Leser-Fotorätsel: Tourer der frühen 1920er in Österreich

Austro-Fiat_Typ_AF1_9-32_PS_Galerie

Zur Monatsmitte steht das turnusgemäße Fotorätsel an – doch diesmal brauche ich nicht in den eigenen Fundus zu greifen (obwohl sich dort beunruhigend viel Rätselmaterial findet…).

Denn von Th. Mauritsch hat mich gerade eine interessante Anfrage erreicht, die ich bei der Gelegenheit an meine Leserschaft weiterreichen will – denn ich selbst habe die Lösung bislang nicht gefunden.

Im Fotoalbum der Familie fand sich folgende Aufnahme, die einen laut Überlieferung in Graz (Österreich) beheimateten Tourenwagen nebst Motorrad zeigt, das gerade längsseits gegangen ist:

unbekannter Tourenwagen; Originalfoto aus Familienbesitz (via Th. Mauritsch)

Eine sehr schöne Aufnahme ist das – belebt durch vier Passagiere und Chauffeur und so gleichzeitig mit einem ungefähren Größenmaßstab ausgestattet.

Bemerkenswert ist die Länge des Wagens – die Haubenpartie verschwindet beinahe gemessen am geräumigen Passagierabteil. Man bekommt hier eine gute Vorstellung, wieviel Platz ein ausgewachsener Tourenwagen bot, der auf drei Sitzreihen angelegt war.

Dummerweise ist der Aufbau, wie er sich uns hier darbietet, in keiner Weise charakteristisch – praktisch jeder Hersteller der frühen 1920er Jahre hatte diese Karosserievariante als Standard im Programm.

Insofern besteht auch nicht die Gefahr, dass der kurzbehoste Motorradfahrer für die Ansprache von Marke und Modell wichtige Elemente verdeckt.

Meist ist die Vorderpartie das Einzige an solchen Wagen, was weiteren Aufschluss gibt. Aber halt, werden Sie jetzt vielleicht denken – woher wissen wir überhaupt, dass dies ein Auto von Anfang der 1920er war?

Eine berechtigte Frage – denn solche Tourenwagenaufbauten finden sich praktisch identisch schon kurz vor dem 1. Weltkrieg.

Allerdings kommt hier allenfalls eine Entstehung 1913/14 oder im Krieg selbst in Betracht. Vorher war eine horizontal verlaufende und übergangslos in den Windlauf (die Blechpartie vor der Windschutzscheibe) übergehende Haubenpartie ebenso unüblich wie elektrische Frontscheinwerfer.

Die Wahrscheinlichkeit spricht aus meiner Sicht eher für eine Entstehung ab 1918, da viele zivile Autos dieser Größenordnung im Krieg als Offizierswagen eingesetzt wurden und danach kaum mehr in diesem Zustand gewesen sein dürften – es sei denn, jemand machte sich die Mühe, ein überlebendes Exemplar wieder flottzumachen.

Mit „Anfang der 20er Jahre“ dürften wir somit ungefähr richtig liegen. Gegen eine spätere Datierung sprechen zwei Details:

Zum einen erhielten praktisch alle Autos im deutschen Sprachraum ab 1924/25 gebremste Vorderräder – hier offenbar nicht der Fall. Zum anderen finden sich in Wagenfarbe lackierte Kühlergehäuse nur noch Anfang der 20er – rasch setzten sich dann vernickelte durch.

Tja, damit wären wir auch am entscheidenden Punkt angelangt – der Kühlerpartie. Bei Herstellern aus dem deutschen Sprachraum wurden damals oft spitz zulaufende Kühler verbaut, daneben auch flache.

Das gilt für Benz und Stoewer aus Deutschland ebenso wie für Austro-Daimler und Steyr aus Österreich – allesamt grundsätzlich Kandidaten für einen Tourer dieses Kalibers.

Bloß die Gestaltung der Luftauslässe in der Motorhaube – eine durchgehende Reihe hoher Schlitze – spricht gegen jeden dieser Hersteller ebenso wie der vorne offenbar abgerundete Kühler mit auf der „Nase“ angebrachtem Emblem:

Die Drahtspeichenräder finden sich damals bei deutschen Wagen dieser Größe eher selten, weshalb ich hier ein Fabrikat aus Österreich oder Böhmen vermute – aber eine genaue Entsprechung konnte ich nicht finden.

Französische, ialienische oder US-amerkanische Autos waren in den frühen 20ern zwar durchaus ebenfalls in Östereich anzutreffen, aber dieses Exemplar liefert aus meiner Sicht kein formales Indiz in dieser Richtung.

Nachtrag: Beim Durchsehen meiner Fotogalerien fällt mir doch noch ein Kandidat ein – ein Austro-Fiat Typ AF1 9/32 PS (ab 1922) bzw. der Vorgängertyp C1 9/24 PS – bloß ein wenig kurz erscheint er mir hier:

Austro-Fiat Typ AF1 9/32 PS, ab 1922; evtl. auch Vorgängertyp C1 9/24 PS; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Fehlanzeige nach wie vor, was das Motorrad angeht – eine typische Einzylindermaschine von etwa Mitte der 1920er Jahre. Der Schriftzug auf dem Tank ließ mich an die belgische Marke „Saroléa“ denken, aber vielleicht kommt noch ein anderer Hersteller in Betracht.

So, liebe Leser, jetzt sind Sie an der Reihe…

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Fotorätsel des Monats: Ein Tourer der frühen 1920er

Sie müssen es mir nachsehen – zum heutigen Fotorätsel ist mir als Titel nichts Besseres eingefallen, obwohl ich einen gewissen Verdacht hege, was die Lösung angeht.

Ich hätte alternativ noch dutzendfach „unidentifizierte Spitzkühlerwagen“ zu bieten – die werde ich aber irgendwann einmal nach Gemeinsamkeiten zusammengefasst bringen, die schiere Masse des Materials ist sonst nicht zu bewältigen.

Doch immerhin kann ich Ihnen ein reizvolles Dokument in Aussicht stellen, von dem auf der Rückseite überliefert ist, dass es 1926 im München entstanden ist. Leider hilft die Information dieses Mal nicht weiter.

Denn zum einen scheint es sich nicht um ein deutsches Fabrikat zu handeln – so mein Eindruck – zum anderen wäre man auch so darauf gekommen, dass der Wagen eher in der ersten Hälfte der 1920er Jahre entstanden ist.

Zwei Indizien helfen in der Regel – nicht immer – bei dieser zeitlichen Einordnung: Zum einen spricht das Fehlen von Vorderradbremsen ziemlich zuverlässig für ein Baujahr nicht später als 1925. Zum anderen ist eine Rechtslenkung bei Fahrzeugen in Deutschland ebenfalls allenfalls bis Mitte der 1920er zu finden.

Von der anderen Seite der Zeitachse betrachtet ist es das Vorhandensein elektrischer Scheinwerfer, mit dem sich ein Vorkriegswagen eingrenzen lässt. Bei Klein- und Mittelklassewagen findet sich das erst nach dem Ende des 1. Weltkrieg.

Wenn dann noch die Damen keine ausladenden Hüte mehr tragen und die Herren überwiegend glattrasiert sind, dann bewegt man sich in den 20ern.

