Nur wer die Sehnsucht kennt: Ausflug im Praga „Mignon“

„Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide“ – diese Liedzeile singt die geheimnisvolle Figur „Mignon“ in Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“.

Mignon ist schwer zu fassen, einiges lässt sich über sie in Erfahrung bringen, doch letztlich bleibt ihre Identität nebulös – was letztlich ihre Faszination ausmacht.

So verhält es sich auch mit dem „Mignon“, um den es heute geht, obwohl es sich nicht um ein Kind des Südens handelt, sondern um das gleichnamige Produkt einer kaum minder geheimnisvollen tschechischen Automobilfirma – Praga.

Sicher, die Eckdaten dieses Herstellers aus Prag sind bekannt: Seit 1909 wurden – nach einer kurzen Phase, in der man Lizenznachbauten von Darracq und Renault fertigte – unter diesem Namen selbstentwickelte Automobile gefertigt.

Auch die Bezeichnungen der einzelnen Typen sind geläufig. Doch wie Mignon aus Goethes Roman waren sie enorm wandelbar, unter ein und demselben Namen wurden stetig weiterentwickelte Fahrzeuge auf den Markt gebracht, die schwer zu fassen sind.

Hier haben wir gleich zwei Beispiele auf einem Foto von Leser Matthias Schmidt (Dresden):

Praga „Alfa“; Ausschnitt aus Originalfoto von Matthias Schmidt (Dresden)

„Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide“ – das gilt auch, wenn ich solche wunderbar aufgenommenen Wagen auf alten Fotos sehe und mich schwertue, die Typen genau zu benennen.

Die beiden kompakten Praga-Tourenwagen scheinen sich bis auf die Ausführung des Kühlers fast vollkommen zu entsprechen. Rechts haben wir eine ältere Version mit „Schnabelkühler“, links eine neuere mit glatter Kühlerfront.

Was wir hier vor uns haben, ist typisch für die Marke Praga – nämlich die stetige Weiterentwicklung eines Typs, der in zahlreichen aufeinanderfolgenden Kleinserien über viele Jahre gebaut wurden, die sich in oft nur schwer greifbaren Details unterschieden.

Im vorliegenden Fall sind wir wahrscheinlich Zeuge des Übergangs von einer frühen Serie des kleinen Praga „Alfa“, der seit 1913 gebaut wurde, zu einer späteren.

Das konnte wie im vorliegenden Fall mit einer nur kosmetischen Modernisierung einhergehen, jedoch auch mit einem deutlichen Wachstum von Radstand, Hubraum und Leistung, ohne dass man eine neue Typbezeichnung für nötig hielt.

So ist es bei Praga nicht ungewöhnlich, dass ein Modell im Lauf der Jahre aus seiner ursprünglichen Klasse herauswuchs. Das war auch beim „Alfa“ der Fall, sodass man dem ursprünglich in der Kleinwagenklasse angesiedelten Typ ab Mitte der 1920er Jahre ein kleineres Schwestermodell zur Seite stellte, den „Piccolo“.

Oberhalb der beiden angesiedelt war – wenn ich es richtig sehe – der Praga „Mignon“.

Dieser war bei seiner Einführung 1911 noch ein Fahrzeug der unteren Mittelklasse, doch schon kurz nach dem 1. Weltkrieg hatte er beachtliche Ausmaße angenommen und wartete mit 30 PS statt anfänglich gut 20 PS auf.

Wenn ich mich nicht täusche, haben wir hier ein Exemplar davon:

Praga „Mignon“ um 1920; Ausschnitt aus Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Stilistisch entspricht dieser beachtliche Tourenwagen weitgehend dem Erscheinungsbild des kleineren Praga Alfa auf dem eingangs gezeigten Foto.

Doch seine Dimensionen sind deutlich erwachsener und er dürfte sechs bis sieben statt nur vier Insassen Platz geboten haben. Der Schnabelkühler verrät, dass es sich noch um ein frühes Exemplar handelt – spätestens Mitte der 1920er Jahre verschwand dieses Relikt.

Es ist nun fast 100 Jahre her, dass dieser Wagen so prominent inmitten einer Gruppe von Automobilisten platziert wurde. Diese genossen das damals rare Privileg, ihren Sehnsüchten im Automobil nachjagen zu können.

„Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide“ – dieser Ausruf von Mignon im Werk von Goethe galt und gilt sinngemäß für all die, die einem nüchternen Alltag durch Flucht auf Zeit entkommen wollen.

Im vorliegenden Fall können wir davon ausgehen, dass der Praga „Mignon“ seine Insassen ihren Sehnsüchten näherbrachte, zumindest was die Flucht aus beengten städtischen Verhältnissen hinaus in eine grandiose Natur angeht:

Praga „Mignon“ um 1920; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Leider ist die schillernde Geschichte der Praga-Automobile meines Wissens bislang nirgends in deutscher Sprache aufgearbeitet, weshalb ich bei den durchaus zahlreichen Fotos von Wagen dieser Marke in meinem Fundus oft auf Vermutungen angewiesen bin.

So bleibt auch der Praga „Mignon“ für mich in mancher Hinsicht ein Mysterium – und im Fall solcher fabelhaften Fotos auf Vermutungen angewiesen zu sein, das macht mir zu schaffen.

„Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide“ – wenigstens gibt es eine Vertonung des Lieds von Mignon, die keine Wünsche offen lässt, nämlich die von Franz Schubert.

Welche Interpretation davon zu bevorzugen ist, das ist eine ganz eigene Herausforderung.

Es gibt eine Version der amerikanischen Sopranistin Barbara Bonney, an der es nichts auszusetzen gibt, außer dass sie ein wenig zu steril ist. Nach einiger Überlegung habe ich dem raffinierteren Vortrag von Gundula Janowitz den Vorzug gegeben:

Videoquelle: YouTube; hochgeladen von: Lector Kreuzritter Kleinbittersdorf

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Prominente Münchner Nasen: Ein Oryx von 1914

Heute gehe ich vordergründig unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes „Nase“ nach – aber natürlich wie immer nur, um dem historischen Foto eines Vorkriegsautomobils in allen seinen Facetten gerecht zu werden.

Nebenbei habe ich das Vernügen, eine große Rarität präsentieren zu dürfen, welche einst auf’s Schönste für die Nachwelt abgelichtet wurde. Den richtigen Riecher dafür hatte ein Leser meines Blogs – Jörg Pielmann.

Er stammt aus Niedersachsen, konnte aber mit einer Prachtaufnahme aus dem Alpenland aufwarten, die ihresgleichen sucht. Mit ihrem Erwerb hat er einst eine feine Nase für Qualität bewiesen.

Das Foto zeigt, wie noch sehen werden, in mehrfacher Hinsicht „Nasen“ von einiger Prominenz – hier zu verstehen im ursprünglichen Sinne des Worts „herausragend“.

Die Verbindung mit München ist dabei gleich in doppelter Hinsicht gesichert – das findet sich bei so alten Aufnahmen nicht alle naselang.

Auf den Hersteller des abgebildeten Wagens von „Prominenz“ stoßen wir direkt mit der Nase in folgender Reklame:

Oryx-Reklame um 1913; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Mit dieser Anzeige von anno 1913 wollte einst ein Münchener Autohaus Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die beiden Marken im Angebot waren auch damals nicht gerade alltäglich, sie waren eher etwas für Autokäufer, die in punkto Eigenwilligkeit die Nase vorn haben wollten.

Dass die französische Marke Berliet vor dem 1. Weltkrieg überhaupt eine Vertretung hierzulande hatte, war mir bis dato unbekannt. Für dieses Wissensdefizit kann ich freilich niemanden verantwortlich machen, da muss ich mich an die eigene Nase fassen.

Interessanter ist für uns zumindest heute jedoch die Marke Oryx aus Berlin, die ich hier erstmalig behandelt habe.

Bei den Oryx-Wagen handelte es sich um ausgezeichnete Fahrzeuge, die jedoch so aufwendig in der Herstellung waren, dass sich der Hersteller – zunächst als Berliner Motorwagenfabrik firmierend, später als Oryx-Motorenwerke – damit keine goldene Nase verdienen konnte.

Zum Zeitpunkt des Erscheinens der oben gezeigten Reklame gehörte Oryx bereits zu Dürkopp, wenngleich man sich seine Eigenständigkeit weitgehend wahren konnte.

Der Wagen in der Anzeige lässt sich als Typ K2 7/21 PS von 1913 identifizieren – jedenfalls legt das die Beschriftung einer fast identischen Abbildung in „Ahnen unserer Autos“ (Gränz/Kirchberg, 4. Auflage 1981, S. 149) nahe.

Kurze Zeit später – im Januar 1914 – wurde in der Zeitschrift „Motor“ dieser auf den ersten Blick ganz anders wirkende Oryx abgebildet:

Oryx-Doppelphaeton; Abbildung aus der Zeitschrift „Motor“, Ausgabe Januar 1914

Hier haben wir zum ersten Mal eine im wahrsten Sinne des Wortes „prominente“ Nase vor uns. Dieser „Schnabelkühler“ gehörte jedoch keinem irgendwie herausragenden Besitzer, sondern war lediglich eine kurzlebige modische Kuriosität an einem ansonsten völlig konventionellen Oryx-Tourenwagen.

Das Fehlen von Scheinwerfern und einer Frontscheibe erwecken beinahe den Eindruck eines Sportwagens, doch wir lassen uns nicht an der Nase herumführen – auch dies war ein konventioneller Viersitzer, vielleicht ebenfalls ein Typ K2 7/21 PS oder eine der beiden etwas schwächeren bzw. stärkeren Verwandten (K1 6/18 PS bzw. G1 10/30 PS).

Letztlich ist das auch nicht so wichtig, denn es überwiegt die schiere Begeisterung, wenn man endlich diesem sonst nur aus der Literatur bekannten Modell einmal „in natura“ begegnet – im Alpenraum, um genau zu sein:

Oryx von 1913/14; Originalfoto aus Sammlung Jörg Pielmann

Diese großartige Aufnahme ist einmal mehr der Beweis, dass die Autohersteller vor dem 1. Weltkrieg (und auch in den 1920er Jahren) mit ihren Abbildungen in Prospekten und Reklamen um Längen hinter dem zurückblieben, was sich auf wirkungsvoll aufgebauten Privataufnahmen aus jener Zeit findet.

Viel besser kann man einen solchen Wagen auch aus heutiger Sicht kaum in Szene setzen – wenngleich ich es am Ende zu tun versuche…

Das Nummernschild mit der Kennung „IIA“ verrät, dass wir es bei diesem Herrschaften mit Münchener „Nasen“ zu tun haben.

Wie komme ich dazu, mir diese umgangssprachliche Bezeichnung für die Insassen zu erlauben? War nicht sogar eingangs von Prominenz die Rede? Der kann man doch nicht so abfällig begegnen!

„Muss man dem Kerl denn alles aus der Nase ziehen? Wer waren denn nun diese Münchener Prominenten?“, mag jetzt einer denken.

Nun, es kann gut sein, dass es sich tatsächlich um damals bekannte Persönlichkeiten handele, so exklusiv wie der Besitz eines derartigen Automobils war.

Doch tatsächlich meine ich mit den prominenten Münchener Nasen diesmal wirklich nur die ausgeprägten Gesichtserker der drei gutgelaunten Insassen:

Oryx von 1913/14; Originalfoto aus Jörg Pielmann (nachkoloriert)

Ja, ich weiß, die blanken Metallteile an dem Wagen dürften bei einer so frühen Entstehung (vor 1920) nicht silbern glänzen, sondern messingfarben, doch das weiß die „Künstliche Intelligenz“ nicht, mit deren Hilfe ich diese kolorierte Fassung erstellt habe.

Dennoch meine ich, dass uns die „prominenten Münchener Nasen“ von anno 1913/14 damit ein ganzes Stück näherrücken…

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Viel deutscher geht’s kaum: Citroen 8CV 6/30 PS

Nationalitäten mit Automobilen in Verbindung bringen – das funktioniert im 21. Jahrhundert kaum noch.

Ok, die amerikanischen Pickups der Ford F-Serie sind eine Ausnahme. Sie sind wirklich noch für die Staaten absolut typisch und andernorts kaum zu finden. Ansonsten hat sich ein internationaler Einheitsgeschmack breitgemacht, der selbst Marken wie Jaguar die Eigenständigkeit genommen und andere wie Lancia praktisch ausgelöscht hat.

Heute werden deutsche Audis von Modernitätsaposteln auf der ganzen Welt gefahren, britische Range Rover von globalen Großstadtnomaden, die meist keine Vorstellung mehr von den Geländefähigkeiten des Wagens haben. Und französische Citroëns gehen im urbanen Gewimmel der Hyundais oder Dacias unbemerkt unter.

Noch in den 1980er Jahren tauchte man dagegen in automobiler Hinsicht in eine andere Welt ein, hatte man die Grenze nach England, Frankreich oder Italien hinter sich gelassen.

Die Zeiten, in denen in Italien noch die legendäre Alfa Romeo „Giulia“ allgegenwärtig war, waren für den Liebhaber charakterstarker Wagen einfach großartig – und auch sonst aufregender, lässiger, liberaler sowie: für den Besitzer harter D-Mark billiger…

Wie komme ich nach nun diesem Befund ausgerechnet darauf, dass ein Vorkriegs-Citroën kaum deutscher sein konnte? Nun, die Freunde dieser einst großartigen, heute unerheblichen Marke wissen natürlich, warum.

1927 – nur acht Jahre nachdem André Citroën sein erstes Automobil bauen ließ – nahm in Köln ein Zweigwerk die Fabrikation des Typs B14 auf, der wie schon sein Vorgänger B12 im Unterschied zu den meisten deutschen Fabrikaten eine Ganzstahlkarosserie besaß.

Hier haben wir ein Exemplar, das im Raum Dresden als Taxi zum Einsatz kam:

Citroen B14 Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Für die Akzeptanz am deutschen Markt war es von Bedeutung, dass der Anteil im Inland bezogener Rohstoffe und gefertigter Teile möglichst hoch war.

Kaum zehn Jahre nach dem Versailler „Vertrag“ war das Interesse in Deutschland denkbar gering, dem einstigen Kriegsgegner noch mehr wertvolle Devisen in den Rachen zu werfen, als ohnehin unablässig über die Grenze nach Frankreich strömten.

So wurde emsig daran gearbeitet, die in Köln gefertigten Citroëns immer „deutscher“ werden zu lassen. Schon 1927 warb man mit 75 % inländischem Fertigungsanteil. Das mochte noch geschönt sein, doch 1929 verblieben immerhin 72 % der Erlöse von Citroën Deutschland auf der rechten Seite des Rheins.

Im selben Jahr wurde das Modell B14 durch den C4 bzw. C6 abgelöst – ein Vier- bzw. Sechszylinder-Modell mit äußerlich einheitlichem Erscheinungsbild. Ob unter der Haube dieser feinen Limousine und 32 oder 45 PS schlummerten, lässt sich daher nicht sagen:

Citroen C4 oder C6; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Allerdings muss man bei dieser schönen Aufnahme sagen, dass durchaus noch etwas „deutscher“ zugehen konnte, nicht nur was den Citroën betrifft.

Der trägt zwar eine Plakette der D.A.S. (Deutscher Automobil Schutz AG), der 1928 gegründeten ersten Rechtschutzversicherung Deutschlands. Doch das Nummernschild scheint für eine Zulassung in der Schweiz zu sprechen.

Auch die Uniform des Soldaten, der hier mit einer feschen Dame posiert, ist keine deutsche, sondern eine schweizerische der Zwischenkriegszeit. Wer eine schlüssige Erklärung für das Nebeneinander der deutschen DAS-Plakette und des schweizerischen Kennzeichens hat, nutze bitte die Kommentarfunktion.

Auf den ersten Blick „richtig deutsch“ geht es auf dieser hübschen Reklame zu, die aus der zweien Hälfte der 1920er Jahre stammt:

Citroën-Reklame von Ende der 1920er Jahre; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Die deutsche Citroën-Zentrale steckt zwar hinter dieser Werbung, ob man hier aber auch ein deutsches Fotomodell in den Wagen gesetzt hat, ist die Frage.

Die Frisuren- und Bekleidungsmode in Deutschland orientierte sich an den französischen Verhältnissen, doch ging es von der Oberschicht abgesehen hierzulande bodenständiger bis rustikaler zu.

So könnte man für diese Aufnahme eher eine burschikose Rheinländerin als eine sportlich-chice Pariserin verpflichtet haben, schließlich sollte der Geschmack der Käufer am Zielmarkt angesprochen werden – und nicht derjenige der Werbeleute in der Pariser Zentrale.

Wenn diese Frage letzlich offen bleiben mus – es sei denn, jemand erkennt seine Urgroßmutter auf dieser Abbildung – steht bei der nächsten Aufnahme eines außer Zweifel: Viel deutscher geht’s kaum:

Citroen 8CV 6/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Weinberge wie diese findet man eher an der Mosel als im Burgund oder in der Champagne. Auch das weiß unterlegte Kennzeichen ist klar ein deutsches.

Der Kühlergrill gehört zwar wieder zu einem Citroen, doch in diesem Fall haben wir es mit einem Modell aus Kölner Produktion zu tun, das so „deutsch“ war, wie nur irgend möglich.

Hier haben wir nämlich einen Wagen des Typs 8CV vor uns – deutsche Bezeichnung: anfänglich 6/30 PS, später nur noch 1,4 Liter. Und der wurde ab 1933 im Kölner Werk zu 95 % (!) aus deutschen Vorprodukten gefertigt.

Neuerungen gegenüber dem Vorgängertyp C4 waren unter anderem der gummigelagerte Motor und die Synchronisierung der Gänge (mit Ausnahme des ersten).

Weshalb man den Wagen angesichts von 1.452 ccm Hubraum als 1,4 Liter-Typ verkaufte und nicht als 1,5 Liter, wissen die Götter (oder ein Leser…).

Citroen 8CV 6/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vielleicht wollte man bewusst tiefstapeln, da es in der 1,5 Liter-Klasse seit 1933 auch den etwas stärkeren und schnelleren Hanomag 8/32 PS bzw. ab 1934 „Rekord“ gab.

Der Hanomag “ Rekord“ wartete ebenfalls mit aufwendigen Luftklappen in der Motorhaube auf, besaß eine ähnliche Ganzstahlkarosserie von Ambi-Budd (Berlin) und kostete wie der Citroen als Viertürer rund 3.500 Reichsmark.

Es ging also aus Sicht patriotisch gesinnter wie wirtschaftlich denkender Käufer also doch noch „deutscher“ als mit dem Citroen 8CV 6/30 PS Kölner Provenienz.

Zudem gab es einen weiteren „biodeutschen“ Konkurrenten, der auch wesentlich attraktiver gezeichnet war, nämlich der Adler „Trumpf“ aus Frankfurt/Main:

Adler „Trumpf“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Der Wagen auf dieser Aufnahme (aus Sammlung von Leser Marcus Bengsch) besaß zwar ebenfalls eine Standard-Ganzstahlkarosserie von Ambi-Budd, wirkte aber durch den Verzicht auf das Trittbrett und die noch glatter gestalteten Räder moderner.

Das von Walter Gropius entworfene Adler-Emblem im zeittypischen Art Deco-Stil (die Bezeichnung „Bauhaus“ erscheint bei reinem Zierrat unpassend) gibt dem Wagen eine trotz geringerem Chromeinsatz markantere Frontpartie.

Der Adler war außerdem mit Frontantrieb technisch wesentlich moderner.

Er war zwar in der Limousinenvariante um rund 10 % teurer als der Citroen, doch letztlich wurde er von den Käufern klar bevorzugt. Weniger aus patriotischen Gründen – denn noch deutscher ging es ja kaum – sondern weil er das bessere Auto war.

So wurden in Köln vom Citroen 1,4 Liter-Modell während der zweijährigen Produktionsdauer nur knapp 1.300 Exemplare gefertigt. Überlebende sind heute eine große Rarität…

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Im Zeppelin auf Italienfahrt: Maybach Typ DS7

Heute erlaube ich mir mitten im Winter eine an Exklusivität kaum zu überbietende Reise ins sonnige Italien – und zwar im Zeppelin!

Vor 90 Jahren gab es keine majestätischere Form der Fortbewegung als mit dem 1928 fertiggestellten Luftschiff LZ127 „Graf Zeppelin“. Finanziert wurde das 236 Meter lange Wunderwerk mittels privater Spenden aus ganz Deutschland sowie einer großzügigen Spritze aus dem Staatshaushalt.

