Davon träumt der Busfahrer… Ein „Bolide“ von 1906

Wer beim letzten Blog-Eintrag aufgepasst hat, konnte bereits ahnen, was ich heute im Programm habe – eine eher seltene Ausnahme übrigens.

Meist weiß ich ja selbst noch nicht, wo ich bei dieser abendlichen Beschäftigung lande, welche übrigens eine meiner Meditationsmethoden ist, neben händischem Rasenmähen, Löwenzahnstechen, Kleinholzmachen, Reinigung von Oldtimerteilen und dergleichen.

Nun aber „muss“ ich mich dem in Aussicht gestellten „Boliden“ widmen, der keineswegs irgendein rasantes Vorkriegsgeschoss war, ich habe heute also keinen Ermessensspielraum. Das schränkt mich aber nicht im geringsten ein, zumal ich selbst fast nichts über den Wagen weiß, also freie Hand habe, was die Story angeht.

Erstmals begegnete mir besagter Bolide auf dieser Aufnahme, die wohl in den 1960er Jahren in der DDR bei einer der dort zahlreichen Veteranenveranstaltungen entstand:

Bolide von 1906; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Wer sich unter einem Boliden etwas anderes vorgestellt hat als so ein relativ einfaches Pionierfahrzeug aus der Zeit weit vor dem 1. Weltkrieg, mag jetzt enttäuscht sein.

Das hätten Sie aber bereits dem Titel entnehmen können. Denn Busfahrer sind für gewöhnlich bedächtige Zeitgenossen, die auch privat nicht zu Exzessen neigen, jedenfalls nicht, was die Fahrdynamik der von ihnen bewegten Automobile betrifft.

Wenn ein Buslenker sich für einen Boliden erwärmt, muss das schon etwas sein, was seinem behäbigen Charakter gemäß ist. Nun könnte man einwenden, dass ein Busfahrer doch auch einer sein kann, der bloß im Bus mitfährt, aber ansonsten stark motorisierte Gefährte und einen engagierten Fahrstil schätzt.

Theoretisch möglich, aber zumindest in meinem Heimatort Bad Nauheim scheinen mir doch die Vertreter der gemütlichen Fraktion als Passagier im Bus unterwegs zu sein.

Die Schüler sausen bei passablem Wetter fahrplanunabhängig mit dem Elektroroller oder dem 125er-Krad durch die Gegend und die gerade Volljährigen sind mit dem Auto unterwegs, so früh es geht. Denn beides führt und fährt von Tür zu Tür, schleicht nicht endlos über Land und macht Spaß.

Diese potenziellen Busfahrer fallen schon einmal aus, die wollen mit eigenen PS unterwegs sein – gern auch modifiziert und selbstgewartet, was ich mit Wohlgefallen betrachte.

Bleibt also nur der Buslenker selbst als Kandidat, dessen heimliche Sehnsucht dem Boliden auf dem eingangs gezeigten Foto gilt.

Lange Zeit hatte ich keine Ahnung, worum es sich beidem abgebildeten Fahrzeug handelt – nur dass es wohl ein französisches Fabrikat war, das dachte ich mir. Das lag auch nahe, waren es doch die in die hunderten Firmen in Frankreich, die ab 1900 das Automobil im Alltag richtig zum Laufen brachten.

Dazu zählten auch die 1899 von den Ingenieur Léon Lefebvre bei Paris gegründeten „Etabilissements Cycles & Moteurs Bolide“. Der Markename „Bolide“ weckte die Assoziation „Feuerball“ oder „Meteor“, was bei einigen großvolumigen Sportmodellen auch eingelöst wurde.

Daneben fertigte man Alltagsfahrzeuge mit zugekauften Motoren (Aster, DeDion-Bouton), wobei die Palette von Einzylindern bis zu Sechszylindern reichte. Irgendwann vor 1910 endete die Produktion – so ganz genau ist das im Netz nicht überliefert.

Nur eines ist sicher: Ein solcher „Bolide“ von 1906 hatte irgendwie in Deutschland die Zeiten überdauert und wurde nach dem 2. Weltkrieg vom Dresdner Busunternehmer W. Kaute wieder auf die Straße gebracht.

