Einst ein klangvoller Name, heute vergessen: Itala

In meinem letzten Blogeintrag ging es – wenn auch eher am Rande – um Tourenwagen der bekanntesten italienischen Automarke überhaupt: Fiat aus Turin.

Nun stelle ich ein über 100 Jahre altes Originalfoto eines Wagens vor, der einst ebenfalls in der Hauptstadt des Piemont gefertigt wurde, dessen Hersteller aber heute nur noch Spezialisten etwas sagt.

Die Rede ist von der Marke Itala, die Ende 1903 von einem der bedeutendsten Automobilpioniere Italiens gegründet wurde – Matteo Ceirano. Dieser arbeitete zunächst in der Firma seines Bruders. Dort entstand 1899 ein 3,5 PS-Modell, das nach der Übernahme der Patente durch Fiat das erste Auto der Marke werden sollte.

Wie sein Bruder verließ der rastlose Ceirano Fiat bald wieder und begann unter der Firma Ceirano Matteo & C. Vetture Marca Itala ab 1904 eigene Autos zu bauen. Damit war Ceirano auf Anhieb erfolgreich, unterstützt durch den Sieg beim Zweiten Bergrennen Susa-Moncenisio in der Kategorie „Vetture Leggiere“.

Neue Kapitalgeber ermöglichten anschließend den Aufbau einer großen Fabrik in Turin und noch 1904 wurde die Firma in Itala Fabbrica Automobili umbenannt.

Zu diesem Zeitpunkt waren in ganz Italien nur etwas mehr als 2.000 Autos zugelassen. Das bedeutete, dass Itala von vornherein auf Exporterfolge abzielte.

Für entsprechendes internationales Aufsehen sorgten weniger die ab 1904 verfügbaren Serienmodelle mit 18 bzw. 50 PS, sondern eine 100 PS starke Rennversion mit 15 Litern Hubraum.

Damit schlug Itala 1905 mehrfach selbst das Fiat 120 PS-Modell, das von Legenden wie Lancia und Nazzaro gesteuert wurde.

1906 folgte der Sieg bei der ersten Targa Florio auf Sizilien – nebenbei belegte Itala mit seinem 35/40 PS-Modell vier der ersten fünf Plätze. Entsprechend selbstbewusst trat Itala in den Folgejahren auch im Ausland auf:

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Itala-Reklame, ca. 1906-08; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Wie man sieht, war die Marke früh bereits in Berlin präsent und bot dort gleich vier souverän motorisierte Modelle an, darunter ein Sechszylindertyp.

Weiteren Schub erhielt das Ansehen von Itala 1907 durch den aufsehenerregenden Sieg bei der Wettfahrt von Peking nach Paris. Itala trat damals mit einem Vierzylindertyp 35/45 PS mit 7,4 Liter Hubraum an.

Die vier weiteren Teams fuhren auf Wagen der Marken Spyker, Contal und DeDion. Die fast 15.000 km lange Route folgte mangels Karten einer Telegraphenlinie, was den mitreisenden Journalisten eine regelmäßige Berichterstattung erlaubte.

Gesteuert wurde der Itala wechselnd von Prinz Scipione Borghese – einem kaltblütigen Abenteurer aus einem bedeutendsten Adelsgeschlechter Italiens – und seinem Chauffeur.

Trotz größter Härten und einiger Unfälle fuhren sie einen Vorsprung heraus, der ihnen unterwegs einen Abstecher von Moskau nach St. Petersburg ermöglichte, wohin man das Itala-Team eingeladen hatte.

Nach dem damit verbundenen Umweg von 1.500 km kam Prinz Borghese immer noch als Erster in Paris an. Dort erwartete ihn eine Magnumflasche Sekt als Preis…

Solche kühnen Abenteuer und zugleich glanzvollen Pioniertaten sind in unserer Zeit kaum mehr möglich – praktisch alles, was wir heute an Kommunikation und Hilfsmöglichkeiten kennen, war damals noch nicht vorhanden.

Nur das Automobil mit Verbrennungsmotor gab es schon – und es bewies eindrucksvoll seine Überlegenheit gegenüber konkurrierenden und bis dato durchaus bewährten Konzepten wie Dampf- und Elektroantrieb.

Dass ausgerechnet die uralte E-Mobilität neuerdings vehement als Innovation propagiert wird, mutet vor diesem Hintergrund wie ein schlechter Scherz an. Wären Elektroautos überlegen, hätte sich sich in den letzten 100 Jahren von selbst durchgesetzt.

Dennoch wird neuerdings hierzulande unter allerlei Vorwänden von bildungsfernen Planwirtschaftlern der Versuch unternommen, das in vielen Belangen unterlegene und für die breite Bevölkerung unerschwingliche Elektroauto herbeizureglementieren…

Zurück zu Itala – und nun zu einem „zivilen“ Modell genau aus der Zeit, in der Prinz Borghese seinen Wagen unter extremen Bedingungen von Peking nach Paris brachte:

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Itala-Wagen ca. 1910-12; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Kopfbedeckung der jungen Dame am Steuer des mächtigen Wagens und die kahlen Bäume im Hintergrund verraten, dass dieses Dokument einst in der kalten Jahreszeit entstand.

Wenn es nicht gerade regnete oder schneite, fuhr man dennoch häufig offen. Als Insasse eines Automobils wollte man sehen und gesehen werden – zugleich war man im Alltag viel härter im Nehmen als die „Schneeflöckchen“ unserer Tage.

Woran aber erkennt man, dass dieser Tourenwagen ein Itala war? Nun, das wäre in der Tat kaum zu ermitteln, wäre da nicht der Markenschriftzug auf der Nabenkappe und der Kühlermaske:

Itala_Ausschnitt

Was auf der Ausschnittsvergrößerung nur zu erahnen ist, ist auf dem originalen Abzug klar zu erkennen – es handelt sich eindeutig um einen Itala.

Zur Motorisierung lässt sich vorerst nichts Konkretes sagen – analog zu Rolls-Royce jener Zeit darf man aber vermuten: Leistung war genug vorhanden.

Stilistisch lässt sich der Itala zwischen 1910 und 1912 einordnen, als der schräg nach oben weisende Windlauf noch ein separates Element hinter der Motorhaube darstellte. Noch vor Beginn des 1. Weltkriegs verschmolzen seine Linien mit der des Vorderwagens.

Hinweise sachkundiger Leser zur Identifikation des Typs sind wie immer willkommen. Leider ist auch zum Aufnahmeort nichts bekannt, außer dass er in einer Großstadt im deutschsprachigen Raum gewesen sein dürfte.

Was wurde später aus der Marke Itala? Im 1. Weltkrieg fertigte man Flugmotoren nach Lizenz von Hispano-Suiza, doch anschließend hatte Itala Pech mit weiteren staatlichen Aufträgen, die sich als wirtschaftliches Desaster entpuppten.

Das Unternehmen existierte unter der Leitung eines Insolvenzverwalters noch Mitte der 1920er Jahre und unternahm einige Versuche zur Wiederaufnahme der Serienfertigung von Automobilen.

Der Sieg zweier Itala Tipo 61 in Le Mans in der 2 Liter-Klasse im Jahr 1928 war der letzte Erfolg der einst glanzvollen Marke. 1929 wurde Itala von einem LKW-Hersteller übernommen und ging Mitte der 1930er Jahre nach Verwertung der Anlagen unter

Übrigens: Itala-Gründer Matteo Ceirano hatte das Unternehmen schon 1905 wieder verlassen, um die Società Piemontese Automobili zu gründen, die bis 1947 existierte. Das ist aber eine ganz andere Geschichte…

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Die Deutschen kommen! Fiat-Taxis in Catania 1930

Wer Italien und das Verhältnis der Italiener zu ihren Nachbarn nördlich der Alpen ein wenig kennt, weiß: Bewunderung und Geringschätzung liegen nahe beieinander.

Gegeneinander kämpfen, miteinander ringen, voneinander lernen und profitieren – gern in abruptem Wechsel – das prägt das Verhältnis der Teutonen und der Bewohner der italienischen Halbinsel seit der Antike.

Ungeachtet aller geschichtlichen Umbrüche war Italien immer ein Sehnsuchtsland für die Deutschen, nach dem es einen magisch zog – mal als Eroberer, mal als Reisender:

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Fiat 520 mit deutscher Touristin bei Rapallo (Ligurien), Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

In den besten Fällen trug die Berührung der beiden Völker Früchte wie Goethes Reise nach Italien. Der von seinem Dasein als hochrangiger Beamter in Weimar frustrierte Dichter war nach Überwindung der Alpen in der Kutsche wie vom Blitz getroffen.

Bei der ersten Gelegenheit ersetzte Goethe seine nordische Reisekleidung durch eine elegantere Garderobe nach italienischem Schnitt und wurde auch sonst zu einem anderem Menschen. Viele sollten ihm folgen, doch wohl keinem gelang es, solchen Gewinn aus dem Genuss des Südens und seiner uralten Hochkultur zu ziehen.

Leider hat auch Italien bei aller Schönheit der Kulturlandschaften und Kunstschätze unter der globalisierten Einebnung des Geschmacks gelitten. Das war noch Ende des 20. Jahrhunderts anders – und erst recht vor dem 2. Weltkrieg.

Damit wären wir in der Zeit der Weimarer Republik, als folgende Aufnahme entstand:

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Besatzungsmitglieder des Kreuzers Königsberg in Catania 1930; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick ist das ein wenig spektakuläres Foto – gewiss nichts für die Liebhaber außergewöhnlicher Vorkriegskarosserien oder Rennaufnahmen.

Tatsächlich sind hier nur rund ein Dutzend eher alltägliche Tourenwagen (und im Hintergrund ein paar Limousinen) zu sehen. In der ersten Reihe haben wir gängige Fiat-Typen vor uns, die in den 1920er Jahren zehntausendfach produziert wurden.

Für die verwöhnte Leserschaft meines Blogs sind das natürlich Brot- und Butter-Gefährte. Tatsächlich sind diese Wagen mit ihrer klassischen Kühlerpartie, wie sie einst in ganz Europa zu finden waren, in meinem heutigen Blogeintrag bloß Staffage.

In der trüben Zwischenzeit nach dem Weihnachtsfest (bzw. der Wintersonnenwende am 21.12. oder dem Geburtstag des altrömischen Sonnengotts am 25.12.) und vor dem Jahreswechsel erlaube ich mir einen Ausflug in benachbarte Technikwelten.

Wer genau hingeschaut hat, hat vielleicht bemerkt, dass es sich bei der „Besatzung“ der Taxis auf obigem Foto um Matrosen der deutschen Kriegsmarine handelt:

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Zum Glück ist der Abzug von alter Hand beschriftet und verrät, dass diese Szene 1930 in der Hafenstadt Catania auf Sizilien entstand – und zwar anlässlich des Besuchs eines Kriegsschiffs der Weimarer Republik.

Die Rede ist vom 1927 fertiggestellten Leichten Kreuzer „Königsberg“. Mit 170 Meter Länge, fast 68.000 PS starken Dampfturbinen und einer Höchstgeschwindigkeit von knapp 60 km/h eine eindrucksvolle Konstruktion.

Beachtlich war auch die Bewaffnung mit drei großen Geschütztürmen mit Kaliber 15 cm, mehreren 8,8cm-Flugabwehrkanonen und 12 Torpedorohren – später kam noch ein Bordflugzeug hinzu.

Hier haben wir den Kreuzer „Königsberg“ auf einer zeitgenössischen Postkarte:

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Leichter Kreuzer „Königsberg“; originale Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme verdeutlicht, dass das Deutsche Reich auch in der demokratischen Phase der Weimarer Republik keineswegs pazifistisch eingestellt war, sondern einen beträchtlichen Verteidigungs- und Selbstbehauptungswillen aufbrachte – wie eigentlich alle Staaten im damaligen Europa.

Wir Nachgeborenen im 21. Jh., die fast risikofrei in einzigartigem Wohlstand aufgewachsen sind, können uns eine solche Situation überhaupt nicht mehr vorstellen.

So erfreuen wir uns vor allem an den alten Autos jener Zeit – auch den klassisch geschnittenen Fiat-Wagen und ihren wie hier oft modebewussten Insassen:

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Fiat 520, aufgenommen in Czarnikau (Provinz Posen); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Doch im Hintergrund dieser Aufnahme eines Fiat 520 der späten 1920er Jahre mit jungen „Hipstern“ aus Czarnikau lauert der Konflikt zwischen Deutschen und Polen in den seit 1918 umstrittenen Gebieten (vor genau 100 Jahren begann übrigens der Posener Aufstand).

Dieser Konflikt flammte ab 1938/39 erneut auf und mündete in den 2. Weltkrieg. Das Wissen um die Katastrophe, aus der mit Ausnahme der USA niemand als wirklicher Sieger hervorging, ist bei Betrachtung solcher Aufnahmen stets präsent.

So war auch der Leichte Kreuzer Königsberg Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre nicht nur ein Botschafter des guten Willens. Das Deutsche Reich im Gewand der Weimarer Republik trat durchaus wehrhaft auf.

Beim Besuch des Schiffs in Sizilien werden aber zumindest die Taxifahrer in Catania dieser deutschen „Invasion“ mit Wohlwollen begegnet sein, denn es galt, die einige hundert Mann starke Besatzung herumzukutschieren.

Handelt es es sich bei dem Herrn mit dunklem Zweireiher um den Kommandanten des Schiffs? Dann hätten wir hier Fregattenkapitän Hermann Densch vor uns:

Fiat_taxis_Kreuzer_Königsberg_Catania_1930_Ausschnitt

Die Zeiten überdauert hat diese Aufnahme vermutlich im Nachlass eines einstigen Besatzungsmitglieds und es ist denkbar, dass eine ganze Reihe weiterer Abzüge in Umlauf waren bzw. noch sind.

Leider wissen wir nichts über das Programm, das die Matrosen damals an Land absolvierten – vermutlich unter Leitung eines orts- und sprachkundigen Zivilisten, den wir eventuell als Beifahrer des ersten Wagens sehen.

Das Schiff und seine Besatzung sollten noch im 2. Weltkrieg zum Einsatz kommen. Bei der Besetzung Norwegens im April 1940 wurde es von britischen Bombern getroffen und sank im Hafen von Bergen.

Was auf dem heute präsentierten Bild wie eine heitere Ausflugsfahrt wirkt – und anno 1930 auch war – endete 10 Jahre später mit Tod und Zerstörung…

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Fund des Monats: NAG-Protos 16/80 PS Sport-Cabriolet

Nur noch wenige Tage bis zum Jahreswechsel 2018/2019 – höchste Zeit für den Fund des Monats, zumal auch noch der Fund des Jahres zelebriert sein will.

Diesmal handelt es sich nicht um ein einzelnes Foto, sondern eine ganze Reihe originaler Dokumente, die letztlich zu einem der edelsten deutschen Automobile der frühen 1930er Jahre führen.

Den Anfang macht das folgende Sammelbild:

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NAG 16/80 PS Limousine; originales Sammelbild aus Sammlung Michael Schlenger

Solche Sammelbilder waren seinerzeit Zigarettenpackungen beigelegt und konnten in separat erhältliche Sammelalben eingeklebt werden.

Diese Darstellungen waren nicht immer exakt, geben aber im vorliegenden Fall eine gute Vorstellung von der mächtigen Limousine, die NAG-Protos aus Berlin ab 1930 mit Sechszylinder in überschaubaren Stückzahlen baute.

Das 4 Liter-Aggregat war von konventioneller Bauart – die im Zylinderkopf hängenden Ventile wurden über eine seitlich liegende Nockenwelle und Stoßstangen betätigt.

Doch mit 80 PS Leistung, hydraulischen Bremsen und Spitze 100 km/h war der NAG-Protos 16/80 PS durchaus ein respektables Automobil der Oberklasse.

Hier haben wir eine rare Vierfenster-Limousine des Modells, die einst als  Werbefahrzeug für Produkte der Firma Dr. Oetker diente – nebenbei mein erstes Vorkriegsautofoto, das ich vor rund 30 Jahren erworben habe:

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NAG-Protos 16/80 PS, 4-Fenster-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Leider war der NAG-typisch sorgfältig konstruierte und ausgezeichnet verarbeitete Wagen zu teuer geraten. Für den Preis der Pullman-Limousine (12.500 Reichsmark) bekam man 1930 auch eine 100 PS starke 6-Fenster-Limousine von Buick (Series 60).

Dessen ungeachtet machte die seit 1926 mit dem einstigen Berliner Konkurrenten Protos verbandelte NAG unverdrossen Werbung für ihr Spitzenprodukt.

So findet sich auf folgender Reklame eine Ausführung als viertüriges Cabriolet, die in der mir vorliegenden Literatur zwar erwähnt wird, aber nirgends abgebildet ist:

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NAG-Protos 16/80 PS, viertüriges Cabriolet; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn sich der Zeichner dieser Grafik einige Freiheiten genommen hat, hat er die Anmutung des langgestreckten Fahrzeugs mit tiefliegendem Rahmen und niedriger Frontscheibe getreu wiedergegeben.

Deutlich wird das spätestens dann, wenn man sich eine Originalaufnahme des auf demselben Chassis und bei identischem Radstand von fast 3,50 Meter gebauten zweitürigen Sport-Cabriolets betrachtet.

Diese großartige Ausführung unterschied sich nur von der Karosserie her von der Limousine und dem 4-türigen Cabriolet. Dennoch erhielt sie eine eigene Typenbezeichnung (208) – was ihren besonderen Rang betonte.

Das folgende zeitgenössische Pressefoto wird der makellosen Schönheit dieser majestätischen Schöpfung vollkommen gerecht:

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NAG-Protos 16/80 PS Typ 208, zweitüriges Cabriolet; originales Pressefoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das über fünf Meter lange und zwei Tonnen schwere Fahrzeug wurde mit höchster Raffinesse durchgestaltet.

Eine Quelle (O. Neubauer: Autos aus Berlin – Protos und NAG) schreibt die meisterliche Ausführung dem für die NAG-Muttergesellschaft AEG tätigen Gestalter Peter Behrens zu, der aus dem Jugendstil kommend die brutale Einfallslosigkeit seiner Bauhaus-Nachfolger mied.

Während an dem Wagen jeder eigentliche Zierrat fehlt, betonen wechselnde Farbakzente die gestreckte Architektur der Karosserie. Dabei kontrastieren gerade Linien auf reizvolle Weise mit Kurvaturen und Bögen, etwa an der niedrigen Frontscheibe, am Trittbrett oder an der Gürtellinie.

Gemessen daran sind die aus meiner Sicht überschätzten zeitgleichen Entwürfe von Walter Gropius für Adler krude Kästen, die zurecht vom Publikum abgelehnt wurden. Eine ausführliche Beschäftigung mit dem Gropius-Adler folgt noch zu gegebener Zeit.

Kaum verwunderlich, dass das Sport-Cabriolet des NAG 16/80 PS beim nicht leicht zu beeindruckenden Publikum zeitgenössischer Concours-Veranstaltungen höchste Anerkennung fand.

Einige Beispiele sind auf der Rückseite meines oben gezeigten Pressefotos abgedruckt:

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NAG-Protos 16/80 PS Sport-Cabriolet, originales Pressefoto (Rückseite) aus Sammlung Michael Schlenger

Nun könnte man meinen, dass auf ein solches Dokument des vielleicht schönsten deutschen Serienwagens von Anfang der 1930er Jahre nicht mehr viel folgen kann.

Doch wer meinen Blog schon etwas länger verfolgt, weiß um meine Vorliebe für zeitgenössische Originalfotos, die Vorkriegswagen im Alltag zeigen.

Dass das rare Sport-Cabriolet des NAG-Protos 16/80 PS auch ein Dasein abseits von Schönheitskonkurrenzen führte, das zeigen gleich drei Aufnahmen, die für mich den eigentlichen Fund des Monats darstellen.