Der gigantische Aufwand auf Kosten von Otto Normalverbraucher diente dann letztlich dem Transport von zwei Dutzend Passagieren der „Haute Volée“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn mit der „Graf Zeppelin“ flog man wie die Zugvögel hoch über dem irdischen Geschehen, über Meere und Kontinente hinweg.

Nie wieder hat es eine dermaßen erhebende Form des Reisens gegeben – die Concorde war eine lächerlich beengte Blechbüchse dagegen. Unzähligen Menschen auf der ganzen Welt hat der Anblick dieses Luftschiffs die (leider unstillbare) Sehnsucht eingepflanzt, einmal dort hoch oben mitzuschweben:

Luftschiff L127 „Graf Zeppelin“; Originalfoto von 1930 aus Sammlung Michael Schlenger

Nicht nur wie hier über Reichenberg in Sachsen (evtl. auch Böhmen) im August 1930 erschien die „Graf Zeppelin“ – ihre Fahrten führten sie um die ganze Welt und machten Sie zum bewunderten Botschafter Deutschlands in vielen Ländern.

Mit einer Geschwindigkeit von bis zu über 100 km/h näherte sich das Luftschiff buchstäblich aus heiterem Himmel, bis man beim Herannahen das Laufgeräusch der fünf Zwölfzylindermotoren vernahm, die jeweils fast 600 PS zu leisten vermochten.

Die fünf Gondeln, in denen diese kolossalen Aggregate untergebracht waren, befanden sich am „Bauch“ des Luftschiffs – hier sind sie aus rückwärtiger Perspektive zu sehen:

Luftschiff L127 „Graf Zeppelin“; Originalfoto von 1930 aus Sammlung Michael Schlenger

Weitere Fotos der „Graf Zeppelin“ aus meiner Sammlung finden Sie übrigens hier. In meinem damaligen Blog-Eintrag wie heute waren die Motorengondeln des Luftschiffs jedoch nur der „Aufhänger“, um sich mit einer anderen Großtat jener Zeit zu beschäftigen.

Gebaut wurden die Zwölfzylinder von LZ 127 von Maybach in Friedrichshafen. Karl Maybach – übrigens der Sohn des Automobilpioniers Wilhelm Maybach – hatte dort erstmals 1908 einen Luftschiffmotor konstruiert.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs im Jahr 1918 war es erst einmal vorbei mit Antriebsaggregaten für Luftfahrzeuge. Maybach wechselte daher ins Automobilgeschäft und stellte 1921 sein erstes Automobil her – den Typ W3.

Mit seinem bärenstarken Sechszylindermotor (70 PS aus 5,7 Liter), schaltungsfreiem Getriebe und Vierradbremsen illustrierte bereits der erste Maybach den Anspruch, Automobile der Spitzenklasse für eine dünne Schicht Betuchter zu bauen.

Historische Originalfotos der grandiosen Schöpfungen von Maybach sind eine ziemliche Rarität – immerhin konnte ich bislang Aufnahmen eines W5, eines DS7 und sogar des einzigartigen DS8 „Stromlinie“ meinem Fundus zuführen.

Heute kann ich mit einer ganzen Reihe „neuer“ Entdeckungen aufwarten, die den Titel „Im Zeppelin auf Italienfahrt“ rechtfertigen.

Denn in Anlehnung an die gewaltigen Motoren der Zeppelin-Luftschiffe baute Maybach ab 1930 repräsentative und enorm leistungsfähige 12-Zylinderwagen, die durch den Namenszusatz „Zeppelin“ geadelt wurden.

Nehmen Sie sich etwas Zeit und steigen mit mir ein in einen dieser sanften Riesen, dessen 150 PS leistender 7-Liter-Motor eine souveräne Fortbewegung erlaubte wie kein anderes deutsches Automobil jener Zeit.

Los geht’s laut Nummernschild in Tettnang unweit des Bodensees, unser Ziel ist das sonnige Italien:

Maybach DS7; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Schriftzug auf der Scheinwerferstange lässt keinen Zweifel – dieses Maybach-Cabriolet besaß wie die „Graf Zeppelin“ einen 12-Zylindermotor, der freilich wenig mit dem gigantischen Luftschiffantrieb gemeinsam hatte.

Mit strömungsgünstig im Zylinderkopf hängenden Ventilen und Leichmetallkolben war der Motor durchaus modern, das eigentliche Schmankerl war jedoch die Schaltung.

Um die für die damalige Zeit unglaubliche Höchsgeschwindigkeit von 140 bis 150 km/h erreichen und halten zu können, hatte man dem Maybach „Zeppelin“ einen Schnellgang spendiert, den der Fahrer über einen Hebel am Lenkrad aktivieren konnte.

Dazu musste keine Kupplung betätigt werden, der Schaltvorgang lief unterdruckgesteuert automatisch. Hinzu kam, dass der Wagen dank seines drehmomentstarken Motors meist auch im großen Gang schaltungsfrei gefahren werden konnte.

Was lag nun für die Eigner des in Tettnang zugelassenen Maybach näher, als mit diesem Prachtautomobil eine Fahrt über die Alpen nach Italien zu unternehmen?

Vom Bodensee aus gesehen war das ein automobiler Spaziergang und dank einer Reichweite von gut 600 km war beispielsweise eine Reise nach Brixen in Südtirol und zurück mit einer einzigen Tankfüllung möglich.

Kein Wunder, dass das nächste Foto den Maybach bereits vor Alpenkulisse zeigt:

Maybach DS7; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Natürlich hatte man es nicht eilig, man hielt öfters an und machte Fotos zur Erinnerung an diese Tour.

Vermutlich dachte man damals nicht an uns Nachgeborene, die dank dieser Aufnahmen noch 90 Jahre später den Weg dieser wahrlich exklusiven Reisegesellschaft zumindest ansatzweise nachvollziehen können.

Überhaupt kann ich es kaum glauben, dass solche enorm seltenen Originaldokumente am Markt für kleines Geld zu haben waren. Von diesen Zwölfzylinder-Maybachs wurden ab 1930 nämlich nur rund 200 Exemplare gebaut.

Wer auch immer damals diesen Wagen fuhr – den ich aufgrund der Ausführung der Räder und der Motorhaube als Typ DS7 von Anfang der 1930er Jahre ansprechen würde – hat wohl keine Nachkommen hinterlassen, die sich noch für diese grandiose Familientradition interessieren würden.

Solche Schätze dem schmählichen Vergessenwerden im Deutschland des 21. Jahrhunderts zu entreißen, ist eine von vielen Motivationen meines Blogs.

Zurück zu „unserem“ Maybach. Mühelos hat er die Alpen überwunden und seine Insassen finden sich im trotz des Einbruchs der Moderne immer noch hinreißenden Italien wieder.

Nicht nur die Wörter an der verwitterten Mauer, auch der Hinweis auf eine FIAT-Werkstatt links am Bildrand verrät, dass wir im Sehnsuchtsland der Deutschen schlechthin sind:

Maybach DS7; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Insassen haben unübersehbar einen Teint angenommen, der manche sich berufsmäßig benachteiligt gebende „People of Colour“ unserer Tage blass aussehen lässt.

Gern wüsste man, wo diese Aufnahme entstanden ist und was die Person hinter der Kamera dazu motiviert hat. Bestand vielleicht eine Verbindung zu einem ortsansässigen Ziegelhersteller, auf den die italienische Beschriftung der Mauer hinweist?

Leider fehlen weitere Aufnahmen, die auf die genaue Route, die Dauer und den Zweck der Reise unsere Maybach-Besatzung hinweisen.

Das nächste Foto könnte kurz vor der Rückfahrt entstanden sein, während der riesige Wagen mit Gepäck beladen wird:

Maybach DS7; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Gut gefällt mir hier der dienstbare Geist, der von rechts durchs Bild gelaufen kommt und den „Tedeschi“ noch etwas zur Hand geht, um sich ein großzügiges Trinkgeld zu verdienen.

Die Dame, die im Wagen steht und wohl das Gepäck sichtet, wirkt in dem großzügigen Passagierraum fast ein wenig verloren – kein Wunder bei einem Radstand des Maybach von rund 3,70 Meter.

Auffallend ist hier das den ganzen Schweller bedeckende Trittschutzblech – könnte dieses einen Hinweis auf den Hersteller dieses Aufbaus geben? Denn natürlich war dieses viertürige Cabriolet in einer Karosseriemanufaktur entstanden.

Dafür waren je nach Ausführung deutlich mehr als 30.000 Reichsmark fällig – das entsprach 1930 etwa 15 (!) Jahresgehältern eines angestellten Durchschnittsverdieners. Dafür hätte man damals wie heute auch ein hübsches Häuschen bekommen.

Doch die Besitzer dieses Maybach mögen sich gedacht haben: „Die schönsten Häuser sind die, welche es schon lange gibt, speziell in Italien. Kaufen wir uns daher lieber einen Wagen, mit dem wir dorthin fahren können“.

Maybach DS7; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun ist das Tor in dem alten Bogen wieder geschlossen, man hat Abschied vom Personal des Hotels genommen, das die reichen „Tedeschi“ sicher nicht ganz uneigennützig aufmerksam umsorgt hat.

Der Maybach und seine Insassen sind abfahrbereit – ein letztes Foto und es geht voller Eindrücke und braungebrannt wieder heim nach Germanien, wo ein Alltag wartet, in dem bereits ein kleines Vermögen schwer verdient sein wollte – erst recht ein großes.

Mehr wissen wir leider nicht über diese Reisegesellschaft und ihren mächtigen Maybach.

Ob der Wagen noch existiert? Ob jemand das Nummernschild einem illustren Besitzer zuordnen kann? Nun, wir werden sehen – es wäre nicht das erste Mal, das in meinem Blog publizierte Bilder ungeahnte Folgen haben.

Vielleicht fragen Sie sich aber auch, ob das Luftschiff „Graf Zeppelin“ einst ebenfalls eine Italienreise absolviert, wie der Titel dieses Blog-Eintrags nahelegt?

Nun, das war gar nicht leicht herauszufinden. Doch stieß ich nach einiger Sucherei auf ein faszinierendes Dokument, welches genau das beweist:

Luftpostkarte von 1933, transportiert mit LZ 127 „Graf Zeppelin“; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Was auf den ersten Blick etwas verwirrend aussieht, erzählt eine kaum weniger großartige Geschichte als die heute vorgestellten Maybach-Fotos.

Studiert man nämlich die zahlreichen Stempel auf dieser Postkarte, erkennt man, dass diese Ende Mai 1933 mit der „Graf Zeppelin“ von der italienischen Hauptstadt Rom ins beschauliche Friedrichshafen transportiert wurde – dorthin, wo Maybach residierte!

Dieses Kleinod hatte seinen Preis, wie Sie sich vorstellen können.

Aber jeder Sammler kennt Situationen, in denen man unvernünftig sein „muss“. Und ganz gleich, was dereinst aus unserem zunehmend der Inflation zum Opfer fallenden Geld wird, Dokumente wie dieses werden ihren ideellen Wert bewahren, solange sich noch jemand für die Mobilität in der Welt von gestern interessiert…

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Unzulängliches wird zum Ereignis: DKW Schwebeklasse

„Oje“, werden die DKW-Freunde vielleicht denken, „heute zieht er wieder über die gute alte Schwebeklasse her“.

Doch auch wenn ich kein Freund dieses Gefährts mehr werde, dessen Malaisen der Hersteller lange nicht in den Griff bekam und dessen Pseudo-Stromlinienkarosserie auf mich grob behauen und unfertig wirkt, will ich heute gnädig sein.

Milde gestimmt hat mich eine unerwartete Wiederbegegnung mit dem Fahrzeug – und mit Meister Goethe (Faust, 2. Teil) kann ich daher heute dieses sagen:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis.

Denn so unzulänglich die „Schwebeklasse“ in mancher Hinsicht war, hat sie tatsächlich das Zeug, zum Ereignis zu werden. So unwahrscheinlich das klingt, so leicht wird es zur Realität, wenn wir uns dazu verführen lassen – nochmals sei Goethe zitiert:

Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

So war es eine alte Liebschaft, die mich wieder an den DKW „Schwebeklasse“ erinnert hat – hier ein Foto von ihr aus fernen Tagen:

DKW „Schwebeklasse“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bald sechs Jahre ist es her, dass ich sie hier gefunden habe, und ich fühlte mich sofort „hinangezogen“, um es in den Worten des Alten aus Weimar zu sagen.

Diese Magie ging freilich nicht von der „Schwebeklasse“ aus, die auf diesem Bild der späten 1940er bzw. frühen 1950er Jahre abgelichtet ist.

Schon damals konnte ich über die eigentümliche Gestaltung von Kühler und Motorhaube mühelos „hinwegsehen“ und mich der Anziehungskraft der jungen Dame ergeben, die in Tracht neben dem „Biest“ aus Blech (und viel Holz) steht und alles wiedergutmacht.

Dass alles wieder gut wird, nichts sehnlicher wünschten sich nach dem 2. Weltkrieg Millionen von Menschen. Für unzählige von ihnen sollte die Welt aber nie wieder heil werden, zu groß die Verluste an Familienmitgliedern, Freunden, Heimat und Gewissheiten.

Dieses Foto dagegen wirkt so, als ob es doch gelingen konnte – als seien bloß ein paar Jahre vergangen und außer dem Kennzeichen und frischem Lack sei alles beim alten.

Blendet man gut zehn Jahre zurück, deutet ebenfalls nichts darauf hin, dass weite Teile der Welt zwischenzeitlich durch die Hölle gehen würden und kein Gott ihnen half:

DKW „Schwebeklasse“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme entstand im Juni 1936 irgendwo im Umland von Hildesheim, wo der DKW zugelassen war.

Über die Gelegenheit und die Insassen ist sonst nichts überliefert, aber fast könnte man meinen, es handele sich um den gleichen Wagen wie auf dem Nachkriegsfoto. Die junge Dame wäre dann freilich noch ein Kind gewesen.

Viel mehr fällt mir zu diesem bisher unveröffentlichten Dokument nicht ein – ich wollte es aber nicht der Vergessenheit anheimfallen lassen und es gibt ja heute noch ein paar Freunde dieses DKW-Modells, die darin mehr sehen als ich.

Wie aber war ich überhaupt darauf gekommen, es zu zeigen?

Nun, so unglaublich es klingt: Sechs Jahre nach unserer letzten Begegnung habe ich just heute meine „Flamme“ von einst wiedergefunden. Wiederum neben dem DKW „Schwebeklasse“ – hier ist sie!

DKW „Schwebeklasse“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das muss mit einem eigenen Blog-Eintrag gefeiert werden, dachte ich spontan.

Denn tritt das Ewig-Weibliche so wunderbar auf den Plan, wird selbst Unzulängliches wie die „Schwebeklasse“ auf einmal zum Ereignis und Vergängliches wie ein altes Autofoto wird zum Gleichnis des Menschlichen schlechthin.

Für Genießer solcher Dinge gibt es hier zum Abschluss den oben zitierten Goethe’schen Chorus Mysticus in der grandiosen Vertonung von Franz Liszt unter Leitung von Großmeister Leonhard Bernstein:

Videoquelle: YouTube; hochgeladen von: Andrea Politano

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Große Klasse, krasse Kontraste: Fiat 512 Landaulet

Mein heutiger Blogeintrag steht auf den ersten Blick im krassen Kontrast zur Weihnachtszeit, in der man sich mit Kerzen, Innerlichkeit und Gemütlichkeit über die düstere Zeit der kürzesten Tage hinweghilft.

Das ist alles sehr erbaulich und gesellig, dafür muss man nicht einmal dem christlichen Glauben anhängen. So sympathisiere ich mit den Anhängern des spätrömischen Kultes des Sonnengotts, dessen Geburt zufällig ebenfalls am 25. Dezember gefeiert wurde.

Dieser Sol Invictus repräsentierte den Sieg des Lichts und des Lebens über das Dunkel und den Tod – und ist damit auch der Schöpfer der starken Kontraste, die wir auf alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen hochsommerlicher Szenen so schätzen.

Und so ist meine Weihnachtsgabe für die Leser meines Blogs dieses Jahr eine Erinnerung an die Lust am Leben und das Strahlen des Sommers – sowie die große Klasse von Vorkriegsautomobilen, die vor allem im Licht des Südens ihre Magie entfalten:

Fiat 512 Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Große Klasse und krasse Kontraste sind auf diesem Dokument aus meiner Sammlung auf vollkommene Weise vereint, das 1927 irgendwo in Italien entstand und im Fotoalbum deutscher Reisender die letzten fast 95 Jahre überdauert hat.

Krass ist mit Sicherheit der Kontrast der majestätischen Erscheinung dieses Fiat zu dem Image, welches die Marke in unseren Tagen besitzt.

Als Besitzer eines Fiat 1100 von 1964 weiß ich die Qualitäten von Turiner Schöpfungen der Nachkriegszeit zwar zu schätzen. Doch eine derartig große Klasse wie der Wagen auf diesem Bild erreichte Fiat nur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und deshalb lohnt sich die Beschäftigung mit der Vorkriegsproduktion immer wieder.

Wer meinem Blog schon länger folgt, erinnert sich vielleicht an die Aufnahme eines auf den ersten Blick ganz ähnlichen Fiat (Porträt hier):

Fiat 519 Coupé de Ville; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses grandiose Automobil wurde in der ersten Hälfte der 1920er Jahre auf einem Concours d’Elegance irgendwo in Deutschland aufgenommen.

Das Erscheinungsbild lehnte sich an den 12-Zylinder-Typ 520 „Superfiat“ von 1921 an, der mit 90 PS aus 6,8 Litern Hubraum damals mit Rolls-Royce konkurrierte. So vergessen wie diese Großtat sind die Sechszylindermodelle, die Fiat daraus ableitete.

Eines davon – der ab 1922 gebaute Typ 519 mit 75 PS – ist sehr wahrscheinlich auf obigem Foto zu sehen. Er wurde in einer etwas modernisierten Version bis 1927 gebaut und bekam 1926 einen „kleinen“ Bruder zur Seite gestellt – den Fiat 512.

Seine Frontpartie unterschied sich geringfügig von der des großen Sechszylinders, wenngleich dem Grundsatz nach die gleiche klassische „Architektur“ zu besichtigen ist:

Die gigantischen Scheinwerfer und die riesigen Reifen stehen in krassem Kontrast zur Größe des Fahrers dieses Wagens, der uns hier selbstbewusst und glänzend aufgelegt entgegenblickt.

Er könnte glatt ein Cousin des legendären italienischen Rennfahrers Tazio Nuvolari sein, der zwar ebenfalls eher kleinwüchsig war, aber mit seiner Erscheinung eine enorme Präsenz entfaltete, nicht nur am Volant.

Die Damen unter meinen Lesern werden vielleicht bestätigen können, dass wir es mit einem gutaussehenden Mann zu tun haben, dessen makelloser Aufzug auf ebensolche Manieren schließen lässt (was von Heiratsschwindlern regelmäßig ausgenutzt wird…).

Man beachte den Kontrast des braungebrannten Gesichts und der Hände zu dem in der Sonne gleißenden doppelreihigen Staubmantel, unter dem sich ein blütenweißes Hemd nebst Krawatte verbirgt.

Die Schirmmütze weist diesen Mann als angestellten Fahrer aus und der Koffer auf dem Beifahrersitz spricht dafür, dass er an diesem Tag Reisende als Fahrgäste hatte.

Sie hatten den mächtigen Wagen nebst Fahrer wohl für einige Tage gemietet, um sich irgendwo in Oberitalien umzusehen. Vermutlich war es ihnen gleichgültig, dass der rechte Vorderreifen des Fiat heillos abgenutzt war – die Spitzengeschwindigkeit von 100 km/ des Typs 512 wird dieser mit Passagieren kaum gefahren sein.

Selbige Insassen stehen leider in krassem Kontrast zu dem in strahlendes Licht getauchten und gut gelaunten Fahrer:

Bei diesem Damen wird es sich um die deutschen Fahrgäste handeln, die – soweit erkennbar – leider nicht in dem Maß „bella figura“ machen, wie das ihren Geschlechtsgenossinnen im Süden von den Göttern mit auf den Weg gegeben wurde.

Der sympathische und bestens gelaunte italienische Fahrer im Freien, die zahlenden und nicht sonderlich gut aufgelegten Kunden aus dem Norden im Passagierabteil dieses Landaulets – krasser könnte der Kontrast kaum sein.

