1922: Fahrer Fritz posiert in „seinem“ Mercedes 28/95 PS

Heute geht es mehr als 90 Jahre zurück in die glorreiche Vergangenheit der Marke Mercedes – noch heute zehrt man „beim Daimler“ in Stuttgart von den einstigen Lorbeeren, ohne diesen vergleichbare neue hinzufügen zu können.

Man muss sich das vorstellen: Im Mai 1921 – als es in Europa kaum befestigte Landstraßen gab – fuhr Mercedes-Werksfahrer Max Sailer die ihm anvertraute  Rennsportversion des Typs 28/95 PS rund 2.000 km hinunter nach Sizilien.

Dort angelangt absolvierte er das wohl härteste Straßenrennen aller Zeiten – die Targa Florio. Zu jener Zeit waren vier Runden auf dem 58 km langen Rundkurs durch die grandiose Landschaft der „Madonie“ zu fahren.

Der zweite Platz im Gesamtklassement und die schnellste Zeit für seriennahe Wagen sorgten für enorme Aufmerksamkeit in der Heimat. Wir dürfen davon ausgehen, dass Max Sailer voller Stolz den Lorbeerkranz quer durch ganz Italien nach Hause fuhr:

Mercedes_28-95_PS_Targa-Florio_1921

Mercedes 28/95 PS von 1921; historische Sammelkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dieses Ergebnis sollten 1922 weitere Achtungserfolge des Typs 28/95 PS bei der Targa Florio folgen, darunter der Sieg in der Klasse über 4,5 Liter Hubraum.

Mercedes nutzte die Rennaktivitäten, um die zivile Version des auf das Jahr 1914 zurückgehenden Typs 28/95 PS selbstbewusst am Markt zu platzieren. In der Tat boten die Stuttgarter mit dem 7,3 Liter großen Sechszylinder einen besonderen Leckerbissen.

Die im Zylinderkopf strömungsgünstig schräg hängenden Ventile wurden direkt über eine obenliegende Nockenwelle betätigt, welche wiederum von einer Königswelle angetrieben wurde – einen präziseren Ventiltrieb gab es damals nicht.

Das in der Praxis fast 100 PS leistende Aggregat stellte die Krönung im Angebot von Mercedes dar – das Prestige dieser rennsporterprobten Konstruktion war kolossal. Auch die Dimensionen der Serienausführung fielen entsprechend spektakulär aus:

Mercedes_28-95_PS_6-1922_Galerie

Mercedes 28/95 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wir müssen bei dieser Aufnahme die Identität des mächtigen Spitzkühlermodells mit den seitlichen Mercedes-Sternen nicht umständlich herleiten.

Auf dem Originalabzug ist nämlich unten von alter Hand folgendes vermerkt: „Fritz auf 28/95 PS Mercedes 6/1922“.

Demnach ist das Foto nur einen Monat nach dem zweiten erfolgreichen Einsatz der Sportausführung des Typs in Sizilien entstanden.

Fahrer Fritz sagte sich damals vielleicht: „Das muss die Familie wissen – auch ich steuere ja solch einen Mercedes 95 PS – das ist mir glatt einen Wochenlohn für das Foto wert.“

Denn natürlich war der junge Fritz nicht der Eigner des Mercedes mit den drei zwischen den Luftschlitzen austretenden armdicken Auspuffrohren:

Mercedes_28-95_PS_6-1922_Frontpartie

Doch mit seiner Anstellung als Chauffeur eines derartig prestigeträchtigen Wagens hatte er es gut getroffen. Die allermeisten seiner männlichen Zeitgenossen waren in der Landwirtschaft, in handwerklichen Berufen oder als Industriearbeiter tätig.

Das Fehlen von Vorderradbremsen – die gab es beim Typ 28/95 PS erst später – wird Fritz verkraftet haben. Im Zweifelsfall waren die Motorbremse des Hubraumgiganten sowie beherzter Einsatz von Hand- und Fußbremse gleichzeitig gefragt.

Dass die Aufnahme tatsächlich erst nach dem 1. Weltkrieg entstand, darauf verweisen die elektrischen Scheinwerfer. Mercedes baute nämlich noch vor Kriegsausbruch 1914 einige Wagen des Typs 28/95 PS.

Das aber ist eine andere Geschichte, die wir irgendwann anhand eines weiteren Fotos erzählen wollen, welches glatt das Zeug zum Fund des Monats hat…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Studebaker „Big Six“ aus Berlin auf Urlaub im Tessin

Zu den abwechslungsreichen Seiten der Beschäftigung mit Vorkriegswagen im deutschen Sprachraum gehört die einstige Präsenz von US-Fahrzeugen – zumindest auf historischen Fotos, die sogenannten „Oldtimermagazine“ hierzulande scheinen wenig davon zu wissen.

Dabei findet man auf alten Aufnahmen aus deutschen Fotoalben neben den üblichen Verdächtigen wie Buick, Cadillac, Chevrolet, Chrysler, Dodge, Ford und Oldsmobile auch Exoten wie Auburn, Chandler, DeSoto, Graham, Maxwell oder Oakland.

Von diesen Importwagen, die teilweise sogar auf deutschem Boden montiert wurden, haben nur sehr wenige überlebt. Die zeitweilig schwierige Ersatzteilbeschaffung hat ihnen nach dem Krieg den Garaus gemacht.

An sich wäre das ein Grund mehr, sich damit zu beschäftigen, als den x-ten Artikel zu Porsche 911, E-Type, Pagode oder Gebrauchtwagen der 1990er Jahre zu schreiben. Aber dafür müsste man sich auch ein wenig anstrengen – und das scheint in unserem müde und bequem gewordenen Land außer Mode geraten zu sein.

Auf diesem Blog für Vorkriegsautos sehen wir die Sache dagegen sportlich – und ausgestattet mit einer umfangreichen Bibliothek lassen sich immer „neue“ Funde machen und zur Freude einer mittlerweile beachtlichen Leserschaft identifizieren.

Wenn dann auch noch die Aufnahme selbst ein Leckerbissen ist, dann ist das Glück vollkommen wie hier:

Studebaker_1925_im_Tessin_Galerie

Studebaker „Big Six“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

„Im Tessin“, so steht von alter Hand auf der Rückseite des kontrastreichen und brilliant belichteten Abzugs geschrieben.

Das Kennzeichen mit römisch „I“ und dem Buchstaben „A“ verrät uns, dass einst ein Berlin zugelassener Wagen in der italienischen Schweiz auf Urlaubstour war.

Was genau das für ein Tourenwagen war, der in den 1920er Jahren seine Insassen in den sonnigen Süden transportierte, erschließt sich nicht auf den ersten Blick, sondern will erarbeitet werden.

Klar ist nur, dass wir ein US-Fabrikat vor uns haben – Kühlerform und verschlungene Doppelstoßstange deuten darauf hin. Nun kommt die US-Vorkriegsauto-„bibel“ (Standard Catalog of American Cars, von Kimes/Clark) ins Spiel.

Das über 1.600 Seiten starke Werk ist eine unübertroffene Aufarbeitung der wichtigsten der über 5.000 (fünftausend) Automarken, die es in den Vereinigten Staaten vor dem Zweiten Weltkrieg gab.

Dort werden nicht bloß Hersteller aufgezählt und ein paar lapidare Fakten angeführt. Soweit verfügbar werden für jedes Baujahr und jeden Typ präzise Angaben zur Erscheinungsbild, Technik, Ausstatttung und Stückzahlen gemacht.

Wie informativ dieses Meisterwerk ist, können wir anhand des Wagens auf unserem Foto nachvollziehen:

Studebaker_1925_im_Tessin_Frontpartie

Eine Internetrecherche zu diesem Fahrzeug wäre zwecklos  – wo soll man auch beginnen, selbst wenn man die Marke kennt?

Immerhin lässt sich anhand des Markenemblems erahnen, dass man es mit einem Wagen des 1902 gegründeten Autoherstellers Studebaker zu tun hat. Doch die präzise Ansprache von Typ und Baujahr ist nur anhand des erwähnten Buchs möglich.

Dort werden als formale Kennzeichen des Studebaker „Big Six“ Model EP von 1925/26 folgende Details angeführt:

  • Kühlermaske mit abgestufter Oberseite
  • Motorhaube mit seitlicher Zierleiste und aufgesetztem Luftschlitzblech
  • Leiste am hinteren Abschluss der Haube
  • Positionsleuchten im Windlauf
  • geflügelter Deckel mit Thermometer auf dem Kühlwasserstutzen
  • einteilige Frontscheibe mit Scheibenwischern
  • serienmäßige Stoßstangen

Die Scheibenräder waren als Extra erhältlich wie übrigens auch hydraulische Vierradbremsen. Ledersitze besaßen auch die offenen Basisvarianten.

