend vergessene Nischenhersteller unseres Nachbarlands können sich einige Enthusiasten begeistern.

Ein schönes Beispiel dafür – im wahrsten Sinne des Wortes – ist Aero. Nach dem 1. Weltkrieg als Flugzeugbauer gegründet, begann die Firma Ende der 1920er Jahre auch PKW zu fertigen.

Das erste Modell – der Aero 500 – basierte noch auf einem Entwurf der Prager Marke Enka, deren Konstrukteur mangels eigener Expertise im Automobilbau kurzerhand von Aero abgeworben wurde.

Nach diesen Anfängen wandte man sich kompakten Konstruktionen mit Zweizylinder-Zweitakter nach DKW-Vorbild zu. 1934 ging man ebenfalls zum Vorderradantrieb über, der damals bereits von weit mehr Herstellern propagiert wurde, als man denken mag.

Der erste Vertreter diese Bauweise war der Aero 30 – auf dem Papier zwar „nur“ ein Kleinwagen mit 1-Liter-Motörchen – doch dieser hatte es in sich: Mit 30 PS Höchstleistung ließen die Tschechen die bestenfalls 20 PS „starken“ DKW-Frontwagen locker hinter sich.

Auch gestalterisch ging Aero durchaus eigene Wege – wenngleich ich auf die formalen Qualitäten der zeitgenössischen DKW-Wagen nichts kommen lasse, die war für meine Begriffe in der Kleinwagenklasse international konkurrenzlos.

Aber markant und durchaus sportlich kam bereits der Aero 30 des ersten Modelljahrs daher – hier freilich auf einer Nachkriegsaufnahme mit allerlei die Linie störenden Anbauteilen:

Aero 30; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man muss sich hier folgendes wegdenken, um die Gestaltung der Frontpartie wertschätzen zu können: Blinker, Positionsleuchten, Nebelscheinwerfer, Rückspiegel und wohl auch die Stoßstange waren allesamt nachgerüstet.

Ohne dieses ganze „Lametta“ hat man einen gutaussehenden, niedrig bauenden Wagen vor sich, der heute auf mancher von Prestigemarken dominierten Klassikerveranstaltung Furore machen machen würde.

Kein Wunder, dass diese optisch wie vom Tempo her flotten Wagen auch hierzulande ihre Freunde haben – es gibt sogar eine eigene und sehr aktive Aero-IG. Dieser verdanke ich auch meine gesamte Weisheit, was die Autos der Marke angeht.

Dank der dort wiedergegebenen Typenhistorie war ich imstande, einen weiteren Aero 30 näher einzuordnen, dessen Konterfei mir Johannes Kühmayer (Wien) freundlicherweise aus seinem Familienalbum zur Verfügung gestellt hat:

Aero 30, Karosserie Sodomka; Originalfoto aus Familienbesitz (via Johannes Kühmayer, Wien)

Bei dieser fabelhaft aussehenden Cabrio-Limousine käme man nicht unbedingt auf Idee, dass es sich lediglich um eine spätere Ausführung des Aero 30 handelt.

Das ist kein Wunder – denn bei dieser Version haben die Gestalter der Karosseriefabrik Sodomka Hand angelegt. Diese pflegte einen expressiven, doch stets gekonnten Stil, welcher vielen tschechischen Vorkriegswagen eine unverwechselbare Optik von großem Reiz verlieh.

Leider kann ich derzeit nur mit dieser Aufnahme eines solchen Aero 30 nach Sodomka-Entwurf aufwarten – aber vielleicht findet sich im Fundus eines Lesers noch mehr in dieser Richtung.

Es darf dann übrigens auch gern der Aero 50 sein, der ab 1936 die Palette nach oben abrundete. Mit seinen 50 PS bei gut 1.000 Leergewicht (Zweisitzer) wäre das auch in der Nachkriegszeit noch einige Jahre lang ein durchaus sportliches Auto gewesen.

Doch nur dem schwächeren Aero 30 sollte noch eine kurze Nachkriegskarriere vergönnt bleiben. 1946 wurde die Firma vom kommunistischen Regime verstaatlicht und in der sich daraufhin „entfaltenden“ Planwirtschaft war bald kein Platz mehr für die sinnliche Mischung „Tschechisch, stark und chic“…

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Stattliche Erscheinung(en): Dixi Chauffeur-Limousine

Mein heutiger Blog-Eintrag fällt in zweierlei Hinsicht aus dem Rahmen: Zum einen befasst er sich mit einem Fahrzeug von außergewöhnlichen Dimensionen, zum anderen sehe ich mich außerstande, den Typ genau zu benennen, obwohl der Hersteller kein Unbekannter war.

Wie an der Kühlerfigur – einem galoppierenden Kentauren – zu erkennen ist, zeichnete für die folgende stattliche Erscheinung die Fahrzeugfabrik Eisenach verantwortlich, die von 1904 bis zur Übernahme durch BMW Autos unter der Marke „Dixi“ baute:

Dixi Chauffeur-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Während die Ansprache des Herstellers dieses Kolosses klar ist, fällt (mir) die genaue Einordnung in die Dixi-Modellfamilie ausgesprochen schwer.

Der moderat ausgeprägte Spitzkühler gibt immerhin einen ungefähren Datierungshinweis: Wenn ich es richtig sehe, taucht dieser bei Dixi-Wagen recht spät auf – wohl erst mit dem 1921 vorgestellten Typ G1.

Dieses 6/18 PS Modell und sein Nachfolger G2 (6/24 PS) besaßen ebenfalls Drahtspeichenräder und (anfänglich) vier schrägstehende Luftschlitze in der Motorhaube:

Dixi Typ G1 6/18 PS; Originalfoto aus Sammlung Jürgen Ulloth

Doch unübersehbar handelte es sich hierbei um leichtere Modelle mit deutlich geringerem Radstand.

Der dicke Brummer auf dem eingangs gezeigten Foto muss also ein Dixi mit größeren Abmessungen und stärkerem Motor gewesen sein. Antriebsseitig kommen in den frühen 1920er Jahren mehrere Dixi-Modelle in Betracht:

Der Typ S16, welcher bereits 1912 eingeführt worden war und mit ständigen Leistungssteigerungen bis 1925 im Programm war – zuletzt mit 39 PS.

Daneben gab es den Dixi Typ U 20/55 PS, der 1914 vorgestellt wurde und noch bis 1923 gebaut wurde.

Außerdem waren leistungsgesteigerte Versionen des G-Typs erhältlich, bei denen bis zu 36 PS aus dem kompakten 1,6 Liter-Motor herausgeholt wurden.

Von diesen stärkeren Dixi-Wagen der frühen 1920er Jahre scheint nur der letztgenannte serienmäßig Drahtspeichenräder besessen zu haben. Aber letzlich hing es vom Geschmack des Besitzers ab, ob diese filigran bis sportlich wirkenden Räder oder rustikaler anmutende Holzspeichenräder montiert wurden.

In Anbetracht der stattlichen Erscheinung des heute präsentierten Dixi, der überdies einen schweren Aufbau als Chauffeur-Limousine erhalten hatte, tendiere ich zu einem der hubraumstärkeren Modelle, die sich wesentlich schaltfauler fahren ließen.

Welcher Typ es nun genau war, das kann vielleicht einer meiner in Sachen Dixi sachkundigen Leser sagen – ich schätze die Marke zwar sehr, würde mich aber nicht gerade als Kenner der komplexen Modellpalette dieses Herstellers bezeichnen.

Ebenfalls hoffe ich, dass mir jemand Aufschluss über eine weitere stattliche Erscheinung geben kann, die sich auf meinem Foto verbirgt – damit ist jedoch nicht der ausgeprochen gut genährte Fahrer gemeint:

Dixi Chauffeur-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vielmehr frage ich mich, was das für ein imposanter Bau im Hintergrund war. Ich würde diesen irgendwo zwischen Historismus und Jugendstil ansiedeln, also um etwa 1900.

Könnte es sich um ein Bahnhofsgebäude handeln? Bekanntlich gab es einst – lange bevor die Bahn in die moderne Barbarei abglitt – den schönen Brauch, solche Bauten sensibel dem lokalen Architekturstil anzupassen, was Formen und Materialien angeht.

Die ästhetische Meisterschaft dieser Funktionsbauten ist nach dem 1. Weltkrieg – dem bis heute nachwirkenden Kulturbruch in fast jeder Hinsicht – nie wieder erreicht worden. Legt man das Nummernschild des vor dem Dixi parkenden Autos mit dem Kürzel „IS“ zugrunde, könnten wir uns irgendwo in Niedersachsen befinden – vielleicht ist das ja ein Hinweis.

Was auf jeden Fall bleibt, ist der fabelhafte Eindruck gleich mehrerer stattlicher Erscheinungen. Nicht nur im Hinblick auf den mächtigen Dixi fragt man sich einmal mehr, wie so etwas einfach verschwinden kann.

Wir leben aber selbst in einer Zeit, in der man zur Kenntnis nehmen kann, was an stattlichen Erscheinungen eines einst hochentwickelten Gemeinwesens alles am Untergehen ist – das Automobil, wie es uns seit über 100 Jahren begleitet, ist nur eine davon…

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Fund des Monats: Ein „Ehrhardt“ Tourer von 1921/22

In meinem Blog ist immer „Tag der offenen Tür“ – und so bekomme ich fast täglich ich Zuschriften, Kommentare und Fotos zum Thema Vorkriegsautos mit Schwerpunkt auf deutschen Fabrikaten.