Doch an der großen Klasse dieses Fiats ändert das nichts und auch nichts daran, dass die Beschäftigung mit den Schöpfungen unserer Altvorderen auch in unseren Zeiten mühelos ein Lächeln auf die Lippen zaubert, während viele Hersteller längst verschwunden oder ein bloßer Schatten ihrer selbst sind.

In diesem Sinn wünsche ich meinen Lesern, dass es ihnen gelingt, sich über das Weihnachtsfest hinaus den Sinn für die schönen Dinge des Lebens zu bewahren und mit unerschütterlicher Zuversicht und guter Laune dazu beizutragen, unsere Welt ein wenig besser zu machen.

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Wieder „auf Axe“: Ein Ansaldo Tipo 4-Tourenwagen

Wer angesichts des Titels fürchtet, dass ich neuerdings mit der pädagogischen Torheit „Schreiben nach Gehör“ sympathisiere, kann beruhigt sein.

Hier wird weiterhin auf dem bewährten Niveau geschrieben, welches man Generationen von Deutschen in der Schule beibringen konnte – unabhängig von der Schulform, übrigens. Vergleichen Sie einmal die Rechtschreibung in Briefen und Postkarten von Haupt- und Realschülern von vor 100 Jahren mit derjenigen heutiger Abiturienten…

Auch in dieser Hinsicht haben die 1968 zum Marsch durch die Institutionen aufgebrochenen Kulturmarxisten erfolgreich die Axt an die Wurzel der bürgerlichen Gesellschaft gelegt.

Allen konservativen Prinzipien zum Trotz wollte ich aber der Gelegenheit zu einem vielleicht etwas platten Wortspiel nicht widerstehen.

Wenn wir heute wieder „auf Axe“ sind, geht es nämlich im Vorkriegsautomobil entlang der Axenstraße, einem Abschnitt der zum Gotthardpass führenden Fernverbindung entlang der Ostseite des Urnersees in der Schweiz.

In den Felsgalerien der Axenstraße entstanden einst unzählige Fotos von Reisenden vor dramatischem Hintergrund – dieses habe ich in einem Porträt des BMW 3/15 PS bereits einmal gezeigt:

BMW 3/15 PS (Typ DA4); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Freunde des unverwüstlichen ersten BMW-Automobils überhaupt – hier mit Münchener Zulassung – werden es mir nachsehen, wenn ich ihren Liebling heute links liegen lasse und die Aufmerksamkeit ganz auf die Landschaft lenke.

Denn wichtiger ist dieses Mal die grandiose Szenerie, vor der der Mensch und seine Schöpfungen mit einem Mal ganz klein erscheinen – nebenbei ein Eindruck, der sich auch beim hundertsten Anblick der schweizerischen Bergwelt immer wieder einstellt.

Bitte blenden Sie daher nach Möglichkeit die Herrschaften auf der Mauer aus und prägen Sie sich die tiefgestaffelte Kulisse im Hintergrund und die links gelegene kleine Kirche ein – wir kommen darauf zurück:

Diese Szenerie wird das Einzige sein, was Ihnen am Ende bekannt vorkommt, denn das Automobil, das ich vor beinahe demselben Hintergrund präsentiere, gehört vermutlich zu den zahllosen Fahrzeugen der 1920er Jahre, die von uns Menschen des 21. Jahrhunderts kaum je einer zu Gesicht bekommen hat.

Die Marke – Ansaldo aus Turin – mag manchem vage bekannt vorkommen, doch etwas Konkretes dürften die wenigsten damit verbinden.

Das könnte unter anderem damit zusammenhängen, dass das äußerlich markanteste Merkmal der ab 1919 gebauten Ansaldo-Wagen das Firmenemblem war, welches auf den Ursprung als Waffenhersteller verweist:

Ansaldo-Reklame von Anfang der 1920er Jahre; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Ansaldo hatte sich im 1. Weltkrieg jedoch bereits von der Tradition als Hersteller von Artilleriewaffen entfernt und Flugmotoren gebaut.

Wie viele andere Firmen stand man nach Kriegsende vor der Frage, was man nun mit den Produktionskapazitäten und dem technischen Können anfängt. Aus einer ähnlichen Situation heraus hatte sich Fiat 1919 der Massenproduktion von Autos zugewandt – zuvor hatte man in überschaubarer Stückzahl meist luxuriöse Manufakturwagen gefertigt.

Ansaldo gelang nicht annähernd eine solche großangelegte Neuausrichtung, man strebte sie wohl auch nicht an – der Automobilbau blieb einer von mehreren Geschäftszweigen des Maschinenbaukonzerns.

Auch wenn von den Anfang der 1920er Jahre eingeführten kopfgesteuerten Vierzylindermodellen mit 1,8 Liter Hubraum und gut 30 PS nur einige hundert pro Jahr entstanden, erlangte Ansaldo auch im Ausland Bekanntheit, wie diese französische Anzeige belegt:

Ansaldo-Reklame von Mitte der 1920er Jahre; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Der hier abgebildete Wagen entspricht bis auf die 1923 eingeführten Vorderradbremsen und die Drahtspeichenräder äußerlich recht genau dem Auto, um das es heute geht.

Für internationale Bekanntheit hatten vor allem Erfolge von Ansaldo-Sportwagen bei diversen Rennveranstaltungen gesorgt. Das sprach sich auch nördlich der Alpen herum.

Dort ließ nämlich jemand gegen Mitte der 1920er Jahre von der Stuttgarter Karosseriebaufirma Reutter diesen geräumigen und repräsentativen Aufbau für seinen frisch erworbenen Ansaldo schneidern:

Ansaldo Tipo 4D 8/32 PS, Karosserie Reutter; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass es sich bei der Basis tatsächlich um einen Ansaldo handelt, belegt der umseitige Vermerk des Herstellernamens zusammen mit der Leistungsangabe 8/32 PS.

Demnach werde wir es hier mit einem Tipo 4 auf langem Radstand zu tun haben, der ab 1923 mit Bremsen an den Vorderrädern ausgestattet war – ein wichtiges Datierungsmerkmal. Die Frontpartie änderte sich bei Ansaldo-Wagen der ersten Hälfte der 1920er Jahre nur geringfügig.

So findet man die schmalen und nach hinten geneigten Luftschlitze in der Haube bereits bei früheren Ausführungen des Ansaldo Tipo 4, die je nach Evolutionsstufe mit dem Zusatz A, B und C versehen waren, sich aber äußerlich stark ähnelten.

Entsprechend schwer fällt es daher auch, den folgenden Wagen aufs Jahr genau festzunageln:

Ansaldo Tipo 4; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Moment mal, werden Sie jetzt vielleicht denken. Hier ist doch nicht einmal klar, wer überhaupt der Hersteller dieses Wagens war. Der Tourenwagenaufbau mit Flachkühler passt zu unzähligen Autos der frühen 1920er Jahre.

Nun, das dachte ich anfänglich auch – mein Fotofundus umfasst dutzende Abbildungen von Tourern dieser Machart, deren Identität mir noch ein Rätsel ist.

Doch liefert ein genauerer Blick einen Hinweis, der einen weiterbringt. Im vorliegenden Fall war das die Aufschrift auf dem Vorderreifen: „PIRELLI MILANO“ ist dort zu lesen:

Da Pirelli-Reifen damals noch praktisch ausschließlich an italienischen Wagen verbaut wurden, schnurrte die Auswahl der möglichen Marken rasch zusammen: Alfa, Ceirano, Diatto, Fiat und OM ließen sich anhand des Kühleremblems ausschließen.

Dieses ist zwar nur schemenhaft erkennbar, aber zumindest passt es zu keiner der vorgenannten Marken. Mit etwas Phantasie erahnt man stattdessen das rautenförmige Emblem von Ansaldo, an dessen vier Seiten die Enden zweier gekreuzter Kanonen hervorlugen.

Auch die kaum sichtbaren schräggestellten Luftschlitze und die Gestaltung der bis ans vordere Ende des Rahmens gezogenen Kotflügel passen zum Tipo4 von Ansaldo.

Neben den fehlenden Vorderradbremsen verweist auch der nicht dem Profil der Motorhaube folgende untere Abschluss der Windschutzscheibe auf eine Entstehung im Jahr 1922 oder etwas früher. Ganz genau ermitteln lässt es sich wohl nicht mehr.

Jedenfalls können wir so auch das Sechszylindermodell Tipo 6″ ausschließen, das erst 1923 eingeführt wurde und von Anfang an Vierradbremsen besaß.

Immerhin ist überliefert, wann dieses Foto des Ansaldo Tipo 4 mit typischem Toureraufbau entstand – auf der Rückseite ist von alter Hand der 21. Mai 1926 vermerkt.

Wer sich als Besitzer eines Wagens jener Zeit für die damals übliche Reisekleidung interessiert, findet hier also genau datiertes Anschauungsmaterial – speziell bei den Damen:

Mit Bewusstsein so noch nicht gesehen habe ich die kompakte und vermutlich getönte Brille der Dame im Heck ganz links.

Überhaupt sind die Passagiere ein reizvoller Anblick, da kann der bullig wirkende Fahrer nicht mithalten, wenngleich er mit seinem „Schicksal“ als Chauffeur dieser Grazien sichtlich nicht unzufrieden ist.

Sein Outfit – wohl eine schwere doppelreihige Lederjacke oder auch ein Mantel – ist eher zeitlos, so etwas findet man bei den Herren bis in die 1950er hinein.

Damit wäre ich fast am Ende, doch sicher erinnern Sie sich an meine Aufforderung zu Beginn, sich die Szenerie an der Axenstraße einzuprägen. Im Zweifelsfall gehen Sie noch einmal dorthin zurück und werfen einen erneuten Blick auf die Kulisse.

Spätestens dann wird ihnen diese großartige Situation sehr bekannt vorkommen:

Ansaldo Tipo 4; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Tatsächlich ist dieses Foto ganz in der Nähe an der Axenstraße entstanden, vielleicht mit etwa größerem Abstand zu der Kirche im Mittelgrund und an einer sich weiter öffnenden Stelle der Felsgalerie.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit stammt auch diese Aufnahme aus der Hand des Fotografen Michael Aschwanden, der dort von 1911 bis 1939 sein Freiluftatelier hatte und tausende Aufnahmen von vorüberziehenden, vorüberradelnden oder auch mit dem Auto vorüberbrausenden Menschen machte.

Einige hundert dieser Fotos wurden 2003 in einem großartigen Bildband publiziert, den ich jedem Freund der Welt von gestern – und beileibe nicht nur von Vorkriegsautos – ans Herz legen möchte:

Unterwegs auf der Axenstrasse 1911-1939, Fotografien von Michael Aschwanden, Benteli Verlag Bern, 2003 (zzt. nur antiquarisch z.B. bei http://www.zvab.com)

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Grand Tour(er) ohnegleichen: 100 Jahre Lancia Lambda

Zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg – 1921 – entwickelte ein ehemaliger Fiat-Buchhalter das modernste Auto, das die Welt bis dahin gesehen hatte, sein Name: Vincenzo Lancia.

Er tauschte den Schreibtischjob bei Fiat bald gegen eine Tätigkeit als Mechaniker und wechselt dann ins Rennfahrer-Metier – immer noch bei Fiat. Mit diesem Erfahrungsschatz ausgestattet machte er sich 1906 mit 25 Jahren und seiner eigenen Automarke selbständig.

Vincenzo Lancia konnte unabhängig von formalen Qualifikationen, ungebremst durch bürokratische Planvorgaben und unbeirrt durch Ängste von Bedenkenträgern das verfolgen, was er als den Weg nach vorn betrachtete.

1921 entwarf er mit dem Lancia Lambda einen Wagen, der vielen bis heute als die innovativste Schöpfung auf vier Rädern gilt – dabei sah dieses Wunderwerk auch noch hochelegant aus:

Lancia Lambda; Aufnahme aus Belgrad; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Auf diesem großartigen Foto aus dem Fundus meines Sammlerkollegen Klaas Dierks erkennt man bereits einiges, was Anfang der 1920er Jahre sensationell war:

Eine so flach bauende rahmenlose Karosserie mit niedrigem Schwerpunkt und serienmäßige Vierradbremsen, das bot damals niemand. Aber das ist bloß der Anfang.

Unter der Motorhaube fand sich ein drehfreudiger V4-Motor aus Aluminium mit Ventilantrieb über obenliegende Nockenwelle und Königswelle, der erst 50 und später bis zu 70 PS leistete. Kein anderer Serienhersteller bot Vergleichbares, Bugatti einmal ausgenommen.

Doch selbst bei den Meisterwerken aus Molsheim gab es keine Einzelradaufhängung vorne und hydraulische Stoßdämpfer. Das war 1921 absolute Spitzentechnologie – und wurde erst viele Jahre später Standard.

Ein solches Fabeltier hatte seinen Preis und blieb bis Produktionsende Anfang der 1930er Jahre eine exklusive Angelegenheit. Doch auch in Deutschland fanden sich damals Enthusiasten, die keinen anderen Wagen als den Lancia Lambda wollten.

Mit einem Exemplar gehen wir heute zur Feier des 100-jährigen Jubiläums des einst besten Autos der Welt auf „Grand Tour“ – wie es sich gehört in der offenen Tourenwagenversion:

Lancia Lambda; Aufnahme aus Deutschland; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ich nehme mir auf unserer Reise einige Freiheiten – nicht alle Aufnahmen gehören zusammen, aber sie passen zusammen, meine ich.

Damit lässt sich eine klassische Reise im Automobil nach Italien nacherleben – die für Betuchte und Kulturbeflissene einst obligatorische „Grand Tour“ zu den Stätten der Antike und Renaissance sowie den grandiosen Kulturlandschaften, an denen das Land so reich ist.

Der Lancia Lambda wird uns dabei begleiten, doch auch das eine oder andere Fahrzeug der 1920er Jahre begegnet uns. Die Inspiration zu dieser Grand Tour gab mir ein Konvolut von Fotos einer Italienreise vom Ende der 1920er Jahre, das bei eBay verramscht wurde.

Auf welcher Route genau diese deutschen Reisenden damals über die Alpen gelangten, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls blickte man im Lancia Tourer dem Abenteuer einer Grand Tour mit Spannung und Vorfreude entgegen:

Lancia Lambda; Aufnahme aus Deutschland; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die folgende Aufnahme könnte dafür sprechen, dass man den Weg über die Schweiz wählte, auch wenn ich den genauen Ort noch nicht identifiziert habe.

Erkennt jemand die in den See hineinragende Halbinsel mit dem romanischen Wehrturm mitsamt neuzeitlichen Anbauten und einigen alpenländischen Gebäuden im näheren Umfeld?

Italienreise Ende der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nachtrag: Leser Peter Oesterreich hat den Ort identifiziert – es handelt sich um Schloss Spiez am Thunersee in der Schweiz!

Alternativ kam für damalige Touristen aus dem Norden eine Route in Betracht, die statt über den Gotthard über den Brenner führte. Dann hätte man sich den Alpen von Österreich her genähert.

In diesem Fall hätte sich für unsere deutschen Reisenden im Lancia Lambda ein Halt im schönen Salzburg angeboten. Dazu würde dann die folgende Aufnahme passen, die vor dem dortgelegenen Schloss Hellbrunn entstand:

Lancia Lambda in Salzburg (Schloss Hellbrunn); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Lancia Lambda, der hier im Schatten steht, trägt zwar ein österreichisches Kennzeichen, doch der eingangs gezeigte Wagen aus Deutschland sah vorn genauso aus.

Hier sieht man, wie tief der Wagenkörper zwischen den Rädern aufgehängt war, was neben dem ingeniösen Fahrwerk zur damals unerreichten Straßenlage des Autos beitrug.

Doch halten wir uns nicht mit solchen Details auf – vor uns und dem Lancia Tourer liegt eine größere Herausforderung in Form des Alpenhauptkamms:

Italienreise Ende der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vor dem zweiten Weltkrieg stellte ein Alpenüberquerung noch ein Wagnis dar. Es gab keine Tunnelstrecken – wie seit Jahrtausenden führte der Weg über oft riskante Paßstraßen.

Unterwegs konnte unsere Reisegesellschaft vom Rücksitz ihres Lancia Lambda einen Schnappschuss wie diesen machen, auf dem zwei weitere Automobile zu sehen sind, die sich auf einer zum Abgrund hin ungesicherten Schotterpiste nach oben arbeiten:

Italienreise Ende der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der auf uns folgende Wagen scheint ein Steyr zu sein, was die These unterstützen würde, dass die unbekannten Reisenden einst den Weg über Österreich wählten.

Dazu würde dieses Foto passen, welches den Blick von einer Paßstraße auf die Ötztaler Alpen zeigt – allerdings entstand es auf einer anderen Reise nach Italien (siehe hier):

Originalfoto aus Familienbesitz mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

Wie es um die „Straßen“beschaffenheit im Alpenraum in den 1920er Jahren bestellt war, das mag das folgende Dokument illustrieren.

Es zeigt wiederum einen Lancia Lambda irgendwo im Gebirge vor einem künstlichen Felsdurchbruch – wenn auch mit einem anderen Kennzeichen mir unbekannter Herkunft:

Lancia Lambda auf einer unbekannten Paßstraße; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nebenbei illustrieren Fotos wie dieses, dass ein gut gewarteter Tourenwagen solche Herausforderungen zuverlässig wegsteckte. Bei einem größeren Defekt hätte es weit und breit niemanden gegeben, der einem helfen konnte.

Auch beim Lancia Lambda müssen mechanische Schäden an Antrieb oder Fahrwerk rar gewesen sein, sonst hätten sich Reisende in ganz Europa nicht diesem Exoten anvertraut.

So ist unseren Italienfahrern abgesehen von einem Plattfuß oder einem losvibrierten Kabel wohl nichts zugestoßen, was ihren Drang nach Süden dauerhaft hätte aufhalten können.

Endlich finden wir uns auf der italienischen Seite der Alpen wieder:

Lago di Como bei Bellaggio; Bildrechte: Michael Schlenger

Allerdings können wir uns nicht lange mit den Schönheiten der oberitalienischen Seen aufhalten. Der Luxus von sechs Wochen bezahltem Jahresurlaub war auch in „besseren Kreisen“ unbekannt, man musste vorwärtskommen – den Kunstschätzen Italiens entgegen.

Der erste Halt gilt dem Dom von Mailand, der mit seinem gotischen Stil eine Ausnahme südlich der Alpen darstellt – man merkt ihm an, dass den Italienern diese „barbarische“ Kunstrichtung (daher „stile gotico„) nicht lag:

Italienreise Ende der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Interessanter ist die Straßenszene mit elegant gekleideten Passanten inmitten des Autoverkehrs. Gleich zwei Fiats des Typs 505 kommen uns hier entgegen.

Dabei handelte es sich um den großen Bruder des ab 1919 in 80.000 (!) Exemplaren gebauten Fiat 501. Der Vierzylindermotor des 505 leistete standfeste 33 PS aus 2,3 Liter – solche Literleistungen sucht man bei deutschen Serienwagen jener Zeit vergeblich.

Nach kurzem Aufenthalt fassten unsere Reisenden die Weiterreise nach Turin ins Auge. Bevor es weitergeht, noch ein letzter „caffé“, bei dem die Herren vielleicht über die Qualitäten italienischer Autos fachsimpeln:

Italienreise Ende der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Haben Sie die mächtige Chauffeur-Limousine am rechten Bildrand bemerkt? Meines Erachtens ist das ein Renault – was meinen Sie?

Und noch etwas: In welcher oberitalienischen Großstadt ist diese Szene aufgenommen worden? Mailand, Turin, Bologna und Genua konnte ich bereits ausschließen – jedenfalls finden sich im Netz keine historischen Abbildungen, welche dieses „Hotel Savoia“ zeigen.

Nachtrag: Leser Ulrich Landeck aus der Schweiz schreibt hierzu: „Bei der genauen Betrachtung des Fotos erkannte ich das „Hotel Savoia“ im Hintergrund wieder, ich habe dort vor zehn Jahren einige Tage verbracht. Also: Das Foto ist in Florenz entstanden und zeigt einen Ausschnitt der heutigen Piazza della Repubblica. Zur Zeit der Aufnahme hieß dieser Ort noch Piazza Vittorio Emmanuele II. Auf dem Foto ist das Reiterstandbild dieses ersten Königs des vereinten Italiens zu erkennen. Es wurde 1890 aufgestellt, nach dem 2. Weltkrieg dann an einen anderen Ort transferiert.“

Unsere Reise geht weiter nach Turin. Aus eigener Anschauung weiß ich, dass die Industriemetropole eine wunderbare Altstadt besitzt, die eine Reise lohnt.

