Die Welt von gestern kommt nicht wieder – je weiter man sich von ihr entfernt, desto fremder erscheint sie einem.
Das gilt schon, wenn man die Verhältnisse im Deutschland des Jahres 2026 mit denen in der braven Bundesrepublik 50 Jahre zuvor vergleicht. Irritierend, dass man dort Mitte der 70er ohne die unzähligen Vorschriften, Markteingriffe und Bevormundungen der Gegenwart ziemlich gut zurechtkam.
Gewiss, auch damals brachten steigende Energiepreise einiges durcheinander, wie das aktuell der Fall ist. Nur vordergründig irritierend, dass damals wie heute die Krisenherde ähnlich waren. Wie es scheint, hat der sogenannte Westen nichts dazugelernt.
Dieser Tage bekommen wir abermals vorgeführt, was mit Blick auf die USA schon vor Jahrzehnten treffend auf den Punkt gebracht wurde: „The government is just the entertainment division of the military-industrial complex.“ – „Die Regierung ist bloß die Unterhaltungsabteilung des militärisch-industriellen Komplexes„.
In diesem zeitlosen Bonmot finden ein Zitat des amerikanischen Musikers Frank Zappa und des einstigen US-Präsidenten Eisenhower zusammen. Das Sagen in den Staaten hat zumindest in Bezug auf die Außenpolitik demnach nicht die Regierung, sondern ein seit 1945 wild wuchernder Apparat aus Geheimdiensten, Armee, Rüstungsfirmen und Lobbys.
Vielleicht hilft die Erinnerung an diese alte Konstante, das aktuelle Geschehen im Nahen Osten weniger irritierend zu finden. Ich selbst brauchte einige Tage, um mir darauf einen Reim zu machen, da das Ganze verstörend erscheint, wenn man davon ausgeht, dass der Präsident in allen Bereichen federführend ist. Doch das ist mitnichten der Fall, wie schon der eine oder andere Vorgänger schmerzhaft erfahren musste.
Nach diesem Exkurs ins Aktuelle geht es nun weiter in die Vergangenheit zurück, doch auch dort begegnen uns irritierende Phänomene.
So fragt man sich, was diesen Ford Köln und das wackere Pferd mitsamt seinem Herrn verbunden haben mag. Zufall oder hatte hier der Wagen den Geist aufgegeben und steht im Begriff, mit 1 PS abgeschleppt zu werden?
Ford „Köln“; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Der kleine Ford aus Kölner Produktion – der Name war Programm – war schon einige Mal Gast in meinem Blog. Auch diesmal lässt sich zu dem von den englischen Ford-Werken entwickelten Modell, das in den USA kein Mensch kennt, wenig Positives sagen.
Mit 21 PS aus 1 Liter Hubraum zählte der Ford zu den Einsteigermodellen am deutschen Markt, freilich ohne so attraktiv und preisgünstig daherzukommen wie die kleinen DKWs, die zudem fahrwerkseitig moderner waren.
Nur gut 11.000 Stück entstanden ab 1933 vom Ford Köln – über einen Zeitraum von 4 Jahren war das dürftig – vor allem gemessen am adretten und mit 34 PS ordentlich motorisierten Nachfolger „Eifel“, der ab 1935 in über 60.000 Exemplaren gebaut wurde.
Heute ist der Ford „Köln“ immerhin gut dafür, nachhaltig zu irritieren, jedenfalls in meinem Blog, denn überlebende Wagen dürften rar sein.
Hier haben wir das bereits mit 1 PS abgelichtete Exemplar bei anderer Gelegenheit – jetzt wieder mit Motorproblemen und außerdem Polizeibesuch:
Ford „Köln“; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Doch auch hier finden sich irritierende Perspektiven – irgendetwas stimmt hier nicht, irgendetwas verschwimmt, ist kaum zu greifen, wirkt schwer verständlich.
Sie sehen, das eingangs angerissene Thema holt uns hier wieder ein. Man hat das Gefühl tiefer Verwirrung, meint seinen Sinnen nicht trauen zu können. Kann es sein, dass man das ganze Durcheinander nur träumt?
An dieser Stelle gilt es, sich an einen Grundsatz zu erinnern, der einem vor einigen Jahren schon einmal gute Dienste leistete. Man darf Bildern nicht trauen, darf sie keine Macht über den Verstand erlangen lassen.
Bilder haben erhebendes wie manipulatives Potenzial – das liegt in der Natur unserer Wahrnehmung. Doch durch Anwendung der Vernunft können wir die Kontrolle zurückerlangen.
Im vorliegenden Fall genügt bereits eine Drehung um 90 Grad, um der irritierenden Perspektive Sinn abzugewinnen – allerdings braucht der Kopf einen Moment, um durch die Täuschung der Sinne hindurchzuschauen.
Dazu muss man sich zwingen, das vordergründig Sichtbare zu ignorieren, hier den Ford „Köln“. Beginnt man vom linken Bildrand aus, die Szene neu zu betrachten, gewinnt man plötzlich eine ganz andere Perspektive:
Ford „Köln“; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Haben Sie das Rad mit dem großen Bolzenkreis, die geöffnete Tür und das Trittbrett registriert? Das ist die andere Wahrheit hinter der sich vordergründig aufdrängenden.
Natürlich ist das eine Doppelbelichtung, wie sie nur in der Analogfotografie möglich war, wenn der Filmtransport zwischen zwei Aufnahmen versagte oder vergessen wurde.
Irritierend bleibt das Ganze trotzdem, weil der Sehsinn ständig zwischen den beiden Ebenen umschalten will – wir haben es nun einmal gern eindeutig. Doch die Welt tut uns nicht den Gefallen, so zu sein.
So ist das übrigens auch heute mit den Perspektiven des Ford-Werks in Köln. Aufgrund des erwartbaren Fehlschlags der dort angesiedelten Elektroauto-Produktion („Einstiegs“-Preis des „Explorer“: 40.000 EUR…) ist der traditionsreiche Standort gefährdet.
Von einst über 20.000 sinkt den Planungen gemäß die Zahl der Arbeiter in Köln bis 2027 auf 9.000 – die Deindustrialisierung Deutschlands setzt sich also auch hier Ford…
Immerhin kann ich im Blog eine positive Perspektive zeichnen – denn der geisterhaft auf dem Foto des Ford „Köln“ abgelichtete Wagen dürfte ein Adler „Standard 6“ gewesen sein. Den haben wir schon lange nicht mehr behandelt, das muss sich ändern!
Copyright: Michael Schlenger, 2026. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.
Heute kann ich Sie endlich auf die bereits angekündigte Landpartie mitnehmen – wie immer ein Trip in die Welt von gestern, doch mit den Mitteln der Moderne lebendig gemacht.
Mit dezenten KI-Animationen lässt sich die Magie originaler Vorkriegsfotos noch besser vermitteln, meine ich. „Aber original ist das doch dann nicht mehr„, könnte jetzt ein strenger Hohepriester des Wahren, Schönen, Guten einwenden.
Gewiss, aber dann dürfte ich jetzt auch kein mit digitalen Mitteln kreiertes Musikerlebnis genießen, wie ich das gerade tue (BWV 131, aufgeführt im Juli 2000 in der Blasiuskirche, Mühlhausen, mit dem unerreichten Monteverdi Choir unter John Eliot Gardiner).
Original wäre strenggenommen nur das Studium des Manuskripts von Meister Bach – für Kenner und Eingeweihte ein Genuss, aber fehlt da nicht etwas?
Das kann und muss der Mensch von heute selbst entscheiden – so ist das auch mit den Fotos von Vorkriegsautos in meinem Blog. Sie können sich auf deren Betrachtung beschränken, niemand muss sich auf eine zeitgenössische Interpretation einlassen.
Einverstanden?- Gut, also starten wir mit folgendem Foto aus meinem Fundus, das einen Citroen des Vierzylindertyps C4 zeigt, welcher ab 1928 gebaut wurde (auch im Kölner Werk der Marke):
Citroen C4, Zulassung: Landkreis Burg (Sachsen); Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Citroens waren in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre auf deutschen Straßen ein ebenso alltäglicher Anblick wie Fiats oder US-Fabrikate. Auf heutigen „Oldtimer“-Veranstaltungen in Deutschland erinnert hingegen kaum etwas daran.
Tatsächlich waren es nur Citroen und Fiat, die in Europa direkt nach dem 1. Weltkrieg eine wirkliche Massenfabrikation nach amerikanischem Vorbild zustandebrachten. In Deutschland unternahm zwar Brennabor einen Versuch in der Richtung, doch wurde der vermutlich durch die Inflationskatastrophe der frühen 1920er zunichtegemacht.
Jedenfalls waren gegen Ende der 20er in der Mittelklasse Citroen und Fiat am deutschen Markt neben den US-Importwagen enorm präsent und halfen die Lücke zu schließen, die sich zwischen dem heimischen Angebot und der rapide wachsenden Nachfrage auftat.
In meinen seit über 10 Jahren ohne bewusste Präferenz aufgebauten Markengalerien nehmen Fiat und Citroen entsprechend breiten Platz ein. Beide Firmen waren im Unterschied zu den US-Herstellern bereits ab den frühen 20ern in deutschen Landen gut vertreten, das ist jedenfalls mein Eindruck.
So wirklich Eindruck macht der in Sachsen zugelassene brave Citroen auf dem ersten Foto aber nicht, könnte man meinen. Das ist freilich die moderne Wahrnehmung, denn damals war in Deutschland außerhalb der Städte jedes Automobil noch etwas Besonderes.
Bekam man doch einmal Besuch von so einem Gerät, dann verabschiedete man es im Bewusstsein der Exklusivität des Erlebnisses – danach kehrte wieder Ruhe im Dorf ein:
Citroen C4 Limousine; KI-basierte Animation: Michael Schlenger
Naja, jetzt ist er halt weg der Citroen, könnte man denken. Das macht doch noch keine Landpartie aus.
Völlig richtig, daher blieben wir dran und schauen, ob wir so einen Citroen nochmals in freier Wildbahn vor die Linse bekommen.
Schwierig ist das nicht angesichts der Fülle an verfügbaren Originalfotos des Typs C4, der sich äußerlich vor allem durch die durchgehende Reihe an Luftschlitzen in der Motorhaube vom Vorgängermodell B14 unterscheidet.
Da haben wir auch schon so ein Exemplar – wenngleich auch auf einer Aufnahme, welche die einstigen Passagiere in den Mittelpunkt stellt.
Recht so, denn die zweibeinigen Zeitgenossen hauchen den Vorkriegsmobilen erst das Leben ein, das man sich wünscht, wenn man sich nicht nur für die technische Schöpfung interessiert:
Citroen C4; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Gerade solchen schönen Dokumente findet man immer noch in großer Zahl für kleines Geld, weil sich viele Sammler nicht für solche Ausschnitte interessieren und die Verkäufer meist keine Ahnung davon haben, was sie da anbieten.
Ich kaufe solche Aufnahmen häufig auch dann, wenn ich selbst noch nicht sicher bin, was darauf für ein Wagen zu sehen ist – meist fügt sich der Fund dann schon in den Fundus ein.
So war das auch hier – vom Kühler und der Motorhaube ist gerade genug zu sehen, um das Auto als Citroen ab 1928 zu identifizieren. Dabei sprechen die schlichten Nabenkappen eher für das Vierzylindermodell C4, während der Sechszylinder große Radkappen besaß.