Über Ort und Anlass dieser Fotos ist mir nichts Genaues bekannt, sicher ist nur, dass sie in kurzer Abfolge anlässlich einer Landpartie entstanden sind.

Beginnen wir hiermit:

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NAG-Protos 16/80 PS Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Würde nur noch diese Aufnahme existieren, wäre die Ansprache des Typs äußerst schwierig bis unmöglich. Deutlich werden immerhin die spektakulären Dimensionen, aber auf den ersten Blick könnte das auch ein amerikanischer Luxuswagen sein.

Der aufmerksame Betrachter wird aber die Übereinstimmung der Radkappen, der Trittbrettgestaltung und der seitlichen Zierleisten mit dem Wagen auf dem Pressefoto bemerken.

Der Eindruck bestätigt sich, nachdem die mächtige Tür geschlossen wurde und aus gleicher Perspektive das folgende Foto entstand:

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NAG Protos 16/80 PS Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun ist nicht nur die farblich abgesetzte Seitenleiste erkennbar, die hinter der Tür in einen dem Verdeck folgenden Bogen übergeht, auf einmal wird auch ein am Heck angesetzter Koffer sichtbar, der ebenfalls eine Zweifarblackierung besitzt.

Auf dieses Detail kommen wir noch zurück. Nicht unerwähnt bleiben soll der stark abgefahrene zweite Ersatzreifen am Heck.

Übrigens hat sich im und um den NAG-Protos herum einiges getan:

  • der gut aufgelegte Herr mit der gestreiften Krawatte hat sein sportlich kurzes-Jackett verschlossen und schaut nun in die Kamera,
  • die Dame mit der dunklen Kappe hat sich vom Rücksitz ans Lenkrad begeben, während die Beifahrerin mit dem Pelzkragen ihren Platz beibehalten hat,
  • der zuvor noch in ein heiteres Gespräch verwickelte Herr mit hellem Anzug und Fliege hat die Rückbank verlassen und auf dem Verdeck Platz genommen.

Nachdem die Identifikation des Wagens als NAG 16/80 PS Sport-Cabriolet außer Zweifel steht, nun noch das dritte Foto aus dieser Reihe, das von besonderem Reiz ist:

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NAG 16/80 PS Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Foto von schräg oben in den vollbesetzten NAG dürfte wohl einmalig sein. Hier wirkt der Wagen gar nicht mehr so groß, doch der Eindruck täuscht, da einiges von der Front- und Heckpartie fehlt.

Für den Fotografen – wohl ein Insasse eines weiteren Fahrzeugs, das an dem Tag den NAG-Protos begleitete – standen die Menschen an Bord des Wagens im Mittelpunkt.

Die vier uns bereits bekannten Personen sitzen wieder an ihrem Platz und nun wissen wir auch, wer der Fahrer des schönen NAG war.

Wertvoll ist diese aus ästhetischer Hinsicht vielleicht nicht ideale Aufnahme nicht zuletzt, weil nur sie einen Blick auf das Kennzeichen des NAG-Protos ermöglicht.

Das Kürzel „IX“ steht für Westfalen und auf dem Originalabzug ist unter Vorbehalt die Kennung „90757“ zu lesen, was auf eine Zulassung im Verwaltungsbezirk Münster hindeuten würde.

Vielleicht kann ein ortskundiger Leser sogar sagen, wo genau diese drei wohl im Münsteraner Umland geschossenen Aufnahmen entstanden.

Für den Fall, dass der eine oder andere Leser sich vom „Fund des Monats“ und speziell vom Sport-Cabriolet des NAG-Protos 16/80 PS etwas mehr erhofft hat, kann ich dank Leser und Vintage-Fotosammler Klaas Dierks noch „eine Schippe drauflegen“:

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NAG-Protos 16/80 PS Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Dieser Ausschnitt aus einem größeren Foto lässt die vollkommene Übereinstimmung mit den zuvor gezeigten Bildern des Sport-Cabriolets auf Basis des NAG-Protos 16/80 PS erkennen.

Erwähnenswert sind jedoch zwei Dinge: das geschlossene Verdeck – mir ist bislang kein zweites entsprechendes zeitgenössisches Foto des Typs bekannt – und die nach US-Vorbild opulent verchromten Ersatzradabdeckungen.

Offen bleibt für mich vorerst, wieviele dieser herrlichen Wagen mit dem rassigen Aufbau als Sport-Cabriolet überhaupt entstanden.

Immerhin scheint es eine handvoll Exemplare bis in unsere Zeit geschafft zu haben. Ist der Wagen aus Münster vielleicht darunter?

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Spurenlese: Hanomag Typ 4/23 PS von 1931/32

Das Jahr 2018 jagt seinem Ende entgegen. Zwei letzte Höhepunkte habe ich für die Leser meines Blogs vor dem Jahreswechsel reserviert – den obligatorischen „Fund des Monats“ und erstmals einen „Fund des Jahres“.

Zuvor begeben wir uns in die (vermeintlichen) Niederungen deutscher „Brot-und-Butter“-Automobile.

Selbst dort gelingen nach über 80 Jahren noch Entdeckungen, die zwar nicht sensationell, aber auch nicht alltäglich sind.

Der Grund dafür liegt weniger im Mangel an Originalmaterial denn in der desolaten Dokumentation etlicher deutscher Vorkriegshersteller abseits der Premiummarken.

So zeige ich heute gleich drei Aufnahmen eines Hanomag-Typs, von dem in der mir vorliegenden Literatur nicht ein einziges aussagefähiges Foto zu finden ist. Hier Nr. 1:

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Hanomag 4/23 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Aufnahme ist ein Ausschnitt eines weit größeren Originalfotos, das ich vor längerer Zeit hier erstmals präsentiert habe.

Auf den ersten Blick besitzt der Wagen einige Ähnlichkeit mit dem bereits öfters gezeigten Hanomag 3/16 bzw. 4/20 PS.

Doch abgesehen von auf zwei Felder verteilten Luftschlitzen in der Haube unterscheiden sich die beiden Autos im Detail ganz erheblich.

Nehmen wir als Referenzobjekt diese neckische Aufnahme:

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Hanomag 3/16 oder 4/20 PS, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der wohl wichtigste Unterschied betrifft die Gestaltung der Kühlermaske:

Beim zuletzt gezeigten Foto trägt der Kühler noch die stilisierte Silhouette des Vorgängermodells 2/10 PS „Kommissbrot“ und muss noch ohne die senkrecht geriffelten Partien an Ober- und Unterteil auskommen.

Das Fehlen von Radkappen und die simplere Ausführung der Vorderschutzbleche verweist ebenso auf ein früheres Modell wie der Abstand des Unterrands der Frontscheibe von der Karosserie.

Tatsächlich sind wir hier Zeuge des Übergangs vom ersten Hanomag-Vierzylindertyp 3/16 bzw. 4/20 PS (1929-31) zum Nachfolger 4/23 PS, der in weiteren Entwicklungsstufen bis 1935 gefertigt wurde.

Dass es sich hierbei auch in formaler Hinsicht um eine wesentlich verfeinerte Version handelte, wird auf der folgenden Aufnahme noch deutlicher:

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Hanomag 4/23 PS von 1931/32; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das auf einer Flussfähre entstandene Foto lässt zwar einiges zu wünschen übrig, aber immerhin lässt es die raffiniertere Karosserie mit elegant gestalteten seitlichen Zierlinien recht gut erkennen.

Die verchromte Stoßstange dürfte ein Zubehörteil gewesen sein, steht dem Wagen aber ausgezeichnet. Hanomag scheint so etwas nicht im Angebot gehabt zu haben.

Überhaupt ist dieses Hanomag-Modell in der gedruckten Standardliteratur nahezu unauffindbar.

Die einzige mir bislang bekannte Abbildung ist eine Reklame, die auf S. 65 von „Hanomag Personenwagen – Von Hannover in die Welt“ von H.D. Görg/T. Hamacher wiedergegeben ist.

Zusammen mit den Beschreibungen des Modells im „Oswald“ (Deutsche Autos 1920-45, 1. Auflage 2001) scheint eine Identifikation als Hanomag 4/23 PS von 1931/32 möglich.

Tatsächlich konnte ich meinem Fundus kürzlich ein weiteres Exemplar dieser kurzlebigen Variante zuführen, nämlich dieses hier, das ausweislich des Kennzeichens auf die Deutsche Reichspost zugelassen war (erkennt jemand den Aufnahmeort?):

Hanomag_4-23_PS_1932_Galerie

Hanomag 4/23 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist eine Aufnahme, die auch in technischer Hinsicht kaum Wünsche offen lässt.

Die markanten Details des Kühlers und das neugestaltete Hanomag-Emblem sind hervorragend zu erkennen, ebenso die stark profilierten Vorderschutzbleche.

Durchaus elegant wirkt hier die Zweifarblackierung, die auch die Scheibenräder einbezog. In der Produktion war damit einiger Aufwand verbunden.

Überhaupt war der Hanomag 4/23 PS kein billiger Kleinwagen. Er war nach Maschinenbauerart auf Langlebigkeit hin konstruiert und bot mit Zentralschmierung sowie hydraulischen Vierradbremsen einige moderne Merkmale.

Ein Spitzentempo von etwas über 80 km/h war auf damaligen Landstraßen ebenso ausreichend wie auf heutigen, wo gern bei bester Sicht mit 60-70 km/h vor sich hin geschlingert wird (vermutlich aufgrund multimedialer Ablenkungen…).

Übrigens kam der Nachfolger noch 1932 mit völlig neu gestalteter Frontpartie, die wiederum von ganz eigenem Reiz ist:

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Hanomag 3/18 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mehr zu diesem facettenreichen Hanomag-Modell hier.

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Neues vom NAW „Sperber“ Typ C 6/15 PS von 1911/12

Wer meinen Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos schon etwas länger verfolgt, für den ist das Modell „Sperber“ der Norddeutschen Automobilwerke (NAW) aus Hameln ein alter Bekannter.

Auch wenn in der Standardliteratur zu deutschen Autos der Zeit bis 1920 kein einziges Foto dieses Kleinwagentyps zu finden ist (Stand: Ende 2018), lässt er sich leicht identifizieren, sofern er aus dieser Perspektive aufgenommen wurde:

NAW_Sperber

NAW „Sperber“ Typ C 6/15 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir das erste Foto eines NAW, der nach dem Kleinraubvogel Sperber“ benannt wurde, das ich vor einiger Zeit präsentieren konnte.

Wie man sieht, trägt das Auto – nebenbei der erste Vierzylindertyp der Marke – seinen Namen gut lesbar auf der Kühlermaske. Ansonsten wäre es kaum möglich gewesen, den Wagen eindeutig anzusprechen.

Auch wenn der übrige Aufbau wenig markant erscheint, sei der Leser doch auf einige Details aufmerksam gemacht, die uns noch begegnen werden:

  • das mit einer recht breiten Leiste kaschierte Scharnier der Motorhaube,
  • die abgerundete Frontscheibe, deren Unterseite noch nicht mit dem Windlauf abschließt,
  • die dünnen Vorderschutzbleche, die in gerader Linie und stumpfem Winkel auf  das Trittbrett stoßen,
  • das Fehlen eines außenliegenden Schalthebels (nur die Handbremse ist zu sehen)
  • die beiden Halterungen am Trittbrett, die zwei Reserveräder aufnehmen konnten (hier ist nur noch eines vorhanden).

Alle diese Elemente finden sich auf dem zweiten bereits im Blog vorgestellten Foto eines NAW „Sperber“ wieder und erlauben zusammen mit der Form des Kühlerausschnitts die Identifikation, auch wenn der Schriftzug „Sperber“ hier fehlt:

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NAW „Sperber“ Typ 6/15 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die andere Ausführung von Scheinwerfern, Positionslampen und Hupen hat nichts zu bedeuten – das waren damals in der Regel Zubehörteile, die im Detail variierten.

Unter der Haube des erkennbar kompakten Wagens arbeitete ein von NAW selbstentwickelter Vierzylindermotor mit 1,6 Litern Hubraum, für den die Literatur eine Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h angibt.

In Ermangelung eines originalen Prospekts müssen wir diese Angabe aus Heinrich von Fersens Buch „Autos in Deutschland 1885-1920“ glauben, plausibel ist sie jedenfalls.

Sicher nicht richtig ist aber das im Fersen’schen Werk angeführte Gesamtgewicht des Tourenwagens von 750 kg.  Ein mir vorliegender Prospekt des Nachfolgetyps F4 6/18 PS von 1913/14 nennt dasselbe Gewicht nämlich für das Chassis ohne Aufbau.

Hier haben wir übrigens eine Originalreklame für dieses Modell:

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NAW „Sperber“ 6/18 PS; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Abbildung bestätigt die Ansprache des zuvor abgebildeten NAW „Sperber“ trotz fehlenden Schriftzugs.

Der Zeichner hat hier im Interesse der Klarheit der Darstellung auf die Wiedergabe von Hupen und Ersatzrädern verzichtet. Dafür sieht man am oberen Abschluss der Karosserie auf Höhe des Fahrersitzes ein Wappen, das uns später wieder begegnen wird.

Vorher werfen wir noch einen Blick auf ein weiteres „neues“ Foto eines NAW „Sperber“ des Typs C 6/15 PS, das Leser Klaas Dierks bereitgestellt hat:

NAW_Sperber_Lippe_Dierks_Galerie

Auch hier kann an der Ansprache des Fahrzeugs kein Zweifel bestehen. Doch bei näherer Betrachtung fällt folgendes auf:

  • die Frontscheibe ist an den unteren Ecken nicht mehr abgerundet und zudem nicht verstellbar,
  • die Gürtellinie der Karosserie liegt nun höher und umschließt die Insassen stärker,
  • die Vorderachse wird durch einen Wagenheber abgestützt – offenbar ist der rechte Vorderreifen geplatzt,
  • an der Hinterachse ist ein Notrad montiert, wie es in der Zeit des 1. Weltkriegs verbreitet war, als für Privatfahrzeuge keine Luftreifen mehr verfügbar waren.

Folgende Reklame lässt den Aufbau eines solchen kriegsmäßigen Ersatzes erkennen:

AROP-Reklame_Galerie

AROP-Notrad, Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Stählerne Schraubenfedern sorgten hier für die Federwirkung und nur die Lauffläche des Reifens war mit dem knappen Rohstoff Gummi belegt, der eventuell durch Verwertung abgefahrener Reifen gewonnen wurde.

Solche durchaus anspruchsvollen Notlösungen waren typisch für die Kriegswirtschaft der rohstoffarmen Mittelmächte (Deutsches Reich & Österreich-Ungarn). Abbildungen derartiger Ersatzräder sind keineswegs selten, sie erfüllten offenbar ihren Zweck.

Im Fall des letzten Fotos hat man jedoch den Eindruck, dass man sich bei dem NAW „Sperber“ nach dem Defekt eines weiteren Luftreifens keinen abermaligen solchen Ersatz mehr leisten konnte oder wollte.

Das würde erklären, weshalb der Wagen vorn aufgebockt wurde, um Reifen und Federn zu entlasten. Bei einer vorübergehenden Panne hätte man kaum eine solche Aufnahme gemacht.

Das Foto sollte wohl friedensmäßige Verhältnisse suggerieren – eventuell ist es auch erst kurz nach Kriegsende entstanden, als man wieder Sinn für derlei Aufnahmen hatte, aber neue Reifen vielleicht noch nicht verfügbar waren.

Wie dem auch sei: Dokumente wie diese erlauben faszinierende Einblicke in die automobile Welt von vor über 100 Jahren, die kein noch so schöner Prospekt jener Zeit bietet – abgesehen davon, dass diese heute im Fall von NAW ganz große Raritäten sind.

Denn im Hamelner Werk der Norddeutschen Automobilwerke entstanden seinerzeit nur einige hundert Wagen pro Jahr, kein Wunder bei einer Belegschaft von gerade einmal 500 Arbeitern und Angestellten (Stand: 1. März 1914).

Vor diesem Hintergrund liegt der historische Wert solcher Fotos von NAW auf der Hand. Dabei enthält meine Sammlung noch eine weitere Aufnahme desselben Typs:

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NAW „Sperber“ Typ C 6/15 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zu dieser ausgezeichneten Aufnahme muss man nicht viele Worte verlieren. Der Kleidung der Damen auf der Rückbank nach zu urteilen, könnte das Foto direkt vor dem 1. Weltkrieg oder auch kurz danach entstanden sein.

Wer genau hinschaut, wird am oberen Karosserieabschluss auf Höhe des Ellenbogens des Chauffeurs das Wappen wiederkennen, das auf der weiter oben gezeigten Reklame stilisiert zu sehen ist.

Es zeigte einen Sperber mit „H“ auf dem Leib und darüber den Schriftzug „SPERBER“ (siehe hier).

Übrigens lassen sich alle vier hier gezeigten NAW-Automobile des Typs „Sperber“ C 6/15 PS auf 1911/12 datieren, da 1913/14 die Kühlerpartie unter Beibehaltung des Namens neu gestaltet wurde. Das Ergebnis sah so aus:

NAW_Sperber_Prospekt_03-1914_1_Galerie

Mit dieser Abbildung aus einem kopierten Originalprospekt von März 1914 (Quelle unbekannt) endet meine Besprechung des NAW „Sperber“ vorerst.

Zwar findet sich in der Sammlung von Leser Klaas Dierks ein Foto, das wahrscheinlich einen solchen späten NAW „Sperber“ zeigt, doch vielleicht lässt sich ja noch eine bessere Aufnahme auftreiben als diese:

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NAW „Sperber“ von 1913/14; Originalfoto von Oktober 1921 aus Sammlung Klaas Dierks

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Chefsache: Ein Studebaker „President“ von 1927

Das Automobilangebot im Deutschland der späten 1920er Jahre war von geradezu tropischer Vielfalt. Zu verdanken war das nicht zuletzt den unzähligen Importmarken aus anderen europäischen Ländern und aus Übersee.

In der Einsteigerklasse konnte zwar Opels 4 PS-Modell „Laubfrosch“ einen erheblichen Marktanteil verbuchen, doch war das Modell bloß ein Plagiat des Citroen 5CV. Hier eine bislang unpublizierte Aufnahme eines Opel 4/14 PS von 1925:

Opel_4-14_PS_1925_Galerie

Opel Typ 4/14 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ohne das bewährte französische Vorbild bekam man in Rüsselsheim offenbar keinen Kleinwagen mehr hin, obwohl Opel vor dem 1. Weltkrieg in dem Segment durchaus erfolgreich gewesen war – eine Erklärung dafür konnte ich bislang nicht finden.

In der Mittelklasse schnitt sich neben der einheimischen Marke Brennabor aus Brandenburg vor allem Fiat ein ordentliches Stück aus dem Kuchen heraus.

Allgegenwärtig im deutschsprachigen Raum waren die Volumenmodelle Fiat 503 und 509. Hier haben wir einen Typ 503 mit 27 PS starkem 1,5 Liter-Motor, der einst einem Wiener Autobus-Unternehmer gehörte:

Fiat_503_Autobus_Unternehmen Frankz_Illgner_Wien_Galerie

Fiat 503; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das hier erstmals gezeigte Foto ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, dass die Kühlerfigur – in diesem Fall ein Adler – nicht zwangsläufig einen Hinweis auf den Hersteller gibt.

Doch auch ohne das Markenemblem auf dem Kühler wäre dieses Auto leicht als Fiat zu identifizieren gewesen – die kantige Frontpartie, deren Silhouette sich in der Kontur der Frontscheibe wiederholt, war typisch für die Fiats ab Mitte der 1920er Jahre.

Bei den Wagen der gehobenen Klasse dagegen hatten im deutschsprachigen Raum vor allem die US-Hersteller einen heute unvorstellbaren Anteil.

Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, welche Marken aus Übersee hierzulande aktiv waren und welche oft exotisch anmutenden Modelle deutsche Käufer fanden (Fotogalerie).