Mit diesem „Framing“ ausgestattet können Sie sich jetzt diese schöne Szene ansehen:

Tourenwagen der frühen 1920er Jahre; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Na, was meinen Sie? Ist das ein Fall für die Rätselkategorie oder liegt für Sie auf der Hand, was das für ein Fabrikat ist?

Natürlich hoffe ich auf letzteres, wobei Sie sich auch auf’s reine Bauchgefühl verlassen dürfen – das tue ich oft genug selber. Wer dann noch auf Beweismaterial verweisen kann, ist natürlich besonders willkommen.

Was aber ist meine Vermutung? Nun, ich meine, dass wir es mit einem Peugeot der Mittelklasse zu tun haben, vielleicht einem Typ 153B (ab 1920).

Ich mache das allein an der Form des Kühlergehäuses fest, das an der Oberseite nach vorne hin abgerundet ist. Das ist zugegebenermaßen etwas dünn, aber deshalb bringe ich den Wagen ja auch in der Rätselrubrik.

Peugeots jener Zeit wurden sowohl wie hier mit filigranen Drahtspeichenrädern als auch mit massiven Stahlspeichenrädern angeboten, auch das könnte also passen. Und in Deutschland gut vertreten war die französische Marke schon damals.

Damit übergebe ich nun an die sachkundigere Franzosen-Fraktion, sofern ich mit der geografischen Einordnung richtig liege. Ansonsten lassen Sie sich nicht von meiner Hypothese beeinflussen, ich kann auch völlig danebenliegen.

Falls Ihnen das heutige Rätselfoto etwas banal erscheinen mag, dann kann ich Sie mit der Ankündigung trösten, dass es dieses Jahr eine Weihnachtsgeschichte geben wird, an der Sie sich nicht sattsehen werden können.

Auf mich wartet ein Haufen Arbeit in der Hinsicht, aber die Sache wird alle Ihre Wünsche erfüllen, auch solche, die Sie sich in Sachen Vorkriegsautos gar nicht zu haben trauten…

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Fotorätsel des Monats: Dreimal X gleich DUX?

Nachdem wir das Fotorätsel des Vormonats nicht lösen konnten, dachte ich mir, dass wir die Chancen auf Erfolg vergrößern, indem wir gleich drei Kandidaten ins Schaufenster stellen.

Nein, das stimmt gar nicht, das habe ich mir bloß so zurechtgelegt, nachdem ich die für heute eigentlich anvisierte Aufnahme nochmals studiert habe und dann binnen weniger Minuten die Lösung fand, nach der ich über die Jahre immer wieder gesucht habe.

Interessant daran ist, dass ich dazu auf gar keine neuen Informationen oder Erfahrungen zugreifen brauchte – die Sache klärte sich mit einem Mal mit erstaunlicher Leichtigkeit. Das Ergebnis folgt schon bald.

Nun bestand die Herausforderung darin, etwas Neues aus dem Hut zu zaubern. Das gelang geschwind mittels einer Technik, die mir in vielen Situationen gute Dienste leistet.

Nicht angestrengt über etwas grübeln, das produziert nur unnütze Stirnfalten. Stattdessen macht man sich noch einmal die Fragestellung bewusst und konfrontiert sich dann direkt und ohne nachzudenken mit dem Material, indem man das Gesuchte vermutet.

Die uns nicht bewusst werdende Arbeitsebene unseres Gehirns erledigt den Job für uns. Das läuft im Fall meiner noch nicht besprochenen Autofotos so: Ich lasse einfach die Augen über die Bildvorschau hunderter Kandidaten sausen, und meist findet sich mit dieser Methode das Gesuchte – oft etwas, das ich längst vergessen hatte.

Im heutigen Fall fanden sich gleich drei perfekt passende Aufnahmen, die genau die gesuchten Eigenschaften haben: Sie lassen etwas ahnen, geben aber nicht genügend preis, um mit Sicherheit sagen zu können, was genau darauf zu sehen ist.

Hier haben wir Nr. 1:

DUX (mutmaßlich), ca. 1910-12; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Ist das denn kein NAG aus der Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg?“ – Ja, das dachte ich beim Erwerb auch zuerst. Denn die Kühlergestaltung mit dem ovalen Innenbereich entspricht durchaus den Verhältnissen bei der bekannten Berliner Marke.

Doch zwei Dinge machen hier stutzig: das eine ist das trapezförmige Emblem oben auf dem Kühlergehäuse – das passt nicht zu NAG. Das andere ist der Schriftzug auf dem Kühlernetz selbst. Man sieht nur ein winziges Stück davon unterhalb des Scheinwerfers – aber ein „N“ ist da nicht zu sehen – eher ein Teil eines „D“, oder?

Jetzt kommt Nr. 2 ins Spiel, trotz ganz anderer Perspektive ein sehr ähnliches Fahrzeug:

DUX (mutmaßlich), ca. 1910-12; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Sieht man einmal von dem etwas höheren Kühlwasserstutzen ab, sehe ich hier keine relevanten Unterschiede zu dem ersten Kandidaten.

Dafür meine ich nun auf dem Kühlernetz einen mit „x“ endenden Schriftzug zu erkennen. Der Buchstabe davor zeichnet sich weniger klar ab. Erst dachte ich, dass es ein „y“ sein könnte, dann hätten wir es mit der ebenfalls deutschen Marke Oryx zu tun.

Doch die markante Kühlerform findet sich meines Erachtens so an keinem Oryx (siehe meine Fotogalerie). Auch meine ich, die erwähnte Trapezform des Kühleremblems wiederzuerkennen.

Könnnten wir es mit Exemplaren der deutschen Marke „DUX“ zu tun haben, die von den Leipziger Polyphon-Werken gebaut wurden. Folgendes Dokument deutet daraufhin:

Dux 6/12 PS von 1909/10; Postkarte aus Sammlung von Robert Rozemann (Niederlande)

Dieser Dux von ca. 1908 weist die erwähnte NAG-ähnliche Kühlergestaltung auf und lässt keine Zweifel an seiner Identität, wenn auch hier der Markenname nicht kursiv gehalten ist.

Spätere DUX-Wagen (m.E. ab 1913/14) besaßen ein auffallendes Kühleremblem, das sich auf den heute gezeigten Wagen nicht findet (siehe Claus Wulffs fabelhafte Website).

An dieser Stelle hat Kandidat Nr. 3 seinen Auftritt – und zwar in Form dieses Konterfeis von ganz hervorragender Qualität:

DUX (mutmaßlich), ca. 1910-12; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Ist dieses Zeitzeugnis nicht großartig? Weit über 100 Jahre trennen uns von der Szene und doch meinen wir, diese gerade selbst zu erleben.

Nach dem Gesagten werden Sie Ihre eigenen Schlüsse ziehen können was die Identität dieses Wagens angeht. Tatsächlich habe ich diese Aufnahme unabhängig von der ersten erworben, obwohl sie ausweislich des Kennzeichens denselben Wagen zeigt.

Dieses Foto könnte für sich selber stehen und eine ganz eigene Betrachtung rechtfertigen, wenn man nur genau wüsste, womit man es zu tun hat.