Das ist aber auch gar nicht so wichtig. Mehr Zeit habe ich darin investiert, der von mir genutzten KI beizubringen, was Sie auf folgender Animation sehen:
Ja, es geht hier etwas hektisch zu, aber man hatte es offenbar eilig und immerhin tun die Herrschaften (m/w/d) hier so ziemlich genau das, was ich angeordnet hatte.
Weiter geht es nun über Land bis ans Ziel, das sich in einem „besseren“ Viertel eines unbekannten Orts befand. Ich vermute, dass wir es mit einer Urlaubsregion in Nähe der See zu tun haben, wäre aber auch für konkrete Vorschläge dankbar.
Jedenfalls sehen wir hier schnieke Häuser aus der Zeit des späten Jugendstils, also kurz vor dem 2. Weltkrieg, mit einer Fachwerk-Backstein-Fassade, wie ich sie so bislang aus dieser Epoche noch nicht kannte:
Citroen C4; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Klar ist aber, dass wir hier wieder eine Limousine des Typs C4 von Citroen habe – der markante Schwung des hinteren Haubenabschlusses war damals typisch für die Wagen jener Marke.
Erstaunlich, was so ein Detail zum dynamischen Erscheinungsbild eines solchen sonst wenig auffällig gestalteten Autos beitrug.
Lange Zeit waren diese Citroen für mich nur eine Randscheinung, die im Schatten des sensationellen Frontantriebsmodells „Traction Avant“ der 30er Jahren stand. Inzwischen habe ich verstanden, wie bedeutend diese Fahrzeuge einst auch für den deutschen Markt waren und wie gekonnt sie in jeder Hinsicht waren.
Die von den damaligen Polit-„Eliten“ propagierte Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland entpuppt sich auf solchen Alltagsdokumenten als absurdes Konstrukt.
Wer in Deutschland Ende der 20er bzw. Anfang der 30er so einen Citroen fuhr, wusste genau, was diese Fahrzeuge auszeichnete – aber Autobesitzer waren eine Minderheit.
Jedenfalls präsentiert auch die KI hier wunschgemäß ein reines Idyll:
Tja, so hätte es eigentlich auch bleiben können. Die Leute leben ihr Leben friedlich und versuchen, das Beste daraus zu machen. Sie wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden.
Erst aus reinem Machtkalkül entwickelte politische Ideologien lassen das Gift entstehen, das – einmal in die Köpfe der Masse eingedrungen – dazu führt, dass Nachbarn und enge Verwandte aufeinander losgehen, sei es in Bürgerkriegen oder in Völkerschlachten.
Betrachtet man diese Zeugnisse der Vorkriegszeit, noch dazu lebendig gemacht durch moderne Technik, bleibt ewig unverständlich, wie man das friedliche Miteinander, den Handel und den Wettbewerb von Innovationen und Ideen gegen die gewalttätige Auseinandersetzung tauschen konnte.
Ich meine: Würde man die Bevölkerung vor jedem Waffengang fragen, würde es nicht dazu kommen. Vielleicht unterschätze ich aber auch die Abgründe der menschlichen Natur…
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Hallo, in Ergänzung zu meinem schriftlichen Kommentar hier noch ein Simson Supra in der Sportversion als zeitgenössisches Bild. Zu sehen ist der bekannte Fahrer Carl Kappler.
Zum Pontiac möchte ich gerne noch einen Chrysler und einen Opel beisteuern. Vielleicht kann der Blog-Wart das Modell beim Chrysler bestimmen? Würde mich freuen. In der Galerie gibt es ja schon ein Winterbild eines Chrysler 4. Zum Opel 4PS steht alles andere auf der Ansichtskarte.
KD
Anmerkung:
Als Blog-Wart erlaube ich mir die direkte Kommentierung – beides großartige Fotos, danke! Vom wackeren Opel 4 PS-Modell meint man schon alles gesehen haben, aber im Zusammenspiel mit den Frachtschiffen im zugefrorenen Kieler Hafen entwickelt auch dieser Großserientyp einzigartigen Reiz.
Zum Chrysler: Die Wagen der Baujahre 1925 bis 1926 sind schwer auseinanderzuhalten. Vier- und Sechszylinder unterschieden sich anfangs in der Seitenansicht kaum, der Radstand differerierte nur geringfügig. Im direkten Vergleich von vorn betrachtet sind die Unterschiede in der Proportion angeblich markanter. Zudem ergaben sich speziell bei den Scheinwerfern während der Produktion einige Änderungen. Der Wagen auf dem Bild würde zu einem Vierzylinder ab 1926 passen, aber den kurzen Radstand verwendete auch der kleine Sechszylinder 60 von 1926/27, während der Chrysler 70 erkennbar größer war. Mit „Chrysler um 1926“ sind wir auf der sicheren Seite. Zulassung: Landkreis Hildburghausen.
Dies ist die letzte Folge meiner Fotoreise im Automobil durch das alte Italien. Nach Teil 1 und Teil 2 werden Sie spätestens jetzt neue Erfahrungen an (vielleicht) bekannten Orten machen – wenn auch nicht so, wie Sie das vielleicht erwarten mögen.
Erinnern wir uns: Die bisherige Route, auf der wir ein mutmaßlich deutsch-italienisches Paar mit Wohnsitz in Rom auf diversen Autotouren durch Mittelitalien begleiten, endete zuletzt vorerst in den Abruzzzen.
In einem der dortigen Orte waren wir einem distinguierten Herrn im weißen Sommeranzug und mit schwarzer Trauerbinde begegnet.
Abruzzen, 1937/38; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Kurz zuvor hatten wir Loreto Aprutino besucht, den Heimatort von Giacomo Acerbo – verantwortlich für Agrarangelegenheiten in der damaligen Regierung Italiens:
Dass dies von unseren Reisenden ausdrücklich auf dem Foto vermerkt worden war, hätte mich stutzig machen sollen. Weshalb sollte man ein solches Detail für erwähnenswert halten, wenn einem nach antiken Ruinen und christlichen Stätten der Sinn steht?
Meine bessere Hälfte unternahm das Naheliegende und rief zeitgenössische Fotos von Giacomo Acerbo auf – und siehe da: die Ähnlichkeit des oben abgebildeten Herrn mit dem damaligen Wissenschaftler und Politiker ist frappierend – man kannte sich offenbar.
Zudem ergab eine Nummmernschildrecherche über eine Facebook-Gruppe zu italienischen Vorkriegswagen, dass es sich bei dem Wagen im Hintergrund um einen Alfa Romeo 6C 2300B zugelassen im Mai 1938 auf die italienische Regierung handelte.
Der Zugang unserer Reisenden zu Prominenz auf dieser Ebene hätte eine beträchtliche Plausibilität, wie wir noch sehen werden. Doch um das zu erleben bzw. zu erfahren, müssen wir erst wieder etwas Strecke mit dem Auto machen.
Rund 200 Kilometer auf Kurs Süden von den Abruzzen an den Golf von Neapel haben wir vor uns, bevor wir schließlich diese Aussicht genießen dürfen:
Neapel 1937/38; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Diese klassische Ansicht des Vesuvs gewinnt zusätzlichen Reiz durch die elegante große Motorjacht im Mittelgrund, die vielleicht ein sachkundiger Leser identifizieren kann. Der Besitzer dürfte jedenfalls zur damaligen Haute Volée gehört haben.
Bemerkenswert finde ich, dass sich von der Bauart der Schiffe abgesehen an diesem Ort kaum etwas geändert hat. Selbst die Brüstung im Vordergrund ist noch da, wie ich bei meinem letzten Neapel-Besuch anno 2017 nebenbei festgehalten habe:
Neapel 2017; Bildrechte: Sammlung Michael Schlenger
Übrigens ist Neapel – ganz gleich, was Sie darüber gehört oder gelesen haben – eine der faszinierendsten Städte Italiens.
Die quirlige Altstadt mit 2500 Jahren erlebbarer Historie ist weniger gefährlich als Sie denken mögen. Außer um vielleicht die Handtasche muss man dort um nichts fürchten – an manchem deutschen Großstadtbahnhof muss man sich inzwischen mehr Sorgen machen, so ändern sich die Zeiten.
Während es im Untergrund Neapels vieles Spannendes aus der Geschichte der Stadt zu sehen gibt, bietet die Altstadt auch im Tageslicht immer neue Schätze, die von den Archäologen zutagegefördert werden.
Dazu zählt beispielsweise das lange überbaute römische Bühnentheater, das in den letzten 25 Jahren wieder zugänglich gemacht wurde:
Natürlich will der typische Neapel-Reisende auch hoch hinaus auf den Vesuv – wobei mir selbst die Motive dafür weniger zugänglich sind – die nackte brutale Natur zieht mich weniger an – ich bevorzuge die vom Menschen miterschaffene Kulturlandschaft.
Dennoch können wir uns bei der heutigen Gelegenheit dem touristischen Pflichtprogramm nicht entziehen und werden immerhin durch diese Aufnahme aus der Einöde am Gipfel des Vulkans entschädigt:
Auf dem Vesuv 1937/38; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Was mir hier besonders gut gefällt, ist die heute undenkbare Reisekleidung der beiden Damen, die neben dem ortskundigen Führer posieren.
Die aus meiner Sicht abscheuliche Kunststoff-Funktionskleidung unserer Tage, die gern schon am Flughafen angelegt wird und vornehmlich der Autosuggestion von Abenteuer dient, war noch nicht erfunden.
Im Anschluss an die Vesuv-Besteigung war und ist unvermeidlich der Besuch der antiken Stätten, deren Zerstörung beim Vulkanausbruch im Jahr 79 nach Chr. die kulturell folgenreichste Naturkatastrophe der europäischen Geschichte war.
Nachdem bereits die Renaissance ihre Inspiration aus den Hinterlassenschaften der griechisch-römischen Antike bezogen hatte, waren es die Funde der Alltagskultur aus Pompeji und Herculaneum, welche eine Vorstellung von der ganzen Fülle der damaligen Lebenswelt vermittelten und in der Kunstepoche des Klassizismus umfassenden und bis in die Gründerzeit reichenden Widerhall fanden.
Die großartigsten Zeugnisse wurden in das sensationelle Nationalmuseum in Neapel verbracht, das allein schon einen Besuch der Stadt rechtfertigt. Der Besuch speziell von Pompeji mag indessen ernüchternd erscheinen, weil der Eindruck einer reinen Ruinenlandschaft dominiert, die an bombardierte Städte der Neuzeit erinnert.
Unsere Reisenden haben diese morbide Stimmung durchaus trefflich eingefangen:
Pompeji 1937/38; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Doch auch die malerischen Seiten der legendären Ruinenstadt mit griechischen Wurzeln wurden bei dieser Gelegenheit gekonnt festgehalten.
Hier haben wir als Beispiel die Gräberstraße direkt vor der Stadt, die neben dem Amphitheater zu den sehenswertesten Örtlichkeiten in Pompeji gehört:
Pompeji 1937/38; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Wenn man nur wenig Zeit hat in Neapel und Umgebung, empfehle ich ohnehin den Besuch der kleineren, aber insgesamt reizvollereren und in Teilen besser erhaltenen benachbarten Ruinenstadt Herculaneum.
Dort bekommt man den Eindruck einer typischen römischen Hafenstadt der „normalen“ Bevölkerung ohne die Präsenz der großen alten Patriziervillen wie in Pompeji. Zudem macht der Erhaltungszustand vieler Holzstrukturen Herculaneum einzigartig.