Heute befassen wir uns mit diesem Exemplar:

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Studebaker Big Six „President“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten und auch auf den zweiten Blick ist das ein schwerer Fall. Dass diese mächtige Sechsfenster-Limousine mit den Dopppelstoßstangen vorn und hinten nicht von einem europäischen Hersteller stammte, ist klar.

Aber welche US-Marke für diesen Koloss verantwortlich war, war für mich lange Zeit ein Rätsel. Zum Glück sind die amerikanischen Hersteller der Vorkriegszeit – von wenigen Ausnahmen abgesehen – hervorragend dokumentiert.

Leider gibt es für deutsche Hersteller keine Gesamtschau von ähnlicher Breite und Tiefe wie sie der „Standard Catalog of American Cars“ von B.R. Kimes und H.A. Clark für die US-Wagen bis 1942 bietet.

Nach mehreren Anläufen fand sich auf Seite 1.422 in der 3. Auflage dieses unverzichtbaren Standardwerks die Lösung.

Der Wagen auf dem Foto, das einst irgendwo in Deutschland entstand, ist ein großer Sechszylinder des Typs „President“ der seit 1902 bestehenden Marke Studebaker. 

Der 5,8 Liter-Motor entwickelte seine Spitzenleistung bei 2.400 Umdrehungen pro Minute und erlaubte dem schweren Fahrzeug eine angemessene, natürlich nicht sportliche Fortbewegung.

Die siebensitzige Limousine des Typs „President“ ist – wie auf dem Foto – an dem gegenüber dem „Standard Six“ verlängerten Radstand zu erkennen.

In den USA konnte ich den großformatigen Abzug einer Werksaufnahme des Studebaker „President“ von 1927 erstehen, das genau den Typ auf obigem Foto zeigt:

Studebaker_President_Six_1927_Werksfoto_Galerie

Studebaker Big Six „President“, Abzug eines Werksfotos aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick mag die Ähnlichkeit vielleicht nicht ins Auge springen.

Doch beim Vergleich der Gestaltung der Scheibenräder mit Zweifarbschema, des unteren Abschlusses der Frontscheibe, der Form der Türgriffe, der doppelten Seitenleiste und der Heckpartie wird die Übereinstimmung deutlich.

Der Studebaker auf dem Werksfoto wirkt nur deshalb anders, weil bei ihm die Frontpartie erkennbar ist, er eine Zweifarblackierung trägt und der Blick auf die hintere Haubenpartie nicht verdeckt ist.

Weshalb der Studebaker auf dem einst in Deutschland entstandenen Foto scheinbar keine Zweifarblackierung besaß, erscheint merkwürdig.

Möglich, dass diese einem anderen Farbschema folgte als auf dem Werksfoto und dass dies in Schwarz-Weiß lediglich nicht erkennbar ist. Einen so massigen Wagen nur einfarbig zu lackieren, wäre in den 1920er Jahren untypisch gewesen.

Aber vielleicht wollte der inländische Käufer das so und dann wurde das spätestens bei Eintreffen des Studebaker in Deutschland umgesetzt. Von einer Produktion der Marke hierzulande ist mir übrigens nichts bekannt, vielleicht weiß ein Leser mehr.

Jedenfalls war ein solcher dicker „Brummer“ Ende der 1920er Jahre nicht irgendein Importgefährt vom eher bürgerlichen Rang eines Ford, Buick oder Chevrolet. Dieses mächtige Automobil war damals eindeutig der Chefetage vorbehalten…

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Groß in Szene: Opels kleine 6-Zylinder 7/34 und 8/40 PS

Bei der Dokumentation der Vorkriegs-Modelle von Opel anhand historischer Originalfotos bin ich mittlerweile in den späten 1920er Jahren angelangt.

Keine Sorge: Es wird auch immer wieder reizvolle Rückblicke in die Frühzeit der Rüsselsheimer Automobilproduktion geben – es ist noch einiges an Material speziell aus der Ära bis zum 1. Weltkrieg vorhanden.

Doch heute will ich erst einmal ein Modell vorstellen, das bislang in meinem Blog noch keine Rolle spielte. Es erschien ab 1927 parallel zu den großen Sechszylindertypen mit 50 bzw. 60 PS Leistung, von denen ich schon das eine oder andere Foto gezeigt habe.

Folgende Aufnahme zeigt eines dieser großen Modelle mit besonders geschmackvoller Lackierung, die das mächtige Fahrzeug relativ leicht erscheinen lässt:

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Opel 12/50 oder 15/60 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mit ihren Hubräumen von über 3 Litern waren diese starken und soliden Sechszylinder auf den ersten Blick ernstzunehmende Konkurrenten der damals massenhaft am deutschen Markt vertretenen US-Wagen.

Doch letztlich erzielte Opel damit nur einen Achtungserfolg, weniger als 3.500 Stück davon sollten bis Produktionsende 1929 entstehen.

Besser entwickelte sich der Absatz der kleineren und leichteren, aber ebenfalls mit Sechszylindermotoren ausgestatteten Modelle 7/34 PS und (ab 1928) 8/40 PS.

Abgesehen von den Proportionen sind sie nur anhand weniger Details von den großen Sechszylindertypen zu unterscheiden. Dazu zählt die Zahl der Radbolzen (vier statt fünf) und die schlichtere Gestaltung der Scheibenräder.

Kühler, Haube und Aufbau glichen einander weitgehend, weshalb für die Betrachtung des Opel 7/34 bzw. 8/40 PS-Modells Fotos wie das folgende ausreichen:

Opel_7-34_oder_8-40_PS_1_Galerie

Opel 7/34 oder 8/40 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Gestaltung von Kühler, Trommelscheinwerfern, Luftschlitzen, Kotflügeln und Schwellerpartie mit den typischen Trittschutzblechen ist fast völlig identisch mit der bei den großen Sechszylindern.

Doch die simplen Scheibenräder ohne Zierlinien und Chromradkappen sowie die vier Radbolzen lassen erkennen, dass dieser Opel zwischen dem kleinen 4/16 bzw. 4/20 PS mit Vierzylinder und den großen Sechszylindertypen angesiedelt war.

Zu einem kleinen Sechszylindermodell 7/34 bzw. 8/40 PS passt auch der Radstand von knapp 2,90 m – beim großen Bruder waren es beeindruckende 3,50 m.

Reizvoll ist hier der Blick ins Innere mit plüschbezogenen Sitzen und für heutige Verhältnisse luxuriösem Beinraum im Passagierabteil. Deutlich wird auch, dass der Ein- und Ausstieg weit bequemer war als bei vielen heutigen flach bauenden Wagen.

Weil es so schön ist, schauen wir uns eine weitere Aufnahme desselben Wagens an:

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Opel 7/34 oder 8/40 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben die beiden Damen die Rückbank verlassen und der Fahrer präsentiert sich nun am vorderen Wagenende.

Verschwunden ist der ernst schauende Herr mit Melone – eventuell hat er dieses zweite Foto geschossen. Bleibt die Frage, wer für die erste Aufnahme verantwortlich war. Sie könnte mit Stativ und Selbstauslöser enstanden sein,

Auch wenn die nunmehrige Aufnahme leicht verwackelt ist, lässt sie einiges von dem Opel erkennen, das zuvor verborgen war.

Zum einen sieht man das aufgenietete Blech mit den schlichten schmalen Luftschlitzen in der Haube. Zum anderen kann das Auge nun den horizontalen Zierleisten folgen, die die Seitenlinie des Aufbaus strukturieren – ebenso die dunkle Partie entlang des Fensterrahmens.

Diese Gliederung der Flanke bewirkt in Verbindung mit der Zweifarblackierung ein angenehmes Erscheinungsbild der großen und annähernd ebenen Blechfläche.

Noch Anfang der 1920er Jahre bedurfte es solchen Aufwands nicht. Damals sorgte die plastische Gestaltung der Karosserie für genügend Spannung, wie man am Beispiel dieses Benz mit tulpenförmigen Aufbau sieht:

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Benz 8/20 oder 10/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese noch aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg schöpfenden Aufbauten brauchten weder Zierleisten noch Mehrfarblackierungen. Hier sorgten gewölbte Flanken und für unterschiedliche Lichtreflektion sorgende Knicke im Blech für Abwechslung.

Man kann daran gut nachvollziehen, welche Entwicklung sich in formaler Hinsicht in den 1920er Jahren vollzog – begleitet von technischen Fortschritten wie innenliegender Schaltung, elektrischem Anlasser, Vierradbremse, Stoßdämpfern usw.

So konnte man sich Ende der 20er auch mit einem kleinen Sechszylinder von Opel ganz auf der Höhe der Zeit zeigen.

Ohnehin gehörte man im damaligen Deutschland zu einer verschwindend kleinen Schicht, wenn man überhaupt ein motorisiertes Gefährt mit Dach überm Kopf besaß.

Autofahren hatte noch etwas Mondänes an sich und viele Leute inszenierten sich entsprechend – wie auf diesem schönen Beispiel:

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Opel 7/34 PS oder 8/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch hier haben wir einen der kleinen Sechszylinder-Opel vor uns. Ich vermute, dass das veränderte Trittschutzblech – jetzt kantig und ohne Opel-„Auge“ – sowie die verchromten kleinen Radkappen mit dem Übergang von der 8/34 PS- zur 8/40 PS-Motorisierung auftauchten.

Leider schweigt die mir zugängliche, ohnehin für eine Marke wie Opel dürftige Literatur zu Details wie diesen. Möglicherweise hat ein Leser eine Quelle, die diesbezüglich für Aufklärung sorgen kann.

So oder so ist es die gekonnte Art und Weise, mit der sich die Insassen dieses Opels vor rund 90 Jahren in Szene setzten, die die Aufnahme faszinierend macht:

Opel_7-34_oder_8-40_PS_3_Ausschnitt

Wäre diese Aufnahme nicht von sehr mäßiger Qualität, könnte man glatt an ein Foto für irgendein Magazin denken, in dem es um Mode und Lebensart ging. 

Jedenfalls wussten die Vier, wie man sich nach Art von Filmschauspielern bei einem Fototermin gab, und auch in modischer Hinsicht war ihr Erscheinungsbild perfekt.

Heute macht niemand mehr solche Fotos und das liegt nicht nur daran, dass die Autos unserer Zeit meist lieblos gestaltete Alltagsgegenstände sind, denen man keine besondere Bedeutung mehr beimisst.

In nur zwei, drei Generationen verlorengegangen ist auch das Empfinden dafür, wie man sich in der Öffentlichkeit würdevoll und mit Rücksicht auf die Mitmenschen angenehm präsentiert.

Wer als Besitzer eines Vorkriegsautos heute noch einen solchen Auftritt hinbekommt, darf sich der Sympathie der Zeitgenossen sicher sein – und wenn er „nur“ einen kleinen Sechszylinder-Opel fährt…

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Auch das gab es: Ein Adler Typ 6/25 PS als Limousine

Ist das nicht merkwürdig – eine Limousine als Rarität? So war das aber einst bei vielen Automodellen – speziell im Deutschland der 1920er Jahre.

Ein Automobil war nach dem 1. Weltkrieg hierzulande nach wie vor ein unerhörter Luxus, während in den USA –  aber auch in England und Frankreich – volkstümliche Wagen rasch an Bedeutung gewannen.

Die preisgünstigsten Wagen waren seinerzeit offene Modelle, geschlossene Versionen waren erheblich teurer. Das schlägt sich auch erkennbar bei zeitgenössischen Autofotos aus dem deutschsprachigen Raum nieder.

Gut illustrieren lässt sich dies am Beispiel des Adler 6/25 PS, Mitte der 1920er Jahre der meistverkaufte Typ des renommierten Frankfurter Herstellers.

Gut ein Dutzend der einst rund 6.000 produzierten Exemplare des Adler 6/25 PS habe ich inzwischen in meinem Blog anhand zeitgenössischer Fotos dokumentiert, das sind 2 Promille der einstigen Produktion…

Der weit überwiegende Teil davon zeigt offene Aufbauten. Da wundert es nicht, dass einst auch eine Adler-Niederlassung in Pirmasens Reklame mit einem 6/25 PS-Modell in der viersitzigen Tourenwagenausführung machte:

Adler_6-25_PS-Reklame_Garage_Preiss_Pirmasens_Galerie

Originale Adler-Reklame aus Sammlung Michael Schlenger

Die geschüsselten Scheibenräder und die schmalen Luftschlitze des Wagens erlauben die Ansprache als Adler 6/25 PS, während der Vorgängertyp 6/24 PS mit Stahlspeichenrädern und breiteren Luftschlitzen daherkam.

Auch die folgende Aufnahme zeigt trotz technischer Mängel einen offenen Adler des Typs 6/25 PS. Das Foto lief als private Postkarte 1928 von Freiburg nach Hannover:

Adler_6-25_PS_Ak_Freiburg_nach_Hannover_08-1928_Galerie

Adler 6/25 PS; originale Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Ansatzweise erkennt man hier nachgerüstete seitliche „Schürzen“ an den Vorderschutzblechen, die einer stärkeren Verschmutzung des Wagens vorbeugen sollten.

Interessanterweise besaß über die Hälfte der Adlerwagen des Typs 6/25 PS auf Fotos aus meiner Sammlung einen solchen kunstledernen Spritzschutz. Offenbar neigte das Modell besonders zur Verschmutzung, was die Zubehörindustrie auf den Plan rief.

Neben dem verbreiteten Tourenwagen bot Adler eine weitere offene Variante an, die freilich nur selten gekauft wurde.  Es handelte sich um einen sportlich geschnittenen Zweisitzer, der allerdings denselben 1,6 Liter-Motor mit 25 PS besaß.

Die folgende, sehr seltene Aufnahme eines solchen Zweisitzers mit roadstermäßiger Anmutung habe ich vor längerem bereits präsentiert:

Adler_6-25_PS_Zweisitzer_Galerie

Adler 6/25 Sport-Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

In der mir bekannten (stark veralteten) Literatur konnte ich keine vergleichbare Aufnahme finden. Vielleicht kann ein sachkundiger Leser  – ich selbst bin ja kein Adler-Spezialist – Näheres zu diesem schönen Aufbau sagen.

Kaum häufiger dürfte eine weitere Karosserieversion gewesen sein, die ich ebenfalls vor einiger Zeit vorgestellt habe. Es handelt sich um einen Wagen mit Landaulet-Aufbau, wie man ihn eher bei Oberklasseautos erwarten würde:

Adler_6-25_PS_Landaulet_Galerie

Adler 6/25 PS mit Landaulet-Karosserie; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Denkbar ist, dass diese aufwendige Ausführung einst als Taxi diente.

In den 1920er Jahren war es durchaus üblich, dass der Fahrer unter einem festen Dach saß, während die Passagiere bei schönem Wetter die Möglichkeit hatten, die Fahrt mit offenem Verdeck über der Rückbank zu genießen.

Auch für diese Version des Adler 6/25 PS gibt es meines Wissens in der Literatur bislang (Stand: 2018) kein Belegexemplar. Anders sieht das bei der Limousine aus, die ich heute anhand eines reizvollen Originalfotos zeigen will.

Die geschlossene Ausführung ist zwar ein Neuzugang in meiner Adler-Galerie, aber in Werner Oswalds Standardwerk „Adler Automobile 1900-1945“ von 1981 findet sich auf Seite 41 eine auf den ersten Blick ähnliche Version.

Bei näherem Hinsehen offenbaren sich allerdings einige Unterschiede: Die Limousine in Werner Oswalds Buch stammt von Papler aus Köln und war nach „Weymann“-Patent ausgeführt – d.h. der Passagieraufbau bestand aus einer leichten Holzkonstruktion, die mit Kunstleder bespannt war.

Das folgende Foto zeigt dagegen eine abweichende Ausführung:

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Adler 6/25 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Limousine auf Basis des Adler 6/25 PS war durchgängig mit Blech beplankt, was ein einheitliches Erscheinungsbild der Lackierung ermöglichte. Bei Weymann-Karosserien weist der mit Kunstleder bespannte Teil ein anderes Reflektionsverhalten auf und wirkt matter als lackiertes Metall.

Zudem unterscheiden sich die Linienführung am hinteren Seitenfenster und der vordere Abschluss der Tür. Gemeinsam ist beiden Wagen, dass sie nur zweitürig waren – auch das würde heute bei Limousinen überraschen.

Doch wie gesagt – bei den Automobilen war in den 1920er Jahren vieles völlig anders, als uns dies heute geläufig ist – das macht sie für den Gourmet umso interessanter.

Nicht zuletzt ist es die Erinnerung an eine untergegangene Welt, die bei der Beschäftigung mit Autofotos jener Zeit aufscheint. Dazu gehört die zeitgenössische Mode ebenso wie die Art und Weise, wie man für solche Aufnahmen posierte:

Adler_6-25_PS_Limousine_Familie_Ausschnitt

Kurze Röcke waren bei den jungen Damen damals der letzte Schrei – teilweise endeten sie noch über dem Knie – erst der „Minirock“ der 1960er sollte es damit aufnehmen können.

Leider verknüpften die Modeschöpfer dies in den 1920er Jahren mit unvorteilhaften Schnitten, bei denen der Gürtel von der Taille auf die Beckenregion rutschte. Das Ergebnis waren merkwürdig sackartige Kleider wie auf dem Foto.

Unsere beiden jungen Adler-Mädels machten dennoch für diese Aufnahme das Beste daraus und tragen erheblich zum Reiz des Augenblicks bei. Zeittypisch ist übrigens auch der Strauß in der Innentasche der Türverkleidung.

Bei Landpartien mit dem Automobil sammelte man einst gern Blumen und Zweige ein, um sie als Erinnerung an den Ausflug mit in die Stadt zu nehmen. Das ist auf vielen, irgendwo im Grünen entstandenen Aufnahmen der Zwischenkriegszeit zu sehen.

Man kann daraus ersehen: Auch die hierzulande noch wenigen Besitzer von Automobilen hatten sich bei aller Modernität ein Empfinden für die Schönheit der Natur bewahrt, die sie gezielt zur Entspannung am Wochenende aufsuchten.

Und im vorliegenden Fall wies ihnen der stilisierte Adler auf dem Kühler dabei zuverlässig den Weg…

Adler_6-25_PS_Limousine_Familie_Frontpartie

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„Volltanken, Kamerad!“ Ein Protos Typ C1 10/45 PS

Auch wenn es angesichts des desolaten wirtschaftlichen Zustands Berlins heute schwer vorstellbar erscheint  – die einstige Reichshauptstadt war in der Vorkriegszeit eines der Zentren des deutschen Automobilbaus.

Hier hatten nicht nur heimische Hersteller wie AGA, Bergmann, Dinos, Ego, Lindcar, NAG, Protos, Rumpler und Szawe ihren Sitz, sondern auch diverse ausländische Produzenten.

Neben einigen US-Marken ist vor allem die Berliner Austin-Seven-Lizenzproduktion von  Willys-Overland-Crossley zu nennen. Dazu sei die Publikation „Austin und Willys aus Berlin“ von Klaus Gebhardt (2013) empfohlen – eines der wenigen Beispiele für ein rundherum überzeugendes deutsches Vorkriegsautobuch der jüngeren Zeit.

Ich will heute aber bei einer der in Berlin ansässigen deutschen Marken der zweiten Reihe bleiben: Protos. Hier eine Originalreklame von 1905, die erkennen lässt, dass man bei Protos ursprünglich in allen PS-Klassen kompetent sein wollte:

ProtosReklame_1905_Galerie

Protos-Reklame von 1905; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Die Wagen der 1908 von Siemens übernommenen Protos Motorenfabrik sind auf den ersten Blick gut dokumentiert. Das Standardwerk von Otto Neubauer „Autos aus Berlin: Protos und NAG“ zeigt Dutzende Abbildungen von Autotypen der Marke.