Folgende Situation könnte dort in den späten 1920er Jahren aufgenommen worden sein – aber lassen Sie sich nicht täuschen: Den Schnappschuss habe ich ebendort 2010 mit einer Vorkriegskamera (Kodak Retina) gemacht:

Straßenszene in Turin; Bildrechte: Michael Schlenger

Der eigentliche Grund für unseren Abstecher in die Hauptstadt des Piemont ist allerdings weder das schöne Stadtbild noch die beeindruckende Fiat-Fabrik.

Vielmehr lockt eine ungewöhnliche Version des Lancia Lambda, die von der Turiner „Carozzeria Moderna“ kreiert und auf folgender Postkarte verewigt wurde:

Lancia Lambda mit Aufbau von Carozzeria Moderna; Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Der Turiner Karosseriebetrieb war einer von vielen, die versuchten, dem Lancia Lambda trotz seiner neuartigen rahmenlosen Karosserie einen eigenständigen Aufbau zu verpassen.

„Torpedo con posti anteriori completamente chiusi da cristalli“ – so steht auf der Rückseite vermerkt. Demnach waren die Vordersitze dieses Tourers („Torpedo“) rundum von Glasscheiben umgeben, während die rückwärtigen Passagiere ganz im Freien saßen.

Unsere Reisenden mögen angesicht dieser Kreation die Köpfe geschüttelt haben und sich auf den Weg zu den klassischen Kunststätten gemacht haben, die Ziel ihrer Reise waren.

Nächster Halt war dementsprechend Florenz:

Italienreise Ende der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir die berühmten Renaissance-Skulpturen an der Loggia dei Lanzi auf der Piazza della Signoria.

Ganz links der im Vergleich zu antiken Statuen nur mittelmäßige „David“ von Michelangelo. Mit seinem zu groß geratenen Kopf schaut er erschrocken zur Bronzestatue des Perseus von Cellini hinüber, der gerade die unter ihm liegende Medusa geköpft hat.

Das Geschehen zieht auch die Aufmerksamkeit des tumb dreinschauenden Herkules von Bandinelli ganz rechts auf sich, der soeben den Räuber Cacus mit seiner Keule erledigt hat.

„Auf nach Rom“, mögen sich da unsere Reisenden in Florenz gesagt haben – nach einem letzten Abendspaziergang entlang des Arno:

Abendstimmung in Florenz; Bildrechte: Michael Schlenger

Knapp 300 Kilometer Fahrt waren von unseren wackeren Automobilisten über staubige Pisten zu absolvieren – von Norden nach Süden durch die Toscana.

Leider sind von diesem Reiseabschnitt in dem mir erworbenen Konvolut keine Aufnahmen enthalten. Gern wüsste man mehr darüber, wie man sich als Autofahrer damals orientierte, denn Straßenschilder und Wegweiser waren noch die Ausnahme.

Auch die Planung von Tankaufenthalten muss anspruchsvoll gewesen sein. Allerdings verfügten Tourenwagen des Kalibers eines Lancia Lambda über Benzintanks mit 80 Litern und mehr Fassungsvermögen.

Gehen wir also davon aus, dass Reisende mit einem Lancia Lambda bloß von einer „Pinkelpause“ unterbrochen die Strecke von Florenz nach Rom absolvieren konnten.

Dort stand für den gläubigen Christen zunächst der Besuch des Petersdoms auf dem Programm:

Italienreise Ende der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Kuppel ist eine Großtat, wenngleich die übrige Architektur aus meiner Sicht einen uninspirierten Aufguss klassischer Vorbilder darstellt.

Man beachte auf dieser Aufnahme die Anwesenheit eines weiteren Fiat – im bitterarmen Italien das einzige Auto, das seinerzeit eine gewisse Verbreitung fand (die meisten Exemplare wurden weltweit exportiert, viele auch nach Deutschland).

Verlassen wir nun den Petersplatz und den Kirchenstaat. Mir als notorischem Ungläubigen sind ohnehin die architektonischen Hinterlassenschaften der klassischen Antike lieber.

Und auch wenn man das Kolosseum nicht zu seinen Favoriten zählt, kommt man an ihm auf der Grand Tour nicht vorbei – es stellt sich einem unübersehbar in den Weg, so auch unseren Touristen in den späten 1920er Jahren:

Italienreise Ende der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass eine Stätte blutiger Kämpfe und Hinrichtungen mit solcher technischer und architektonischer Meisterschaft verbunden war, gehört zu den irritierenden Seiten des alten Roms.

Die Lust der Masse an der Grausamkeit ist indessen eine Konstante und hat sich bis in die Gegenwart auch im modernen Europa immer wieder manifestiert – gerade schlummert sie zwar, aber das kann sich irgendwann ändern, wenn die Spannungen übergroß werden.

Da wendet man sich besser einem römischen Bauwerk zu, dessen phänomenale Qualität in keinerlei Hinsicht relativiert wird – das Pantheon der Kaiserzeit – ein Tempel für alle Götter:

Italienreise Ende der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wenn man als Romreisender Zeit nur für einziges Bauwerk hätte, wäre diese einzigartige Schöpfung das Ziel der Wahl. Vielleicht lässt man sich mit einem Fiat-Taxi dorthin fahren – wenn es auch keines mehr sein wird wie das einst davor parkende Exemplar.

Verschwindend klein wirkt das Auto vor dem gewaltigen, fast völlig unveränderten Bau vom Anfang des 2. Jh. nach Christus. Allein der Gedanke an den Transport der je 60 Tonnen schweren Säulen aus ägyptischem Granit lässt einem den Atem stocken.

Aus der Vorhalle schreitet man durch die originale Tür aus Bronze ins Innere und ist überwältigt von der Wirkung des runden Raums mit seiner über 40 Meter hohen Kuppel aus römischem Beton, dem 1.900 Jahre und diverse Erdbeben nichts anhaben konnten.

Es gibt nichts, was einen auf dieses vollkommene Bauwerk vorbereitet. Man verlässt es mit der Frage, wie solche ästhetische und technologische Kompetenz verlorengehen konnte.

Auch der Heide ist dankbar für die frühmittelalterliche Umwandlung des Pantheons in eine Kirche, sonst wäre es ebenso dem Hunger späterer Zeiten nach Baumaterial und Marmor zur Kalkherstellung zum Opfer gefallen wie die meisten Bauten des einst grandiosen Forum Romanum – der nächsten Station unserer Reisenden auf ihrer Grand Tour:

Italienreise Ende der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dies ist die zu Zeiten der Grand Tour (und noch heute) verbreitetste Ansicht des Saturntempels, von dem der spätere Steinraub nur die Säulenvorhalle übrigließ.

Gegenüber findet man noch heute die Reste des „Milliarium Aureum“ – einer Säule, die den fiktiven Ausgangspunkt aller Straßen des römischen Reichs markierte. Dazu zählte die Via Appia, auf der wir wie zu Zeiten der Grand Tour die Ewige Stadt in Richtung Süden verlassen.

Der Lancia Lambda wird noch einmal aufgetankt, dann geht es auf den Weg ins rund 225 km entfernte Neapel. Weite Teile der Via Appia sind in Form der Strada Statale 7 (SS7) noch befahrbar.

Unser Zwischenziel ist die uralte Küstenstadt Terracina. Auf den letzten 45 Kilometern dorthin verläuft die Via Appia pfeilgerade durch die Ebene – hier kann der Lancia seine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h voll ausfahren.

Kurz hinter Terracina begegnen wir dann einem anderen Tourenwagen aus Deutschland – einem NAG C4 „Monza“ aus Thüringen:

NAG C4 Monza; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der NAG kommt aus der entgegengesetzten Richtung und befindet sich nach dem Besuch des Targa Florio-Rennens auf Sizilien auf der Fahrt heimwärts.

Er hat gerade am antiken Torre Gregoriana haltgemacht, dessen spannende Geschichte bis in die Gegenwart ich hier erzählt habe.

Auch die Besitzer des NAG mussten sich darauf verlassen können, dass auf der mehrere tausend Kilometer langen Strecke kein größerer mechanischer Defekt auftreten würde. Für einen Fiat hätte sich in Italien in der nächsten Stadt Hilfe gefunden – für einen NAG nicht.

Weiter geht die Fahrt entlang der Küste über Landstraßen, auf denen kaum ein Automobil zu sehen ist, bis wir Neapel erreichen, das sich hier am Fuß des Vesuvs ausbreitet:

Italienreise Ende der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Links sieht man den Molo San Vincenzo – von dort aus starten noch heute die Ausflugsboote nach Capri, Ischia und – unserem nächsten Ziel: Sorrent.

Doch zuvor unternehmen wir mit unseren Reisenden noch einen Spaziergang durch die faszinierende Altstadt, deren Straßenraster und unter Gewölben liegende Geschäfte auf die einstige griechische Gründung „Neapolis“ zurückgehen.

Dort entstand diese typische Aufnahme – viel anders sieht es dort heute auch nicht aus:

Italienreise Ende der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das Auto auf der linken Seite dürfte der Wahrscheinlichkeit nach wieder ein Fiat sein. Eventuell handelt es sich um ein Taxi, das Touristen zu einer der zahlreichen Sehenswürdigkeiten der Altstadt Neapels gebracht hatte.

Die Matrosen, die von rechts durchs Bild laufen, könnten von einem italienischen Kriegsschiff stammen, von denen mindestens eines auf dem vorherigen Foto an der Mole schemenhaft zu erkennen war.

Bevor es nach Sorrent auf der gegenüberliegenden Seite des Golfs von Neapel weitergeht, steht ein Besuch in der 79 n.Chr. untergegangenen Ruinenstadt Pompeji an. Dort entstand unter anderem diese Aufnahme:

Italienreise Ende der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir die traurigen Reste des Apollon-Tempels aus dem 2. Jh. v. Chr.

Auf der hellen Säule davor war eine Sonnenuhr angebracht, die heute dort wieder montiert ist. Vielleicht war sie beim Erdbeben heruntergeschleudert worden und konnte erst in jüngerer Zeit wieder zugeordnet werden.

Die Reste des weißen Stucks auf der Tempelsäule vorne links sind mittlerweile fast völlig verschwunden. Überhaupt nagt der Zahn der Zeit (und die korrupte Verwaltung) an Pompeji – dem Reisenden sei heute das kleinere, viel besser konservierte Herculaneum empfohlen.

Unsere einstigen Vorgänger machten sich anschließend in das hoch über den Klippen gelegene, damals noch elegante Sorrent auf. Dort hielten sie diese Szene fest:

Italienreise Ende der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Aufnahme entstand von der meerseitigen Brüstung des Parks der Villa Comunale aus.

Der Hafen ist etwas größer geworden und Segelboote sind heute seltener, doch ansonsten bietet sich einem von dort aus noch derselbe herrliche Blick auf das nordöstlich gelegene Kap, hinter dem sich Vico Equense versteckt.

Kommen wir zum Höhepunkt unserer Grand Tour. Von Sorrent aus konnten Automobilisten schon in den 1920er Jahren die gut ausgebaute Küstenstraße entlang der Costiera Amalfitana nehmen.

Die „Strada Statale 163 Amalfitana“ gilt vielen als die atemberaubendste Straße der Welt. Man muss sie einmal im Leben absolviert haben – am besten außerhalb der Saison im eigenen Wagen (idealerweise als Beifahrer…).

Höhepunkte entlang der meisterhaft in die Felsen gearbeiteten Route sind das mondäne Positano und das uralte Amalfi – einst Zentrum einer Seerepublik, die vor Venedig das östliche Mittelmeer beherrschte:

Italienreise Ende der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Amalfi ist der südlichste Punkt, der in dem Fotokonvolut dokumentiert ist, das ich in diesen Reisebericht eingeflochten habe. Ob die unbekannten Reisenden aus Deutschland tatsächlich in einem Lancia Lambda unterwegs waren – was spielt das für eine Rolle?

Jedenfalls brechen wir nun wieder auf den Weg nach Norden auf. Ich verbinde übrigens eigene Erinnerungen an den Abschied aus Amalfi vor rund einem Vierteljahrhundert.

Ich hatte den letzten Bus am Denkmal des Flavio Gioia (auf obigem Foto in der Mitte zu sehen) verpasst, der mich ins rund 15 Kilometer entfernte Positano hätte bringen konnte, wo ich damals residierte. Da auch das letzte Boot abgelegt hatte, der Abend warm und voller Düfte war, machte ich mich zu Fuß auf den Heimweg.

Die Sonne war untergegangen, doch über dem still daliegenden Meer stieg ein riesiger Vollmond auf und beleuchtete meinen Weg enlang der „Amalfitana“ – ein unvergesslicher Anblick.

Ab und zu knatterte eine Vespa vorbei, ansonsten gehörte die Straße mir. Nach vielleicht zwei Stunden, wenige Kilometer vor Positano nahm mich dann ein dicker Bauer in seinem „Ape“ mit, auch das erlebt man nicht, wenn man nur in klimatisierten Blechbüchsen reist.

Bevor es wieder nach Deutschland zurückging, absolvierten unsere Reisenden vielleicht – wie später ich – noch den hoch über dem Meer an der Costiera Amalfitana entlangführenden „Sentiero degli Dei“ – den angemessen bezeichneten „Pfad der Götter“:

Blick über die Amalfiküste nach Capri; Bildrechte: Michael Schlenger

Für den Bericht zu einer Grand Tour durch Italien wäre das ein schöner Abschluss – doch soll hier ja auch ein Grand Tourer ohnegleichen gewürdigt werden – der Lancia Lambda.

Am Ende hat sich auch für diejenigen, denen das automobile Element heute vielleicht etwas zu kurz kam, das Warten gelohnt.

Denn auf dem Weg nach Norden – im einst österreichischen, seit 1918 italienischen Bozen – begegnet uns das Meisterwerk auf vier Rädern noch ein letztes Mal:

Lancia Lambda auf Italienreise Ende der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Da ist er wieder – der Lancia Lambda! Nun, wie die Gestaltung der Windschutzscheibe verrät, ist es nicht genau das Auto, mit dem wir unsere Grand Tour begonnen haben.

Doch wer will so kleinlich sein – man ist dankbar für jede solche Abbildung. Wie schon bei der allerersten Aufnahme fällt hier die unerhört niedrige Karosserie auf – vor 100 Jahren so einzigartig wie das ganze Auto.

Entstanden ist dieses Foto vor dem 1928 gebauten Triumphbogen, der an römische Vorbilder anknüpft. Er trägt eine Botschaft in Latein, wonach die Italiener die „übrigen Völker“ einst „gründlich kultiviert“ haben – im Hinblick auf „Sprache, Gesetze und Künste“.

Da ist einiges dran, was die zivilisatorische Leistung der Römer und die italienische Renaissance angeht – einige Beispiele dafür haben wir auf unserer Tour gesehen.

Doch für das Italien unter dem Ex-Kommunisten Mussolini, der mit dem Faschismus eine nationale Spielart des Sozialismus erfand, die sich sein Verehrer Adolf Hitler zum Vorbild für sein fatales Experiment mit dem totalen Staat nahm, kann man das nicht sagen.

Die Reisenden von damals betrachteten das heute noch existierende Monument ohnehin nur als repräsentatives Fotomotiv – es gibt unzählige solcher Aufnahmen von Automobilisten, die sich dort ablichten ließen.

Ein Lancia Lambda Tourenwagen war dort ein erhebender Anblick ohnegleichen, der einiges in den Schatten stellt, was einem sonst auf der Grand Tour begegnete…

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Lief einst außer Konkurrenz – Ein Ford „Model A“

Der Titel meines heutigen Blog-Eintrags ist bewusst doppeldeutig gehalten. Bei einem Brot- und Butter-Wagen wie dem Ford Model A muss ich schließlich zusehen, wie ich meine in letzter Zeit arg verwöhnte Leserschaft bei der Stange halten.

Also bleiben Sie dran, liebe Leser, auch wenn es eher die Exoten und Luxusautomobile der Vorkriegszeit sind, wonach Ihnen der Sinn steht – es lohnt sich, wie ich meine.

War das Ford Model A nun einst konkurrenzlos oder hatte es einen schweren Stand gegen die Konkurrenz oder war es gegen die Konkurrenz chancenlos? Kurioserweise treffen alle drei Interpretationen zu – abhängig vom Blickwinkel, den man einnimmt.

Konkurrenzlos war der Ende 1927 vorgestellte Nachfolger des 15 Millionen Mal verkauften Ford Model T auf jeden Fall am deutschen Markt.

Für den gleichstarken Opel 8/40 PS waren 1928 in der Ausführung als 4-türige Limousine 4.900 Reichsmark zu berappen, was Ford um 100 Mark unterbot, obwohl es damals noch keine eigene Serienproduktion in Deutschland gab. Wanderer verlangte damals für seinen Typ 8/40 PS als Viertürer sogar 7.500 Mark.

So begegnet man auf Bildern der Vorkriegszeit dem unspektakulär, aber durchaus eigenständig daherkommenden Ford Model A auch in deutschen Landen recht oft:

Ford Model A Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dennoch trifft es ebenso zu, dass das Ford Model A einen schweren Stand gegen die Konkurrenz hatte – bloß nicht in Deutschland, sondern in den Staaten.

Schwer war bereits der Start des Model A, kam es doch erst sieben Monate nach Ende der Produktion des mittlerweile heillos veralteten Vorgängers Model T auf den Markt.

Unterdessen hatte Fords Konkurrent Chevrolet den Markt für sich erobert. Bis heute beeindruckend war die Stückzahl des 1927er Modells mit knapp über 1 Million Wagen. Auch 1928 hatte Chevrolet noch die Nase vorn – man sieht, was Wettbewerb vermag.

1929 rückte Ford wieder in die Führungsposition auf, sollte jedoch nie wieder so konkurrenzlos dastehen wie zur Blütezeit des Model T, mit dessen Massenfabrikation in Amerika das Auto von einem Luxusgut zu einem Produkt für jedermann wurde.

Während sich in den Staaten selbst die Bandarbeiter von Ford einen eigenen Wagen leisten konnten, blieb das Auto in Deutschland noch lange einer dünnen Schicht Begüterter vorbehalten. 1926 kam nur ein Auto auf 125 Deutsche (Quelle: O. Meibes, Die deutsche Automobilindustrie, 1928).

Seine Ursache hatte dies zum einen in der Verarmung der breiten Masse im Zuge der explodierenden Inflation nach dem 1. Weltkrieg und der rücksichtslosen Ausplünderung Deutschlands infolge des Versailler „Vertrags“.

Zum anderen fehlte es hierzulande am Willen und/oder den finanziellen Möglichkeiten, strikt auf den Massenmarkt ausgerichtete Wagen zu konstruieren und dabei die Kostendegression hoher Stückzahlen zu nutzen. Geringschätzung moderner betriebswirtschaftlicher Grundsätze scheint dabei ebenfalls eine Rolle gespielt zu haben.

So kam es, dass einst auch gutsituierte Käufer aus München sich nicht für einen der zahlreich angebotenen deutschen Wagen entschieden, die entweder veraltet, zu teuer oder zu wenig am Kunden orientiert waren, sondern für ein relativ preisgünstiges, zeitgemäßes. leistungsfähiges und zuverlässiges Ford Model A:

Ford Model A, Zulassung: München; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Fahrzeug mit Münchener Kennzeichen scheint anlässlich einer Reise im Alpenraum aufgenommen worden zu sein, wie wir noch sehen werden.

In anspruchsvollem bergigem Terrain bot der Ford Model A mit seinem 3,3 Liter messenden Hubraum mehr Elastizität als die kompakten Aggregate deutscher Hersteller in der 40-PS-Klasse – es musste also weniger geschaltet werden und die Drehzahl konnte niedriger gehalten werden.

Dennoch fuhr der Ford aus München einst in dieser Situation ganz klar außer Konkurrenz – denn auf der Originalaufnahme nimmt er tatsächlich nur eine unscheinbare Nebenrolle ein:

Ford Model A, Zulassung: München; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier müssen auch die abgebrühtesten Vorkriegsfreunde eingestehen, dass die junge Dame, die hier an einem Steilabfall posiert, dem wackeren Ford die Schau stiehlt.

Sie mag ein wenig unglücklich dreinschauen, doch ist ihr zugutezuhalten, dass die Sonne hoch steht und ihr Gesicht dieser halb zugewandt ist – wenn dann der Fotograf noch ewig braucht, bis er Blende, Belichtungszeit und Entfernung eingestellt hat, kann es schon etwas anstrengend werden, entspannt zu bleiben.

