Wiedersehen mit Simson & Goliath: Typ R 12/60 PS

Zugegeben: der Titel meines heutigen Blog-Eintrags ist verwirrend – aber wie immer ist er vollkommen zutreffend. Ob das auch für den Inhalt gilt, wird sich weisen – ich lasse mich durchaus gern von besser informierten Lesern korrigieren.

„Simson & Goliath“ – sollte das nicht eher „Samson & Goliath“ heißen? Oder halt, das stimmt ja auch nicht – „David & Goliath“ müsste es lauten, nicht wahr?

Tatsächlich deutet „Samson & Goliath“ in die richtige Richtung. Beide sind große Gestalten der jüdischen Mythologie – und um große Gestalten geht es auch heute.

Nebenbei: Wussten Sie, dass es im irischen Belfast zwei riesige Kräne gibt, die man Samson und Goliath nennt?

Diese gehörten einst zur berühmten Werft Harland & Wolff, auf der die „Titanic“ entstand. Heute künden sie von einer untergegangenen grandiosen Tradition – sehr passend!

Nur einen Buchstaben müssen wir ändern – so wird aus „Samson“ der Name der jüdischstämmigen Familie „Simson“, die im thüringischen Suhl mit einer angesehenen Waffenfabrik zu Ansehen und Reichtum gelangte.

Eher nebenher entstanden nach einigen Versuchen ab 1910 auch ausgezeichnete Automobile. Sie trugen die typische Handschrift eines der Großen unter den deutschen Konstrukteuren der Vorkriegszeit: Paul Henze.

Er verließ die Firma rasch zwar wider, sollte aber nach einem Intermezzo bei Steiger 1922 zurückkehren und aus der Marke Simson einen Namen machen, der nun auch für sportliche Leistung auf ganz hohem Niveau stand:

Simson „Supra“; Originalreklame um 1925 aus Sammlung Michael Schlenger

Doch natürlich waren diese Sportwagen nur in der Leistung groß, ansonsten waren sie möglichst kompakt gehalten und wiesen einen deutlich kürzeren Radstand auf als konventionelle Wagen – in der Hinsicht galt also gerade nicht „Simson & Goliath“.

Einen wahren Goliath aus dem Hause Simson konnte ich jedoch vor einiger Zeit hier vorstellen – den Typ R 12/60 PS, der ab 1926 erhältlich war.

Die sportlichen Attribute des Simson „Supra“ fehlten ihm zwar, doch war er mit seinem kopfgesteuerten Sechszylinder auf jeden Fall das deutlich raffiniertere Fahrzeug, vergleicht man es mit dem ebenfalls sechszylindrigen Opel 15/60 PS, der seine Leistung dem größeren Hubraum verdankte, ansonsten aber ziemlich simpel gestrickt war.

Ein erstes Foto des bis 1931 gebauten Simson Typ R 12/60 PS konnte ich bereits auftreiben und hier vorstellen:

Simson Typ R 12/60 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Aufnahme lässt allerdings noch zu wünschen übrig. Immerhin erkennt man bereits die eindrucksvollen Abmessungen des Wagens, dessen Radstand alleine 3,50 Meter betrug.

Dass der Simson dennoch nicht gigantisch wirkt, liegt an dem wahren Goliath links neben der Motorhaube. Denn der dürfte an die 1,90 Meter groß gewesen sein, was ziemlich genau der Höhe des Typs R 12/60 PS in der Limousinenausführung entsprach.

Sie sehen: „Simson & Goliath“ bewahrheitet sich auch hier. Heute kann ich allerdings noch einen drauflegen.

Das verdanke ich dem Kontakt zu einem australischen Enthusiasten, der nicht nur europäische Vorkriegswagen selbst fährt, sondern auch gezielt zeitgenössische Fotos speziell von Autos aus dem deutschsprachigen Raum sammelt.

Sein Name ist Jason Palmer und es ist nicht das erste Mal, dass wir ihm ein Spitzenfoto wie dieses verdanken:

Simson Typ R 12/60 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Jason Palmer (Australien)

Jetzt können wir den Goliath aus dem Hause Simson endlich ganz für sich genießen, noch dazu aus fast derselben Perspektive.

Dank weit besserer Qualität des Abzugs entfalten nun auch Details wie der Chromring um den Trommelscheinwerfer sowie die beiden Trittschutzbleche auf dem Schweller ihre Wirkung.

Dasselbe gilt für die hocheklappte Gepäckbrücke am Heck, die ich auf dem ersten Bild im Zuge notwendiger Retuschen des stark beschädigten Abzugs „opfern“ musste.

Deutlich treten zudem die hohen und eng beieinanderliegenden Luftschlitze in der Motorhaube zutage, welche Simson-Wagen von Mitte der 1920er Jahre bis Anfang der 30er auszeichneten.

Mehr möchte ich gar nicht zu diesem Prachtautomobil aus dem Hause Simson sagen – das Bild sagt mehr als tausend Worte über den Rang der Automobile aus Suhl.

Nur dies‘ noch: Es gibt ein einziges überlebendes Exemplar des Typs R 12/60 PS, dessen Geschichte Sie auf der Simson-Website von Thorsten Orban hier nachlesen können.

Aber wer weiß: So wie uns aus Australien das heute präsentierte Foto des Simson Typ R 12/60 PS erreicht hat, mag irgendwann und irgendwo doch noch ein Relikt aus der großen Zeit des Suhler Automobilbaus auftauchen – dann bitteschön im Goliath-Maßstab 1:1!

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Schuld daran sind die Briten: Ford „Köln“ Cabrio

Ich bin Nationalist – zumindest, was Automobile angeht. In meiner Kindheit und Jugend – das ist schon eine Weile her – sah man jedem Alltagswagen gleich an, ob er aus Deutschland, England, Frankreich oder Italien kam.

Man konnte so als Käufer auf der Straße und beim Nachbarn ein klares Zeichen setzen:

„Ich bin praktisch veranlagt, führe Buch über den Verbrauch und fahre einen VW“, oder: „Klar liebe ich meine Frau – beinah‘ so sehr wie meinen verr(a)uchten Citroen“, oder: „Mir doch egal, ob die Elektrik spinnt, keiner verarbeitet Holz und Leder so wie Jaguar“. Die Toskana-Fraktion: „Italiener unzuverlässig? Jeden Morgen um sechs weck‘ ich die Spießer mit meinem Alfa.“

Herrlich, wenn man einst über die Grenze fuhr, das Portemonnaie voller Lire-Bündel oder riesiger Franc-Noten – die man auf der Bank gegen harte D-Mark getauscht hatte.

Jenseits des Schlagbaums öffnete sich eine andere Welt – das war ja das Großartige an Europa. Ich erinnere mich , als ich das erste Mal nach Italien fuhr: auf der Autobahn war alles voller Fiats, Lancias und Alfas, Autobianchi, Innocenti usw.

Mein Gedanke damals war: Offenbar halten die Italiener ihre Autos ebenso für die besten wie wir Deutschen oder die Franzosen beispielsweise. Es gab und gibt keinen Grund zur Selbstgefälligkeit – gute Autos gab und gibt es überall, außer im Sozialismus.

So schaue ich mir auch bei Vorkriegsautos gern an, was einst die ausländische Konkurrenz zu bieten hatte – deutsche Fabrikate schneiden dabei mitunter nur mittelmäßig ab.

Beim heutigen Beispiel sind zum Glück die Briten schuld daran. Denn den Ford „Köln“ hat im Wesentlichen die englische Niederlassung des US-Herstellers verbrochen:

Ford „Köln“ Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Sah der „Y-Type“, den die britischen Ford-Werke entwickelt hatten, um einen Kleinwagen im Programm zu haben, von vorne noch passabel aus, stellte sich das ganz anders dar, wenn man ihn von der Seite betrachtete.

Bevor wir uns die entsprechende Ansicht desselben Wagens antun, der das Kriegsinferno in Berlin überlebt hatte und dem Nummernschild nach zu urteilen wohl in den späten 1940er Jahren abgelichtet wurde, ein paar technische Daten.

Der Motor des Ford „Köln“ war ein 1-Liter-Vierzylinder traditioneller Bauart (Seitenventile) und leistete schmale 21 PS. Angeflanscht war ein 3-Gang-Getriebe, gebremst wurde noch rein mechanisch (Gestängebremsen). Primitiv war auch die 6-Volt-Elektrik.

Dass es in derselben Klasse anders ging, sehen wir gleich. Doch zuvor führen wir uns die Seitenansicht dieses Ford „Köln“ zu Gemüte:

Ford „Köln“ Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Keine Frage, jedes Auto war im frühen Nachkriegsdeutschland Gold wert und dieser Ford war glimpflich davon gekommen, seitdem er 1933/34 im Kölner Werk entstanden war.

Doch lassen wir einmal die Not jener Zeit außer acht und betrachten den Wagen aus der Perspektive eines potentiellen Käufers in der ersten Hälfte der 1930er Jahre. Der hätte vielleicht schon angesichts des für diesen Aufbau viel zu kurzen Radstands abgewinkt.

So waren die vier Fenster dieser Cabriolimousine nur realisierbar, indem man die rückwärtigen Insassen über der Hinterachse platzierte und den Wagen dann abrupt enden ließ.

Auch bei der weit teureren Cabrioletausführung mit nur zwei Fenstern sah das Ergebnis nicht besser aus – im Gegenteil:

Ford „Köln“ Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier hilft auch das Posieren vor der Neuen Orangerie im Park von Sanssouci in Potsdam kein bisschen. Der Wagen wirkt wie ein zu groß geratener Rollschuh.

Mit geschlossenem Verdeck stellte sich die Situation nicht viel besser dar, wenngleich man den handwerklichen Aufwand ahnt, der dabei getrieben wurde.

Wer meinen Blog schon länger verfolgt oder die Neuauflage des Klassikers „Deutsche Autos 1920-1945“ von Werner Oswald (1. Auflage 2019), besitzt, erinnert sich vielleicht an dieses mutmaßliche Werksfoto des Ford „Köln“ Cabrios aus meiner Sammlung:

Ford „Köln“ Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist technisch gesehen ein hervorragendes Foto, mit dem wohl versucht wurde, die Hecklastigkeit des Gefährts zu übertünchen.

So ganz gelungen ist das hier noch nicht und selbstbewusst behaupte ich an dieser Stelle, dass ich das besser kann. Bevor ich den Beweis führe, muss ich Sie – verehrte Leser – aber noch mit einem Vergleichsfahrzeug belästigen.

Dieses wurde parallel zum Ford „Köln“ in Deutschland gefertigt und basierte ebenfalls auf einer ausländischen Konstruktion – allerdings nicht aus dem „perfiden Albion“, sondern aus dem gern mit deutscher Arroganz verlachten Land der „Spaghettifresser“.

Fiat aus Turin bot nämlich ab 1934 eine verbesserte Variante seines Typs 508 an. Dieser stimmte in folgenden Daten genau mit dem Ford „Köln“ überein: Hubraum knapp 1 Liter, Ventile seitlich stehend, Starrachsen vorne und hinten, Radstand 2,30m, Gewicht: 750kg, Höchstgeschwindigkeit ca. 85 km/h.

Doch für den identischen Preis von ca. 3.100 Mark beim Cabriolet bot der Fiat folgendes: 24 statt 21 PS Höchstleistung, 4-Gang-Getriebe statt 3 Gänge, hydraulische Bremsen statt mechanischen und 12 Volt-Elektrik statt funzligen 6-Volt.

Obendrein sah der Fiat gelungener aus, hier am Beispiel des Cabriolets von Drauz:

Fiat 508 A bzw. NSU/Fiat 1000, Cabrio von Drauz; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Schuld daran, dass die Italiener aus meiner Sicht hier den Sieg nach Punkten davontragen, sind natürlich die Briten, welche einst die Idee zum europäischen „Y-Type“ hatten.

Der Ford „Köln“ konnte indessen auch in der Cabriolet-Version durchaus überzeugen, wenn man als Fotograf den richtigen Blick auf den Wagen einnahm.

Weil der unbekannte Werksfotograf in der Hinsicht einst versagt hat, übernehme ich kurzerhand selbst die Regie.

So präsentiere ich Ihnen heute den Ford „Köln“ als Cabriolet in einer Form, an der wenig(er) auszusetzen ist:

Ford „Köln“ Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn der Fahrer mit seiner Melone als Wertpapierhändler aus der Londoner City durchgehen könnte, sind an diesem Dokument ausnahmsweise nicht die Briten schuld.

Hier hat wohl einst ein unbekannter deutscher Fotograf zufälliger- oder gnädigerweise das unansehnliche Heck des Wagens „abgeschnitten“. Ihm gebührt heute unsere Sympathie, denn so macht der Ford „Köln“ doch ein bisschen her, nicht wahr?

Das ändert freilich nichts an der „Schuldfrage“. Die Briten haben uns den Ford „Köln“ als Kuckucksei ins Nest gelegt und man musste sehen, wie man das beste daraus macht.

Ich als Freund der Marke Fiat gebe mich in dieser Hinsicht gern parteiisch und will bei Gelegenheit das hübsche Cabriolet auf Basis des Turiner Typs 508 ausführlicher würdigen…

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Glück des Augenblicks: Ein Donnet-Zedel von 1923/24

Die Mythologie der alten Griechen ist mir von jeher sympathisch. Schon als Jugendlicher bemerkte ich bei der Lektüre deutscher Adaptionen von Ilias und Odyssee, dass man die Götter keineswegs ernstnahm im Sinn wirklich existenter höherer Wesen.

Dafür ging man viel zu leichtfüßig mit ihnen um, schrieb ihnen neben Machtfülle und Weisheit alle möglichen Marotten und Schwächen zu, erfand immer neue Varianten.

Die „Götter“ der klassischen Antike waren letztlich Abstraktionen menschlicher Eigenschaften und Verkörperung grundlegender Daseinserfahrungen des Menschen – des Edlen und Genialen, Alltäglichen und Banalen, Niedrigen und Bösen.

So findet sich für alle Phänomene des Lebens eine griechische Gottheit – eine davon entdeckte ich aber erst recht spät, und zwar im Katalog einer Schweizer Uhrenmanufaktur.

Dort trug ein klassischer mechanischer Zeitmesser den geheimnisvollen Namen „Kairos“. Das ist die altgriechische Bezeichnung für das „richtige Timing“ – den rechten Moment, in dem sich alles entscheidet, in dem alles gelingt, sich alles auf’s Schönste zusammenfügt.

Solche Momente sind rar, daher stand auch die gleichnamige griechische Gottheit stets im Schatten und ist nur sehr dürftig dokumentiert.

Doch heute haben wir Glück und können einen „Kairos“ persönlich erleben, passenderweise anhand eines (ursprünglich) Schweizer Präzisionswagens – eines Donnet-Zedel.

Vielleicht erinnern Sie sich an das schöne Foto aus der Sammlung von Klaas Dierks, das ich vor gut einem Jahr hier vorgestellt habe:

Zedel um 1920; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Es mag zunächst nicht erkennbar sein, doch der Markenname erscheint gleich zweimal auf dem Kühler dieses von den Vorderkotflügeln abgesehen nüchtern gestalteten Tourenwagens.

Oben auf dem Kühlergehäuse und unten auf dem Kühlergitter findet man nämlich die Buchstabenkombination „ZL“ – im Französischen „Zedel“ ausgesprochen. Hinter dem Kürzel verbargen sich die Namen der Gründer der Firma Zürcher & Lüthi.

Schon bei dieser Aufnahme ahnt man die Anwesenheit von Gott Kairos – der Fotograf hat den günstigsten Blickwinkel erfasst und im rechten Moment auf den Auslöser gedrückt.

Doch der glückliche Augenblick wird uns gleich noch einmal zuteil und das in noch überzeugenderer Form. So haben wir das Vergnügen, fast den gleichen Wagen wiederzusehen, bloß einen entscheidenden Moment später.

Der an sich schweizerische Hersteller Zedel, der jedoch seit 1906 seine Wagen im französischen Pontarlier fertigte, wurde nämlich nach dem 1. Weltkrieg (die Angaben variieren: 1919, 1921 und 1923) vom Flugzeugfabrikanten Donnet übernommen.

Dieser führte zunächst die Produktion der Zedel-Wagen fort, entwickelte dann aber neue Modelle, darunter den erfolgreichen kleinen Typ G. Ab 1926 hießen die Autos nur noch Donnet.

Es gab also nur einen recht kurzen Zeitraum, in dem überhaupt Wagen dieses Formats unter der Bezeichnung Donnet-Zedel gebaut wurden. Noch kürzer dürfte die Phase gewesen sein, in der man die bisherigen Zedel-Modelle unter dem neuem Markennamen weiterbaute.