Zur Motorisierung des Studebaker „Big Six“ finden wir folgende Angaben:

  • 5,8 Liter Hubraum
  • 75 PS Höchstleistung bei 2.400 U/min
  • 4 Kurbelwellenlager

Mitte der 1920er Jahre war ein so großzügig ausgestatteter und dermaßen gut motorisierter Großserienwagen am deutschen Markt praktisch konkurrenzlos.

Auch von den Stückzahlen konnte man hierzulande nur träumen: Von den Sechszylindermodellen aller Varianten fertigte Studebaker im Modelljahr 1925/26 fast 240.000 Stück.

Mit einem leistungsfähigen US-Wagen wie diesem ließen sich auch Fernreisen bedenkenlos absolvieren, wovon unser Aufnahme zeugt. Jedenfalls scheinen die beiden weiblichen Insassen glücklich mit ihrem Urlaubstransporter gewesen zu sein:

Studebaker_1925_im_Tessin_Insassen

Wer die Gesichter der beiden Damen vergleicht, könnte zur Einschätzung gelangen, dass es sich um Mutter und Tochter handelt. Der Herr Papa hat dann möglicherweise das Foto geschossen.

Wer aber ist die dritte Person auf dem Bild, die sich lässig auf den rechten Vorderkotflügel und den Scheinwerfer stützt?

Der großgewachsene, blendend aussehende Mann, der uns hier selbstbewusst fixiert, hätte vermutlich als Filmschauspieler und Frauenheld beste Chancen gehabt:

Studebaker_1925_im_Tessin_Insasse

Vom Typus her würde man den blonden Recken irgendwo im hohen Norden Deutschlands oder in Skandinavien verorten.

Vielleicht war er ein Freund der Berliner Familie, der hier im Studebaker mit von der Partie war – leider wissen nichts genaues über ihn.

Mit erfundenem Namen und getürkter Unterschrift könnte man aus diesem Ausschnitt glatt die Autogrammkarte eines Schauspielers der 1920er Jahre machen.

Auch das macht Veteranenwagen auf alten Fotos so einzigartig – man kann sie zusammen mit den Menschen studieren, die sie einst besaßen, bewunderten oder zeitweilig benutzten.

Und schon bewegen einen mehr als die blanken Daten und Fakten des längst den Weg alles Irdischen gegangenen Vorkriegsautos, das dort zu sehen ist…

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Tradition und Moderne in Harmonie: Wanderer W 21/22

Die Sehnsucht nach dem Vorkriegsautomobil speist sich aus vielen Quellen. Dabei ist es keineswegs so – wie man bisweilen hört – , dass die Autos einst unverwechselbar waren. Das trifft gerade auf die frühen Modelle bis Ende der 1920er Jahre oft nicht zu.

Der letzte Eintrag in diesem Blog für Vorkriegsoldtimer war ein gutes Beispiel dafür – denn nur auf dem Umweg über eine andere Aufnahme ließ sich ein Auto der frühen 1920er Jahre als Benz 10/30 PS Tourenwagen ansprechen.

Nein, der Verfasser sieht den Reiz der Vorkriegsautos nicht zuletzt darin, dass ihre Formensprache jahrhundertealten Traditionen verhaftet war. Noch in den 1930er Jahren waren PKW daher optisch keine Störfaktoren in unseren Altstädten.

Dieser Ausschnitt aus einer historischen Postkarte, die den Marktplatz in Wernigerode zeigt, mag dies illustrieren:

Dkw_Adler_Opel_6_Ford_V8_Wernigerode_Galerie

Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Vor dem 500-jährigen Rathaus der sehenswerten Kleinstadt in Sachsen-Anhalt stehen vier Automobile, wie sie typischer für die 1930er Jahre kaum sein könnten  – ein DKW, ein Adler, ein Opel und ein Ford – aufgereiht nach Größe und Leistung.

Um diese Wagen soll es aber hier gar nicht gehen, sie sollen nur die Harmonie von traditioneller Formgebung und Technik illustrieren, die vor dem radikalen Einbruch moderner Gestaltungsprinzipien noch möglich war.

Der eigentliche Gegenstand der heutigen Betrachtung verbirgt sich auf einer Aufnahme, die vielleicht noch eindrucksvoller zeigt, wie sich das Automobil einst in eine über Jahrhunderte gewachsene Umwelt einfügte.

Bemerkenswert ist schon einmal, dass die Anwesenheit von Autos auf folgender Aufnahme zunächst gar nicht auffällt – so übermächtig ist der Eindruck des traditionellen Bauernhofs bei Hohwacht an der Ostsee:

Wanderer_W21-22_DKW_Hohewacht_Galerie

Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Auch auf die Gefahr hin, sich bei Angehörigen der Architektenzunft unbeliebt zu machen, vertritt der Verfasser die Ansicht, dass heute kaum jemand imstande ist, ein derartig großzügiges Gebäude so gefällig und dauerhaft zu gestalten.

Wer auch immer vor rund 80 Jahren dieses Foto machte, hatte Sinn für die malerische Szene und nahm die vor dem herrlichen Bau abgestellten Autos wohl kaum war.

Das ländliche Idyll mit Ententeich im Vordergrund vermochten die paar Wagen jedenfalls nicht zu stören, sonst wäre das Foto kaum entstanden.

Respektieren wir die Magie des hier festgehaltenen Augenblicks und nähern uns behutsam dem Gegenstand des heutigen Blog-Eintrags:

Wanderer_W21-22_DKW_Hohewacht_Ausschnitt1

Links und in der Mitte sehen wir wahrscheinlich Wagen der sächsischen Marke DKW, deren frontgetriebene Zweitakter zu den erfolgreichsten Typen im Deutschland der 1930er Jahre gehörten.

Uns interessiert aber das danebenstehende Vierfenster-Cabriolet mit Zweifarblackierung und zwei Reihen Luftschlitzen in der Motorhaube. 

Bei Lesern dieses Blogs und Kennern der deutschen Vorkriegsautohistorie wird gleich der Groschen fallen – dass muss ein Wanderer des 6-Zylindertyps W21 oder W22 sein:

Wanderer_W21_und W22_Reklame_Galerie

Wanderer W21/22, Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Wer auf der vorangegangenen Ausschnittsvergößerung genau hinsieht, wird sogar die Silhouette der typischen Kühlerfigur des Wanderer erkennen.

Die beiden 1933 vorgestellten Sechszylindertypen mit 35 bzw. 40 PS sollten vor allem in formaler Hinsicht Modernität ausstrahlen. Dazu erhielten sie eine ursprünglich für einen Horch–Achtzylinder vorgesehene dynamisch wirkende Kühlergestaltung.

Wir finden die mit breiten, v-förmig nach oben strebenden Lamellen ausgestattete Kühlerpartie beispielsweise auf dieser Aufnahme aus dem Hamburger Raum:

Wanderer_W21_oder_22_Galerie

Wanderer W21 oder W22; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Das Fehlen der vier Auto-Union-Ringe auf dem Kühler verweist übrigens auf einen Wanderer W21 oder W22 des Jahres 1933. 

Beide Typen verfügten über hydraulische Vierradbremsen, besaßen aber ein vibrationsanfälliges Fahrwerk – wohl die einzige Schwäche der Konstruktion.

Was die Bauweise angeht, verfügte die Karosserie des Wanderer W21 /22 noch über einen traditionellen Rahmen, der mit Blech beplankt wurde. Bei der Stückzahl von knapp 10.000 Exemplaren lohnte sich der Aufwand für eine eigenständige Ganzstahlkarosserie nicht.

So übernahm das Horch-Werk in Zwickau Gestaltung und Bau der Limousinen – wie übrigens für die anderen Marken im Auto Union-Verbund auch.

Das 4-Fenster-Cabriolet auf unserem Foto wurde aber von Gläser in Dresden gefertigt:

Wanderer_W21-22_DKW_Hohewacht_Ausschnitt2 Dieser klassische Aufbau war ab Werk nur für den Wanderer W22 verfügbar.

Ob „unser“ Wagen über die als Zubehör lieferbaren Drahtspeichenräder verfügte, lässt sich auf dem Ausschnitt nicht eindeutig sagen. Das Schema der Zweifarblackierung der Karosserie entspricht jedenfalls den Angaben in der Literatur.

Dort findet sich auch die Stückzahl des Cabriolets – gut 2.000 Exemplare wurden von 1933 bis 1935 gebaut (vgl. Erdmann/Westermann: Wanderer Automobile, Verlag Delius-Klasing, 2011).