Dennoch ist das ein sehr hübsches Dokument, zeigt es doch nicht nur eine junge Dame mit guter Figur, sondern auch den Kleidungsstil, mit dem man damals auf Reisen ging:

Ich tippe hier anhand Kleidung und Frisur auf die 1930er Jahre, als der Ford schon ein paar Jahre alt, aber immerhin noch konkurrenzfähig war – wenn auch nicht im Hinblick auf diese schöne Momentaufnahme, in der das menschliche Element für mich das Rennen macht…

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Macht gute Figur – ob Strandbad oder Wolfgangsee: Austro-Daimler AD 6-17

Fare bella figura“ – sagen die Italiener für „eine gute Figur abgeben“. Das bezieht sich keineswegs nur auf das äußerliche Erscheinungsbild, sondern im übertragenen Sinne auch darauf, ein gelungenes Leben zu führen.

Im Idealfall trifft beides zusammen und das möchte ich heute mit einer Auswahl von Bildern illustrieren, in dem Vorkriegswagen zwar eine Rolle spielen, aber letztlich doch nur eine Randerscheinung beim „fare bella figura“ bleiben.

Dabei treffen wir etliche alte Bekannte wieder, wobei diese uns tatsächlich in der Blüte der Jugend bzw. im besten Alter begegnen – beides wiederum bezogen auf Mensch und Maschine.

Beginnen möchte ich mit einem Ausschnitt aus einer großartigen Aufnahme, die um 1920 entstand und einen Wagen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg bei einer der damals häufigen Reifenpannen zeigt. Ausführlich vorgestellt habe ich das Dokument kürzlich hier.

Richard Kühmayer vor Mercedes Simplex; Ausschnitt aus Originalfoto von ca. 1920 aus Familienbesitz (via Johannes Kühmayer, Wien)

Der gut gebräunte junge Mann, der hier in sportliches Weiß gekleidet mit anpackt, ist Richard Kühmayer – Vater von Johannes Kühmayer (Wien), dem ich dieses Foto sowie eine ganze Menge weiterer Aufnahmen und Erinnerungen an die Welt von gestern verdanke.

Mein Vater wurde schon von einem Sonnenstrahl braun„, so sagte mir Johannes Kühmayer und er schreibt diese Veranlagung dem ungarischen Erbe großmütterlicherseits zu.

Entsprechend stach Richard Kühmayer selbst unter einem Haufen von Freiluftliebhabern im Strandbad Klagenfurt am Wörthersee hervor. Hier sehen wir ihn mit sattem Teint im unteren rechten Quadranten die Kamera ignorierend, doch gut aufgelegt neben dem Steg im Wasser:

Strandbad Klagenfurt am Wörthersee; Originalfoto aus Familienbesitz (via Johannes Kühmayer, Wien)

Man mag sich fragen, was das Strandbad Klagenfurt mit Vorkriegsautos und speziell dem im Titel angekündigten Austro-Daimler AD 6-17 zu tun hat.

Eine ganze Menge, jedenfalls wenn man das Automobil nicht nur als rein technische Schöpfung betrachtet, sondern quasi als Familienmitglied, das es sehr lange Zeit für die wenigen darstellte, die sich solch einen Luxus überhaupt leisten konnten.

So wurde außen vor dem Klagenfurter Strandbad, in dem sich einst Richard Kühmayer mit Gleichgesinnten tummelte, nämlich einst auch dieser Wagen abgelichtet:

Austro-Daimler 6-17 vor dem Strandbad Klagenfurt am Wörthersee; Originalfoto aus Familienbesitz (via Johannes Kühmayer, Wien)

Man mag die Aufnahme als Außenstehender belanglos finden, aber für Johannes Kühmayer hat sie etwas Elektrisierendes, zeigt sie doch als vermutlich einziges noch existierendes Dokument den Austro-Daimler seines Onkels Franz Kühmayer III.

Als Unternehmer hatte dieser den Wagen im Rahmen einer Firmenübernahme quasi als Mitgift erhalten und ihn mangels Alternativen einer privaten Nutzung zugeführt.

Das Auto war zwar nicht mehr taufrisch, aber als Transportmittel zum Strandbad und bei anderen Gelegenheiten ließ sich damit nach wie vor „bella figura“ machen. Was das aber nun für ein Typ genau war, mit dieser Frage trat Johannes Kühmayer an mich heran.

Bei solchen Tourenwagen ist es normalerweise schwierig bis unmöglich, auch nur den Hersteller zu ermitteln, wenn bloß ein solcher Ausschnitt vorhanden ist.

Doch im vorliegenden Fall war uns Fortuna hold – denn auf der hinteren Schwellerpartie sind zwei runde Mulden mit Knöpfen zu sehen, die sich so nur beim Austro-Daimler AD 6-17 finden – hier ein anderes Fahrzeug dieses Typs:

Austro-Daimler 6-17; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Dieses prachtvolle Automobil ist für Leser dieses Blogs natürlich ebenfalls ein „alter Bekannter“, wenngleich ich es hier auf einer „neuen“ Aufnahme meines Sammlerkollegen Matthias Schmidt (Dresden) zeigen kann – wohl ein Auto eines auf den Transport von Jägern spezialisierten Besitzers.

Beim Austro-Daimler AD 6-17 handelte es sich um die erste Neukonstruktion der Marke nach dem 1. Weltkrieg, für welche seinerzeit Ferdinand Porsche verantwortlich zeichnete.

Der 1920 vorgestellte Wagen besaß ein Sechszylinderaggregat feinster Bauart. Aus 4,4 Litern Hubraum gewann es 60 PS, den Ventiltrieb besorgte eine obenliegende Nockenwelle, die ihrerseits von einer Königswelle angetrieben wurde – präziser geht es kaum.

Wie es der Zufall will, begegnet uns ein anderes Exemplar dieses Spitzenklasse-Automobils auf einem weiteren Foto, welches mir Johannes Kühmayer übersandt hat. Diesmal handelt es sich um einen Wagen, den einst die Familie seines Taufpaten Hannes Pucher anlässlich eines Ausflugs nutzte – allerdings ist es nicht dasselbe Auto.

Bevor ich dieses hervorragende Dokument zeige, komme ich nicht umhin, wiederum einen „alten Bekannten“ ins Spiel zu bringen, und zwar diesen hier:

Protos Typ C1 10/45 PS am Wolfgangsee 1927; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Die Qualität der Aufnahme ist nicht die beste, aber man ahnt doch das Malerische an der Situation, die einen Protos Typ C1 10/45 PS im Jahre 1927 zeigt.

Über den See im Mittelgrund leuchtet durch den Dunst die Silhouette von St. Wolfgang am Wolfgangsee hinüber.

Als Freund vom Menschen geprägter historischer Kulturlandschaft behaupte ich, dass die Ansicht der auf dem gegenüberliegenden Ufer gelegenen Berge nicht solchermaßen eindrucksvoll wäre, erhielten deren Dimensionen nicht durch das bescheidene menschliche Bauwerk den rechten Maßstab.

Es ist vielsagend, dass Situationen wie diese den Menschen immer wieder anziehen, ihn dazu veranlassen an- und innezuhalten, um sich und seine Begleiter vor so grandioser Kulisse für eine Nachwelt abzulichten, über die sie nichts wissen konnten.

Und so ahnten einst auch die Insassen eines weiteren Austro-Daimler AD 6-17 der frühen 1920er Jahre nicht, in welchem Kontext ihr Konterfei am gleichen Ort fast 100 Jahre später noch für Begeisterung sorgen würde:

Austro-Daimler 6-17 am Wolfgangsee; Originalfoto aus Familienbesitz (via Johannes Kühmayer, Wien)

Hier sehen wir nun fast dieselbe Ansicht vom Wolfgangsee, bloß in weit besserer Qualität.

Und diesmal macht alles „bella figura“ – angefangen vom Austro-Daimler 6-17, der sich nur durch das Fehlen des Schwellerschutzblechs unterhalb der hinteren Tür vom Wagen am Klagenfurter Strandbad unterscheidet.

Eine gute Figur gibt vor dem Wagen auch Wilhelm Pucher ab, Vater des Patenonkels von Johannes Kühmayer und uns aus meinem Reisebericht ins „Verlorene Land“ vertraut.

Wie wir wissen, war Wilhelm Pucher ein für seine Zeit recht großgewachsener Mensch, was hier aber gar nicht auffällt. Denn der Austro-Daimler AD 6-17 war ein mächtiges Automobil und machte zusammen mit einigen Passagieren wahrlich „gute Figur“ vor der Bilderbuchlandschaft des Wolfgangsees.

Über die Insassen hinweg geht der Blick auf den Kirchturm von St. Wolfgang – heute bietet sich dem Reisenden von dieser Stelle noch derselbe Anblick. Doch die majestätischen, sich so gut in die Szenerie einfügenden Automobile von einst sind verschwunden.

Wo sind sie geblieben? Das fragt sich auch Johannes Kühmayer, und zwar den oben gezeigten Austro-Daimler AD 6-17 seines Onkels väterlicherseits betreffend.

Wie er mir schrieb, überlebte das Auto den 2. Weltkrieg und stand noch lange in der Garage der Familie in Weissenbach an der Triesting (Niederösterreich). Der Austro-Daimler wurde dann irgendwann verkauft – vermutlich in den 1950er Jahren.

Damals tummelte sich der junge Johannes Kühmayer an besagtem Strandbad in Klagenfurt am Wörthersee und man muss sagen: auch er machte wahrlich „bella figura“ als der braungebrannteste Schwimmer des Klagenfurter Schwimmvereins (zweiter von rechts):

Strandbad Klagenfurt 1959; Originalfoto aus Familienbesitz (via Johannes Kühmayer, Wien)

Heute, über 60 Jahre später, ist Johannes Kühmayer – wie ich aus unserem Schriftwechsel weiß – immer noch voller jugendlichem Feuer und hat sich die gute Figur in jeder Hinsicht bewahrt.

Nun wüsste er gern, was aus dem Austro-Daimler 6-17 geworden ist, der einst vor dem Strandbad Klagenfurt abgelichtet wurde und nach dem Krieg einen neuen Besitzer fand.

Gibt es unter den wenigen überlebenden Exemplaren vielleicht eines, in dessen automobiler Vita der Name der Familie Kühmayer erscheint?

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Begegnungen auf der Autobahn – im Hansa 1700

Nachdem der Sommer 2021 in unseren Gefilden unterkühlt und regenreich war – wohl die Revanche für die reichlichen Sonnenstunden der letzten Jahre – steht pünktlich zum 21. September der Herbst vor der Tür.

Dazu passend habe ich eine Fotoserie herausgesucht, die ebenfalls im September entstand – allerdings vor über 80 Jahren. So verlockend die Cabriolets und Cabriolimousinen der 1930er Jahre auch sind, ist dieses Mal ein geschlossener Aufbau die bessere Wahl.

Das geht keineswegs auf Kosten des Aussehens – ganz im Gegenteil. Vielmehr gehen wir mit einem der für mich attraktivsten deutschen Wagen der oberen Mittelklasse auf die Piste – in einem Hansa 1700.

Mit seinem 40 PS leistenden Sechszylinder war das 1934 vorgestellte Modell des mittlerweile zum Borgward-Konzern gehörenden Bremer Traditionshersteller nicht nur in punkto Fahrkultur attraktiv.

Auch die gelungene Form des nur als Zweitürer verfügbaren Hansa ist zu loben – und das sogar in der sonst häufig problematischen Rückansicht:

Hansa 1100 oder 1700; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ob es sich beim vorliegenden Exemplar mit Zulassung im Landkreis Stolp (Pommern) um das Sechszylindermodell 1700 oder den parallel verfügbaren Vierzylindertyp 1100 mit 28 PS handelte, lässt sich nicht sagen – aus dieser Perspektive sahen beide Ausführungen identisch aus.

Jedenfalls kommt hier die elegante Coupékarosserie sehr schön zur Geltung, deren Dachlinie an englische Vorbilder erinnert und dessen schräg nach hinten geneigte B-Säule (der Türabschluss also) bei deutschen Wagen einzigartig war.

Nur selten hat man den Fall, dass sich ein Vorkriegsauto aus diesem Blickwinkel auf Anhieb identifizieren lässt, obwohl keine Embleme oder Schriftzüge auf Marke und Typ hinweisen.

Schwieriger wird es indessen, wenn man sich im Wagen selbst befindet und nach vorne hinausschaut:

Hansa 1700 auf der Autobahn; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die vollverchromten Scheinwerfer könnten zu allem Möglichen gehören – beim Hansa 1700 waren sie Serienausstattung, wie es scheint (siehe die Fotos in meiner Hansa-Galerie).

Dass wir uns hier tatsächlich in einem Hansa 1700 befinden, werden wir gleich sehen. Doch um dem Titel „Begegnungen auf der Autobahn“ gerecht zu werden, gilt es hier, auch dem Wagen Aufmerksamkeit zu schenken, der uns gerade links überholt hat und nun der beachtlichen Steigung entgegenstrebt, die vor uns liegt.

Die Gestaltung der Heckpartie mit verchromten Kofferraumscharnieren und aufgesetztem Ersatzrad spricht stark für einen Opel ab Mitte der 1930er Jahre. Die Fähigkeit, den Hansa zu überholen, lässt eigentlich nur den Typ „2 Liter“ mit Sechszylindermotor in Betracht kommen. Wie der Hansa 1700 war der Opel für 100 km/h Spitze gut.

Kommen wir nun aber zu einer aussagefähigeren Ansicht unseres Fortbewegungsmittels, das uns dergleichen „Begegnungen auf der Autobahn“ ermöglicht:

Hansa 1700; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir den Wagen nicht ganz vollständig, aber aus vorteilhafter Pespektive.

Kühler, Frontscheibe und B-Säule sind im selben Winkel geneigt und geben dem knapp 1,1 Tonnen schweren Wagen eine windschnittige Anmutung. Die fünf nebeneinander liegenden Luftklappen in der Haube finden sich nur beim Typ 1700, beim etwas kürzeren Vierzylindermodell Hansa 1100 waren es deren vier.

Die profilierten Radkappen unterscheiden diese Ausführung von den frühen Exemplaren mit glatten Radkappen, während der in den unteren Ecken spitz zulaufende Frontscheibenrahmen gegen die späte Ausführung spricht (abgerundeter Scheibenrahmen).

Jetzt aber runter vom Rastplatz und vorwärts zur nächsten Begegnung auf der Autobahn. Eine Weile regnet es zwischendurch und wir reduzieren die Geschwindigkeit, da wir noch keine Erfahrung damit haben, wie sich der Hansa auf dem neuen Beton der Autobahn bei Nässe fährt.

So können wir rechtzeitig bremsen, als wir an der nächsten Raststelle eine junge Dame allein mit einem schweren Motorrad erblicken – vielleicht benötigt sie ja Hilfe. Doch rasch klärt sich die Situation, sie macht bloß eine kurze Pause:

Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wir nutzen die Gelegenheit zu einem kurzen Erfahrungsaustausch. „Wie fährt sich denn Ihre Maschine auf der Autobahn, ist sie vollgasfest?“ wollen wir wissen. „Ganz ausgezeichnet„, erwidert die Motorrad-Amazone.

Meine 350er NSU schafft bis zu 110 Stundenkilometer. Lasse ich sie mit hundert laufen, sind die Vibrationen nicht so stark und trotzdem komme ich schneller voran als viele Autos. Bloß der Regen ist ein wenig lästig.

Donnerwetter, junge Frau, unseren Respekt haben Sie. Wo geht die Reise denn hin? Haben Sie noch weit zu fahren?

„Naja, eine Weile werde ich noch unterwegs sein. Ich will in Hildesheim ankommen, bevor es dunkel wird, bis dahin sind noch ein paar Steigungen zu absolvieren. – Würden Sie mir einen Gefallen tun und ein Foto von mir machen? Ich habe meine eigene Kamera dabei.

Sie zieht eine brandneue Contax-Kleinbildkamera aus ihrer Montur, stellt Blende und Belichtung ein und reicht sie hinüber. „Hier können sie scharfstellen„, erklärt sie uns, die wir dieses Wunderwerk nur vom Hörensagen kennen.

Und machen Sie bloß nichts Langweiliges„, lacht sie charmant. „Sie haben doch sicher von der Frauenbewegung gehört, der fühle ich mich zugehörig. Ich laufe jetzt von hinten auf die NSU zu und wenn ich das Hinterrad erreiche, drücken Sie den Auslöser, ja?

Etwas irritiert von dieser selbstbewussten Anweisung nehmen wir die Kamera in Empfang und tun, wie uns geheißen – leider verwackeln wir vor Aufregung etwas, aber immerhin:

Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So eine Situation darf man nicht verstreichen lassen, auch wenn man von Kopf bis Fuß auf Vorkriegsautos eingestellt ist. Fast hätten wir vergessen, die Contax zurückzugeben, so sehr hat uns diese Begegnung auf der Autobahn mitgenommen.

Dann tritt die junge Dame die NSU gekonnt an, legt den ersten Gang ein, dreht den Einzylinder etwas hoch, lässt die Kupplung schnalzen und donnert grußlos davon – ach, hätten wir uns doch ihre genaue Adresse geben lassen.

So könnte es gewesen sein im September 1937, als diese Fotos entstanden. Vermutlich war es aber etwas anders, denn die Fotos des Hansa und der NSU stammen aus einer Serie, die mit derselben Kamera aufgenommen wurde, mit ein paar Tagen Abstand.

Ob die Besitzer des Hansa und der NSU ein und dieselben Personen oder miteinander bekannt waren, wird sich nicht mehr in Erfahrung bringen lassen. Reizvolle Dokumente von Begegnungen auf der Autobahn sind es allemal.

Doch ganz am Ende bin ich noch nicht. Auch dieses Foto gehört zur selben Serie:

Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist eine Aufnahme, die man nicht groß kommentieren muss – so schön kann eine Autobahn sein, auf der nur Vorkriegsautos verkehren, vorneweg ein Adler.

Wer auch immer dieses Foto gemacht hat, muss ein Mensch mit Blick für malerische Situationen gewesen sein, zu einer Zeit, in der sich düstere Wolken am Himmel über Europa zusammenzuziehen begannen.

Schließen möchte ich mit der letzten Aufnahme aus dieser Serie, die nochmals dem Titel „Begegnungen auf der Autobahn“ gerecht wird. Wahrscheinlich wurde dieses Foto bei einem weiteren Halt des Hansa 1700 am Straßenrand gemacht:

Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir einen der populären DKW-Zweitaktwagen abwärtssausen. Auch als DKW-Fahrer war man stolz auf die Zugehörigkeit „seiner“ Marke zur legendären Auto-Union und investierte gern einige zusätzliche Reichsmark in Zubehör wie die Reserveradabdeckung.

Wer angesichts der vier Ringe an Audi denkt, liegt nicht ganz verkehrt, sind diese doch für die nach dem Krieg neu geschaffenen Marke in Anlehnung an den einstigen Mutterkonzern als Emblem ausgewählt worden – ein schönes Beispiel für die Kontinuität von Image.

Was ist noch zu dieser letzten „Begegnung auf der Autobahn“ aus der heute vorgestellten Serie zu sagen? Nun, dieses Foto ist das einzige, auf dem der Aufnahmeort vermerkt ist: „Autobahn München-Salzburg“ ist in feiner Frauenhandschrift umseitig vermerkt.

Und noch etwas steht dort, was diese Aufnahme besonders macht. Denn als einzige entstand sie nicht im Herbst 1937, sondern Ende Juni 1939, gut acht Wochen vor Beginn des 2. Weltkriegs. Und das Fotogeschäft Wesemüller, in dem der Abzug gemacht wurde, befand sich in Hildesheim – dort, wo einst unsere Motorrad-Amazone zuhause war…

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Zeitreise in’s „Verlorene Land“ – im Steyr Typ XX

Heute habe ich das Vergnügen, Sie auf eine faszinierende Reise mitzunehmen – in einem dafür vorzüglich geeigneten Automobil österreichischer Abkunft. Zugleich ist diese Reise ein Stück Familiengeschichte und eine Erinnerung an das „Verlorene Land“.

Diese Unternehmung habe ich der Großzügigkeit von Johannes Kühmayer aus Wien (Jg. 1941) verdanken, der uns bereits bei anderer Gelegenheit berührende Einblicke in das Leben seiner weitverzweigten Familie in der Vorkriegszeit gewährt hat (hier und hier).