Die Götter sind uns heute hold, speziell der sich sonst so rar machende Kairos ist uns wohlgesonnen – und wir sind Zeuge, wie sich alles zum Glück des Augenblicks fügt:

Donnet-Zedel von 1923; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Es fällt schwer, bei dem hier abgebildeten Automobil Unterschiede zu dem oben gezeigten Zedel zu finden – sieht man einmal vom niedergelegten Verdeck ab.

Auch die rare Zwischenscheibe, welche auch die Passagier auf dem Rücksitz vor Fahrtwind schützte, ändert nichts an der fast vollkommenen Übereinstimmung der Karosseriegestaltung.

Man beachte auch, wie der Scheinwerferträger aus dem Unterteil des Kotflügels emporragt, schon bei Fahrzeugen ab 1924 findet man dies nicht mehr (siehe hier).

Dafür liest man jetzt aber Donnet-Zedel auf dem Kühlergrill:

Mangels Quellen will ich mich nicht in Spekulationen ergehen, was die Motorisierung dieses wohl kurz nach der Übernahme von Zedel durch Donnet um 1923 entstandenen Wagen betrifft.

Jedenfalls haben wir den rechten Moment getroffen, in dem wir Zeuge der Markenumbenennung werden und zugleich mit Zeitgenossen des Fahrzeugs konfrontiert werden, die im Augenblick der Aufnahme mit sich selbst ganz im Reinen sind.

Dieses Glück des Augenblicks macht für mich ein perfektes Foto eines Vorkriegsautos aus.

Der Wagen muss vorteilhaft und in allen wesentlichen Aspekten seiner Gestaltung wiedergegeben sein. Und die Insassen sollten entspannt und gut gelaunt posieren – etwas, was mir bei Aufnahmen aus Deutschland häufig fehlt, dort wirken die Protagonisten auffallend oft griesgrämig, ernst oder unsicher.

Ganz anders hier, von dem Hund auf der Rückbank abgesehen, der sich unzugänglich gibt:

Das war schon alles, was mir zu diesem Tourenwagen aus dem Hause Donnet-Zedel einfällt.

Auch wenn ich diesmal nichts zu den technischen Spezifikationen des Wagens sagen kann – vielleicht weiß ja ein Leser eine geeignete Quelle in der Literatur oder im Netz – hoffe ich, mit diesem Foto die Gunst des Augenblicks genutzt zu haben.

Denn eigentlich war ich heute auf der Suche nach einem ganz anderen Foto, als mich der „Kairos“ mit diesem Dokument inspirierte. Mal sehen, was mir die Launen der Götter beim nächsten Mal eingeben – schon eine Weile sitzt mir beispielsweise Minerva im Nacken…

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Gab’s schon damals mit Breitreifen… Audi E 22/55 PS

Die Audis der Moderne stehen in keiner historischen Verbindung zu jenen der Vorkriegszeit. Nach dem Krieg war zwar die Auto-Union mit ehemaligen Mitarbeitern in Ingolstadt neu gegründet worden. Doch baute man nur noch Zweitaktwagen in DKW-Tradition.

Der Markenname Audi wurde erst reaktiviert, nachdem die Auto-Union von Daimler-Benz übernommen worden war. Der erste Audi basierte weiterhin auf einer DKW-Konstruktion und erhielt obendrein einen von Mercedes-Technikern entwickelten Motor…

Später wanderte die Marke zum Volkswagenkonzern und erst unter Ferdinand Piech wurde Audi allmählich zu einer Premiummarke – für Menschen, die es sehr eilig haben.

Wer öfters auf der Autobahn unterwegs ist, kennt das: Man ist mit rund 160-170 km/h auf der linken Spur unterwegs, während sich von hinten ein Audi mit hoher Geschwindigkeit nähert.

Man ist dann gut beraten, Platz zu machen, und kann dann noch einen kurzen Blick auf die walzenartigen Breitreifen des meist als Kombi ausgeführten Audis werfen.

In dieser Hinsicht bin ich jüngst auf eine überraschende Verbindung zu den Audis aus Vorkriegstagen gestoßen, die man damals nur als Nachkriegstage kannte.

Breitreifen hatte man nämlich auch schon in den frühen 1920er Jahren im Angebot! Hier der Beweis:

Audi Typ E 22/55 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Diese prächtige Aufnahme, die wir Leser Matthias Schmidt aus Dresden verdanken, zeigt ganz klar einen Audi der ersten Hälfte der 1920er Jahre.

Zu erkennen ist das an dem exzentrisch gestalteten Kühler, dessen Front von oben nach unten immer spitzer zuläuft. Interessanterweise konnte ich bisher keine Angabe dazu finden, ab wann genau Audi diese Kühlergestalt einführte.

Meine Vermutung ist die, dass sich Audi dem ab 1913/14 bei vielen Marken im deutschsprachigen Raum einsetzenden Trend zum Spitzkühler erst spät anschloss. Jedenfalls ist mir noch keine Abbildung eines Spitzkühler-Audis begegnet, der eindeutig vor dem 1. Weltkrieg gebaut wurde (und nicht später modernisiert wurde).

Den frühesten mir bekannten Beleg – sofern man das überhaupt so sagen kann – stellt diese großartige Audi-Reklame aus der Allgemeinen Automobil-Zeitung von 1917 dar:

Audi-Reklame (auf 1917 datiert); Original aus Sammlung Michael Schlenger

Der Spitzkühler an dem darauf abgebildeten Wagen ist stark stilisiert wiedergegeben, wie auch das ganze Auto mit einiger künstlerischen Freiheit, aber sehr gekonnt gezeichnet ist.

Wie bei vielen solchen Anzeigen aus der Spätphase des 1. Weltkriegs wurde hier möglicherweise bloß dokumentiert, was man sich für die Zukunft vorstellte. Audi baute zu dieser Zeit ja praktisch nur noch Autos für den Heeresbedarf.

Nicht auszuschließen ist, dass wie im Fall von Benz nach dem Krieg der modische Spitzkühler eine Weile parallel zum konventionellen Flachkühler verbaut wurde. Jedenfalls scheinen mir alle Spitzkühler-Audis aus der Zeit ab 1919 zu stammen.

Dummerweise sahen sich die nebeneinander angebotenen Modelle wie schon vor dem Krieg sehr ähnlich – nur die Größe und die Proportionen erlauben in einigen Fällen eine klare Eingrenzung des Typs.

Auf welche Schwierigkeiten man dabei stoßen kann, dafür ist das heute vorgestellte Foto ein gutes Beispiel.

Werfen wir einen näheren Blick auf die Frontpartie (nur die wurde von Audi selbst ausgeführt (die übrige Karosserie konnte von einer beliebigen Manufaktur stammen):

Der Spitzkühler und die nach hinten versetzten Haubenschlitze waren den drei Hauptmodellen in der ersten Hälfte der 1920er Jahre gemeinsam.

Den kleinen Typ G 8/22 PS mit unter drei Metern Radstand können wir hier getrost ausschließen. Damit verbleiben der Typ C 14/35 PS und der Typ E 22/55 PS mit Vierzylinderaggregaten, die 3,6 bzw 5,7 Liter Hubraum besaßen.

Alle drei Wagen entsprachen übrigens noch sehr weitgehend den gleichnamigen Vorkriegskonstruktionen. Da es damals noch keine äußerlich sichtbaren Typenbezeichnungen gab, ist man in solchen Fällen auf Schätzungen angewiesen.

Es kann ein der Perspektive geschuldeter Irrtum sein, aber mir scheint beim großen Typ E 22/55 PS der Teil der Motorhaube ohne Luftschlitze etwas länger zu sein als beim Model C 14/35 PS. Darauf allein sollte man aber vielleicht sein Urteil nicht stützen.

Auch die Wagenlänge ist kein verlässlicher Indikator. So war der „kleine“ Audi C 14/35 PS mit drei Radständen von 2,90 m bis 3,20 m erhältlich. Diese Skala überschnitt sich mit derjenigen beim Typ E 2/55 PS, die von 3,17 m bis 3,46 m reichte.

Das kann man also ebenfalls vergessen, zumal da uns ein Vergleichsmaßstab fehlt.

Diesen kann zwar mitunter der Reifendurchmesser liefern, aber das geht nur bei Aufnahmen, die den Wagen genau von der Seite zeigen (dann kann man in einem Dreisatz den Radstand recht genau ermitteln).

Im Fall des Audi auf dem Foto von Matthias Schmidt liefert uns das Reifenformat dennoch einen wichtigen Hinweis. Sowohl auf dem Ersatzrad als auch auf dem Hinterrad ist nämlich als Dimension 895 x 150 angegeben.

Das will so gar nicht zu den Angaben in der Standardliteratur zu Vorkriegs-Audis passen (Kirchberg/Hornung: Audi-Automobile 1909-1940, Verlag Delius-Klasing). Dort ist für den Typ E 22/55 PS nämlich lediglich 880 x 135 bzw. 935 x 135 angegeben.

In beiden Fällen waren die Reifen also wesentlich schmaler (13,5 cm statt 15,0 cm). Immerhin können wir auf diese Weise zumindest das Modell C 14/35 PS ausschließen, denn dort waren Reifen mit viel kleinerem Durchmesser (820 x 120) montiert.

Was ist von der Faktenlage zu halten? Nun, in solchen Fällen kann es helfen, sich von vorgefassten Urteilen zumindest vorübergehend zu distanzieren. So erwog ich kurz, dass das Reifenformat auf den 1921 neu eingeführten Audi Typ K 14/50 PS verweisen könnte.

Der war nämlich laut Literatur genau mit solchen Pneus ausgestattet, die man auch hier besichtigen kann:

Audi Typ K 14/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Die zahlreicheren Lufschlitze in der Haube müssen kein zwingender Hinweis auf eine andere Motorisierung sein (wenngleich sie es oft sind).

Aber ein Detail verrät uns, dass der Wagen auf dem ersten Foto unmöglich ein solcher Audi Typ K 14/50 PS sein kann. Dieser besaß nämlich als erstes deutsches Auto schon ab 1921 Linkslenkung, während die älteren Audi-Modelle nach wie vor rechtsgelenkt waren.

Wenn aber Audi beim neuen und sehr schwer ausgefallenen Typ K Reifen dieser Dimension verwendete, liegt die Vermutung nahe, dass man diese zumindest für das größte der noch aus der Vorkriegszeit stammenden Modelle mit ähnlicher Leistung ebenfalls anbot.

Interessanterweise wiesen die Fahrgestelle des Typs E 22/55 PS (in der längsten Ausführung) und des neu eingeführten Modells K 14/50 dasselbe Gewicht auf: 1400 kg.

Das spricht aus meiner Sicht sehr dafür, dass wir es bei dem Audi auf dem ersten Foto tatsächlich um ein Modell E22/55 PS mit Radstand 3,46 m zu tun haben. Es erhielt daher entweder auf Wunsch oder serienmäßig die gleichen Reifen wie der neue Typ K 14/50 PS.

Wir sehen: Breitreifen begannen bei Audi schon vor 100 Jahren wichtig zu werden.

Unterschätzen wir auch nicht die Leistungsfähigkeit dieser frühen Fahrzeuge. Der große Audi E22/55 PS war schon 1914 für 90-100 km/h Spitze gut. Der spätere K-Typ wies zwar viele Neuerungen auf (ohv-Motor), aber schneller war er keineswegs.

Da wird man sich als Fahrer eines Typs E22/55 PS gesagt haben: „Meiner kann immer noch locker mithalten, aber sicherer erscheinen mir die breiten Reifen des neuen K-Typs.

Überhaupt zeigten sich schon damals mehr Vorzeichen der Moderne, als einem konservativ gesonnenen Geist lieb sein konnte. Haben Sie die scheußlichen Blumenkästen am Balkon im Hintergrund gesehen?

Ja, das triste Regiment des immergleichen Schukartons in der Gestaltung begann schon damals. Mag sein, dass die davor sitzende junge Dame deshalb so wehmütig zurückblickt. Auch für den Audi mit seinen modischen Breitreifen hatte sie nichts übrig…

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Gefährt und Gefährte: Willys Overland „Whippet“ Cabrio

„Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“, legte einst Friedrich Engels dem Philosophen Hegel in den Mund.

Marxisten drücken damit aus, dass der Einzelne die Verhältnisse zu akzeptieren hat, die sich aus „Gesetzmäßigkeiten“ ergeben, die nur „Intellektuellen“, nicht aber dem Untertan zugänglich seien.

In der Praxis soll sich das Individuum mit den Lebensverhältnissen abfinden, die aus der Herrschaft einer Bürokratenkaste resultieren, welche meint, alles zu wissen und alles zu können – der aber nichts gelingt außer der Verwaltung des Mangels.

In derselben Tradition stehen die, welche den Verzicht auf Energie und damit Wohlstandszuwachs als neue Einsicht und Tugend predigen. Dabei ist in der Geschichte Kultur stets nur aus der Überwindung blanker Notwendigkeiten entstanden.

Können, Konkurrenz und Kapital sind die Voraussetzung kultureller Blüte – das war in der Antike so, in der Renaissance und seit Beginn der Industrialisierung. Erst die daraus resultierenden Überschüsse und Freiräume ermöglichten dem Einzelnen, ein selbstbestimmtes Dasein jenseits der Notwendigkeiten zu führen.

Das erschwingliche Automobil für jedermann ist für mich ein Paradebeispiel. Unter einem Regime lupenreiner Bürokraten, wie es sich in Berlin und Brüssel etabliert hat und das alle Lebensbereiche reglementiert, wäre es nicht dazu gekommen.

Ohne den freien Wettbewerb von Ideen, ohne unternehmerische Risikobereitschaft und Überfluss an renditesuchendem Kapital hätte es folgende Situation nie gegeben:

Willys Overland „Whippet“ 1926-28; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier hat sich Ende der 1920er Jahre ein Automobilist aus der Stadt die grandiose Bergwelt erfahren. Der Aktionsradius und die Autonomie seines Wagens ermöglichte ihm ein Reisen, das zuvor selbst Königen und Kaisern nicht zu Gebote stand.

Mit einem Mal konnte man sich selbst ein Bild von der Welt, von Land und Leuten machen, der kalten Jahreszeit oder dem Trubel der Städte, der bösen Stiefmutter oder schlimmeren Formen der Verfolgung entfliehen.

Dass der Autoverkehr selbst wiederum Probleme schafft, ist trivial – jede menschliche Aktivität zeitigt Folgen seit Urzeiten.

Aber es macht das menschliche Genie aus, damit umgehen zu können. Auf den menschlichen Erfindungsgeist, seine Anpassungsfähigkeit und sein Streben nach Verbesserung seines Daseins sollten wir mehr vertrauen als auf Planer, Prediger und Politiker.

Wie gesagt: Das erschwingliche und dabei zuverlässige und geräumige Automobil, das wir heute als selbstverständlich ansehen – das ist eine Errungenschaft des vielgescholtenen Kapitalismus, ganz ohne staatliche Lenkung oder Intervention entstanden.

Genau so ein Fahrzeug sehen wir vor uns:

Das ist ein „Whippet“-Tourenwagen im Erscheinungsbild von 1926 (dem Jahr seiner Einführung) bis 1928. Spätere Modelle besaßen glattflächige Vorderkotflügel, nicht optisch aus zwei Teilen zusammengesetzt wie hier.

Allein im ersten Jahr entstanden weit über 100.000 Exemplare davon und das musste auch so sein, denn kühles Ausloten des Marktpotentials und konsequentes Skalieren auf industriellem Niveau war und ist das Geheimnis hinter jedem erschwinglichen Produkt.

Nun könnte man der Ansicht sein, dass es mit dem Ford Model A doch bereits ein für jedermann in den Vereinigten Staaten erschwingliches Automobil mit ordentlicher Leistung und ausreichendem Platzangebot gab.

Doch damit verkennt man die Kräfte des Wettbewerbs und des Gewinnstrebens. Tatsächlich hatte sich Willys Overland das Ziel gesetzt, ein dem Ford mindestens ebenbürtiges, aber noch billigeres Auto zu bauen.

Das gelang mit dem „Whippet“ durchaus, wenngleich man damit eher auf den europäischen Markt abgezielt zu haben scheint, wo die Kaufkraft der Masse wesentlich geringer war.

Tatsächlich begegnet man dem „Whippet“ auch in deutschen Landen immer wieder, obwohl Automobile für den Durchschnittsbürger hier noch unerschwinglich waren.

Neben dem Basismodell mit 40 PS leistendem Vierzylindermotor fand dennoch auch die stärkere Sechszylinderversion Käufer. Hier haben wir ein solches Fahrzeug mit deutscher Zulassung in der äußerlich überarbeiteten Ausführung ab 1929:

Willys Overland „Whippet“ ab 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mit den geglätteten Koflügeln und der raffinierter gearbeiteten Kühlermaske wirkt der Wagen hier geradezu repräsentativ. Dabei haben wir es nach amerikanischen Verhältnisse mit einem absoluten „Billigheimer“ zu tun.