Allerdings handelt es sich in etlichen Fällen um Prospektdarstellungen oder Bilder aus Druckwerken mit geringer Auflösung. Kein Wunder, dass 35 Jahre nach dieser Publikation mittlerweile mehr und besseres Material vorhanden ist.

Allein in der Protos-Galerie meines erst seit 2015 existierenden Blogs für Vorkriegsautos auf alten Fotos finden sich etliche Originalaufnahmen, die sich für eine zeitgemäße Neupublikation zu Protos eignen würden.

Nachfolgend ein Beispiel für eine sonst bislang nirgends dokumentierte Zweisitzer-Variante des Standardtyps Protos C 10/30 PS, der von 1918 bis 1924 tausendfach gebaut wurde (Porträt hier):

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Protos Typ C 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mit dem ab 1924 gebauten Nachfolger dieses Modells befasst sich mein heutiger Blogeintrag. Dabei handelt es sich im Grunde um einen alten Bekannten.

Denn – wie gesagt: zeitgenössische Originaldokumente zu Protos sind keineswegs selten. Auch wenn man nicht ausdrücklich danach sucht, gehen einem nebenbei Funde wie dieser ins Netz:

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Protos Typ C1 10/45 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir besagten Nachfolger des Protos Typ C 10/35 PS  – den stärkeren Protos C1 10/45 PS (Porträt). Er unterschied sich vom Vorgänger technisch vor allem, was den Ventiltrieb angeht.

Die Verwendung strömungsgünstig im Zylinderkopf hängender Ein- und Auslassventile statt der bis dato üblichen seitlich neben dem Zylinder stehenden Ventile sowie ein anders abgestimmter Vergaser ermöglichten bei unverändertem Hubraum von 2,6 Litern eine Leistungssteigerung um satte 50 % auf 45 PS.

Damit war trotz des hohen Wagengewichts (1,6 Tonnen in der offenen Ausführung) ein Spitzentempo von 85 km/h möglich. Ab 1926 gab es dazu standesgemäße Vierradbremsen.

Äußerlich unterschied sich der Protos C1 10/45 PS vom Vorgänger nur in den höheren und zahlreicheren Luftschlitzen in der Motorhaube – zehn statt zuvor acht an der Zahl.

Wie es der Zufall will, zeigt das „neue“ Foto eines solchen Protos C1 10/45 PS wiederum einen Wagen im Dienst der Reichswehr:

Protos_Typ_C1_10-45_PS_RW_Tankstelle_Galerie

Protos Typ C1 10/45 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die im Zuge des fatalen Versailler Vertrags auf eine symbolische 100.000 Mann-Armee geschrumpften Streitkräfte der Weimarer Republik konnten sich zwar sonst nicht viel leisten, doch für Protos-Tourenwagen reichte offenbar das Geld.

Dabei scheinen hier nicht einmal Offiziere unterwegs gewesen zu sein, wenn ich das Fehlen entsprechender Schulterklappen richtig interpretiere, sondern einfache Mannschaftsdienstgrade (evtl. Unteroffiziersanwärter?).

Klar ist jedenfalls, dass wir einen Protos des Typs C1 10/45 PS vor uns haben. Das lassen die auf zwei Gruppen à fünf verteilten hohen Luftschlitze erkennen:

Protos_Typ_C1_10-45_PS_RW_Frontpartie

Wie beim Militär üblich waren alle glänzenden Metallteile matt überlackiert worden, also Kühlermaske, Scheinwerferringe, Frontscheibenrahmen und Nabenkappen.

Ansonsten waren die an die Reichswehr gelieferten Protos-Tourenwagen wohl weitgehend identisch mit den zivilen Ausführungen – speziell auf den militärischen Bedarf ausgerichtete Autos waren in den 1920er Jahren noch unüblich.

Dabei hatte man bereits im 1. Weltkrieg einschlägige Erfahrungen gemacht, was die Einsatzgrenzen auf Zivilmodellen basierender PKW angeht. Während sich die großen und schweren Tourenwagen von Prestigemarken gern auf unbefestigten Wegen festfuhren, hatten sich leichtere Kleinwagenmodelle besser bewährt.

Doch so wie heute Politiker schwere Limousinen den kompakten Elektromobilen vorziehen, die sie dem Untertan für die Fahrt zur täglichen Arbeit empfehlen, spielte einst beim deutschen Militär das Prestige eine im Zweifelsfalle größere Rolle:

Protos_Typ_C1_10-45_PS_RW_Tankstelle_Insassen

„Volltanken, Kamerad!“, wird wohl der Fahrer des Protos dem Soldaten an der Zapfsäule zugerufen haben.

Der „Tankwart“ scheint es gerade zu genießen, möglicherweise für irgendeine Illustrierte aufgenommen zu werden, und hält pflichtschuldigst die Zapfpistole in der Hand, während er freundlich in die Kamera schaut.

Die übrigen Insassen des Protos scheinen von diesem wahrscheinlich inszenierten Fototermin weniger begeistert zu sein – nur der Fahrer schaut entspannt ins Objektiv.

Tja, das wäre es beinahe gewesen für heute, was den Protos Typ C1 10/45 PS angeht – übrigens das letzte Automobil, das unter der Marke entstand.

1927, rund ein Jahr nach der Übernahme durch die ebenfalls in Berlin ansässige AEG-Tochter NAG, endete die Produktion der Wagen mit dem markanten „Gesicht“.

Immerhin scheinen die Protos-Wagen der 1920er Jahre im kollektiven Bewusstsein so präsent gewesen zu sein, dass sie selbst bei einer Reklame des renommierten Lampen-Herstellers Osram als Hintergrund dienten:

Protos_C-Typ_Osram-Reklame_datiert_1926_Galerie

Osram-Reklame mit Protos C1 10/45 PS; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Haben Sie den Wagen im Hintergrund erkannt? Ja, da hatte der Grafiker, der 1926 diese schöne Werbung zeichnete, einen Protos Typ C1 10/45 PS im Sinn.

Ob man ihm das eigens aufgetragen hatte oder ob es seine eigene Idee war, wird sich wohl nicht mehr klären lassen.

Jedenfalls ist das ein Dokument, das man im Kontext mit Protos schwerlich findet, schon gar nicht in der zwar verdienstvollen, doch überholungsbedürftigen Literatur der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Man sieht daran: Unpubliziertes Material zu diesen einstigen deutschen Marken der zweiten Reihe gibt es jede Menge – man muss nur etwas daraus machen wollen

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Schaurig-schön: Hanomag „Kommissbrot“ Zweisitzer

Regelmäßige Leser meines Blogs wissen: Ich kann eigentlich jedem Vorkriegsauto aus dem deutschsprachigen Raum etwas abgewinnen. In manchen Fällen ist es allerdings eher der Kuriositätswert, der aus meiner Sicht eine Beschäftigung rechtfertigt.

Ein Beispiel dafür ist das Ende 1924 vorgestellte Hanomag „Kommissbrot“ – das natürlich nicht so hieß, aber vom Volksmund entsprechend bezeichnet wurde. Die offizielle Bezeichnung lautete Typ 2/10 PS.

An der schmalbrüstigen Motorisierung mit wassergekühltem 1-Zylinder-Antrieb der Motorradklasse wird bereits deutlich, dass der Hannoveraner Maschinenbaukonzern mit seinem automobilen Erstling Mitte der 1920er Jahre einen Sonderweg beschritt.

Ja, die Idee eines volkstümlichen Wagens lag auch hierzulande in der Luft.

Doch alle damals massenmarkttauglichen Fahrzeuge in Europa – ob von Austin und Citroen oder Brennabor und Opel – waren vollwertige Autos mit Vierzylindermotoren in der Leistungsklasse von 12 bis 20 PS aufwärts.

Hanomag verfolgte dagegen auch formal einen sehr eigenwilligen Weg:

Hanomag_2-10_PS_Shell-Tankstelle_Galerie
Hanomag 2/10 PS Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Sicher: Ein Auto, das ohne Trittbretter auskam und dessen Fahrgastraum die ganze Breite ausnutzte, war ebenso vorausschauend wie der Verzicht auf freistehende Kotflügel und die (scheinbar) windschlüpfrige Frontpartie.

Doch mit der Optik des „rasenden Kohlenkastens“ – ein weiterer Spitzname des Gefährts  – sorgte man allenfalls bei Exzentrikern für Begeisterung.

Bei einem Maximaltempo von 60 km/h hatte man gegenüber einem Motorrad nur den Vorteil, dass man bei schlechtem Wetter ein Notverdeck über dem Kopf hatte und der Mitfahrer etwas komfortabler untergebracht war.

Auch der Handstarter, der mit der Linken zu betätigen war und über eine primitive Konstruktion den Motor anwarf, stand einer größeren Verbreitung entgegen.

Auf der folgenden Aufnahme sieht man den Einzylindermotor eines offenen Hanomag 2/10 PS „Sportmodells“ mit der Umlenkwelle des Handstarters am Rahmen und der darüber betätigten Kette, die auf ein Ritzel am Motor einwirkte:

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Hanomag Typ  2/10 PS Sportmodell, aufgenommen bei den Classic Days 2018 auf Schloss Dyck; Bildrechte: Michael Schlenger

Eine solche Improvisation konnte man bei einem Eigenbau erwarten, sie war aber eines Produkts aus einem Maschinenbaukonzern kaum würdig und schon gar nicht anwenderfreundlich.

Nun gut, funktioniert hat das Ganze natürlich und bis Ende der Produktion im Jahr 1928 fanden sich fast 16.000 Käufer, die kein Problem mit dem eigenwilligen Erscheinungsbild und der schwachen, aber lautstarken Motorisierung hatten.

Wie es scheint, war ein Hanomag Kommissbrot in sich für progressiv haltenden Kreisen zeitweise sogar „schick“. Dafür sprechen Fotos wie das folgende, wo sich die Dame mit modischer Frisur keck als Sportfahrerin inszeniert:

Hanomag_2-10_PS_Cabrio_1928_Galerie
Hanomag Typ 2/10 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist zweifellos ein schönes Dokument, das neben der adretten Insassin nicht zuletzt von der Zweifarblackierung des Zweisitzers mit Roadsterverdeck profitiert.

Dieses eigenwillige Farbschema scheint ab Werk lieferbar gewesen zu sein – jedenfalls liefert die mir vorliegende Literatur einige vergleichbare Aufnahmen.

Allerdings ist wie bei so vielen deutschen Herstellern der zweiten Reihe auch bei Hanomag zu konstatieren, dass die Typengeschichte bislang nicht umfassend dokumentiert vorliegt.

Die beste Publikation in der Hinsicht stellt das Buch „Hanomag Personenwagen – Von Hannover in die Welt“ von Görg/Hamacher (1999) dar. Das Werk ist von großem Reiz, nicht zuletzt aufgrund einiger spannender Geschichten rund um die Hanomag-PKW.

Doch ein vollständiges Kompendium mit eingehender Besprechung formaler und technischer Details und entsprechender Bebilderung stellt das Werk nicht dar.

So wird man auch dort eine dermaßen detailreiche Heckansicht eines Hanomag 2/10 PS Zweisitzers vergeblich suchen, wie sie folgendes Foto zeigt:

Hanomag_2-10_PS_offen_München_1932_Galerie
Hanomag 2/10 PS Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Manch einer mag hier zunächst die Frontpartie eines Kleinwagens mit Pontonkarosserie sehen, bevor er realisiert, dass er es mit der Heckansicht zu tun hat.

Das Foto lässt erkennen, was die Karosserie des Hanomag 2/10 PS speziell in der ersten Ausführung einzigartig machte: Hier verschmelzen die bis dato freistehenden Kotflügel mit der Karosserie und werden zu Radhäusern, wie wir sie heute kennen.

Bei der Vorstellung des Wagens Ende 1924 war das visionär. Bloß wurde die moderne Form auf einer unzureichenden technischen Basis realisiert, die für die allermeisten Autokäufer inakzeptabel war.

Auch die nach funktionellen Aspekten angeordneten Luftschlitze sowie die freiliegende Auspuffanlage schreckten diejenigen ab, die bei einem ja nach wie vor sehr teuren Automobil eine gewisse ästhetische Verfeinerung erwarteten:

Hanomag_2-10_PS_offen_München_1932_Ausschnitt

Das Kennzeichen verweist übrigens auf eine Zulassung im mondänen München, wo jemand diesen Hanomag vielleicht als skurrilen Zweitwagen nutzte.

Entstanden ist das Foto 1932, da war der Hanomag schon mindestens sechs Jahre in Betrieb. Wieso lässt sich das so genau sagen? Schließlich wurde das Hanomag „Kommissbrot“ doch bis 1928 gebaut.

Nun, das wissen wir deshalb, weil der Münchener Hanomag auf dem Foto von 1932 noch über die erste Karosserieausführung von 1925/26 verfügte, die die Pontonform sehr konsequent umsetzte.

Ab 1927 machte Hanomag Zugeständnisse an den Publikumsgeschmack und gönnte seinem 2/10 PS-Typ angedeutete Kotflügel, wie sie auf den anderen Fotos zu sehen sind.

Hier eine weitere bereits vorgestellte Aufnahme eines Hanomag 2/10 PS in der ab 1927 gebauten Variante mit vom Karosseriekörper abgesetzten Schutzblechen:

Hanomag_2-10_PS_Beiwagen_Ausschnitt
Hanomag 2/10 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mit diesem hübschen Foto, das nebenbei einen Hanomag 2/10 PS Typ ab 1927 mit geschlossenem Aufbau dokumentiert, sei diese kleine Betrachtung beendet.

Vielleicht machen solche zeitgenössischen Aufnahmen deutlich, weshalb beim Hanomag „Kommissbrot“ das Attribut „schaurig-schön“ seine Berechtigung hat.

Faszinierend ist jedenfalls, dass Hanomag im Anschluss an dieses Kuriosum auf Anhieb ein „richtiges“ Automobil vorstellte, das die Ausgangsbasis für eine ganze Reihe recht erfolgreicher Modelle darstellte.

Eines davon wird Gegenstand meines nächsten Blogeintrags zu Hanomag sein. Doch bis dahin gibt es noch viele andere – wirklich schöne – Vorkriegsfahrzeuge zu besprechen…

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Ahnenforschung: Varianten des Brennabor 6 PS-Typs

Erstaunlich: Da rühmt man sich hierzulande, dass das Automobil in Deutschland erfunden wurde, doch in der Historie etlicher Marken klaffen seit Jahrzehnten jede Menge Lücken.

Nicht nur, dass es keine zeitgemäße, wirklich umfassende Standardliteratur zu Marken wie Apollo, Ley, NAG, Phänomen, Presto, Protos oder Simson gibt.

Selbst der nach dem 1. Weltkrieg anfänglich bedeutendste deutsche Autohersteller harrt bis heute einer Aufarbeitung. Leser meines Blogs wissen, wovon die Rede ist: Brennabor aus Brandenburg.

Zwar gibt es Ansätze zu einer Darstellung der Automobilproduktion von Brennabor, etwa im Buch von Hans-Georg Kohnke „Von Brennabor zu ZF“, 2016, oder in der Dokumentation „Brennabor-Werke Brandenburg/Havel“ von Kreschel/Mertink, 1995 (danke an Helmut Kasimirowicz in dem Zusammenhang).

Doch eine detaillierte Chronologie der einzelnen Brennabor-Typen ist bislang nicht verfügbar. Auch im Netz gibt es derzeit nur eine lückenhafte Bilddokumentation ohne nähere Beschreibung (hier).

Dabei gibt es jede Menge Bildmaterial zu Brennabor-Fahrzeugen – selbst ohne spezielle Suche konnte ich bereits zahlreiche Fotos dingfest machen, die in meiner Brennabor-Galerie zu finden sind.

Auf welche Schwierigkeiten man bei der näheren Bestimmung von Brennabor-PKW auf historischen Fotos stößt, will ich heute anhand von Brennabor-Wagen in der 6 PS-Steuerklasse zeigen.

Als Einstieg eignet sich dieses Exemplar:

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Brennabor Typ C 6/18 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme entstand bei einer Veteranenveranstaltung in der „DDR“ im Jahr 1962 – also vor mehr als einem halben Jahrhundert. Das Auto selbst war damals ebenfalls bereits rund 50 Jahre alt.

Der Spitzkühler und die Gestaltung der Vorderkotflügel lassen vermuten, dass der Wagen kurz vor dem 1. Weltkrieg entstand. Dabei gibt der Kühler Rätsel auf.

In der mir zugänglichen Literatur und im Netz gibt es keine vergleichbare Abbildung. Denkbar ist, dass dieser Kühler nur kurzzeitig verbaut wurde (ab 1914) oder auch, dass er ein zeitgenössisches Zubehörteil darstellte, mit dem man dem Wagen ein modischeres Aussehen geben konnte.

Das Auto selbst dürfte ein Brennabor der 6 PS-Steuerklasse gewesen sein. Mit dem Modell 6/12 PS, das von 1908-10 gebaut wurde, bot Brennabor einen selbstentwickelten Vierzylinder mit 1,6 Liter-Motor – genau in dieser Klasse betreiben wir heute ein wenig „Ahnenforschung“.

Schon 1912 stieg die Höchstleistung dieses 6 PS-Typs auf 18 PS – in der Literatur firmiert der Wagen als Modell L4. Damit dürften wir es auf dem Foto zu tun haben.

Die parallel verfügbaren Brennabor-Autos der Steuerklassen 8 und 10 PS waren deutlich größer, wie das Exemplar auf dieser Reklame von 1913:

Brennabor_Typ_F_10-28_PS_1913_Galerie

Brennabor Typ 10/28 PS; originale Reklamemarke aus Sammlung Michael Schlenger

Nach dem 1. Weltkrieg beschränkte sich Brennabor auf Motorisierungen der Steuerklassen 6 und 8 PS. Dabei erwies sich durch Anwendung rationeller Fertigungsmethoden nach US-Vorbild vor allem der Typ P 8/24 PS als Erfolg.

Doch auch in der 6 PS-Klasse erzielte Brennabor soliden Absatz, wie eine ganze Reihe von Fotos aus meiner Sammlung bezeugen.

Hier haben wir ein Exemplar des von 1922-25 gebauten Typs S 6/20 PS:

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Brennabor Typ S 6/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Merkmale dieses Nachkriegs-Brennabor der 6 PS-Klasse sind die in Wagenfarbe lackierte, schlicht gehaltene Kühlermaske und die acht weit auseinanderliegenden seitlichen Luftschlitze in der Motorhaube.

Für eine eher späte Entstehung spricht auf dieser Aufnahme die Linkslenkung – dazu passt die Datierung des im Sauerland entstandenen Fotos auf das Jahr 1924. Bemerkenswert sind bei einem Auto dieser Klasse nebenbei die Weißwandreifen.

Im Lauf des Jahres 1925 wurde der etwas stärkere Nachfolgetyp R 6/25 PS eingeführt, der auch optisch überarbeitet worden war:

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Brennabor Typ R 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Abgesehen von der nunmehr verchromten bzw. vernickelten Kühlermaske wirkte das neue Modell karosserieseitig weit funktioneller als der Vorgänger.

Das elegant geschwungene, an das Trittbrett anschließende Vorderschutzblech war hier einem simplen, der Radform folgenden Teil gewichen, das fast rechtwinklig auf das Trittbrett stieß.

Anstelle der Speichenräder waren nun unfertig wirkende Scheibenräder montiert. Die Vorderschutzbleche waren aus zwei Elementen zusammengeheftet. Es mag sein, dass dies der neu eingeführten Fließbandfertigung geschuldet war.

Auffallend auch die Verringerung der Zahl der seitlichen Haubenschlitze auf fünf. Möglicherweise hatte sich dies als ausreichend erwiesen, doch war damit ein formaler Akzent an der Flanke verlorengegangen.