In Wien beginnt auch unsere Zeitreise, dort führte einst eine gewisse Familie Pucher ein traditionsreiches Pelzgeschäft:

Originalfoto aus Familienbesitz mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

In diese Familie hatte eine Tante von Johannes Kühmayer eingeheiratet, und aus der familiären Verbindung ergab sich, dass sein Taufpate der Familie Pucher entstammte.

Nun ist ein Patenonkel nicht immer jemand, der einem sein Leben lang nahesteht, oft geht der Bezug zueinander verloren. Doch hier war es anders und so ist für Johannes Kühmayer das Verhältnis zur Familie seines Taufpaten ein inniges geblieben.

So kommt es auch, dass er heute über die Fotos verfügt, die auf einer Reise der Puchers in den 1930er Jahren ins „Verlorene Land“ künden. Was es mit dem Ausdruck auf sich hat? Nun, das verrate ich später.

Jedenfalls beginnt die Reise wie gesagt in Wien und führt zunächst zur Sommerfrische der Puchers im beschaulichen Seewalchen am Attersee (Oberösterreich). Dort lässt man es sich eine Weile gutgehen und hält vor der Weiterreise noch diese Situation fest:

Originalfoto aus Familienbesitz mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

Das Originalfoto habe ich nachkoloriert, aber die „müden“ Farben entsprechen recht gut dem, was einer der damals brandneuen Diafilme an Ergebnis geliefert hätte.

Im Folgenden wechseln sich Bilder in Schwarz-Weiß und in Farbe ab – sodass schon von daher für Abwechslung gesorgt ist.

Über das Transportmittel der Puchers habe ich bislang noch gar nichts gesagt – höchste Zeit, dies nachzuholen! Es handelte sich um einen Steyr des 1928 eingeführten modernen Typs XX. Hier sehen wir die Puchersche Limousine auf der Weiterfahrt nach Salzburg:

Originalfoto aus Familienbesitz mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

Dieses Foto wird den beachtlichen Dimensionen und ausgewogenen Proportionen des Wagens nicht ganz gerecht – später folgen noch bessere Aufnahmen.

Jedenfalls handelte es sich beim Steyr XX noch in den 1930er Jahren um ein durchaus konkurrenzfähiges Automobil. Sein 2,1 Liter messender Sechszylindermotor mit obenliegender Nockenwelle leistete solide 40 PS, die Bremsen waren servounterstützt.

Für das Jagen in der Ebene war dieser Wagen nicht gemacht – die Höchstgeschwindigkeit lag unter 90 km/h. Doch für die anspruchsvolle Topographie Österreichs war er absolut geeignet.

Folgende (wiederum nachkolorierte) Aufnahme, die das Hochgebirgsmassiv der Hohen Tauern im Hintergrund erkennen lässt, ist eine Vorahnung dessen, was dem Steyr der Puchers im Lauf der Reise abverlangt werden sollte:

Originalfoto aus Familienbesitz mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

Doch bevor es wirklich hoch hinausgeht, stehen erst noch Stationen in Zell am See und in Innsbruck auf dem Programm der Puchers, man hat es überhaupt nicht eilig.

Unterdessen hat der Steyr tüchtig Staub aufgewirbelt auf schmalen, kaum befestigten Wegen. Die Insassen können dabei die Vorzüge des geschlossenen und bequemen Innenraums genießen, während die Landschaft in ruhigem Tempo außen vorbeizieht.

Wo es sich anbietet, wird haltgemacht und mit sicherem Blick für malerische Situationen ein Foto mit reizvollem Bildaufbau angefertigt:

Originalfoto aus Familienbesitz mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

Natürlich wissen die Puchers auch die Schönheit der vom Menschen kaum berührten Landschaft zu schätzen, unter anderem deshalb hat man sich ja aus dem Getriebe der Metropole hinaus auf’s Land gemacht.

So entstehen unterwegs weitere gekonnte Aufnahmen wie diese, während der Steyr und seine Passagiere dezent im Hintergrund bleiben – man weiß als Ästhet und zu einer gewissen Demut erzogener Mensch, wann der Natur die ganze Bühne gebührt:

Originalfoto aus Familienbesitz mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

Freilich kommt auch der Steyr immer wieder zu seinem Recht – denn ohne den treuen Blechkameraden wäre ein solches Erlebnis kaum zu haben gewesen.

So stellt man zur Abwechslung auch einmal das Automobil in Pose und diesmal wird deutlich, was für ein großzügiges und geschmackvoll gestaltetes Fahrzeug der Steyr Typ XX war:

Originalfoto aus Familienbesitz mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

Allmählich nähern wir uns nun dem „Zielgebiet“, welches von zunehmenden Steigungen und Bergpässen geprägt ist, während man die Baumgrenze hinter sich lässt.

Im Hintergrund lockt die Majestät schneebedeckter Berge und immer wieder wird Halt gemacht, um die grandiose Szenerie außerhalb des Autos zu genießen und für’s Fotoalbum festzuhalten – im vorliegenden Fall haben wir es mit den Ötztaler Alpen zu tun:

Originalfoto aus Familienbesitz mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

Der erfahrene Automobilist hat unterdessen Vorsorge getroffen und – bevor es ernst wird für den Kühlhaushalt des Wagens – noch einmal Wasser randvoll eingefüllt.

Konzentriert bei dieser Arbeit und – so meine ich – mit einer gewissen Vorfreude sehen wir hier Wilhelm Pucher, den Vater des Taufpaten von Johannes Kühmayer:

Originalfoto aus Familienbesitz mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

Der stabilisierende Griff mit der linken Hand an das Ende der Wasserkanne verrät, dass Wilhelm Pucher gewohnt war, unterwegs alle nötigen Arbeiten am Wagen selbst zu verrichten – das gehörte einst zum Stolz des Selbstfahrers.

Doch was hatten die Puchers sich eigentlich vorgenommen auf ihrer Reise, was solche Vorbereitungen verlangte?

Wie bereits erwähnt, hatte man eine Rundtour durch das „Verlorene Land“ geplant und die folgende Karte, die sich zusammen mit diesen Fotos erhalten hat, verrät nun endlich, was damit (zumindest teilweise) gemeint war:

Originaldokument aus Familienbesitz mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

Das „Verlorene Land“, welches man sich zumindest für die Dauer dieser Reise gewissermaßen zurückerobern wollte, war Südtirol.

Mit der Aussicht auf Annektion dieser deutschsprachigen Region Österreichs hatten die alliierten Kriegsgegner 1915 dem bis dato unbeteiligten Italien die Aggression gegen Österreich/Ungarn schmackhaft gemacht.

So wurde Italien 1918 (wie übrigens auch Rumänien) dafür belohnt, einen verlustreichen Krieg im Interesse der Alliierten geführt zu haben. Die Annektion Südtirols sorgte bis weit in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg für heftige Spannungen.

In den 1930er Jahren war nicht nur die Erinnerung an die Abtrennung Südtirols von Österreich noch lebendig, präsent war auch die Italienisierungspolitik unter Mussolini, die sich nicht in der bloßen Umbennung uralter Ortsnamen erschöpfte.

Beispiele dafür sind in der Reisedokumentation der Puchers festgehalten. So fuhr man mit dem Steyr erst über Sterzing (ital. „Vipiteno“) nach Bozen (ital. „Bolzano“), um anschließend die Straße hoch zum Karerpass (ital. „Passo di Costalunga“) zu nehmen.

Vom Pass aus fotografierte man den grandiosen Latemar-Gebirgsstock:

Originalfoto aus Familienbesitz mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

Einen Teil des Latemar-Massivs sehen wir gleich wieder.

Denn so wie man einerseits die grandiose Natur zu würdigen wusste, wollten die Puchers – die diese Reise zusammen mit einem weiteren Paar unternahmen – auf der Höhe des Karerpasses in 1.750 Meter Höhe auch ihrem wackeren Wagen ein angemessenes Denkmal setzen, und sich selbst versteht sich:

Originalfoto aus Familienbesitz mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

Der großgewachsene Wilhelm Pucher lässt hier den Steyr unverdient klein erscheinen, dabei hat er die ganze Arbeit geleistet, um dieses Bild zu ermöglichen. Unterdessen scheint Wilhelm Pucher bereits das nächste Ziel ins Visier zu nehmen.

Allerdings dürfen wir uns dieses stattliche Mannsbild nicht nur als unermüdlichen Kilometerfresser vorstellen. Vielmehr wissen wir, dass Wilhelm Pucher eine andere, den schönen Künsten zugewandte Seite hatte, und wie es der Zufall will, ist das an dieser Stelle auf wunderbare Weise dokumentiert.

Denn zwischen den Reisefotos im Album der Puchers, welche die Fahrt in’s „Verlorene Land“ illustrieren, findet sich ein von kundiger Hand am Wegesrand gezaubertes Aquarell:

Originaldokument aus Familienbesitz mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

Dieses Original hat Wilhelm Pucher selbst am unweit gelegenen Karersee (ital. „Lago di Carezza“) direkt vor Ort geschaffen – eine ausgezeichnete Arbeit, die nur mit viel Erfahrung, sicherem Blick und handwerklichem Können entstanden sein kann.

Kennen Sie jemanden, der heutzutage als Amateur etwas Derartiges auf Reisen gewissermaßen im Vorübergehen anfertigen könnte?

Sehr wahrscheinlich nicht und darin spiegeln sich die schleichenden kulturellen Verluste wider, die das alte Europa auf fast allen Ebenen zu verzeichnen hat, während radikal antibürgerliche Kulturmarxisten immer weniger verdeckt auf dem Vormarsch sind.

Möglicherweise ebenfalls am Karersee entsteht auf der Reise der Puchers auch dieses stimmungsvolle Stilleben:

Originalfoto aus Familienbesitz mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

Wie die rot markierte Route auf der oben gezeigten Karte der Dolomitenregion erkennen lässt, hatten die Puchers nach der Bewältigung des Karerpasses noch einiges vor. Wir dürfen davon ausgehen, dass der Steyr XX auch dabei ein zuverlässiger Begleiter war.

Doch leider scheinen von den zahlreichen weiteren Stationen keine Fotos überliefert zu sein – es sei denn, Johannes Kühmayer kann hier noch etwas aus dem Hut zaubern.

Wir können aber sicher sein, dass den Puchers eine glückliche Heimkehr von ihrer Fahrt ins „Verlorene Land“ und in die Dolomitenregion beschieden war.

Stellvertretend dafür, was eine solche Reise im eigenen Automobil für ein Erlebnis war, das den Beteiligten grandiose Eindrücke bescherte und sie einander näherbrachte, mag zum Abschluss diese Aufnahme stehen – sie zeigt Wilhelm Pucher und seine Frau Anna in einer innigen Pose – vor ihrem famosen Steyr Typ XX!

Originalfoto aus Familienbesitz mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Rendezvous zweier Welten – eine Reifenpanne um 1920

Wie – ein neuer Blogeintrag ganz ohne Hinweis auf Hersteller und Typ des Vorkriegsautos, das präsentiert wird? Richtig, das ist ein Novum.

Doch bisweilen gibt es Wichtigeres als Hersteller und Typ eines Vorkriegsautos – selbst in einem Blog, der ganz diesem Thema gewidmet ist.

Das ist dann der Fall, wenn man es mit einem Zeitzeugen besonderer Art zu tun hat – festgehalten in einer Situation, die typisch für das Aufeinandertreffen mehrerer Welten in der Frühzeit des Automobils ist.

Die Gelegenheit dazu verdanke ich Herrn Johannes Kühmayer aus Wien, dem die Affinität zum Automobil wohl in die Wiege gelegt wurde – neben einigem anderen. Erst kürzlich haben wir erstmals Bekanntschaft mit ihm gemacht (hier).

Sehr früh hatte sich Johannes Kühmayer bereits den ersten eigenen Wagen zugelegt. Dieser Roadster mit verlässlichem Tretantrieb und sportlichen Drahtspeichenrädern war ganz nach dem Geschmack des Buben, der hier im blütenweißen Hemd posiert:

Foto der 1940er Jahre mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

Das weiße Hemd ist hier nicht nur Sinnbild jugendlicher Unschuld, es nimmt auch vorweg, dass der Automobilist auf den staubigen Landstraßen der Frühzeit mit einem weißen Hemd stets gut gekleidet war.

Im Fall einer Panne konnte man damit zusätzlich brillieren: Entweder erwarb man sich dabei tüchtige Öl- und Fettflecken, die den begehrten verwegenen Look ergaben, mit dem sich der Autler von einst über die Masse der Fußgänger und Kutscheninsassen erheben konnte.

Oder es gelang einem, sich während der Reparatur die sprichwörtliche „weiße Weste“ zu bewahren, und man fiel am Ziel allenfalls durch schmutzige Finger unangenehm auf.

Bei diesem wunderbaren Foto, das uns Johannes Kühmayer aus seinem Familienalbum spendiert hat, scheint es den beiden Hemdträgern gelungen zu sein, einen Totalschaden an ihrem Outfit zu vermeiden – dank hochgekrempelter Ärmel.

So stilvoll bewältigten Männer von Welt einst Defekte an ihrem Benzinmobil, bei denen heute meist der ADAC-Engel einspringen muss:

Reifenpanne um 1920; Foto mit freundlicher Genehmigung von Johannes Kühmayer (Wien)

Ähnliche Situationen sind natürlich in unzähligen Exemplaren dokumentiert, doch hier haben wir es mit einer besonders reizvollen Aufnahme zu tun.

Dass ich den Wagen – eine typische Chauffeur-Limousine aus der Zeit vor 1910 – nicht genau identifizieren kann, ist dabei verkraftbar. Ich vermute anhand einiger Details, dass wir es mit einem Daimler „Mercedes“ von ca. 1905 zu tun haben – vielleicht weiß jemand mehr.

Der eigentliche Charme liegt darin, dass dieses Automobil noch ein Repräsentant der Kaiserzeit ist, das Foto selbst aber erst nach der großen Zeitenwende des 1. Weltkriegs entstand, wie wir zuverlässig wissen. Schon insofern treffen hier zwei Welten aufeinander.

Später als 1919/20 wird sich die Aufnahme kaum datieren lassen. Denn ab den frühen 1920er Jahren setzte bei der Damenmode ein großer Umschwung ein – Röcke und Kleider gewährten „Beinfreiheit“ und die geschlossenen Blusen wichen größerer Offenherzigkeit.

Die Dame, die wir hier sehen, geht konzentriert einer nicht bekannten Tätigkeit nach. Sie selbst ist dagegen sehr wohl bekannt – es handelt sich um Auguste Kühmayer (1888-1985), die Stieftante von Johannes Kühmayer:

Neben ihr steht der leider namentlich nicht mehr bekannte Chauffeur der Familie – wohl mit dem beschädigten Reifen, der nach Ersatz verlangt hatte.

Dazu war bei dieser Konstruktion offenbar der Wechsel von Mantel und Schlauch erforderlich gewesen – wie es scheint, bestand das Ersatzrad hier nicht aus einem auf der Felge vormontierten Reifen, der lediglich an das Rad angeschraubt werden musste.

Das passt gut zu einem Detail, das auf diesem Foto abgelichtet ist – der Handluftpumpe, mit der man nach Montage von Reifen und Schlauch den erforderlichen Luftdruck erzeugte. Das war Aufgabe des jungen Mannes, der sich hier entschlossen zeigt, mit anzupacken und die Situation zu meistern.

Dabei hat er sich nicht gescheut, nicht nur den Ruin des blütenweißen Hemds, sondern auch der hellen Sommerhose in Kauf zu nehmen:

Wer war nun dieser braungebrannte Bursche mit der verwegen in den Nacken geschobenen Ballonmütze?

Auch das wissen wir ganz genau: Es war der Vater von Johannes Kühmayer. Sein Geburtsjahr (1903) passt perfekt zur Datierung des Fotos – der junge Richard Kühmayer dürfte hier 16 oder 17 Jahre alt gewesen sein.

Von seinem Stil und seiner Energie kann sich die heutige Jugend eine Scheibe abschneiden – und sei es nur in Form eines geschmackssicheren Auftritts in Papas altem Daimler anlässlich heutiger Veteranenveranstaltungen. Leider klappt das hierzulande nur selten.

Nicht vergessen wollen wir an dieser Stelle die junge Dame, die uns über Richard Kühmayers Kopf anlächelt, als sei so eine Situation das Selbstverständlichste der Welt. Das war nämlich seine acht Jahre ältere Schwester Hildegard.

Wer genau hinsieht, erkennt auch in ihrer Hand ein Werkzeug – eventuell der Schlüssel zur Betätigung des Wagenhebers. Auch für sie wird die Sache vermutlich nichts Neues gewesen sein – Reifenpannen waren an der Tagesordnung und ein beliebtes Fotomotiv.

Auch Hildegard Kühmayer steht damit für das titelgebende „Rendezvous zweier Welten“, in dem Frauen und Technik ganz selbstverständlich zusammentrafen – das war das „Schicksal“ derer, die sich überhaupt den Luxus eines selbstfahrenden Untersatzes leisten konnten.

Doch noch in einer weiteren Hinsicht ist der Titel „Rendezvous zweier Welten“ gerechtfertigt. Denn zu dieser hübschen Momentaufnahme aus dem Alltag betuchter Städter haben sich neugierige Vertreter der Landbevölkerung hinzugesellt:

Fotoscheu scheint die junge Bäuerin nicht gewesen zu sein, die hier barfuß an der staubigen Piste steht. Sie scheint sich fast ein wenig in Pose zu werfen, während ihre Nachbarin skeptisch dem Treiben der Städter zuschaut.

Diese Frauen hatten ein Arbeitspensum und Alltagshärten zu absolvieren, das heute kaum vorstellbar ist (die Männer auf dem Land natürlich ebenfalls). Doch wirken sie nicht unglücklich oder verhärmt, auch wenn sich ihr Leben vermutlich in denselben bescheidenen Verhältnissen vollendete, in denen sie großgeworden waren.

Davon wissen ihre heutigen Geschlechtsgenossinen vermutlich nichts, die im 21. Jahrhundert immer noch meinen, furchtbar benachteiligt zu sein, anstatt ihr Glück (worin auch immer es besteht) entschlossen und anstrengungsbereit in die eigenen Hände zu nehmen – es steht ihnen wirklich alles offen.

Auch das mag eine der Botschaften dieses wunderbaren Dokuments sein, das gut 100 Jahren wohlbehütet überdauert hat, um nun erstmals einer breiten Öffentlichkeit die Geschichte von einer Reifenpanne zu erzählen, die zum Rendezvous zweier Welten wurde.

Schließen möchte ich mit dem Versuch, der Situation von anno 1920 noch ein wenig Farbe einzuhauchen. Das ist einigermaßen gelungen, nur dem Teint des jungen Richard Kühmayer hat die moderne Technik keine Gerechtigkeit zuteil werden lassen. Ich glaube, er kommt aber auch so noch gut genug weg…

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Das erste Auto im Dorf! Ein Adler von 1910

Der August 2021 nähert sich seinem Ende – allmählich wird es Zeit für den Fund des Monats. Doch vorher will ich noch eine kleine Sensation präsentieren.

„Klein“ trifft es genau und „Sensation“ an sich auch, wenngleich wir 111 Jahre in die Vergangenheit zurückreisen müssen, um die richtige Perspektive dafür zu gewinnen.

Dass wir heute auf diese Zeitreise gehen können, das verdanke ich Martina Müllender aus Montabaur, die übrigens feine Street Photography betreibt. Sie fand bei der Sichtung von Fotos aus Besitz ihrer Familie dieses wunderbare Dokument:

Adler Kleinauto von 1910; Originalfoto aus Familienbesitz (Martina Müllender)

Das Schöne an diesem Foto ist nicht nur der Adler, der uns hier entgegenkommt, sondern die Tatsache, dass sich noch genau sagen lässt, wann und wo die Aufnahme entstand, sogar wer den Wagen besaß.

Die Aufnahme angefertigt hat ein Urgroßonkel von Martina Müllender – die mit ihrem Beruf offensichtlich eine alte Familientradition fortsetzt. Als Aufnahmedatum wurde damals „1910“ auf dem Abzug vermerkt.

Das passt perfekt zu dem abgelichteten Auto – denn 1910 markiert das Jahr, in dem die Wagen des Frankfurter Herstellers erstmals einen „Windlauf“ erhielten, also ein Blech, das für einen strömungsgünstigen Übergang von der Motorhaube zur Frontscheibe sorgt.

Vor Einführung dieses Elements stieß die Motohaube abrupt auf die senkrechte Schottwand, auf der die Windschutzscheibe montiert ist.