Ich bin mir in zwei Punkten sicher: Weder NAG noch Oryx kommen hier in Frage und der wahrscheinlichste Kandidat für mich ist auf allen drei heute neu vorgestellten Fotos DUX.

Das wäre doch mal ein hübsches Stück Mathematik: Dreimal X macht keineswegs nix, sondern addiert sich auf wunderbare Weise zu DUX.

So, jetzt sind Sie dran, liebe Leser. Lassen Sie mich wissen, was Sie hier sehen und lassen Sie sich nicht beeinflussen von dem, was ich erzähle, denn ich kann völlig danebenliegen…

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Fotorätsel des Monats: Ein früher NAG Typ C4 – oder?

Die Beschäftigung mit Vorkriegsautos auf alten Fotos ist etwas, was zuverlässig verhindert, dass man in Routinen (oder automobilen Ruinen) erstarrt. Denn ein vermeintlich abgeschlossenes Thema wie dieses konfrontiert einen laufend mit Dingen, die man noch nie gesehen hat oder zumindest so nicht kannte.

Dass man dabei auch dem vordergründigen Augenschein nicht trauen darf, dafür war das Fotorätsel des letzten Monats ein gutes Beispiel.

Was aufgrund eines Fotos in der Literatur ein „Joswin“ sein sollte, entpuppte sich dank der Aufmerksamkeit sachkundiger Leser als „Otto“ – wobei sich kaum sagen lässt, welches der beiden Fabrikate mit großvolumigem Daimler-Sechszylinder Anfang der 1920er Jahre sensationeller war.

Dass es bei einem dermaßen raren Nischenfahrzeug noch Überraschungen geben kann – das kann – nun ja – eigentlich nicht überraschen.

Aber wie sieht es eigentlich bei einem zumindest in meiner NAG-Galerie sehr umfassend dokumentierten und in den frühen 20ern sehr verbreiteten Modell wie dem C4 10/30 PS aus, von dem der Berliner Hersteller von 1920-24 etliche tausend baute?

Kann es da ebenfalls noch Rätsel und überraschende neue Erkenntnisse geben? Nun, da es sonst keiner macht – jedenfalls nicht öffentlich – will ich heute dieser Frage nachgehen.

Das sogar einigermaßen systematisch, was nicht immer meine Herangehensweise ist, da dieser Blog im Wesentlichen mein virtuelles Lustschloss darstellt, in dem Gäste zwar willkommen sind, aber keine strukturierte Führung durch alle Gemächer erwarten sollten.

Beginnen wir quasi als Entree mit einem bereits vorgestellten Spitzenfoto, das den NAG C4 10/30 genau so zeigt, wie er am vorteilhaftesten wirkt:

NAG C4 10/30 PS; Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt, Dresden

Hier kommt er perfekt zur Geltung – der unverwechselbare Spitzkühler mit ovalem Ausschnitt, wie er erstmals beim NAG C4 ab 1920 auftaucht – so scheint es.

Kein anderer Wagen besaß diese raffiniert gestaltete Frontpartie, in welcher der seit Gründung der Marke typische Ovalkühler gekonnt an die in deutschen Landen besonders ausgeprägten Spitzkühlermode angepasst wurde – so scheint es.

Interessant ist nun, dass diese gelungene Vermählung bereits vor Einführung des NAG C4 10/30 PS stattfand – jedenfalls wenn man datierte Reklamen als Maßstab heranzieht.

In stilisierter Form begegnet einem dieses Phänomen bereits auf einer NAG-Anzeige im November 1917:

NAG-Reklame aus: Der Motorfahrer, November 1917; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Damals gab es den NAG C4 noch gar nicht – eventuell nahm man für die Nachkriegszeit geplante Entwicklungen vorweg oder bereits die alten K-Typen von NAG wurden noch während des 1. Weltkriegs mit solchen Kühlern ausgestattet.

Auch 1918 warb man mit einer Abbildung, die einen NAG-Tourer mit Spitzkühler zeigt – leider ebenfalls ohne Hinweis auf die Motorisierung.

Ohnehin gab es damals für Privatpersonen praktisch keine neuen NAGs zu kaufen – die deutschen Hersteller waren mit der Belieferung des Militärs bereits ausgelastet.

NAG-Reklame aus: Der Motorfahrer, November 1917; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Ein weiteres interessantes Dokument in dieser Hinsicht hat mir Leser Wolfgang Spitzbarth in digitaler Form zur Verfügung gestellt.

Es handelt sich um eine NAG-Reklame aus dem ersten Nachkriegsjahr 1919, die sich erkennbar an die auch nach Kriegen immer vorhandene reiche Oberschicht wandte – sei es die alte, welche ihre Verhältnisse bewahren konnte, oder eine neue, welche auch aus einem verlorenen Konflikt als Gewinner hervorging, weil sie dem Staat das geliefert hatte, was er begehrte: Gewehre, Granaten, Grundstoffe usw.

NAG-Reklame von 1919; via Wolfgang Spitzbarth

Auch wenn der Spitz-Ovalkühler oder ovale Spitzkühler hier stark stilisiert wiedergegeben ist, habe ich den Eindruck, dass er anfangs wuchtiger und nicht so fein durchgestaltet war, wie er einem auf den vielen Fotos des NAG C4 10/30 PS ab 1920 begegnet.

Ein Foto, das ebenfalls dafür spricht, hat mir Leser Matthias Schmidt (Dresden) zur Verfügung gestellt. Es zeigt wohl einen NAG C4 10/30 PS der frühen 1920er Jahre. aber sein Kühler scheint mir noch nicht so raffiniert ausgeführt zu sein wie später:

NAG C4 10/30 PS Landaulet; Orignalfoto: Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Ich mag mich irren, vielleicht hat hier ja jemand einen älteren NAG des K-Typs mit einem der modischen neuen Kühler nachgerüstet.

Jedenfalls kommt mir diese Ausführung noch etwas gröber vor als bei späteren Exemplaren des Typs C4, wofür auch die abweichende Gestaltung der Haubenschlitze und der Radnaben sowie die Montage von Gasscheinwerfern spricht.

Das NAG-Emblem auf der Scheinwerferstange lässt jedenfalls keinen Zweifel am Hersteller.

Noch ungewohnter wirkt schließlich die letzte Variante des NAG-Ovalspitzkühlers, die ich Ihnen heute zumute – sofern es sich um eine solche handelt:

evtl. früher NAG C4 10/30 PS-Tourer; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Dieser Tourer bzw. dessen Konterfei macht mir seit Jahren zu schaffen. Das deutsche Kennzeichen will nicht viel heißen, ausländische Fabrikate finden sich zuhauf bereits in den frühen 1920er Jahren – vor allem solche aus dem französischsprachigen Raum.

Nach dem zuvor Gesagten und Illustrierten vermute ich, dass wir es hier mit einem frühen NAG des angeblich erst ab 1920 in Serie gebauten NAG-Typs C4 10/30 PS zu tun haben.

Ich will aber auch nicht ausschließen, dass wir es mit etwas ganz anderem zu tun haben – so selten auch die erwähnte Verbindung aus Ovalkühler und Spitzkühler ist. So gab es bei der französischen Manufaktur Delaunay-Belleville kurzzeitig eine ähnliche Frontpartie.