Dass unsere Reisenden ein etwas konfus wirkendes Bild der antiken Stadt hinterlassen haben, liegt daran, dass wir es hier mit einer Doppelbelichtung ein und desselben Negaivs zu tun haben:
Herculaneum 1937/38; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Der Blick auf Herculaneum von der Seeseite her wird sich gleich klären, denn bei meinem letzten Besuch habe ich eine ähnliche Aufnahme gemacht, welche die Strukturen deutlicher macht.
Schauen wir aber zuerst, was bzw. wer sich auf der Doppelbelichtung verbirgt, nachdem das vorherige Foto um 90 Grad gedreht wurde:
Herculaneum 1937/38; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Solche Doppelbelichtungen haben oft etwas Gespenstisches an sich – so auch in diesem Fall.
Also zaubern wir das Konterfei der Dame im gestreiften Sommerkleid wieder weg, um einen unverfälschten Blick auf Herculaneum zu gewinnen – diesmal jedoch aus der leicht abweichenden Perspektive des Jahres 2017:
Herculaneum 2017; Bildrechte: Michael Schlenger
Auch diese Aufnahme entstand von der Seeseite her mit Blick auf die Brüstung der alten Stadtmauer. Im Hintergrund sieht man die nur wenig veränderten Häuser der modenen Stadt, unter der sich noch ein Großteil des antiken Herculaneum verbirgt.
Vorne leicht links der Mitte sieht man einen hübschen Pavillion auf vier Säulen mit einem Tisch auf Löwenfüßen – auf dem Foto unserer Reisenden ganz links am Rand befindlich.
Dieses reizvolle Detail haben aber auch sie damals festgehalten, wenn auch aus der Gegenrichtung und wie so oft mit malerischem Blick:
Herculaneum 1937/38; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Als nächstes dokumentiert ist eine Tour mit dem Schiff durch den Golf von Neapel und weiter hinaus an der Sorrentiner Halbinsel vorbei.
Man unternimmt diese Fahrten heute entweder im Rahmen des Lokalverkehrs mit dem Tragflügelboot oder mit der Fähre, wenn es beispielsweise nach Capri geht.
In jedem Fall legt man vom Hafen in Neapel ab, von wo aus man die auf der gegenüberliegenden Seite des Golfs liegende Halbinsel von Sorrent im Dunst liegen sieht – hier vom Castel d’Ovo aus, wie vor Jahren von mir festgehalten:
Neapel 2017; Bildrechte: Michael Schlenger
Wen es weiter hinauszieht, etwa in Richtung Sizilien wie einst schon Goethe, der wählt freilich ein größeres seegängiges Schiff.
Unsere Reisenden haben so eine Fahrt damals selbst unternommen, doch bei der Gelegenheit einen anderen „Dampfer“ gewählt als den, der hier gerade vor der Halbinsel von Sorrent entlangfährt – dies dürfte sogar ein Überseeschiff gewesen sein:
Golf von Neapel, 1937/38; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Was heute kaum mehr möglich sein dürfte, war die Mitfahrt auf einem Schiff eines ganz anderen Kalibers, welche unseren Reisenden dank ihres gehobenen Status im Rahmen einer großen Flottenparade einst erlaubt war.
Dazu kehren wir nochmals in den Hafen von Neapel zurück.
Dort ist „unser Dampfer“ mit Hilfe zweier Schlepper gerade am Ablegen. Dabei bietet sich ein beeindruckendes Motiv in Gestalt eines Kreuzers der italienischen Kriegsmarine der „Zara“-Klasse, wie ich meine:
Hafen von Neapel, 1937/38; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Wie rechts unten zu erkennen, ist auf dem Schiff, das unsere Reisenden nahmen, ein Teil der Besatzung auf Deck angetreten, während zwei Passagiere an der Reling das Spektakel betrachten.
Bei dieser Gelegenheit haben unsere Reisenden fleißig weiterfotografiert. Die Bilder haben dasselbe Format und sind mit demselben Stempel des römischen Fotoladens versehen wie die bisherigen, sind also keine gekauften offiziellen Aufnahmen.
So wissen wir nun, dass sich unsere Reisenden als Gäste selbst an Bord eines solchen Kriegsschiffs befanden, denn schon beim nächsten Foto kommen die Rohre des vorderen Geschützes ins Blickfeld:
Hafen von Neapel, 1937/38; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Faszinierend ist hier der Gegensatz zwischen den beiden alten Dreimast-Segelschiffen im Hintergrund – wohl Schulschiffe der italienischen Marine – und dem direkt vor uns liegenden Schlachtschiff der „Conte-Cavour“-Klasse, wenn ich das richtig sehe.
Diese „kleinen“Schlachtschiffe – die Italiener besaßen damals noch größere – sind recht gut anhand der Kombination von Geschütztürmen mit zwei und drei Rohren zu erkennen.
Aufgrund dieser Besonderheit vermute ich, dass „wir“ uns ebenfalls auf einem Schiff dieser Klasse befinden, das nächste Foto legt das nahe:
Hafen von Neapel, 1937/38; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Man muss zugeben: es gibt wenig beeindruckendere Dokumente des menschlichen Erfindungsgeistes zur zielgerichteten Vernichtung von Volksvermögen und Menschenleben als diese stählernen Kolosse, die bei aller Feuerkraft enorm verwundbar und in nur in wenigen Fällen von militärischem „Wert“ waren.
Über kurz oder lang endeten alle diese Schiffe auf dem Meeresgrund, als schwimmende Unterkunft im Hafen oder beim Abwracker – das war auf deutscher und italienischer Seite in Abwesenheit ausreichender Fliegerabwehr ähnlich.
Immerhin das hat man aus der Geschichte gelernt, dass kostspielige Großkampfschiffe in aller Regel zu kaum mehr geeignet sind, als Macht zur See zu demonstrieren.
Und das gelang bei der Parade ganz ausgezeichnet, deren Zeugen und Teilnehmer unsere privilegierten Reisenden damals offenbar waren. So verschossen sie ihr wohl letztes Bild auf dem Rollfilm an diesem Tag bei dieser Gelegenheit:
Flottenparade zwischen Capri und der Halbinsel von Sorrent, 1937/38; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Zwar ist diese Aufnahme nicht beschriftet, doch wer den Golf von Neapel kennt, der weiß, dass links von uns Capri liegt und rechts die Halbinsel von Sorrent mit dem Kap Punta Campanella – nebenbei eine herrliche Gegend zum Wandern mit gigantischen Ausblicken über den Golf und entlang der Costiera Amalfitana.
Wer sich vom Anblick der italienischen Kriegsflotte erholen muss, kann dies heute an Ort und Stelle im Drohnenflug tun.
Der beginnt an der Punta Campanella rechts und geht nach kurzem Überflug der angrenzenden Badebuchten nach Westen auf Capri zu. Nur zivile Tragflügelboote und stolze Yachten durchpflügen dort heute die See…
Auch unsere Reisenden bedienten sich anschließend wieder eines zivilen Fortbewegungsmittels in Form ihres Automobils – sie nahmen als nächste und letzte Etappe ihrer Reise die spektakuläre „Amalfitana“ in Angriff.
Die rund 50 km lange Panoramastraße entlang der wildromantischen Amalfiküste östlich von Sorrent ist für sich bereits ein Genuss – und ein bautechnisches Meisterwerk. Sie enstand MItte des 19. Jh. zur Erschließung der nur vom Meer aus zugänglichen einst hochbedeutenden Orte Positano und Amalfi.
Die extremem Herausforderungen der Topografie und der Geologie entlang der Steilküste wurden in bewundernswerter Weise mit unzähligen Kunstbauten gelöst, die im Wesentlichen bis heute ihren Dienst tun.
Vom sicher anzunehmende Aufenthalt unserer Reisenden in Positano – dem ersten großen Ort an der Küstenstraße hat sich leider kein Foto erhalten. Daher „muss“ ich mit eigenem Material diese beklagenswerte Lücke füllen:
Santa Maria Assunta, Positano 2014; Bildrechte: Michael Schlenger
Von Positano aus müssen unsere Reisenden den weiteren Weg entlang der Küste Richtung Amalfi genommen haben, es gibt keine Abzweige dort. Unterwegs fährt man durch kleinere Küstenorte wie Praiano und Conca dei Marini – immer abgelenkt von den wechselnden Blicken auf die großartige Küstenlandschaft.
Von der beeindruckenden Stadtanlage der einst mächtigen Seerepublik Amalfi – vor dem Aufstieg von Venedig die im östlichen Mittelmeer dominierende Handelsmacht – sind uns leider keine Fotos von der Reise Ende der 1930er Jahre überliefert.
Also muss ich auch hier der Vorstellung auf die Sprünge helfen:
Amalfi 2014; Bildrechte: Michael Schlenger
Allerdings wissen wir sicher, dass unsere Reisenden zumindest am Hafen von Amalfi haltgemacht haben.
Denn von dort aus präsentiert sich noch heute genau die folgende fotografisch festgehaltene Ansicht, die Ausläufer von Amalfi in Richtung des Nachbarorts Atrani zeigt. Selbst die Steinplatten sind heute noch die gleichen, nur eine Kutsche wartet dort heute nicht mehr auf Passagiere:
Amalfi, Blick Richtung Atrani, 1937/38; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Statt der Kutsche nahmen unsere Reisenden sicher wieder das Auto, denn das nächste Ziel liegt rund 350 Meter oberhalb der Stadt in exklusiver Lage und mit grandiosem Blick über die Küste und den angrenzenden Golf von Salerno bis hin zu den Bergen des südlich gelegenden Cilento.
Dieses Ziel heißt Ravello und ist der wohl bemerkenswerteste Ort an der gesamten Amalfiküste. Wo heute nur noch ein beschauliches Städtchen hoch über dem Meer träumt, befanden sich einst ein Bischofssitz, großzügige Kirchen und Paläste.
Viele tausend Menschen lebten hier während der Blütezeit im Mittelalter – heute künden nur noch im Gelände verteilte bedeutende Bauten von der einst ausgedehnten Siedlung.
Hier hielten sich unseren Reisenden zu einem ausgiebigen Besuch auf, nachdem sie das Auto verlassen hatten – in diesem Fall wohl ein einheimisches Taxi, dessen Heck auf folgender Aufnahme links zu sehen ist.
Wäre es irgendein zufällig herumstehender Wagen gewesen, hätte man es wohl vermieden, diesen in die Ansicht des Doms von Ravello einzubeziehen, der von außen wenig von der Pracht im Innern ahnen lässt:
Ravello, Dom, 1937/38; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Zu den weiteren Sehenswürdigkeiten Ravellos gehört der Garten der mittelalterlichen Villa Rufolo, welcher nach jahrhundertelangem Schlummer im 19. Jh. von einem Schotten wieder zum Leben erweckt wurde.
Den Eingang zu diesem magischen Ort markiert ein abweisend wirkender Turm. Als unsere Reisenden ihn fotografierten, war die Fassade des angrenzenden Gebäudes mit folgendem Spruch versehen – der heute verschwunden ist:
„Auf dem Land, auf dem Meer und am Himmel finden sich überall die Zeichen unserer Macht und unseres Willens.“
Ravello, Eingang zur Villa Rufolo 1937/38; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Darin spiegelt sich der umfassende Herrschaftsanspruch der damaligen faschistischen Regierung Italiens, ermöglicht durch moderne Technologie wie Kraftfahrzeug und Flugzeug.
Kurioserweise – oder vielleicht nicht zufällig – wurde diese Botschaft an einem hoch über dem Meer gelegenen, einst weithin herrschenden und wirkenden Ort angebracht. Wir lassen dies auf sich beruhen und treten in den verwunschenen Garten der Villa Rufolo ein.