Der Windlauf resultierte dagegen erstmals in den fließenden Linien vom Kühler bis zum Passagierabteil, die bis heute das Erscheinungsbild des Autos bestimmen. Die leicht schräggestellte Frontscheibe passt perfekt zu diesem modernen Gestaltungselement:

Wenn wir den zum Aufnahmezeitpunkt praktisch fabrikneuen Adler zeitlich so genau einordnen können, stellt sich die Frage, ob man auch den Typ näher bestimmen kann.

Nun, das wird schwierig, weil sich bei den frühen Adler-Automobilen gleichzeitig gebaute Typen bestenfalls in den Proportionen unterschieden. Selbst bei weitgehend identischen Abmessungen waren mit ein und derselben Karosserie oft mehrere Motorisierungen verfügbar, auf die äußerlich selten etwas hinwies.

Hinzu kommt, dass die Motorisierung in der laufenden Produktion wiederholt verbessert wurde, ohne dass damit sichtbare Änderungen einhergingen.

In historischen Dokumenten – also zeitgenössischen Broschüren und Reklamen – erwähnte Motorisierungen stehen somit oft nicht für eigenständige Typen, sondern stellen eher Momentaufnahmen dar.

Im vorliegenden Fall bestätigt sich das: Dieser Adler von 1910 ist von der Größe her als ein Wagen der Kleinwagenlinie dieser Marke einzuordnen. Damit kommen gleich mehrere Ausführungen in Frage, die gleichzeitig bzw. in kurzer Abfolge gebaut wurden.

Die Palette reicht von 5 bis 7 Steuer-PS, womit Hubräume von 1,3 bis 1,8 Liter einhergingen. Die verfügbare Spitzenleistung dieser kompakten Vierzylinderaggregate reichte von 11 bis 17 PS.

Konstruktive Unterschiede gab es dabei so gut wie keine, lediglich die Spur (1,25 Meter bzw. 1,30 Meter) und der Radstand (2,40, 2,50 bzw. 2,70 Meter) unterschieden sich. Es liegt auf der Hand, dass wir die Motorisierung dieses Adlers unmöglich bestimmen können.

Wir können uns dem Wagen dennoch auf andere Weise nähern, im ersten Schritt dadurch, dass wir den Adler und sein Umfeld mit etwas Farbe in die Gegenwart holen:

Im zweiten Schritt machen wir uns mit dem Umfeld vertraut. Überliefert ist, dass die Aufnahme außerhalb von Litterscheid (Gemeinde Ruppichteroth) entstand und den Wagen zeigt, als er auf das Dorf zufuhr.

Nach Sichtung der heutigen Topographie vermute ich, dass der Adler aus Nordnordost-Richtung hangaufwärts kam und kurz davor war, den Ortsrand zu erreichen.

Wer war das nun, der anno 1910 mit seinem Adler Kleinauto gen Litterscheid unterwegs war? Auch das wissen wir glücklicherweise.

So ist überliefert, dass der Besitzer ein gewisser Dr. Eschweiler war, der damals das erste Automobil in das Dorf lenkte. Das war die kleine Sensation, von der ich eingangs sprach.

Auch wenn das Auto selbst nichts Ungewöhnliches darstellt, ist es bemerkenswert, dass wir nach so langer Zeit immer noch Zeugen dieses Ereignisses sein können…

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Ganz schön sportlich: Röhr „Junior“

Die Freunde der kurzlebigen, aber hochinteressanten deutschen Marke Röhr werden beim Titel meines heutigen Blog-Eintrags die Augen verdrehen.

Tatsächlich ist „sportlich“ vermutlich nicht das Erste, was einem zum ab 1933 gebauten Röhr „Junior“ einfällt – und ein „echter“ Röhr war er obendrein auch nicht.

Außer dem Markennamen hatte er nichts gemein mit den genialen Entwürfen von Hans-Gustav Röhr und Joseph Dauben, die in den späten 1920er Jahre vor allem mit einzigartigen Fahrwerksqualitäten Furore machten.

Doch leider vernachlässigte man (wie des öfteren bei deutschen Herstellern jener Zeit), dass die Autos auch Geld einspielen müssen. So sollte nach dem Ausscheiden des Teams Röhr/Dauben die Lizenzfertigung des Tatra 75 der rettende Strohhalm für die Firma werden.

Mit ein paar Modifikationen bot man die bewährte Tatra-Konstruktion als Röhr „Junior“ an und stieß damit auch auf ein wohlwollendes Publikum, wenngleich man wiederum einer wirtschaftlichen Produktion nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Infolgedessen blieb der Röhr Junior eine Nischenerscheinung – die Produktion endete 1935. Umso erfreulicher ist jede „neu“ aufgetauchte zeitgenössische Aufnahme davon – und heute sind es sogar drei, die ich vorstellen darf.

Dabei wird ganz am Ende auch deutlich, was „ganz schön sportlich“ war – der 30 PS leistende Wagen war es jedenfalls ersichtlich nicht:

Röhr „Junior“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir ein Exemplar mit Zulassung im Raum Magdeburg, das einst im Harz in der Nähe des Ausflugsziels Roßtrappe Halt gemacht hatte.

Ob man die Hakenkreuzflagge am Stander aus politischer Überzeugung präsentierte oder aus Opportunismus oder schlicht weil sie seinerzeit das deutsche Hoheitszeichen war, können wir nicht wissen – alles davon ist möglich.

Definitiv mit keiner Organisation des nationalsozialistischen Staats zu tun hatte jedenfalls das Abzeichen, das der Mann auf der Brust seines Hemds trägt und das in der kolorierten Fassung etwas besser zu erkennen ist – kann jemand etwas dazu sagen?

Das Paar neben dem Röhr scheint mehr mit sich beschäftigt gewesen zu sein als mit der Fotosituation, die sie vielleicht gar nicht bemerkten. Was mag er ihr gerade Unterhaltsames erzählt haben, das sie zum Schmunzeln bringt und mit dem rechten Bein tänzeln lässt?

Auch hier können wir nur mutmaßen: „Ich weiß ja, dass ich Dir nicht genug bin, Else, mehr als den Röhr kann ich Dir aber nicht bieten. Aber sei ehrlich, die anderen Männer mit ihren dicken Mercedes- und Horch-Wagen sind doch alle feiste Fabrikanten, die nicht halb so gut in Form sind wie ich. Da musst Du Dich entscheiden…“

Auf der nächsten Aufnahme scheint Else sich schon mit dem braven Röhr angefreundet zu haben:

Röhr „Junior“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

„Du hast ja recht, Fritz. So ein Röhr hat auch seine guten Seiten. Schau‘ wie gut ich darauf sitzen kann – bei einem Mercedes oder Horch wäre das nicht halb so bequem. Und Du weißt ja, wie wichtig mir der Sport ist“, so könnte Else hier gescherzt haben.

„Oja, Deine sportlichen Neigungen gefallen mir ganz besonders gut, und der Röhr eignet sich hervorragend für gymnastische Übungen“, könnte der schwer verliebte Fritz angesichts der unverhofften Kühlerfigur seines Röhr entgegnet haben.

Dass der Röhr mit seinem luftgekühlten Boxermotor eigentlich gar keinen Kühler und damit auch keine Kühlerfigur nötig hatte, übergehen wir an dieser Stelle. Immerhin hatte man ihm im Röhr-Werk in Ober-Ramstadt (bei Darmstadt) eine Kühlerattrappe verpasst.

Damit sah der Röhr aus wie ein ganz gewöhnliches Auto, was er freilich nicht war – die Tatra-Konstruktion bot manche Besonderheit, die sie für Kenner reizvoll macht.

Wie gesagt: sportlich war dieser Mittelklassewagen nicht, doch auf der letzten Aufnahme dieser kleinen Reihe erweist sich, dass „ganz schön sportlich“ im Titel dennoch zutrifft:

Dieses Foto wurde bei anderer Gelegenheit aufgenommen, wie die abweichende Kleidung der beiden verrät, doch stellt sie die perfekte Abrundung dar.

„Der Röhr steht mir ganz ausgezeichnet, findest Du nicht Fritz? Wir haben schon enge Freundschaft geschlossen und er lässt alles mit sich machen.“

Der gute Fritz hatte unterdessen gar keine Augen für das Automobil, sondern war sichtlich anderweitig gefesselt. Dennoch gelang es ihm, einigermaßen die Contenance zu wahren:

„Ich bin ganz begeistert, wie schnell Du Dich mit dem Wagen vertraut gemacht hast, und ich muss sagen, dass ich ihn jetzt mit ganz anderen Augen sehe – ganz schön sportlich!“

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Perfekt für die Landpartie: 1929er Packard

Heute unternehme ich mit meinen Lesern eine Landpartie zurück ins Jahr 1929 – und dabei begegnen uns gleich mehrere Exemplare eines grandiosen US-Achtzylinderwagens, den man eher in der Großstadt vermuten würde, wo das nötige Kleingeld vornhanden war.

Doch besagte Großstädter schätzten einst wie heute die Möglichkeit zur Flucht aus dem Getriebe der Metropolen hinaus auf’s Land, die ihnen ihr Automobil bot. So ist es kein Zufall, dass alle Fotos des Wagens, der heute im Mittelpunkt steht, irgendwo abseits des Rummels der großen Städte entstanden.

Die Rede ist vom Packard des Modelljahrs 1929, der sich äußerlich dadurch von seinen Vorgängern unterschied, dass statt trommelförmigen Scheinwerfern nun schüsselförmige montiert und alle metallischen Glanzteile verchromt anstatt vernickelt waren.

Zumindest die geänderte Form der Scheinwerfer kann man auf dem folgenden Foto aus der Sammlung von Leser Marcus Bengsch erkennen:

Packard Tourer „Standard Eight“, Modelljahr 1929; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Für europäische Verhältnisse ist es kaum vorstellbar, dass wir hier die einfachste und günstigste Version des 1929er Packard vor uns haben – den Standard Eight mit kurzem „Radstand“ und „nur“ 90 PS.

Sechszylinder – seinerzeit am deutschen Markt ein Kennzeichen gehobener Automobile – bot Packard ab 1929 gar nicht mehr an. Ein Reihenachtzylinder war das Mindeste, was der Käufer in dieser Klasse erwartete – trotz Weltwirtschaftskrise.

Zwei Elemente sind an dem Wagen auf diesem Foto noch erwähnenswert: Da wäre zum einen die Form und Proportion der Frontscheibe, die vielleicht einzige gestalterische Schwäche an diesem eindrucksvollen Wagen (ich komme darauf zurück).

Zum anderen verweisen die konventionellen Luftschlitze in der Motorhaube auf die Basisausführung „Standard Eight“ (auch darauf gehe ich später nochmals ein).

Dass die nach oben breiter werdende Windschutzscheibe auf dem Wagenkörper meines Erachtens ein wenig fremd und antiquiert wirkt, kann man auf folgendem Foto (aus meiner Sammlung) vielleicht besser nachvollziehen:

Packard Tourer, Modelljahr 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir einen 1929er Packard Tourer mit Zulassung im Raum Berlin vor uns. Er war auf einer ziemlich ausgedehnten Landpartie unterwegs, die ihn bis in 1600 Meter Höhe führte – auf die Katschberghöhe zwischen Kärnten und dem Salzburger Land.

Dank des enormen Drehmoments des 5,2 Liter großen Motors war ein solcher Ausflug ins Gebirge ein Kinderspiel – geschaltet werden musste dabei nur an besonders steilen Partien, während kompakte Wagen damals oft bis in den ersten Gang zurückschalten mussten.

Gern hätte ich dieser Szene etwas Farbe eingehaucht, doch das von mir verwendete Programm war – wie häufig – von der Komplexität der Formen und Reflektionen auf der Karosserie überfordert und lieferte trotz etlicher Versuche kein akzeptables Ergebnis.

In dieser Hinsicht sollte ich diesmal überhaupt kein Glück haben, um die Erwartungen gleich zu dämpfen – wenn auch ganz am Ende doch noch eine Farbaufnahme zu sehen sein wird. Doch hier müssen wir uns mit einer ziemlich mäßigen Schwarzweißversion begnügen:

Nicht ganz sicher bin ich mir, ob dieser Berliner Packard, der einst auf Landpartie in Österreich unterwegs war, ebenfalls über Luftschlitze in der Haube verfügte. Es könnte sein, dass er stattdessen seitliche Klappen besaß, die von innen verstellbar waren.

Diese waren ein Merkmal der großen Achtzylinderversionen „Custom Eight“ und „DeLuxe Eight“ des 1929er Packard, die längere Radstände und einen 6,3 Liter messenden Motor mit über 100 PS besaßen.

Besagte Luftklappen in der Motorhaube finden sich dagegen eindeutig auf einem dritten Foto, das mir ein befreundeter Oldtimer-Enthusiast vermittelt hat. Es stammt aus dem Familienalbum von Hans Schemion, dessen Vater einst einen 1929er Packard besaß.

Hier sehen wir den mächtigen Tourenwagen anlässlich einer Landpartie ins hessische Residenzstädtchen Laubach umgeben von Mitgliedern der Familie, der man offenbar einen Besuch abstattete:

Packard Tourer „Custom Eight“, Modelljahr 1929; Originalfoto aus Familienbesitz (Hans Schemion)

Wer ist hier nun der Vater von Hans Schemion? War es der entschlossen dreinschauende Herr auf dem Trittbrett, der dem US-Schauspieler Clark Gable auffallend ähnelt? Oder war es der zufrieden dreinschauende Mann mit Hut und Mantel am Heck des Wagens?

Zwar scheint uns der Herr links hinter dem Packard einen Hinweis geben zu wollen „Der war’s!“ – doch ganz eindeutig ist seine Geste nicht. Hierzu muss Hans Schemion als großzügiger Spender dieser schönen Momentaufnahme aus längst vergangenen Zeit noch befragt werden (Ergebnis wird nachgetragen).

Vielleicht weiß er auch noch etwas über die Damen im und auf dem Auto:

Gern hätte ich Hans Schemion die Freude gemacht, seine Altvorderen und den prächtigen Packard in Farbe wiederauferstehen zu lassen, doch versagt auch hier die Standard-Software angesichts der Komplexität des ungewöhnlichen Motivs.

Dafür kann ich noch etwas zu dem Wagen sagen: Die Luftklappen weisen ihnen eindeutig als die „große“ Achtzylinderversion des 1929er Packard aus. Doch von deren beiden Ausführungen „Custom Eight“ und „DeLuxe Eight“ kommt wohl nur erstere in Betracht.

Der nochmals etwas längere „DeLuxe Eight“ wurde nämlich gern in einer speziellen Tourenwagenversion gekauft, die eine sportlicher anmutende niedrige Frontscheibe und weitere Details besaß, die es beim „Custom Eight“ nicht gab.

Diese Ausführung gehört zu den begehrtesten Packard-Modellen der 1920er Jahre überhaupt – ich kann verstehen warum. Bei den „Classic Days“ 2017 auf Schloss Dyck am Niederrhein machte ich Bekanntschaft mit genau so einem Exemplar.

Es war der erste Tag der Veranstaltung (Freitag) und laufend trafen teilnehmende Fahrzeuge ein, die sich einer kurzen Sichtprüfung des TÜV unterziehen mussten. Ich war gerade in der Nähe, als über den Kies mit leisem Rauschen dieses spektakuläre Fahrzeug anrollte – darin niemand außer zwei Damen:

Packard DeLuxe Eight Sport Phaeton von 1929; Bildrechte: Michael Schlenger

Hier sehen wir die niedrige Ausführung der Frontscheibe, die den „Sport Phaeton“ auf dem Chassis des „DeLuxe Eight“ von allen übrigen Tourenwagenversionen des 1929er Packard unterscheidet. Übrigens: Dieser Wagen besitzt noch seinen ersten Lack!

Ich bin sicher, der Vater von Hans Schemion hätte vor über 90 Jahren gern auch diese sportliche Ausführung besessen, doch sie kostete fast 50 % mehr als die Tourenwagenversion des „Custom Eight“, für die er sich letztlich entschied.

Sicher bin ich auch, dass es ihm gefallen hätte, dass sein Auto und speziell die hinreißende Sport Phaeton-Ausführung auf Basis des Packard „DeLuxe Eight“ von 1929 noch im 21. Jahrhundert noch die Herzen höher schlagen lassen…

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Auch dafür gab es einst ’nen Händler – der Chandler

Als ich 2015 damit begann, in diesem Blog die Welt der Vorkriegsautos im deutschen Sprachraum anhand zeitgenössischer Fotografien wiederauferstehen zu lassen, hatte ich keine Vorstellung davon, auf welche Entdeckungsreise ich aufgebrochen war.

Am überraschendsten für mich war die Präsenz von Autos amerikanischer Hersteller in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren. Keines der gängigen „Oldtimer“-Magazine und auch keine einschlägige Veranstaltung hierzulande spiegelt das annähernd wider.

Dabei reden wir nicht nur von Fahrzeugen bekannter Fabrikate wie Chevrolet, Ford, Nash oder Packard. Auf Tritt und Schritt begegnen einem auch Wagen von weniger bis kaum bekannten Herstellern, die gleichwohl Käufer in deutschen Landen fanden.

Der Nachfrageüberhang am hiesigen Markt war damals so groß, dass selbst heute völlig vergessene US-Marken erfolgreich Autos an den Mann bringen konnten. Die Wagen von Chandler aus Cleveland in Ohio, um die es heute (wieder einmal) geht, sind ein Paradebeispiel dafür.

Der eigentümliche Name der kurz vor dem 1. Weltkrieg gegründeten Firma ist für sich bereits interessant. Zurückführen lässt er sich auf den spätantiken „candelarius“ – eine Person, die in betuchten Haushalten für die Beleuchtung (mit Kerzen oder Öllampen) zuständig war, später ein Händler in entsprechenden Waren.

Im neuzeitlichen Englisch ist ein „chandler“ ein Kaufmann, der verschiedene Produkte oder Ausrüstungsgegenstände im Angebot hat. Ob unser Wort „Händler“ damit verwandt ist, konnte ich spontan nicht klären, der Gleichklang kann auch Zufall sein.

Nur eines ist klar: Selbst für den exotischen Chandler aus Übersee gab es einst bei uns einen Händler – oder gleich mehrere. Denn Chandler-Automobilen begegnet man auf Fotos der Vorkriegszeit an ganz unterschiedlichen Orten, etwa diesem in der Hansestadt Wismar:

Chandler um 1927; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Langjährige Leser meines Blogs kennen die Aufnahme bereits und sind mit der einzigartigen Kühlermaske des Chandler sicher vertraut. Mancher mag sie für ein wenig überladen halten – aber sie gab dem Wagen ein unverwechselbares Gesicht.

Bei der Gelegenheit sei auf die kleinen Positionsleuchten direkt vor der Windschutzscheibe verwiesen, die nach meinem Eindruck nur Chandler-Wagen um 1927 besaßen. Bei den bis zur Liquidierung der Firma 1929 gebauten Modelle sah dieses Detail ganz anders aus.

Somit dürfte auch der Chandler auf ca. 1927 zu datieren sein, welcher auf dieser Aufnahme aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks fotografisch verewigt ist:

Chandler um 1927; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der in Hamburg zugelassene Wagen mit Tourenwagenaufbau wurde auf einer Urlaubsreise aufgenommen, eventuell in der Schweiz oder in Österreich.

Ob die hier dreiteilige Stoßstange auf einen Achtzylinder hinweist (daneben gab es zwei Sechszylinderversionen), konnte ich nicht in Erfahrung bringen, eventuell war dies bloß ein auf Wunsch verfügbares Zubehör oder ein Nachrüstteil.

Vermutlich lässt sich das nicht mehr klären – die Präsenz der Marke Chandler am deutschen Markt dürfte nirgends mehr dokumentiert sein und in den Staaten weiß man meist nicht einmal, dass viele US-Marken einst in Deutschland ein Standbein hatten.

Dass es für den Chandler mehr als nur einen Händler hierzulande gegeben haben dürfte, dafür spricht aus meiner Sicht ein weiteres Foto, das einen solchen Wagen zeigt – diesmal mit Zulassung im Raum Rochlitz in Sachsen:

Chandler von 1926/27; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses schöne Foto ist mir erst kürzlich „zugelaufen“, und obwohl ich eigentlich anderes vorhatte, bot es eine willkommene Gelegenheit, es zusammen mit dem ebenfalls „neuen“ obigen Foto aus der Sammlung von Klaas Dierks zu präsentieren.