Separate Fahrgestelle wurden vom Wanderer W21/22 übrigens nicht geliefert, sodass wir andere Karosseriebauer ausschließen können.

Nehmen wir Abschied von der ländlichen Szene und dem schönen Wanderer W22 Cabrio, das einst an einem sonnigen Tag im Schatten eines der typischen mächtigen Bauernhäuser in Norddeutschland abgestellt wurde.

Machen wir stattdessen ein Sprung in die Moderne – an eine DEROP-Tankstelle:

Wanderer_W21-22_Tankstelle_Sachsen_Galerie

Wanderer W22; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dem Originalabzug kann man auf der Karte mit dem DEROP-Tankstellennetz links oben die Ortsnamen Heidenau, Pirna und Schandau sowie Bautzen und Zittau lesen – dies erlaubt die Lokalisierung in Sachsen.

DEROP stand übrigens für Deutsche Vertriebsgesellschaft für russische Oel-Produkte, die Benzin aus der Sowjetunion an rund 2.000 Tankstellen im Deutschen Reich verkaufte. 1935 wurde die DEROP von der ARAL-Mutter BV übernommen.

Ob die alten Markenschilder dann gleich entfernt wurden, ist dem Verfasser nicht bekannt. Falls ja, könnten wir auch den Entstehungszeitpunkt des Fotos auf spätestens 1935 eingrenzen.

Interessanter ist aber der Wanderer in der Ausführung als Sechsfenster-Limousine, der hier Halt gemacht hat. Auch dieser Aufbau war nur beim W22 8/40 PS verfügbar, der schwächere W 21 wurde mit vier Fenstern oder als Cabrio-Limousine angeboten.

Gut erkennbar ist hier wiederum die dynamische Frontpartie mit den markanten Kühlerlamellen, die es so nur 1933 gab und natürlich die Haube mit den in zwei  Reihen angeordneten Luftschlitzen.

Mehr als 2.500 dieser Wagen wurden im Horch-Werk sowie aus Kapazitätsgründen auch von Hornig in Meerane und Reutter in Stuttgart gefertigt. 5.250 Reichsmark waren dafür hinzulegen, das Gläser-Cabrio war mit 6.250 Mark noch teurer.

So schön diese Wanderer Sechszylinder-Typen der frühen 1930er Jahre auch waren, blieb ihnen nur eine kurze Blüte vergönnt. Denn ab 1934 eroberte der weit billigere 2 Liter-Sechszylinder von Opel im Sturm den Markt.

Damit schließt sich der Kreis, denn genau solch ein Modell ist auf der eingangs gezeigten Postkarte aus Wernigerode im Vordergrund zu sehen:

Opel_2_Liter_Wernigerode

Im Vergleich zum eleganten Wanderer wirkt der Opel – auf den der Bub am Brunnen einen neugierigen Blick zu werfen scheint -weit sachlicher und behäbiger. Dabei konnte der Rüsselsheimer in punkto Fahrleistungen durchaus mit dem Sachsen halten.

In der Karosserieform kündigt sich das Ende der Epoche mit sinnlich geschwungenen Schutzblechen an, auch auf das edle Mehrfarbschema des Wanderer musste der Opel-Käufer verzichten.

Von hier bis zur Moderne im Karosseriebau war es nicht mehr weit. Nur fünf Jahre später entstanden in den USA die ersten Pontonkarosserien. Damit begann eine neue Zeit, die ihre eigenen Glanzseiten bot, doch die Vorkriegswelt mit ihrer ungebrochenen formalen Tradition war ein für allemal passé…

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Der Charme der frühen 1920er Jahre: Benz 10/30 PS

Vor rund 100 Jahren – im November 1918 – unterzeichneten die Vertreter des Deutschen Reichs den Waffenstillstand mit Frankreich und Großbritannien, der die Kämpfe des 1. Weltkriegs beendete.

Die Bedingungen sahen vor, dass die deutschen Truppen alle Gebiete in Frankreich und Belgien räumen, dass Elsass-Lothringen abgetreten wird und dass Frankreich die linksrheinischen Gebiete Deutschlands besetzt.

Nach einem fairen Vertrag klingt das nicht gerade, aber es geht noch weiter:

Neben Waffen, Flugzeugen und Kriegsschiffen waren auch Lokomotiven und Eisenbahnwagen zu übergeben. Die völkerrechtswidrige Seeblockade neutraler Lebensmitteltransporte an das Deutsche Reich wurde aufrechterhalten.

Erst nach Auslieferung auch der deutschen Handelsflotte durfte Monate später – im März 1919 – das erste Schiff mit Lebensmitteln einen deutschen Hafen anlaufen. Wieviele Opfer diese Hungerblockade gekostet hat, ist nicht mehr zu beziffern.

Warum dieser Einstieg? Man sieht vor dem Hintergrund die Automobilbilder der frühen 1920er Jahren mit anderen Augen. Sie erzählen von heiteren Momenten, die nur einer hauchdünnen, wohlhabenden Schicht vergönnt waren:

Benz_10-30_PS_ab_1921_Galerie

Benz 10/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die schöne Aufnahme lässt nichts ahnen vom Elend der Massen, die nach dem Ende des 1. Weltkriegs unter den noch drastischeren Auflagen des „Friedensvertrags“ von Versailles zu leiden hatten.

Bei allem Charme, den die „Goldenen Zwanziger“ in Dokumenten wie diesen ausstrahlen, sollte man nicht vergessen, wie exklusiv der Besitz eines Automobils war – erst recht, wenn es sich um einen Benz-Tourenwagen handelte.

Was macht uns aber so sicher, dass wir einen Benz vor uns haben? Tourenwagen mit solchen Spitzkühlern wurden schließlich von zahlreichen Marken angeboten.

Zugegeben: Der Abzug ist technisch von mäßiger Qualität und zeigt keine lesbaren Markenschriftzüge auf Kühler oder Nabenkappe:

Benz_10-30_PS_ab_1921_FrontpartieFesthalten lassen sich an dem Wagen mit Hamburger Zulassung aber vier Dinge:

  • Benz-typischer Spitzkühler mit mittigem Markenemblem,
  • flache Frontscheibe, obere Hälfte nach hinten neigbar,
  • 16 Luftschlitze in der Motorhaube,
  • oben abgerundete Schwellerpartie mit seitlichen Schubfächern,

Präzise diese Kombination findet man auf der folgenden, etwas schärferen Aufnahme:

Benz_10-30_PS_um_1924_Galerie

Benz 10/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Einziger Unterschied sind die Drahtspeichenräder, die bei den meisten deutschen Wagen jener Zeit als Extra zu bekommen waren.

Dieser Abzug liefert den entscheidenden Hinweis auf Benz als Hersteller.

Denn auch wenn der Abzug fleckig und die hier nicht abgebildete Heckpartie stark beschädigt ist, ist in der Ausschnittsvergrößerung das Kühleremblem teilweise lesbar:

Benz_10-30_PS_um_1924_Frontpartie

Die Buchstaben „NZ“ sind auf dem runden Emblem erkennbar, damit kommt nur Benz als Hersteller in Frage. Auch auf der Nabenkappe zeichnet sich im Original der Markenschriftzug ab.

Tatsächlich genügen diese Details, um mit hoher Wahrscheinlichkeit den Wagen als Benz des Vierzylindertyps 10/30 PS anzusprechen, der ab 1921 gebaut wurde.

Die äußerlich sehr ähnlichen Sechszylindertypene 11/40 PS und 16/50 PS wiesen nicht nur längere Radstände auf, sie besaßen auch wesentlich mehr Haubenschlitze, was dem größeren Kühlungsbedarf geschuldet war.

Der Typ 10/30 PS mit seinem 2,6 Liter-Aggregat war eines der Standbeine der Firma Benz von Anfang der 1920er Jahre bis zum Zusammenschluss mit Daimler 1925.

Speziell die mit Vierradbremsen ausgestatteten späten Typen mit auf 35 PS gesteigerter Leistung und 85 km/h Höchstgeschwindigkeit hatten einiges Prestige.

Mit so einem Benz ließ man sich auch in der geschlossenen Version gern ablichten, das dachten offenbar die drei Herren, die hier mit ihrem Wagen posieren:

Benz_10-30_PS_Nachkrieg_Galerie

Benz 10/30 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An diesem Benz mit Aufbau als luxuriöser Sechsfenster-Limousine finden wir alle wesentlichen Details wieder:

Spitzkühler mit mittig angebrachtem Emblem, 16 Luftschlitze, oben abgerundeter Schweller mit ausziehbaren Fächern.