Heute fand ich im Briefkasten sogar einen USB-Stick eines mir bislang unbekannten Schweizer Lesers mit aufregendem Inhalt. Dieser muss freilich noch etwas warten wie so manches andere Material ebenfalls, das sich bei mir staut – es scheint hierzulande sonst kaum noch jemanden zu geben, der sich in ähnlicher Weise darum kümmert.

Heute ist aber in besonderer Weise „Tag der offenen Tür“ – wieso, das werde ich rechtzeitig auflösen. Bis dahin will ich Sie, liebe Leser, ein wenig vertraut machen mit einer Marke, die ich bislang noch nicht behandelt habe: Ehrhardt!

Die Vorgeschichte dieses Herstellers beginnt in der Fahrzeugfabrik Eisenach, deren Gründer Heinrich Ehrhardt sich 1903 wieder selbständig machte, um nun unter eigenem Namen Automobile nach Lizenz der französischen Marke Decauville zu bauen.

Das machten seinerzeit auch etliche andere deutsche Autoproduzenten, aber Ehrhardt nahm selbstbewusst für sich in Anspruch, die „besten Wagen der Gegenwart“ zu bauen:

Ehrhardt-Reklame von 1904; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Reklame ist das älteste Dokument in meiner Sammlung, welches auf die Firma Ehrhardt verweist, die im thüringischen Zella St. Blasii (ab 1919: Zella-Mehlis) Automobile fertigte.

Etwa ab 1906 scheint man Eigenentwicklungen angeboten zu haben, über die sich zwar in in der Literatur einige Angaben finden lassen, die aber fotografisch nur sehr dürftig dokumentiert zu sein scheinen.

Durch Vergleiche bin ich zur Einschätzung gelangt, dass die folgende Postkarte aus meine Sammlung, welche im September 1914 verschickt wurde, einen Ehrhardt zeigt, der noch kurz vor dem 1. Weltkrieg entstand:

Ehrhardt von ca. 1913; originale Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Eine gewisse Verbreitung scheint damals der Ehrhardt Typ 50 mit 7/20 PS Vierzylinder erlangt zu haben und ich vermute, dass obige Aufnahme ein Exemplar davon zeigt.

Gern lasse ich mich aber auch eines Besseren belehren, sollte es der Zufall wollen, dass sich ein Kenner der Marke Ehrhardt in meinen Blog verirrt. Wie gesagt: verlässliche Materialien zu diesem Hersteller gibt es aus meiner Sicht nur wenige.

Meiner Sache sicher bin ich mir aber im Fall des Funds des Monats Juni, den ich heute präsentiere – und wie bereits erwähnt ist heute in besonderer Weise „Tag der Offenen Tür“:

Ehrhardt Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese krude Kiste zum Fund des Monats zu küren, erscheint auf den ersten Blick kühn, aber gedulden Sie sich einen Moment, ich habe noch etwas dazu in petto.

Zunächst ist festzuhalten, dass wir es mit einem sauber ausgeführten Umbau eines klassischen Tourenwagens zu tun haben.

Das neu angefertigte Heck führt die Linie mit der nach innen gezogenen „Schulter“ weiter, welche typisch für deutsche Wagen der Zeit kurz nach dem, 1. Weltkrieg war. Statt eines gerundeten und nach unten stark nach innen gezogenen Abschlusses entschied man sich aus praktischen Erwägungen für eine gerade Ausführung des Hecks.

Zusammen mit der sauber angesetzten Klappe erhielt man so Zugang zu einer breiten und ebenen Ladefläche – vermutlich hatte sich ein Handwerker diese Ausführung anfertigen lassen.

Jedenfalls hatte der Besitzer dazu einen gebrauchten Tourenwagen als Basis erworben, wobei die filigranen Drahtspeichenräder dafür sprechen, dass es sich nicht um ein ordinäres Vehikel handelte, dann wären eher kräftige Holz- oder Stahlspeichenräder zu erwarten gewesen.

Tatsächlich hatte sich hier jemand etwas Außergewöhnliches für sein Umbauvorhaben ausgesucht – ein Fahrzeug, das vermutlich schon zur Zeit seines Erscheinens ein Exot war:

Ehrhardt Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Jetzt sind sicher auch diejenigen zufrieden, die angesichts dieses Pickups an meinem Verstand – oder noch schlimmer: an meinem Geschmack – gezweifelt haben.

Mit diesem Modell versuchte Ehrhardt nach dem Ersten Weltkrieg einen Neuanfang, nachdem man zunächst noch alte Modelle weitergebaut hatte. Zielgenau hatte man sich ein Segment ausgewählt, in dem sonst kaum ein hiesiger Hersteller etwas zu bieten hatte.

So bot Ehrhardt ab 1921 einen 10/40 PS-Typ an, welcher deutlich oberhalb verbreiteter Fabrikate wie Protos, Presto und NAG angesiedelt war. Der Vierzylindermotor des Wagens besaß kopfgesteuerte Ventile und konnte damit als fortschrittlich gelten.

Doch vermutlich aus Kostengründen blieb der Kühler dieses Ehrhardt ein seltener Anblick, darum genießen Sie hier Ihr Privileg, nach fast 100 Jahren einen zu erblicken:

Übrigens gab es Anfang der 1920er auch ein Sechszylindermodell von Ehrhardt, das mit flamboyanten Aufbauten der Berliner Karosseriefirma Szabo & Wechselmann (Szawe) kurzzeitig eine gewisse Furore machen sollte, doch das ist eine andere Geschichte.

Für heute begnügen wir uns mit zwei der ganz wenigen zeitgenössischen Originalfotos eines Ehrhardt-Tourenwagens 10/40 PS, wie er auf etwa 1920/21 zu datieren ist.

Übrigens hieß der Besitzer, welcher den Umbau zum Nutzfahrzeug veranlasste, Emil Kretzschmar und seine Adresse lautete „Enzmannstraße 12“, so steht es jedenfalls auf dem neu angefertigten Heck.

Zwar ist der Ort nicht überliefert, aber den bekommt vielleicht einer meiner akribischen Leser heraus, deren Entdeckungen und Einschätzungen mir stets willkommen sind, denn offenbar geht es auch ihnen um mehr als nur alte Autos – die ganze Welt von gestern…

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Klassische Eleganz: Ein Ford „Rheinland“ Cabriolet

Klassische Eleganz – sicher nicht das Erste, was man mit dem Ford-Produktionsstandort Köln in Verbindung bringt.

Vom gotischen Dom abgesehen wurde die Stadt im 2. Weltkrieg schwer verheert, den Rest erledigten anschließend die „modernen“ Stadtentwickler, denen wie in Frankfurt/Main schon in den 1930er Jahren die alte Bausubstanz ein Dorn im Auge gewesen war.

Heimlich mag mancher Karrierist hierzulande der Royal Air Force für ihre gründliche Ausführung der „Area Bombing Directive“ dankbar gewesen sein, die auf die flächendeckende Vernichtung der historischen Zentren und Wohngebiete abzielte.

Dass es beim Wiederaufbau auch anders hätte gehen können, zeigten nach 1945 die Münchner. Ein Vergleich von Lebensqualität und Immobilienpreisen verrät heute, wer es damals richtig gemacht hat – Köln jedenfalls nicht.

Doch geht es hier nicht um das heutige Erscheinungsbild, sondern um etwas, was die Römerstadt vor dem Krieg hervorgebracht hat – deutsche Klassik vom Feinsten.

Die Rede ist vom Ford „Rheinland“ – der in Deutschland von 1934-36 gebauten Variante des Vierzylindermodells 40/4 (auch als Model B bekannt). Dieses war zwar in den USA nach kurzer Zeit dem weit beliebteren V8 gewichen, doch am deutschen Markt eroberte sich der 50 PS leistende Vierzylinder einen achtbaren Platz am Markt.

So begegnet man dem Ford „Rheinland“ auf Vorkriegsaufnahmen recht häufig – meist in der Ausführung als Limousine mit Ganzstahlaufbau von Ambi-Budd:

Ford „Rheinland“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Charakteristisch für den Typ waren die geschwungen ausgeführten Luftschlitze in der Haube und die am deutschen Markt sonst eher sportlichen Wagen vorbehaltenen Drahtspeichenräder.

Die Frontpartie entsprach weitgehend dem wesentlich stärkeren amerikanischen V8-Modell, welches in einer Vielzahl von Ausführungen später auch in Deutschland Käufer fand.

Auch die leicht v-förmig gestaltete Vorderstoßstange des V8 fand sich am Ford „Rheinland“ – was dem Wagen zusätzliches Prestige verliehen haben mag:

Ford „Rheinland“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der aus dem Model A abgeleitete Motor war zwar entwicklungstechnisch betrachtet von „gestern“ und kam für Auto-Gourmets kaum in Betracht.

Aber wer nüchtern rechnete, hatte mit dem Ford „Rheinland“ ein überdurchschnittlich starkes Auto, mit dem man einem teuren Mercedes 200 beispielsweise die Rücklichter zeigen konnte. Hinzu kam eine dynamischere Optik, wenn man Wert darauf legte.