Damit wären mein Wissen und meine Phantasie für heute erschöpft, was dieses Rätselfoto angeht. Jetzt sind Sie an der Reihe, liebe Leser, und wie immer ist jeder Beitrag willkommen, ganz gleich, wie weit er hergeholt erscheint.

Alles muss gesagt werden dürfen, alles muss sich dem Prüfstein von Logik und Stand des Wissens stellen, alles muss auf Gehalt abgeklopft werden, bevor man es verwirft oder es als plausibel akzeptiert. Nur so kommen wir weiter – wie im richtigen Leben.

Das war’s für heute – ich gönne mir jetzt noch etwas rätselhaft Schönes der anderen Art:

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Fotorätsel des Monats: Ein „Joswin“ mit Flugmotor?

Kultur beginnt jenseits aller Notwendigkeit – das ist eine meiner Überzeugungen, mit denen ich Sie hier immer wieder entgegen alle Notwendigkeit behellige. Aber da Sie ja freiwillig mitlesen, und das ziemlich regelmäßig, bestätigen Sie das eingangs Gesagte.

Gewiss: Nichts ist überflüssiger als ein Blog über Vorkriegsautos, noch dazu von jemandem, der kein Markenspezialist ist oder der Gilde der Automobilhistoriker angehört, die mit wissenschaftlichem Anspruch an die Sache gehen – sofern sie mal etwas publizieren.

Aber hier finden Sie etwas, was sonst nirgends gibt: eine mal zwanglose, mal leidenschaftliche, mal detaillierte, mal rein oberflächliche Auseinandersetzung mit dem Kulturphänomen Automobil in der Welt unserer Vorfahren vor dem 2. Weltkrieg.

Das Ganze subjektiv, angreifbar, mehr oder weniger gelungen – aber immer spannend, weil spontan aus der Quelle einschlägiger Dokumente schöpfend, die sonst spurlos verschwänden. Niemand würde dadurch beeinträchtigt, aber wieviel Sehenswertes ginge doch verloren, was uns jenseits des schnöden Alltags zu fesseln vermag

Wie gesagt – zum kultivierten Dasein gehören lauter unnötige Dinge: Kunst und Kitsch, Humor und Horror, Spiritualität und Spott, Faulenzen und Fußballspiel – und nicht zuletzt: übermotorisierte und völlig unpraktische Autos!

Bevor wir uns der Betrachtung des heutigen Beweisstücks hingeben, noch ein Wort zum letzten Fotorätsel: Wieder konnten wir gemeinsam die wahrscheinliche Lösung finden – es handelte sich um einen Hanomag „Rekord“ Geländesportwagen mit Ambi-Budd-Karosserie.

Das Beispiel zeigt einmal mehr, was in der Richtung möglich ist, wenn man die Kräfte „zusammenspannt“, wie die Schweizer in ihrer bilderstarken Variante des Deutschen sagen. Ich beobachte Ähnliches in meiner internationalen Facebook-Gruppe zu dem Thema.

In Deutschland – der Heimat von „German Angst“, auch was die intelligente Nutzung von Online-Medien angeht – sieht es dagegen eher duster aus. Ein Forum für alle Koryphäen könnte unzählige Problemfälle lösen und jede Menge Lücken füllen.

Material und Wissen sind grundsätzlich vorhanden – notwendig ist nur der Willen, beides zentral und ohne Zugangshindernisse mit dem Publikum zu teilen. Das weiß ich nach 10 Jahren einschlägiger Bloggerei genau und das heutige Foto ist ein ideales Beispiel dafür:

„Joswin“ (vermutlich); Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Diese großartige Aufnahme eines grandios überdimensionierten deutschen Automobils der frühen 1920er Jahre sandte mir kürzlich Matthias Schmidt aus Dresden zu.

Er gehört seit Jahr und Tag zu denjenigen, die mich großzügig mit Fotos aus ihren Sammlungen versorgen – Aufnahmen, die oft die Bilder aus meinem eigenen Fundus in den Schatten stellen.

Völlig unkompliziert gestaltet sich die Zusammenarbeit mit ihm und einigen anderen regelmäßigen „Gästen“ in meinem Blog. Nie habe ich erlebt, dass einer davon mit der Aufbereitung der Bilder nicht einverstanden war – auch wenn diese höchst subjektiv ist und auch ganz anders ausfallen könnte.

Hauptsache, die Fotos gammeln nicht in irgendwelchen Privatsammlungen, bis sie von unverständigen Angehörigen entsorgt werden – das ist die Devise. Auf diese Weise haben auch sehr zahlreiche solcher Fotos in die Neuauflage des „Oswald“ (Deutsche Autos 1920-1945, Motorbuch-Verlag, 2019) geschafft und diese auf ein neues Niveau gehoben.

Ja, die Neuauflage enthält noch viele Fehler der älteren Auflage und sie enthält neue in Form falscher Bildbeschriftungen. Ich muss das wissen, weil auch meine Beiträge in Fotoform in erheblicher Zahl davon betroffen sind.

Aber: Ich jammere nicht herum, weil ich nicht wie einige Spezialisten es schlicht versäumt habe, meinen Beitrag zur Verbesserung und Erweiterung zu leisten.

Wie Stoewer-Experte Manfrid Bauer beispielsweise habe ich mein Bestes getan, die Neuauflage drastisch zu verbessern. Wer es verpasst hat, ebendies zu tun, darf die Schuld bei sich selbst suchen.

So findet sich in der Neuauflage des „Oswald“ auf S. 252 ein Foto, das Matthias Schmidt darauf brachte, dass das heutige Fotorätsel aus seinem Fundus einen „Joswin“ zeigen könnte.

Den Freunden von extrem motorisierten deutschen Wagen der frühen 1920er Jahre läuft bei der Nennung dieser Marke das Wasser im Munde zusammen.

Denn Joswin war die Marke eines Berliner Enthusiasten namens Josef Winsch, der ab 1921 nichts Besseres zu tun fand, als in Manufaktur spektakuläre Automobile mit großvolumigen Daimler-Sechszylindermotoren zu bauen.

Diese Aggregate leisteten 75 bzw. 95 PS und werden im „Oswald“ als übriggebliebene Daimer-Flugmotoren bezeichnet. So ganz glaube ich die Story nicht, denn die von Daimler für die deutsche Luftwaffe gebauten 6-Zylindermotoren waren wesentlich stärker.

Doch deshalb bringe ich den mutmaßlichen „Joswin“ ja auch als Rätselfoto.

Zwar hat Matthias Schmidt sehr wahrscheinlich mit seiner Markenzuschreibung ins Schwarze getroffen. Die Kombination aus gerundetem Spitzkühler, außenliegenden Auspuffrohren und markant gezeichnetem Vorderkotflügel mit angedeuteter seitlicher Schürze – das allles passt perfekt zum Joswin in der Neuauflage des Oswald.

Doch woher stammten die Motoren wirklich? Kann es sein, dass Joswin diese direkt von Daimler bezog, wo man ja zeitgleich ebenfalls ein 28/95 PS-Modell mit über 7 Liter großem Sechszylinder im Programm hatte?