Die drei gut aufgelegten Herren haben sich nicht lumpen lassen und haben uns eine weitere Aufnahme des Benz 10/30 PS aus anderer Perspektive spendiert:

Benz_10-30_PS_Nachkrieg_2_GalerieDas ist der Charme der frühen 1920er Jahre, den wir Spätgeborenen lieben – so unerfreulich das Dasein unserer Vorfahren auch sonst anmuten mag.

Man wusste, was sich in der Öffentlichkeit schickte. Gleichzeitig wirkt keiner der drei Porträtierten wie ein Abziehbild aus einem Zeitgeistmagazin. Vielmehr sieht man hier eine sympathische Individualität und kalkulierte Lässigkeit.

Um so unterwegs zu sein wie diese drei Typen, bräuchte es heute einige „Coolness“, ganz abgesehen davon, dass ein modernes Automobil einfach nicht mehr die Möglichkeit bietet, sich so in Szene zu setzen.

Breitbeinig auf dem Kühler sitzen – heute unmöglich. Zudem könnte der Lack Schaden nehmen! Dabei ließen sich mit solchen historischen Aufnahmen Bücher füllen.

Man sieht: Ein Automobil war in den Hungerjahren nach dem 1. Weltkrieg einerseits eine enorm exklusive Angelegenheit – vom Benz 10/30 PS sind in der hier gezeigten Form wohl nur einige hundert Exemplare entstanden.

Andererseits gingen die glücklichen Besitzer damit oft bemerkenswert rücksichtslos um – wer den 1. Weltkrieg überlebt hatte, verfügte offenbar in vielerlei Hinsicht über andere Maßstäbe als die Generation Fahrradhelm…

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Fund des Monats: Ein Gräf & Stift Typ SR2 in Berlin

Der April 2018 nähert sich seinem Ende und macht seinem Namen mit wildem Wechsel zwischen Sonnenschein und Regen alle Ehre – zumindest in der hessischen Wetterau, der Heimat des Verfassers dieses Blogs für Vorkriegsautos. 

Für eine Runde mit dem Klassiker auf zwei oder vier Rädern ist das Wetter zu unberechenbar – da bereitet man lieber den Fund des Monats auf. Auswahl bietet der Fundus an historischen Automobilfotos reichlich – man könnte Bücher damit füllen.

Im Unterschied zu England, wo nach wie vor ein Werk nach dem anderen zu Veteranenwagen erscheint, herrscht im deutschsprachigen Raum diesbezüglich Sendepause. Man gibt sich progressiv, hat mit der Vergangenheit abgeschlossen, scheint es.

Selbst der Luxushersteller, mit dem wir uns heute beschäftigen, war zuletzt vor fast 30 Jahren Gegenstand einer literarischen Aufarbeitung: Gräf & Stift aus Wien. Auch im Netz gibt es – wenn nicht alles täuscht – keine zeitgemäße Markenpräsenz.

Eigentlich unglaublich, wenn man sich ein Dokument wie dieses betrachtet:

Gräf_und_Stift_SR2_Berlin_Reichstag_Galerie

Gräf & Stift SR2; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Selbst wenn man nicht auf Anhieb erkennt, was für ein Prachtgefährt hier vor dem Berliner Reichstag abgelichtet wurde, macht dieser sechssitzige Tourenwagen mit ungewöhnlich raffinierter Zweifarblackierung mächtig Eindruck.

Ein derartiges Farbschema mit dunkler Flanke und hell abgesetzter Hauben-, Rahmen- und Kotflügelpartie ist dem Verfasser noch nie begegnet. Der Wagen wirkt dadurch beinahe leicht und elegant, dabei sind die Dimensionen kolossal.

Was ist das für ein Gefährt? Nun, der verchromte Spitzkühler verweist schon einmal auf die frühen 1920er Jahre, als deutsche und österreichische Hersteller formal noch ganz den Stil der Vorkriegszeit pflegten.

Gräf_und_Stift_SR2_Berlin_Reichstag_Frontpartie

Während die Kühlerform der des Presto Typ D 10/30 PS ähnelt, verweist die darauf thronende Figur eines aufgerichteten Löwen auf einen Hersteller ganz anderen Kalibers.

Diese Kühlerfigur zierte die Wagen der Wiener Luxuswagenmanufaktur Gräf & Stift seit dem 1916 vorgestellten ersten Sechszylindermodell SR1.

Typisch für die Wagen von Gräf & Stift der frühen 1920er Jahre waren auch die in zwei übereinanderliegenden Reihen angeordneten Luftschlitze in der Motorhaube.

Die Tatsache, dass sie auf dem Foto nur die hinteren zwei Drittel der Haube ausfüllen, ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. So können wir den Typ SR3 ausschließen, den wir vor längerer Zeit anhand folgender Aufnahme vorgestellt haben (Bildbericht):

Gräf_und_Stift_SR3_Galerie

Gräf & Stift SR3; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Wagen brauchte offenbar mehr Kühlung als der Gräf & Stift, der einst vor dem Berliner Reichstag abgelichtet wurde. In der Literatur finden sich vereinzelt vergleichbare Aufnahmen des Typs SR3, der 90 PS aus 7,7 Litern Hubraum leistete.

Das ab 1923/24 (?) gebaute Sechszylindermodell hatte einen Vorgänger, der bei identischem Hubraum 75 PS Höchstleistung aufwies – der ab 1921 verfügbare Gräf & Stift Typ SR2.

Parallel dazu bot Gräf & Stift allerdings auch ein auf den ersten Blick recht ähnliches, aber deutlich schwächeres Vierzylindermodell an – den Typ VK mit 20 PS.

Gräf&Stift_Typ_VK_Galerie

Gräf & Stift Typ VK 7/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dabei handelte es sich jedoch um ein auch den äußeren Abmessungen nach kleineres Automobil, das über nur zwei Sitzreihen verfügte und mit Drahtspeichenrädern ausgestattet war.

„Unser“ Gräf & Stift besaß dagegen massive Stahl(?)speichenräder und bot ohne weiteres sechs Personen Platz. Wie der kleine Vierzylinder musste er noch mit Zweiradbremse auskommen, während der SR3 bereits Vierradbremsen hatte.

Aus diesem Befund können wir ableiten, dass wir es beim „Fund des Monats“ sehr wahrscheinlich mit einem Gräf & Stift des Typs SR2 zu tun haben, wie er von 1921-23 in überschaubarer Stückzahl gefertigt wurde.

Die Literatur nennt für die Sechszylindermodelle der Typen SR2 bis SR4 insgesamt eine Anzahl von nur rund 200 Exemplaren. Dies erscheint bei einer angegebenen Bauzeit von 1921-28 extrem wenig.

Sollten von jeder der drei Modellversionen des großen Sechszylinders von Gräf & Stift tatsächlich im Schnitt weniger als 70 Stück gebaut worden sein, verdiente das heute vorgestellte Foto mehr als nur das Attribut „Fund des Monats“.

Wie bei anderen Vorkriegsmarken aus dem deutschen Sprachraum hegt der Verfasser indessen den Verdacht, dass die wenigen Angaben zu Gräf & Stift-Wagen der 1920er Jahre unzuverlässig sind.

Die ältere Literatur (von Fersen: Autos in Deutschland 1920-39) enthält zu den Gräf & Stift-Wagen der Baureihe SR Daten, die mit äußerster Vorsicht zu genießen sind. Auch das Standardwerk von Hans Seper (Geschichte der Gräf & Stift Automobile, 1991) lässt diesbezüglich zu wünschen übrig.

Hier gibt es für Automobilhistoriker des 21. Jahrhunderts also noch einiges zu tun.

Das soll aber den Genuss des Fotos nicht schmälern, das wir heute zeigen können. Gern würde man die Insassen dazu befragen, wie ihr Gräf & Stift einst nach Berlin kam:

Gräf_und_Stift_SR2_Berlin_Reichstag_InsassenWie es scheint, hat der Besitzer des Wagens für diese Aufnahme vor dem Reichstag eigens den Platz mit dem Fahrer gewechselt, dessen Schnauzbart an denjenigen eines anderen – leider unrühmlichen – Imports aus Österreich erinnert.

Das Nummernschild des Gräf & Stift ist nicht erkennbar, sodass wir nicht wissen, ob der Wagen aus Österreich angereist oder in Deutschland zugelassen war.

Sicher ist nur, dass die gut gelaunten Insassen keine Vorstellung davon haben konnten, wie es am selben Ort rund 20 Jahre später aussehen würde, nämlich so:

Berlin_Reichstag_1945

Diese erschütternde Aufnahme zeigt den weitgehend zerstörten Reichstag nach Ende der letzten Kämpfe im Frühjahr 1945.