Dieser Whippet war nämlich der preisgünstigste Sechszylinderwagen, der damals auf der Welt zu bekommen war. Äußerlich war er, wenn ich richtig informiert bin, nur an der weit größeren Zahl der Luftschlitze in der Motorhaube zu erkennen (rund 30 statt rund 20 beim Vierzylinder).

Für die damaligen Besitzer war ein solcher Wagen aber nicht nur bloßes Gefährt – also ein rein funktioneller Gegenstand – sondern zugleich auch Gefährte, insofern als er ihnen eine Bandbreite des Daseins ermöglichte, die anderen verschlossen blieb.

Die Rolle des Automobils als geschätztes, bisweilen sogar geliebtes Familienmitglied kommt auf obiger Aufnahme schön zum Ausdruck.

Gefährt und Gefährte – diese Doppelrolle spielte das Automobil von jeher. Und unzählige Besitzer hielten zusammen mit ihrem Gefährt auch die übrigen Gefährten ihres Daseins fest.

Das waren neben Familie und Freunden immer wieder auch Vierbeiner wie dieser hier:

Willys Overland „Whippet“ ab 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zwar bin ich kein Hundebesitzer – ich bevorzuge Katzen als vierbeinige Gefährten – doch fasziniert mich stets das Selbstbewusstsein, dass diese Tiere auf solchen Fotos ausstrahlen.

„Vorkriegshunde und ihre Autos“, das wird irgendwann – wie schon einmal angedroht – Gegenstand einer Bildrevue in diesem Blog sein.

Heute belassen wir es jedoch bei diesem Beispiel eines Whippet.

Moment mal, werden jetzt die Kenner einwenden – ein Whippet ist doch eine ganz andere Hunderasse, eher windhundähnlich. Vollkommen richtig, doch meinte ich auch nicht den vierbeinigen Gefährten des Autobesitzers sondern das von ihm besetzte Gefährt.

Denn auch dieses ist ein Whippet, wie das Markenemblem erkennen lässt – zumindest auf dem Originalabzug:

In dem Fall müssen Sie mir glauben, liebe Leser. Auf dem Emblem steht in dem oberen Feld „Willys Overland“ und in dem unteren „Whippet“.

Umbekehrt glaube ich Ihnen, wenn Sie mir verraten, wofür „DTC“ auf dem Emblem weiter unten steht – ich kann mich ja nicht um alles kümmern…

Dann wissen wir sicher auch, ob dieser Whippet einst ebenfalls in Deutschland zugelassen war oder eher in Island – dort war Willys Overland nämlich ab 1914 die erste Automobilfirma mit eigener Vertretung.

Immer diese Erwerbsorientierung, immer diese Geschäftstüchtigkeit der Amis! Nun, wem die daraus erwachsende wirtschaftliche Dominanz nicht passt, konnte und kann ja selbst in den Wettbewerb eintreten – Kapitalist sein ist schön, macht aber eben auch Arbeit…

Schließen möchte ich ganz untypisch mit einem letzten Blick auf den Gefährten, der einst mit dem Gefährt des Whippet-Besitzers festgehalten wurde:

Kultur beginnt jenseits der Notwendigkeiten, das umriss ich eingangs.

Dazu gehören nicht nur Dinge wie höfliches Benehmen und Humor, Kunst und Spiel, Abenteuerlust und Wissenshunger, sondern auch ein respektvoller Umgang mit den Mitgeschöpfen in unserer technologischen Zivilisation.

Damit meine ich heute ausnahmsweise nicht das in Stahl gegossene und in Blech geprägte Automobil, diesen Freiheitsbringer par excellence, sondern die Vierbeiner, die unser Leben auf so wundersame Weise bereichern.

Einen solchen treuen Gefährten zu verlieren, das ist schlimmer als irgendwann einem noch so teuren Gefährt adieu zu sagen, das weiß ich aus Erfahrung.

„Wäre ja nicht notwendig gewesen, sich solche Gefährte(n) zuzulegen“, könnte jetzt ein Frugalitätsfetischist sagen. Das Diktat des Notwendigen ist die blanke Barbarei, sage ich.

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Eine blasse Ahnung… Horch „Tonneau“ von 1901/02

Keine blasse Ahnung, womit ich es zu tun habe – das gilt für zahllose Bilder von Vorkriegsautos aus meinem Fundus.

Speziell bei sehr frühen Exemplaren kommt das häufiger vor. Das liegt an der in die Tausenden gehenden Zahl der Hersteller in Europa und in den USA, welche – meist mit nur geringem Erfolg – versuchten, an der Erfolgsgeschichte des Automobils mitzuwirken.

Besonders zahlreich waren die frühen Fabrikate aus Frankreich und Belgien – eines davon zeigt vermutlich diese Aufnahme:

unidentifiziertes Veteranenauto ab 1900; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An diesem eigenwilligen, aber professionell gebaut wirkenden Gefährt beiße ich mir seit Jahren die Zähne aus. Bis heute habe ich keine blasse Ahnung, worum es sich handelt.

Dabei ist es weniger das verblichene Foto als solches, das Probleme bereitet. Denn hier kann man mit heutigen Mitteln einiges herausholen – ein Beispiel dafür bringe ich gleich.

Neben der Vielzahl der möglichen Fabrikate macht sich in solchen Fällen bemerkbar, dass bei so frühen Wagen die Aufnahmen der Hersteller für Prospekte und Reklamen fast immer die Seitenansicht zeigen.

Die Frontpartie bekommt man praktisch nur auf Privatfotos zu sehen, bei denen aber seltenst die Marke mitüberliefert ist. Und Kühlerembleme gab es anfänglich kaum.

Dennoch ist es natürlich von großem Reiz, der Identität solcher Exoten nachzuspüren und etwas über die Erbauer herauszufinden. Das eigene Herkommen und die Gründe für Erfolg und Scheitern der Vorfahren zu verstehen – das interessiert den Menschen nun einmal.

Heute kann ich vielleicht ein klein wenig dazu beitragen, eine Lücke in der Dokumentation einer der bedeutendsten deutschen Marken zu schließen: Horch!

Das mag etwas vermessen klingen, und vielleicht liege ich auch völlig daneben oder habe schlicht etwas übersehen. Immerhin gehört Horch zu den wenigen wirklich umfassend und in die Tiefe gehend erforschten deutschen Herstellern.

Vor allem Peter Kirchberg hat daran über Jahrzehnte gearbeitet und die Früchte seiner Arbeit sind im zusammen mit Jürgen Pönisch verfassten Standardwerk „Horch – Typen, Technik, Modelle“ (Verlag Delius-Klasing) trefflich versammelt.

Im Vorwort zu diesem Werk, dem ich je nach Blickwinkel immer wieder neue Erkenntnisse abgewinnen kann, weisen die Autoren jedoch selbst auf einige „weiße Flecken“ hin. Einer davon könnte sich eventuell heute verflüchtigen.

Jedenfalls meine ich, zumindest eine blasse Ahnung davon zu haben, was auf diesem erst dieser Tage von mir neu erworbenen Dokument einst festgehalten wurde:

Veteranenauto ab 1900; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wiederum handelt es sich um ein mit zeitgenössischem Passepartout erhaltenes Foto. Solche Sachen schätze ich ganz besonders und bin dann auch bereit, mehr als die üblichen 5 EUR für historische Originalaufnahmen auszugeben.

In meiner „Studierstube“, die bis unter die Decke mit Automobilia und einschlägiger Literatur vollgestopft ist, bekommen solche Stücke einen besonderen Platz an einer Stelle ohne direkten Lichteinfall (die Fenster sind zudem mit halbtransparenten Rollos versehen).

So kann ich diese Zeugnisse täglich (eher abends bei Büchsenlicht) sehen, ohne weiteres Verblassen zu riskieren.

Für meinen Blog und die Markengalerien oder auch für etwaige Publikationen und Austellungen Dritter, die ich unterstütze, erstelle ich immer digitale Kopien.

Diese lassen sich dann auch so weit bearbeiten, dass man am Ende mehr als nur eine blasse Ahnung davon bekommt, was der Fotograf einst vor sich hatte. Mit meinen laienhaften Möglichkeiten ließ sich immerhin folgendes aus obigem Original herausholen:

Horch 10-12 PS von 1901/02; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer sich mit den frühen Veteranenwagen kurz nach 1900 befasst, begegnet Fahrzeugen mit einem solchen Erscheinungsbild auf Schritt und Tritt.

In der damals führenden französische Automobilindustrie hatte sich diese Gestaltungsweise mit nach Art einer umgedrehten Schaufel geformter Motorhaube (nach vorne und den Seiten abfallend) etabliert und findet sich bei zahllosen Marken.

Das gilt ebenfalls für den vorn unterhalb des Rahmens angebrachten Kühler mit schlangenartig gewundenen Wasserrohren. Diese Konstruktions- und Gestaltungsmerkmale französischer Hersteller übernahm auch die deutsche Konkurrenz – entweder im Rahmen von Lizenzfertigungen oder daran angelehnten Modellen.

Daher gestaltet sich die Identifikation eines solchen Wagens oft schwierig. Im vorliegenden Fall haben wir jedoch zwei Indizien, was die Herkunft angeht.

Zum einen verweist das Nummernschild auf eine Zulassung im Raum Dresden – damit rückt schon einmal ein sächsischer Hersteller ins Blickfeld. Zum anderen steht auf der Rückseite des Fotos „Horch“ geschrieben.

Dem habe ich anfänglich aber keinen Glauben geschenkt, weil mir die dort ebenfalls vermerkte Jahreszahl 1906 nicht plausibel erschien. Um diese Zeit sah ein Horch längst ganz anders aus, nämlich wie dieser Typ 18-22 PS (ab 1904) etwa:

Horch 18-22 PS von 1904/05; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Allerdings hatte ich bis dato mangels Fotomaterials noch keine Gelegenheit gehabt, mich mit den noch früheren Horch-Modellen zu beschäftigen.

Also ging ich dem Hinweis „Horch“ auf der Rückseite des Fotos nach – mit 1906 war eventuell auch nur das Aufnahmedatum gemeint – und studierte die Erstlinge der Marke bzw. aus der Kölner Experimentierphase von August Horch ab 1900.

Auf einen 1901 vorgestellten Einzylinderwagen, dessen Hinterachse noch riemengetrieben war, folgte im selben Jahr ein weiterer Einzylindertyp (4-5 PS) mit Kardanantrieb sowie ein Zweizylinder (9-10 PS).

Diese ganz frühen von Horch entwickelte Autos waren unter an ihrer senkrecht stehenden Lenksäule zu erkennen – die besitzt der Wagen auf dem heute vorgestellten Wagen ebenso wie den in der Literatur erwähnten Schlangenkühler vorn unten:

Während die Gestaltung der Radnaben stark der auf einem Foto des 1-Zylindertyps auf S. 53 des erwähnten Horch-Standardwerks ähnelt, unterscheidet sich die Ausführung der Kühlerschlangen deutlich.

Andererseits wiederum stimmen die Details der Motorhaube bis ins Detail überein, etwa die auf der Haubenflanke abgesetzte Fläche mit schrägstehenden Entlüftungschlitzen.

Jedoch sieht man auf den wenigen Abbildungen des entsprechenden frühen Horch-Einzylindertyps die Handbremse auf der in Fahrtrichtung linken Seite, und das Gestänge zu Übertragung der Kraft an die Hinterradbremsen verläuft auf bzw. unter Rahmenhöhe.

Das sieht bei „unserem“ mutmaßlichen“ Horch noch ganz anders aus, Hier befindet sich die Handbremse links und das Gestänge durchstößt schräg von oben kommend scheinbar den hinteren Kotflügel:

Habe ich bloß keine blasse Ahnung oder sehe ich hier tatsächlich eine andernorts so nicht dokumentierte Ausführung des Einzylinder-Horch 9-10 PS von 1901?

Oder haben wir es vielleicht mit einer frühen Form des Typs 10-12 von 1902 vor der Umstellung auf schrägstehende Lenksäule und Bienenwabenkühler zu tun?

Der recht große und schwere Aufbau als viersitziges „Tonneau“ würde aus meiner Sicht eher für eine Zweizylinderversion sprechen, der Einzylinder war dafür wohl zu schwach.

Wie dem auch sei – jetzt sind die Spezialisten für ganz frühe Horch-Wagen gefragt oder auch Amateure, die scharfsinniger sind als ich bzw. über noch mehr Bildmaterial zum Vergleich verfügen.

Zumindest eine blasse Ahnung meine ich aber in diesem Fall schon zu haben…

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R(h)eines Vergnügen! BMW 3-20 PS Cabriolet

Das erste „echte“ Automobil aus dem Hause BMW hatte eigentlich alles mit auf den Weg bekommen, um es zum reinen Vergnügen für seine Käufer zu machen.

Beim ab 1931 gebauten Typ 3-20 PS der Marke handelte es sich nämlich nicht mehr um einen Wiedergänger des in die Jahre gekommenen Austin Seven, wie ihn BMW im Zuge der Übernahme der in Eisenach beheimateten Marke „Dixi“ im Jahr 1928 geerbt hatte.

Die mit einer britischen Lizenz gefertigten Dixi-Wagen des Typs DA1 3/15 PS wurden unter BMW-Aufsicht zwar noch eine Weile weitergebaut und in einigen Details weiterentwickelt.

Doch die von Anfang der 1920er Jahre stammende Konstruktion war bei allen Qualitäten nicht mehr zeitgemäß – da half auch das Propeller-Emblem von BMW nicht, welches den DA2 3/15 PS von 1929 zierte:

BMW DA2 3/15 PS; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Man sieht es dem Herrn neben seinem Wagen an – das Auto war nicht immer das reine Vergnügen.

BMW behielt beim Nachfolgetyp 3/20 PS nur die Steuer-PS bei, blieb also ungefähr in derselben Hubraumklasse (knapp 800 cm).

Der Motor selbst war eine Neukonstruktion, der über eine der Effizienz und Drehfreude dienende moderne Ventilanordnung (im Zylinderkopf hängend) verfügte, außerdem endlich über eine nicht länger nur nach dem Zufallsprinzip arbeitende Motorschmierung.

Um es vorwegzunehmen: Dieses kleine, aber feine Aggregat war das reine Vergnügen und sollte eine Tradition drehfreudiger und hoch belastbarer BMW-Motoren begründen.

Erfreulich war zudem, dass man beim neuen Typ 3/20 PS den Insassen weit mehr Platz spendiert hatte. Vorerst vorbei war nun auch in Deutschland die Zeit der Kleinstwagen, die eigentlich nur für zwei Personen geeignet waren. Nach dem Krieg fing man wieder dort an…

Hier haben wir die Limousine, welche den Wagen schon fast erwachsen wirken lässt:

BMW 3-20 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Kein reines Vergügen war allerdings die ungelenke und einfallslose Gestaltung der für das Marken“gesicht“ so wichtigen Frontpartie.

Ich hatte daher in einem früheren Porträt des Modells (hier) geschrieben, dass BMW seinerzeit in dieser Hinsicht noch auf der „Suche nach sich selbst“ war.

Dieses Urteil kann ich auch heute nicht revidieren, doch bieten sich nun einige Gründe mehr, den Wagen mit reinem Vergnügen in Verbindung zu bringen.

Den fabelhaften Motor hatte ich bereits erwähnt und ich kann nur empfehlen, diesbezüglich das zeitgenössische Votum des für seine furchtlosen und süffig geschriebenen Kritiken bekannten Motorjournalisten Josef Ganz zu lesen.

Den O-Ton findet man im kürzlich erschienen Buch „BMW – 1929 bis 1945“, das Altmeister Rainer Simons sowie Hagen Nyncke und Walter Zeichner verdanken ist.

Das fast 400 Seiten starke Werk hat seinen (wohlverdienten) Preis und ist das ideale Weihnachtsgeschenk für alle Freunde von BMW, aber auch deutscher Vorkriegsautos ganz allgemein. Was die Autoren in Wort und Bild dort ausbreiten, das ist das reine Vergnügen.

Was man bei der Lektüre ganz nebenbei erfährt, ist meines Erachtens so nirgends zu lesen. Beispielsweise erfährt man zum Typ 3-20 PS, dass dieser in der Cabriolet-Version Ledersitze besaß und verchromte Zierelemente an der Tür besaß.

Da sieht man den Wagen auf einem Foto wie diesem plötzlich mit ganz anderen Augen:

BMW 3-20 PS Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Denn jetzt fällt einem auf, dass die markante Leiste entlang der Tür nachträglich überlackiert worden sein muss. Dass dort Teile der Verchromung sichtbar sind, war mir bislang völlig entgangen.

Vielleicht war man bei der Neulackierung nach dem Krieg hier einfach großzügig verfahren, zumal dieses Element schwierig abzukleben sein dürfte.