Man gewinnt den Eindruck, als habe Brennabor bei der weiteren Modellfpflege wieder stärkeres Augenmerk auf ein ansprechendes Äußeres gelegt:

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Brennabor Typ R 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen auf diesem reizvollen Foto entspricht an der Frontpartie dem Auto auf der vorherigen Aufnahme.

Unterschiedlich ist aber die Zahl und Ausführung der Luftschlitze in der Motorhaube. Die hohen und schmalen Schlitze deuten aus meiner Sicht auf eine späte Ausführung des Brennabor Typ R 6/25 PS hin.

Hier haben wir eine weitere – bisher unpublizierte – Aufnahme eines solchen modellgepflegten Brennabor R 6/25 PS, nun mit seltenem Limousinenaufbau:

Brennabor_6-25_PS_spät_Galerie

Brennabor Typ R 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger 

Neben der identischen Frontpartie haben wir hier auch wieder die 14 schmalen Luftschlitze, die übrigens dezent nach innen geprägt sind.

Dummerweise weisen gleich zwei auf 1926 – das letzte Baujahr des Brennabor R 6/25 PS – datierte Aufnahmen in der Literatur (Werner Oswald: Deutsche Autos 1920-45) noch die fünf niedrigen Luftschlitze wie auf dem ersten Foto auf.

Zur Erklärung gibt es folgende Möglichkeiten:

  • Zahl und Ausführung der Luftschlitze beim Typ R 6/25 PS sind ohne Bedeutung – bei einem in Serie gefertigten Fahrzeug eher unwahrscheinlich
  • Die Datierung in der Literatur ist unzutreffend – angesichts der zahlreichen Mängel im Buch von Werner Oswald durchaus möglich
  • Bei den Fahrzeugen mit 14 schmalen und hohen Luftschlitzen handelt es sich um frühe Exemplare von 1925 – das wäre aus formaler Hinsicht überraschend
  • Die Brennabor-Wagen des Typs R 6/25 PS mit hohen und schmalen Luftschlitzen wurden über das Jahr 1925 hinaus weitergebaut, parallel zum Nachfolgemodell Z /25 PS – darauf würden die Zeitangaben im „Oswald“ hindeuten (bis 1928).

Dies mag die Schwierigkeiten veranschaulichen, vor denen man mangels hinreichender Dokumentation der Brennabor-Typen öfters steht.

Immerhin sind die Verhältnisse beim Nachfolgetyp Brennabor Z 6/25 PS klarer, den wir auf der folgenden, sehr reizvollen Aufnahme sehen:

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Brennabor Typ Z 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir den letzten Brennabor-Wagen der Steuerklasse 6 PS vor uns – wie die Vorgänger mit 1,6 Liter-Motor und seit dem Typ R unveränderter Leistung.

Die Karosserie zeigt sich in vielen Details modernisiert:

  • Die Kühlermaske ist nun „pointierter“ ausgeführt – speziell, was die Einfassung des Brennabor-Emblems angeht. Von Laien werden Brennabor-Wagen mit dieser Frontpartie gern als Bentley angesprochen.
  • Die Vorderschutzbleche wirken nun (fast) wie aus einem Guss – nicht mehr wie aus zwei Teilen zusammengeschustert.
  • Die zuvor primitiv erscheinenden Räder sind feiner gestalteten Scheibenrädern mit verchromter Nabenkappe gewichen.
  • Statt senkrechter Luftschlitze gibt es nun waagerechte, angeordnet in zwei Gruppen zu je fünf (wie anderen Aufnahmen zu entnehmen ist).

Damit sind wir am – vorläufigen – Ende dieser oberflächlichen „Ahnenforschung“ in Bezug auf die 6-PS-Modelle von Brennabor angelangt.

Da ich kein Markenspezialist bin, sondern mich als Universalist in Bezug auf Vorkriegswagen aus dem deutschen Sprachraum verstehe, bin ich für Korrekturen und Ergänzungen seitens Brennabor-Kennern dankbar.

Letztlich geht es mir nur darum, anhand neu aufgetauchter historischer Aufnahmen den Kenntnisstand in punkto deutsche Vorkriegsautos weiterzuentwickeln.

Von daher ist mir jeder konstruktive Kommentar oder auch Prospekt- und Bildmaterial hochwillkommen, womit sich Wissenslücken schließen und Fehler bereinigen lassen.

Gerade die Marke Brennabor hat es aus meiner Sicht verdient, dass aus den vielen verfügbaren Quellen endlich eine angemessene Würdigung entsteht – vielleicht eine Aufgabe für die Kenner der Marke für das Jahr 2019?

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Ein Tatra aus Stettin: Stoewer „Greif Junior“

Ab 1933 setzte in Deutschland eine Fahrt in den Abgrund ein, die binnen kürzester Zeit an Tempo gewann – und das nicht nur in politischer Hinsicht.

Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, die zwar im Volk nie eine Mehrheit in einer freien Wahl erhielten – leider aber unter den Abgeordneten im Reichstag – stellte Brennabor, nach dem 1. Weltkrieg kurzzeitig Deutschlands größter Automobilfabrikant, die PKW-Produktion ein.

1934 folgte die altehrwürdige AEG-Tochtergesellschaft NAG aus Berlin, die in meinem Blog ebenfalls eine prominente Rolle spielt und zuletzt mit einem traumhaften Achtzylinder auftrumpfte, der noch der Vorstellung harrt…

Im folgenden Jahr – 1935 – schlossen sich in Ober-Ramstadt bei Darmstadt die Tore bei Röhr, wo man erst 1927 begonnen hatte, Wagen von erlesener Qualität zu fertigen – wie so oft hierzulande ohne wirtschaftlich nachhaltige Basis.

Anhand des letzten Röhr-Modells lässt sich trefflich überleiten zum eigentlichen Gegenstand meines heutigen Blog-Eintrags:

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Röhr „Junior“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses bislang unpublizierte Foto zeigt einen Röhr „Junior“, wie er von 1933-35 nach Tatra-Lizenz gefertigt wurde. Am Zustand des Vorderschutzblechs lässt sich ablesen, dass der Wagen schon ein paar Jahre lang in Betrieb war.

Neben dem Röhr sehen wir einen jungen Angehörigen der deutschen Luftwaffe im Mannschaftsrang eines „Fliegers“ – zu erkennen an den einfachen Schwingen auf den Kragenspiegel – hier wahrscheinlich mit Freundin oder Verlobter.

Entstanden ist dieses Foto noch vor Kriegsausbruch – das Kennzeichen verweist auf den Raum Wuppertal.

Vorbild des Röhr Junior mit seiner stark geneigten Kühlermaske und den waagerechten Haubenschlitzen war der Typ 75 des tschechischen Herstellers Tatra (Werner Oswalds „Deutsche Autos 1920-45“, Ausgabe 2001, nennt irrtümlich den Typ 30).

Tatra war seit Mitte der 1920er Jahre unweit vom Röhr-Produktionsstandort Ober-Ramstadt mit eigener Fertigung präsent – und zwar in Frankfurt am Main in Form der Deutsche Lizenz Tatra Automobile Betriebsgesellschaft (DETRA).

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Tatra Typ 52 aus DETRA-Produktion; Originalabbildung aus Sammlung Michael Schlenger

Die räumliche Nähe mag dazu beigetragen haben, dass die finanziell in der Bredouille befindlichen Röhr-Werke 1933 die Tatra-Lizenzfertigung der DETRA übernahmen.

Wie Werner Schollenbergers Standardwerk zur Röhr zu entnehmen ist, wurde der Tatra 75 für die Produktion bei Röhr von seinem Schöpfer – dem österreichischen Konstrukteur Hans Ledwinka – und dessen Sohn Erich überarbeitet.

Dabei wurde die Grundkonstruktion mit luftgekühltem 4-Zylinder-Boxermotor beibehalten, aber der Hubraum von 1,7 auf 1,5 Liter reduziert. Um die Leistung von 30 PS abwerfen zu können, waren beim Röhr Junior höhere Drehzahlen erforderlich.

Daraus resultierte eine sportliche Charakteristik, die dem Röhr Junior einige Lorbeeren einbrachte – auch verkaufte er sich recht gut. Für eine geschickte Vermarktung spricht dieses Originalfoto der Filmgesellschaft UFA:

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Röhr „Junior“ mit Paul Kemp; Bildrechte: UFA

Für das Pressefoto des UFA-Schauspielers Paul Kemp scheint Röhr einst einen Wagen des Typs „Junior“ zur Verfügung gestellt zu haben – ein frühes Beispiel für „Product Placement“ im Filmgeschäft.

Dass der Röhr „Junior“ für ein Kleinserienprodukt recht gut ankam, mag einer der Beweggründe für Stoewer aus Stettin gewesen sein, nach dem Ende der Firma Röhr 1935 deren Lizenzproduktion des Tatra 75 weiterzuführen.

Firmengründer Bernhard Stoewer hatte 1934 sein Unternehmen aus wirtschaftlichen Gründen verlassen müssen und damit war dem Traditionshersteller plötzlich der „spiritus rector“ verlorengegangen – also der richtunggebende Geist.

Insofern stellte es zunächst eine Notlösung dar, dass Stoewer den „Junior“ von Röhr weiterbaute – und damit im Wesentlichen ein Tatra-Modell.

Während die bewährte, anspruchslose Technik des Wagens beibehalten wurde, bot Stoewer den nun als  „Greif Junior“ firmierenden Typ ab 1936 mit neuer Karosserie an:

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Stoewer „Greif Junior“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die zuvor biedere Frontpartie mit fast senkrecht stehender Windschutzscheibe wich einem eleganten Vorderwagen mit windschnittiger Gestaltung.

Man beachte den stark geneigten Kühler, die nunmehr tropfenförmigen Frontscheinwerfer, die schräggestellte Windschutzscheibe und das nach damaliger Auffassung „strömungsgünstig“ geformte Heck – hier mit geöffnetem Kofferraum.

Gut zu erkennen ist hier, dass der Stoewer „Greif Junior“ auch mit nur zwei Türen ein vollwertiger Viersitzer war.

Mit auf 34 PS gesteigerter Leistung, Hydraulikbremse, Viergang-Getriebe (davon 2 Gänge synchronisiert) war der Wagen als Limousine für knapp 3.400 Mark zu haben.

Die Vorteile der Luftkühlung wurden ebenso wie beim Volkswagen angepriesen – nur, dass der Stoewer Greif Junior bereits lieferbar war.

Jedoch stand der hohe Preis einer größeren Verbreitung entgegen – nur rund 4.000 Exemplare entstanden davon. Wie fast immer bei solchen glatten Zahlen darf man davon ausgehen, dass es sich lediglich um Schätzungen handelte.

Jedenfalls begegnet man Wagen des Typs auf etlichen späteren Fotos – beispielsweise diesem hier:

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Stoewer Greif Junior; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir zwei Wehrmachtssoldaten bei der Rasur an ihrem Stoewer Greif Junior irgendwo in Belgien oder Frankreich während des Westfeldzugs 1940 – das lässt die Architektur im Hintergrund des Fotos vermuten.

Der Stoewer ist zwar in mattgrau überlackiert worden, doch trägt er noch sein ziviles Kennzeichen, das auf eine Zulassung im Regierungsbezirk Unterfranken verweist.

Gegen eine Entdeckung durch gegnerische Flugzeuge wurde dem Wagen ein Tarnüberwurf verpasst. Doch scheint man sich bei der Gelegenheit dieses Fotos sicher gefühlt zu haben – solche Aufnahmen entstanden in der Regel hinter der Front.

Eher martialisch wirkt folgendes Foto, das wahrscheinlich ab 1941 in der Frühphase des deutschen Angriffs gegen die Sowjetunion an einer Vormarschstraße entstand:

Stoewer_Greif_Junior_Ostfront_Galerie

Stoewer Greif Junior; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Im Vordergrund sieht man einige Wehrmachtssoldaten mit ihren Pferden während einer Rast. Dahinter wälzt sich eine Kolonne aus Pferdegespannen, PKWs und Lastkraftwagen den Hohlweg entlang.

Dass die meisten Männer ihren Stahlhelm tragen, lässt annehmen, dass es bis zur Front nicht allzuweit entfernt war bzw. mit gegnerischen Luftangriffen zu rechnen war.

Erst auf den zweiten Blick erkennt man in dem Getümmel einen weiteren Stoewer Greif Junior – nun mit Wehrmachtskennzeichen (Kennung WH=Wehrmacht Heer):

Stoewer_Greif_Junior_Ostfront_Ausschnitt

Neben den kräftigen Heerespferden wirkt der Stoewer geradezu zierlich, doch sollte man die Nehmerqualitäten eines leichten luftgekühlten Wagens bei Hitze und Kälte nicht unterschätzen.

Der auf dem Volkswagen basierende Kübelwagen – ebenfalls mit luftgekühltem Boxer, allerdings im Heck –  sollte wenig später der leistungsfähigste Typ seiner Art in Wehrmachtsdiensten werden.

Das Nutzfahrzeug hinter dem Stoewer ist übrigens ein auf dem Peugeot 302/402 basierendes Modell – bestimmt ein Beutewagen aus dem Frankreichfeldzug.

Bei solchen Dokumenten aus dem Kriegseinsatz fragt man sich unwillkürlich, was aus den Menschen, Tieren und Maschinen wohl später wurde. Sicher ist nur, dass ein Großteil davon nicht mehr wohlbehalten aus dem Russlandfeldzug zurückkehrte.

Dabei hatten die Autos noch vergleichsweise gute Überlebenschancen. Was nicht in Russlands Weiten zurückgeblieben war und dort häufig weitergenutzt wurde, verrichtete nach 1945 unverdrossen seinen Dienst:

Stoewer_Greif_Junior_Grunewald_1952_Galerie

Stoewer Greif Junior; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir einen Stoewer Greif Junior, der 1952 in Berlin-Grunewald aufgenommen wurde, das verrät die umseitige Aufschrift.

Er trägt das Besatzungskennzeichen mit dem Kürzel KB für „Kommandantur Berlin“.

Der Stoewer wirkt auf den ersten Blick fast unversehrt. Doch eine neue Stoßstange hat er bekommen, die ein anderes Fahrzeug gespendet hat. Der Lack dürfte ebenfalls nicht mehr der erste gewesen sein.

Vielleicht hatte auch dieser Stoewer zwischenzeitlich als Wehrmachtsfahrzeug dienen müssen und war nach Kriegsende bei einem neuen Besitzer gelandet.

In solchen Fällen galt es, den Besitz des Wagens glaubhaft zu machen. Bei entsprechender Aussage, wenn sie unwidersprochen blieb, stellten die zuständigen Behörden neue Papiere aus.

Das Leben musste schließlich weitergehen und in den Wiederaufbaujahren war in der Rechtspflege nicht die Neigung vorherrschend, die Mitbürger zu drangsalieren, die schließlich  den „Laden am Laufen“ hielten, wie man so schön sagt.

Während der Stoewer aus Berlin also nach 1945 eine neue Identität bekam, mag sein 1939 enteigneter Besitzer ihm nachgetrauert haben, wenn er denn überlebt hatte. Doch in Europa hatten viele Menschen damals ganz andere Verluste zu verkraften…

Unterdessen blieb die Zeit nicht stehen. Zwar findet sich auf einer Postkarte aus Wien aus den frühen 1950er Jahren nochmals ein Stoewer Greif Junior:

Stoewer_Greif_Junior_Wien_um 1950_Galerie

Stoewer Greif Junior; Ausschnitt aus Originalpostkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Doch dieses Auto, bei dem man gern wüsste, auf welchen verschlungenen Pfaden es einst von Stettin in Pommern nach Wien gelangte, war längst aus der Zeit gefallen.

Die noch rund 20 Jahre zuvor moderne Ästhetik war einer ganz anderen Ausprägung der Moderne gewichen, die sich erst Anfang der 1940er Jahre abzeichnete. Die Rede ist vom Pontonstil, der sich aus den USA kommend durchsetzte.

Ein Vertreter dieser modernen Linie steht hier direkt neben dem Stoewer:

Stoewer_Greif_Junior_Wien_um 1950_Ausschnitt

Das Auto mit der amerikanisch wirkenden Frontpartie ist wahrscheinlich ein Fiat 1400, der ab 1950 als erster Wagen der Turiner Marke eine Pontonkarosserie trug.

Dieser Stil war es, der die folgenden Jahrzehnte bestimmen sollte, nicht der schnitttige Stromlinienstil, der sich ab den frühen 1930ern abzeichnete.

So bewundernswert viele Schöpfungen der 1950/60er Jahre auch sein sollten, die auf Basis des Pontonstil entstanden – gerade solche aus der Feder italienischer Gestalter – der ganz eigene Charakter von Vorkriegsautos, an denen jedes funktionelle Element auch formal eigenständig war, sollte nie wieder erreicht werden.

Das macht die Beschäftigung mit Wagen der Vorkriegszeit in gestalterischer Hinsicht zu einem ganz speziellen Vergnügen – hier tut sich eine ganz eigene Welt auf…

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Selig sein bei jedem Wetter – mit einem Fiat 501

Den Fiat 500 kennt heute noch jedes Kind und sei es in Form seines zeitgenössischen Wiedergängers „Cinquecento“, der zu den ganz wenigen Kleinwagen der Gegenwart gehört, die für mich ein harmonisches Äußeres bieten.

Dass ein ganz früher Vorgänger des Fiat 500 ausgerechnet die Typbezeichnung „501“ trug, gehört zu den Merkwürdigkeiten der Vorkriegsgeschichte der Turiner Marke.

Lesern meines Blogs ist der Fiat 501 natürlich vertraut – er wurde ab 1919 in für europäische Verhältnisse enormen Stückzahlen produziert, sodass historische Fotos davon an sich keine Seltenheit sind.

Von den über 80.000 Exemplaren, die bis 1926 davon entstanden, haben nicht nur etliche Originale, sondern auch reizvolle Aufnahmen überlebt wie diese hier:

Fiat_501_Roadster_Galerie

Fiat 501 „Spider“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Den „Spider“mit gleich doppelt besetztem „Schwiegermuttersitz“ im Heck, der einst im Raum Berlin unterwegs war, habe ich hier vor einiger Zeit vorgestellt.

Zwei Details weisen den Wagen als verhältnismäßig spätes Exemplar aus: die erst ab 1924 serienmäßig verbauten Vorderradbremsen und die verchromte Kühlermaske.

Die nachgerüstete Doppelstoßstange nach amerikanischem Vorbild spricht stilistisch ebenfalls für die Mitte der 1920er Jahre.

Doch gab es den offenen Zweisitzer mit roadstertypischem ungefüttertem Verdeck und seitlichen Steckscheiben bereits in der Frühphase der Produktion des Fiat 501:

Fiat_501_Zweisitzer_Pk_Brüssel_nach_Stolp_04-1927_Galerie

Fiat 501 „Spider“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese offenbar in der kalten Jahreszeit entstandene Aufnahme lief einst als Postkarte von Brüssel nach Pommern – in das zwischen Stettin und Danzig gelegene altehrwürdige Städtchen Stolp.

Die Karosserie des Fiat ist praktisch identisch mit derjenigen des jüngeren Wagens mit Berliner Zulassung. Doch hier beschränkt sich der Chromschmuck auf die Scheinwerferringe und die Radkappen.

Auch das Fehlen von Vorderradbremsen lässt erkennen, dass dies noch ein Fiat 501 aus den ersten Produktionsjahren sein muss:

Fiat_501_Zweisitzer_Pk_Brüssel_nach_Stolp_04-1927_Frontpartie

Immerhin verfügte dieser Wagen bereits über konisch geformte Positionsleuchten auf den Vorderschutzblechen, Anfang der 1920er Jahre noch eher unüblich.

Auch mit seinem kompakten und dennoch leistungsfähigen Motor besaß der Fiat damals ein modernes Antriebskonzept. Der 1,5 Liter-Motor hatte im Zylinderkopf hängende Ventile, was eine um 1920 ungewöhnliche Leistung von 23 PS erlaubte.