Jetzt sind Sie an der Reihe, liebe Leser. Mehr kann ich nämlich zu dem Wagen auf dem heutigen Rätselfoto nicht beisteuern – nur dass er mir in seiner hinreißenden Maßlosigkeit sehr gut gefällt…

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Fotorätsel des Monats: Ein „Adlomag“ Roadster?

Nachdem mein letztes Fotorätsel so vortrefflich gelöst worden ist – der mutmaßliche Raketenwagen entpuppte sich als Hansa mit extravaganter Werkssportkarosserie – hoffe ich auch dieses Mal auf das bemerkenswerte Fachwissen meiner Leser.

Bei der Gelegenheit sei daran erinnert, dass ich in dieser Rubrik nur Fotos bringen, die auch mich rätseln lassen – Ihre Mitwirkung ist also wirklich gefragt und ich schätze jeden Vorschlag sehr, denn ich selbst lerne gern und weiß, wieviel ich nicht weiß.

Heute kommen wieder die Freunde der prächtigen Manufakturaufbauten der 1930er Jahre auf ihre Kosten – das ist aber auch schon beinahe alles, was ich zu diesem schicken Roadster sagen kann:

deutscher Roadster von Mitte der 1930er Jahre; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir mustergültig, was einen Roadster nach klassischer europäischer Tradition auszeichnet: zwei Sitze, mehr oder weniger tief ausgeschnittene Türen ohne Kurbelscheiben und ein nur notdürftigen Schutz gewährendes ungefüttertertes Verdeck.

Diese Eigenheiten grenzen einen solchen Aufbau von einem zweiseitzigen Cabriolet ab – jedenfalls nach der reinen Lehre…

Jetzt aber zu der augenzwinkernden Ansprache dieses Exemplars als „Adlomag“. Tatsächlich sehe ich hier gestalterische Elemente, die sich bei sportlichen Varianten sowohl aus dem Hause Adler aus Frankfurt/Main als auch von Hanomag aus Hannover finden.

Mein erster Gedanke war tatsächlich „Hanomag“, denn es sind einige Roadster auf Basis des Vierzylindermodells „Rekord“ bzw. des parallel angebotenen Sechszylindermodells „Sturm“ ab Mitte der 30er dokumentiert.

Vor allem die seitlichen Luftklappen in der Motorhaube brachten mich darauf, denn die gab es auch bei den Standard-Werksaufbauten der Hannoveraner.

Allerdings waren diese Luftklappen kein Element, das sich nur bei Hanomag findet – auch andere Hersteller machten davon Gebrauch – meist bei höherwertigen Fahrzeugen, da der Bauaufwand höher ist als bei herkömmlichen eingestanzten Luftschlitzen. Zudem fehlen hier die waageechten Chromzierleisten in der Mitte der Luftklappen, wie man sie bei den Hanomags jener Zeit meist findet.

Dann brachte mich die Ausführung der Scheibenräder und der Steinschlagschutz am hinteren Kotflügel aber darauf, dass wir es auch mit einem flotten Adler zu tun haben könnten.

Angesichts der hohen Stückzahlen der modernen und gut aussehenden Frontantriebstypen „Trumpf“ und Trumpf „Junior“ sind in der veralteten Literatur (W. Oswald, Adler Automobile 1900-1945, Motorbuch-Verlag, 1981) längst nicht alle Spezialaufbauten dokumentiert.

Auch auf der Website des sonst so rührigen Adler Motor Veteranen Clubs wird man nicht fündig – vielleicht kann man ja als Anfang dort wenigstens den seit langem inaktiven Link zur Typentafel mit Leben füllen…

Also bleibt mir nur der Aufruf an Sie, liebe Leser (Abonnenten oder Zufallsbesucher meines Blogs): Was für einen Wagen sehen wir hier genau? Vielleicht ist es ja weder ein Adler noch ein Hanomag, also lassen Sie sich von meinen Vermutungen nicht beeinflussen…

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Fotorätsel des Monats: Ein Hansa „Raketenauto“?

Eine gründliche Erziehung wird nicht immer als angenehm empfunden, doch bringt sie hinreichend Struktur und Disziplin ins Leben, die man immer wieder abrufen kann, wenn man sie braucht. Und wenn nicht, kann man ja alle Fünfe gerade sein lassen, wenn man will. Nur ganz ohne gewissen Ordnungssinn wird man sich zeitlebens schwertun.

In meinem Blog geht es dementsprechend meist anarchistisch zu, weil ich am Ende eines diszipliniert zugebrachten Arbeitstags nur noch tun will, was mir gerade in den Sinn kommt.

Das müssen Sie, liebe Leser, regelmäßig ausbaden, aber Sie wissen auch: Etwas Struktur hat der abendliche Ausflug in die automobile Welt von gestern dann doch bisweilen.

Neben dem Fund des Monats, den ich mit bislang schöner Regelmäßigkeit präsentiere, gibt es zum 15. das erst dieses Jahr eingeführte Fotorätsel des Monats. Dass ich damit einen Nerv getroffen habe, zeigen mir die vielen Reaktionen darauf.

Bei der letzten Gelegenheit waren es mehrere Leser, die mich auf die Lösung brachten – ein umkarossierter Simson! Ich wäre nie darauf gekommen, wenngleich meine These, dass der Hersteller des expressiven Aufbaus eine tschechische Firma war, Unterstützung fand.

Heute steuert Leser Klaas Dierks das Fotorätsel des Monats bei – er zählt mit Matthias Schmidt, Marcus Bengsch, Jürgen Klein und Helmut Kasimirowicz zu den großzügigen Sammlerkollegen, ohne die mein Blog nur halb so interessant wäre.

Hier haben wir also den im Titel nicht ganz ernst, aber doch irgendwie begründet angekündigten „Raketenwagen“:

Sport-Zweisitzer mit Spezialaufbau um 1920; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Irres Teil, nicht wahr? Dabei wirkt der Fahrer eigentlich ganz vernünftig, aber am Steuer mutiert mancher braver Bürger bekanntlich zur Bestie, wenn es die Umstände erlauben.

Eine solche radikale Granate auf vier Rädern ist nur auf Basis eines Vorkriegswagens möglich, dessen Chassis mit Leiterrahmen fast beliebige Aufbauten erlaubt.

Was sich darunter verbirgt, ist fast bis zur Unkenntlichkeit verändert, doch meine ich, den wahrscheinlichen „Spenderwagen“ identifiziert zu haben. Schärfen wir zunächst den Blick für das, was trotz des futuristisch anmutenden Aufbaus erkennbar ist:

Der Radstand ist gemessen am Raddurchmesser – klingt kurios, trifft es aber – der eines sportlichen Zweisitzers. Dessen kurzes, gerundetes Heck ist recht gut zu erkennen, das behalten wir im Hinterkopf, die aufgeschnallten Ersatzreifen ignorieren wir.

Auch die eckigen Vorderkotflügel, eine kurzlebige Modeerscheinung am deutschen Markt nach dem 1. Weltkrieg (der AGA-Wagen lässt grüßen) blenden wir aus – sie sind nicht modellspezifisch.

Schon eher auf die Serienbasis schließen lässt der Kühler mit vorkragender „Nase“, auch das ein in vielen Varianten zu beobachtendes vorübergehendes Phänomen zwischen 1913/14 und 1920.