Im Vordergrund steht ein 8,8 cm Flak-Geschütz auf Behelfslafette, das hier gegen vorrückende russische Panzer eingesetzt worden war. Die Ringe am Lauf verweisen auf etliche Abschusserfolge in einer letztlich ausweglosen Situation.

Wer heute den Reichstag besucht, ahnt nichts davon, was sich einst in seinem Umfeld abgespielt hat – weder von den friedlichen Szenen der 1920er Jahre, wie sie auf unserem Gräf & Stift-Foto festgehalten sind, noch vom Endkampf um Berlin 1945.

Für den Geschmack des Verfassers hat man die Spuren der Vergangenheit auch an diesem Ort eine Spur zu gründlich getilgt…

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Einst ein „Ideal“: Brennabor Typ N 7/30 PS von 1929

Heute haben wir das Vergnügen, uns anhand eines historischen Automobilfotos einem „Ideal“ der späten 1920er Jahre anzunähern – das ist keineswegs im übertragenen Sinne, sondern wortwörtlich gemeint.

Vermutlich wird jetzt auch bei Kennern der Vorkriegsszene nicht sofort der Groschen fallen. Dabei geht es offiziell um ein Massenprodukt, zumindest nach den bescheidenen Maßstäben der deutschen Autoindustrie jener Zeit.

Ideal aus Sicht eines Freundes von Vorkriegsautos ist schon einmal die Aufnahmesituation – genau so stellt man sich einen Veteranenwagen zur Zeit der Weltwirtschaftskrise vor:

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Brennabor „Ideal“ Typ N 7/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Gemessen an den Proportionen und dem üppigen Chromeinsatz an Kühler, Scheinwerfern und Stoßstangen könnte das in der Tat irgendein amerikanischer Großserienwagen der zweiten Hälfte der 1920er Jahre sein.

Das Nummernschild mit der seit 1906 gängigen Kennung für die Hansestadt Bremen spricht keineswegs gegen ein US-Fahrzeug. Der Marktanteil amerikanischer Automobile in Deutschland war in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre kolossal.

Doch tatsächlich haben wir es mit einem Produkt eines deutschen Herstellers zu tun, der sich kurz nach dem 1. Weltkrieg die US-Autoindustrie zum Vorbild nahm und zeitweise Deutschlands größter PKW-Fabrikant war: Brennabor aus Brandenburg.

Das „B“ im Kühleremblem spricht diesbezüglich eine eindeutige Sprache, auch wenn manche Anbieter solcher Fotos etwas von „Bentley“ fabulieren…

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Der luxuriöse Eindruck des Wagens wird von dem verchromten Steinschlaggitter vor den Kühlerlamellen unterstützt, das als passgenaues Zubehör für viele damalige Modelle verfügbar war.

Auch bei der Doppelstoßstange hat man an Chrom nicht gespart – im Zusammenspiel mit der glänzenden Zweifarblackierung war das Auto eine „blendende Erscheinung“.

Man sollte meinen, dass es bei einer solchen Aufnahme aus günstiger Perspektive und in guter Auflösung ein Kinderspiel sei, den Typ zu identifizieren. Dem ist aber nicht so.

Die dem Verfasser zugängliche – im wahrsten Sinne des Wortes „dünne“ – Literatur zeigt zwar eine Reihe ähnlicher Brennabor-Wagen der zweiten Hälfte der 1920er Jahre.

Einen davon haben wir bereits näher besprochen (Bildbericht):

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Brennabor Typ Z 6/25 PS

Dieser Brennabor Typ Z 6/25 PS weist aber einige formale Unterschiede auf.

Entscheidend sind nicht etwa die fehlenden Chromelemente, diese waren oft ausstattungsabhängig. Vielmehr ist es die starke Profilierung der Vorderschutzbleche, die auf ein älteres Modell verweist.

Der eingangs gezeigte Brennabor verfügt dagegen bereits über elegant geschwungene Kotflügel „aus einem Guss“ mit schwächer ausgeprägter umlaufender Sicke.

Alles übrige erscheint dagegen sehr ähnlich ausgeführt, auch die in zwei Gruppen angeordneten Luftschlitze. Allerdings besaß der Brennabor Typ Z 6/25 PS nur zweimal fünf Luftschlitze pro Seite, wie hier zu sehen ist:

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Brennabor Typ Z 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Brennabor, dem dieser Blogeintrag gewidmet ist, verfügt aber über zweimal zehn Luftschlitze, wenn nicht alles täuscht. Dies spricht für eine stärkere Motorisierung.

Dumm nur, dass sich in der Literatur bislang kein einziges Vergleichsfoto auftreiben ließ, auf dem ein Brennabor mit genau diesen Details zu sehen ist. Im Netz gibt es immerhin ein historisches Foto eines solchen Brennabor (hier).

Der dort abgebildete Wagen wird als Brennabor „Ideal“ angesprochen, das ist die Verkaufsbezeichnung des Typs N 7/30 PS, der als Nachfolger des Typs Z 6/25 PS von 1929-33 gebaut wurde. Könnte er das gesuchte Modell sein?

Tatsächlich findet sich auf der Website der Brennabor-IG eine zeitgenössische Prospektabbildung, die einen „Ideal“ 7/30 PS mit denselben Merkmalen zeigt, die auch „unser“ Wagen aufweist.

Nach der Lage der Dinge ist das heute präsentierte historische Originalfoto eines der ganz wenigen, die einen Brennabor „Ideal“ zeigen. Dabei entstanden von dem Typ einst angeblich rund 10.000 Exemplare.

Allerdings werden für etliche Brennabor-Modelle der 1920er Jahre auffallend runde Produktionszahlen wie 10.000 oder 20.000 genannt. Dies lässt vermuten, dass es sich um grobe Schätzungen, vage Erinnerungen oder schlicht Mutmaßungen handelt.

Einigermaßen gesichert scheinen die wichtigsten technischen Daten des Brennabor „Ideal“ sein: Bei leicht vergrößertem Hubraum (1,6 Liter) leistete der Vierzylinder 5 PS mehr als der Vorgänger, das Spitzentempo stieg auf 75 km/h.

Dass er aber eine geringere Batteriekapazität und schwächere Leistung von Anlasser und Lichtmaschine als der Vorgänger aufgewiesen haben soll (vgl. Werner Oswald: Deutsche Autos 1920-1945, S. 74), dürfte ein Irrtum sein.

Mit stehenden Ventilen war der Brennabor Typ N 7/30 PS um 1930 nicht ganz „Ideal“. Überhaupt scheint Brennabor damals nicht mehr ganz auf der Höhe gewesen zu sein, wenn man von der erstaunlichen (und unwirtschaftlichen) Modellvielfalt absieht.

Angesichts der äußerst raren Fotos des Typs – wir haben hier schon seltenere Wagen jener Zeit anhand mehrerer Originalaufnahmen besprochen – könnte die genannte Produktionszahl von 10.000 für den Brennabor „Ideal“ zu hoch gegriffen sein.

Vielleicht erbarmt sich einmal jemand aus der Automobilhistorischen Gesellschaft (AHG) und liefert die ausstehende Gesamtschau der Automobilproduktion eines der bedeutendsten deutschen PKW-Hersteller der Zwischenkriegszeit.

Der Verfasser stellt gern Brennabor-Originalfotos aus seinem Fundus zur Verfügung. Andere Sammler sollten dasselbe tun, anstatt ihre Schätze unpubliziert zu horten…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Einstieg in die Luxusklasse: Opel 24/50 PS von 1910

Heutige Opelbesitzer und selbst Fahrer klassischer Opel der 1930 bis 1950er Jahre haben oft keine Vorstellung davon, dass die Marke aus dem hessischen Rüsselsheim nach bescheidenen Anfängen ab etwa 1905 zu den Luxusherstellern gehörte.

Im Anschluss an mehrere Rennerfolge entwickelte man damals eine Reihe großvolumiger und leistungsfähiger Serienwagen, die zum Feinsten gehörte, was Automobilisten in Deutschland damals kaufen konnten.

Welches Prestige diese teuren Fahrzeuge besaßen, zeigen zeitgenössische Fotos mit stolzen Opel-Besitzern aus adligen Kreisen und den Spitzen der Wirtschaft.

Bekannt sind beispielsweise Aufnahmen, die den kunstsinnigen Großherzog Ernst Ludwig von Hessen mit Opel-Wagen zeigen (Bildbericht).

Doch nicht weniger interessant sind Originalfotos, die Oberklasse-Opels mit dem zu ihrem Betrieb notwendigen Personal zeigen – wie dieses hier:

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Opel 24/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Um das Ergebnis der Recherche vorwegzunehmen, haben wir hier wahrscheinlich einen Opel des Typs 24/50 PS von 1910 vor uns.