Eine Vorstellung von der exotischen Schönheit, die sich einem gleich nach dem Betreten darbietet, mag diese Aufnahme aus meiner Hand vermitteln, die auf der Rückseite des Turms am Eingang entstand:
Ravello, Park der Villa Rufolo, 2014; Bildrechte: Michael Schlenger
Hier kann man sich in eine imaginierte Vergangenheit träumen – wie einst der Komponist Richard Wagner, der im Park der Villa Rufulo der Inspiration zur Musik „Klingsors Zaubergarten“ fand – so ist es jedenfalls überliefert.
Von hier stammt auch das letzte Foto, das unsere Italienreisenden von Ende der 1930er Jahre hinterlassen haben.
Es mutet mit seiner verschlungenen, arabisch inspirierten Ornamentik rätselhaft an wie manches im Zusammenhang mit dieser Tour, deren Zeuge wir sein durften:
Villa Rufolo 1937/38; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Damit wäre ich eigentlich am Ende – drei Tage intensiver Arbeit stecken in der Aufbereitung dieser Aufnahmen, in denen das Automobil auf den ersten Blick zwar nur eine Nebenrolle spielte, aber als Möglichmacher dieser Erfahrung letztlich entscheidend war.
Ich habe selbst dabei vieles wiedererlebt und hinzugelernt. Insofern war diese Entdeckungsreise ein egoistisches Projekt – uninteressant für alle, die nur auf alte Autos fixiert sind und die Auseinandersetzung mit der Welt von damals scheuen.
Dabei habe ich aber auch an die Leser gedacht, denen solche Reisen selbst nicht (mehr) möglich sind, denen es vielleicht gerade nicht so gut geht, die an vielem an der Gegenwart leiden und für die es Balsam ist, die Wunder Italiens auf diese Weise zu erfahren.
Und wissen Sie was? Am Ende bin ich mir bei alledem selbst begegnet – nämlich im Park der Rufulo sitzend und versonnen in die Ferne aufs Meer schauend:
Im Park der Villa Rufulo, 2014; Bildrechte: Michael Schlenger
Ich weiß: Man soll sich nicht selbst loben, aber ich meine Grund dafür zu haben, mit mir zufrieden zu sein nach dieser durchaus anstrengenden Tour – und nach 10 Jahren Bloggerei im Auftrag des Vorkriegs-Automobils.
Ich könnte jetzt noch ein wenig vor mich hinträumen, doch irgendwann muss ich in die Wirklichkeit zurückkehren.
So verlasse ich am Ende diesen magischen Ort, wechsele in den Farbmodus und in die dritte Dimension, fliege wieder der Heimat im Hier und Jetzt entgegen.
Doch selbst dabei lässt mich die Magie Italiens nicht ganz los:
Blick auf Terracina und den Monte Circeo, 2014; Bildrechte: Michael Schlenger
Auf dem Weg nach Norden grüßt noch einmal der Monte Circeo südlich von Rom, den ich auf unserer automobilen Zeitreise wieder besuchen durfte.
Er wartet geduldig auf ein Wiedersehen – natürlich im Automobil…
Copyright: Michael Schlenger, 2025. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.
Ein Blog ist nicht darauf angelegt, dass der Verfasser darin spezielle Wünsche von Lesern berücksichtigt. Doch jüngstes Feedback eines Users – so die einst fachchinesische, heute gängige Formulierung für „Leserkommentar“ – veranlasst mich ausnahmsweise dazu.
Kurioserweise passt der thematisierte Aspekt ausgezeichnet zu dem, was ich mir ohnehin bereits ausgedacht hatte. Einen „exklusiven“ Einstieg ins Wochenende hatte ich vorgesehen – dabei bleibt es auch, bloß mit einem kleiner Anpassung des „Wording“.
Aus „exklusiv“ wird „elitär“ – sonst ändert sich nix so sehr. Denn ob exklusiv oder elitär, die ganze Veranstaltung hier ist schon aufgrund des Themas eine ebensolche.
Hier begegnen einem nicht nur automobile Zeugen der Vorkriegszeit, auch am einschlägigen Vokabular von damals kommt man schwerlich vorbei. Es begegnen einem Begriffe, die sonst kein Mensch im Alltag verwendet:
Ob Windlauf, Kühlermaske oder Scheinwerferstange, ob Tulpenkarosserie, Landaulet oder Business Coupe, ob Seitenventiler, Getriebebremse oder Bergstütze – ständig wird man mit Neuem konfrontiert, das doch uralt ist.
Das kann man sich ebenso nebenbei aneignen, wie man das selbstverständlich mit anderem Vokabular macht – ob notwendig oder nicht.
Bei Konsumgütern geht das bemerkenswert leicht von der Hand. Unsere Eltern konnten mit Begriffen wie Laptop, Smartphone oder 2-Faktor-Authentifizierung nichts anfangen. Heute wirft jeder lässig damit um sich, geht selbstverständlich „online“, verschiebt „Spam“-Nachrichten in den Papierkorb, erstellt „Prompts“ in einer KI usw.
Was ich sagen will: Sprache entwickelt sich laufend weiter und wir müssen zusehen, dass wir damit Schritt halten. Das ist Alltag und oft bemerkt man kaum, wie sich das vollzieht.
Meist ist das von purer Bequemlichkeit getrieben. Denn fast immer handelt es sich um aus dem Englischen bzw. Amerikanischen entlehnte Termini, die schwer zu (üb)ersetzen sind. Mitunter gibt es deutsche Entsprechungen, aber sie sind selten so knapp und eingängig.
Diese englischen Einsprengsel in unserer Sprache erfüllen denselben Zweck wie früher die dem Lateinischen und Griechischen entlehnten Begriffe. Auch dort gibt es eingängigeres und weniger eingängigeres Vokabular. Mit einer „Renovierung“ kommt jeder früher oder später in Berührung – bei einer „Restaurierung“ sieht das schon anders aus. Das wird einem erst zugemutet, wenn man sich auf die elitäre Beschäftigung mit Antiquitäten einlässt – in der Alltagswirklichkeit der meisten kommt wo etwas nicht vor..
So ist es kaum zu vermeiden, dass man bei der Auseinandersetzung damit ein weites sprachliches Spektrum verwendet. Dabei kann es auch vorkommen, dass man in ironischer Absicht und unbeabsichtigt entlegen erscheinende Vokabeln verwendet.
Man mag eine Sprache, die einem bisweilen Rätsel aufgibt, als „elitär“ empfinden, doch das ist auch der Fall, wenn man einem Kunstexperten lauscht, der einen Vortrag über – sagen wir: – Pointillismus hält. Aber nur so lernt man hinzu.
Ich meine auch, dass sich die Qualität, mit der sich auseinanderzusetzen lohnt, zwangsläufig in elitären Gefilden findet. Der Begriff ist für mich grundsätzlich positiv belegt, unterstellend, dass mit Elite tatsächlich eine Bestenauswahl verbunden ist.
Ob das in unseren Tagen in allen Bereichen – Wirtschaft, Politik, Kunst, Garten- und Landschaftsbau durchweg gegeben ist, sei dahingestellt. Ich meine nur, dass wahre Qualität immer eine exklusive Angelegenheit ist.
Wer in meinem Blog mitliest, ist eingeladen, sich auf Dinge einzulassen, die ihm neu sind – ganz gleich, wie alt sie erscheinen. Der exklusive Einstieg in die Welt der Eliten von einst ist hier inklusive – also nehmen wir das Angebot dieser Dame an und steigen ein!
Na, werden Sie hier für den elend langen Vorspann ausreichend kompensiert?
Besser als das Ergebnis nach der Lektüre eines ellenlangen Auto-Bordbuchs unserer Tage voller kryptischem Vokabular ist das allemal, meine ich.
Tatsächlich ist der Einstieg in die Wunderwelt des Vorkriegsautomobils nicht ganz so einfach, wie es hier erscheint.
Es sind bei näherem Hinsehen in Wahrheit doch einige reale Hürden zu nehmen, doch gerade das macht den Reiz der Sache aus:
Dürkopp Typ P8; Originalfoto: Sammlung Jason Palmer (Australien)
Diese Aufnahme aus Deutschland von Anfang der 1920er Jahre verdanke ich kurioserweise einem Australier – Jason Palmer.
Ein weiteres Beispiel dafür, dass man seinen Horizont gar nicht weit genug fassen kann, auch wenn es dabei bisweilen einiger Anstrengung bedarf und sei es nur, dass man Sprachbarrieren durch Übung und immer wieder Übung überwindet.
Belohnt wird man durch so exklusive – von mir aus auch elitäre – Erlebnisse wie die Begegnung mit diesem Sport-Tourer des Typs P8 aus dem deutschen Hause Dürkopp.
Diese Wagen wurden ohne sonderliches Profitinteresse neben dem banalen Hauptgeschäft des Herstellers – Schreibmaschinen und Fahrräder – gefertigt.
Sie waren wunderbares Ergebnis ausgesprochen elitärer Betätigung und gaben ihren Besitzern einst Gelegenheit, sich auf sympathische Weise einem exklusiven Publikum zu präsentieren. Letzteres sind heute Sie, liebe Leser, und ich kann Sie nur ermuntern, Ihre elitären Neigungen weiterzuverfolgen – es lohnt sich.
Denn der Dürkopp P8 auf dem Foto von Jason Palmer ist uns hier schon einmal begegnet:
Dürkopp Typ P8; Originalfoto: Sammlung Jason Palmer (Australien)
In diesem Sinne wünsche ich einen möglichst exklusiven Einstieg ins Wochenende!
Copyright: Michael Schlenger, 2025. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.
In seltener Übereinstimmung mit dem sonst von mir ignorierten Zeitgeist – jedenfalls dem aktuellen – lege ich Ihnen heute dringend „Achtsamkeit“ ans Herz.
Diese wichtigtuerisch daherkommende Vokabel will das bezeichnen, was man früher so umschrieb „Passt auf Euch auf, gebt auf Euch acht, kümmert Euch um Euer Wohl, achtet auf Eure eigenen Interessen.“
Der Ansatz gefällt mir gut in Zeiten, in denen mal wieder kollektivistische Zwangsvorstellungen Konjunktur haben – leider eine regelmäßig wiederkehrende Seuche, wenn die Verheerungen des letzten Experiments in der Erinnerung verblassen.
Bloß diese sich gefühlig anschleimende Bezeichnung der „Achtsamkeit“ geht mir von jeher so auf die Nerven wie Duftkerzen oder das Kling-Klang-Klong der Windspiele, mit denen manche ihre Mitmenschen terrorisieren.
Daher plädiere ich hier und heute für die gute alte Formel „Hab(t) acht!“ – und das zugleich mit einem nicht sonderlich fernliegenden Doppelsinn.
Wie ich auf dieses Thema kam? Nun, einfach weil mich diese schöne Aufnahme darauf brachte:
Hupmobile 8 von 1927; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Sehen Sie, das sind genau die Dokumente, deretwegen hier auch viele nicht vom Autovirus befallene Zeitgenossen mitlesen. Denn ganz oft stehen bei solchen alten Aufnahmen mit Vorkriegswagen die damaligen Besitzer oder Nutzer im Vordergrund.
Das Auto war Teil ihrer Welt, ihrer Wünsche und ihres Selbstdarstellung wie außer den zweibeinigen Familienmitgliedern sonst kaum etwas anderes in ihrem Leben. Das macht aus meiner Sicht den kulturellen Rang dieser Aufnahmen aus – es sind nur selten Abbildungen rein technischer Natur.