Das lässt sich kaum trefflicher und schöner illustrieren als durch dieses schöne Foto, das ich über Leser Matthias Schmidt (Dresden) erhalten habe:

Bolide von 1906; Originalfoto via Matthias Schmidt (Dresden)

Ist das nicht wunderbar, wie gekonnt hier das Zusammentreffen zweier Welten inszeniert ist? Der moderne Omnibus mit dem stilisierten Adler auf der Seite und dem Fahrer, der sich nach dem „Boliden“ umschaut, der genau nach seinem Geschmack zu sein scheint.

Vielleicht waren es aber auch Firmenchef W. Kaute nebst Gattin und Tochter, die hier stilvoll gekleidet seine Aufmerksamkeit einfordern.

Davon träumte jedenfalls einst der Busfahrer – irgendwann selbst so einen Wagen aus der Frühzeit des Automobils besitzen zu können und sie den staunenden Mitbürgern als Zeugen einer Zeit präsentieren zu können, deren kreative Kräfte nicht von Planvorgaben beschränkter Politiker und überbordenden Regularien stranguliert wurden.

Das moderne Automobil und damit auch die Boliden unserer Tage würden nicht existieren, hätte es schon damals die Bürokratie, die Gesellschafts“visionen“ und den Enteignungsfuror wie später in (Ost)Berlin oder Brüssel gegeben. Auch der Busfahrer von heute träumt nicht von einem tristen Dasein mit Lastenrad, Reglementierung und Rationierung allerorten…

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Nicht wirklich alt – oder doch? Ein Delage von 1933

Kennen Sie das? Da hat jemand die 80 schon eine Weile hinter sich, vergisst hin und wieder mal etwas und entschuldigt sich dann: „Bin halt halt...“.

Als Experte für die automobile Welt von gestern und Kenner wirklicher Alters-Erscheinungen auf historischen Fotos kann ich das natürlich nicht gelten lassen.

Nicht nur ist mir das Vergessen von allem Möglichen auch schon mit Ende 50 nur zu vertraut – ich fühle mich deshalb kein bisschen alt. Vielmehr muss etwas schon aus der Vorkriegszeit stammen, um bei mir als wirklich alt durchzugehen.

Und wenn es dann auch noch als Warnhinweis gleich zweimal draufsteht, dann könnte man meinen, dass etwas sich das Attribut „alt“ wahrlich verdient hat:

Delage Coupé um 1933; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Wie man rein vordergründig mit dem Alter kokettiert, das bekommen wir hier auf bemerkenswerte Weise vorgeführt.

Manchem mag auch der sympathische Aufkleber in Erinnerung kommen, der im letzten Jahrhundert gut abgehangene Gebrauchtwagen zierte: „Alt, aber bezahlt“.

Man darf auch hier sicher sein, dass der schmucke Wagen auf diesem Foto längst abbezahlt war, als er irgendwo im frühen Nachkriegsengland abgelichtet wurde.

Ich habe indessen meine Zweifel, dass unter meinen Leser einer darauf kommt, mit was für einem enorm sportlichen Coupé wir es hier zu tun haben.

Zwar kann ich auch mit einem Foto aufwarten, welches dasselbe Auto am identischen Ort zeigt, aber ich muss zugeben, dass ich mich lange Zeit schwertat, diesem Gerät den richtigen Namen zuzuordnen:

Delage Coupé um 1933; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Mein Fehler bestand darin, dass ich mich von der britischen Kennzeichnung als ALT in die Irre führen ließ und mutmaßte dass es sich auch um einen rüstigen Rentner aus Britannien handeln dürfte.

Die niedrige Silhouette ließ mich jedenfalls meinen, dass dies ein angelsächsisches Fabrikat sein dürfte. Doch wollte mir auf Grundlage dieser These keine Identifikation gelingen – der Vorkriegswagen ließ vielmehr mich alt aussehen.

Erst auf Umwegen kam ich darauf, dass wir hier einen Wagen aus Frankreich sehen, der auf der Insel den Krieg dank seines Exotenstatus überstanden hatte.