Doch auch für den Freund der klassischen Eleganz hatte Ford beim Modell „Rheinland“ etwas in petto. So gab es nämlich auch dieses schicke Vierfenster-Cabriolet:

Ford „Rheinland“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie man sieht, entspricht die Frontpartie ganz der bei der Serienlimousine des Ford „Rheinland“. Der offene Aufbau mit niedriger Frontscheibe und nach hinten abfallender Gürtellinie verkörpert dagegen ganz den deutschen Stil jener Zeit.

Ob dieser schöne Aufbau nun vom Karosseriewerk „Deutsch“ in Köln selbst geliefert wurde oder von einer anderen Manufaktur stammte, weiß vielleicht ein Leser, der sich mit den Ford-Modellen der 1930er Jahre besser auskennt als ich.

Jedenfalls ist dieses Fahrzeug für mich ein Musterbeispiel für deutsche Klassik im Automobilbau jener Zeit – auch wenn das Verdeck etwas liederlich niedergelegt zu sein scheint – so litten sowohl die elegante Linie als auch der Blick in den Rückspiegel.

Doch die junge Dame am Lenkrad scheint das nicht gestört zu haben – sie repräsentiert mit ihrem Erscheinungsbild selbst ein klassisch-elegantes Ideal, welches in unseren Tagen rar geworden ist…

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Ob Opel oder Dürkopp – ein Toureraufbau von Kellner!

Heute gibt es ein Kontrastprogramm in meinem Blog – und das in mancher Hinsicht.

Natürlich lege ich stets auf maximalen Kontrast Wert, was die Präsentation verblichener Vorkriegsaufnahmen angeht – in vielen Fällen wollen Sie gar nicht wissen, in welchem Zustand sich die Originalabzüge befanden, die ich hier präsentiere.

Aber Kontrast ist auch vonnöten, was die aus meiner Sicht oft arg simpel bis unbeholfen gezeichneten Karosserien angeht, die speziell deutsche Hersteller in den 1920er Jahren ihren Käufern zumuteten.

Ein abschreckendes Beispiel dafür war der kürzlich vorgestellte Brennabor Typ S 6/20 PS – ein Fahrzeug mit der Anmutung eines rustikalen Nutzfahrzeugs.

Was indessen damals auch in deutschen Landen möglich war, wenn man zur Abwechslung einmal jemand an die Karosseriegestaltung heranließ, der etwas davon verstand, das möchte ich heute anhand eines schönen Fundstücks illustrieren.

Erhalten haben sich davon zwei Aufnahmen – das hier ist die erste:

Zweifellos – das ist auch dann ein starkes Foto, wenn sich darauf keinerlei Hinweis darauf findet, wer der Hersteller dieses Tourenwagens war.

Festhalten lässt sich aber schon einmal, dass es hier ganz schön sportlich zugeht. Ganz offenbar waren diese Herrschaften im Skiurlaub und in Ermangelung eines Kofferraums schnallte man die Bretter einfach an die Ersatzräder.

Davon gleich zwei auf einer Seite, das sieht man nicht alle Tage – hier hatte sich jemand für eine längere Fahrt über wirklich schlechte Straßen gewappnet, möchte man meinen.

Vielleicht gefiel es dem Besitzer aber auch bloß, möglichst viele der sportlichen Drahtspeichenräder spazieren zu fahren so wie mancher Geländewagenfahrer heutzutage gern eine Batterie von Scheinwerfern auf dem Dach oder vor dem Kühler montiert.

Auch wenn ich in autmobiler Hinsicht – wie auch sonst – dem klassischen Auftritt zuneige, finde ich dennoch fast jeden Stil auf vier Rädern sympathisch, wenn er Ausdruck von Persönlichkeit ist. Nichts ist schlimmer als ganz im Praktischen beheimatete Zeitgenossen.

Gänzlich unpraktisch ist natürlich auch die niedrige Frontscheibe des oben gezeigten Wagens, man musste offen fahren, um gute Sicht zu haben – aber das Teil musste einfach so sein, um die Wirkung eines sportlichen Automobils zu erzeugen.

Wie gut das gelang und wie umwerfend wirkungsvoll das Auto insgesamt daherkam, das können wir nun auf dem zweiten Foto besichtigen:

Der Besitzer wusste genau, wie man möglichst lässig und dandyhaft ein einem solchen Wagen posiert, der schon im Stand schnell wirkt und trotz beachtlicher Dimensionen schlank und schön erscheint.

Was dieses Dokument so außergewöhnlich macht, ist aber nicht nur die souveräne Kraft und Eleganz, welche dieser großartige Wagen ausstrahlt. Es ist auch das reizvolle Nebeneinander von gestern und morgen.

Denn wenn ich mich nicht täusche, haben wir hier einen Tourer von 1913/14 vor uns, der nach dem Ersten Weltkrieg mit moderner elektrischer Beleuchtung ein zweites Leben erhielt, das ihn fit für die 1920er Jahre machte.

Zwar fehlt ihm der modische Spitzkühler, mit welchem bis etwa 1925 fast alle deutschen Hersteller ihre Wagen ausstatteten. Doch besaß er unter der enorm langen Haube sehr wahrscheinlich etwas, was ihn auf viele Jahre unschlagbar attraktiv machte.

So meine ich, dass wir hier eines der ganz großen Opel-Modelle vor uns haben, mit welchem die Rüsselsheimer kurz vor dem 1. Weltkrieg noch einmal Furore machten. Groß waren daran nicht nur die äußeren Abmessungen – gewaltig waren auch die Hubräume der beiden Spitzenmodelle 29/70 PS und 40/100 PS mit 7,5 bzw. 10,2 Litern.

Die Höchstgeschwindigkeiten dieser Kolosse lagen in Bereichen, die auf damaligen Straßen kaum ausfahrbar waren, doch wichtiger war, dass man damit auch in bergigem Gelände fast durchweg im großen Gang unterwegs sein konnte.

Übrigens bot damals Dürkopp mit dem Typ DG 40/100 PS ein konkurrenzfähiges Modell an, dessen Kühlerfront der des Opel stark ähnelte. So vermag ich nicht zu sagen, ob wir es heute mit einem großen Opel oder einem vergleichbaren Dürkopp zu tun haben.

Das ist aber auch gar nicht so wichtig, denn für das extravagante Erscheinungsbild dieses Autos war ohnehin jemand anderes verantwortlich – die Karosserieschmiede von Alexis Kellner in Berlin.

Das verrät ein Detail, welches wir auf folgendem Bildausschnitt studieren können, nämlich die stromlinienförmigen Gehäuse der auf den Kotflügeln aufgesetzten Positionslichter:

Den Hinweis, dass dies ein bei Karosserien von Kellner häufig anzutreffendes Element ist, verdanke ich Thomas Ulrich aus Berlin, von dessen großzügig geteiltem Fachwissen ich schon oft profitiert habe.

Eine dermaßen gelungene Karosserie in Verbindung mit einem bärenstarken Motor konnte auch nach dem 1. Weltkrieg mit einiger Aufmerksamkeit rechnen. Gern wüsste man, wie lange dieses „Vorkriegs“auto seinerzeit noch auf der Straße war.

An sich hatte ein Fahrzeug dieser Güteklasse die Voraussetzungen dafür, ewig zu halten, aber leider wissen wir, dass dies lange Jahre anders gesehen wurde – der Durst des Motors mag irgendwann auch den größten Enthusiasten abgeschreckt haben.

Merkwürdig bloß, dass in unseren Nachbarländern dennoch viele Wagen vergleichbarer Qualität zumindest aufbewahrt wurden und so der Nachwelt erhalten blieben.

In Deutschland gab man sich aber bereits ab den 1920er Jahren gern besonders fortschrittlich und machte mit den Relikten der Vergangenheit radikal „tabula rasa“. Das wiederholte sich nach dem 2. Weltkrieg mit dem Restbestand nochmals, weshalb das angeblich so reiche Deutschland heute in Wahrheit in kultureller Hinsicht arm dran ist…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Strahlende Schönheit: Wanderer W10-III Zweisitzer

Nun hat auch kalendarisch der Sommer 2022 begonnen, nachdem es bereits seit längerem herrlich warm und sonnig ist in unseren Gefilden.

Vorerst vorbei scheinen die Zeiten, in denen „die Wissenschaft“ eine neue Eiszeit für möglich hielt – und ein gewisser Rudi Carell den Schlager „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ zum Besten gab.

Beinahe schade, denn die 1970er Jahre waren zumindest im Westen unseres Landes eine liberale und lebensfrohe Zeit, in welcher die Bundesrepublik mitten im Kalten Krieg mit einem Bruchteil des Personals, der Abgaben und Vorschriften von heute auskam.

Lassen wir uns also die Stimmung nicht vermiesen und genießen zumindest diesen Sommer, denn der nächste Winter könnte unerfreulich werden, wenn Berlin nicht bald eine Energiewende zurück in die Realität zustandebekommt.

Angesichts endloser Sonnenstunden bei Tage und südlich anmutenden Nächten – welche ganz meiner Betriebstemperatur entsprechen – beschäftigt man sich gern mit Dokumenten von einst, die von Licht durchflutet sind und immer noch vor Hitze zu flirren scheinen.

Folgendes Foto illustriert zwar noch nicht ganz, was ich meine, aber es weist schon in die richtige Richtung:

Wanderer W10-II bis Mitte 1928; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Hier haben wir ein schönes Dokument einer sommerlichen Ausfahrt in einem Wanderer W10-II, wie er von Ende 1927 bis Mitte 1928 gebaut wurde.