Dies war einer der Hubraumriesen, mit denen Opel einst sein breitgefächertes Angebot nach oben abgrenzte. Dabei handelte es sich durchweg um Vierzylinderwagen, im vorliegenden Fall mit satten 6,2 Liter Hubraum.

Wie gelangt man zu einer derart präzisen Ansprache eines Autos auf einem über 100 Jahre alten Foto? Dazu braucht man zweierlei:

  • Eine umfassende Bibliothek an gedruckten Autobüchern – das Netz ist bei einer offenen Suche nutzlos (was sollte man als Suchbegriff auch eingeben?),
  • Erfahrung in dem Sinn, dass sich beim Studium vieler bereits identifizierter Modelle bestimmte Erkennungsmerkmale im Gedächtnis eingeprägt haben.

Auf beides können wir beim heutigen Kandidaten zurückgreifen. Dazu werfen wir einen Blick auf den Vorderwagen des Autos auf dem Foto:

Opel_24-50_PS_1_FrontpartieDas Markenemblem auf der Kühlerfront ist zwar nicht lesbar, seine Form verweist aber auf das markante Opel-Auge, das auf eine Anregung des erwähnten Opel-Besitzers und -Förderers Ernst-Ludwig von Hessen zurückgeht.

Ebenfalls opeltypisch sind die leicht schräggestellten Luftauslässe in der Motorhaube. Die findet man auch bei zeitgenössischen Horch-Wagen, doch wich ansonsten deren Kühlerpartie deutlich ab.

Zu erwähnen ist außerdem die ansteigende Linie der Motorhaube, die auf eine senkrechte Schottwand trifft. Damit befinden wir uns in der Übergangsphase, in der die rechtwinklig aufeinanderstoßenden Linien von Haube und Schottwand durch eine strömungsgünstigeren Lösung ersetzt wurden.

Wir sehen hier also ein Vorstadium zum Windlauf – der nach oben ansteigenden Karosseriepartie, mit der ab 1910/11 allgemein der Übergang von Motorhaube zum Passagierraum gestaltet wurde.

Ein beinahe identisches Fahrzeug, das als Opel 24/50 PS angesprochen wird, ist auf S. 286 des Standardwerks „Deutsche Autos 1885-1920“ von Halwart Schrader abgebildet.

Dort finden sich auch Übereinstimmungen, was weitere Elemente des Aufbaus angeht – speziell die Gestaltung der Passagiertür hinter dem Fahrerabteil sowie der anschließenden Fenster- und Verdeckpartie:

Opel_24-50_PS_1_Seitenpartie

Vor der Einstiegstür steht ein selbstbewusst in die Ferne schauender Mann mit doppelreihigem Wintermantel und Handschuhen.

Gehört er zu dem Auto oder zum Empfangspersonal des herrschaftlichen Hauses, vor dem der Opel steht und von dem wir den Abschluss des Handlaufs der Treppe auf dem Foto rechts unten sehen?

Der Fahrer des Wagens scheint er nicht zu sein, denn am rechtsliegenden Lenkrad ist eine weitere Person zu sehen. Ob diese aber wirklich der Chauffeur der Opel-Besitzer war, erscheint bei näherer Betrachtung fragwürdig.

Darauf verweist eine weitere Aufnahme desselben Autos am gleichen Ort:

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Opel 24/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dasselbe Auto – gewiss. Auch die Pose des Schnauzbartträgers neben dem Wagen ist nahezu identisch. Die kahlen Bäume im Hintergrund stimmen ebenfalls überein.

Doch hier sehen wir auch deutlich den Mann am Steuer – war das eher der Besitzer des Opels, der für diese Aufnahme das Lenkrad in die Hand nahm, während der eigentliche Fahrer mit Chauffeursmütze stoisch neben „seinem“ Auto steht?

Wir werden das kaum aufklären können wie einige Abweichungen auf diesem Foto:

Opel_24-50_PS_2_FrontpartieIm Unterschied zu ersten Aufnahme sind hier mit einem Mal Frontscheinwerfer sowie Positionsleuchten an der B-Säule montiert.

Dies weist auf die Vorbereitung zu einer Reise hin, bei der man auch nachts fuhr. Möglicherweise ist das Foto kurz vor der Abfahrt entstanden, während die erste Aufnahme vielleicht ein, zwei Tage älter ist.

Dass die Messinglampen mit dem bruchanfälligen Glas im Alltag oft weggelassen wurden, belegen viele Fotos und Berichte aus jener Zeit. Manche Autobesitzer schickten damals sogar die wertvollen Laternen gut verpackt per Bahn ans Reiseziel, während man selbst nur tagsüber dorthin reiste.

Werfen wir einen letzten Blick auf die beiden Männer in bzw. an dem Opel:

Opel_24-50_PS_2_Seitenpartie

Ja, der junge Mann mit dem opulent geschnittenen Mantel, den ledernen Stulpenhandschuhen und der modischen Schieberkappe könnte tatsächlich eher der Besitzerfamilie des Opels angehört haben.

Dann wäre da der Herr mit der markanten Adlernase – wo findet man solche Typen hierzulande eigentlich? – vermutlich doch der Fahrer des mächtigen Opel 24/50 PS.

Er wusste: Mit solch einem drehmomentstarken Wagen ließen sich auch anspruchsvolle Fernreisen mit steilen Straßenabschnitten bewältigen.

Motorleistung wurde vor über 100 Jahren nämlich nicht dazu benötigt, um möglichst schnell in den nächsten Stau hineinzufahren, sondern um auch bei voller Besetzung Steigungen möglichst ohne Schalten zu überwinden.

So ändern sich die Zeiten – wer würde nicht das individuelle Reisen im ganz persönlichen „Eisenbahnabteil powered by Opel“ den Zumutungen auf der modernen Autobahn oder gar in staatlichen Verkehrsmitteln vorziehen?

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Rätselhafte Versionen des Horch „8“: Typ 350 oder 375?

Für Automobilhistoriker bieten deutsche Wagen der Vorkriegszeit nach wie vor ein reiches Betätigungsfeld – leider passiert auf dem Sektor wenig Wahrnehmbares, sieht man von brillianten Nischenpublikationen zu AGA und Steiger ab.

Einst bedeutende Marken wie Adler, Apollo, Brennabor, Dürkopp, Hansa, Ley, NAG, Presto und Protos harren dagegen nach wie vor einer wirklich umfassenden Aufarbeitung, vor allem im Hinblick auf die frühen Modelle.

Doch selbst bei einem Premiumhersteller wie Horch, zu dem es eine hervorragende Gesamtdarstellung gibt (Kirchberg/Pönisch: Horch – Typen, Technik, Modelle; Verlag Delius-Klasing), tun sich immer noch Lücken auf.

Eine ganze Reihe von Originalfotos, die wir heute vorstellen, werfen jedenfalls Fragen auf, die sich mit der bisherigen Literatur nicht beantworten lassen.

Eigentlich wollte der Verfasser an dieser Stelle bloß den Horch 375 vorstellen, der eine Sonderausführung des bereits ausgiebig präsentierten Achtzylindertyps Horch 350 war.

Die wichtigsten in der Literatur genannten Merkmale des Horch 375 sind auf folgender schönen Aufnahme aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks zu sehen:

Horch_375_Dierks_Galerie

Horch 375; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Sieben sommerlich gekleidete Grazien sind hier um den Horch versammelt. Einige davon scheinen miteinander verwandt zu sein, wenn nicht alles täuscht.

Leider wissen wir nichts Genaues über die Damen aus unzweifelhaft gutem Hause, die sich hier so ansehnlich auf „Horch-Posten“ präsentieren.

Immerhin haben sie an uns Nachgeborene gedacht und den Blick auf wesentliche Fahrzeugdetails unverstellt gelassen:

Horch_375_Dierks_Frontpartie

Am auffälligsten ist wohl die dreigeteilte Stoßstange – der Horch 350 besaß offiziell nur eine zweiteilige. Die großen Radkappen mit gekröntem „H“, die erstmals auch die Radbolzen abdecken, gelten ebenfalls als Merkmal des Horch 375.

Ein weiteres Detail ist nicht zu sehen, was aber ebenfalls für den 1929 vorgestellten Horch 375 spricht – die auf die hinteren zwei Drittel der Haube beschränkten Luftschlitze. Beim Horch 350 dagegen reichten die Luftschlitze weiter nach vorn und wären aus dieser Perspektive sichtbar gewesen.