Wie sehr sich die Dinge seither verändert haben, das sieht man nicht nur an dem grundlegend veränderten Erscheinungsbild der Menschen in der Öffentlichkeit – die meisten laufen dort inzwischen dort so herum wie zuhause kurz nach dem Aufstehen, wie im Urlaub oder – besonders kurios – wie auf einer imaginierten Expedition.
Auch die Wirkung des Automobils als ästhetisches Objekt hat sich grundlegend gewandelt – die meisten Modelle sind völlig beliebig daherkommende Nutzfahrzeuge. Vor allem an historischen Vorbildern orientierte Typen wie der Fiat 500, der Mini, der Porsche 911 oder auch das G-Modell von Mercedes sind rare Ausnahmen.
Doch selbst damit macht heute keiner mehr solche Fotos, und das hat mit den fundamental anderen Gestaltungsprinzipien von Vorkriegswagen zu tun, die solches ermöglichten:
Hupmobile 8 von 1927; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Genau das funktioniert mit den Autos der Neuzeit einfach nicht mehr. Umso mehr erfreuen wir uns an den Beispielen der Vorkriegszeit – doch gilt es heute nicht nur, sich daran zu delektieren.
Hier ist auch in besonderem Maße „Achtsamkeit“ angesagt. Denn wenn man wissen will, was für ein Auto mit Zulassung in Bayern das war, das hier als Staffage diente, dann muss man auf’s Detail achten.
Der Buchstabe „H“ auf dem Kühleremblem will zu keiner europäischen Marke passen – jedenfalls nicht was die Gestaltung der Umgebung angeht. Ob Hansa, Horch oder Hotchkiss – keiner dieser Kandidaten kam mit so einer Frontpartie daher.
Dass wir es stattdessen mit einem US-Fabrikat zu tun haben, darauf bringen uns die seitlich vor der Frontscheibe angebrachten Standlichter – bei europäischen Automobilen nach dem 1. Weltkrieg nur in seltenen Ausnahmen zu finden.
Als Kandidat lässt sich dann rasch der US-Nischenhersteller Hupmobile identifizieren, der ab 1908 Autos baute und zu den wenigen gehörte, die nie einem größeren Konzern angehörig waren.
Nach dem 1. Weltkrieg baute die von Robert C. Hupp in Detroit gegründete Firma zunächst weiterhin Vierzylindermodelle in einer Größenordnunng von einigen zehntausend pro Jahr, eher wenig nach den Maßstäben des hochentwickelten US-Automarkts, wo sich jeder ein Auto leisten konnte, der einer regelmäßigen Arbeit nachging.
1925 brachte man dann – durchaus bemerkenswert – einen 8-Zylindertyp mit über 60 PS heraus, als Serie E bezeichnet. Wer genau „acht gibt“, kann unterhalb des „H“ auf dem Kühleremblem „unseres“ Hupmobile annähernd eine „8“ erkennen:
Das ist eine bemerkenswerte Beobachtung, die das Urteil „alle Achtung!“ verdient. Denn auch wenn dieser Hupmobile von 1927 stammt, war ein Achtzylinder in der gehobenen Mittelklasse am deutschen Markt eine absolute Ausnahme.
Allenfalls einige 6-Zylindertypen brachte man unter dem enormen Konkurrenzdruck der überlegenen US-Wagen zustande, die aber nicht die Verbreitung wie die amerikanischen Originale am deutschen Markt erlangten.
8-Zylinderwagen waren bei deutschen Herstellern nur in der absoluten Luxusklasse zu finden – und das war damals vor allem eine Domäne von Horch aus Sachsen.
Man mag sich nun fragen, wie so ein Hupmobile nach Deutschland kam, aber das ist leicht zu erklären. Da die Nachfrage in deutschen Landen die Produktionskapazitäten der meist noch in Manufaktur arbeitenden lokalen Hersteller weit überstieg und die Amerikaner in vielerlei Hinsicht attraktivere, leistungsfähigere und besser ausgestattete Wagen bauten, was praktisch jede US-Marke nebenher auch bei uns aktiv.
Wer in den Staaten erfolgreich in Großserie fertigte, der konnte seine Autos auch in Europa mühelos absetzen – es gab keinen Grund an der Qualität und Leistung zu zweifeln. Wer nicht marktgerecht zu fertigen imstande war, der hatte keine Chance im Wettbewerb.
Das Beste am heute vorgestellten 8-Zylinder-Hupmobile von 1927 aber ist, dass mindestens eines der damals importierten Exemplare bei uns überlebt hat – dieses hier:
Hupmobile 8 von 1927; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Den Originalabzug verdanke ich der Großzügigkeit von Leser Helmut Kasimirowicz, der mir die Aufnahme in der berechtigten Annahme geschenkt hat, dass ich damit etwas anzufangen weiß, was auch anderen Freude macht.
Tatsächlich ist überliefert, dass dieser in der DDR am Leben gehaltene Hupmobile ebenfalls ein 1927er 8-Zylindertyp war. Denkbar, dass er schon ein Jahr früher entstanden ist oder auch ein Jahr später, das ist bei US-Modellen bisweilen nicht genau zu entscheiden.
So oder so ist das Überleben dieser Zeugen der Vorkriegszeit ausgerechnet unter den „ungünstigen“ politischen Umständen im Osten unseres Landes etwas, das mir den allergrößten Respekt abnötigt.
Während kleingeistige sozialistische Spinner an der Spitze Millionen unter ihrer Fuchtel zu halten versuchten, die vom kollektivistischen Gedanken weniger überzeugt waren, leisteten an der Basis echte Individualisten Großartiges.
Nirgends sonst in Deutschland haben soviele Vorkriegsautos die Zeiten überlebt – solche, die schon immer dort zugelassen waren und nicht erst später von Liebhabern importiert wurden.
Das war es was ich mit „Hab(t) acht“ unter anderem meinte – also, überhaupt 8-Zylinderwagen vorzuziehen, wenn man sich’s leisten kann, dann Achtung vor denen zu haben, denen wir das Überleben der raren Originale verdanken und schließlich: darauf zu achten, dass uns dieses Erbe (und einiges andere) nicht verlorengeht.
Michael Schlenger, 2025. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.
Sie bekommen hier Vorkriegs-Klassiker präsentiert aus einer bisweilen eigenwilligen Perspektive – nicht anhand restaurierter Exemplare der Gegenwart, sondern anhand Fotos originaler Fahrzeuge aus der Zeit, als diese noch in täglichem Einsatz waren.
Dabei wird einem klar, dass das Bestehen auf dem fabrikneuen Zustand, den keiner von uns noch selbst erlebt hat, eine rein willkürliche Einengung des Horizonts darstellt.
Vorkriegswagen waren oft jahrzehntelang im Einsatz, bevor sie Liebhaber- und Sammlerobjekte wurden. Sie wurden in dieser Zeit mit Accessoires ausgestattet, umlackiert, modifiziert, vom Militär genutzt und wieder der zivilen Nutzung zugeführt.
Welches dieser historischen Stadien genau soll nun „original“ sein? Für mich ist die Antwort klar: jedes davon, bevor das Fahrzeug zum überwiegenden Stehzeug wurde in privaten Sammlungen, Museen oder unterwegs auf dem Trailer zur nächsten Ausstellung.
Nachdem wir das geklärt haben – abweichende Sichtweisen dürfen im Kommentarbereich dargelegt werden, denn wir mögen Vielfalt der Auffassungen – wenden wir uns nun der kaum weniger komplexen Frage zu, was ein Auto eigentlich zum Klassiker macht.
Wie so oft pflege ich es mir einfach zu machen und sage: Klassisch ist alles, was sich zeitlos in jedem Umfeld einfügt, ohne als fremd empfunden zu werden.
Ein klassischer Konzertflügel adelt jeden noch so banalen Bauhaus-Betonbunker. Es gibt daran nichts zu verbessern (an dem Flügel, vesteht sich) und wohl niemand hätte etwas an seiner Formgebung auszusetzen – und wenn er auf einer Blumenwiese stünde.
Ok, mögen Sie jetzt sagen – so ein Flügel ist ja auch das Ergebnis von Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten der Entwicklung, kein Wunder, dass sich in seiner Form zeitlose Prinzipien manifestieren.
Aber ist es nicht einigermaßen kühn, solches von einem banalen Großserien-PKW wie dem frühen Ford „Eifel“ von 1935-37 zu behaupten?
Ja, ich kann verstehen, wenn hier einer den Kopf schüttelt. Bin ja selbst kein Enthusiast, was dieses technisch anspruchslose 1,2 Liter-Gefährt angeht – auch wenn es die Leistung des späteren 34-PS Käfers um fast 25 Jahre vorwegnahm:
Ford Eifel (frühe Version); Nachkriegsfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Aber, Hand auf’s Herz, ist die Wiedergabe des Ford auf diesem Foto nicht bereits ein Klassiker, der mit Wagen der Moderne unmöglich wäre?
Die Dame ist nicht mehr die jüngste, aber sie hat die klassische Pose noch drauf, wie sie nur bei Vorkriegsautos funktioniert. Wohl kurz nach dem Krieg entstand (evtl. in Ostdeutschland) dieses schöne Foto, an dem der Klassikerfreund nichts vermisst.
Tja, mag jetzt einer sagen, das war halt noch die Vorkriegsgeneration, welche den Stil jener Zeit verinnerlicht hatte und so zu verkörpern wusste.
Ich will dem gar nicht widersprechen, behaupte aber, dass der klassische Look ein zeitloser ist, welcher auch der jüngeren Generation offenstand.
Und tatsächlich – ebenfalls kurz nach dem 2. Weltkrieg sehen wir hier zwei Buben, welche ebenfalls neben so einem frühen Ford Eifel posieren – freilich auf Jungsart:
Ford Eifel (frühe Version); Nachkriegsfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Das Kennzeichen „KB“ verweist auf „Kommandantur Berlin“ und ist typisch für die frühe Nachkriegszeit, aber wir werden gleich sehen, dass der Wagen irgendwo auf dem Land aufgenommen wurde – in klassischem Umfeld.
Wiederholt habe ich die These aufgestellt, dass Vorkriegsautos sich nahtlos in wirklich historische Umfelder einfügen – also solche vor dem Kulturbruch der brutalen Sachlichkeit, welcher die Seelenlosigkeit unserer nach dem Krieg aufgebauten Städte geschuldet ist.
Selbst ein teilweise mit Wellblech neu bedachtes, wohl im Krieg beschädigtes Bauernhaus basiert noch immer auf denselben Formengrundsätzen, welche über Jahrhunderte dominierten und unser Empfinden geprägt haben, was wohlgestaltete Bauten betrifft.
Und genau vor so einem klassischen Hof wurde nach dem krieg der Ford „Eifel“ in gekonnter Weise positioniert und abgelichtet:
Ford Eifel (frühe Version); Nachkriegsfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Warum harmoniert der in die Jahr gekommene Ford der Vorkriegszeit so gut mit dem schätzungsweise rund 100 Jahre älteren Hof?
Nun, weil sein Kühlerausschnitt das prächtige Holztor zu rechten wiederspiegelt oder weil seine gerundete Windschutzscheibe mit den Fenstern des Hofs korrespondiert oder weil der Karosseriekörper von abwechslunsgreich vor- und zurückspringenden Elementen geprägt ist, – anders gesagt: weil organische, gewachsene Formen dominieren anstatt plump geometrischer oder bewusst progressiv wirkender.