Nebenbei war es dieses Detail, das mir überhaupt erst die Identifikation des Wagens als BMW des Typs 3-20 PS erlaubte. Schon von daher bin ich für die Akribie der Macher des neuen BMW-Buchs dankbar.

Sie sehen, auch der merkwürdig gesichtslos erscheinende BMW 3-20 PS beginnt allmählich Charakter zu entfalten.

Am ehesten tut er das aber immer noch, wenn man sich ihm aus der Perspektive seiner einstigen Besitzer nähert wie auf dieser Aufnahme:

Am Mittelrhein (bei Kamp-Bornhofen); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Keine Sorge, liebe Leser, wir haben uns nicht verlaufen – der BMW befindet sich ganz in unserer Nähe. R(h)eines Vergnügen findet sich aber hier auch so.

Denn wir gehen gerade mit unserem Hund „Nero“ Gassi entlang der westlichen Rheinuferstraße etwas südlich der alten Römerstadt Boppard. Woher ich das weiß (einschließlich des Namens des Vierbeiners)?

Gemach, wir genießen noch ein wenig die Abendstimmung mit den langen Schatten, die von Westen ins Flusstal hineinragen. R(h)eines Vergnügen ist das, auch wenn dieser Abschnitt hier nicht sonderlich spektakulär erscheint.

Doch Nero hat jezt genug Auslauf gehabt – zudem wird es an den Stellen, welche die Abendsonne nicht mehr erreicht, bereits empfindlich kühl. Also machen wir kehrt und gehen zurück zum Wagen.

Noch einmal drehen wir uns um und werden Zeuge, wie die tiefstehende Sonne das gegenüberliegende Ufer in eine hochdramatische Szenerie verwandelt.

Während die Täler bereits vom Dunkel erfüllt werden, erstrahlt der kleine Ort am Ufer in märchenhafter Pracht:

Am Mittelrhein (bei Kamp-Bornhofen); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

R(h)eines Vergnügen ist das, isn’t it? Für romantische Ansichten wie diese reisten einst vermögende Engländer in Scharen in das sonst weniger geliebte Deutschland.

Neben wilder Landschaft waren zur Ruine gewordene Burgen unverzichtbares Element in solchen Veduten, die sich erst als Stiche, später als Fotografien bestens verkauften.

Kein reines Vergnügen war es mir übrigens herauszufinden, wo diese Aufnahme entstand. Da ich einst einige Jahre in Wiesbaden gewohnt habe, bin ich dank abendlicher Touren rheinabwärts etwas mit der Gegend vertraut und mir kam die Szenerie sehr bekannt vor.

Doch wollte mir der Name des Orts beziehungsweise der beiden Burgen partout nicht mehr einfallen. So brauchte es einige Recherchen, um wieder darauf zu kommen, dass wir hier die beiden „feindlichen Brüder“ oberhalb von Kamp-Bornhofen sehen.

Nachdem wir das geklärt haben, bleibt eigentlich nur noch eines, um abschließend sagen zu können: R(h)eines Vergnügen!

Wir sind nämlich mit Nero am Wagen angelangt und bevor es weitergeht, wird ein letztes Foto geschossen, das schwindende Licht reicht gerade noch dafür:

BMW 3-20 PS Cabriolet am Mittelrhein (bei Kamp-Bornhofen); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Drei Passagiere – der stolze Nero eingeschlossen – haben es sich bereits im BMW gemütlich gemacht. Auch wenn es von nun an kühler werden dürfte, bleibt das Verdeck unten, schließlich will man noch etwas sehen, bis es Nacht wird.

R(h)eines Vergnügen wie dieses bekam und bekommt man schließlich nicht alle Tage zu sehen. Und jetzt wissen wir auch, dass der Glanz auf der Zierleiste entlang der Tür nicht vom im Abendlicht erstrahlenden Lack stammt, sondern Chrom zu verdanken ist.

Die unvollendet wirkende Kühlerpartie kann man zwar auch hier nicht schönreden, aber sie verdeckt gnädig das Dunkel, das sich dort bereits breitmacht und bald auch den ganzen Wagen und seine Passagiere verschlucken wird, als sei das Ganze nur ein Spuk gewesen…

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Na gut – ein letztes Bild noch… DKW Typ P 15 PS

Eigentlich hatte ich das Kapitel des ersten DKW-Serienautos – des 1928 erschienen Typs P 15 PS- für mich als abgeschlossen betrachtet.

Nicht, dass ich keine Sympathien für das kleine Gefährt hegte. Es sah für seine geringe Größe geradezu elegant aus – auf jeden Fall wie ein richtiges Automobil, auch wenn die Karosserie weitgehend aus Sperrholz bestand, das mit Kunstleder bespannt war.

Das daraus resultierende geringe Gewicht – speziell bei den nur 500-600 Kilogramm wiegenden offenen Versionen – erlaubte akzeptable Fahrleistungen trotz gerade einmal 15 PS Höchstleistung des Zweizylinder-Zweitaktmotors.

Gerade im Vergleich zum etwas billigeren, aber primitiven Hanomag 2/10 PS bot DKW seinen Kunden ein durchaus flottes und auch optisch ansprechendes Einsteigerauto:

DKW Typ P 15 PS, 2-sitziges Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Exemplar verfügte sogar über ein richtiges Cabriolet-Verdeck, das innen gefüttert war und aufgespannt von einer Sturmstange in Form gehalten wurde wie bei den Großen.

Häufig wählten die oft vom Motorrad kommenden und mit den Eigenheit des Zweitaktantriebs vertrauten Kunden jedoch die einfachere Roadster-Ausführung, die nur über ein ungefüttertes Notverdeck verfügte und anfänglich nur einen Stoßdämpfer an der Vorderachse besaß (statt zwei wie beim Cabriolet).

Einige Fotos der Roadster-Ausführung habe ich bereits vorgestellt und in meine DKW-Galerie aufgenommen. Leser Klaas Dierks hat mir ein weiteres Exemplar aus seinem Fundus zur Verfügung gestellt, dass ich bei dieser Gelegenheit noch zeigen will:

DKW Typ P 15 PS, Roadster; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Hier lässt sich die ansprechend gestaltete Flanke studieren, an der die weitgehend übereinstimmenden Proportionen von Motorhaube und Tür auffallen – sicher ein beabsichtigtes Element.

Die leicht ansteigende Vorderpartie und die waagerecht (statt sonst meist vertikal) ausgeführten Haubenschlitze geben dem Wagen eine gewisse Spannung und Dynamik.

Jetzt ist es aber auch gut mit diesem ersten DKW des Typs P15 PS – schließlich gibt es unzählige andere adrette und interessante Vorkriegsfahrzeuge zu betrachten.

Den viel besser informierten und sortierten DKW-Freunden in meiner Leserschaft kann ich ohnehin auf diesem Sektor wenig bieten – wenn es nicht gerade einmal wieder ein Exemplar der wunderbaren Front Luxus-Cabriolets der 1930er Jahre ist…

Doch dann fand ich kürzlich eine Aufnahme, die den Titel meines heutigen Blog-Eintrags rechtfertigt. Also gut, eine letzte Aufnahme noch vom DKW Typ P 15 PS!

DKW Typ P 15 PS, 3-sitziges Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die technische Qualität und die ungewöhnliche Perspektive allein rechtfertigen schon die Präsentation dieses DKW Typ P 15 PS.

Tatsächlich ist auf keinem der bislang in meiner DKW-Galerie versammelten Exemplare die Frontpartie dermaßen gut zu erkennen. Hier sieht man in wünschenswerter Deutlichkeit das auf einem Vorsprung der Kühleroberseite angebrachte DKW-Emblem.

Frühe Exemplare dieses Typs verfügten dagegen nur über ein flach auf dem Kühler angebrachtes Markenemblem, das aus seitlicher Perspektive oft kaum erkennbar ist.

Insofern ist diese Aufnahme ein Novum in meiner Sammlung von Aufnahmen des DKW Typ P 15 PS, während der Aufbau als dreisitziges Cabriolet bereits in meiner DKW-Galerie vertreten ist.

„Na gut, ein letztes Bild noch“ – das mag auch die leicht genervt dreinschauende junge Dame gesagt haben, nachdem sie ihr fotobegeisterter Partner so lange bearbeitet hat, bis sie weich wurde. „Mitzie, ein Bild habe ich noch auf dem Film, und Du weißt doch, wie gern ich Dich zusammen mit unserem DKW sehe.“

Vermutlich hatte er die Kamera zuvor auf einem Stativ vor dem Wagen montiert, dabei aber irrtümlich den Selbstauslöser bereits ausgelöst. Während er noch auf sie einredet, erkennt sie die ausweglose Lage und macht die beste ihr gerade noch mögliche Miene:

Wir nehmen nach diesem letzten Foto Abschied vom DKW Typ P 15 PS – aber natürlich nur so lange, bis wieder eine Aufnahme dieses Typs auftaucht, die so sehenswert ist, dass man dafür alle Prinzipien über den Haufen wirft…

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Mariahilf – das ist doch ein Maybach 27/120 PS, oder?

Die Götter – oder gar die Muttergottes – anzurufen, ist an sich nicht meine Art.

Aufgewachsen in „gut katholischen“ Verhältnissen habe ich früh solide Skepsis gegenüber Glaubenssachen entwickelt. Die Bigotterie und Niedertracht eifriger Kirchgänger in der Familie hat dazu ebenso beigetragen wie das erwachende eigene Denken.

Man muss nicht die zynische Sicht einnehmen, die im Shakespeares „König Lear“ zum Ausdruck kommt: „Was Fliegen bösen Buben sind, sind wir den Göttern: Sie töten uns zum Spaß.“

Ich halte es eher mit den Skeptikern der griechischen Antike, welche die Existenz höherer Wesen für möglich hielten, aber der Ansicht waren, dass diese sich für uns nicht interessieren. Das erklärt die oft himmelschreienden irdischen Verhältnisse eher, als wenn man die Existenz eines gütigen, allgegenwärtigen Schöpfergottes annimmt.

Aber das soll bitteschön jeder für sich ausmachen – jede Weltsicht verdient Respekt, sofern sie nicht mit aggressivem Alleinvertretungsanspruch auftritt.

Mariahilf – ohne das wird es freilich auch bei agnostischer Haltung heute nicht ausgehen. Dazu begeben wir uns auf Pilgerschaft zu einem ganz Großen, der bis heute in einem kleinen Kreis von Eingeweihten Verehrung genießt.

Eine erste Spur findet sich in Form dieses Dokuments, das ich zusammen mit zwei weiteren am Wegesrande auflas – niemand sonst interessierte sich dafür, was am teils desolaten Zustand dieser Reliquien aus längst vergangener Zeit gelegen haben mag:

Maybach Typ W5 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses viertürige Cabriolet von gewaltigen Dimensionen fand sich auf einem winzigen Abzug abgelichtet, dessen Größe dem Negativformat eines Kleinbildfilms entsprach.

Welche Qualität sich daraus nach rund 90 Jahren noch zaubern lässt, ist zum Niederknien. Aber eigentlich sollten wir uns ja nicht gleich devot in den Staub schmeißen, nur weil hier einige Leute aus in ihrem Luxuswagen gnädig auf uns herabsehen.

Wir enthalten uns daher – vorerst – religiöser Verzückung und betrachten nüchtern die Fakten. Der Stil dieses Wagens mit der für ein offenes Fahrzeug recht hohen Seitenlinie verweist klar auf einen deutschen Karosseriehersteller.

Nimmt man an, dass es sich um keinen der in den späten 1920er Jahren bei uns stark verbreiteten US-Wagen mit in Deutschland gefertigten Karosserie handelt, kommen angesichts der Dimensionen dieses Fahrzeugs sehr wenige Hersteller in Betracht.

Nur einer davon verbaute Räder mit dem hier dokumentierten Erscheinungsbild: Maybach!

Der Luxuswagenhersteller aus Friedrichshafen am Bodensee fertigte dummerweise selbst keine Karosserieaufbauten – die wurden vom Käufer bei einem Blechkünstler ihrer Wahl individuell in Auftrag gegeben.

Das macht es zumindest für Novizen in Sachen Maybach wie mich so ausgesprochen schwer, zum Geheimnis vorzudringen, um was es sich für einen Typ genau handelt.

Allerdings waren uns die Götter gnädig, sie waren gerade nicht mit sich selbst beschäftigt. Ihnen – oder: dem Zufall – ist es zu verdanken, dass sich ein zweites Foto des Wagens erhalten hat:

Maybach Typ W5 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

„Mariahilf!“, möchte man hier ausrufen. Denn auf den ersten Blick hilft uns dieses Dokument nicht weiter. Zudem ist es von weit schlechterer Qualität als das eingangs gezeigte.

Dabei ist der Originalabzug hier etwa viermal so groß. Wie kann das sein?

Nun, das dürfte schlicht darauf zurückzuführen sein, dass hier eine andere Kamera mit schwächerer Optik eingesetzt wurde, da half auch das wohl größere Negativformat nicht.

Ein kleines Wunder ist hier dennoch zu bezeugen, denn ausgerechnet auf diesem sonst eher mittelprächtigen Foto ist das Kühleremblem von Maybach zu sehen.

Das ist auch für diejenigen ein erhebender Moment, die nicht zur verschworenen kleinen Maybach-Gemeinschaft gehören. So hat mir F. Fischmann vom deutschen Maybach-Club bei anderer Gelegenheit mitgeteilt, dass die Kühlerfigur erst beim Typ W5 auftauchte.

Dieser ab 1926 gebaute Gigant war mit knapp 7 Litern Hubraum reichlich gesegnet – 120 PS sorgten für einen Vortrieb, als ob ein Engel schiebt. Über die sonstigen Meriten diese grandiosen Wagens hatte ich mich bereits bei anderer Gelegenheit ausgelassen (hier).

Dieses seinerzeit einzigartige deutsche Automobil verdient angemessene Verehrung, gleichwohl müssen wir sachlich bleiben und uns die Frage stellen, ob vielleicht nicht jemand seinen etwas schwächeren Maybach W3 mit immerhin noch 70 PS mit dem Kühleremblem des Spitzenmodells nachgerüstet hat, wie man das bei anderen Herstellern bisweilen findet.

Ich vermag das nicht abschließend klären, und überlasse das Urteil Ihnen, verehrte Leser. Dabei mag ein von Herzen kommendes „Mariahilf“ vielleicht doch Wunder wirken.

Denn das dritte Foto desselben Maybach ist an einem Ort entstanden, der eine enge Verbindung zur Gottesmutter aufwies und (wie es scheint) bis heute besitzt:

Maybach Typ W5 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir den nach damaligen Maßstäben beinahe allmächtigen Maybach vor der „Mariahilf-Apotheke“ – vermutlich im oberösterreichischen Rohrbach. Vielleicht kann einer meiner Leser aus der Alpenrepublik es genau sagen.

Jedenfalls sehen wir hier den Maybach in seiner ganzen Pracht – mit einem Mal ergeben auch die Proportionen des enormen Wagens durchaus einen Sinn.

Wer mag der Hersteller dieser konservativen, vollkommen harmonischen Karosserie gewesen sein? Und existiert dieses spezielle Exemplar vielleicht sogar noch irgendwo?

Um die Beurteilung zu erleichtern, habe ich von dem abermals winzigen Abzug in Kleinbildnegativformat eine Ausschnittsvergrößerung angefertigt. Wundern Sie sich nicht, dass die dunkle Zierleiste entlang der Motorbau ein wenig „verwackelt“ ist.

Dort war der Abzug großflächig beschädigt und ich habe nur begrenzte Möglichkeiten (und Zeit) zur Retusche solcher Fehler:

Maybach Typ W5 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mag uns „Mariahilf“ hier vielleicht nicht wirklich weiterbringen, kann es dennoch eventuell eine nüchterne Analyse eines Maybach-Kenners.

Haben wir hier tatsächlich einen der grandiosen Wagen des Typs W5 27/120 PS vor uns? Oder ist das ein Verführer, der sich das Kühleremblem unberechtigt angeeignet hat und uns so auf verteufelte Abwege bringen will?

Wie immer bin ich gespannt auf jede Form der Reaktion: gläubige Begeisterung, kühle Distanz und sachliche Korrektur – für alles davon ist hier Platz in Sachen Vorkriegswagen.