Das Großartige ist, dass genau dieses Fahrzeug noch heute existiert und ich es deshalb so genau identifizieren konnte, weil es halt den Hinweis „ALT“ so deutlich trägt.

Mit der Kennung ALT 753 wurde nämlich im September 1933 im Raum London ein Delage des 8-Zylindertyps D8S zugelasse. Dabei handelte es sich um die 120 PS leistende Sportversion des klassischen Delage D8 mit 4,1 Liter-Reihenachtzylinder, der noch aus den späten 20er Jahren stammte.

Diese Sportversion mit verkürztem Radstand und niedriger Silhouette wurde seinerzeit mit Spitze 150 km/h gestoppt und war damals eines der schnellsten Serienautos in Europa.

Das mit der Serie ist freilich sehr relativ zu verstehen – denn von der Sportversion des Delage entstanden damals über mehrere Jahre keine hundert Exemplare, die von äußerst wohlhabenden Käufern erworben wurden.

Dieser spezielle Wagen weist überdies die Besonderheit auf, dass er mit einer britischen Karosserie ausgeliefert wurde – sein Maßanzug stammte von Freestone & Webb (London), was die britische Anmutung erklärt, die mich zunächst in die Irre führte.

Sie sehen, so gesehen ist das mit dem „alt“ sein doch durchaus erbaulich und das Attribut steht einem sportlichen Vertreter der Generation über 90 gut zu Gesicht. Im England der frühen Nachkriegszeit war so ein Wagen in der Oberklasse formal wie leistungsbezogen durchaus noch zeitgemäß.

Fazit: Wenn es nach mir geht, muss man in unseren Tagen schon über 100 sein, um heute wirklich alt auszusehen. Schauen wir mal, ob sich nicht vielleicht demnächst ein Bolide findet, der dieses Kriterium erfülllt…

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Immer dieser Leistungsdruck: Stoewer „Gigant“ Cabrio

Nachdem der Fund des Monats März dem Besuch eines alten Freunds „zum Opfer gefallen“ war – wir diskutierten die Weltlage noch weit nach Mitternacht draußen in der Kälte – muss ich nun an schon gewohnheitsmäßig erwartete Standards anknüpfen.

Als Freund des Leistungsprinzips als Leitstern für alle, die nicht objektiv gehandicapt sind – sonst wird das nämlich nichts mit dem Wahren der Standards im Wettbewerb – will ich den Ausfall wieder gutmachen, indem ich mich heute ganz nach oben orientiere.

Zu den Sternen geht es dabei zwar nicht ganz – die Mercedes-Freunde müssen sich gedulden – aber ein spektakuläres Erlebnis wird es trotzdem werden.

Seit Erfindung von allerlei Fahr- und Flugmaschinen kommt dem Menschen als Bezwinger von Zeit und Raum die gnadenlose Anwendung des Leistungsprinzip entgegen – die verkürzte Formel lautet von jeher: viel hilft viel.

Bei den Automobilen war das lange Zeit der Hubraum, der durch nichts zu ersetzen war, wenn es darum ging, ein Maximum an Leistung auf die Straße zu bringen.

Zwar gab es schon früh im Rennsport auch raffiniertere Methoden des PS-Zuwachses – mehr Ventile, direkte Steuerung derselben, optimierte Strömung im Einlass und Auslass.

Doch lange überwog die einfache, aber effektive Methode amerikanischer Großserienwagen: Mehr Hubraum liefert zuverlässig mehr Schub, auch wenn die Spritrechnung dann höher ausfällt.

Den Grundsatz machte sich auch der Stettiner Nischenhersteller Stoewer Ende der 1920er Jahre zunutze. Nachdem man 1928 mit einem 2 Liter-Aggregat in die exklusive Welt der 8-Zylinder-Wagen aufgestiegen war, baute man binnen eines Jahres immer größere Varianten: 2,5 Liter (10/50 PS), 3,6 Liter (14/70 PS) und dann 4 Liter (15/80 PS).