Man erkennt dieses Vierzylindermodell mit 40 PS starkem 2 Liter-Motor leicht an den auf zwei Gruppen verteilten Luftschlitzen in der Motorhaube.

Obiges Foto, welches wir Leser Klaas Dierks verdanken, zeigt eine in der Literatur kaum dokumentierte Ausführung, die ich als Sedan-Cabriolet ansprechen würde. Ein solcher Aufbau weist Elemente einer Limousine auf wie die massiven Fenstersäulen und ermöglicht gleichzeitig das Öffnen der kompletten Dachpartie.

Die uns anlächelnde junge Dame auf der Rückbank mag noch nicht ganz die strahlende Schönheit sein, welche im Titel angekündigt wurde, doch sie passt zu der heiteren Sommerstimmung, die dieses Foto mit den Sonnenflecken auf der Karosserie transportiert.

Tatsächlich findet sich die strahlende Schönheit erst auf einer weiteren Aufnahme, welche ausgerechnet das schwächere Schwestermodell Wanderer W 10-III 6/30 PS zeigt – erkennbar an der abweichenden Gestaltung der Luftschlitze:

Wanderer W10-III Sport-Zweisitzer von 1928; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Die Insassen tun hier zwar ihr Bestes, um möglichst freundlich zu wirken, doch das Attribut „strahlende Schönheit“ bezieht sich definitiv auf den Wagen mit Aufbau als Sport-Zweisitzer.

Das gleißende Licht auf dem Blechkleid sorgt für hochsommerliche Anmutung, während die seitlichen Steckfenster das Auto in einem merkwürdigen Zwischenstadium zwischen „ganz offen“ und „nicht ganz dicht“ erscheinen lassen.

Auf jeden Fall lädt so eine Aufnahme zum Träumen ein, denn wer würde jetzt nicht gerne mit niedergelegtem Verdeck und passablem Staubschutz über unasphaltierte Nebenstraßen räubern wollen, quasi im Glashaus sitzend und doch von der Außenwelt abgeschirmt.

Dieses Bild vermittelt aus meiner Sicht die Schönheit des sommerlichen Reisens zu zweit über Land in einem sportlich anmutenden Automobil, das einerseits den Genuss von Luft und Duft ermöglicht und einen andererseits nicht völlig Wind und Wetter ausliefert.

Dazu braucht es nicht immer eine umwerfend einfallsreiche oder elegante Karosserie – die strahlende Schönheit des Sommers lässt sich auch so erleben, wenn man es will…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Einer wie sonst keiner: Horch 350 Cabriolet

Was kann an einem Cabriolet des hervorragend dokumentierten Achtzylindertyps 350 der sächsischen Luxusschmiede Horch schon einzigartig sein?

Von den fast 3.000 Exemplaren des Modells, die zwischen Ende 1928 und Sommer 1932 entstanden, gab es natürlich eine Reihe offener Versionen, vor allem die Ausführung als Sedan-Cabriolet findet sich öfters.

Hier haben wir ein Exemplar, das ich früher schon einmal vorgestellt habe:

Horch 350 Sedan-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist ein ziemlicher Brocken und ich tue mich schwer damit, diesen Aufbau als gelungen zu bezeichnen. Die Gürtellinie ist einfach zu hoch, da helfen auch die Versuche nicht, mit allerlei Zierrat die schiere Höhe der Türen zu kaschieren.

Diese teutonische Unbeholfenheit findet sich auch bei anderen offenen Versionen auf Basis des Horch 350, selbst das serienmäßige Zweisitzer-Sportcabriolet lässt sich kaum als elegant bezeichnen.

Vermutlich mochte es die Kundschaft aber meist so, denn dass es anders ging – wenn das jemand wollte – das kann ich heute an einem Exemplar zeigen, das mich restlos begeistert.

Dieser Horch 350 ist so unerhört anders und dermaßen raffiniert, dass ich die Behauptung wage, dass dies „einer wie keiner“ war.

Die Fotos dieses Wagens verdanke ich Heiner Goedecke aus Leipzig, der uns kürzlich schon mit Familienfotos zum Fafnir 376 und zum Adler 6/25 PS beglückt hat.

Diesmal ist der Horch 350 an der Reihe, den einst sein Großvater besaß. Der war Generaldirektor bei einem bedeutenden sächsischen Stromversorger (ESAG) und ließ sich als solcher morgens von Chauffeur Henke zur Arbeit bringen.

Seine Tätigkeit war eine veranwortungsvolle – und eine konstruktive noch dazu. Unter seiner Leitung wurde das Kohlekraftwerk Kulkwitz der Landkraftwerke Leipzig AG gebaut. Grundlastfähigkeit und Regelbarkeit, das erscheint einem heute wie aus einer anderen Zeit.

Wie aus einer anderen Zeit kommt einem auch die Heckansicht des Wagens vor, um den es geht. Um die Sache spannender zu machen, zäume ich das Pferd heute von hinten auf:

Horch 350 Cabriolet; Originalfoto aus Familienbesitz (Heiner Goedecke, Leipzig)

Wüsste ich es nicht besser, würde ich hier schwören, dass es sich um einen amerikanischen „Rumble-Seat“-Roadster mit besonders niedriger Dachlinie handelt.

Vielleicht würde mich auf den zweiten Blick die Eleganz des hinteren Dachabschlusses stutzig machen, die man so an den in Großserie gebauten US-Wagen dieses Karosserietyps eher selten findet.

Dass es sich tatsächlich um eine Ausführung mit „Schwiegermuttersitz“ handelt, belegt die folgende Aufnahme:

Horch 350 Cabriolet; Originalfoto aus Familienbesitz (Heiner Goedecke, Leipzig)

Auch hier fällt wieder die außerordentlich niedrige Dachlinie ins Auge – ansonsten Fehlanzeige, was irgendwelche Hinweise auf den Hersteller angeht.

Auf der nächsten Aufnahme aus dem Familienalbum von Heiner Goedecke erscheint der Wagen ebenfalls nicht gerade wie ein typischer Horch 350.

Meine Vermutung wäre hier gewesen: „Amerikanerwagen mit deutscher Manufakturkarosserie“ – Ende der 1920er Jahre durchaus verbreitet.

Horch 350 Cabriolet; Originalfoto aus Familienbesitz (Heiner Goedecke, Leipzig)

Erst das nächste Foto bringt uns dem Hersteller näher.

Darauf sehen wir auch das erwähnte Kraftwerk Kulkwitz – wo der Großvater von Heiner Goedecke einst die Leitung innehatte, nachdem es unter seiner Aufsicht gebaut worden war – nebenbei zu einer Zeit, als Funktionsbauten noch ästhetische Qualitäten haben durften:

Horch 350 Cabriolet; Originalfoto aus Familienbesitz (Heiner Goedecke, Leipzig)

Anhand dieser Abbildung würde man vermutlich darauf kommen, dass es sich um einen Horch 350 handeln könnte – der Kühler mit schemenhaft wiedergegebener Figur und das Format der Scheinwerfer würden das jedenfalls nahelegen.

Aber diese vertraut erscheinende Frontpartie würde man doch nie mit einer dermaßen eleganten Seitenlinie in Verbindung bringen, oder?

Jedenfalls ist mir noch nie ein Horch des Typs 350 begegnet, dessen Aufbau so leicht und schwungvoll daherkommt.

Zum einen bewirkt die dunkel abgesetzte „Schulter“partie, dass die Tür weit niedriger erscheint, als sie es tatsächlich ist. Zum anderen hat die damit ansteigende Schwellerpartie zur Folge, dass die enorme Länge des Radstands optisch verkürzt wird.

Sonst wären hier bloß endlose Geraden zu sehen, die nicht nur langweilig wirken, sondern auch zu einem umharmonischen Verhältnis zwischen der Dachpartie und der Länge des Aufbaus führten.

Genug der Worte, dieser aus meiner Sicht meisterlich gestaltete Wagen vermag durch seine Präsenz ganz von alleine seine Wirkung zu entfalten:

Horch 350 Cabriolet; Originalfoto aus Familienbesitz (Heiner Goedecke, Leipzig)

Für mich ist dies eine der hervorragendsten Kreationen deutschen Karosseriebaus um 1930, und wenn die Überlieferung zutrifft, wurde sie von Zschau in Leipzig gefertigt.

Vielleicht kann ein Leser dies verifizieren oder eventuell auch eine andere dafür in Frage kommende Manufaktur benennen.

So oder so muss dieser Aufbau eine Rarität darstellen, wie sie sich am deutschen Markt jener Zeit sonst kaum findet (von Kellner aus Berlin abgesehen).

Das Beste aus diesem Bilderreigen habe ich aber bis zum Schluss aufgehoben. Denn eine Aufnahme zeigt den Horch 350 von Heiner Goedeckes Großvater auch aus der Idealperspektive schräg von vorne.

Dieser Wagen war wirklich „einer wie sonst keiner“…

Horch 350 Cabriolet; Originalfoto aus Familienbesitz (Heiner Goedecke, Leipzig)

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Zurück in der Zukunft: Gräf & Stift SR4 Spezial

Wer mit der Filmwelt der 1980er Jahre erwachsen wurde, wird über den Titel des heutigen Blog-Eintrags stolpern: Hieß der Kassenschlager anno 1985 nicht „Zurück in die Zukunft“?