Auf eine Basis aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg schließen lassen die Karbidgasscheinwerfer, wenngleich sie bis etwa 1920 noch vereinzelt weitergenutzt wurden.

Zum Eindruck der „Rakete“ trägt nicht nur die schnurgerade ansteigende Linie von Motorhaube und Windlauf bis zur nicht vorhandenen Frontscheibe bei. Auch meint man am Chassis zwei Druckbehälter wahrzunehmen, welche die für Raketentreibstoff benötigten Gase beherbergt haben könnten, nicht wahr?

Nun, Jules Verne wäre sicher begeistert gewesen und hätte hier ein weiteres Automobil von Käpt’n Nemo gesehen, wenn der aus dem Uboot Nautilus zum seltenen Landgang antrat.

Doch bei allen phantastischen Assoziationen werden wir es hier eher mit einem Kraftstoffbehälter (oben) und einem Schalldämpfer (unten) zu tun haben.

Schade, das mit dem Raketenauto wird wohl doch nichts, mögen Sie jetzt denken. Aber enorm rasant sieht dieses Gerät allemal aus und das galt auch schon für die Serienbasis, die ich unter dieser kompromisslosen Karosse vermute:

Hansa Typ D 10/30 PS Sport-Zweisitzer von 1913/14; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Ich will Sie nicht über Gebühr beeinflussen, aber ich meine, dass dieser Hansa Sport-Zweisitzer des Typs D 10/30 PS von 1913/14 die Grundlage für das „Raketenauto“ im heutigen Fotorätsel lieferte.

Kurios, aber vielleicht nicht zufällig ist der Umstand, dass auch diese Aufnahme aus dem Fundus von Leser Klaas Dierks stammt. Manche haben einen Blick für Qualität, vor dem man nur neidlos den Hut ziehen kann.

Gern stelle ich die Plattform für die Verbreitung und Diskussion solcher genialen Dokumente bereit, lehne mich bei der Interpretation unerschrocken aus dem Fenster, habe gerne recht mit meiner Interpretation, kann aber auch völlig danebenliegen.

Damit wäre die Diskussion eröffnet – meine These kennen Sie. Scheuen Sie sich nicht, sie gründlich zu zerlegen, oder liefern Sie weitere Indizien zugunsten meiner Sicht. Ich bin gespannt, was vom „Raketenwagen“ aus dem Hause Hansa am Ende übrigbleibt…

Michael Schlenger, 2025. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Fotorätsel des Monats: Ein Lehrling und „sein“ Cabrio…

Befasst man sich mit den Meisterwerken der Vergangenheit in den Bereichen Malerie, Musik oder auch Technologie, bemerkt man immer wieder, wie früh ihre Schöpfer einst ein Niveau erreichten, das ihre Vorgänger in den Schatten stellte.

Wer als Lehrling begann, hatte indessen nichts zu lachen und nichts zu melden, es galt zunächst, sich das Handwerkszeug anzueignen, das die Altvorderen über Generationen entwickelt hatten. Da wurde kein Kompromiss gemacht und diskutiert wurde schon gar nicht.

Dem lag die Erfahrung zugrunde, dass das über unzählige Generationen gereifte Können und Wissen sehr wahrscheinlich weit über das hinausgeht, was ein zufälliger Einzelner der nachwachsenden Generationen zuwegebringt.

Wer nicht mindestens das etablierte Niveau erreichte, konnte als gescheitert oder zumindest ungeeignet angesehen werden.

Die strikte Hierarchie und Disziplin mochten für das sich besonders begabt wähnende Individuum ihre Schattenseiten haben, aber sie brachten in der Breite eine Qualität hervor, die praktisch nichts Minderwertiges kennt. Man vergleiche nur einmal die Schulen oder Bahnhöfe der Gründerzeit mit den Baracken der Moderne.

Der wirklich geniale Neuerer – der echten Fortschritt und nicht lediglich Anarchie verkörpert – wird sich auch in einem zunächst Unterordnung und Anpassung fordernden Umfeld durchsetzen, selbst wenn das ein schmerzhafter Prozess sein kann.

Der vollausgebildete und am Vorbild des Meisters geschulte, wahrhaft begabte Lehrling wird diesen überflügeln, wenn er sich am Ende von den Fesseln der Tradition freimacht. Vor allem in der Kunstgeschichte gibt es unzählige faszinierende Beispiele dafür.

Was die Technikgeschichte angeht, gibt es zwar jede Menge Autodidakten, aber ich meine, dass auch von diesen jeder in irgendeiner Form eine Ausbildung durchlaufen hatte, deren inhaltlichen Anspruch und rigorose Härte man heute außer in Asien kaum mehr findet.

Die Freunde der antiautoritären Erziehung (also: keiner Erziehung) mögen es schlimm finden, wie Jugendliche andernorts auf Leistung gedrillt werden. Dann müssen sie aber die gesamte abendländische Kunst und Kultur, Wissenschaft und Technik verwerfen.

Vor allem aber dürfen sie sich auf keinen Fall an so etwas wie dem folgenden Automobil erbauen, das Ergebnis höchster Meisterschaft war, auch wenn uns hier bloß der Lehrling vermeintlich die Tür zu „seinem“ Wagen öffnet:

unbekanntes Cabriolet der 1930er Jahre; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Wir dürfen davon ausgehen, dass der Bub in Arbeitsmontur noch weit davon entfernt war, mehr als nur ein kleines Bauteil dieses atemberaubend gestalteten Wagens anzufertigen.

Aber: Der junge Mann wusste schon ganz genau, was höchste Qualität ist, und wird den Ehrgeiz besessen haben, dereinst eines der vielen Handwerke vollkommen zu beherrschen, die an der Schöpfung eines derartigen Manufakturwagens beteiligt waren.

Was aber war das für ein Wagen mit der expressiven Kühlerfront, den Luftklappen in der Motorhaube und der niedrig gehaltenen Frontscheibe, die zwar unpraktisch war, aber zur Optik eines sportlich wirkenden Cabriolets der 30er Jahre gehörte?

Mit diesem aufregenden Gefährt, das wir anhand der seitlichen Kotflügel“schürzen“ auf frühestens 1933 datieren können, habe ich mich wiederholt beschäftigt.

Den Kühlergrill findet man ähnlich beim Wanderer der Typen W21/22 – vielleicht das großartigste Design dieser eher konservativen Marke überhaupt:

Wanderer W21 Limousine (4-Fenster), Baujahr: 1933; Originalfoto: Sammlung Marcus Bengsch

Die Gestaltung des Kühlergrills ist beim „Meisterstück“ unseres Lehrlings aber nochmals progressiver und ansonsten weisen die beiden Wagen keinerlei Gemeinsamkeiten auf.

Mein Verdacht ist, dass wir es auch nicht mit einem deutschen Fabrikat zu tun haben. Den Schlüssel sollten die Kühlerfigur und der Markenschriftzug auf dem Grill liefern.

Leider bin ich daran gescheitert, hier etwas Konkretes zu erkennen, was mich der Lösung weiterbringt. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass wir es mit einem tschechischen Manufakturwagen zu tun haben.