An dieser Stelle beginnen die bislang ungelösten Probleme. Auf der folgenden Aufnahme aus der Sammlung des Verfassers finden sich nämlich die Luftschlitze und Radkappen des Typs 350 kombiniert mit der dreiteiligen Stoßstange des Typs 375:

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Horch 350 oder 375; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Übrigens ist auf der Originalaufnahme tatsächlich nicht mehr zu sehen – der Verfasser kaufte dieses Bild für kleines Geld vor allem aufgrund der reizvollen Inszenierung.

Das im August 1932 entstandene Foto zeigt wahrscheinlich einen Aufbau als Sedan-Cabriolet des Karosseriebauers Alexis Kellner (vgl. S. 244 des Horch-Buchs von Kirchberg/Pönisch).

Abgesehen von der Stoßstange spricht alles auf dem Foto für einen Horch 350, sodass man der Meinung sein könnte, dass hier jemand seinen Wagen „nachgerüstet“ hat.

Doch gibt es weitere Fotos, die solche Zwittertypen zeigen, die es ab Werk eigentlich gar nicht gab. Hier haben wir einen Horch mit den Luftschlitzen des Typs 350, der außer den dreiteiligen Stoßstangen auch die Radkappen des Typs 375 besitzt:

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Horch 350 oder 375; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun mag einer sagen: Die dreiteilige Stoßstange und die großen Radkappen sind eindeutig Merkmale des Horch 375, also muss das mit den Luftschlitzen in der Haube eine optische Täuschung sein – der Abzug weist ja auch sonst einige Mängel auf.

So weit, so gut – allerdings findet sich im Fundus des Verfassers eine weitere Aufnahme des Wagens mit der Berliner Zulassung „IA-17980“, auf der klar zu sehen ist, dass der vermeintliche Horch 375 noch die Luftschlitze des Basismodells 350 besitzt:

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Horch Typ 350 oder 375; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn das Nummernschild unvollständig wiedergegeben ist und die Personen teilweise von denen auf der vorherigen Aufnahme abweichen, stammt das Foto aus derselben Quelle und zeigt dasselbe Auto.

Unabhängig davon weist die Kombination aus dreiteiliger Stoßstange und großer Radkappe sowie bis nach vorn reichenden Luftschlitzen darauf hin, dass Elemente des Horch 350 und der Sonderausführung 375 irgendwann parallel verbaut wurden.

Das wäre plausibel, denn laut Literatur wurde die Sonderausführung Horch 375 nur bis 1931 gebaut, während sich der Horch 350 bis 1932 verkaufen ließ.

Eine Erklärung für die Abweichungen der Horch-Wagen auf unseren Fotos und den Darlegungen in der Literatur könnte sein, dass man Elemente des Typs 375 wie die Stoßstange und die Radkappen später auch am weitergefertigten Typ 350 verbaute.

Davon ist aber in keiner der dem Verfasser zugänglichen Quellen etwas zu lesen. Bei einer Restaurierung eines solchen Horch des Typs 350 bzw. 375 besteht somit die Gefahr, dass originale Bauteile entfernt und vermeintlich richtige nachgefertigt werden.

Durch diesen Blogeintrag sollen die Verdienste von Kirchberg/Pönisch um die Dokumentation der Wagentypen von Horch keineswegs in Zweifel gezogen werden – man wäre heilfroh, gäbe es solche Ausarbeitungen für andere Marken.

Es scheint bloß, dass die Realität vor rund 90 Jahren in automobiler Hinsicht noch komplexer war, als wir sie bislang erfassen konnten. Das wiederum ist eine ermutigende Erkenntnis – es gibt also noch immer einiges zu erforschen!

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DAS soll ein Taxi sein? Ein NAG Typ K3 von 1913

Dass in der „guten alten Zeit“ nicht alles besser war als heute, steht außer Frage. Verglichen mit den Verhältnissen vor 100 Jahren leben wir in mancher Hinsicht in der besten aller Welten:

  • Gesundheitsversorgung für jedermann und minimale Kindersterblichkeit
  • Wahlrecht und Bildungszugang unabhängig von Geschlecht und sozialer Abkunft
  • erschwingliche und sichere individuelle Mobilität
  • saubere Luft und keimfreies fließendes Trinkwasser

Außerdem: Keiner der Staaten Europas ist mehr gewillt oder in der Lage, einen Krieg gegen seine Nachbarn anzuzetteln. Freier Handel und Kapitalverkehr als Quelle des Wohlstands nicht zu vergessen.

Und sonst?

Vor der Baukunst um 1900 und den damaligen Ingenieursleistungen speziell im Schienenverkehr stehen wir mit Ehrfurcht. Wir ahnen, dass keiner der heutigen Versuche eine solche ästhetische Qualität und Dauerhaftigkeit aufweisen wird.

Mit dem organisatorischen und technischen Können der Schöpfer einer einzigen Weltausstellung der Jahrhundertwende ließe sich vermutlich jedes Jahr ein neuer Flughafen hierzulande eröffnen – heute machen das die Chinesen.

Wo die Gegenwart mit einer glorreichen Vergangenheit nicht mitzuhalten vermag, lässt sich auch an einem vermeintlich banalen Alltagsobjekt ablesen wie einem Taxi – womit wir beim Thema wären:

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NAG Typ K3; originale Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme eines opulent anmutenden Chauffeurwagens wurde im Jahr 1913 ins ländliche Holstein versandt – ausgerechnet in ein Dorf namens Armstedt.

Darauf präsentiert sich der Fahrer des großzügigen Automobils selbstbewusst seinen Angehörigen: „Seht her, ich hab’s zu etwas gebracht, ich fahre ein Taxi!“

Während man als Taxifahrer heute weit unten in der sozialen Stufenleiter steht – sofern man nicht wie andere gescheiterte Existenzen von dort den Sprung in die Politik schafft – war das vor über 100 Jahren ein anspruchsvoller, angesehener Beruf.

Der Verfasser – geprägt von Erfahrungen mit unfähigen Taxifahrern in Frankfurt/Main – würde sich zu jeder Uhrzeit und an den unmöglichsten Orten dem Können und den Umgangsformen des Fahrers auf dem Foto anvertrauen.

NAG_K3_oder_K5_Ak_nach_Armstedt_Holstein_1913_Fahrer

Als Fahrgast würde man sich nach langem Arbeitstag – wenn die letzte Bahn längst abgedampft ist – in die üppig gepolsterten Sessel im Passagierabteil des Wagens fallen lassen und genüsslich die Beine ausstrecken.

Kein unbestelltes Radiogedudel, kein schlechtes Rasierwasser, kein aufgenötigtes Gespräch über Eintracht Frankfurt würde den Genuss trüben.

Natürlich würde einen der Wagen zuverlässig und komfortabel nach Hause bringen, denn es handelt sich um einen NAG aus dem Berliner AEG-Konzern:

NAG_K3_oder_K5_Ak_nach_Armstedt_Holstein_1913_Frontpartie

Ein ovaler Kühlerausschnitt fand sich vor dem 1. Weltkrieg zwar auch bei anderen deutschen HerstellernMAF und Oryx beispielsweise –  doch die spielten im Droschkengeschäft keine Rolle.

In der damaligen Weltstadt Berlin – auch davon kann heute keine Rede mehr sein – stellten NAG-Wagen einen erheblichen Teil des Taxibestands – sie waren in dieser Hinsicht gewissermaßen der Mercedes ihrer Zeit.

Wer sich mit der Geschichte dieser einst so bedeutenden Berliner Automarke beschäftigt, fragt sich, weshalb es bis heute keine umfassende Darstellung der PKW-Produktion von NAG gibt, die 1934 ein unrühmliches Ende fand.

Ähnlich wie bei einer anderen einst hochbedeutenden deutschen Marke – Adler aus Frankfurt/Main – harrt speziell die Geschichte der frühen NAG-Wagen bis heute einer überzeugenden Aufarbeitung, sei es in Buchform oder im Netz.

Dabei gibt es im Internetzeitalter jede Menge Aufnahmen, die eine lückenlose Beschreibung der Modellgeschichte erlauben sollten – die Adler- und NAG-Fotogalerien in diesem Blog geben eine Vorstellung davon.

Machen wir’s kurz: Das NAG-Taxi würde der Verfasser anhand der wenigen Abbildungen in der Literatur als Typ K3 8/22 PS ansprechen, der von 1912-14 gebaut wurde.

Das ähnliche Modell K2 6/18 PS mit dem Zusatz „Darling“ lässt sich aufgrund der Abmessungen ausschließen. Denkbar wäre zwar auch, dass wir es mit der stärkeren Version K5 13/55 PS zu tun haben, doch für ein Taxi wäre das eine Nummer zu groß.