Gewiss, aber an der Geschichte, die ich heute erzählen darf, ist so ziemlich alles anders, weshalb ich dafür das eigenwillige Motto „Zurück in der Zukunft“ gewählt habe. Natürlich spielt ein spektakuläres Automobil darin die die Hauptrolle und einige bemerkenswerte Charaktere tauchen darin auf – doch darin erschöpfen sich schon die Gemeinsamkeiten.

Die Geschichte, um die es geht, ist bereits einige Male trefflich erzählt worden, sodass ich nun vor der Herausforderung stehe, sie aus einer eigenen Perspektive neu darzubieten.

Ich könnte sie im Jahr 1925 beginnen lassen, als ein Privatfahrer namens Josef Sigl in der Weinberggasse in Wien eintraf, um bei einer renommierten Autofirma einen Rennsportwagen zu bestellen, aber ebenso im Jahr 1980, als das Gebäude dieser Firma abgetragen wurde oder im Jahr 2020, als die örtliche Feuerwehr im schwedischen Marieholm ihren Dachboden aufräumte und dort etwas vorfand, was jahrzehntelang darauf gewartet hatte, endlich wieder den Fahrtwind zu erleben.

Stattdessen beginne ich im November 2021, als ich erstmals von dem Fahrzeug erfuhr, dessen schwer zu überbietende Geschichte ich heute vor Ihnen ausbreiten darf.

Im November 2021 erhielt ich eine Nachricht aus Wien, die ganz unprätentiös daherkam: „Sehr geehrter Herr Schlenger, ich bin regelmäßiger Leser Ihrer schönen Website und möchte Ihnen ein paar Fotos eines Autos senden, das Sie sicherlich interessieren wird.“

Nun, Fotos von Vorkriegsautos bekomme ich fast täglich – meist von Zeitgenossen, die wissen wollen, was für Auto einst ihr Großvater gefahren hat oder in was für einem Wagen die Großmutter abgelichtet worden war, als sie noch ein Mädchen war.

In solchen Fällen helfe ich gern, und oft genug bekomme ich auf diese Weise Dokumente, die das Bild der Vorkriegsmobilität in deutschen Landen vervollständigen helfen.

Doch was mir Johannes Zieser – seines Zeichens Architekt in Wien – im November 2021 mit kurzer Einleitung zukommen ließ, das war absolut außergewöhnlich. Ich war für’s Erste elektrisiert, jedoch behielt sich Herr Zieser vor, die Geschichte des fraglichen Wagens erst noch an anderer Stelle zu publizieren.

Zugegebenermaßen verlor ich die Sache etwas aus dem Auge, bis ich dieser Tage wieder Post erhielt. Ob ich denn noch an einer Präsentation des Wagens interessiert sei, lautete die Frage. Meine begeisterte Antwort darauf ist heute hier zu finden.

Von nun geht es wieder streng chronologisch vor – erst zurück und dann in die Zukunft. Den Anfang macht diese Aufnahme, die mir Herr Zieser übermittelt hat:

Gräf & Stift SR4 Spezial, aufgenommen 1925; Originalfoto via Johannes Zieser (Wien)

Dieses Foto ist das einzige bekannte, das den Rennsportwagen auf Basis des Gräf & Stift SR4 zeigt, welcher 1925 speziell zur Teilnahme am Semmering-Bergrennen gefertigt wurde.

Gesteuert werden sollte das Auto von Josef Gräf, dem Junior Chef der Firma, die den Ruf genoss, die Spitze des österreichischen Automobilbaus zu repräsentieren.

Der Wagen besaß einen 120 PS leistenden Sechszylindermotor mit 7,8 Litern Hubraum, der im Werk mit Zutaten wie einer Zenith-Zweivergaseranlage „frisiert“ worden war.

Besagtes Semmering-Bergrennen wurde indessen abgesagt, sodass der geplante Sporteinsatz ausfiel. Das dafür präparierte Auto wurde niemals in größerem Stil eingesetzt.

Nur eine Testfahrt damit ist auf obigem Foto dokumentiert. Absolviert wurde sie vom vermögenden Brauereibesitzer Josef Sigl, der genau so einen Gräf & Stift mit frisiertem Motor und gekürztem Chassis wollte, um damit als Privatfahrer bei Rennen in Österreich anzutreten. Das tat er dann übrigens auf Wagen Nr. 2907 mit einigem Erfolg.

Vom Gräf & Stift SR4 Spezial von Josef Sigl hat sich nichts erhalten. Doch vom Vorbild seines Rennsportwagen – Wagen Nr. 2909 (kurioserweise mit höherer Chassis-Nr) – ist weit mehr in die Zukunft gelangt als bloß das Foto der Testfahrt.

Die ursprünglich für Josef Gräf vorgesehene Spezialanfertigung verblieb nämlich in der Firma in der Wiener Weinberggasse, auf dem Dachboden! Der Überlieferung nach diente der Wagen dort Generationen von Lehrlingen in der Pause als Aufenthaltsort.

Solchermaßen außer Gefecht gesetzt verlor der Gräf & Stift SR4 Spezial über die Jahre und Jahrzehnte einige Anbauteile und erlitt die eine oder andere Blessur, doch Chassis, Motor und Aufbau blieben im Wesentlichen original erhalten.

Springen wir nun in die Zukunft – ins Jahr 1980. Die inzwischen zur MAN AG gehörenden ehemaligen Fabrikanlagen von Gräf & Stift in Wien sollen Wohnungen weichen.

Vor dem Abbruch wird auf Initiative von Rudolf Gräf, dem letzten bei MAN tätigen Familienmitglied, der bei Insidern offenbar nie ganz vergessene SR4 Spezial geborgen.

Anvertraut wird das einzigartige Stück Zeitgeschichte einem Gräf & Stift-Enthusiasten, mit dem ich über die Jahre bereits öfters Kontakt hatte: Karl Marschhofer. Er beginnt über etliche Jahre, Fehlteile zu ergänzen, kommt aber nicht dazu, den Wagen fertigzustellen.

2020 kommt der sorgsam gehütete Gräf & Stift in den Besitz von Johannes Zieser, der eine behutsame Restaurierung veranlasst, die aus meiner Sicht als vorbildlich gelten darf.

Nicht mehr beschaffbare Fehlteile lässt er nach Originalspezifikation nachfertigen, der Motor wird geprüft, für annähernd neuwertig befunden und nur partiell überholt. Die Karosserie wird schonend aufgearbeitet, wobei Spuren des Alters bewusst beibehalten werden.

Das Ergebnis ist schlicht umwerfend – ein bald 100 Jahre alter Rennsportwagen mit komplett originaler Technik und weitgehend unberührter Aluminiumkarosserie:

Gräf & Stift SR4 Spezial, aufgenommen 2021; Bildrechte Johannes Zieser (Wien)

Dass dem Tüchtigen das Glück hold ist, gilt in besonderem Maß für dieses wunderbare Fahrzeug.

Nicht nur, dass es nach so langer Zeit endlich dort „zurück“ ist, wohin es gehört, nämlich auf die Straße. Es ist auch in „der Zukunft“ angelangt, die es überhaupt erst ermöglicht hat, es zu vervollständigen.

Denn nur dank der früher undenkbaren Möglichkeiten, weltweit nach Fehlteilen historischer Automobile zu fahnden, konnte Johannes Zieser dieses Zeitzeugnis originalgetreu vervollständigen.

So fehlte schon beim Auffinden im Jahr 1980 ein wesentliches Bauteil – die Windschutzscheibe samt Rahmen. Als Johannes Zieser den Gräf & Stift SR 4 Spezial im Jahr 2020 von Karl Marschhofer erwarb, ergab sich ein unglaublicher Zufall.

Praktisch zeitgleich hatten die Männer der Feuerwehr im schwedischen Marieholm eine Frontscheibe auf dem Dachboden geborgen, die zu einem in den 1920er Jahren als Mannschaftswagen genutzten österreichischen Fahrzeug gehörte.

Johannes Zieser erwarb das Teil und es erwies sich als perfekt passend:

Gräf & Stift SR 4 Spezial von 1925; Bildrechte: Johannes Zieser (Wien)

An dieser Aufnahme sieht man hervorragend den Ansatz des Besitzers, originalen Bauteilen ihre über Jahrzehnte entstandene historische Anmutung zu lassen, während neu angefertigte Komponenten als solche erkennbar sind.

Jetzt werden Sie sich vermutlich fragen, ob es denn noch weitere Aufnahmen dieses Kalibers gibt, welche den einzigartigen Gräf & Stift SR4 Spezial von Johannes Zieser zeigen, nachdem er nun gewissermaßen „zurück in der Zukunft“.

Ja, natürlich gibt es die. Doch während sie andernorts in Farbe publiziert worden sind, habe ich mich in diesem Fall für die Schwarz-Weiß-Ästhetik entschieden, die mir konsequent erscheint beim einzigen Rennsportwagen von Gräf & Stift, welcher den Zeitsprung aus den 1920er Jahren in die Gegenwart geschafft hat.

Hier haben wir nun das Prachtstück in der Seitenansicht:

Gräf & Stift SR 4 Spezial von 1925; Bildrechte: Johannes Zieser (Wien)

Man sieht hier, dass die Bearbeitungsspuren an der Karosserie bewusst konserviert wurden, welche bei einem einstigen Werksrennsportwagen natürlich vorhanden waren, der bloß für eine Saison vorgesehen war.