Zum Vergleich: Der Adler Typ 9/24 PS wies damals bei nominell ähnlicher Leistung einen 2,3 Liter-Motor auf. Erst das ab 1923 verfügbare Modell 6/24 PS – später 6/25 PS – brachte es auf eine dem Fiat vergleichbare Literleistung.

Der drehfreudige Vierzylinder des Fiat 501 trieb aber nicht nur kompakte Zweisitzer an. Am häufigsten fand er sich in Kombination mit vier- bis sechssitzigen Tourenwagenaufbauten:

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Fiat 501 Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir – nun wieder bei Sonnenschein –  ebenfalls ein jüngeres Exemplar mit verchromter Kühlermaske und Bremstrommeln an den Vorderrädern. Im Unterschied zum Roadster mit kürzerem Radstand ist ausreichend Platz für das seitlich montierte Ersatzrad vorhanden.

Vorgestellt habe ich diesen Fiat 501 übrigens hier.

Natürlich gehört auch ein Fiat 501 mit italienischem Kennzeichen ins Repertoire –  wenngleich einer aus Südtirol, das 1918 gegen den Willen der dominierenden deutschsprachigen Bevölkerung von Italien annektiert wurde.

An diesen Seiten der europäischen Geschichte bis 1945 kommt man bei der Beschäftigung mit Vorkriegswagen nicht vorbei, so schön die Autos auch sein mögen:

Fiat_501_Tourer_2_Bozen_Galerie

Fiat 501 Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Übrigens ist der Fiat 501 ein weiteres Beispiel dafür, dass überzeugende Produkte ihren Weg zum Kunden schon zu einer Zeit fanden, als das Modewort „Globalisierung“ noch unbekannt war.

Gegen Mitte der 1920er Jahre wurde der Fiat 501 außer in Italien und Deutschland offiziell auch in England, Polen, Spanien, der Schweiz, Rumänien, Jugoslawien, der Türkei und Argentinien (!) vertrieben.

Die Konstruktion hatte sich rasch den Ruf erworben, beinahe unzerstörbar zu sein und astronomische Laufleistungen zu ermöglichen.

Außerdem fanden sportlich veranlagte Zeitgenossen rasch heraus, dass sich aus dem robusten und agilen Fiat-Aggregat weit mehr Leistung herausholen ließ als 23 PS.

So begegnet einem früher oder später ein Fiat 501 in der Tourenwagenausführung auch als privater Teilnehmer bei einer Sportveranstaltung (Porträt):

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Fiat 501 Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zwar hatte Fiat bereits vor dem 1. Weltkrieg einen heute kaum vorstellbaren Nimbus als Hersteller kraftvoller und luxuriöser Wagen.

Aber erst mit dem Typ 501 der frühen 1920er Jahre gelang Fiat eine Konstruktion, deren Charakteristik das nächste halbe Jahrhundert das Markenprofil prägen sollte – leichtfüßige Wagen mit kleinen, aber drehwilligen und zuverlässigen Motoren mit großen Tuningreserven.   

Doch auch ohne sportliche Ambitionen hatte man in den frühen 1920er Jahren als Besitzer eines Fiat 501 allen Grund, „selig“ zu sein – wie dieser Herr hier:

Fiat_501_ab_1924_HeinzSelig_Dierks_Galerie

Fiat 501 Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Die Aufnahme, die mir von Leser Klaas Dierks zur Verfügung gestellt wurde, zeigt endlich einen Fiat 501 mit Tourenwagenaufbau in wünschenswerter Qualität, auch wenn das Wetter am Tag der Aufnahme eher trüb gewesen zu sein schein.

Interessant ist hier, dass der Wagen bereits über Vorderradbremsen verfügt, aber die Kühlermaske noch nicht lackiert ist. Der Übergang zum verchromten Kühler fand demnach erst nach der 1924 erfolgten Einführung der Vierradbremse statt.

Somit zeichnet sich auch dieses von Klaas Dierks beigesteuerte Foto nicht nur durch technische Qualität aus, sondern liefert zugleich eine Information, die man in der mir bekannten Literatur zu Vorkriegs-Fiats nicht findet.

Ein hübsches Detail offenbart zudem die Rückseite des Abzugs. Dort ist nämlich der Name des einstigen Fahrers dieses Fiat 501 vermerkt: Heinz Selig. Damit schließt sich der Kreis, denn bei jedem Wetter konnte man mit diesem Wagen selig sein…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Letzter seiner Art: Steyr Typ XVI Tourer von 1928/29

Vorkriegsautos spielen in der „Oldtimer“presse in Deutschland nur noch ein Nischendasein. Stattdessen wird Gebrauchtwagen der 1980/90er Jahre unter dem Label „Youngtimer“ immer mehr Raum eingeräumt.

Auch was die seit k.u.k-Zeiten so vielfältige österreichische Automobilhistorie angeht, herrscht hierzulande eines: Schweigen, als wollte man nicht mehr wahrhaben, zu welchen Glanzleistungen man in der ersten Hälfte des 20. Jh. fähig war.

In meinem Blog für Vorkriegsautos ist das anders:

Hier wird alles zelebriert, was einst auf den Straßen im deutschsprachigen Raum  unterwegs war. Dazu gehören neben Automobilen deutscher Hersteller amerikanische, französische, italienische, tschechische und natürlich: österreichische Wagen.

Beim Blick auf die Alpenrepublik kommt man an einer Marke nicht vorbei: Steyr.

Der traditionsreiche Waffenhersteller zeigte nach dem 1. Weltkrieg, wie man mit Können, Selbstvertrauen und Talent quasi aus dem Nichts eine Automobilfabrikation aufzog.

Das Ergebnis sah auf Anhieb überzeugend aus:

Steyr_Typ_II_Tourenwagen_2_Galerie

Steyr Typ II; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Tourenwagen Typ II 12/40 PS mit Spitzkühler und mittig unterteilter Frontscheibe war das erste serienmäßig gefertigte Automobiltyp von Steyr.

Er basierte auf einem Prototyp von 1919, den Hans Ledwinka entwarf – neben Ferdinand Porsche der bedeutendste österreichische Autokonstrukteur.

Mit dem Sechszylinder realisierte Ledwinka Pläne, die ihn schon beim vorherigen Arbeitgeber – der Nesselsdorfer Automobilfabrik (später: Tatra) –  beschäftigt hatten.

Kugelgelagerte Kurbelwelle, im Zylinderkopf hängende Ventile und obenliegende Nockenwelle – diese Merkmale lassen die Klasse des Steyr Typ II ahnen.

In Verbindung mit dem Vierganggetriebe ermöglichte der Antrieb ein Maximaltempo von 100 km/h – weit mehr, als die Straßenverhältnisse damals erlaubten.

1924 stellte Steyr eine im technischen Detail und äußerlich verfeinerte Version vor – den Typ V:

Steyr_Typ_V_Galerie

Steyr Typ V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Aus der Standardliteratur („Die Steyrer Automobilgeschichte von 1856-1945“ von H. Schier) wird leider nicht deutlich, worin genau die Veränderungen lagen. Merkwürdigerweise wird dort bei identischem Hubraum und gleicher Leistung nur noch ein Tempo von maximal 85 km/h genannt.

Hier liegt sicher ein Fehler vor – Werner Oswald nennt in „Deutsche Autos 1920-45“ für den Steyr Typ V eine Höchstgeschwindigkeit von 110 km/h.

Das Beispiel macht deutlich, wie problematisch die Angaben in der gedruckten Literatur sein können, da sie nicht mehr korrigiert werden können, ist das Werk erst einmal im Umlauf.

Auch auf äußerliche Unterschiede zwischen den Steyr-Typen II und V wird offenbar nirgends eingegangen. Ich vermute, der Wegfall der vertikal unterteilten Frontscheibe und die Montage eines verchromten/vernickelten Kühlers erlauben eine grobe Unterscheidung des Typs V vom Vorgängertyp II.

Leichter fällt die Identifikation der parallel verfügbaren Steyr-Sportversion Typ VI:

Steyr_Typ_VI_Galerie

Steyr Typ VI; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier verweisen die schmaleren und zahlreicheren Luftschlitze sowie die gewaltigen Trommelbremsen an der Vorderachse klar auf eine leistungsgesteigerte Version.

Serienmäßig bot dieses Modell zwar „nur“ 60 PS aus 3,3 Liter Hubraum, doch daneben waren auch stärkere Versionen mit 4 Liter Hubraum verfügbar, die 90 bis (kurzzeitig) 110 PS Spitzenleistung abwarfen.

Den Vogel schoss die Rennversion Typ VI „Klausen Sport“ mit 145 PS aus 4,9 Liter ab. Der darauf basierende Werksrennwagen leistete mit Kompressor dann sogar 180 PS – im Europa Mitte der 1920er Jahre waren das kolossale Werte.

„Zivilisierter“ ging es beim ab 1925 gebauten Steyr Typ VII zu. Basierend auf den Sechszylindertypen II und V leistete er nun 50 PS aus 3,3 Liter Hubraum. Standard war mittlerweile die Vorderradbremse:

Steyr_Typ_VII_Franzensbad_08-1929_Ausschnitt

Steyr Typ VII; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Aufnahmen entstand übrigens im August 1929 im böhmischen Franzensbad (heute: Tschechien) – ich habe sie hier bereits vorgestellt.

Die charakteristische Ästhetik der Spitzkühler-Modelle der frühen 1920er Jahre wird hier besonders gut deutlich. Erst in den 1930er Jahren sollten Automobile wieder so ausdrucksstarke „Gesichter“ bekommen.

Dass ein und derselbe Typ mit dem Flachkühler, der ab Mitte der 1920er Jahre auch im deutschsprachigen Raum Standard wurde, weniger markant wirkt, macht folgende Aufnahme eines späten Steyr Typ VII deutlich:

Steyr_Typ_VII_Flachkühler_Heimfahrt_aus_den_Ötztaleralpen_Galerie

Steyr Typ VII; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diesen Tourenwagen mit heller Lackierung habe ich hier vorgestellt.

Man sieht schon, dass das ein mächtiger Wagen der Oberklasse war. Die helle Lackierung lässt den Steyr sogar recht leicht erscheinen, was er mit einem Leergewicht von über 1,6 Tonnen allerdings nicht war.

Dass sich dennoch ein eleganter Eindruck einstellt, mag auch auf die Weißwandreifen zurückzuführen sein, die man zwar auf neuzeitlichen Klassikerveranstaltungen öfters sieht, die aber in der Vorkriegszeit die Ausnahme darstellten.

Der Grund: Weißwandreifen waren im Alltag binnen kürzester Zeit verdreckt und boten damit genau das Gegenteil des angestrebten Anblicks.

So verwundert es nicht, dass die letzte Ausbaustufe des von Hans Ledwinka nach dem 1. Weltkrieg für Steyr konstruierten Sechszylinder auf folgendem Foto ganz normale Reifen trägt, deren Profil von intensivem Einsatz kündet:

Steyr_Typ_XVI_Tourer_Jason_Palmer_Galerie

Steyr Typ XVI; Originalfoto bereitgestellt von Jason Palmer

Diese Aufnahme verdanken wir einem Leser aus Australien – Jason Palmer – der auch das außergewöhnliche Dokument eines raren Komnick-Tourers beigesteuert hat. Erstaunlich, wo überall Vorkriegsautos aus dem deutschsprachigem Raum im 21. Jh. noch die Gemüter bewegen.

Zurück zum Foto: Hier haben wir ganz klar einen Steyr des Typs XVI vor uns, der den krönenden Abschluss der auf Hans Ledwinka zurückgehenden Baureihe darstellte.

Zwar hatte Ledwinka schon 1921 das Unternehmen wieder verlassen, doch profitierte Steyr noch etliche Jahr von seinem Genie  – ein letztes Mal mit dem Typ XVI von 1928.

Mittlerweile war der Sechszylinder auf 4 Liter Hubraum vergrößert worden und leistete in der Serienausführung eindrucksvolle 70 PS.

Man erkennt diesen Typ an den Luftschlitzen in der Motorhaube, die in zwei durchgehenden und übereinanderliegenden Reihen angeordnet waren:

Steyr_Typ_XVI_Tourer_Jason_Palmer_Frontpartie

Auf den Vorderschutzblechen erkennt man eigenwillig geformte Positionsleuchten, die nachts den im Freien geparkten Wagen markierten.

Nur ahnen kann auf diesem Ausschnitt die Dreifarblackierung, die bei Serienwagen der 1920er Jahre ungewöhnlich war. Tatsächlich waren die Steyr-Automobile damals trotz Fließfertigung noch Manufakturfahrzeuge, wo man einen solchen Aufwand treiben konnte.

Wer wollte, konnte sich auch nur ein fahrfähiges Chassis mit Kühlermaske und Motorhaube liefern lassen, der übrige Aufbau und die Lackierung war dann dem Karosseriebetrieb des Vertrauens überlassen.

Dann war erst recht solch ein raffiniertes Dreifarbschema möglich, wie es der Tourenwagen auf dem Foto von Jason Palmer zeigt. An der Flanke kann man dies sehr schön nachvollziehen:

Steyr_Typ_XVI_Tourer_Jason_Palmer_Seitenpartie

Die ganz hell lackierte Seitenleiste entlang der Türen lässt die Seitenwand niedriger erscheinen und betont zugleich die Länge des Fahrzeugs.

Übrigens war der Steyr Typ XVI außer mit 3,46 m Radstand auch mit einem verlängerten Chassis verfügbar, bei dem der Radstand enorme 3,76 m betrug.

Die Rudge-Drahtspeichenräder waren beim Tourenwagen serienmäßig und unterstützten dessen sportliche Wirkung. Die Angaben zur Höchstgeschwindigkeit variieren: 105 und 110 km/h werden genannt.

Wichtiger war jedoch die repräsentative Wirkung in Verbindung mit dem anstrengungslos laufenden großen Sechszylinder. Kein Wunder, dass auch wunderbare Cabrioaufbauten auf dieser Basis entstanden.

Sie blieben aber noch weit seltener als die Tourenwagenausführung. Bis Produktionsende 1929 entstanden überhaupt nur rund 400 Wagen des Typs Steyr XVI. Außerhalb Österreichs scheint man von diesen Raritäten nicht mehr viel zu wissen…

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Vor 90 Jahren: Ein Chandler „Comrade Roadster“

Heute präsentiere ich einen besonders schönen Vertreter einer US-Marke, die trotz kurzer Lebensdauer und niedriger Stückzahlen auch im Deutschland der 1920er Jahre einige Fahrzeuge absetzen konnte.

Die Rede ist vom 1914 gegründeten Hersteller Chandler aus Cleveland/Ohio, der nur bis 1929 existierte. Die wertigen Mittelklassewagen errangen auf Anhieb das Vertrauen der Käufer, dennoch spielten sie auch in den USA nur ein Nischendasein.

Eigentlich erstaunlich, dass sich Exemplare davon nach Europa verirrten. Doch speziell der von den einheimischen Herstellern unterversorgte deutsche Markt sog Importwagen ab Mitte der 1920er Jahre auf wie ein Schwamm.

An das folgende Beispiel eines Chandler, der einst hierzulande unterwegs war, erinnert sich vielleicht der eine oder andere Leser:

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Chandler „Six“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dieser Aufnahme, die auf dem Marktplatz der alten Hansestadt Wismar in Mecklenburg entstand, sieht man den erst 1926 eingeführten Kühlergrill mit drei Mittelstreben, die dem Chandler ein unverwechselbares Gesicht gab.

Dieses Detail ermöglicht auch auf Anhieb die Ansprache und Datierung eines weiteren Chandler, der einst ebenfalls in deutschen Landen unterwegs war.

Abgelichtet wurde er an einem idyllischen Waldsee und sein Konterfei reiste als Postkarte vom Seebad Ahlbeck auf Usedom nach Berlin:

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Chandler „Comrade Roadster“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Oben links sieht man übrigens den Abdruck des Briefmarkenstempels.

Vermutlich haben sich die beiden zufrieden in die Kamera schauenden Insassen des offenen Zweisitzers sich von einem professionellen Fotografen haben aufnehmen lassen. Der händigte ihnen nach ein, zwei Tagen entsprechende Abzüge im Postkartenformat aus – damals gängige Praxis an Urlaubsorten.

Das war gewissermaßen das „Selfie“ der Vorkriegszeit, nur dass es ein paar Tage länger zu den Empfängern unterwegs war als das heute via Internet geht – doch der Gedanke dahinter war ein ähnlicher.

Nun aber zu dem prachtvollen Wagen mit der schönen Bezeichnung „Comrade Roadster“. Dass es tatsächlich ein Chandler ist, verrät die Gestaltung des Kühlergrills:

Chandler_Roadster_1926-27_Pk_Ahlbeck-Berlin_08-1928_Frontpartie

Man kann hier gerade noch die erwähnten drei Mittelstreben des ab 1926 modifizierten Chandler-Kühlergrills erkennen.

Sehr geschmackvoll ausgeführt sind die Scheibenräder, deren Zweifarblackierung für eine reizvolle Struktur sorgt. Auf zeitgenössischen Fotos von Chandler-Wagen sieht man meist rustikal wirkende Holzspeichenräder.

Das Zweifarbschema findet sich auch an der Karosserie wieder: Schutzbleche, Schwellerpartie und „Sattel“ (oberhalb der Gürtellinie) sind dunkel gehalten, während die Flanke heller ausgeführt ist.

Dieser Kunstgriff betont die Länge des Wagens und lässt ihn weniger wuchtig erscheinen. Bei der mir nicht mehr verständlichen „Gestaltung“ moderner Fahrzeuge funktioniert so etwas natürlich nicht.

Worauf das Emblem mit dem in Frakturschrift gehaltenen „D“ am Schwellerblech hinweist, kann vielleicht ein Leser sagen. Mir kommt das Logo zwar bekannt vor, doch konnte ich es bislang keiner (Karosserie-)Firma zuordnen.

Unter der langen Haube mit den dezent nach innen statt meist nach außen gepressten Luftschlitzen arbeitete der bewährte Chandler Sechszylinder mit 55 PS. Kurz vor Ende der Produktion 1929 sollte es noch Achtzylinder mit 80 bis 95 PS geben.

Den gehobenen Anspruch von Chandler unterstreicht die sehr gelungene Karosserie im typischen Stil eines „Rumbleseat-Roadsters“:

Chandler_Roadster_1926-27_Pk_Ahlbeck-Berlin_08-1928_Seitenpartie

Hier sind Details wie die dezent am unteren Scheibenrahmen angebrachten Positionsleuchten oder die seitlichen Windabweiser zu erkennen.

Typisch für amerikanische Wagen dieses Typs ist das hinter der Tür angebrachte Fach für Golfgepäck und andere Sportutensilien.

Hinter dem Verdeck dürfen wir noch die ausklappbare Notsitzbank vermuten, für die der Volksmund die boshafte Bezeichnung Schwiegermuttersitz geprägt hat. Dort ließ sich aber auch Reisegepäck verstauen, wenn man zu zweit unterwegs war.

Mit einem solchen feinen „Comrade-Roadster“ von Chandler hatte man allen Grund, sich glücklich zu schätzen. Man sieht dem Paar darin an, dass die beiden wussten, was sie an dem schönen und leistungsfähigen Wagen hatten.

Vermutlich handelte es sich bei den Insassen um gutsituierte Leute aus Berlin, die den Chandler zu einer Urlaubsreise an die Ostsee nach Usedom genutzt hatten. In Berlin standen jedenfalls die Chancen am besten, dass Teile und Wartungsleistungen für solche eher seltenen US-Fahrzeuge verfügbar waren.

Bedenkt man, dass der Chandler auf dem Foto frühestens 1926 enstanden sein kann, die Postkarte aber bereits von August 1928 stammt, sieht der Wagen schon ziemlich mitgenommen aus.