Hier sehen wir übrigens ein weiteres Merkmal, das die Abgrenzung von Chandler-Wagen der letzten Baujahre 1928/29 erlaubt, und zwar die trommelförmigen Scheinwerfer. Sie wichen anschließend solchen mit schüsselförmigem Gehäuse.

Von den Abmessungen des Vorderwagens her würde ich hier ein Sechszylindermodell (55 bzw. 80 PS) vermuten, der noch längere Reihenachter hätte mehr Platz beansprucht.

Was den Aufbau betrifft, geht es vielleicht manchem Leser so wie mir: Die Gestaltung des Passagierabteils – speziell die doppelten Zierleisten unterhalb der Seitenfenster – erinnert an die von Ambi-Budd (Berlin) für den Adler „Favorit“ bzw. „Standard 6“ Ganzstahlkarosserie.

Doch insbesondere der geschwungene Abschluss der hinteren Seitenfenster verrät bei näherer Betrachtung, dass dies nicht der Fall sein kann. Dieser Chandler wurde höchstwahrscheinlich in dieser Form aus den USA geliefert.

Vermutlich hatten die Arbeiter im Chandler-Werk in Cleveland keine Vorstellung davon, dass ihr Werk in einem Fachwerkidyll in Sachsen landen würde, wo man die Pflege eines solchen exklusiven Wagens offenbar ernster nahm als die Instandhaltung der Gebäude…

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„Die heißen Vier“ – und ihr Fiat 514

Ich will es gleich zugeben: Der Titel meines heutigen Blog-Eintrags gehört nicht zu meinen besten Einfällen – das liegt aber daran, dass er nicht von mir stammt. Jedoch passt er so perfekt, dass ich keine Zeit damit verschwenden wollte, mir einen besseren auszudenken.

„Die heißen Vier“ – was – oder besser: wer – könnte sich dahinter verbergen? Haben sich „Die Drei von der Tankstelle“ zwischenzeitlich vermehrt oder sind vielleicht „Vier warme Brüder“ gemeint, die heute politisch korrekt etwas anders heißen?

Weit gefehlt, eigentlich kann man nur auf Umwegen darauf kommen, so abwegig ist das Ganze. Im vorliegenden Fall führt uns der Weg zunächst zurück in die Vorkriegszeit und dann über italienische Landstraßen dorthin.

Das Fahrzeug unserer Wahl auf dieser Tour ist ein alter Bekannter, der einst jeden Alpenpass nahm, auch wenn er nur 28 PS unter der Haube hatte – der Fiat 514 von 1929:

Fiat 514 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses wackere Exemplar mit der siegessicher zum Gipfel deutenden Dame habe ich vor längerer Zeit hier vorgestellt. Dabei hatte ich auch anhand eines Bildausschnitts ausgeführt, woran man das Modell erkennen kann.

Was auf obiger Aufnahme nur ansatzweise zu sehen ist – aber ausreichend, um den Typ zu identifizieren – kann man auf einem weiteren Foto aus ungewohnter Perspektive besichtigen. Dieses entstand einst irgendwo im deutschen Mittelgebirge:

Fiat 514 Tourer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese offene Version entspricht schon sehr weitgehend dem Fahrzeug, das ich heute anhand eines kuriosen Dokuments vorstellen kann.

Das entscheidende Element ist die Gestaltung der Mittelpartie der Motorhaube – mit einem nach hinten breiter werdenden „Steg“, dessen getrepptes Profil die Chromzierleiste akkurat nachvollzieht, welche das hintere Ende der Haube markiert.

Dieses Detail findet sich – zusammen mit der ebenfalls gestuften Kante der Haube, die sich bis zur Frontscheibe fortsetzt – am besagten Fiat 514, welcher den Typ 503 beerbte und mit fast 40.000 Exemplaren kaum weniger erfolgreich war als dieser.

Kein Wunder, dass davon etliche auch am deutschen Markt Käufer fanden und einige sogar den 2. Weltkrieg überlebten – dieses Exemplar beispielsweise:

Fiat 514; originales Kinoaushangfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Moment einmal, kommen die kolorierten Fassungen solcher Fotos nicht normalerweise erst am Ende? Nun im vorliegenden Fall ist das Original bereits in Farbe gehalten und hier sieht man einmal, wie mäßig frühe Coloraufnahmen oft noch waren.

Übrigens: Besagte „Heiße Vier“ sind auf dieser Aufnahme zusammen mit dem Fiat zu sehen – ich komme darauf zurück.

Dass man bei dem Auto vielleicht nicht gleich an einen Fiat denkt, mag an der „Kriegsbemalung“ liegen – speziell den in weiß aufgepinselten Haubenschlitzen. Die Identifikation erschwert hat auch das Fehlen der Radkappen, aber die Nabenform ist typisch genug, um zusammen mit der übrigen Gestaltung einen Fiat 514 in Betracht zu ziehen.

Neben dem erwähnten Profil der Motorhaube und der Abschlussleiste passt auch die Form des nach unten etwas breiter werdenen Kühlers mit derm eingerahmten Öffnung für die (nur in Notfällen benötigte) Anlasserkurbel.

Kenner von Vorkriegs-Fiats könnten jetzt einwenden, dass es sich hier auch um das größere Schwestermodell 520 handeln könnte, das einen 6-Zylindermotor und einen längeren Radstand aufwies, aber formal ansonsten nahezu identisch ausfiel.

Ein kleines Detail spricht aber aus meiner Sicht für den kompakteren Fiat 514 – das trommelfömige Gehäuse, das auf der Innenseite des Kotflügels am vorderen Ende zu sehen ist. Darin verbarg sich nämlich ein klassischer Reibungsstoßdämpfer, während der Typ 520 über modernere hydraulische Stoßdämpfer verfügte.

Was ist jetzt aber mit den „Heißen Vier“? Tja, diesen Namen hatte sich die deutsche Musikertruppe gegeben, die einst mit ihrem Fiat 514 nach Italien reiste, um dort ihre gewiss lang ersehnte Kunst darzubieten.

Das klingt so haarsträubend, dass man das nur einem Unterhaltungsfilm der 1950er Jahre zutrauen würde – und genau so verhielt es sich. 1954 kam ein Schinken mit dem Titel „Gitarren der Liebe“ in die Kinos des allmählich wieder dem Schutt entsteigenden Deutschlands. Das heute vorgestellte Foto diente einst als Kinoaushang zu diesem Film.

Besetzt hatte man das Werk mit „Größen“ wie Harald Juhnke – den ein Spaßvogel später einmal als „deutschen Frank Sinatra“ bezeichnen sollte – und dem schweizerischen Aushilfs-Italiener Vico Torriani – der mindestens so hölzern agierte wie die germanischen Kollegen.

Immerhin waren die weiblichen Rollen ansehnlich besetzt – ansonsten taten die Bilder der südlichen Landschaft ihre Wirkung. Gedreht wurden die Außenaufnahmen im Umland von Genua (Liguren), speziell im eleganten Hafenort Santa Margherita Ligure.

Ein eigenes Bild von diesem cineastischen Opus kann man sich in der originalen Filmvorschau machen.

Dort kommt der Fiat ab 3:01 min zusammen mit der überaus ansehnlichen Elma Karlova ins Bild. Ab 2:19 min ist er dann in voller Fahrt zu sehen – wenn man das wirklich peinliche Geträller zuvor überstanden hat, eine verdiente Belohnung:

Videquelle: Youtube.com; hochgeladen von: TrailerTrackerClassic

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Oje, die Städter kommen: Brennabor Typ AL 10/45 PS

Es ist Ende Juli und in meiner Heimatregion – der hessischen Wetterau – bringen die Bauern gerade die Ernte ein. Wenn es nicht gerade wie aus Kübeln regnet, zieht nachts der schwere Duft abgemähter Felder über’s Land und hinein durch’s geöffnete Fenster.

Dieser Duft ist mir von Kindesbeinen an ebenso vertraut wie der klare Sternenhimmel und der wohltuend weite Blick über Dörfer und Hügel an den Horizont. Wer in der Großstadt aufwuchs, kennt nichts von alledem – aber auf’s Land zieht es die Leute dann doch.

Argwöhnisch beäugt der Dorfeingeborene dann die schweren Motorräder mit Frankfurter Kennzeichen, die meist viel zu schnell und zu laut die Hauptstraße entlangbolzen. Das andere Feindbild sind die Wochenendschleicher mit Homburger Nummernschild, die immer dann mit Tempo 70 auf der Landstraße „cruisen“, wenn man es selbst eilig hat.

Bereits die frühen Kradfahrer und Automobilisten hatten bei der Landbevölkerung nicht den besten Ruf. Nicht nur lebten freilaufende Haus- und Nutztiere gefährlich, auch führten die Städter mit ihren Luxusfahrzeugen den Leuten auf dem Land natürlich ihre Armut vor.

Noch schlimmer, wenn es die eigene Verwandschaft war, die sich auf dem Dorf oder auf dem Hof mit dem neusten Automobil blicken ließ – zu einer Zeit, in der deutsche Landwirte ihre Felder meist noch mit Pferde- oder Ochsengespann bestellten.

Aber was soll man machen – jetzt sind sie halt da, die Städter. Fein herausgeputzt posieren sie vor ihrer prächtigen Pullman-Limousine, während man selbst in Arbeitskluft mit Frau und Kindern dezent im Hintergrund bleibt und hofft, dass es bald vorüber ist:

Brennabor Typ AL 10/45 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Auf dieser schönen Aufnahme aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks ist die Kluft zwischen Stadt und Land eindrucksvoll festgehalten.

Für den Landmann oder Handwerker auf dem Dorf sowie die Gattin gab es kein Wochenende und in Gedanken war man auch bei einer solchen Gelegenheit bei der Arbeit. Die Großstadtverwandschaft dagegen gut aufgelegt und sich routiniert in Szene setzend.

Dabei achtete man auch sorgfältig darauf, dass das Wichtigste von dem Automobil sichtbar blieb, mit dem man sich auf’s Land gewagt hatte – die Kühlerpartie mit dem prestigeträchtigen „6-Zylinder“-Schriftzug.

Dessen verspielte Gestaltung steht im Gegensatz zu den eher nüchternen Linien dieses Wagens, der sich als Typ AL 10/45 PS aus dem Hause Brennabor zu erkennen gibt. Dieses von 1927-29 gebaute Modell sollte den allgegenwärtigen 6-Zylinderwagen amerikanischer Provenienz Paroli bieten, was freilich nur in begrenztem Umfang gelang.

Obwohl die Traditionsmarke aus Brandenburg an der Havel bereits kurz nach dem 1. Weltkrieg eine rationelle Fließfertigung nach US-Vorbild zustandebrachte, nutzte man die damit verbundenen Kostenvorteile nicht konsequent aus. Mit zu vielen unterschiedlichen Modellen und bisweilen unprofessionell wirkender Gestaltung (bspw. Typ R 6/25 PS) verspielte man die Chancen, die man am chronisch unterversorgten deutschen Markt hatte.

Dabei machte der Brennabor Typ AL 10/45 PS von den Dimensionen und der Motorisierung durchaus etwas her, aber mit 7.700 Reichsmark war er chancenlos gegen Angebote wie den gleichstarken Sechszylinder-Chevrolet Series AC (als 4-türige Limousine 4.800 Mark).

Einige tausend Exemplare der diversen A-Typen mit kurzem (AK) und langem Fahrgestell (AL) konnte Brennabor vielleicht absetzen, aber die Tatsache, dass kaum Gesichertes darüber verfügbar ist, illustriert den Nischenstatus, den diese Wagen damals besaßen.

Einige zeitgenössische Aufnahmen davon konnte ich aber zusammentragen (siehe meine Brennabor-Galerie), darunter auch eine, auf der man den Typ ungestört studieren kann, weil sich hier die Städter ausnahmsweise einmal nicht in den Vordergrund drängen:

Brennabor Typ AL 10/45 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser im Raum Dresden zugelassene Wagen macht deutlich, welches eindrucksvolle Format das Modell hatte – eine solche Sechsfenster-Limousine bot den Passagieren einen heute unbekannten Platz und Einsteigekomfort.

Der elastische 2,5 Liter-Motor vereinte Laufruhe und Kraft – genau das Richtige für eine gepflegte Landpartie. Dabei ermöglichte der Benzinvorrat trotz des hohen Verbrauchs eine Reichweite von rund 500 km. Ein solches Auto war vollkommen fernreisetauglich, was die betuchten Besitzer auch erwarten konnten.

So wissen wir leider nicht, wie weit entfernt von seiner Dresdener Heimat dieser Brennabor einst unterwegs war. Lediglich der gruselige Maschendrahtzaun mit Betonpfeilern deutet stark darauf hin, dass man sich noch in deutschen Landen befand.

Mit solchen Details konnte und kann man zuverlässig jedes Idyll ruinieren, aber dazu brauchen die Dorfbewohner keine Städter – das bekommen sie schon selbst hin, wie ich aus eigener leidvoller Anschauung weiß…

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Tag der offenen Tür: Horch 853 Sport-Cabriolet

Heute zeige ich einen Bilderreigen eines der wohl ikonischsten Vorkriegswagen überhaupt. Warum heute? Zum einen, weil ich erst im letzten Blog-Eintrag ein Foto davon eingeflochten habe, das Appetit auf mehr macht. Zum anderen, weil das Leben zu kurz ist, um die schönsten Dinge ewig aufzuschieben.

Gut vorbereitet soll die Sache aber schon sein, wenn sie bleibenden Eindruck hinterlassen und dem Gegenstand gerecht werden soll. Stellen Sie sich einfach vor, Sie seien Mitte der 1930er Jahre zu einem Tag der offenen Tür bei Horch in Zwickau eingeladen.

Auf dem Weg dorthin haben Sie in der Goethe-Stadt Weimar übernachtet und nehmen dort zur Erinnerung eine Ansichtskarte mit. Unten rechts bemerken Sie darauf natürlich sofort einen Horch 853 in der Ausführung als Sport-Cabriolet:

Ansichtskarte aus Weimar (Ausschnitt); Original aus Sammlung Michael Schlenger

„Das fängt ja gut an“, werden Sie denken. „Soviel Glück kann kaum anhalten“, wurden doch vom Horch 853 zwischen 1935 und 1937 keine 700 Exemplare gebaut.

Halten Sie sich fest, Ihre Glückssträhne setzt sich fort!

Denn unterwegs nach Zwickau überholen Sie einen Wagen desselben Typs. Dessen Fahrerin traut sich offenbar nicht, die 100 PS voll auszuschöpfen und Sie ziehen mit Ihrem fabrikneuen Fiat 1500 (soviel Spaß muss sein) lässig grinsend vorbei:

Horch 853 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Erst nach der Entwicklung der Aufnahme stellen Sie mit Schrecken fest, dass die Fahrertür des Horch nicht ganz geschlossen war – das hätte leicht danebengehen können.

So nähern wir uns aber zumindest dem Thema „Tag der offenen Tür“ ein wenig.

In Zwickau, wo sich die Zentrale der Auto-Union befindet, zu der neben Horch auch die sächsischen Marken Audi, DKW und Wanderer gehören, gehen Ihnen dann die Augen über.

Denn schon auf dem Besucherparkplatz bietet sich Ihnen dieser Anblick:

Horch 853 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

„Ist ja nicht auszuhalten, dieser Tag der offenen Tür“, denken Sie. „Und schon wieder: Frau am Steuer. Immerhin steht der Wagen diesmal.“

Bei der Gelegenheit eine Frage an die Horch-Kenner: Was ist von den Scheibenrädern dieses Typs 853 zu halten? Waren diese optional neben den serienmäßigen Drahtspeichenrädern erhältlich oder weisen sie auf eine bestimmte Evolutionsstufe des Modells hin (bitte Kommentarfunktion nutzen)?

Im Horch-Werk angelangt, erwartet Sie anlässlich des Tages der offenen Tür ein etwas überraschender Fachvortrag: „Das Elektroauto – alter Hut oder Vision für das 21. Jh.?“

Sie denken sich – „Elektroautos sind doch kaum noch verkäuflich, seitdem es die günstigeren und reichweitenstärkeren Verbrenner gibt. Das kauft keiner freiwillig, der darauf angewiesen ist – es sei denn, man legt ihm ein paar tausend Reichsmark aus Steuergeldern drauf – aber so etwas Unsoziales wird doch keiner machen.“

Sie schnappen nach Luft und suchen das Weite. „Bloß raus hier, so habe ich mir den Tag der offenen Tür in Zwickau nicht vorgestellt.“

An der nächsten Tankstelle bunkern Sie noch einmal Kraftstoff – in wenigen Minuten ist genug Benzin für 500 km Fahrtstrecke aufgenommen. Selbst beim extrem durstigen Horch 853 würde eine Tankfüllung für fast 450 km reichen – das nur nebenbei.

Unterwegs stellt sich dann bald tiefe Zufriedenheit ein. Sie fahren von der Landstraße ab, um etwas abseits eine Pause einzulegen. Just in dem Moment rollt ein weiteres Exemplar des Horch 853 Sport-Cabriolet vorbei – jetzt mit einem Fahrer:

Horch 853 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

„So muss ein klassischer Wagen aussehen“, denken Sie vielleicht. Lange Haube, ein 5-Liter großer Reihenachtzylinder darunter und ein luxuriös ausgestatteter Innenraum hinter der gepfeilten Frontscheibe. Und so eine Zweifarblackierung steht doch jedem Auto gut.

Das Thema der offenen Tür hat Sie unterdessen noch nicht losgelassen. „Das schüchterne Mädel am Lenkrad dieses Riesenwagens auf dem Parkplatz, das hatte etwas. Schade, dass sie nicht allein unterwegs war, ein paar Details hätten mich schon interessiert.“

Interessante Details gibt es allerdings auch außerhalb eines Horch 853 Sport-Cabriolet zu erkunden, wenn man in einem solchen unterwegs ist. So könnten Sie auf dem weiteren Weg diesem offenbar einfarbig lackierten Exemplar begegnen:

Horch 853 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Hier sieht man übrigens neben dem sinnlich gestalteten Wagenkörper die mächtigen Scheinwerfer, deren Gehäuse vollverchromt sind – ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber dem ab 1938 gebauten Nachfolger 853A.

Während Sie ziellos über Land fahren – Reichweitenangst kennt man nicht bei einem Benziner – widerfährt Ihnen ein Zufall, der dem Thema „Tag der offenen Tür“ doch noch zu einem glücklichen Abschluss verhilft.

Unterwegs begegnen Sie nämlich diesem Wagen mit Hamburger Zulassung:

Horch 853 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dem einen oder anderen Leser wird dieses Exemplar eines Horch 853 bekannt vorkommen – ich hatte es anlässlich eines Blog-Eintrags zum Steyr 530 Cabriolet schon einmal gestreift.

Diesmal steht das Traumstück ganz im Vordergrund – was soll man sagen? Nie wieder danach sind solche Kunstwerke auf vier Rädern in deutschen Landen entstanden. Der 2. Weltkrieg sollte sich auch in dieser Hinsicht als ultimativer Kulturbruch erweisen.

Doch haben Sie etwas auf obigem Foto bemerkt? Der Horch aus Hamburg lädt mit offener Tür zur eingehenden Besichtigung ein. Diese Gelegenheit lässt man sich nicht entgehen.

Die Insassen des begleitenden Steyr 530 werden wegkomplimentiert „Fahrt schon einmal vor, wir holen Euch dann auf der Autobahn ein und in Hamburg kommen wir als Erste an“.

Steyr 530 und Horch 853 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Sodann geht es mit dem Horch 853 Sport-Cabriolet und der Blondine zum exklusiven Besichtigungstermin nebst Picknick irgendwo ins Gelände.

Das ist zumindest etwas, was manchen Herren in der Leserschaft rein theoretisch hätte durch den Kopf gehen können, wären sie damals auf Reisen gewesen.

Dabei hätte sich dann – rein theoretisch – die Gelegenheit ergeben, einen besonderen Tag der offenen Tür mit einem Horch 853 Sport-Cabriolet zu genießen, etwa hier im Grünen:

Horch 853 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Keine Sorge, der Wagen war robust genug, um auch längere Zeit mit offener Tür herumzustehen, während seine Insassen vielleicht anderweitig beschäftigt waren.

Wo dieser Horch 853 aus Hamburg einst unterwegs war, was seine Insassen abseits der Chaussee trieben und was aus ihnen geworden ist, dass wissen die Götter.

Doch dass dieser Tag der offenen Tür mit einem Horch 853 Sport-Cabriolet göttlich gewesen sein muss, das dürfen wir Nachgeborenen wohl annehmen…

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.