Die schwer in Worte zu fassende Schönheit dieses Automobils wird vielleicht noch besser in der folgenden Aufnahme deutlich, die den Gräf & Stift aus der Vogelperspektive zeigt:

Gräf & Stift SR 4 Spezial von 1925; Bildrechte: Johannes Zieser (Wien)

Natürlich sollen auch die Freunde gediegener Motorenästhetik auf ihre Kosten kommen, denn der Reihensechser dieses Gräf & Stift war gestalterisch ebenfalls ein Gedicht.

Interessant ist, dass man den Motorblock nicht aus einem Guss schuf, sondern auf zwei jeweils drei Zylinder umfassende Elemente aufteilte:

Gräf & Stift SR 4 Spezial von 1925; Bildrechte: Johannes Zieser (Wien)

Dieses wunderbare Fahrzeug ist im 21. Jh. erstmal mit einem amtlichen Kennzeichen unterwegs, welches das Werksnummernschild von anno 1925 zitiert: W- AIV 550.

Johannes Zieser berichtet begeistert von dem Hochgefühl, das ihn erfüllt, wenn er den Wagen bewegt, die Gänge mit Zwischenkuppeln durchgeschaltet hat und die enorme Kaft des Motors erlebt, welche der Umwelt gegebenfalls durch Öffnen der Auspuffklappe vor dem Endschalldämpfer hörbar kundgetan wird.

So war es einst gedacht vor bald 100 Jahren, als dieser Gräf & Stift SR4 Spezial ersonnen und gebaut wurde, ohne damals im vorgesehenen Sinn eingesetzt zu werden.

Das kann Johannes Zieser jetzt nachholen – sein großartiger Wagen, der bereits 2021 in Italien beim Concorso d’Eleganza Villa d’Este aufgetrumpft hat, ist definitiv „zurück in der Zukunft“!

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Im Drachen ist noch Leben: Fafnir Sport Phaeton

Wagner-Freunde kennen ihn aus der „Der Ring des Nibelungen“, Vorkriegsauto-Enthusiasten – vielleicht – aus meinem Blog. Die Rede ist von Fafnir, dem Drachen aus der nordischen Sagenwelt bzw. dem gleichnamigen Autobauer aus Aachen.

Um das Überleben des Fafnir in Wagners Werk muss man sich nicht sorgen – die Meisterwerke europäischer Musikgeschichte werden im Zweifelsfall in Fernost weiterhin geschätzt werden, wenn im Abendland dereinst die Lichter ausgehen.

Was die automobile Fafnir-Tradition angeht, muss man indessen noch etwas tun, damit sie nicht in Vergessenheit gerät. Zwar gibt es Sammler und Spezialisten, die sich der vor 1914 bedeutenden Marke angenommen haben, aber die Literatur dazu lässt sehr zu wünschen übrig, was die Dokumentation einzelner Typen betrifft.

Dass in dem alten Drachen auf vier Rädern immer noch Leben ist, beweisen Zuschriften von Lesern, die mir andernorts unveröffentlichte Originaldokumente zu der Marke bereitstellen, welche ich mit Vergnügen vorstelle – weil es sonst niemand macht.

Mancher mag sich an das folgende Foto erinnern, das mir die Familie Pochert aus Dresden zur Verfügung gestellt hatte und welches ich vor bald zwei Jahren hier besprechen durfte:

Fafnir Typ 476; Originalfoto bereitgestellt von Familie Pochert (Dresden)

Ein solches Zeugnis ist schwer zu überbieten, aber trefflich daran anknüpfen lässt sich durchaus.

Dieser Fafnir „Sport Phaeton“ des Typs 476 aus der ersten Hälfte der 1920er Jahre ist nämlich auch in einigen zeitgenössischen Anzeigen und Prospektabbildungen dokumentiert.

So übersandte mir Claus Wulff aus Berlin, dessen Website zu Kühleremblemen zum Besten gehört, was hierzulande im Netz in Sachen Vorkriegsautos existiert, eine Reklame von 1922 aus seiner Sammlung, die einen Fafnir mit ganz ähnlicher Karosserie zeigt:

Fafnir Typ 476; Originalreklame aus Sammlung Claus Wulff (Berlin)

Interessant ist an dieser Abbildung, dass man darauf das in Fahrtrichtung links angebrachte Reserverad sieht, außerdem die Leistungsangabe 9/28 PS.

In der Literatur findet sich für den Typ 476 nämlich oft die Angabe 9/30 PS, teilweise auch 9/32 PS und sogar 9/36 PS. Man ersieht daraus, dass die Höchstleistung bei unveränderter Grundkonstruktion durch Feinarbeit im Ansaug- und Abgastrakt laufend gesteigert wurde.

Vermutlich stellte die Motorisierung 9/28 PS die Ausgangsversion des Typs 476 dar, der bis Mitte der 1920er Jahre gebaut wurde. Wie andere deutsche Hersteller jener Zeit auch scheint sich Fafnir auf dieses eine Modell konzentriert zu haben – ich komme darauf zurück.

An dieser Stelle tritt nun Heiner Goedecke aus Leipzig auf den Plan. Er befindet sich in der glücklichen Lage, dass sein Großvater namens Kurt Lohsee einige bemerkenswerte Vorkriegswagen besaß bzw. nutzte.

Er war Generaldirektor eines bedeutenden sächsischen Stromversorgers und war so in einer Position, in der man sich Chauffeurswagen wie auch sportliche Automobile zum eigenen Vergnügen leisten konnte.

In die letzte Kategorie dürfte dieses Fahrzeug gehört haben:

Fafnir Sport-Phaeton; Originalfoto aus Familienbesitz, bereitgestellt von Heiner Goedecke (Leipzig)

Hier sehen wir Generaldirektor Lohsee am Steuer eines sportlichen Tourers, dessen markanten Kühlluftauslass in der Motorhaube wir sofort wiedererkennen – das muss ein Fafnir sein!

So unvollkommen die Aufnahme nach traditionellen Maßstäben sein mag, so großartig transportiert sie die Wirkung des offenen Wagens mit spitz zulaufendem Kühler und langer Haube vor niedriger Windschutzscheibe.

Das waren im Deutschland der frühen 1920er Jahre die Merkmale eines sportlichen Automobils. Mit fast 100 km/h Spitzengeschwindigkeit war so ein Fafnir auch recht leistungsfähig – speziell in dieser leichten Ausführung.

Daneben sah der Wagen umwerfend aus – ich wüsste kaum ein deutsches Serienfabrikat jener Zeit, dass dermaßen dynamisch daherkam. Das behaupte ich nicht nur einfach, sondern kann es dank Heiner Goedecke auch belegen.

Denn in seinem Besitz befindet sich eine weitere Aufnahme dieses Fafnir, welche den Wagen von der Seite zeigt:

Fafnir Sport-Phaeton; Originalfoto aus Familienbesitz, bereitgestellt von Heiner Goedecke (Leipzig)

Wer bislang der Ansicht war, dass Deutschlands Autoindustrie nach dem 1. Weltkrieg nur Schnee von gestern oder dröge Funktionsware zustandebrachte, wird durch diesen schon im Stand schnell wirkenden „Sport Phaeton“ eines Besseren belehrt.

Eine solchermaßen kühne Perspektive findet sich auf keiner Werksaufnahme und erst recht nicht in den an Freudlosigkeit schwer überbietbaren Hersteller-Prospekten jener Zeit.

Das Beste kommt aber – vielleicht – noch zum Schluss:

Die Länge des Wagens erweckt bei mir nämlich den Verdacht, dass wir es hier nicht mit dem gängigen Fafnir-Typ 476 zu tun haben, sondern mit dem etwas größeren und wesentlich stärkeren Typ 471, der trotz geringeren Hubraums 50 PS leistete.

Möglich war dies aufgrund der modernen Ventilanbringung im Zylinderkopf, welche eine drastisch verbesserte Effizienz ermöglichte. Mit diesem Aggregat waren in der Ausführung als Sport-Phaeton laut Literatur glatte 120 Km/h Spitze drin.

Über die Stückzahlen dieser besonders leistungsfähigen Ausführung des Fafnir Sport-Phaeton ist nichts bekannt – vielleicht wurden einige Dutzend davon gefertigt.

Jedenfalls kann man sich gut vorstellen, dass Generaldirektor Lohsee für den Privatgebrauch eine solche „fauchende“ Version des Drachen Fafnir bevorzugte. Dass er überhaupt einen erlesenen Geschmack in automobiler Hinsicht hatte, das darf ich bei nächster Gelegenheit am Beispiel eines Horch 350 zeigen…

Nachtrag: Fafnir-Spezialist Hubertus Hansmann tendiert beim oben gezeigten Wagen eher zum Typ 476, und zwar ein spätes Modell (ab 1924), das am im Heck angebrachten Tank zu erkennen ist.

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Notlösung mit Charme: Wanderer W10-IV Gläser-Cabrio

Die besten Lösungen eines Problems entstehen oftmals unter Druck – in der Wirtschaft ist es die Peitsche des Wettbewerbs oder eine abrupte Änderung des Marktumfelds, die unkonventionellen Ideen den Weg bereitet – dann zeigt sich, wer wirklich unternehmerisch denkt und wer sich bloß selbst verwaltet.

Für die gnadenlose Auslese, die dann stattfindet, hat der österreichische Ökonom Josef Schumpeter den Begriff der schöpferischen Zerstörung geprägt. Sie ist für die davon betroffenen Unternehmen zwar hart, aber für die Volkswirtschaft insgesamt von Segen, weil sie unter dem Strich mehr Nutzen im Sinne besserer Lösungen für die Abnehmer stiftet.