Nachtrag: Leser Ulrich Landeck weiß mehr zum Aufnahmeort, der Name des Apothekers hat ihn auf die richtige Spur gebracht. „Bei der Apotheke handelt es sich um die STADT-APOTHEKE ZUR MARIAHILF in LANDECK / Tirol. Der auf dem Schild genannte „Mag. pharm. Carl Hochstöger“ erwarb die Apotheke 1899. 1924/29 übernahm der Sohn mit gleichem Namen das Geschäft. Bis heute ist die Apotheke in der Hand der Familie Hochstöger. Das Gebäude wurde 1970 stark umgebaut, deshalb ist von der Fassade, wie sie sich auf dem Maybach-Bild präsentiert, nichts mehr zu sehen.“

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Auf der Suche nach dem Golf-Ball: Skoda 645 Cabriolet

Meine Blog-Einträge entstehen zu später Stunde – oft um Mitternacht, manchmal noch später. Genau steuern lässt sich das nicht, da ich selten ein fertiges Konzept im Kopf habe, wenn ich mich an den Rechner setze.

In den meisten Fällen schreibe ich an einem Stück herunter, was mir zu einem historischen Autofoto einfällt – das ist nicht nur hochsubjektiv, sondern auch fehleranfällig.

Im Blog-Format – also einem persönlichen Online-Tagebuch, in dem Dritte mitlesen können – ist das aber vollkommen in Ordnung. Ich betreibe hier ja keine Wissenschaft.

Bei einer solchen von hohem Tempo geprägten Arbeitweise ist mit Tippfehlern zu rechnen. Die meisten davon korrigiere ich am folgenden Tag, und was ich übersehe, das sagen mir dann schon einige Leser, die in der Hinsicht ganz genau sind.

Wenn Sie nun aber vermuten, dass mir bereits im Titel ein Lapsus unterlaufen ist – dort müsste doch „Golfball“ stehen, nicht wahr? – dann liegen Sie falsch.

Zusammen- und Getrenntschreibung nehme ich sehr ernst: Mir ist noch der Unterschied zwischen „jemanden wiedersehen“ und „wieder sehen können“ bewusst. So ist durchaus nicht ein banaler „Golfball“ gemeint, den wir heute gemeinsam suchen werden.

Die angekündigte „Suche nach dem Golf-Ball“ dürfte sich zudem weit schwieriger gestalten als die Identifikation des Wagens, den ich heute präsentiere:

Skoda 645 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Wagen ist ein schönes Beispiel für die Automobilbaukunst der Tschechen der späten 1920er und frühen 30er Jahre – die hierzulande für meine Begriffe zu wenig gewürdigt wird.

Das mag an der Sprachbarriere liegen – für das Tschechische nützen einem die schönsten Kenntnisse westeuropäischer Sprachen herzlich wenig.

Dessen ungeachtet waren in der Vorkriegszeit tschechische Hersteller auch im deutschsprachigen Raum sehr präsent, was nicht nur historische Gründe hatte.

Längst vergessene Marken wie Aero, Wikov oder Zetka bauten attraktive Autos, die auch in Deutschland und Österreich Freunde fanden. Daneben gab es natürlich die großen Hersteller wie Praga, Tatra und Skoda, die heute noch geschätzt werden.

Im vorliegenden Fall haben wir es mit einem Skoda zu tun, das verrät der Schriftzug auf dem Kühler, für den eine Aussparung in dem davor montierten Steinschlaggitter vorgesehen war:

Ich bin wahrlich kein großer Kenner der Skoda-Modellgeschichte der Vorkriegszeit, doch ich konnte den Wagen schnell als Typ 645 identifizieren.

Dabei half mir die englischsprachige Publikation „Skoda – Laurin & Klement“ von Ivan Margolius und Charles Meisl (Osprey Publishing, London 1992).

Tatsächlich kann man auf dem Originalabzug das Skoda-Markenemblem und die Typbezeichnung „645“ auf dem Kühler hinter dem Steinschlaggitter erahnen.

Somit handelt es sich bei dem Wagen auf obigem Foto um den 1929 eingeführten kleinen Sechszylindertyp mit 45 PS, von dem bis 1934 lediglich rund 750 Stück gebaut wurden.

Trotz seiner Seltenheit – oder gerade deswegen – schaffte es das elegante Cabriolet in der Ausführung von 1932 sogar auf eine „Sonderausgabe“ der 200 Kronen-Banknote:

Skoda 645 Cabriolet auf der 200 Kronen-Banknote (Quelle)

Zurück zur „Suche nach dem Golf-Ball“. Wo dieser zu finden ist, wird auf dem Plakat angekündigt, welches neben dem Eingang zu einem Hotel „Rössl“ klebt, an dem der Skoda 645 einst abgelichtet wurde.

Auch auf dem Original konnte ich nicht genau lesen, was es damit auf sich hatte. Nur „Salzkammergut-Golfclub“ meine ich darauf entziffern zu können. Es handelte sich wohl um eine Einladung zu einem Ball dieses Vereins – vielleicht kann ein Leser mehr dazu sagen.

Mit dem Skoda 645 Cabriolet an jenem Abend vorzufahren, das hätte sich hervorragend gemacht, dann aber bitte mit geschlossenem Verdeck wie auf der 200 Kronen-Note.

Sehr gute Figur im Ballkleid hätte beim Aussteigen gewiss auch die junge Dame gemacht, die wir hier neben dem Skoda sehen und die versonnen an uns vorbeischaut:

Allein schon ihretwegen hätte sich damals die „Suche nach dem Golf-Ball“ gelohnt – meinen Sie nicht auch?

Über Hinweise auf den Veranstaltungsort und vielleicht sogar das Datum freue ich mich (dazu bitte die Kommentarfunktion nutzen).

Gern würde ich mich mit der Telefonnummer der charmanten jungen Dame revanchieren – doch leider sind Sie, meine Herren, zu diesem Ball etwas spät dran…

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Heute eine echte Rarität… Presto D 9/30 PS

In den den frühen 1920er Jahren begegneten einem auf deutschen Straßen vier heute weitgehend vergessene Automobile besonders oft: Brennabor Typ P 8/24 PS, NAG C4 10/30 PS, Protos C 10/30 PS und Presto Typ D 9/30 PS.

Die einstige Häufigkeit dieser in vielen tausend Exemplaren gebauten Fahrzeuge spiegelt sich in meinen entsprechenden Markengalerien wider – man findet dort Dutzende historischer Originalfotos und laufend kommen neue hinzu.

Heute sind alle vier Wagen jedoch große Raritäten – man fragt sich, warum so wenige überlebt haben. Vermutlich weil sich im damaligen Deutschland Autobesitzer vor allem in Großstädten fanden, wo es kaum Platz zum Aufheben nach Ende der Nutzungsdauer gab.

In dünner besiedelten Ländern wie England und Frankreich war die Motorisierung auf dem Land viel weiter vorangeschritten – und dort war es einfacher, den alten Wagen in einer Scheune abzustellen, als ihn in die nächste Stadt zum Schrotthändler zu bringen.

Das könnte – neben einer anderen Wertschätzung historischer Gegenstände – eine Erklärung für die weit größeren Überlebensquoten britischer und französischer Wagen (selbst exotischer und kaum prestigeträchtiger) sein.

Heute kann ich Ihnen den stark verbreiteten Presto Typ D 9/30 PS in einer Erscheinungsform zeigen, die auch unter den zahlreichen Fotos dieses Modells eine absolute Rarität darstellt. Dazu bedarf es nicht einmal eines besonderes Aufbaus.

Damit Sie auch bis zum Ende dranbleiben, werfe ich zunächst aus unterschiedlichen Perspektiven einen Blick auf den Presto Typ D 9/30 PS. Dabei mische ich bereits von mir publizierte Fotos mit einer Reihe „neuer“ Aufnahmen. Die Rarität kommt erst am Ende.

Beginnen wir mit diesem alten Bekannten – schön von rechts aufgenommen:

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Woran man den von 1921-25 gebauten Wagen mit konventionellem Vierzylindermotor als Presto des Typs D 9/30 PS erkennt, das werden Sie am Ende (sofern Sie es nicht schon wissen) verinnerlicht haben.

Dazu muss ich gar nichts weiter sagen, ich lasse heute vielmehr die Bilder selbst sprechen – wobei Ihnen der Presto mit jedem Exemplar davon ein Stück vertrauter werden wird.

Verändern wir die Perspektive etwas und studieren den Wagen anhand dieser Taxi-Ausführung:

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun geben wir dem hier etwas bräsig und beliebig wirkenden Wagen noch einen kleinen „Spin“ und schon dreht er sich zu seinem Vorteil ein wenig weiter.

Jetzt wirkt er viel dynamischer und zugleich graziler – interessant, was ein nur leicht veränderter Blickwinkel ausmacht. Vielleicht trägt auch der „cooler“ dreinschauende Fahrer zu dem Eindruck bei:

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ein paar Grad weiter uns zugewandt ist dann das folgende Exemplar. Dieses ist als Chauffeur-Limousine ausgeführt und hat eine ganz andere – repräsentative – Ausstrahlung.

Ungewöhnlich sind hier die Drahtspeichenfelgen und die nachgerüstete einfache Stoßstange, die uns aber nicht den Blick auf die Charakteristika verstellen kann:

Presto Typ D 9/30 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun unternehmen wir eine ganz ähnliche Betrachtung des Presto Typ D 9/30 PS von der anderen Wagenseite aus.

Wiederum beginnen wir mit der seitlichen Ansicht und verändern dann schrittweise die Perspektive.

Merkwürdigerweise verfüge ich hier über eine wesentlich größere Bilderauswahl – aus irgendeinem Grund scheint man einst diese Seite bevorzugt zu haben.

Wir könnten uns daher nun wesentlich mehr Zeit für den Wagen nehmen. Ich will mich aber auf die besten Aufnahmen beschränken.

Beginnen wir mit diesem Neuzugang aus der Sammlung von Leser Matthias Schmidt:

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Auch hier wollen wir den Wagen schrittweise zu uns drehen – bzw. um ihn herumgehen.

Ein erster Schritt gelingt uns dank einer Aufnahme aus dem Fundus von Leser Klaas Dierks – was einmal mehr illustriert, wie schön sich die Zusammenarbeit mit anderen Sammlern gestalten kann, die nicht lediglich ängstlich auf ihren Beständen sitzen und nichts Publikumswirksames damit anzustellen wissen.

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Der nächste „Dreh“ des Presto D 9/30 PS geht nun wieder auf mein Konto.

Tatsächlich gehört der Typ seit langem zu meinen Favoriten unter den deutschen Wagen der ersten Hälfte der 1920er Jahre – weil er trotz vollkommen konventioneller Technik mit seiner unverwechselbaren schnittigen Optik hervorstach.

Ausreichend leistungsfähig für anspruchsvollere Touren scheint er auch gewesen zu sein, sonst wäre er kaum hier irgendwo im Alpenraum mit sechs Insassen unterwegs gewesen.

Das Leistungsvermögen des Presto dürfte aber auch die Untergrenze dessen markiert haben, was zur halbwegs komfortablen Bewältigung von Bergstrecken notwendig war:

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wir verharren aber nicht länger bei diesem Anblick, denn auch wir haben noch etwas vor.

So geht es weiter gegen den Uhrzeigersinn, wobei uns eine Aufnahme begegnet, die ich noch nicht vorgestellt habe, die ich aber ausgesprochen reizvoll finde.

Dieses Dokument erzählt wie so viele damalige Fotos eindrucksvoll davon, dass ein solcher Wagen als vollwertiges Familienmitglied verstanden wurde, das man liebevoll vereinnahmte.

Wie stark sich die Gestalt des Automobils seither verändert hat, lässt sich schon daran ersehen, dass man heutzutage keine vergleichbare Aufnahme mehr realisieren könnte.

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei dieser aus meiner Sicht grandiosen Aufnahme kann man ruhig eine Weile verharren und ein wenig die Situation und die unterschiedlichen Protagonisten studieren.

Mir gefällt hier besonders der Fahrer, der mit seiner kalt-entschlossenen Miene einen perfekten Gentleman-Ganoven in einem zeitgenössischen Film abgegeben hätte. Aber auch sonst gibt es hier einige hübsche Details zu besichtigen, etwa den Strauß am Heck.

Damit hätten wir nun fast eine 180 Grad-Runde um den Presto Typ D 9/30 PS gemacht. Ich bin sicher, dass inzwischen auch der erstmals mit diesem Modell konfrontierte Leser die Elemente erfasst hat, an denen sich ein solcher Wagen erkennen ließ:

Da war zunächst der weit schärfer als bei zeitgenössischen deutschen Wagen zulaufende Spitzkühler mit der angedeuteten „Nase“ am Oberteil, dann die sechs der Entlüftung des Motorraums dienenden „Kiemen“ in der Haube, außerdem die spitz zulaufenden Vorderkotflügel und das gewölbte Abdeckblech zwischen denselben.

Alles übrige, also der gesamte Aufbau hinter der Windschutzscheibe, konnte wie damals üblich variieren und liefert kaum Anhaltspunkte zur Identfikation.

Wenn also letzlich die Frontpartie den Charakter eines Presto Typ D 9/30 PS ausmachte – was lag dann näher als eine Frontalaufnahme davon?

Gewiss, bloß ist mir bislang keine begegnet. Das änderte sich erst als Wolfgang Kuessner aus Kiel auf mich zukam und um Identifikation einer Automobile bat, die auf alten Fotos aus seiner Heimatstadt zu sehen sind und die er im Netz publiziert (hier).

Darunter befand sich ein Aufnahme, die das ersehnte fehlende Glied in der heutigen Betrachtung darstellte und bislang die einzige mir bekannte ihrer Art ist.

Wer bis an diese Stelle durchgehalten hat, kommt nun endlich auf seine Kosten. Heute gib’t es hier tatsächlich eine Rarität zu bestaunen, und das will beim Presto D 9/30 PS etwas heißen:

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Wolfgang D. Kuessner (Kiel)

Habe ich zuviel versprochen? Hat man den Presto Typ D je aus dieser eindrucksvollen Perspektive gesehen?

Vermutlich nicht. Das kann aber auch daran liegen, dass es sich hier um ein spezielles Exemplar handelt, welches für sich genommen eine Rarität darstellte.

Wer genau hinsieht, stellt nämlich fest, dass der Wagen im Unterschied zu den zuvor gezeigten Vorderradbremsen besitzt. Diese wurden im letzten Produktionsjahr 1925 eingeführt.

Kurze Zeit später wichen die sechs „Kiemen“ in der Motorhaube einer Reihe hoher und schmaler Luftschlitze, wie sie seinerzeit üblich waren.

Das fand sich so auch bei der ebenfalls 1925 eingeführten stärkeren Variante Presto Typ E 9/40 PS. Allerdings gibt es ein überlebendes Exemplar des Typ D 9/30 PS mit denselben Charakteristika, hier auf einem Foto von 1968:

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Fast 45 Jahre alt war dieser Presto, als er im Winter in bester Verfassung aufgenommen wurde – prinzipiell waren diese Wagen ewig haltbar, sollte man meinen.

Dennoch ist das große Rad der Zeit über die meisten von ihnen hinweggegangen und Sie werden heute auf einem Vorkriegsautotreffen eher eine Horde Bentleys oder Bugattis (teils fragwürdiger Provenienz) treffen als ein solches Original.

So ändern sich die Zeiten – aus dem vieltausendfach gebauten und abgelichteten Presto Typ D 9/30 PS ist eine große Rarität geworden – vielleicht konnte ich heute ein wenig von seinem Charme vermitteln…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Schon 1929 mit alternativem Antrieb: Fiat 520

Wir leben in merkwürdigen Zeiten: Nie zuvor gab es Automobile, welche die Umwelt derart wenig belasten wie moderne Verbrennerwagen. Sich mit den Abgasen in der Garage ins Jenseits zu befördern, dürfte heute schwierig werden (übernehme keine Haftung).

Dennoch gilt er aus Sicht der herrschenden Ideologie zumindest in Europa als Auslaufmodell, ohne dass ein vollwertiger Ersatz für jedermann in Sicht wäre.

Dabei steht der Verbrenner in der Gesamtenergiebilanz – also unter Einbeziehung des Herstellungsprozesses und der Entsorgung – nach wie vor konkurrenzlos dar. Von der Frage, woher der Strom für Millionen von Elektroautos herkommen soll, ganz abgesehen.

Wirkliche Luftverpester sind Autos seit den 1980er Jahren nicht mehr. Jüngere Leute wissen gar nicht, wie übel einst das nur mittelprächtig verbrannte Gemisch roch, wenn es aus dem Auspuff kam.

Vielleicht sollte man die Prediger der angeblich emissionsfreien Batteriemobilität einmal mit der Zeitmaschine zurück in die Vorkriegsepoche schicken, um zu erfahren, was früher echte „Stinker“ waren.

Dann würden sie vielleicht diesem zwar eindrucksvollen, aber letzlich noch recht ineffizienten Fahrzeug begegnen:

Fiat 520, 6-Fenster-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Solche großzügig dimensionierten Limousinen bot Fiat ab Mitte der 1920er Jahre auch hierzulande mit einigem Erfolg an – man findet sie jdenfalls oft mit deutschem Kennzeichen (hier: Bezirk Oldenburg-Lübeck).