Das ist es aus meiner Sicht, was selbst ein so simples Massenprodukt wie den frühen Ford „Eifel“ zum Klassiker macht, der sich vollkommen in jedes Umfeld einfügt, während sein extravaganter gestalteter Nachfolger schon stärker dem momentanen Zeitgeist huldigte.
Dieser modernisierten Variante widmen wir uns wohlwollend gelegentlich wieder – denn auch sie hat durchaus ihren Reiz…
Ford Eifel (späte Version); Nachkriegsfoto aus Sammlung Michael Schlenger
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Auch beim heutigen Blog-Eintrag beziehe ich meine Inspiration aus Erlebnissen bei der abendlichen Fahrradrunde.
Auf dem betonierten Feldweg aus den 1970er Jahren – als man das Geld der Bürger für solche Sachen und für Flussbegradigungen zum Fenster herauswarf – näherte sich mir entgegenkommend ein Traktor mit Anhänger.
Ich dachte zunächst, dass der mir ja mühelos ausweichen könnte, indem er einfach einen Meter auf seiner Seite ins abgeerntete Feld lenkt. Doch dann erkannte ich, dass der mir eher unwillig allenfalls etwas Platz auf meiner Seite des Feldwegs machte.
Vermutlich hätte es knapp gereicht, doch mir gefiel die Sitation nicht und so fuhr ich statt seiner rechts in die Botanik, mit Stollenreifen kein Problem, nur der Vortrieb leidet spürbar.
Ich bin dem Landwirt nicht böse, der nur seine Arbeit machte und an diesem Tag wahscheinlich schon einem Dutzend Zweiradlern begegnet war.
Weit besser gefiel mir, was ich einige Zeit später von der hiesigen Landfrauenfraktion geboten bekam. Mitten auf dem Weg stand ein Lastwagen, auf den vom Feld zur Linken gewaltige Rollen mit Stroh aufgeladen wurden. Zur Rechten war ein Mähdrescher unterwegs, obwohl das Feld längst kahl war.
Egal, vielleicht drehte auch da einer bloß seine Feierabendrunde.
Ich schaute, ob ich links an dem Laster über’s Feld fahren könnte, während ein Traktor gerade eine weitere Strohrolle in Angriff nahm. Dann sah ich neben dem Laster zwei ansehnliche Karrierefrauen, die eine in den 30ern und mit Hotpants bekleidet.
Ich nahm das wohlwollend zur Kenntnis und wünschte den Landmädels einen guten Abend – das übliche „Hallo“ vermeide ich, wenn möglich. Nichts geht über Frauen, die herzhaft zupacken können, wenn es darauf ankommt, und diese standen stellvertretend für diese rar gewordene Spezies (gilt für die deutschen Buben ebenso).
Dieses Erlebnis robuster Arbeit nicht abgeneigter Weiblichkeit bringt mich zu der folgenden Aufnahme, die mir Leser Klaas Dierks in digitaler Kopie zur Verfügung gestellt hat:
Die Lady im Trachtenlook vor der mächtigen Limousine scheint mir genauso eine Vertreterin gewesen zu sein: Selbstbewusst, kein Hungerhaken und beim Maßstemmen oder Armdrücken vermutlich manchem tätowierten Jüngling unserer Tage haushoch überlegen.
„Kommen wir noch zu dem Auto?„, mögen jetzt die Ungeduldigen unter Ihnen fragen, die meinen Blog noch nicht so lange lesen und nicht wissen, dass sie einfach nur die umständliche Einleitung ignorieren müssen.
Also: Der Löwe als Kühlerfigur mag für ein Luxusauto naheliegend erscheinen, aber meines Wissens traute sich nur Gräf & Stift aus Wien, ihn auch zu wählen. Das macht die Sache etwas einfacher, dennoch ist es keineswegs leicht, den konkreten Typ zu identifizieren.
Ich weiß nicht mehr genau, wie ich auf die Lösung gekommen bin und falls es ein Leser meiner nächtlichen Pamphlete war, der sie mir präsentierte, bitte ich um Nachsicht. Ich mache das hier nur aus Neigung nebenbei und bin kein Automobilhistoriker.
Jedenfalls scheinen wir es mit einem der letzten Personenwagen zu tun zu haben, der unter dem Namen „Gräf & Stift“ entstand. Die Kompetenz zum Bau eines zeitgemäßen Automobils scheint man Anfang der 1930er Jahre nicht mehr besessen zu haben.
Denn technisch betrachtet war der MF6 von Gräf & Stift bloß ein Lizenznachbau des 6-Zylindermodells „Rosalie“ von Citroen.
Dieser Abgang der Marke mit einem 2,5 Liter-Motor, der 55 PS leistete, aus der PKW-Geschichte mag enttäuschen, doch bleibt für uns Zeitgenossen des frühen 21. Jh. das Bild einer Frau, die vor bald 90 Jahren vor einem solchen Wagen gute Figur machte…
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Bei der heutigen Runde mit dem Fahrrad im warmen Abendwind nahm ich wieder die Schönheit der Kulturlandschaft der Wetterau wahr, die seit 56 Jahren meine Heimatregion ist – von einer „Großstadt“-Episode in Wiesbaden abgesehen, die ich nicht missen will.
Grüne Ackerraine neben abgeernteten Feldern, zwei Rehe, die von der Römervilla „Am Rehberg“ kommend den Weg kreuzen, ein Storchenpaar, das sich bei Annäherung majestätisch in die Luft erhebt, dann gesunder Laubwald, der Schatten spendet, wenn es die alte Straße hinauf Richtung Münzenburg geht, welche sich noch als Ruine in unwiderstehlicher Schönheit zur Rechten darbietet, während man gen Westen der sinkenden Sonne entgegensaust…
Und weit und breit reine Landschaft, ungeschändet von der staatlichen Windindustrie, welche 100% garantierte Zerstörung mit null Prozent garantierter Leistung verbindet – wie lange noch?
Doch kam mir noch ein anderer Gedanke: „Wo sind eigentlich all‘ die Mohn- und Kornblumen geblieben„, die noch vor einigen Wochen die Ackerränder säumten? Tja, leider unweigerlich vorbei ist diese Herrlichkeit im Monat August.
Zurück am Schreibtisch und nun schon weit nach Mitternacht kam mir dann der alte Refrain in den Sinn: „Sag mir, wo die Blumen sind?„
Anlass dazu gab dieses Foto, das ich schon eine ganze Weile bringen wollte. Heute ist es soweit und Sie finden die Antwort auf die Frage darin, wenn Sie genau hinsehen:
Peugeot 201 Limousine; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Selten hat man ein solches Autofoto, das keiner weiteren Kommentierung bedarf – den Hersteller des Wagens, den Typ und die vielleicht beste aller Beifahrerinnen sieht man hier – außerdem die Antwort auf die Frage, wo die Blumen sind.
Die schönste, verstörendste und zeitloseste aller Antworten darauf aber hat einst Marlene Dietrich gegeben – neben Romy Schneider das größte deutsche Talent des 20. Jh., das man im Heimatland verkannte und das so „beim Feind“ Karriere machte.
Dass ausgerechnet die deutsche Version dieses zeitlos aktuellen Klassikers international als unübertroffen gilt, das unterstreicht nur, was aus unserem Land Großartiges kommen könnte, wenn man das Herrenmenschentum, die Besserwisserei und die Kriegsbegeisterung lassen würde…
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Mitte Juni, endlich sommerliche Wärme und Sonnenschein satt bis weit in den Abend – genau meine Kragenweite, doch trotz der idealen Verhältnisse bekomme ich in vielerlei Hinsicht die Kurve nicht. Im Garten sprießt nach reichlich Regen alles wie verrückt – von der Strauchrose am Haus könnte ich ganze Sträuße abschneiden, die Blüte will nicht aufhören.
Das Unkraut hält natürlich mit und der schöne alte Garten der Schwiegereltern will mitbetreut werden. Ich mache das alles gerne und scheue die Arbeit nicht, nur die Zeit kann ich beim besten Willen nicht vermehren.
Jetzt steht noch der Flohmarkt im Ort an, bei dem sich alle zwei Jahre die Höfe in Basare verwandeln und Schnäppchenjäger aus allen Richtungen einfallen. Da will einiges herausgekramt, gereinigt und taxiert werden, Preisschilder werden gemalt und langsam füllt sich der Hof mit dem, was man als Sammler nicht mehr braucht, aber irgendwann mal unbedingt haben musste.
Diesmal stehen bei mir Oldtimer-Fahrräder der 30er bis 50er Jahre nebst Zubehör und allerlei Teile für Kleinkrafträder und Roller der Klassen 50 bis 98ccm im Mittelpunkt. Das holt man nicht mal eben aus dem Karton und stellt es auf den Tisch. Das Zeug will gesichtet, geprüft und ggf. noch gerichtet werden – mal will ja, dass ein anderer sich an den Sachen freut, die man selbst nicht benötigt oder die nicht mehr ins Konzept passen.
Für den Blog bleibt daher nur wenig Muße, doch wie fast immer, wenn’s mal schnell gehen muss, ist man mit einem stark motorisierten Ami-Wagen auf der sicheren Seite.
Ich bin nicht sicher, aber vielleicht habe ich diesen 1929er Tourer aus dem Hause Packard mit Berliner Zulassung schon einmal vorgestellt:
Packard „Big Eight“ Tourer von 1929; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Eventuell hatte ich den Wagen auch nur in die US-Autogalerie eingestellt – jedenfalls kann ich heute das perfekt passende Pendant dazu anbieten, vielleicht zeigt die Aufnahme sogar denselben Wagen, ohne dass es sich verifizieren lässt.
Jedenfalls weisen beide Autos folgende Gemeinsankeiten auf: Packard-typisches Kühlergehäuse, große Scheinwerfer in Schüsselform (ab 1929), noch keine Parkleuchten auf den Kotflügeln (erst ab 1930) und Luftklappen in der Motorhaube:
Packard „Big Eight“ Tourer von 1929; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Alles passt perfekt zu dem Modelljahr und die Luftklappen deuten auf den großen Achtzylinder hin, der im Unterschied zum „Standard Eight“ mit Luftschlitzen in der Haube knapp über 100 PS statt „nur „90 PS“ leistete.
Mit dem bärenstarken 6,3 Liter-Aggregat war man auf der sicheren Seite, wenn’s mal schneller gehen musste. Für die ganz Eiligen gab es eine 130 PS-Ausführung mit Spitze 150 km/h, von der aber nur 70 Stück gebaut wurden.
Der „Big Eight“ war beim 1929er Packard den Ausführungen „Custom“ und „DeLuxe“ vorbehalten – und weil ich es etwas eilig habe, diskutiere ich heute nicht lange und bin mit beiden Angeboten völlig einverstanden…
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Um es vorwegzunehmen – das mit dem Bier im Titel spiegelt keine persönliche Präferenz wider. Zwar lasse ich mir gern eines anbieten und weiß die Vielfalt auf dem Sektor zu schätzen. Aber im eigenen Haushalt findet sich nichts dergleichen.
Mein erster Kontakt in Sachen alkoholischer Genussgetränke dürfte bei einer Weinprobe in Hochheim im Rheingau gewesen sein und das war prägend.
Meine Eltern pflegten das mit den regelmäßigen Besuchen meines Onkels Dieter zu verbinden, der nach US-Kriegsgefangenschaft irgendwann dort „gestrandet“ war – wohl während seiner Zeit als Student der Architektur in Mainz.