Darin liegt der Unterschied zu willkürlicher Zerstörung, wie sie hierzulande in den letzten Jahren mit der rein politisch motivierten Stillegung von über einem Dutzend Kernkraftwerken und zahlreichen Kohlekraftwerken erfolgt ist – das Ergebnis können wir aktuell besichtigen.

Dieser Seitenhieb auf die absichtlich herbeigeführte energiepolitische Mangelwirtschaft in Deutschland muss leider sein – denn sie betrifft uns alle. Wir werden sehen, welche Notlösungen man in der Kompetenzfestung Berlin nun zustandebekommt…

In der Geschichte des Automobils waren es dagegen immer wieder Notlösungen, welche durchaus erfreuliche Ergebnisse zeitigten. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist die Entstehung des fabelhaften XK-120 Modells von Jaguar, welches eigentlich nur als Schaustück zur Präsentation des neuen 6-Zylinder-Motors gedacht war – denn die Presswerkzeuge für die Limousine wurden nicht rechtzeitig fertig.

Nicht ganz damit mithalten kann das Fahrzeug, das ich heute präsentiere, doch war es ebenfalls eine Notlösung, die dem Hersteller das Überleben ermöglichte und auch noch nach über 90 Jahren ihren Charme entfaltet:

Wanderer W10-IV Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ja gut, mag jetzt einer sagen, das ist schon charmant – aber doch nicht wegen des Autos, von dem kaum etwas zu sehen ist.

Gewiss, doch ist bereits hier genug zu erkennen, um zu wissen: Das ist ein Wanderer W10-IV, den die sächsische Marke angesichts der Wirtschaftskrise 1930 aus dem Hut zauberte, als der eigentlich als Umsatzträger gedachte 6-Zylindertyp W11 10/50 PS nicht den erhofften Absatz fand.

Kurzerhand reaktivierte man den eigentlich schon in Rente geschickten Vierzylindermotor des Vorgängertyps W10-III, verbesserte die Bremsen und spendierte dem Wagen hydraulische Stoßdämpfer.

Vor allem aber gönnte man dem auf die schnelle entwickelten Wanderer W10-IV eine prachtvolle Kühlerpartie, wie sie es bei der bis dato zur Schlichtheit neigenden Marke noch nie gegeben hatte:

Wanderer W10-IV Cabriolet von Gläser; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Die üppig verchromte Frontpartie mit neuem Markenemblem und der vom Sechszylindermodell übernommenen sehr markanten Kühlerfigur wirkt hier bereits sehr repräsentativ.

Was dabei etwas in den Hintergrund rückt, ist der Aufbau als zweitüriges Cabriolet, der standardmäßig von Gläser (Dresden) geliefert wurde.

Offene Versionen gab es zwar auch von anderen Karosserielieferanten wie Hornig oder Reutter. Doch nur Gläser wagte es, mit einer leicht schräggestellten Frontscheibe, dem braven Vierzylinder einen Hauch von Sportlichkeit angedeihen zu lassen.

Was auf obigen Foto nur ansatzweise zu erkennen ist, dürfen wir auf der folgenden Aufnahme ganz genießen, welche mir Sammlerkollege Matthias Schmidt (passenderweise aus Dresden) zur Verfügung gestellt hat:

Wanderer W10-IV Cabriolet von Gläser; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt

Kaum zu glauben – aber es handelt sich um das gleiche Modell wie auf der vorherigen Aufnahme – doch hier wirkt es weniger wuchtig, vielmehr elegant und fast ein wenig wie auf dem Sprung.

Während die Kühler- und Haubenpartie ganz der Limousinenausführung entspricht, entfaltet sich ab der leicht schrägstehenden Frontscheibe das ganze Können der Gestalter und Handwerker von Gläser – über die nebenbei viel zu wenig bekannt ist.

Die Dachlinie wirkt niedriger als bei sonstigen Cabriolets jener Zeit, doch das kann auch eine optische Täuschung sein. Die an sich hohe Gürtellinie der Karosserie wird in der Seitenansicht durch die breite, hell abgesetzte Zierleiste kaschiert, die nach vorne hin schmaler wird und dann an die Haubenzierleiste anschließt.

Das einzige Manko ist das Fehlen von Radkappen – die waren im Budget wohl nicht mehr drin, nachdem man sich eine Orgie an Chrom an der Kühlerpartie geleistet hat.

Übrigens findet sich ein praktisch identisches Gläer-Cabriolet auf Seite 94 des einzigartigen Standardwerks „Wanderer-Automobile“ von Erdmann/Westermann (Verlag Delius-Klasing).

Bis 1932 baute Wanderer rund 4.500 Exemplare seiner „Notlösung“, wobei das 2-türige Seriencabriolet von Gläser sicher die gelungenste Ausführung war. Im letzten Jahr spendierte man dem Modell W10-IV dann sogar noch die offenbar nicht nur von mir vermissten Radkappen…

Eine Frage bleibt indessen offen – und hier setze ich auf die Kenntnisse meiner Leser, welche mich immer wieder erstaunen und inspirieren: Vor welcher Staumauer wurde dieses schöne Wanderer-Cabrio mit Zulassung Aachen einst aufgenommen?

Ich habe einige bekannte Namen „durchprobiert“, doch ohne Erfolg. Sollte es tief im Westen doch noch einige im Verborgenen auf ihren Einsatz wartende Reservekraftwerke aus alter Zeit geben? Dann her damit – sie wären jetzt gewiss eine willkommene Notlösung…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Einst eine Rakete in seiner Klasse: Apollo 4 PS Sport

Beim Stichwort Apollo denken Schöngeister zuerst an den altgriechischen Gott der Künste – speziell der Musik und der Dichtung.

Doch auch der Frühling fällt in Apollons Zuständigkeit, vielleicht weil dieser unsere Seelen mit Harmonie erfüllt, wenn wir uns darauf einlassen.

Wer sich eher in der Welt der Technik zuhause fühlt, mag dagegen an die Apollo-Mondmissionen denken – und die bis heute ehrfurchtgebietende Saturn V-Rakete, welche diese erst ermöglichte.

Heute bringe ich beide Welten zusammen – die der ästhetischen Harmonie und die der technologischen Könnerschaft – verkörpert durch einen Apollo-Sportwagen der frühen 1920er Jahre.

Die Ende der 1920er Jahre verblichene Marke aus dem thüringischen Apolda zählt zu denjenigen, zu welcher ich in meinem Blog erst recht spät Gehaltvolles beitragen konnte.

Eine ganze Weile konnte ich nur mit zeitgenössischen Fotos der recht bekannten luftgekühlten „Piccolo“-Modelle aufwarten.

Piccolo 5 PS-Modell um 1905; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Obiges Foto aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks zeigt ein solches luftgekühltes Modell – zu erkennen unter anderem an dem runden Lüftergehäuse an der Front.

Dabei handelt es sich um ein Zweizylindermodell mit 5 PS Leistung, welches in dieser Form von 1904 bis 1906 gebaut wurde und in vielen Exemplaren dokumentiert ist.

Doch nicht zuletzt dank tatkräftiger Unterstützung einiger Leser ließ sich eine erste kleine Bildergalerie kreieren, welche auch den weitgehend vergessenen späteren Typen mit wassergekühlten Motoren Rechnung trägt.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere an dieses charakterstarke Exemplar, das ich hier vorgestellt habe:

Apollo 4/14 PS oder 4/16 PS; Originalabzug aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Seinerzeit hatte ich den Wagen als 4 PS-Typ identifiziert, welcher unter der Marke aus Apolda kurz nach dem 1. Weltkrieg erschien.

Zu dessen Besonderheiten zählte die in der Kleinwagenklasse ungewöhnliche „Kopfsteuerung“ des Motors – also strömungsgünstig im Zylinderkopf über dem Verbrennungsraum angebrachte Ventile.

Damit war eine höhere Effizienz und insbesondere eine größere Drehfreude des Aggregats verbunden. Hinzu kam eine ingeniöse Vorderachskonstruktion mit Querblattfeder und neuartigen Stoßdämpfern.

Auch wenn der solchermaßen ausgestattete e Apollo auf obiger Abbildung bereits recht flott erscheint, gab es daneben noch konsequenter auf Sportlichkeit getrimmte Versionen dieses Wagens in der Klasse mit 4 Steuer PS (also ca. 1 Liter Hubraum).

Ein Foto davon hat wiederum Matthias Schmidt aus Dresden aufgetrieben und dieses Gerät bietet nun wirklich die raketenmäßig starke Ausstrahlung und zugleich ästhetische Vollkommenheit, die Technikjünger wie Schönheitsapostel mit Apollo verbinden:

Apollo 4 PS-Sportmodell ab 1921; Originalabzug aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Die charakteristische Gestaltung der Kühlermaske verrät, dass wir hier einen Apollo der Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg vor uns haben.

Im Unterschied zum eingangs gezeigten Wagen ist der Kühler hier blank, also nicht in Wagenfarbe lackiert – was ein dem Auge willkommenes Glanzlicht an einem sonst außerordentlich schlichten Aufbau setzt.

Geradezu minimalistisch ist die Ausführung der Kotflügel – die dünnen Bleche sparen Gewicht und bieten zugleich das Mindestmaß an Schutz vor Staub und Steinschlag.