Besonders leistungsfähig war der schon seit 1922 gebaute Sechszylindertyp 519, der dank 75 PS rund 115 km/h Spitze erreichen konnte. Dafür brauchte es beim damaligen Stand der Technik freilich erheblichen Hubraum (4,8 Liter).

Während beim Typ 519 im Zylinderkopf hängende Ventile für eine bessere Gemischzufuhr und damit sauberere Verbrennung sorgten, war dies bei den beiden kleineren Sechyzlindertypen 525 und 520 nicht der Fall.

Dort waren noch nach alter Väter Sitte seitlich stehende Ventile verbaut, die zwar einen einfachen Betätigungsmechanismus erlaubten, aber dem Gaswechsel nicht zuträglich waren. Mit dieser Technik waren gut 65 PS (Typ 525) bzw. rund 45 PS (Typ 520) drin.

Mit Fiats kleinstem und schwächsten Sechszylinder haben wir es nach meiner Einschätzung auf dem vorliegenden Foto zu tun – wobei die Modelle mitunter schwer zu unterscheiden sind.

Zwar war so ein Fiat 520 auch mit dem Limousinenaufbau viel leichter als heutige Wagen dieser Größenklasse, dennoch musste sich der kleine und wenig agile Motor einigermaßen damit abmühen, was der Effizienz speziell in bergigem Gelände nicht zuträglich war.

Wem die Mehrausgaben für die deutlich souveränen großen Sechszylinder zuviel waren, musste daher über Alternativen nachdenken.

Der ökologisch korrekt denkende Zeitgenosse von heute würde vielleicht etwas von „nachwachsenden Rohstoffen“ fabulieren, inspiriert von dem Holzstapel auf dem Foto:

Doch die Verwertung solcher Biomasse war damals nur mit einem Holzvergaser möglich, was einem nochmals weniger Effizienz und wenig erbauliche Abgaswerte beschert hätte.

Dass die Sache funktioniert, wurde unfreiwillig im 2. Weltkrieg nachgewiesen, als mit Holzgas angetriebene Wagen eine der wenigen verbliebenen Möglichkeiten waren, noch automobil unterwegs zu sein (sofern man das nicht in Diensten der Wehrmacht „durfte“).

Ein spezieller alternativer Antrieb wurde aber einst mit Erfolg am Fiat 520 erprobt und zwar anhand einer serienmäßigen Limousine ganz ähnlich der auf obigem Foto.

Das Experiment fand im April 1929 bei Einsiedl (Böhmen, heute Tschechien) statt. Es wurde unter realistischen Alltagsbedingungen unter freiem Himmel durchgeführt.

Dabei sollte bewiesen werden, dass der in Betracht gezogene alternative Antrieb ausreichend bemessen war, um auch einen recht großen Wagen aus einer feuchten und schlüprigen Wiese über eine Böschung auf die Straße zu ziehen.

So konnte es bei den damals kaum befestigten Untergründen und mäßigen Fahrwerken mit wenig wirksamem Reifenfprofil durchaus vorkommen, dass man in einer allzu schwungvoll genommenden Kurve aus derselben in die Botanik getragen wurde.

Zwar ist der genaue Ausgang des Experiments mit dem alternativen Antrieb nicht überliefert, doch immerhin hat sich eine Aufnahme erhalten, welche den Fiat in dem Moment zeigt, unmittelbar bevor dieser Antrieb zum Einsatz kam.

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass der erprobte alternative Antrieb aus der Region bezogen wurde und ausschließlich auf nachwachsenden Rohstoffen basierte. Die Versuchsanordnung macht auch heute noch Eindruck und stellte sich so dar:

Fiat 520, 6-Fenster-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Sehen Sie? Mit etwas gutem Willen und der richtigen Technologie klappt es mit dem umweltfreundlichen Antrieb selbst bei alten „Stinkern“ wie dem Fiat 520.

Könnte dies das Vorbild sein, dass den hehre Motive vorgebenden Ideologen unserer Tage als alternative Mobiliät für das hartnäckig autovernarrte Volk vorschwebt?

Dann könnte am Ende doch Kaiser Wilhelm mit seinem Ausspruch recht gehabt haben: „Ich halte das Automobil für ein vorübergehende Erscheinung – die Zukunft gehört dem Pferd.“

Dumm nur, dass damit die Zweiklassengesellschaft zurückkehrt, denn ein einfaches Auto mit ordentlicher Leistung kann sich heute (noch) jeder leisten – für zwei PS auf vier Beinen muss man dagegen schon ein wenig Spielgeld übrig haben…

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Großer Auftritt vor dem Abtritt: Rex-Simplex um 1920

Die frühe Automobilproduktion der Firma Friedrich Hering (später Richard & Hering) im thüringischen Ronneburg ist einigermaßen gut dokumentiert.

Nach den bis ins Jahr 1902 zurückgehenden Anfängen mit Nachbauten führender französischer Modelle wie DeDion-Bouton (von dort bezog man zunächst auch die Motoren) ging man ab 1907 zu Eigenentwicklungen über.

Ab 1912 baute man einen 10/30 PS-Typ (zunächst wohl 10/28 PS). Daneben gab es ein 17/40 PS-Modell und eines mit Spezifikation 22/50 PS.

Nach dem 1. Weltkrieg baute man offenbar nur den kleineren 10/30 PS-Typ kurze Zeit weiter. Ich vermute, dass wir ein solches Exemplar auf dem folgenden Foto sehen:

Rex-Simplex Typ 10/30 PS um 1920; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Neben dieser Aufnahme aus dem Fundus von Leser Klaas Dierks sind inzwischen weitere Fotos aufgetaucht, die ganz ähnliche Spitzkühlermodelle von Rex-Simplex zeigen.

Diese sind allerdings – bei grundsätzlich ähnlicher Gestaltung durchgängig größer dimensioniert.

Sie verfügten im Unterschied zu obigem Exemplar über einen oben stärker abgeflachten Kühler und ein größeres Kühlernetz:

Rex-Simplex, Typ 17/40 PS um 1920 oder 12/40 PS ab 1921; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch der größere Radstand und die gepfeilte Windschutzscheibe sprechen für ein anderes Modell – aber welches?

Auch wenn es in der Literatur nicht ausdrücklich erwähnt wird, könnte ich mir vorstellen, dass Rex-Simplex Wagen während der nur kurz währenden Episode nach dem 1. Weltkrieg auch in der Vorkriegsmotorisierung 17/40 PS weitergebaut wurden.

Eine Alternative wird in der Literatur genannt: So übernahm ab 1921 die Berliner Elitewagen AG die Automobilproduktion von Richard & Hering und baute für kurze Zeit unter dem alten Markennamen Rex-Simplex ein von Elite 1919 herausgebrachtes 12/40 PS-Modell.

In der Literatur finden sich kaum Bildbelege dafür, doch nach dem vorherigen Foto hat sich zwischenzeitlich eine weitere Aufnahme eines identisch gestalteten Rex-Simplex materialisiert:

Rex-Simplex, Typ 17/40 PS um 1920 oder 12/40 PS ab 1921; Originalfoto aus Sammlung Jason Palmer (Australien)

Um die Verwirrung noch zu vergößern, hat jüngst Leser Matthias Schmidt ein Dokument aus seinem Bestand beigesteuert, das einen noch größeren Rex-Simplex zu zeigen scheint.

Allerdings könnte der Eindruck trügen und lediglich das höher bauende Passagierabteil in Verbindung mit der senkrecht aufragenden Frontscheibe auf ein größeres Fahrzeug schließen lassen.

Sollte der Eindruck indessen nicht trügen, hätte dieses Exemplar dann den erwähnten 50 PS-Motor aus der Vorkriegszeit oder das gleichstarke, aber etwas kleinere Aggregat der Elitewerke aus der frühen Nachkriegszeit besitzen können:

Rex-Simplex, evtl. Typ 22/48 PS um 1920 oder 15/50 PS ab 1921; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Wie dem auch sei – für den großen Auftritt vor dem Abritt der Marke Rex-Simplex wäre dieses eindrucksvoll dimensionierte Fahrzeug zweifellos gut geeignet gewesen.

Jedenfalls bot es offenbar gleich einer ganzen Bande von Männern Raum oder zumindest Platz zum Posieren. Was Anlass der Aufnahme und Zweck der Fahrt mit dem Rex-Simplex gewesen sein mag, muss offenbleiben.

Auch verschone ich meine Leser dieses Mal mit Ausführungen zu nicht-automobilen Aspekten wie Kleidungsstil, vermuteten Charakterzügen oder Verwandschaftsverhältnissen.

In der Hinsicht scheint diese Aufnahme nämlich nicht so ergiebig zu sein wie andere Beispiele, auf denen es abwechslungsreicher zugeht.

Doch wer ausgerechnet an solchen Abschweifungen und den damit verbundenen Spekulationen Gefallen findet (wie ich), kommt bald wieder auf seine Kosten, versprochen!

Für heute müssen wir uns aber mit dem Studium des Wagens begnügen – vielleicht hat ja jemand noch genauere Informationen zu den Rex-Simplex-Typen aus der kurzen Nachkriegsepisode zur Hand…

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Überraschend luxuriös: Ein Wanderer W10-II 8/40 PS

Mit meinem heutigen Blog-Eintrag kann ich in einer Hinsicht nahtlos an den vorherigen anknüpfen – denn erneut werde ich viel Stil der späten 1920er Jahre präsentieren, wenngleich diesmal in der Mittelklasse.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere treue Leser an die folgende Szene, mit der ich seinerzeit erstmals den Wanderer des Typs 8/40 PS vorgestellt habe, welcher nur 1928 gebaut wurde und der leistungsstärkere Nachfolger des 6/30 PS-Typs war.

Dieser hatte werksintern als W10 firmiert, weshalb die auf 40 PS erstarkte Variante die Bezeichnung W10-II trug. Äußerliches Unterscheidungsmerkmal waren die auf zwei Felder verteilten Luftschlitze in der Motorhaube, hier gerade noch zu erkennen:

Wanderer W 10-II 8/40 PS, viertürige Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der eigentliche Hingucker auf dieser Aufnahme ist jedoch zweifellos der smart gekleidete und lässig neben dem Wanderer posierende junge Mann. Ja, die Krawatten waren damals oft abenteuerlich gemustert und man bedauert es, das Farbschema nicht zu kennen.

Mit einem solchen an den Filmstars jener Zeit orientierten Outfit wirkte man auch dann ziemlich erwachsen, wenn man noch ein Bubengesicht hatte. Mit heutiger Kluft aus T-Shirt und Dreiviertelhosen würde das ganz gewiss nicht funktionieren.

Der Wagen in der Ausführung als Sechsfenster-Limousine wirkt hier zwar ziemlich eindrucksvoll, war aber tatsächlich eher langweilig gestaltet.

In Abwesenheit modisch beeindruckender Zeitgenossen konnte der W10-II 8/40 PS daher reichlich dröge wirken wie auf dieser Aufnahme:

Wanderer W 10-II 8/40 PS, viertürige Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser sechsfenstrige Aufbau ähnelt stark der in der Literatur zu Wanderer abgebildeten Karosserie von Reutter, die nach Weyman-Patent aus Holz und Kunstleder gefertigt war.

Wahrscheinlich eine identische Ausführung sehen wir auf dem nächsten Foto, hier sind es aber wieder erfreulich gut gekleidete und ebenso aufgelegte Personen, die der Situation ihren Charme verleihen.

Wie meistens in solchen Fällen sind es die Damen, welche die Aufmerksamkeit auf sich ziehen – die Frauenmode war damals enorm facettenreich und bot unendliche Möglichkeiten zur Individualisierung, wovon je nach Geldbeutel Gebrauch gemacht wurde:

Wanderer W 10-II 8/40 PS, viertürige Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei diesen Herrschaften muss es sich um recht gut situierte Leute gehandelt haben, konnten sie doch sogar einen Fahrer unterhalten – in der Mittelklasse war dies Ende der 1920er Jahre außergewöhnlich.

Der Chauffeur hält sich etwas abseits, vermutlich weiß er, dass er mit den beiden Damen nicht mithalten kann, die sich hier in entspannter, aber bewusst eingenommener Pose zeigen.

Vielleicht bekommt ja die eine oder andere unter meinen Leserinnen bei diesem Anblick Lust, in die faszinierende Welt der Vorkriegsmode einzutauchen und den Klassiker des Gatten mit entsprechend raffiniertem Erscheinungsbild zu adeln:

Wir Buben wenden uns unterdessen eher wieder dem Gefährt selbst zu, wenngleich uns dabei ebenfalls luxuriöse Entdeckungen gelingen können, die man beim Wanderer W10-II 8/40 PS nicht unbedingt erwarten würde.

Die Literatur erwähnt neben der Limousine und dem klassischen Tourer auch eine Art Cabrio-Limousine, 2- und 4-türige Cabrios sowie offene Sport-Zweisitzer mit minimalistischem Roadsterverdeck.

Daneben scheint es aber auf Wunsch weitere Varianten gegeben zu haben, was man eher bei höherwertigen Fahrzeugen vermuten würde. So scheint mir der folgende Aufbau auf Basis des Wanderer W10-II 8/40 PS in keine der vorgenannten Kategorien zu fallen:

Wanderer W 10-II 8/40 PS, viertürige Limousine; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Diese Aufnahme aus dem Fundus von Leser Klaas Dierks weiß nicht nur durch die sommerliche Stimmung mit schönem Lichterspiel auf der Karosserie zu gefallen.

Hier sehen wir auch einen speziellen Aufbau, den ich als Sedan-Cabriolet ansprechen würde. Dieser vereint Elemente eines Cabriolets wie versenkbare Seitenfenster mit umlaufendem Rahmen mit Bauteilen, die eher auf eine Limousine hindeuten.

Speziell eine so massive B-Säule findet sich nicht bei einem klassischen Cabriolet – gleichzeitig fehlt der für eine Cabriolimousine typische feste obere Abschluss der Seitenteile.

Ich will aber nicht ausschließen, dass diese Variante seinerzeit unter der Bezeichnung „Cabriolet“ vermarktet wurde, dann wäre dies die in der Literatur erwähnte Ausführung mit vier Türen und vier Fenstern, wie sie etwa von Gläser bzw. Zschau verfügbar war.

Wie immer sind ergänzende oder korrigierende Anmerkungen und Quellenhinweise willkommen – bitte nutzen Sie dafür die Kommentarfunktion, damit alle etwas davon haben.

Ansonsten dürfen Sie meinem nächsten Blog-Eintrag entgegenschauen, auf dem es wiederum viel Stil der 1920er Jahre zu sehen gibt. Diesmal wird jedoch eine (fast) reine Herrenveranstaltung dokumentiert.

Der „Eyecatcher“ muss unter solchen Bedingungen notgedrungen der Wagen selbst sein…

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Stil auch im Kleinen: Hanomag Zweisitzer-Cabrio

Es gibt viele Gründe, mit den Verhältnissen der Gegenwart zu hadern – speziell wenn man noch Zeiten kennt, in denen unser Gemeinwesen wohlorganisiert und leistungsfähig war, Eigenverantwortung den Vorrang hatte und der Sozialstaat auf Notlagen konzentriert war.

An der Misere einer ausufernden und freiheitsraubenden, dabei zunehmend inkompetenten Bürokratie kann der Einzelne zwar nichts ändern, dennoch pflege ich zu sagen, dass jeder von uns ein klein wenig mitverantwortlich für den Zustand unserer Welt ist.

Dazu gehört es, seinen Mitmenschen in der Öffentlichkeit freundlich zu begegnen und ihnen so wenig zur Last zu fallen wie irgend möglich. Dazu gehört für mich auch das äußerliche Erscheinungsbild.

Rücksicht auf seine Mitmenschen zu nehmen heißt demnach, ihnen keine Anblicke zuzumuten, die ihnen peinlich sein können. Unrasiert vor die Tür zu gehen, mit für den Sport reservierter Funktionsbekleidung oder mit bleichem behaartem Gebein, das muss nicht sein.

Früher war nur wenig besser, aber die Etikette in Sachen Bekleidung war es. Das galt keineswegs nur für besondere Gelegenheiten wie Theaterbesuch, Hochzeiten oder sonstige Festivitäten.

Dass Stil auch im Alltag, gerade im Kleinen, das Miteinander erträglicher, ja erfreulicher gestaltet, davon erzählen unzählige Bilder der Vorkriegszeit.

Heute will ich dies anhand eines alten Bekannten illustrieren, der nicht für die Welt der vermeintlich Schönen und Reichen steht, sondern ein bürgerlich-solider Kleinwagen war – der Hanomag 3/16 PS in der Ausführung als hübsches Zweisitzer-Cabriolet:

Hanomag 3/16 PS Zweisitzer-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Von dem 1929 eingeführten Wagen – dem ersten vollwertigen Auto des Maschinenbaufirma aus Hannover – haben sich zahlreiche Fotos erhalten. Dabei ist mir aufgefallen, dass darauf fast immer ausgesprochen stilbewusste Zeitgenossen posieren.