Vielleicht bei einem Weinfest hatte er eine hübsche junge Hochheimer Kriegerwitwe kennengelernt und alsbald mitsamt „Beutetochter“ geehelicht.
Bekanntlich dominiert im Rheingau der Riesling und lange war selbiger mein Begleiter. Später entdeckte ich die spektakuläre Vielfalt italienischer Weine – zu den besten weißen gehören für mich Gewächse aus Kampanien (der Gegend um den Vesuv). Ein Riesling findet sich heute nur noch selten im Glas – soviel zu diesem wichtigen Thema.
Wieso dennoch ein Bier auf die Beute des heutigen Tages? Nun, zum einen ist die Beute schon etwas älter, wie Sie das in meinem Blog zurecht erwarten, und zum anderen gibt es hier tatsächlich ein Bier zur Feier eines offenbar gelungenen Ausflugs:
Vielleicht müssen Sie eine Weile suchen, doch auf dieser Versammlung prächtiger Individuen gönnt genau einer sich ein Bier nach getaner Arbeit, die offenbar mit der Schrotflinte erledigt wurde und einiges Geflügels sowie eines Hasen Tod war.
Man mag ein Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag konstatieren, aber bei genauem Hinsehen zeigt sich, dass hier hinter den Jägern in der vorderen Reihe eine stattliche Anzahl an Helfern abgelichtet ist, die sich bei der Gelegenheit etwas dazuverdienten.
Bei näherer Betrachtung nimmt man auch die sozialen Unterschiede war. Wer mit der Flinte posiert, trägt saubere Kleidung und Krawatte – alle übrigen zeichnen sich eher durch eine Art Räuberzivil aus.
Offenbar wurde von den „einfachen“ Leuten durchaus auch das ein oder andere Jackett aus der besseren Gesellschaft aufgetragen. Auch heute lässt sich eine Jeans mit T-Shirt trefflich mit piekfeinem Nadelstreifen-Blazer von Zegna oder Windsor kombinieren – solche Sachen gibt es neuwertig für überschaubares Geld im Netz.
Was es heute dagegen nicht so leicht gibt, ist die Kombination aus gekonnnt-lässigem Kleidungsstil mit einem Automobil der späten 1920er Jahre:
Praga „Alfa“ Sechszylinder; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Jetzt sehen Sie, was ich Ihnen alles vorenthalten habe, nur um Gelegenheit zu meinen üblichen Abschweifungen zu haben. Aber das ist der (einzige) Preis, den Sie „zahlen“ müssen, wenn Sie sich auf ein Blog-Format zum Thema Vorkriegsautos einlassen.
Natürlich wissen Sie, dass das hier Gebotene trotz aller nervigen Um- und Abwege konkurrenzlos ist im deutschen Sprachraum, und bleiben seufzend dran. Immerhin sind wir jetzt schon weiter als auf dem ersten Ausschnitt und sehen – ein Automobil!
Leider gibt die Rückseite des Originalabzugs außer dem Aufnahmejahr 1932 nichts weiter her. So könnte man geneigt sein, hier eine typische US-Limousine zu erkennen, wie sie Ende der 1920er Jahre in weiten Teilen Europas anzutreffen war.
Doch das tschechische Kennzeichen eröffnet eine weitere Möglichkeit.
So gelang es dem einheimischen Hersteller Praga ab 1927 Anschluss an den von den Amerikanern bestimmten Trend hin zu geräumigen Sechszylinderwagen zu finden – zumindest formal, nicht, was Leistung oder gar Stückzahlen angeht.
Das seit 1922 angebotene mittlere Modell „Alfa“ wurde jedenfalls mit einem neu entwickelten kleinen 6-Zylindermotor ausgestattet, der bei 1,5 Litern Hubraum knapp 30 PS leistete.
Überzeugender war hingegen die äußerliche Gestaltung nach US-Vorbild, nur die Kühlerfigur und der Markenschriftzug auf dem Kühler verweisen auf Praga:
Praga „Alfa“ Sechszylinder; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Anerkennenswert ist, dass die Tschechen, die nach Erlangung der staatlichen Eigenständigkeit nach dem 1. Weltkrieg mit einem winzigen, wenig entwickelten Automobilmarkt zu kämpfen hatten, überhaupt den Versuch unternahmen, sich stärker nach oben zu orientieren als das beim bisherigen Vierzylinder-„Alfa“ der Fall war.
Zumindest optisch darf der Praga „Alfa“-Sechszylinder, der bis 1929 im Programm blieb, als absolut gelungen gelten.
Darauf dürfen die tschechischen Vorkriegsautofreunde noch heute stolz sein wie auf so viele andere Kreationen jener Zeit – und da die Tschechen eher zum Bierkonsum neigen, bleibt am Ende doch der Ausruf berechtigt „Ein Bier auf diese Beute“…
Michael Schlenger, 2025. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.
Was technischen Fortschritt angeht, kann es mir nicht progressiv genug zugehen: das Auto für jedermann, tragbare Multifunktions-Computer, robotergestützte Chirurgie, KI-basierte Bilanzanalysen, Nuklearreaktoren, die Atommüll verwerten können usw. – großartig.
Wem etwas von dem modernen Kram zuweit geht, der kann ja darauf verzichten. In meinem Haushalt kommen noch Analogschallplatten zum Einsatz, bisweilen sogar das Grammophon, es gibt Kerzenlicht und Edison-Lampen, praktisch alle Möbel sind antike Stücke. Der englische Schreibtisch, an dem ich diesen Blog schreibe, ist über 150 Jahre alt.
Für den Lebensunterhalt gearbeitet wird indessen mit Notebook, Funkmaus, drahtlos verbundenem Drucker, Spracherkennung und Übersetzungs-Software – weil’s besser ist.
Nur in einer einzigen Hinsicht hänge ich wirklich tief verwurzelten und fest fundamentierten verstaubten Ansichten an:
Um sich selbst finden und das Beste aus seinem Dasein machen zu können, müssen Elternhaus und Schule ihre Hausaufgaben gemacht haben. Das heißt Folgendes:
Die Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Rechnens müssen beherrscht werden, ein Grundrespekt vor seinen Mitmenschen muss verankert werden, also eine Basisausstattung an Höflichkeit und Rücksichtnahme die Notwendigkeit von Regeln muss begriffen werden, aber auch deren Grenzen, die Bedeutung von Ernährung und Bewegung für das eigene Wohlbefinden muss verstanden werden – und: ein Zugang zu Musik, Kunst und den Grundfragen des menschlichen Daseins muss geschaffen werden.
Diese Ansichten gelten heutzutage mittlerweile als ziemlich verstaubt, ich weiß. Daran lässt sich vom Einzelnen nichts mehr groß ändern, wenngleich sich mit einem freundlichen „Guten Morgen“ bei den meisten Mitmenschen immer noch eher ein Lächeln herbeizaubern lässt als bei einem ganztagstauglichen und seelenlosen „Hallo“….
Wie war doch gleich das Thema?
Verstaubte Ansichten, richtig, endlich komme ich dazu:
Windhoff Tourer von ca. 1913/14; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Gut 110 Jahre ist es her, als diese schon damals reichlich verstaubte Ansicht entstand, die einen Tourenwagen in voller Fahrt zeigt.
Auf das Foto nimmt der Fahrer Karl Bezug, der seiner Flamme, Cousine oder Schwester Klara – genau weiß ich es nicht – diese Aufnahme als Ansichtskarte zusandte.
Wie sie hieß, wo sie wohnte und was genau die Zeilen waren, das dürfen Sie – liebe Leser – gern selbst studieren. Ich kann zwar einen Großteil davon lesen, aber ein paar Sachen sind mir dann doch nicht klar und ich weiß, dass einige unter Ihnen geübter in der Hinsicht sind.
Also scheuen Sie sich nicht, im Kommentarbereich darüber zu sinnieren:
Mein Job ist es unterdessen, die Identität des Tourers auf der verstaubten Ansicht zu klären.
Das Fabrikat ist rasch ermittelt, denn nur ein deutscher Hersteller verband diese Form des Kühlers vor dem 1. Weltkrieg mit einem großzügig gehaltenen „W“ auf dem Kühlernetz.
Dieser Firma sind wir vor langer Zeit auf einem anderen Foto begegnet, das Anfang des 1. Weltkriegs an einem deutschen Bahnhof entstand und eine Reihe von Zivilautos zeigt, die wohl von Freiwilligen dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt wurden.
Ich hatte die bemerkenswerte Aufnahme anno 2019 hier vorgestellt:
diverse deutsche Automobile ab 1914; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Wenn Sie dieses Dokument näher betrachten, werden Sie gleich zwei Wagen erkennen, welche dieselbe Kühlergestaltung aufweisen wie das Auto auf meiner verstaubten Ansicht.
An der Ansprache als Windhoff des gleichnamigen Herstellers aus Rheine in Westfalen besteht kein Zweifel.
Die Gestaltung der Frontpartie mit Windlauf zwischen Motorhaube und Frontscheibe verrät, dass wir es mit einem Wagen zwischen 1910 und 1914 zu tun haben, wobei ich zu einer Datierung nach 1912 neige.
Dummerweise hört an dieser Stelle unser Glück auch schon auf. Denn so klar sich die Windhoff-Vorderpartie hier auf der ansonsten ziemlich verstaubten Ansicht abzeichnet, so offen muss bleiben, mit welcher Motorisierung wir es zu tun haben.
Der Hersteller scheint es noch mehr als andere seiner Zeit verstanden zu haben, Chassis und Aufbau weitgehend zu vereinheitlichen und mit diversen Motoren anzubieten.
Verfügbar waren von 1912 bis 1914 im Wesentlichen drei Varianten: Das Basismodell war der Typ B 6/18 PS, darüber angesiedelt waren die Typen D 7/21 PS und F 8/24 PS, die sich durch Variationen von Kolbenhub oder Zylinderdurchmesser unterschieden.
Zu den für die damalige Zeit stärkeren Wagen zählte der Typ A 10/30 PS, für den eine faktische Spitzenleistung von 35 PS und Höchstgeschwindigkeit 90 km/h angegeben ist.
Noch besser gefällt mir als Freund souverän motorisierter Automobile aber, dass es daneben auch Windhoff-Wagen mit Sechszylindermotor gab – die Typen C 15/40 PS bzw. E 17/45 PS. Damit bot der Hersteller eine der wenigen am deutschen Markt verfügbaren Alternativen zum 6-Zylindermodell von Presto dar, das allerdings mit 65 PS nochmals deutlich stärker war.
Bemerkenswert ist, dass Windhoff laut Literatur nach Beginn des 1. Weltkriegs die Produktion von Personenwagen aufgab, während sich andere deutsche Hersteller wie Adler, Benz, Daimler, NAG Opel, Presto, Protos, Stoewer und Wanderer aufgrund des hohen Armeebedarfs eine goldene Nase im Krieg verdienten.
Über die Gründe für den Rückzug von Windhoff ist in der mir zugänglichen Literatur nichts zu erfahren.
Ich kann mir nur vorstellen, dass man bei Windhoff bereits vor dem Krieg verstaubte Ansichten pflegte, was die Gewinnerzielung für ein im Wettbewerb stehendes Unternehmen betrifft, dass man einer aufgrund der zu großen Motorenvielfalt nicht profitablen Fertigung den Stecker zog…
Michael Schlenger, 2025. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.
Oje, denkt jetzt vielleicht einer bei dem Titel – unser Blog-Wart hält bestimmt eine verspätete Neujahrsansprache zur Förderung der Volksgesundheit.