Offenbar waren die beiden damit viel unterwegs. Diese heute meist sorgsam gehüteten und gefahrenen Vorkriegsschätze wurden damals bei jedem Wetter „rangenommen“ und das auch auf oft kaum befestigten Straßen.

Natürlich wussten die Besitzer, wie privilegiert sie mit solchen hochwertigen Fahrzeugen waren, doch deren Sinn bestand weniger im glanzvollen Repräsentieren denn darin,  Mobilität unabhängig von Schienennetzen und Fahrplänen zu ermöglichen.

Das sieht man den Autos auf solchen alten Fotos oft an, wenn es sich nicht gerade um (meist) sterile Werksfotos oder Aufnahmen von Concours-Fahrzeugen handelte.

Umso authentischer wirken heutzutage Vorkriegswagen, die die Spuren eines langen Lebens mit Würde tragen.

Sie besitzen dadurch einen Charakter, der sich nicht mehr herbei“restaurieren“ lässt, wenn der verblichene Lack erst einmal entfernt und das brüchige Leder der Sitze herausgerissen ist, wie das in vielen Fällen leider immer noch ohne Not geschieht…

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Fund des Monats: Ein Apollo „Record“ Typ F8 8/28 PS

Mit der Marke Apollo aus dem thüringischen Apolda verbinden Kenner deutscher Vorkriegswagen vor allem die luftgekühlten Modelle der Firma A. Ruppe & Sohn, die ab 1905 in beachtlichen Stückzahlen gefertigt wurden.

Diese 5 oder 6 PS Voiturette von 1905/06 haben wir hier bereits kennengelernt:

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Piccolo 5 oder 6 PS Modell, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Den luftgekühlten V2-Motor mit davorliegendem Kühlventilator – damals eine ungewöhnliche Lösung im Automobilbau – kann man nur erahnen.

Doch zum Glück liefert der Fundus eine weitere Ansicht eines ganz ähnlichen Modells, das einst das Atelier eines Fotografen zierte und Kunden damit die Möglichkeit bot, sich als stolze Automobilisten ablichten zu lassen.

Das Ergebnis ist von ganz eigenem Reiz, auch wenn jedermann sehen konnte, dass die Situation „gestellt“ war:

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Piccolo 5 oder 6 PS Voiturette; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Während diese Aufnahme noch das Stadium der pferdelosen Kutsche dokumentiert, blieb man bei Ruppe & Sohn in Apolda nicht untätig.

Das Konzept des luftgekühlten V-Motors wurde vorerst beibehalten, doch äußerlich näherte man sich schon 1906/07 dem Erscheinungsbild eines „richtigen“ Automobils mit Motorhaube und Kühlergrill an.

Der Kühler war zwar eine Attrappe, das Publikum erwartete aber eine solche Optik von einem modernen Automobil:

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Piccolo von 1906/07; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wann diese außergewöhnliche Aufnahme entstanden ist und was vom Baujahr auf der Haube zu halten ist, habe ich seinerzeit hier berichtet.

Wir springen fünf Jahre weiter – ins Jahr 1912 – und auf einmal haben wir es mit einem sportlichen Zweisitzer aus Apolda zu tun, der nichts mehr mit seinen Kleinwagenvorfahren gemein hatte.

Der technologische Richtungswechsel schlug sich auch in der in „Apollo“ geänderten Markenbezeichnung nieder, in der der Herstellungsort Apolda anklang und gleichzeitig auf den altgriechischen Gott der Schönheit angespielt wurde.

Ein gefälliges Äußeres kann man diesem ab 1912 gebauten Apollo 4/12 PS Zweisitzer in der Tat nicht absprechen:

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Apollo 4/12 PS Sport-Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Lange Haube, kurzes Heck – dieses Rezept war schon damals kennzeichnend für sportliche Automobile.

Und trotz auf dem Papier geringerer Leistung bot dieser Apollo sportliche Qualitäten. Dafür hatte Karl Slevogt gesorgt, ein renommierter und auf sportliche Modelle spezialisierter Konstrukteur, den man 1910 gewinnen konnte.

Mit den nunmehr wassergekühlten Vierzylindermotoren und strömungsgünstig im Zylinderkopf hängenden Ventilen waren diese 1-Liter-Apollo-Wagen mit einem Mal bei zahlreichen Wettbewerben erfolgreich.

Wenn man der Literatur trauen darf, waren die von Slevogt agil angelegten Apollo-Typen mit kopfgesteuerten Ventilen selbst den frühen Bugattis gewachsen.

Dies dürfte wohl nur für „heißgemachte“ Werksrenner gegolten haben, da der parallel gebaute Bugatti Typ 13 mit seinem 1,3 Liter und 15 PS leistenden Motor schon von der Papierform her überlegen war.

Jedenfalls vermochte sich Apollo speziell in den Jahren 1911/12 einigen Ruhm zu erwerben, der sogar Hoffnungen auf eine internationale Karriere weckte:

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Apollo-Reklame; Original aus Sammlung Michael

Diese Anfang 1914 entstandene Originalreklame verrät das gestalterische Können des großen deutschen Grafikers und Automobil-Enthusiasten Ernst Neumann-Neander.

Sein charakteristisches Signet ist links unten in dem schwarzen Feld oberhalb des Apollo-Schriftzugs zu sehen. Wer sich für das Werk dieses vielseitig begabten Menschen interessiert, dem sei der nach ihm benannte Ausstellungskatalog von Kraft/Müller/Solms (Verlag Hahne&Schloemer, 2004) ans Herz gelegt.

Zwar sollten sich die Hoffnungen auf bedeutenden wirtschaftlichen Erfolg nicht erfüllen, doch hielt dies die Apollo-Werke nicht davon ab, weitere noch leistungsfähigere Modelle zu entwickeln.

Damit wären wir endlich beim Fund des Monats November 2018, nämlich diesem hier:

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Apollo „Record“ Typ F8 8/28 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Die Aufnahme dieses mächtigen Tourenwagens, die wohl an der winterlichen Balkanfront im 1. Weltkrieg entstand, verdanken wir wieder einmal der Großzügigkeit von Blog-Leser Klaas Dierks.

Die Situation als solche ist eindeutig. Ein schwerer Kurier- oder Offizierswagen der deutschen bzw. österreichisch-ungarischen Truppen steckt mit seinen weitgehend profillosen Reifen im – möglicherweise überfrorenen – Schnee fest.

Die Lage ist im wahrsten Sinne so „verfahren“, dass offenbar die Kräfte der 16 Männer und Burschen auf dem Foto nicht ausreichten, den Wagen zu befreien.

Denkbar ist auch, dass der Wagen mit schwerem Defekt liegengeblieben ist und über eine längere Strecke zu einer Instandsetzungseinheit geschleppt werden muss.

Diese Aufgabe obliegt Ponys, sodass die Männer nur „Anschubhilfe“ leisten müssen:

Apollo_Typ_F8_28PS_Ostfront_Dierks_Männer

Überwacht wird die „Befreiungsaktion“ wohl vom Fahrer des Wagens, den wir am rechten Bildrand sehen. Ihm steht gerade nicht der Sinn nach einem Foto. Man sieht ihm die Sorge um das Automobil an, für dessen Einsatzfähigkeit er verantwortlich war.

Nun, wir dürfen davon ausgehen, dass die Sache mit den vereinten Kräften von vier Pferdestärken und den „Hilfstruppen“ glimpflich ausgegangen ist. In Frontnähe wäre diese Situation garantiert nicht eigens von einem Fotografen festgehalten worden.

Doch um was für einen Wagen bemühte man sich einst so intensiv? Nun, das wäre schwer zu beantworten, würde uns nicht das Foto selbst entscheidende Hinweise geben:

Apollo_Typ_F8_28PS_Ostfront_Dierks_Frontpartie

Den Kühler in markanter Schnabelform – damals eine gegenüber dem Spitzkühler seltenere Variante – schmückt der schräg nach oben weisende Schriftzug „Apollo“.

Man findet ihn auf etlichen Dokumenten jener Zeit, wie sie vor allem auf der von privaten Enthusiasten Apollo-Website zusammengetragen worden sind. Damit in Verbindung steht auch eine interessante Facebook-Seite zu den Wagen aus Apolda.

Doch selbst dort konnte ich nach erster Durchsicht keinen Apollo-Wagen finden, der dem entspricht, den das über 100 Jahre alte Foto von Klaas Dierks zeigt.

Es lässt sich aber ein Indizienbeweis führen, der zu einem ausgesprochen interessanten Ergebnis führt. Ausgangspunkt sind dabei die Drahtspeichenräder mit Zentralverschlussmutter nach Patent der englischen Firma Rudge.

Die mir zugängliche Literatur – ein Buch speziell über die Apollo-Wagen scheint es (noch?) nicht zu geben – nennt nur bei einem Modell der unmittelbaren Vorkriegszeit Rudge-Drahtspeichenräder als Serienausstattung.

Dabei handelt es sich um das von 1912-14 gebauten Typ „Record“ F8 mit 8/28 PS-Motorisierung. Sein Zweiliter-Aggregat war im Unterschied zum parallel erhältlichen Typ N 8/24 PS kopfgesteuert, was eine höhere Leistungsausbeute ermöglichte.

Statt lediglich 75 km/h Spitze erreichte der Apollo „Record“ eine Höchstgeschwindigkeit von 95 km/h – für ein Serienautomobil vor dem 1.Weltkrieg eine außergewöhnliche Leistung.

Ausfahren ließ sich das zwar kaum – schon gar nicht unter den Umständen auf dem heute neu vorgestellten Foto.

Doch die um mehr als 15 % höhere Motorleistung bedeutete auch bei niedrigeren Geschwindigkeiten ein besseres Antrittsvermögen und – was noch wichtiger war – am Berg mehr Reserven, bevor man zurückschalten musste.

Mit der heute vorgestellten Aufnahme hat Apollo in meinem Blog den Sprung aus der Rubrik „Exoten von A-Z“ in eine eigene Bildergalerie geschafft. Nach und nach soll auch bei dieser Marke eine strukturierte Dokumentation entstehen, die bislang noch fehlt.

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Sachlichkeit adieu! Ein AGA Typ A 6/20 PS um 1925

Vor einiger Zeit habe ich hier erstmals einen der markanten AGA-Wagen vorgestellt, die ab 1919 von der Autogen-Gas-Akkumulator AG in Berlin gefertigt wurden.

Die erste Serie zeichnete sich durch eine „klare Kante“ aus, die in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg enorm modern wirkte – der verheerende Krieg und der anschließende politische Neubeginn hatte alle gewohnten Maßstäbe durcheinandergebracht.

Der AGA-Wagen wies einen besonders eigenwilligen Stil auf, der radikale Sachlichkeit und eine noch aus der Vorkriegszeit stammende Schnittigkeit geschickt verknüpfte.

Zur Erinnerung nochmals eine zeitgenössische Ansicht des ersten AGA-Typs 6/16 PS:

AGA_früh_Ausschnitt

Aga Typ A 6/16 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Spitzkühler nach Vorbild von Benz sowie die V-förmig geteilte und geneigte Frontscheibe sind Elemente, die sich ab 1914 auf breiter Front im deutschen Automobilbau durchsetzten.

Zwar boten Auto- und Karosseriehersteller hierzulande auch weiterhin konservativere Aufbauten mit Flachkühler und flacher Windschutzscheibe an, doch wer mit der Mode gehen wollte, bevorzugte diesen „Schnellboot-Stil“.

Eine AGA-typische Zutat waren nach dem 1. Weltkrieg die aus geraden Elementen zusammengesetzten Schutzbleche. Daraus ergab sich gerade ein markantes, von strengen geometrischen Formen bestimmtes Erscheinungsbild:

aga-reklame_galerie

AGA-Reklame, geschaffen von Ludwig Hohlwein; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Die Bauweise der Kotflügel dürfte auch fertigungstechnische Vorteile gehabt haben, für die damals meist noch in Manufaktur arbeitenden Hersteller im deutschsprachigen Raum ein nicht unwesentlicher Faktor.

Allerdings könnte diese Konstruktion auf den Gourmet auch ein wenig nach „Hinterhofarbeit“ gewirkt haben. Dass es entsprechende Bastelfabrikate gegeben hat, dafür spricht die folgende Aufnahme:

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unbekannnter Wagen der frühen 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Trotz der Ähnlichkeit handelt es sich eindeutig um keine AGA-Karosserie, sondern um einen daran orientierten Eigenbau auf Basis eines Vorkriegsmodells.

Was für ein Auto daher herhalten musste, ließ sich bislang nicht klären – auch eine Vorstellung auf www.prewarcar.com lieferte kein Ergebnis – außer „AGA“, was aber aufgrund vieler Details nicht stimmen kann.

Zurück zum echten AGA-Wagen. Wie der Literatur zu entnehmen ist, schwenkte man ab 1923 wieder auf die international üblichen Karosserietrends mit flache(re)m Kühler und der Radform mehr oder weniger folgenden Schutzblechen ein.

Ab 1921 gab es jedoch noch den AGA 6/20 PS als Zwischentyp . Hier haben wir ein Beispiel dafür:

AGA_6-20_PS_mittel_1925_Galerie

AGA Typ A 6/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dieser schönen Aufnahme, die auf 1925 datiert ist und einst bei tiefstehender Sonne entstand, sehen wir noch den Spitzkühler mit dem dreieckigen AGA-Emblem (einen Dürkopp können wir anhand der Kühlerform ausschließen).

Doch die Schutzbleche weisen nun einen gefälligen Schwung auf, der dem Wagen zwar etwas von seinem Charakter nimmt, ihn aber eleganter wirken lässt.

Der offenbar im Raum Berlin (Kennung „IA“) zugelassene AGA war von seinem Besitzer mit einer Stoßstange aus dem Zubehörhandel nachgerüstet worden – im dichter werdenden Großstadtverkehr ein hilfreiches Accessoire.

Die Stoßstange scheint verchromt oder vernickelt gewesen zu sein, während der AGA-Wagen vom Fensterrahmen noch fast völlig ohne solchen Zierrat auskam.

Das Foto lässt sehr schön erkennen, dass man bei Wahl eines tiefdunklen Lacks auch ohne solche Akzente einen „glänzenden Auftritt“ hinlegte.

Leider verschwand mit den eckigen Schutzblechen auch der Kasten an der Heckpartie, indem sich das niedergelegte Verdeck verbarg – die damit verbundene klare Gestaltung der Seitenlinie ist hier dahin:

AGA_6-20_PS_mittel_1925_Ausschnitt

Die Insassen „unseres“ AGA des Typs A 6/20 PS scheinen sich auch in dem konventionelleren Aufbau wohlgefühlt zu haben.

Welcher Hersteller für diese Übergangsversion verantwortlich war – Lindner oder Karmann – ist bislang ebensowenig klar wie der genaue Entstehungszeitraum.

Auch das in mancher Hinsicht hervorragende – wenngleich sprachlich und strukturell verbesserungsbedürftige – Standardwerk „Der AGA-Wagen“ von Kai-Uwe Merz (2011) liefert in dieser Hinsicht keinen Aufschluss.

Da Bilder und Dokumente von AGA-Wagen nicht zu den ganz großen Raritäten zählen, wird sich das früher oder später klären lassen. Entsprechende Hinweise und Originalmaterialien sind mir wie immer hochwillkommen und werden von mir gern unter Nennung des Besitzers angemessen präsentiert.

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Moderne Mittelklasse der 1930er Jahre: Fiat 1100

Regelmäßige Leser meines Blogs für Vorkriegsautos auf alten Fotos wissen, dass ich fast jedem Automobil bis in die 1940er Jahre etwas abgewinnen kann.

Seien es die faszinierenden Schöpfungen der Frühzeit, als technisch und formal noch vieles offen war, seien es die Manufakturwagen der Zwischenkriegszeit mit ihren oft atemberaubenden Aufbauten oder auch auch die amerikanischen Großserienmodelle, die individuelle Mobilität für’s Volk ermöglichten.

Doch einige Vorlieben kann ich nicht verbergen: Die eine gilt den schnittigen Spitzkühlermodellen der frühen 1920er Jahre aus deutschen Landen, die andere den hochmodernen Wagen italienischer Provenienz.

Neben dem fabelhaften Lancia Lambda – einem der Meilensteine im Automobilbau schlechthin – haben es mir vor allem die Fiat-Wagen der 1930er Jahre angetan.

Fiat hatte sich schon kurz nach dem 1. Weltkrieg als ein nach Technologie und Stückzahlen führender europäischer Hersteller etabliert. Damit konnte es lange Zeit kaum ein deutscher Hersteller aufnehmen.

Doch auch noch kurz vor dem 2. Weltkrieg, als deutsche Marken aufgeholt hatten, kamen von Fiat Modelle, die fast konkurrenzlos waren. Ihre eindrucksvolle Präsenz auf den Straßen im deutschsprachigen Raum erzählt davon:

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Fiat 1100 am Traunsee; Ansichtskarte aus Sammlung Michael Schlenger

Die Ansicht des Traunsteins in Österreich wäre auch so grandios, doch setzt der schmucke Wagen an der Seeuferstraße einen willkommenen Kontrapunkt.

Während die reine Natur überwältigend wirken kann, ist für mich das maßvolle Nebeneinander natürlicher und menschlicher Schöpfungen von größerem Reiz – die Weinberge an Rhein und Mosel etwa geben der urwüchsigen Landschaft erst den entscheidenden Schliff.

Ähnliches mag sich der Fotograf dieser Ansichtskarte gedacht haben. Ob er auf ein so harmonisches Fahrzeug gewartet oder dies eigens „bestellt“ hat, wer weiß?

Klar ist nur, dass es sich bei der Cabriolimousine um einen Fiat 1100 handelt:

Fiat_1100_Traunseestraße_Ak_Ausschnitt2Außer Peugeot bot in den 1930er Jahren kaum ein anderer europäischer Hersteller einen Mittelklassewagen mit dermaßen gelungener „Stromlinienform“ an.

Am deutschen Markt kommt einem nur der Stoewer „Greif Junior“ in der Ausführung ab 1936 in den Sinn, den ich bei Gelegenheit ausführlich vorstellen werde. Das Modell „Sonderklasse“ von DKW ging in eine ähnliche Richtung, blieb aber konventioneller.

Hinzu kam, dass Fiat unter Leitung von Chefkonstrukteur Dante Giacosa – dem Schöpfer des unsterblichen Topolino – auch technisch einige Raffinesse aufbot.

Der auf 1,1 Liter vergrößerte Motor des Vorgängers Fiat 508 Balilla verfügte im Zylinderkopf hängende (also nicht mehr strömungsungünstig seitlich stehende) Ventile, was der Effizienz des Aggregats deutlich zugutekam.

Die serienmäßigen 32 PS des Motors bewegten sich am unteren Ende des Möglichen – das wahre Potential dieses Entwurfs kam erst in den weit stärkeren Sportversionen zutage, die auf dieser Basis bis in die Nachkriegszeit entstanden.

Auch das Fahrwerk mit Einzelradaufhängung vorne war ganz auf der Höhe der Zeit. Das Ganze kombiniert mit hydraulischen Bremsen und Ganzstahlkarosserie – so sah ein moderner Mittelklassewagen Ende der 1930er Jahre aus:

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Fiat 1100; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auffallend ist, wie sparsam die Turiner mit Chromschmuck umgingen. Bei deutschen Modellen wären auf jeden Fall die Scheinwerferringe und die Fensterrahmen ebenfalls verchromt gewesen.

Diese Schlichtheit bei zugleich großer Spannung der Karosseriearchitektur nimmt die Schöpfungen der italienischen Manufakturen der 1950er/60er Jahre voraus, die ebenfalls fast ohne Sicken und Chromleisten auskamen. Man denke nur an das Coupé der Lancia Aurelia…

Nur behutsame verspielte Akzente erlaubte sich Fiat beim 1100er, die einem „zu glatten“ Erscheinungsbild entgegenwirken.