Manche davon orientierten sich an Vorbildern aus dem Kino, die damals durchweg noch erfreuliche Anblicke und keine abgewrackten Gestalten waren.

Das folgende Paar könnte als deutsche Version von Bonnie & Clyde durchgehen (auch wenn der Film mit der Traumbesetzung aus Warren Beatty und Faye Dunaway später entstand):

Hanomag 3/16 PS Zweisitzer-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Daneben war es durchaus erlaubt, sich ein wenig lasziv zu geben – auch dafür gaben die Filmstars jener Zeit auf der Leinwand und in Gesellschaftsmagazinen die Vorbilder ab.

In jedem Fall orientierte man sich in solchen Situationen „nach oben“ – auf die Idee, sich nach Art von Straßenarbeitern und Seeleuten, oder gar Pennern und Prostituierten zu kleiden, wäre kaum jemand gekommen.

Ein wenig verrucht, mit etwas Schlafzimmerblick oder den Füßen auf der Sitzfläche (wenn es die eigene war) durfte es freilich schon sein – unsere Altvorderen waren nicht verklemmt:

Hanomag 3/16 PS Zweisitzer-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Seien Sie ehrlich meine Herren: Diesen hübschen Kleinwagen mit seiner adretten Insassin hätten Sie doch jedem dicken Benz mit ebensolcher Fabrikantengattin vorgezogen, oder?

Unabhängig von den Qualitäten der Beifahrerin war der Hanomag 3/16 PS als 2-Sitzer-Cabriolet aus meiner Sicht der schönste deutsche Kleinwagen, bis die noch attraktiver gestalteten DKW-Frontwagen herauskamen.

In dieser Hinsicht lag auch die zeitgenössische Werbung ausnahmsweise richtig:

Hanomag 3/16 PS Zweisitzer-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch die Figur der abgebildeten jungen Dame entsprach der Wahrheit, denn nach meinem Eindruck findet man nur schlanke Frauenzimmer in und neben dem Hanomag 3/16 PS Cabriolet.

Der Kontrast zu den vom Tortenessen aufgegangenen und früh gealterterten Matronen, die einem schlecht gelaunt dreinschauend allzuoft auf Fotos deutlich größerer deutscher Wagen begegnen, ist auffallend und immer wieder erfreulich:

Hanomag 3/16 PS Zweisitzer-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Heute würde der unschuldige kleine Hanomag vermutlich der Diskriminierung bezichtigt, war er doch nur Menschen mit schlanker Figur zugänglich und schätzte auch mit Blick auf die schmale Motorleistung überzählige Pfunde gar nicht.

Dafür hatte er eine verzeihliche Schwäche für gut aussehende Damen mit mädchenhafter Figur und Sinn für Stil auch im Kleinen. Das können wir gleich anhand zweier neu aufgetauchter Originalfotos nachvollziehen.

Zugegeben: Auf der ersten Aufnahme sieht man von den Insassen noch nicht viel. Doch dafür können wir hier einige auffallende Abweichungen im Stil des Wagens selbst studieren:

Hanomag 3/16 PS (oder 3/17 PS) Zweisitzer-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Scheibenräder besitzen auf einmal Radkappen und vorne ist eine Doppelstoßstange nach amerikanischem Vorbild angebracht. Außerdem sind die trommelförmigen Scheinwerfern schüsselförmigen gewichen.

Das könnte man noch unter optionalem Zubehör verbuchen, doch eine Sache hat sich auch karosserieseitig geändert: Der Windschutzscheibenrahmen folgt jetzt an der Unterseite der Wölbung des Windlaufs.

Zusammengenommen deuten diese Details auf eine modellgepflegte Variante des bis 1931 gebauten Hanomag 3/16 PS hin. Denkbar ist aber auch, dass wir es hier mit dem etwas stärkeren Typ 3/17 PS zu tun haben, welcher 1931/32 gebaut wurde.

Eindeutig sagen lässt sich das mangels Bildmaterials leider nicht, es sei denn ein Leser kann hier mit klar identifizierten Vergleichsexemplaren weiterhelfen.

Übrigens trägt dieses Foto auf der Rückseite den Vermerk 6/32 PS. Dieser dürfte aus der Erinnerung des einstigen Besitzers resultieren, ist aber mit Sicherheit falsch. Denn diese Motoriserung war die des Mitteklassemodells Hanomag „Rekord“ ab 1933.

Wie dem auch sei, heute zählt ohnehin nur der Stil im Kleinen und in dieser Hinsicht kann ich zum Schluss mit dem ultimativen Beweisfoto aufwarten.

Das Paar im eben gezeigten Wagen hat uns nämlich auch den Gefallen getan, neben dem Auto zu posieren:

Hanomag 3/16 PS (oder 3/17 PS) Zweisitzer-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ist das nicht ein erfreulicher Anblick? Soviel Eleganz im Kleinformat war einst möglich.

Dabei war die gewinnend lächelnde Dame in perfekter Pose selbst nicht die Größte. Gerade einmal 1,60m dürfte sie gemessen haben, legt man die Dimensionen des Hanomag zugrunde. Mit guter Figur und perfektem Stil macht sie das allemal wett.

Wie gesagt: Auch wir kleinen Leute sind mitverantwortlich für den Zustand der Welt – jeden Tag. Also bitteschön: Wenn Sie das nächste Mal vor die Tür gehen, beherzigen Sie das Diktum des Modegenies, Fotografen und fanatischen Sammlers Karl Lagerfeld:

„Wer in der Öffentlichkeit einen Jogginganzug trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“. Zumindest das soll uns nicht passieren, mag auch sonst alles zuschanden gehen…

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Als wär‘ nichts gewesen: Mercedes 290 Limousine

Heute unternehme ich einen Ausflug an den Rhein an einen Ort, von dem aus man einen besonders prächtigen Ausblick über das weite Land genießt.

Dabei kommt man an der Geschichte der beiden Völker nicht vorbei, für die der Rhein seit dem Altertum Grenzfluss, Ort friedlichen Austauschs und kriegerischer Auseinandersetzung ist. Uns interessiert natürlich die Automobilkultur links und rechts von Vater Rhein.

Gehen wir dazu zurück ins Jahr 1934 und lassen wir – wie es die Höflichkeit gebietet – unseren französischen Nachbarn den Vortritt. Sie kamen seinerzeit in den Genuss eines Automobils, wie es die Welt zvor nicht gesehen hatte – den Citroen „Traction Avant“.

Dabei war keineswegs der namensgebende Vorderradantrieb das Sensationelle – den gab es damals bei Stoewer, DKW und Adler längst.

Es war vielmehr die Kombination aus moderner, zugleich hocheleganter Gestaltung, tiefliegendem Schwerpunkt, hervorragender Straßenlage, niedrigem Gewicht und agilem Antrieb, welche 1934 in Europa einzigartig war und die enorme Attraktivität des Citroen Traction Avant bis in die 1950er Jahre ausmachte:

Citroen Traction Avant; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die überragenden Fahreigenschaften machten den Traction Avant zur ersten Wahl für alle, die westlich des Rheins Anlass hatten, schneller als die Polizei erlaubt zu sein.

Besonders begehrt war die „Gangsterlimousine“ in der Ausführung als 15CV mit 2,9-Liter-Sechszylindermotor. Der leistete mehr als 75 PS und ermöglichte eine Höchstgeschwindigkeit von weit über 130 km/h.

Halten wir fest: In stilistischer Hinsicht wie von den Fahrleistungen her war der Citroen Traction Avant 1934 so ziemlich das Aufregendste auf vier Rädern, was in dieser Klasse in Europa serienmäßig zu bekommen war.

Wechseln wir nun die Seite (des Rheins) und schauen uns an, was Deutschlands Premiummarke Mercedes-Benz 1934 in diesem Segment aufbot: Das war der ebenfalls sechszylindrige Typ 290.

Wie wir gleich sehen werden, handelte es sich um einen repräsentativen, hervorragend verarbeiteten Wagen in bester Mercedes-Tradition.

Doch „als wär‘ nichts gewesen“, gingen an diesem Modell nahezu alle Tendenzen vorbei, die andernorts – neben Frankreich auch in Italien – optisch wie technisch dynamischeren Automobilen den Weg bereiteten.

Der nur 60 PS leistende Motor des Mercedes-Benz 290 war mit dem Gewicht des massigen Wagens heillos überfordert. Mehr als Tempo 100 war mit diesem Antrieb nicht drin – da zog sogar ein billiger Hanomag in Form des 6-Zylindertyps „Sturm“ an einem vorbei.

Doch die Mercedes-Klientel schätzte offenbar die Tradition mehr als alles andere und zeigt sich hier ausgesprochen zufrieden mit dem Wagen, der Welt und mit sich selbst:

Mercedes-Benz 290 (lang) Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So sah er also aus – der Mercedes-Benz 290 in der Ausführung als Limousine auf langem Chassis, wie sie ab 1934 verfügbar war.

Während es ab Werk auch hinreißend gezeichnete Cabriolets auf derselben Basis gab, ist mir das Erscheinungsbild der Limousine zu behäbig, da helfen auch die schrägstehende Frontscheibe und die nach hinten leicht abfallende Linie nicht.

Stilistisch ist dieser Wagen noch stark den 1920er Jahren verhaftet. Auch am mittlerweile funktionslosen Trittbrett hat man festgehalten, welches Citroens Meistergestalter Flaminio Bertoni beim Traction Avant konsequent weggelassen hatte.

Die Wagenheber-Aussparungen im Trittbrett waren damals ein Spleen bei Mercedes, sie zu auch noch eigens zu akzentuieren, ist eine unverständliche Entscheidung. Unproportioniert mutet der trotz verlängerten Radstands kurze Passagierraum an, auf den ein abrupt abfallender Kofferraum folgt, in merkwürdigem Kontrast zum langen Vorderwagen.

„Als wär‘ nichts gewesen“ – dieses Motto passt aber nicht nur zum rückständigen Antrieb und dem biederen Aussehen dieser an sich eindrucksvoll dimensionierten Limousine.

Auch die Wahl des Aufnahmeorts lässt vermuten, dass der einstige Besitzer nicht mitbekommen zu haben scheint, dass sich die Zeiten geändert hatten:

Mercedes-Benz 290 (lang) Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Gewiss, sich mit einem Mercedes der 1930er Jahre vor der Germania am Niederwalddenkmal bei Rüdesheim am Rhein ablichten zu lassen, das war vor dem Krieg in Deutschland durchaus naheliegend.

Denn dort konnte man nicht nur die prachtvolle Aussicht genießen, sondern sich zugleich an dem im Denkmal verewigten Sieg über Frankreich im Krieg von 1870/71 ergötzen, den nebenbei unsere Nachbarn angezettelt haben (soviel Genauigkeit muss sein).

Das war nach der Schmach des verlorenen 1. Weltkriegs und den monströsen Auflagen des „Vertrags“ von Versailles zumindest eine kleine Genugtuung.

Doch dieses Foto ist ausweislich der Aufschrift auf der Rückseite im November 1948 entstanden – also drei Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur und einem weiteren Weltkrieg, in dem sich Deutschland einer Vernichtungsorgie hingegeben hatte, gegen welche die ebenfalls festzuhaltenden Kriegsverbrechen der Gegner verblassen.

1948 war Deutschland zudem noch vollständig von den Siegermächten besetzt. Ob es überhaupt wieder eine eigene Staatlichkeit zurückerhalten sollte, war lange strittig.

Das US-Interesse an Deutschland als Bollwerk und potentielles Schlachtfeld im Konflikt mit der Sowjetunion hat unser Land vor der Zerschlagung oder dem Status einer Kolonie bewahrt.

Im ganz in der Nähe liegenden Mainz waren 1948 die Zerstörungen des gegen die Zivilbevölkerung gerichteten Bombenkriegs gerade erst notdürftig behoben.

Mit seinem makellos durch den Krieg gekommenen Mercedes – dazu bedurfte es im Reich schon „wichtiger“ Funktionen – angesichts noch schwelender Trümmer deutschen Größenwahns ausgerechnet vor dem Niederwalddenkmal zu posieren, so „als wär‘ nichts gewesen“, das erscheint bestenfalls gedankenlos.

Im schlimmsten Fall haben wir es mit einem Ewiggestrigen zu tun, der es den Franzosen gern „noch einmal zeigen würde“ – natürlich nicht persönlich, denn dazu hat man ja leicht zu begeisternde junge Männer als Kanonenfutter.

Mag sein, dass diese unappetitliche Situation mein Urteil über den unschuldigen Mercedes ein wenig harscher hat ausfallen lassen, als er es verdient. Doch war der letztlich so ausgefallen, „als wär‘ nichts gewesen“ in der Automobilentwicklung…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Stets zu Diensten: Audi Landaulet von 1913/14

Die Literatur zu frühen Vorkriegswagen gibt Erfindern, Finanziers und Gestaltern von Automobilen breiten Raum – ganz nach Verdienst, keine Frage.

Doch daneben gab es weitere dienstbare Geister, ohne die sich kein Auto vom Fleck bewegt hätte, geschweige denn auch nur existiert hätte.

Die Rede ist von den Männern, welche die frühen Autos mit ihren eigenen Händen bauten, und diejenigen, welche die Wagen für ihre vermögenden Besitzer warteten und steuerten.

Natürlich sind sie fast immer anonym geblieben, was jedoch ihrer Bedeutung keinen Abbruch tut. Der einzige, der meines Wissens zumindest auch denjenigen ein Denkmal gesetzt hat, die einst in der Produktion beschäftigt waren, ist Michael Schick.

In seinem akribischen Werk zur Geschichte der fabelhaften Steiger-Wagen aus Burgrieden werden – soweit noch bekannt – sämtliche Mitarbeiter des Werks namentlich mit ihrem Tätigkeitsfeld erwähnt. Diese liebevolle Würdigung hat etwas Anrührendes.

Vergleichbares ist mir nicht möglich, doch wenn sich die Gelegenheit ergibt, rücke ich gern diejenigen in den Vordergrund, die stets zu Diensten waren, wenn es um Bau und Betrieb eines Automobils ging, aber meist im Schatten stehen.

Arbeiterromantik liegt mir fern – schließlich ist jeder seines eigenen Glückes Schmied und kann sich mit Fleiß, Bildungs- und Risikobereitschaft auch ein Dasein jenseits des unersprießlichen Rackerns für andere erarbeiten, sofern er nicht gehandikapt ist.

Dennoch ziehe ich meinen Hut vor den Männern, deren Können wir den Bau und den Betrieb prachtvoller und ungeheuer kostbarer Fahrzeuge wie diesem verdanken:

Audi Typ C oder D von 1913/14; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Diese schöne Aufnahme aus dem Fundus von Leser Klaas Dierks illustriert das Motto „Stets zu Diensten“ in idealer Weise.

Stets zu Diensten war zunächst dieser Audi seinen Besitzern, die ihn der Frontpartie nach zu urteilen 1913 oder 1914 im Zwickauer Werk in Auftrag gaben.

Die Gasscheinwerfer verraten, dass wir es noch mit einem Vorkriegsmodell zu tun haben, während der harmonische Übergang von der Motorhaube zum Windlauf vor der Frontscheibe gegen eine frühere Entstehung spricht:

Die genaue Motorisierung ist kaum zu ermitteln. Zwar darf man den 1914 eingeführten kleinen Typ G 8/22 PS aufgrund der Dimensionen ausschließen. Doch ansonsten könnte dies ein Typ C 14/35 PS oder D 18/45 PS, eventuell sogar ein Typ E 22/55 PS sein.

Für den dokumentarischen Wert ist das auch unerheblich. Interessanter ist der repräsentative Aufbau, welcher auf sehr vermögende Besitzer schließen lässt.

Das enorm geräumige Passagierabteil war durch eine Scheibe vom Fahrerraum getrennt – die Kommunikation mit dem Chauffeur erfolgte über ein Sprachrohr.

Offenbar waren die Insassen durch Lamellen bzw. einen gestreiften Vorhang vor neugierigen Blicken geschützt. Jedoch konnte man nach Belieben auf der rückwärtigen Sitzbank auch im Freien sitzen, denn dort ließ sich das Dach öffnen.

So war dieser Audi seinen Besitzern je nach Lust und Laune stets zu Diensten. Dasselbe galt jedoch auch für den Mann, der hier im Arbeitsanzug neben „seinem“ Audi posiert:

Ich vermute, dass wir hier den Chauffeur des Audi vor uns haben, der sich durch seine Fahrermütze als solcher ausweist, während sein übriges Outfit für eine Arbeitssituation spricht.