In der Tat: Anlass dazu sehe ich fast täglich, denn am Fenster meines Büros führt der Fußweg zur örtlichen Grundschule vorbei. So habe ich reichlich Gelegenheit, die bedenkliche körperliche Verfassung vieler Kinder zu registrieren. Viel zu dick, unbeweglich, die meisten schon mit Brille, weil sie kaum vor die Tür dürfen und die Augen daher das Scharfstellen über mehr als eine Armlänge hinaus nie gelernt haben.
Zumindest das war früher wirklich besser – denn Kinder tobten den ganzen Tag draußen herum, übten sich, härteten sich ab. Die Eltern hatten selten eine Ahnung davon, was da alles getrieben wurde. Ich muss es wissen, denn so habe ich es noch erlebt in den 70er Jahren.
Blutige Knie, blaue Flecken, Schneebälle auf die Lippe, x Stürze vom Schlitten oder Fahrrad – und alles ohne Helm. Ich wüsste kein einziges Beispiel von Klassenkameraden, wo jemand ernsthaft zu Schaden gekommen ist.
Das Dasein möglichst früh sportlich angehen, das kann nicht schaden – dazu bedarf es oft nicht einmal eines Vereins oder sonstiger Schulung. Auf den Bolzplatz, an die Kletterwand oder auf die Straße, um sich müdzuradeln, kommt man von alleine. In Abwesenheit von Helikoptereltern, versteht sich…
Mehr Sport wagen, das ist heute aber auch ein Thema, das durch die Reaktionen auf meinen vorangegangenen Blog-Eintrag motiviert ist. Die einst beim Semmeringrennen in Österreich aufgenommenen Sportwagen sind inzwischen von sachkundigen Lesern identifiziert – siehe zugehörige Kommentare.
Das motiviert mich, hier künftig mehr in Sachen Sport zu wagen. Ich habe nämlich einige interessante Dokumente in der Hinsicht vorzustellen, zu denen mir selbst die Expertise fehlt.
Dass es aber gar nicht immer die wirklich wettbewerbstauglichen Sportgeräte sein müssen, daran erinnerte mich spontan Leser Klaas Dierks. Er hatte registriert, dass einer der am Semmering eingesetzten Wagen wohl eine Rennausführung des DKW P15 von 1928/29 war.
Daran anknüpfend sandte er mir ein Foto aus seinem Fundus, das ich Ihnen nicht vorenthalten will und das genau meinen Vorstellungen von „Mehr Sport wagen“ entspricht.
Doch zuvor zur Erinnerung erst einmal eine Aufnahme, welche die Basisausführung zeigt – gleichzeitig das erste in Serie gebaute Automobil der bis dato als Motorradhersteller tätigen Marke DKW. Hier haben wir den 1928 eingeführten Typ P15:
DKW Typ P15; Originalfoto: Sammlung Volker Wissemann
Festzuhalten ist an dieser Stelle, dass die DKW-Autos von Anfang stilistisch meist sehr gelungen waren, speziell im Einsteigersegment, in dem sie angesiedelt waren.
Für einen Zweizylinder-Zweitakter mit gerade einmal 600ccm Hubraum und namengebenden 15 Pferdchen unter der Haube sah dieser erste DKW-PKW doch sehr ansprechend aus.
Der Tradition blieben die Sachsen bei späteren Modellen überwiegend treu – speziell die ab 1931 gebauten Fronttriebler waren wahre Schmuckstücke und kein Vergleich mit den meist primitiv gestalteten Kleinstwagen deutscher Provenienz der Nachkriegszeit.
Aber zumindest zu Beginn wollte DKW in bester Motorradtradition auch bei seinen Autos mehr Sport wagen und gönnte dem Typ P15 ab 1930 eine Leistungskur, die in satten 20 % mehr Dampf resultierte – also ganze 3 PS…
Lachen Sie nicht, denn bei einem Wagen mit gut 500 kg Gewicht zählt jede Pferdestärke doppelt und dreifach.
Außerdem erreichte man mit nunmehr 18 PS Tempo 100 km/h, wenn man wollte. Damit konnte man dem dicken Nachbarn mit seinem Sechszylinder-Mercedes 170 bei Bedarf die Rücklichter zeigen.
Ein paar Exemplare dieses Sportgeräts mit gekonnt gestalteter Bootsheckkarosserie konnten Sie über die Jahre schon bestaunen. DKW-Sammler Volker Wissemann hat die meisten davon beigesteuert – hier zur Erinnerung eines davon:
DKW Typ PS 600; Originalfoto: Sammlung Volker Wissemann
Weitere reizvolle Beispiele finden sich in meiner DKW-Galerie.
Mit einem neu aufgetauchten Foto aus der Sammlung von Klaas Dierks lässt sich heute im besten Sinne wieder „Mehr Sport wagen“, was die sächsische Marke DKW angeht, die später leider von ähnlichen Ambitionen Abstand nahm.
Jedenfalls sind mir nach dem DKW PS 600 keine weiteren Werks-Sportversionen für Privatkäufer bekannt. Gern lasse ich mich aber auch hier überraschen.
Nun aber zu der angekündigten Aufnahme, die ganz unabhängig von Marke und Typ fast alle Wünsche in Sachen Vorkriegsautos auf alten Fotos erfüllt:
Perfekte Perspektive, gelungener Rahmen, fotogene Insassen und ausgezeichnete technische Qualität – fehlt nur noch ein kamerabegabter Hund. Aber sehen Sie selbst:
DKW Typ PS 600; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks
Was sagen Sie? Meisterlich, wie der Baby-Sportler hier als ausgewachsener Kurvenräuber und Frauenbeglücker inszeniert ist, meine ich.
Außerdem lernen wir hier noch etwas Neues im Vorübergehen. Die Kennung „MI“ ist zumindest mir noch nie begegnet, doch Andreas Herzfelds treffliches „Handbuch Deutscher KfZ-Kennzeichen, Band 1“ weiß mehr.
Zugelassen war dieses Exemplar demnach im Raum Mecklenburg-Schwerin.
Bei der Gelegenheit sei beklagt, dass wir deutschen Oldtimer-Freunde bei unseren Schätzen nicht zu der klassischen Klarheit dieser alten Kennzeichen zurückkehren dürfen. In England, Frankreich und Italien dagegen sind solche antiken Nummernschilder kein Problem, selbst wenn sie noch aus der Vorkriegszeit stammen.
Aber ich vergaß: Deutsche Ordnung und Gründlichkeit, nach der sich die Welt schon immer sehnte… Mehr Sport wagen wäre vielleicht angebracht, was sinnlose Vorschriften angeht.
Auf jeden Fall will ich zusehen, dass ich hier künftig etwas mehr „Sport wagen“ werde. Denn danach scheint es die Leserschaft zu gelüsten, obwohl das völlig unvernünftig ist…
Michael Schlenger, 2025. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.
Na, wo haben Sie den letzten Tag des Jahres 2024 verbracht? Hoffentlich in angenehmer Gesellschaft und ohne bürgerkriegsähnliche Szenen, wie sie aus Berlin berichtet wurden.
Aber vom Babylon an der Spree sind wir heute ohnehin denkbar weit entfernt, auch vom Wetter in unseren nördlichen Breiten. Der Kontrast zum hiesigen Silvester könnte kaum größer sein. Heißt das also, dass wir Silvester zum Teufel jagen? Nein, das nicht, ganz im Gegenteil – wir besuchen den Teufel bei der Gelegenheit sogar an seiner Wohnstatt.
Das fängt ja gut an im Neuen Jahr, mögen Sie jetzt denken. Können wir zum Jahresauftakt nicht einfach eine unkomplizierte Story mit einem flotten Vorkriegswagen haben?
Klar können Sie das, aber ich kann nichts dafür, dass es an Silvester nicht überall auf dem Planeten so zugeht und aussieht wie in deutschen Landen – und das ist gut so. Zum Beweis sei diese Aufnahme angeführt, die auf den 31.12.1947 datiert ist:
Chevrolet „Standard“ Coupé Modeljahr 1935; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger
Diese Aufnahme wurde einst per Post an die deutsche Verwandschaft gesandt, die Silvester im germanischen Winter kurz nach dem Ende des Kriegs in aller Bescheidenheit zubrachte.
Auf der anderen Seite des Globus – in Südafrika – war zum damaligen Jahresende gerade Sommer und zur Silvesterparty fuhr man im entsprechend leichten Dress. Vorher unternahm man aber noch einen Ausflug mit dem Wagen.
Der führte zwar nicht wie unsere vorherige Zeitreise an den italienischen Gardasee, sondern bloß zu einem Stausee.
Der Ausruf „Zum Teufel!“ war dabei aber keineswegs Ausdruck von Missbilligung, was das Ziel angeht, vielmehr wusste die Miss, dass es nun zur Duivelskloof ging – der Teufelsschlucht – welche wohl irgendwann in den 1930/40er Jahren mit einer Staumauer versehen wurde.
Dummerweise konnte ich den Ort nicht mehr lokalisieren, was bei Erwerb des Fotos vor einigen Jahren noch möglich war. Nicht nur scheint der traditionelle Name Duivelskloof einem anderen gewichen zu sein, es wurden auch viele ältere Staudämme in Südafrika erhöht oder anderweitig verändert.
Vielleicht hat ja ein geduldiger Leser mehr Glück in dieser Hinsicht.
Zum Teufel mit der Staumauer – wir wollen jetzt mehr über das Auto wissen. Hier wiederum kann ich verlässlich Auskunft geben. Der Wagen mit dem Coupé-Aufbau ist schnell als Chevrolet von Mitte der 1930er Jahre identifiziert.
Die lackierten Scheinwerfergehäuse waren ein Kennzeichen des 1935er Modells „Standard“, ansonsten entsprach die Form der Ausführung von 1934. Mit diesem Modell deckte Chevrolet seinerzeit in den Staaten das Einsteigersegment ab.
Während Konkurrent Ford damals ganz auf V8-Power für die Masse setzte – mit ungeheurem Erfolg – hielt Chevrolet noch eine Weile an Sechszylindermotoren fest.
Dass dies für klamme Käufer kein Nachteil sein musste, das lassen die technischen Daten erkennen. So besaß der Chevrolet „Standard“ einen großzügigen Hubraum von 3,4 Liter und verfügte über mehr als 70 PS. Übrigens handelte es sich beim Motor nicht um einen der gängigen Seitenventiler, sondern um ein kopfgesteuertes Aggregat (ohv).
Die hubraumstarken Motoren erlaubten auch im US-Billigsegment schaltfaules Fahren bei materialschonend niedriger Drehzahl und damit astronomische Laufleistungen.
Für den Chevrolet „Standard“ des Modelljahrs in der Ausführung als Coupé entschieden sich damals nur gut 32.000 Käufer. Die meisten Kunden wollten das stärkere Modell „Master DeLuxe“ mit 80 PS und längerem Radstand.
Insgesamt entstanden gut 550.000 Exemplare des 1935er Chevrolet, die Käufer in aller Welt fanden. In den Schatten gestellt wurde das allerdings durch die V8-Modelle von Ford, von denen 1935 fast 1 Million gebaut wurden.
Viele davon landeten bei aufgeschlossenen Kunden in Deutschland – ein Thema, das ich dieses Jahr angehen muss. Fotomaterial dazu habe ich mehr als genug. Es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn ich diese Story nicht bis zum nächsten Silvester hinbekomme…
Michael Schlenger, 2025. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.