Sie sind zudem recht hoch angebracht und erlauben einen Blick auf den Unterbau, was bei einem reinen Straßenwagen als unschicklich gegolten hätte:

Gut zu erkennen ist hier auch die geöffnete Klappe am Ende des Auspuffkrümmers – ein weiterer Hinweis auf eine Sportversion.

Für den zivilen Einsatz ließ sich diese vom Fahrerraum aus schließen, sodass die Auspuffgase weiter nach hinten zum Schalldämpfer geleitet wurden.

Die Reifen im schmalen Format sind vermutlich auf Serienfelgen aufgezogen, die für Sportzwecke eine strömungsgünstigere Blechverkleidung erhielten.

Das Fahrerabteil bietet gerade genügend Platz für zwei Insassen. Der tiefe seitliche Ausschnitt erlaubte ihnen, sich in Kurven weit aus dem Wagen zu lehnen, was wie bei Motorrad-Gespannen höhere Geschwindigkeiten erlaubte:

Natürlich zieht einen hier der Blick der jungen Dame im Fahreroutfit in den Bann, die vielleicht etwas zu filigran geraten war, um diesen Wagen zu steuern.

Sie macht aber nicht nur „bella figura“ in diesem schönen Fahrzeug, man würde ihr auch die Entschlossenheit zutrauen, ein solches sportliches Automobil wirklich scharf zu fahren.

Doch will die Klarheit und Eleganz des Wagen ebenfalls gewürdigt werden – der vollkommene Schwung des Heckkotflügels etwa und das spitz auslaufende und leicht abfallende „Bootsheck“.

Man sieht hier sehr schön: Schlichtheit der Formgebung bedeutet gerade nicht Verzicht auf eine dem Auge schmeichelnde – da der Natur entlehnte – organische Linienführung.

Und vergessen wir nicht: Diese Bleche fielen nicht aus einer seelenlose Presse, sondern sind von Könnerhand zu der Perfektion gebogen, gehämmert und gelötet worden, die wir nach gut 100 Jahren immer noch bewundern dürfen.

Der Wagen selbst dürfte längst den Weg alles Vergänglichen gegangen sein, doch ist genau diese Ausführung in der Literatur recht gut dokumentiert. So findet sich ein weitgehend übereinstimmendes Fahrzeug in Form einer Prospektabbildung beispielsweise in „Sportwagen in Deutschland“ von Altmeister Heinrich von Fersen (Ausgabe 1968, S. 37).

Dort wird der Apollo als Typ 4/20 PS angesprochen, in anderen Quellen ist von 4/14 bzw. 4/16 PS die Rede. Der Motor war sicher stets der Gleiche, bloß die Leistungsausbeute unterschied sich je nach Baujahr und mag beim Sporttyp besonders hoch gewesen sein.

Je nach Ausführung und Getriebabstimmung waren damit 80 bis 90, vielleicht auch an die 100 km/h Spitze drin – der offene Sportzweisitzer mit gut 500 kg Gewicht ließ sich also ziemlich flott bewegen, vorausgesetzt man hatte den Schneid dazu.

Vor rund 100 Jahren war dieser Apollo bereits eine ziemliche Rakete in seiner Klasse, auch wenn der Gedanke an Weltraumflüge noch einigermaßen exotisch war. Aber auch in ästhetischer Hinsicht verdiente dieser Apollo seinen Namen wirklich – und so kommt hoffentlich der Ästhet wie der Technikgourmet auf seine Kosten…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Auf der Suche nach sich selbst: BMW 3/20 PS Tourer

„Erkenne Dich selbst“, so stand einst auf dem antiken Apollon-Tempel im griechischen Delphi. So zeitlos die Forderung auch ist, so weit weg geht es heute von der Welt der alten Griechen. Nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch in ästhetischer.

Denn es fällt zumindest mir äußerst schwer, den Gegenstand dieses Blog-Eintrags in irgendeiner Weise mit klassischer Schönheit in Verbindung zu bringen. Das liegt daran, dass einst jemand noch auf der Suche nach sich selbst war.

Dieser „jemand“ war eine frischgebackene Autofirma namens BMW. Nach der Übernahme der Fahrzeugfabrik Eisenach im Jahr 1929 baute man noch eine Weile den ausgereiften und bewährten Dixi 3/15 PS weiter, einen Lizenznachbau des Austin Seven.

Der war gegen Ende der 1920er Jahre nicht mehr taufrisch, hatte aber auf jeden Fall eines: Charakter und ein eigenes Gesicht – wie dieses überlebende Exemplar belegt:

Dixi 3/15 PS von 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nach der Übernahme der Dixi-Produktion bastelte BMW eine Weile am Originalentwurf, ohne diesen jedoch wesentlich hinter sich zu lassen, um es vorsichtig auszudrücken.

Einige Einfälle der BMW-Mannen scheinen auch veritable Fehlkonstruktionen gewesen zu sein, so liest man es in der Literatur. Es sollte bis 1932 dauern, bis BMW etwas zustandebrachte, was zumindest wie etwas Neues aussah.

Das gilt jedenfalls, wenn man sich die Limousinenausführung von der Seite betrachtet, mit welcher der neukonstruierte BMW 3/20 PS seinerzeit erschien:

BMW 3/20 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Besondere Mühe hatte man sich mit dem Motor gemacht, der nun 20 PS aus 800ccm herausquetschte, was für Spitze 80 km/h ausreichte. Damit konkurrierte man beispielsweise mit dem ebenfalls 1932 erschienenen Fiat 508 (20 PS aus 950ccm).

Im Unterschied zu diesem hatte man jedoch eines vergessen und das mag dazu beigetragen haben, weshalb Fiat von seinem Einstiegsmodell über 40.000 Stück binnen zwei Jahren absetzen konnte, BMW dagegen nur gut 7.000 Exemplare.

Der BMW 3/20 PS besaß nämlich praktisch kein „Gesicht“, sondern nur eine leer wirkende Kühlermaske:

BMW 3/20 PS Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Als ich dieses Foto fand, dachte ich zunächst, dass der eigentliche Kühlergrill hinter einem nachträglich montierten Steinschlagschutz verborgen war oder Schaden genommen hatte, weshalb man mit einem banalen Metallgitter improvisiert hatte.

Erst später ging mir auf, dass BMW hier noch auf der Suche nach sich selbst als Automarke war, weshalb man sich noch für keinen markentypischen Kühler entscheiden konnte.

Dabei hatte man in anderen Details durchaus ein glückliches Händchen, wenn es darum ging, den Eindruck eines erwachsenen Autos zu erwecken. Hier haben wir beispielsweise ein Cabriolet auf Basis des BMW 3/20 PS, das durchaus repräsentativ wirkt:

BMW 3/20 PS Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei dieser Aufnahme aus der frühen Nachkriegszeit hatte allerdings auch jemand ein gutes Auge für die richtige Perspektive und den passenden Bildausschnitt.

Es gab übrigens noch eine weitere Karosserieversion neben Limousine, Cabriolimousine und Cabriolet – einen Tourenwagen!

Man glaubt es kaum, dass der automobile Neuling BMW diese Anfang der 1930er Jahre kaum noch nachgefragte Ausführung anbieten zu müssen meinte.

Wer auch immer für die Gestaltung der Tourenversion verantwortlich war, kann von der Sinnhaftigkeit seines Tuns jedenfalls nicht sehr überzeugt gewesen sein – ich wüsste keinen Tourer, der so unharmonisch wirkt wie dieser:

BMW 3/20 PS Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zum einen haben wir hier abermals die leer wirkende Kühlerfläche, die förmlich darauf wartet, irgendwie strukturiert zu werden oder zumindest einen schön geschwungenen Schriftzug zu erhalten.

Viel ungeschickter ließ sich die Frontpartie eines Vorkriegswagens kaum gestalten. Man vergleiche den BMW einmal mit einem deutschen Konkurrenten – dem ebenfalls von 1932-34 gebauten DKW F2.

Der besaß nicht nur ein modernes Frontantriebskonzept, wenngleich in Verbindung mit einem Zweizylinder-Zweitakter, sondern hatte auch ein „Gesicht“ mit hohem Wiedererkennungswert und sorgfältiger Durchgestaltung:

DKW F2 von 1934; Originalfoto aus Sammlung Jorczyk

Wer böswillig ist, könnte glatt vermuten, dass DKW der später für BMW so typischen Doppelniere am Kühler hier schon näher war als die Bajuwaren, die sich in Eisenach mit der für sie neuen Welt des Automobilbaus erst anfreunden mussten.

Vor allem aber fiel der Tourenwagenaufbau des BMW 3/20 PS vollkommen einfallslos und geradezu plump aus. Seitenansichten dieser speziellen Ausführung in der Literatur erinnern sogar an rein funktionale Linien wie bei militärischen Kübelwagen.

Doch schon aus dieser Perspektive missfällt das Fehlen jedweder die Längsachse betonender Gestaltungselemente:

Die riesig wirkende, beinahe quadratische Tür verhindert zuverlässig, dass das Auge entlang der Wagenflanke entlanggeführt wird. Außerdem hätte der Oberkante der Karosserie irgendeine Art von Profil gutgetan.

So wirkt das ganze Fahrzeug merkwürdig unfertig und uninspiriert – ganz offensichtlich war BMW hier noch auf der Suche nach sich selbst. Dass man am Ende seine Identität auch in gestalterischer Hinsicht fand, ist natürlich bekannt.

Ein hinreißendes Beispiel dafür will ich gelegentlich vorstellen…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.