Die letztgenannte Variante wurde unter anderem mit spektakulärem Aufbau als Sport-Cabriolet angeboten. Das ist mir zuerst in Form eines Zigaretten-Sammelbilds der frühen 1930er Jahre begegnet:

Stoewer G15 15/80 PS „Gigant“ Sport-Cabriolet; zeitgenössisches Zigaretten-Sammelbild (Sammlung Michael Schlenger)

Der bärenstarke Wagen wurde bemerkenswert häufig gebaut – jedenfalls für ein Manufakturauto der absoluten Luxuskategorie – nämlich laut Literatur in rund 650 Exemplaren.

Man möchte das kaum glauben, denn überlebt haben dürfte davon kaum einer, oder?

Bei der nächsten Gelegenheit, die ich Leser Wolfgang Spitzbarth verdanke, wirkte der Wagen noch beeindruckender und vor allem wirklichkeitsnäher.

Stoewer G15 15/80 PS „Gigant“ Sport-Cabriolet; Foto via Wolfgang Spitzbarth

Dieses Exemplar wurde offensichtlich bei einer der zeittypischen Concours-Veranstaltungen fotografiert, bei denen Privatbesitzer ihre Wagen einem anspruchsvollen Publikum präsentierten.

Dabei musste es sich nicht notwendigerweise um einen Spezialaufbau handeln, aber auf jeden Fall um ein exklusives Modell. Tatsächlich war die Ausführung als Sport-Cabriolet ein „Standard“ im Stoewer-Programm, wenn man davon bei einem Luxusgerät reden kann.

Heute habe ich das Vergnügen, ein fast identisches Exemplar in „freier Wildbahn“ präsentieren zu können – nur die Zahl der horizontalen Luftschlitze in der Motorhaube unterscheidet sich geringfügig (sieben statt sechs).

Die Gelegenheit dazu verdanke ich Leser Klaas Dierks, der uns dieses Prachtstück aus seiner Sammlung in digitaler Form zur Verfügung gestellt hat:

Stoewer G15 15/80 PS „Gigant“ Sport-Cabriolet; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Hier wird vielleicht noch verständlicher, warum Stoewer sein damaliges Spitzenmodell unter der Bezeichnung „Gigant“ auf den Markt brachte.

Man erkennt auch besser den Effekt der geschwungenen Schwellerpartie unterhalb der Tür, die dem 5,15 Meter langen Wagen die nötige optische Spannung gibt.

Die Leistung, die Stoewer mit diesem enormen offenen Zweitüer ablieferte – ästhetisch und technisch – lohnte sich vermutlich nicht besonders in betriebswirtschaftlicher Hinsicht.

Der Stettiner Traditionshersteller bewegte sich oft am Rande des Zusammenbruchs und überlebte nur dank des phänomenalen Talents der Gebrüder Stoewer entgegen alle Wahrscheinlichkeit bis in die 1930er Jahre.

Dabei brachte man stets die am Markt gefragte Leistung – sei es in der Mittelklasse, in der Spitzenklasse und später auch in der Einsteigerklasse verbunden mit Frontantrieb.

Diese Überlebensqualitäten und die Fähigkeit, sich mit wenigen, aber offenbar hervorragenden Mitarbeitern immer wieder neu zu erfinden – speziell im extrem anspruchsvollen 8-Zylinder-Segment – das begeistert mich, seitdem ich Stoewer (auch dank Markenspezialist Manfried Bauer) entdeckt habe.

Leistungsdenken, Leistungsvermögen, Leistungswille – das ist auch das zugrundeliegende Prinzip eines ganz anderen Geräts, das mich gerade beschäftigt: 98 Meter Länge, 2 Booster-Triebwerke mit zusammen 3.300 Tonnen Schub, 4 weitere Triebwerke mit 900 Tonnen Schub, Höchstgeschwindigkeit: knapp 40.000 km/h.

Die Rede ist von der SLS-Rakete der NASA für die Artemis-II-Mondmission, deren Startfenster nur noch wenige Minuten entfernt ist.

Gerade war ich vor der Tür – der Himmel hier ist sternenklar. Frau Luna (ein Stück Erde übrigens) schaut strahlendweiß und neugierig vom Himmel herunter. Wird alles gutgehen, wird es endlich wieder etwas geben, wo der Mensch seinen Genius in positiver Weise zeigt?

Wir werden es heute nacht und in den nächsten 10 Tagen erfahren…

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