Oder könnten wir es mit einem Angehörigen von Militär oder Polizei zu tun haben, der „lediglich“ für die Wartung des Wagens zuständig war?

Eine dritte Möglichkeit wäre, dass es sich um einen Arbeiter in einem Karosserie- oder Reparturbetrieb handelt, der sich bloß einmal mit ausgeliehener Chauffeursmütze vor solch einem Repräsentationwagen ablichten lassen wollte.

Sicher ist nur, dass der Mann in einer Funktion tätig war, die es erforderte, „stets zu Diensten“ zu sein. Das schließt einen gewissen Stolz keineswegs aus, den ich hier auf dem Gesicht zu erkennen meine.

Was meinen Sie zu der Situation und dem Audi, meine geschätzten Leser?

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Endstation Sehnsucht: Pontiac Limousine von 1929

„A Streetcar named Desire“ – so lautete der Titel eines Dramas des US-Schriftstellers Tennessee Williams, das Ende 1947 uraufgeführt wurde. So groß die Versuchung auch ist – damit war keineswegs „Ein Auto namens Desiré“ gemeint.

In den USA bezeichnet „streetcar“ gerade nicht das frei nach des Lenkers Lust umherfahrende Automobil, sondern die schienengebundene Straßenbahn.

Im deutschen Sprachraum umschiffte man diese linguistischen Klippen durch den Titel „Endstation Sehnsucht“ – unter diesem Namen wurde auch die legendäre Verfilmung von 1951 mit Marlon Brando und Vivien Leigh in den Hauptrollen hierzulande bekannt.

Die Handlung des Stücks lassen wir heute links liegen, doch den deutschen Titel borgen wir uns aus. So befassen wir uns mit einem Objekt der Sehnsucht von Ende der 1920er Jahre, das für viele damals wohl die Endstation ihrer Ambitionen repräsentierte.

Nach 1929 – dem Baujahr des Autos, um das es im Folgenden geht – ging es nämlich für die meisten Deutschen im Zuge der Weltwirtschaftskrise stetig bergab.

Die ökonomische Scheinblüte der 1930er Jahre unter dem Regime der nationalen Sozialisten wurde mit gigantischen Staatsschulden für öffentliche Infrastruktur- und Rüstungsprojekte erkauft und ging mit immer radikalerer Repression widerständiger Geister, insbesondere der jüdischen Intelligenz, einher.

Was an Zivilisationsbruch folgte, ist bekannt und erklärt das Leiden der Deutschen an sich selbst und seine in wechselnder Form immer wieder zutagetretenden Neurosen.

Davon war freilich wenig zu ahnen, als dieses schöne Foto entstand:

Pontiac von 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Marke und Baujahr dieser einst in Wuppertal zugelassenen Limousine sind schnell ermittelt. Der stilisierte Kopf des Indianerhäuptlings Pontiac auf dem Kühler verweist auf den erst 1926 aus der Wiege gehobenen US-Hersteller aus Pontiac im Bundesstaat Michigan.

Die vertikale Unterteilung des Kühlergrills taucht erstmals beim 1929er Pontiac auf, auch das Ornament auf der Sonnenblende über der Windschutzscheibe passt. Ab 1930 findet sich eine horizontale Zierleiste entlang der Motorhaube, die hier noch zu fehlen scheint.

Mit seinem 60 PS leistenden Sechszylindermotor war dieser Pontiac in den Staaten zwar nur einer von vielen erschwinglichen Mittelklassewagen, doch im Deutschland jener Zeit stellte er ein nur wenigen zugängliches Luxusobjekt dar.

So repräsentierte dieses Exemplar einst die Sehnsucht seiner Besitzer. Der versonnen in die Ferne gehende Blick der neben dem Wagen stehenden jungen Frau erzählt uns auf zauberhafte Weise davon:

Der uns anlächelnde Fahrer und seine Nachbarin ahnten wohl nichts davon, dass sie sich zum Zeitpunkt dieser Aufnahme vielleicht auf dem Höhepunkt ihres Lebens befanden – zumindest was das materielle Glück angeht.

Wir Nachgeborenen denken bei solchen Dokumenten natürlich immer auch das mit, was die Geschichte unseren Altvorderen noch bescheren sollte. So gesehen mag auch dieses Zeugnis den Titel „Endstation Sehnsucht“ verdienen.

Daraus lässt sich aber auch etwas für’s eigene Dasein lernen. Irgendwann ist dessen Höhe erreicht und es geht unaufhaltsam abwärts.

Rein materiell betrachtet spricht schon länger einiges dafür, dass wir uns in Europa bereits an diesem Punkt befinden – für unsere Sehnsüchte in punkto Lebensqualität mag die Endstation erreicht sein oder sogar hinter uns liegen.

Wird die übrige Welt, in der die energetische Basis sowie die politische und technologische Kompetenz weiterhin gegeben sind, dereinst genauso ergriffen auf die Zeugnisse unseres Hier und Jetzt schauen wie wir heute auf das Dasein unserer Vorfahren Ende der 20er Jahre?

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Fund des Monats: Stoewer G15 „Gigant“ Tourer von 1928

Heute haben meinen Leser die Gelegenheit zu einem virtuellen Hausbesuch. Ich gebe nämlich einen kleinen Einblick in meine Bücherstube – dort versteckt sich auch der Fund des Monats September.

Neben Literatur zu einer Vielzahl von Marken sammle ich ein wenig Automobilia – nicht sonderlich zielgerichtet, eher von dem getrieben, was mir gerade begegnet und gefällt.

Eine gewisse Schwäche habe ich für altgerahmte Fotografien von Vorkriegswagen – die sind meist dekorativ, aber nicht immer von dokumentarischem Wert. Was ich nun vorstelle, ist aber in jeder Hinsicht von sehr großem Reiz – sehen Sie selbst:

Haben Sie das gute Stück entdeckt?

Oder ist Ihr Blick am Staub auf den Nabenkappen und Plaketten auf der rechten Seite hängengeblieben? Oder an dem übergroßen „Brieföffner“ auf dem Absatz unten? Das ist nebenbei ein französisches Faschinenmesser (ca. 1830).

Der Fund des Monat befindet sich weiter oben auf der rechten Seite – werfen wir einen näheren Blick darauf:

Natürlich geht es um das goldgerahmte Foto, das ich nicht ganz zufällig an dieser Stelle platziert habe.

Denn es passt zum einen zu der Stoewer-Nabenkappe links davon – wenngleich nur, was die Marke angeht, nicht zeitlich. Zum anderen stammt der darauf abgebildete Wagen aus dem gleichen Jahr, das auf dem daneben befindlichen „Handbuch der internationalen Automobilindustrie“ steht: 1928.

Sie mögen sich fragen, weshalb ich auf diesem Umweg zu dem Bild führe, um das es geht. Der Grund ist der, dass es mir sehr auf die Originalität der Aufnahme ankommt.

Das Foto findet sich nämlich auch in digitaler (und kostenpflichtiger) Form im Netz bei Getty Images und ich lege Wert darauf, hier einen zeitgenössischen Abzug aus meinem Besitz zu zeigen, der einen originalen Stempel des einstigen Fotohauses aufweist und altgerahmt ist.

Nach dieser notwendigen Vorrede geht es nun endlich zur Sache:

Stoewer G15 „Gigant“ von 1928; Foto von Zander & Labisch (Berlin); zeitgenössischer, gestempelter Originalabzug aus Sammlung Michael Schlenger

Natürlich ist man angesichts der Kühlerfigur – dem pommerschen Greif – und den auf sechs Felder pro Haubenseite verteilten Luftschlitze geneigt, hier einen Stoewer des 1928 eingeführten Achtzylindertyps S8 oder G14 zu sehen.

Dabei spricht die schiere Länge des Wagens eher für den G14 mit 3,40 Meter Radstand (S8: 3,10 Meter). Dann hätten wir es hier mit der 70 PS starken Ausführung zu tun (Hubraum: 3,6 Liter).

Davon wurden zwar nur rund 150 Stück gebaut, doch finden sich immer mal wieder zeitgenössische Fotos davon. Mir ist allerdings noch keines untergekommen, auf dem ein so sportlich flach gehaltener Tourer dieses Typs zu sehen ist.

Auffällig fand ich zudem, dass die Partie zwischen dem hinteren Ende der Motorhaube und der Windschutzscheibe hier wesentlich länger zu sein scheint als gewöhnlich:

Dies und die Gestaltung mit außergewöhnlichen Details wie der abgerundeten Seitenscheibe brachte mich darauf, dass dieses Fahrzeug in einer anderen Liga als der herkömmliche Stoewer „G14“ spielen musste.

Für letzteren waren in der Tourenwagenausführung 1928 zwar schon sagenhafte 11.000 Reichsmark zu berappen, aber es ging natürlich noch deutlich teurer und aufwendiger.

Beim Stöbern in der Literatur (Gerhard Maerz, Die Geschichte der Stoewer-Automobile, 1983) stieß ich auf die Abbildung eines Tourenwagen, die einen weiteren Stoewer-Achtzylinder zeigt, den noch stärkeren Typ G15 „Gigant“. Dessen 3,9 Liter Motor leistete 80 PS und wies eine noch größere Baulänge auf.

Für gewöhnlich ist der „Gigant“ mit der 1929 überarbeiteten Karosserie zu finden, die sich vor allem durch horizontale Luftschlitze von den Achtzylindern des Jahres 1928 unterscheidet. Doch anfänglich glich die Haubengestaltung des „Gigant“ noch derjenigen des S8 und des G14, deren Produktion schon 1928 wieder endete.

Daher vermutete ich, dass mein Foto einen solchen Stoewer G15 „Gigant“ mit einer Spezialkarosserie zeigt, die nicht im Stettiner Werk entstanden ist. Eine Online-Bildrecherche bestätigte die Annahme.

So findet man im Getty-Photoarchiv dieselbe Aufnahme mit folgenden Angaben:

Stoewer Typ G 15 „Gigant“, Baujahr 1928-1931 mit Spezialkarosserie von Altmann; am Steuer Charlotte Kreesmann-Trabarth; Aufnahme Zander & Labisch, 1929.

Der Stempel auf meinem Foto lautet ebenfalls „Zander & Labisch“ – somit ist klar, dass mir ein Originalabzug jener Zeit vorliegt. Bloß wem er einst gehörte, bleibt geheimnisvoll.

Auf der Rahmenrückwand findet sich ein Stempel, der auf eine „Spezial-Werkstätte für feine Bildereinrahmung, Wilhelm Radocaj, Sternstraße 10-11, Berlin-Lichterfelde“ verweist.

Der ursprüngliche Besitzer des Fotos dürfte ebenfalls in diesem Berliner Stadtteil gewohnt haben. Welchen Bezug mag er zu dem Auto oder der Insassin gehabt haben?

Vielleicht findet ja ein Leser mit Muße mehr dazu heraus. Auf jeden Fall wäre es reizvoll zu erfahren, was es mit besagter Charlotte Kreesmann-Trabarth auf sich hatte, die in dem Stoewer abgelichtet worden war.

Und noch etwas: Wer kann etwas zum Hersteller der Karosserie – der Firma Altmann – sagen?

Mir fehlt gerade die Zeit dazu, denn morgen geht es für eine Woche in den Urlaub – solange ruht auch der Blog. Aber ich wollte mich nicht verabsentieren, ohne ein hübsches Objekt zum Bestaunen oder für die weitere Beschäftigung zu hinterlassen…

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Weniger ist mehr: Brennabor-Sportteam von 1911/12

Heute befasse ich mich wieder einmal mit der Frühzeit des Autombilbaus bei den einst hochberühmten Brennabor-Werken in Brandenburg/Havel.

Vielleicht erinnern Sie sich an dieses Prachtexemplar, das ich vor längerer Zeit bereits vorgestellt habe – damals als Typ 10/28 von 1911/12 angesprochen:

Brennabor von 1911/12; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ob es sich nun tatsächlich um das damalige Spitzenmodell F 10/28 PS handelte, das auch international einen ausgezeichneten Ruf genoss, oder vielleicht doch um den etwas kleineren Paralleltyp 8/22 PS, sei dahingestellt.

Eventuell spricht die Zahl der Radspeichen (10) für das schwächere Modell, Abbildungen ähnlicher Brennaborwagen jener Zeit mit 12 Speichen könnten dann auf den Typ F hindeuten. Es muss aber nicht zwingend ein solcher Zusammenhang bestanden haben.

Stilistisch sehr ähnlich, wenn auch wegen des offenen Aufbaus nicht ganz so mächtig erscheinend, ist der nachfolgend abgebildete Brennabor:

Brennabor 8/22 PS oder 10/28 PS von 1911/12; Orignalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

In diesem Fall besteht jedoch eine gute Chance, den genauen Typ noch herauszufinden.

Zunächst sei festgehalten, dass bei Brennabor der steil aufragende „Windlauf“ hinter derm Motorhaube erstmals 1911 im Serienbau auftaucht. Wie bei anderen deutschen Herstellern auch fand diese strömungsgünstige Lösung jedoch bereits früher bei Sportwagen Verwendung, im Fall von Brennabor anlässlich der Prinz-Heinrich-Fahrt 1909 (Quelle).

Anfänglich war der Windlauf (bisweilen auch als Windkappe bezeichnet) einfach ein auf die sonst unveränderte Karosserie aufgestülptes Element.

Nachzuvollziehen ist dies anhand der Brennabor-Wagen, die zusammen mit dem eingangs gezeigten Auto abgelichtet wurden und auch sonst ausgeprochen interessant sind:

Brennabor-Wagen von 1911/12; Orignalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dies ist ein Ausschnitt aus einem noch größeren Original, das den Stempel eines Fotografen aus Brandenburg trägt.

Ich vermute, dass diese Szene vor einem Gebäude des Brennabor-Werks abgelichtet wurde und das hauseigene Sportteam zeigt. Jedenfalls scheinen die vier Wagen rechts auf das Wesentliche reduzierte Varianten des Serienfahrzeugs ganz links zu sein.

Nach dem Motto „Weniger ist mehr“ hat man hier auf alles verzichtet, was unnötiges Gewicht auf die Waage bringt, und realisierte im Unterschied zum serienmäßigen Tourer reine Zweisitzeraufbauten.

Daran lässt sich nachvollziehen, dass der Windlauf tatsächlich einfach nur ein zusätzlich angebrachtes Bauteil war, das an die vorhandene Struktur angesetzt wurde. Des Windlaufs entledigt stehen diese Wagen ziemlich nackt dar – Fahrer und Beifahrer sitzen praktisch ganz im Freien und der Fahrtwind kann so schön den Unterleib kühlen:

Das stellt gewissermaßen eine Rückkehr zu den Sportwagen der Pioniertage dar und man fragt sich, was der Grund dafür gewesen sein könnte.

Bei einer Zuverlässigkeitsprüfung wie den über tausende Kilometer reichenden Prinz-Heinrich-Fahrten wäre eine solchermaßen reduzierte Karosserie unvorteilhaft gewesen. Daher vermute ich, dass Brennabor mit diesen Fahrzeugen an einer rein auf Geschwindigkeit ausgelegten Veranstaltung teilnahm.

Interessant und wohl der Schlüssel zur Auflösung sind die nahe beieinander liegenden Kennzeichen, die von IE-05 bis IE-10 reichen. Dabei scheint es sich um dem Werk vorbehaltene Nummernschilder gehandelt zu haben, die wohl öfters und an verschiedenen Fahrzeugen zum Einsatz kamen.

So findet sich in meiner Originalausgabe der im Frühjahr 1912 vom Reifenhersteller Continental herausgegebenen Broschüre „Bilder aus dem Sportleben“ mit Schwerpunkt auf der Prinz-Heinrich-Fahrt 1911 auf S. 107 die folgende Abbildung:

Offenbar schickte Brennabor zwei als Tourer karossierte Wagen auf die Russische Kaiserpreisfahrt 1911 – hier ausgestattet nach dem Motto „Viel hilft viel“.

Diese Wagen stimmen – vom Toureraufbau abgesehen – äußerlich mit den zuvor gezeigten Werksportwagen von Brennabor überein. Es könnte sich hier aber angesichts der besonderen Herausforderungen der Fahrt um den Spitzentyp F 10/28 PS handeln.

Bleibt die Frage, welche Modelle Brennabor einst nach dem Mottto „Weniger ist mehr“ auf einen sicher weniger fordernden Einsatz schickte.

Kann ein Leser anhand des Foto und der Kennzeichen das Rätsel lösen?

Dann bitte die Kommentarfunktion nutzen und am besten die Quelle angeben. Ich bin nahezu sicher, dass sich dieser Fall lösen lässt und dann kann meine Brennabor-Autogalerie – die größte ihrer Art überhaupt – weiteren Zuwachs verzeichnen. Und dort gilt ganz gewiss nicht das Motto „Weniger ist mehr“….

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