Zu nennen ist vor allem das Art-Deco-Emblem in der Mitte der Stoßstange, das in reduzierter Form auf der Rückseite des Innenspiegels wiederkehrt. Letzteres Detail behalten wir im Hinterkopf – wir kommen darauf zurück.

Nebenbei: Wer kann etwas zu dem merkwürdigen Kennzeichen des Fiat etwas sagen?

Auf der nächsten Aufnahme steht der hochmoderne Fiat 1100 – der übrigens auch im einstigen NSU-Werk in Heilbronn gebaut wurde – in denkbar großem Kontrast zu einem anderen Produkt der Moderne:

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Fiat 1100; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer diesen Vertreter des Beton-Brutalismus irgendwann in den 1970er Jahren verorten würde, irrt sich gewaltig.

Diese Ausgeburt an Banalität, deren radikale Rechtwinkligkeit dem an natürlichen Formen geschulten Auge spottet, ist ein Produkt der 1930er Jahre.

Die Beschriftung des Abzugs lautet „vor dem Finanzamt“ – schon damals also waren öffentliche Bauten besonders abstoßende Beispiele für unmenschliche Architektur, was für ein Gegensatz zum Können der Baumeister vor dem 1. Weltkrieg.

Den Beweis, dass der Bau mit seiner an ein Gefängnis erinnernden Schlitzfassade vor 1945 entstanden sein muss, liefert die Aufnahme selbst:

Fiat_1100_vorm_Finanzamt_Ausschnitt

Hier haben wir eindeutig einen Fiat 1100 vor uns – doch nun mit Überzügen über den Frontscheinwerfern und einem „Notek“-Tarnscheinwerfer, der nachträglich auf einem Bügel an der Stoßstange angebracht wurde.

Diese Details und die überlackierten Chromteile –  Stoßstange und Kühlermaske – verraten, dass wir es mit einem Fahrzeug der Wehrmacht zu tun haben.

Wie hunderttausende andere Zivil-PKW wurde offenbar auch dieser Fiat 1100 – wahrscheinlich aus Heilbronner Produktion – nach Kriegsbeginn 1939 eingezogen.

Das Militär wusste die zuverlässigen und leistungsfähigen Fiat-Wagen zu schätzen – sie finden sich entsprechend häufig auf Fotos von allen Fronten des Weltkriegs.

Hier haben wir eines davon:

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Fiat 1100; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wann und wo genau diese Aufnahme entstanden ist, lässt sich wohl nicht mehr klären.

Die Tropenuniform des jungen Wehrpflichtigen, der hier nachdenklich einer ungewissen Zukunft entgegenschaut, spricht für einen Einsatz irgendwo auf dem Balkan bzw. in Griechenland ab Frühjahr 1941.

Denkbar ist auch, dass das Foto während des Afrika-Feldzugs bzw. während des daran anschließenden Rückzugs deutscher Truppen in Sizilien und Italien gemacht wurde.

Dass der Luftwaffenangehörige – das verrät das geschwungene Adleremblem auf dem Hemd – auf einem Fiat 1100 fotografiert wurde, ist an zwei Details zu erkennen:

Zum einen erkennt man hier das bereits erwähnte dekorative Element am Innenspiegel wieder. Zum anderen sieht man an der Beifahrertür den beim Fiat 1100 aus italienischer Produktion in der Karosserie versenkten Türhebel hervorlugen.

Noch später – während des deutschen Rückzugs über den Apennin – entstand folgende Aufnahme einer speziellen Variante des Fiat 1100, aber das ist eine eigene Geschichte

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Fiat 1100 „Furgoncino“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

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Offener geht’s nicht: Ein Adler Standard 6 „Roadster“

Noch vor ein, zwei Jahren wäre der Wagen, den wir heute auf diesem Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos zeigen, ein Kandidat für den „Fund des Monats“ gewesen.

Doch inzwischen enthält der Fundus des Verfassers genügend Aufnahmen von Exoten, die diesen Status noch weit mehr verdienen.

Das ist nicht zuletzt das Verdienst von Lesern, die ihre oft teuer erworbenen Fotos mit einer Großzügigkeit zur Veröffentlichung freigeben, die man sich von anderen Sammlern wünscht, die ihre Schätze für sich behalten und nichts daraus machen.

So oder so stellt das Auto, das wir anhand einer zeitgenössischen Aufnahme präsentieren, einen besonderen Leckerbissen dar – doch der Reihe nach.

Die Frankfurter Traditionsmarke Adler hatte 1926 in Reaktion auf die Konkurrenz der 6-Zylinderwagen aus den USA den Typ Standard 6 vorgestellt. Mit der Orientierung an amerikanischen Vorbildern bewies Adler den richtigen Instinkt, in technischer wie formaler Hinsicht.

Genau so musste Ende der 1920er Jahre eine repräsentative, doch nicht luxuriöse Limousine aussehen:

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Adler Standard 6S; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ein Flachkühler mit üppiger Verchromung, eine gefällig geschwungene Doppelstoßstange, ein Hinweis auf die Zylinderzahl auf der Scheinwerferstange und weitere Chromakzente an den Rädern – das war perfekter „Amerikaner“-Stil.

Adler bewies zudem mit hydraulischen Vierradbremsen und Ganzstahlkarosserie als erster deutscher Hersteller, dass man die Lektion aus Übersee verstanden hatte.

Nur was die Stückzahlen anging, verharrte Adler beinahe auf Manufakturniveau. Bis 1934 entstanden bloß etwas mehr als 20.000 Exemplare des Adler Standard 6.

Zwar war ein gleichstarker 6-Zylinder-Chevrolet bei vergleichbarer Ausstattung (allerdings nur mit Seilzugbremsen!) erheblich preisgünstiger.

Dennoch entschieden sich noch in den frühen 1930er Jahren etliche deutsche Kunden für den grundsoliden und im Detail fein gestalteten Adler aus heimischer Produktion:

Adler_Standard_6S_ab_1931_Foto_Schumann_Düsseldorf_Frontpartie

Man wüsste nicht, was an dieser makellos gestalteten und jede Übertreibung meidenden Kühlerpartie zu beanstanden wäre.

Die formale Klarheit aller Elemente ist bestechend, nichts wirkt unentschieden oder einfallslos. So sah ein Wagen der späten 1920er und frühen 30er Jahre aus, der gediegenen Wohlstand, aber keinen Luxus repräsentieren sollte.

Übrigens weisen das hoch oben auf der Kühlermaske angesiedelte, nicht mehr ins Kühlernetz hineinragende Adler-Emblem sowie die senkrechten statt waagerechten Luftschlitze in der Motorhaube auf eine ab 1931 entstandene Version hin.

Die sieben Radbolzen waren der 6-sitzigen Limousine des Standard 6 vorbehalten. Viersitzer besaßen ab 1931 wie der Adler „Favorit“ nur noch fünf Radbolzen.

Hier haben wir eine andere Ansicht eines Adler Standard 6 jener Zeit, gerade noch zu erkennen an der Kühlerfigur, dem Adler-Emblem auf der Ersatzradabdeckung und den (auf dem Originalabzug eindeutig) sieben Radbolzen:

Adler_Standard_6_Berlin_Ausschnitt

Dieses Foto, auf dem der Adler Standard 6 nur eine Nebenrolle spielt, entstand nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten einst am Berliner Dom.

Der genaue Anlass ist dem Verfasser nicht bekannt, doch ist auf dem Originalabzug unübersehbar, wie sich die Zeiten gewandelt hatten, als dieses Foto entstand.

Den wenigsten Bürgern in Berlin – den Fahrer des Adler Standard 6 eingeschlossen – dürfte an dem sonnigen Tag bewusst gewesen sein, was ihnen und Europa unter dem Regime des Hakenkreuzes bevorstand:

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Adler Standard 6 am Berliner Dom; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenge

Mit dem Wissen der Nachgeborenen, die in einem fast vollkommen risikofreien Umfeld großgeworden sind, wird man dieser historischen Situation nicht gerecht.

Niemand – das Verhalten der europäischen Großmächte bis 1938 zeigt es – konnte damals wissen, welche Katastrophe für Deutschland und seine Nachbarn sich anbahnte.

Ermöglicht wurden die Exzesse des nationalsozialistischen Regimes nicht zuletzt aufgrund der obrigkeitshörigen Neigung vieler nach Anerkennung gierender Deutscher, die im Motto „dem Führer entgegenarbeiten“ ihren fatalen Ausdruck fand.

In der Folge vollzog sich eine Selbstgleichschaltung der Öffentlichkeit, in der Abweichungen von der politischen Korrektheit existenzgefährdend wurden – eine Gefahr auch für eigenständiges Denken in der offenen Gesellschaft von heute.

Nach diesem bei Vorkriegsautos unvermeidlichen Ausflug in die Zeitgeschichte, wenden wir uns dem Thema Offenheit wieder in automobiler Hinsicht zu:

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Adler Standard 6 Roadster; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick wirkt dieser Adler beinahe bescheiden. Erstaunlich, was das Fehlen eines mächtigen Limousinenaufbaus ausmachen kann.

Doch die sieben Radbolzen an den Felgen sprechen in Verbindung mit dem Adler-Emblem auf dem Kühler eine eindeutige Sprache: Das muss eine offene Version des „Standard 6“ sein.

Dabei verweisen das in das Kühlergitter hineinragende Markenemblem und die horizontalen Luftschlitze auf eine Entstehung vor 1931 hin. Auch die Doppelstoßstange wirkt hier weniger elegant als auf dem ersten Foto.

Nun mag mancher Leser dieses Blogs sich an ein anderes Foto eines offenen Adler „Standard 6“ erinnern, das zu den schönsten hier publizierten Aufnahmen gehört:

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Adler Standard 6 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So hinreißend diese Aufnahme auch sein mag, zeigt sie doch einen anderen Aufbau, nämlich ein zweisitziges Cabriolet mit vollwertigem, gefüttertem Verdeck.

Zu erkennen ist das an der seitlichen „Sturmstange“, die auch bei niedergelegtem Verdeck zu sehen gewesen wäre. Außerdem liegt die Türoberkante des Adler, auf der die junge Dame ihren Arm aufgelegt hat, weit höher als auf dem vorhergehenden Foto.

Schauen wir uns die Aufnahme der offenen Version des Adler Standard 6 genauer an:

Adler_Standard_6_Roadster_Ausschnitt

Hier haben wir eindeutig nur ein leichtes, roadstertypisches Notverdeck, einen tieferen Türausschnitt und eine zweigeteilte Frontscheibe. Auch der Verlauf der seitlichen Zierleiste ist im Bereich der Heckpartie anders.

Der Fall ist klar: Hier haben wir einen Adler des Typs Standard 6 mit Roadster-Aufbau vor uns. Die Stückzahlen sind in der dem Verfasser zugänglichen Literatur nicht genannt, doch können wir von bestenfalls einigen hundert Stück ausgehen.

Von diesem Wagen ist im Netz derzeit (Stand: November 2018) nur ein einziges Exemplar zu finden, das sich einst im Besitz von Clara Coenen befand. In der gedruckten Literatur (Werner Oswald: Adler Automobile, 1. Auflage 1981, S. 48) findet sich ein weiteres Fahrzeug, ebenfalls mit weiblicher Besatzung.

Dass die rare Roadster-Variante aber nicht nur ein Dasein als exklusives Concours-Fahrzeug führte, sondern auch im Alltag eingesetzt wurde, beweist unser Foto.

Eine winterliche Ausfahrt mit offenem Verdeck war damals wie heute eher (Ausnahmen bestätigen die Regel) eine Sache für unerschrockene männliche Automobilisten

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Großraumlimousine der frühen 1920er: Dürkopp P10

Seit 2015 befasst sich der Verfasser dieses Blogs für Vorkriegsautos auf alten Fotos schwerpunktmäßig mit Fabrikaten aus dem deutschen Sprachraum. Vor allem zwei Dinge fallen dabei ins Auge:

Das eine ist die unerhörte Präsenz von US-Fabrikaten in der Zwischenkriegszeit, die in den sogenannten Oldtimermagazinen hierzulande kaum Widerhall findet.

Das andere ist die desolate Literaturlage bei prominenten Herstellern wie Adler, Brennabor, Dixi, Dux, Elite, NAG, Phänomen, Protos, Presto und Simson.

In einigen Fällen liegen die letzten Bemühungen um Aufarbeitung der Automobilhistorie dieser Marken Jahrzehnte zurück, in anderen Fällen gibt es bis heute keine. Ein Beispiel dafür ist die Traditionsmarke Dürkopp.

Schon vor 1900 hatte der Nähmaschinen- und Fahrradhersteller aus Bielefeld die ersten Automobile gebaut, damals noch nach französischem Vorbild. Bereits 1905 bot man eine ganze Reihe unterschiedlicher Typen an:

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Dürkopp-Reklame um 1905; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Zum damaligen Programm gehörten bereits Sechszylinder, und sogar mit Achtzylindermotoren experimentierte Dürkopp.

Für den Ehrgeiz, den die Bielefelder in automobiler Hinsicht entwickelten, standen auch die beiden größten Modelle vor dem 1. Weltkrieg – die Typen 25/60 und 40/100 PS.

In diesen Sphären bewegten sich zu jener Zeit in Deutschland sonst nur Hersteller vom Kaliber Daimler, Benz und Opel. Die außenliegenden Auspuffrohre an dem Dürkopp der folgenden Reklame von 1912 unterstreichen den Anspruch der Marke:

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Dürkopp-Reklame von 1912; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Doch auch das Einsteigersegment wusste Dürkopp zu bedienen. Ab 1909 waren unter der kuriosen Bezeichnung „Knipperdolling“ kompakte Vierzylinder erhältlich.

Die beiden in folgender Reklame genannten Motorisierungen lassen sich nur bedingt mit den Angaben der veralteten und fehlerhaften Literatur zur Deckung bringen:

Dürkopp_Knipperdolling_Reklame_Galerie

Dürkopp-Reklame, undatiert; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Der Typ 5/13 PS tritt in der Literatur nur an einer Stelle in Erscheinung, ansonsten geht es dort mit den Typen 6/14 PS, 8/12 und 8/15 PS ohne zeitliche Einordnung fröhlich durcheinander. Immerhin wird der 6/16 PS aus der Reklame auch einmal genannt.

Man sieht, wie lückenhaft der literarisch dokumentierte Wissenstand war – natürlich ist heute mehr Material vorhanden, es macht nur keiner etwas daraus.

Mit einem Dürkopp-Wagen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg werden wir uns gelegentlich noch beschäftigen. Heute zieht es uns aber in die Nachkriegszeit und die folgende Reklame mit dem markanten Spitzkühler ist ein Vorbote dafür:

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Dürkopp-Reklame ab ca. 1918; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Genau datieren ließ sich diese Reklame bislang nicht – vermutlich schloss sich Dürkopp erst nach Ende des 1. Weltkriegs der ab 1914 auftretenden Spitzkühlermode an.

Dass der stilisierte Wagen auf der Reklame noch keine elektrischen Scheinwerfer besitzt, ist allenfalls ein Indiz für eine Entstehung vor 1918.

Nach Kriegsende knüpfte Dürkopp mit den Modellen der P-Reihe an bisherige Traditionen an und bot nun neben Vierzylindern auch wieder Sechszylinder an.

Ein eindrucksvolles Exemplar des mittleren Vierzylindertyps P10 10/30 PS haben wir vor längerer Zeit hier schon einmal vorgestellt:

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Dürkopp Typ P10 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese vorzügliche – wohl von einem Berufsfotografen erstellte – Aufnahme entstand 1924 im Tiergarten in Berlin.

Die feinen jungen Damen, die sich dort einst vor dem gediegenenen Wagen mit Chauffeur haben ablichten lassen, stehen in denkbar großem Kontrast zu der Aufnahme eines weiteren Dürkopp P10, die wir heute präsentieren wollen.

Das Foto führt uns nicht nur hinaus auf’s Land, sondern auch in winterliches Schmuddelwetter, das deutliche Spuren auf dem Wagen und seinen Insassen hinterlassen hat:

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Dürkopp Typ P10 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Datierung dieses Dürkopp mit ungewöhnlichem Aufbau als sechsfenstriger Chauffeur-Limousine ist nicht ganz einfach.

Der ausgeprägte Spitzkühler und die markante Knickscheibe – letztere bei geschlossenen Aufbauten selten – sprechen für die frühen 1920er Jahre. 

Dass die Kühlermaske im Unterschied zu dem in Berlin aufgenommenen Dürkopp desselben Typs vernickelt und nicht mehr lediglich lackiert ist, könnte auf eine spätere Entstehung hindeuten. Allerdings kann es sich auch um ein Extra handeln.

Ansonsten ist weitgehende Übereinstimmung zu konstatieren: Die (sechs) in der hinteren Hälfte angesiedelten, breiten und weit auseinanderliegenden Luftschlitze in der Haube, die Räder mit abnehmbaren Felgen sowie die Nabenkappe mit querlaufendem Schriftzug und fünf Bolzen sind an beiden Wagen zu sehen.

Das Dürkopp-Emblem – ein geschwungenes D auf einer dreieckigen Plakette –  ist auf dem bereits angegriffenen zweiten Foto nur schemenhaft zu erkennen:

Dürkopp_P10_Spitzkühler_und_Opel_Kühler

Ein Dürkopp mit einer derartigen Karosserie ist dem Verfasser bisher noch nicht begegnet. Der großzügige Zuschnitt unterstreicht wie bei dem feinen Aufbau des in Berlin 1924 aufgenommenen Typs P10 den gehobenen Anspruch von Dürkopp.

Was aber haben wir von diesmal durchweg männlichen Fahrern und Insassen „unseres“ Dürkopp zu halten?

Aus heutiger Sicht ist das schwer zu beurteilen, da es zumindest auf dem Lande auch für den vermögenden Besitzer normal war, dass man sich bei winterlichen Ausfahrten „richtig dreckig“ machen konnte – nebenbei etwas, das wohl nur Männern liegt.

Dürkopp_P10_Spitzkühler_und_Opel_Ausschnitt

Hier sehen wir außerdem, dass die trotz des „Sauwetters“ gutgelaunten Herren mit ihrem großzügigen Dürkopp nicht allein unterwegs waren.

Dahinter ist ein Opel geparkt, der offenbar auch nicht geschont wurde – warum auch, dafür wurden diese Wagen einst gemacht. Sein Kennzeichen könnte übrigens auf eine Zulassung in Thüringen hindeuten.

Aufgrund des „uniformen“ Erscheinungsbilds der Männer – speziell der bei Chauffeuren verbreiteten Schirmmützen – ist anzunehmen, dass wir es hier mit einer Art „Betriebsausflug“ von Kraftfahrern zu tun haben.

Offenbar konnten sie sich in ihrer kargen Freizeit – seinerzeit war die Sechstage-Arbeitswoche Standard – eine Spritztour in ihren Wagen leisten.

Das lässt vermuten, dass man als Fahrer eines Chauffeurwagens damals selbst in einer privilegierten Position war, die nichts mit dem (selbstgewählten) prekären Dasein vieler heutiger Taxifahrer zu tun hatte.

Speziell ein in Manufaktur gefertigter Dürkopp war damals dermaßen teuer, dass er einst kaum von seinen Fahrern finanziert werden konnte. Sofern es sich nicht um exklusive Wagen eines einzelnen Besitzers handelte, müssen diese Autos spezialisierten Firmen gehört haben, die solche hochwertigen Fahrzeuge mit Chauffeur anboten.

Wer mehr dazu weiß – natürlich auch zu dem Dürkopp-Typ auf dem Foto – möge dazu die Kommentarfunktion nutzen. Der Verfasser freut sich auf jede neue oder auch korrigierende Erkenntnis!

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