Tatsächlich hoben sich tschechische Autohersteller und Karosseriebauer in den 1930er Jahren durch eine hochexpressive Formensprache vom mitteleuropäischen Mainstream ab, die oft in meisterhaften Aufbauten mündete, welche als skulpturengleiche Schöpfungen angesprochen zu werden verdienen.

Dieser Stil war ein ganz eigener wie auch der italienische jener Zeit, doch basierte er auf derselben Grundlage, wie sie damals universell war: vollkommener Beherrschung der formalen wie handwerklichen Voraussetzungen zum Bau eines individuellen, einen bestimmten Stil perfekt verkörpernden Automobils.

Das meisterhafte Ergebnis, das uns hier vom Lehrling einer Autowerkstatt oder Karosseriebaufirma präsentiert wird, werden hoffentlich Sie, liebe Leser, auf Anhieb einem bestimmten Hersteller zuordnen.

Ich kann mir nur vorstellen, dass ich diesmal schlicht „auf dem Schlauch stehe“, wie man so schön sagt, wenn die naheliegende Erkenntnis einfach nicht den Weg aus dem Hinterstübchen des Hirns ins Vorzimmer des Bewusstsein finden will.

In der Hinsicht werde ich wohl ewig Lehrling bleiben, wenn ich mir die schiere Masse der Fotos betrachte, die mir Rätsel aufgeben. Aber eines möchte ich selbstbewusst feststellen: Ich erkenne herausragende Qualität, wenn sie sich darbietet.

Dafür bin ich durch eine lange Phase der Selbstschulung gegangen. Denn in Sachen Ästhetik oder gar Technikhistorie habe ich in 13 Jahren Schule exakt nichts beigebracht bekommen, was über die banale Unterscheidung romanischer und gotischer Bögen oder die Funktionsweise eines 0815-Verbrennungsmotors hinausgeht.

A bisserl wenig für den großspurigen Anspruch, den man hierzulande pflegt.

Aber herrje, warum nicht noch einmal in die Lehre gehen, wenn’s denn sein muss? Gerne dazuzulernen, echte Autorität anzuerkennen und sich immer weiterzuentwickeln, das gehört zu den wunderbar abwechslungsreichen Konstanten des Daseins.

Michael Schlenger, 2025. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Fotorätsel des Monats: U.a. ein Luxusdampfer um 1930

Der Titel lässt bereits ahnen, das ich heute zu Übermut neige. Das mag damit zusammenhängen, dass ich beim nachmittäglichen Besuch des örtlichen Baumarkts doch nicht von einem rückwärts ausparkenden Elektropanzer überrollt wurde, obwohl der es „nachhaltig“ darauf abgesehen zu haben schien.

Ich weiß schon, warum ich mich nie auf Rück- und Außenspiegel verlasse, außerdem habe ich mir als Motorradfahrer angewöhnt, immer damit zu rechnen, selbst übersehen zu werden oder dass einer einem sogar wissentlich die Vorfahrt nimmt.

Von solcher Paranoia kann man auch als Fußgänger oder Radler profitieren. Ein im spielerischen Umgang mit Katzen erworbenes Reaktionsvermögen mag dem Überleben in einem ins Anarchische abgleitenden Verkehrsgeschehen ebenfalls dienlich sein.

Nachdem dieser Punkt geklärt wäre, tauche ich nun tiefer in die Vergangenheit ein. Einen kurzen Zwischenstopp lege ich beim Fotorätsel des Vormonats ein.

Das dort gezeigte Automobil hatte für einige Resonanz gesorgt, was mich darin bestärkt, diese neue Rubrik fortzuführen. Die Lösung will ich – sofern sich eine gefunden hat – stets zu Beginn des nächsten Fotorätsel bringen.

So kann ich heute mitteilen, dass sich die Vermutung bestätigt hat, dass das abgebildete Luxus-Cabriolet ein Lancia „Astura“ von Mitte der 1930er Jahre war.

Ganz genau zu sagen wusste es Michele Casiraghi, Mitglied einer Facebook-Gruppe, die auf italienische Vorkriegswagen spezialisiert ist und zu der ich ebenfalls beitrage.

Demnach handelt es sich um einen Lancia „Astura“ von 1934 mit Karosserie von Pinin Farina – bezeichnet als „Cabriolet Royal Aerodynamico“ und unter anderem an den hinteren Radverkleidungen erkennbar.

In der puristischen Eleganz der Lancias und Alfas jener Zeit deutete sich bereits die einzigartige Blüte der italienischen Karosseriebaukunst der 1950/60er Jahre an.

Was nun das Fotorätsel dieses Monats angeht, bleibe ich in Italien – eine Entscheidung, die mir stets besonders leicht fällt – doch bewegen wir uns nun einige Jahre zurück:

„Stazione Marittima“ in Genua; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Diese prächtige Ansicht zeigt das bis heute unverändert erhaltene Passagierterminal im Hafen von Genua – die sogenannte „Stazione Marittima“.

Konzipiert wurde der dreiflügelige Bau kurz vor dem 1. Weltkrieg. Nach Baubeginn 1916 sorgte der 1. Weltkrieg für eine langjährige Unterbrechung des Baufortschritts.

Erst 1930 erfolgte die Fertigstellung. Am historisierenden Baustil der Neorenaissance wurde festgehalten – eine brutale Zäsur in der Architektur wie in Deutschland fand in Italien kaum statt, auch der Jugendstil („Liberty“) hielt sich dort noch bis in die späten 1920er Jahre.

Was mir neben der repräsentativen und abwechslungsreichen Architektur hier besonders gefällt, ist die funktionell gesehen hochmoderne zweistöckige Straßenführung bei gleichzeitiger Wahrung dem Auge schmeichelnder eleganter Formen.

Erstaunlich, wie Moderne und Tradition zusammengehen können, wenn man will (und wenn man es kann), nicht wahr? Den meisten Architekten der Gegenwart ist dieser Weg leider verbaut, da die verabsolutierende Bauhaus-Ideologie bis heute die Köpfe beherrscht.

Ausnahmen gibt es durchaus, aber diese bestätigen lediglich die Regel, welche nach dem Krieg die Hauptursache für die Unwirtlichkeit unserer modernen Städte war.

Die Fachkundigen unter den Lesern mögen mir solche Laienurteile verzeihen – aber als gebürtiger Bad Nauheimer bin ich in Sachen Baukunst massiv vorbelastet und ich verstehe diese Lust an der monotonen Kasten- und Rasteroptik der Gegenwart nicht ansatzweise.

Aber Moment, müssen wir hier nicht wenigstens am Rande auch über Vorkriegsautomobile sprechen? Ja gewiss, das tun wir auch diesmal, auch wenn das Rätsel diesmal wohl kein allzu schweres sein dürfte, oder doch?

Während das heute vorgestellte Foto nach dem zuvor Gesagten frühestens 1930 entstanden sein, verweist die Gestaltung der hier zu sehenden Chauffeur-Limousine auf eine frühere Entstehungszeit des Wagens.

Natürlich spricht die Wahrscheinlichkeit für einen großen Fiat – denn der Turiner Hersteller war damals der einzige Massenproduzent von Automobilen in Italien. Allerdings schließt das nicht aus, dass wir es dennoch mit einem anderen Fabrikat zu tun haben.