Oder unterliegen wir da einer Fehleinschätzung? Wie gesagt, vor über 100 Jahren waren die Maßstäbe in vielerlei Hinsicht andere. Damals galt noch: „Einen guten Staat erkennt man unter anderem daran, dass es gute Straßen und gute Schulen gibt“.

Darüber zu urteilen, wo wir heute in dieser Hinsicht stehen, sei dem Leser überlassen…

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Bilder aus zwei Epochen: Chevrolet von 1935 und 1940

Wer ist heute noch in der Lage, die Stilistik zeitgenössischer Fahrzeuge zu beschreiben? Der Verfasser dieses Blogs zumindest hat längst kapituliert und versteht die gestalterische Logik der meisten modernen Wagen nicht mehr.

Da beginnen und enden irgendwelche Linien und Falze ohne erkennbaren Grund, Einbuchtungen und Wülste finden sich allerorten – manchmal ist man sich nicht sicher, ob man es nicht doch mit einem Blechschaden zu tun hat.

Hinzu kommt, dass – abgesehen von einem zunehmenden Hang zum Grotesken – kein Trend mehr zu erkennen ist. Viele Wagen des Jahres 2018 hätten auch fünf oder zehn Jahre früher entstanden sein können, zumindest äußerlich.

Natürlich geht die Entwicklung weiter – heutige Autos sind so sicher, leistungsfähig, zuverlässig und umweltfreundlich wie nie zuvor. Doch die stetige Verbesserung im Detail ist nicht mit den Entwicklungssprüngen der Vorkriegszeit zu vergleichen.

Dem Verfasser war bislang vor allem bei den Autos vor dem 1. Weltkrieg aufgefallen, dass damals etwa alle fünf Jahre eine drastisch verbesserte neue Generation auf den Markt kam – nebenbei ganz ohne staatliche „Anreize“ auf Kosten der Steuerknechte, die sich den Spaß nicht leisten können, wie das heute bei Elektrokutschen der Fall ist.

Doch auch kurz vor dem 2. Weltkrieg war ein rasanter Umbruch binnen fünf Jahren zu erkennen. Die damalige gestalterische Zäsur dokumentieren wir heute anhand von zwei historischen Originalfotos von Chevrolets jener Zeit:

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Chevrolet „Six“ in Kopenhagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese technisch nicht ideale, aber dennoch reizvolle Aufnahme entstand vor Schloss Amalienborg in Kopenhagen, bis heute Residenz der dänischen Königsfamilie.

Im Hintergrund, am Ende der Frederiksgade, lugt majestätisch die Frederikskirche hervor, deren Kuppel stark vom Petersdom in Rom inspiriert ist, aber erst Ende des 19. Jahrhunderts fertiggestellt wurde.

Uns interessieren natürlich vor allem die beiden Autos auf dem Foto. Zwischen den beiden Wagen liegen bloß zehn Jahre, doch bereits sie gehören zwei Welten an.

Das linke, halb verdeckt am Straßenrand stehende Auto wirkt mit fast freistehenden Schutzblechen, senkrechtem Kühler, vertikaler Frontscheibe und fehlender Stoßstange wie das Urbild eines Veteranenwagens.

Alle Bauelemente sind klar voneinander geschieden, nichts gefällig Geformtes oder Glänzendes findet sich daran – von der Kühlereinfassung abgesehen. Doch um dieses heute fremdartig wirkende Geschöpf geht es gar nicht.

Wir nehmen die Sechsfensterlimousine ins Visier, die rechts durch’s Bild fährt:

Chevrolet_1934-35_Schloss_Kopenhagen_Ausschnitt1

Bei diesem chromblinkenden und luxuriös anmutenden Wagen handelt es sich wahrscheinlich um einen Spezialaufbau als Taxi. Die Basis lässt sich aber eindeutig als Chevrolet „Six“ von 1934/35 identifizieren.

Hinweise sind der schräggestellte Kühler mit Emblem im oberen Drittel, die drei waagerechten Luftschlitze in der Motorhaube und die markanten Radkappen.

Je nach Ausführung „Standard“ oder „Master“ verbaute Chevrolet hier Sechszylinder mit rund 60 oder 80 PS. Beim „Master“ gab es außerdem eine unabhängige Radaufhängung an der Vorderachse (Dubonnet-Prinzip).

Was unterscheidet den Chevrolet aber stilistisch von dem namenlosen Nachbarn auf unserem Foto?

  • Vor allem die Vorderschutzbleche, die nach Art eines Radhauses das ganze Rad umschließen. Dazu gehört auch die Seitenschürze, die die unattraktive Rahmenpartie verbirgt – und zugleich ein Schmutzfänger ersten Ranges war…
  • Neu sind auch die Radkappen, die nicht nur die Nabe, sondern auch die Radbolzen abdecken. Man sieht daran, wie funktionelle Elemente hinter der äußeren Formgebung zurücktreten.
  • Typisch für die 1930er Jahre ist auch die in einer Linie auf die Frontscheibe zulaufende Haubenpartie. In den 1920er Jahren waren Motorhaube und „Windlauf“ noch klar voneinander getrennte Elemente.
  • Die Neigung des Kühlers bringt zwar nicht viel, spiegelt aber die damalige Stromlinienmode wider – der auch die waagerechten Haubenschlitze entstammen.

So grundlegend anders der Chevrolet von 1934/35 daherkommt, sind bei ihm immer noch die meisten funktionellen Elemente voneinander unterscheidbar: Kühler, Haube, Kotflügel, Scheinwerfer usw.

Nur fünf Jahre später – im Jahr 1940 – sind wir plötzlich mit einer radikal neuen Formgebung in einem ganz anderen Umfeld konfrontiert:

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Chevrolet von 1940; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese außergewöhnliche Aufnahme stammt aus dem Fotoalbum eines deutschen Wehrmachtssoldaten, der vermutlich irgendwo im Hinterland der Ostfront nach der Schneeschmelze in einem Überschwemmungsgebiet unterwegs war.

Über Aufnahmezeitpunkt und -ort wissen wir nichts Näheres, ebenso nichts über die Heereseinheit, zu der der Wagen damals gehörte.

Auf ein ziviles Vorleben deutet zwar die unter der grauen Lackierung hervorkommende Verchromung von Stoßstange und Kühlergrill hin. Doch ist es möglich, dass der Wagen zuvor in alliierten Militärdiensten stand und von deutscher Seite nach dem Sieg in Frankreich 1940 erbeutet wurde.

Dann wäre das Auto praktisch neu gewesen, denn es handelt sich eindeutig um einen Chevrolet „Six“ des Modelljahrs 1940.

Was uns hier über einen Abstand von bald 80 Jahren anschaut, ist nicht nur in weltgeschichtlicher Hinsicht ein Zeuge einer dramatischen Umbruchsphase. Wir sehen hier zugleich die Moderne in der Autogestaltung im Werden.

Chevrolet_1940_WH_Ausschnitt

Folgende Dinge fallen in’s Auge:

  • Die Motorhaube besteht mit einem Mal aus einem Bauteil, das nach oben aufgeklappt wird, nicht aus zweien, die sich seitlich öffnen lassen.
  • Die Kotflügel sind keine mehr im ursprünglichen Sinn – sie bilden ein Gehäuse, das mit der gesamten Frontpartie zu einem Ganzen zu verschmelzen beginnt.
  • Der Kühler ist kein von außen erkennbares separates Bauteil mehr. Er verbirgt sich weit hinter dem geschlitzten Blech, das den direkten Blick auf die Kühlerlamellen und andere Elemente wie beipielsweise die Hupen verstellt.
  • Die Scheinwerfer sind nicht mehr seitlich an der Haube oder senkrecht am Rahmen angebracht wie zuvor – sie beginnen in der Frontpartie zu versinken.

Ein Wagen wie dieser Chevrolet von 1940 wäre auch 15 Jahre später noch aktuell gewesen – man denke nur an den stilistisch ähnlichen Peugeot 203.

Insgesamt ist dieses zweite Foto ein Rückblick in die dramatische Geschichte Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zugleich weist es aus dem Kriegsgeschehen in die Moderne und eine friedlichere Zukunft.

Vielleicht kam der Soldat, der einst mitten im 2. Weltkrieg einen Halt in sicherer Umgebung zu einem Foto für die Angehörigen zuhause nutzte, später noch in den Genuss, endlich auch privat einen derart modernen Wagen zu fahren.

Was auf den Schnappschuss noch folgen sollte und auf welchen Wegen er es in die Gegenwart geschafft hat, wissen wir nicht. Auch das macht alte Fotos von Vorkriegsautos so berührend…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.