Mangels Alternativen möchte ich aber vorläufig an der Fiat-These festhalten und tippe hier auf eine Version des kleinen 6-Zylindertyps 520, der ab 1927 gebaut wurde. Davon gab es ausweislich des deutschen Prospekts auch eine Ausführung als klassische Chauffeur-Limousine, also mit geschlossenem Passagierabteil.

Die Frontpartie des Fiat 520 mit rund 45 PS leistendem Motor kann man auf dieser Aufnahme studieren, die ich vor längerem bereits vorgestellt habe – das Modell fand auch in deutschen Landen etliche Käufer.

Fiat 520;aufgenommen in Troppau (heute: Tschechien); Originalfoto: Sammlung Franz Langer

Da ich in diesem Fall mit wenig Alternativvorschlägen rechne – die vielen Fiat-Modelle der 1920er Jahre kennt hierzulande wohl nur Ferdinand Lanner wie seine Westentasche – habe ich mich im eingangs erwähnten Übermut für ein Rätsel eigener Art entschieden.

Da von der Stazione Marittima in Genua – wo heute riesige Kreuzfahrtkähne ankern – einst die meisten Passagierdampfer ablegten, die italienische Auswanderer in die USA brachten, sollte es auch Enthusiasten geben, die sich mit diesem Vorkriegskapitel auskennen.

Also stelle ich heute zusätzlich zur Fiat 520-Hypothese die Frage in die Runde: Was war das für ein Passagierschiff, das auf dem Foto aus Genua zu sehen ist?

Die nur zwei Schornsteine sprechen gegen einen der ganz großen Dampfer jener Zeit, aber nur für den Mittelmeerverkehr scheint mir dieser Vertreter nicht vorgesehen zu sein.

Wenn Sie nun auf diesem Sektor ebenso ahnungslos sind wie ich, aber dafür unbedingt etwas zu der Figurengruppe rechts im Bild loswerden möchten, dann nur zu. Den Gott Merkur mit merkwürdig platziertem Caduceus sehe ich dort, aber sonst?

Auch solche Details aus der Welt von gestern interessieren mich – wäre doch arg beschränkt, wenn man nur alte Autos im Kopf hätte, oder?

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Fotorätsel des Monats: Ein Luxus-Cabriolet um 1935

Das Warten auf den Fund des Monats ist entschieden zu lang und ich erwische mich immer öfter dabei, zwischendurch etwas Besonderes bringen zu wollen. Gleichzeitig möchte ich weiterhin der Chronistenpflicht in Sachen Vorkriegsautos gerecht werden.

Also werde ich unverdrossen – wenn auch meist nur oberflächlich – den üblichen Verdächtigen, die andernorts passabel oder besser dokumentiert sind, Raum geben.

Doch eigentlich steht mir der Sinn nach 10 Jahren Bloggerei zum Thema „Vorkriegswagen auf historischen Fotos“ zunehmend nach dem Exotischen, Ästhetischen, Überraschenden.

Das mag ein aktueller Reflex der allgemeinen Tendenz zur Nivellierung auf immer niedrigerem Niveau sein. Doch das Streben nach Eindrücken und Erlebnissen jenseits des Alltäglichen ist mir schon von jeher auch ein persönliches Bedürfnis.

Hinzu kommt ein simples Faktum:

Ich ertrinke buchstäblich in Aufnahmen von Vorkriegswagen, die ich auch nach dem x-ten Versuch nicht sicher identifizieren kann. Zu den rund tausend Kandidaten in meinem eigenen Fundus kommen laufend neue aus Leserzuschriften hinzu.

Also mache ich aus der Not eine Tugend und präsentiere von heute an zur Monatsmitte ein Fotorätsel, das ich nicht lösen konnte.

Ich weiß frei nach Sokrates, wieviel ich nicht weiß, und ich weiß, dass ich über die Jahr eine Leserschaft gewonnen habe, deren Wissen mich immer wieder begeistert, deren oft andere Sichtweisen mir neue Impulse geben und mich dazu lernen lassen.

Also machen wir einen Deal, liebe Leser: Ich liefere Ihnen wie gewohnt regelmäßig und frei Haus meine subjektiven Gedanken zu Vorkriegsautos auf alten Fotos, doch einmal im Monat müssen Sie als Gegenleistung selbst ran.

Beginnen wir mit folgender Aufnahme aus meiner Sammlung, die Mitte der 1930er Jahre entstanden sein dürfte:

unidentifiziertes Cabriolet um 1935; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Die Architektur im Hintergrund und das Erscheinungsbild der abgebildeten Personen sehen mir nach dem deutschsprachigen Raum aus.

Doch das zweitürige Cabriolet mit dem coupéhaft gestalteten Verdeck ohne seitliche Sturmstange in Verbindung mit der stark geneigten Frontscheibe lässt mich an eine südlichere Region denken, was die Herkunft dieses Wagens angeht.

Gewiss, solche Cabrios mit eleganter Zweifarblackierung – der Korpus hell und leicht, die übrigen Teile dunkel davon abgesetzt – waren ein Standard bei europäischen Automobilen in den 1930er Jahren.

Doch irgendetwas an den Proportionen und die lässige Selbstverständlichkeit der Gestaltung scheint mir außergewöhnlich zu sein.

Vielleicht hat mich der Kühler des Wagens dahinter auf die Idee gebracht – vielleicht auch ein im Hinterkopf abgespeichertes Bild aus vergangener Lektüre – aber ich stelle hier als Arbeitshypothese die italienische Marke Lancia in den Raum.

Ich mag völlig daneben liegen, wenn ich im vorliegenden Fall meine, dass hier die Hand von Meister Pinin Farina im Spiel war. Also vergessen Sie am besten alles, was ich mir hier zusammenreime – ich weiß es wirklich nicht genau, was das für ein Wagen war.

Damit übergebe ich an Sie, liebe Leser. Nur eine Bitte hätte ich: Wenn Sie eine Idee zu diesem Gefährt haben oder sich gar absolut sicher sind, worum es sich handelt. verweisen Sie bitte auf eine passende Abbildung im Netz, in der Literatur oder eigenen Garage.

Und vermeiden Sie bitte Fragen nach dem Muster: „Könnte es ein xyz sein?“

Gehen Sie einfach in Vorlage, machen Sie einen Vorschlag, lehnen Sie sich aus dem Fenster – aber bitte immer mit Argumenten, an denen man sich abarbeiten kann. Und wie immer ist es erlaubt, meine eigene Sicht völlig zu verwerfen.

Ich bin gespannt, was die echten Kenner oder auch die Amateure (wie ich) sagen. Und um es zu wiederholen: Das machen wir jetzt monatlich, denn solches schöne Material aus der Welt von gestern gibt es ohne Ende…

NACHTRAG und LÖSUNG: Wie vermutet, handelt es sich um einen Lancia des Typs „Astura“ mit Karosserie von Pinin Farina – bezeichnet als „Cabriolet Royal Aerodynamico.“

Das unter anderem an den hinteren Radverkleidungen erkennbare Modell wurde 1934 auf diversen Concours-Veranstaltungen ausgezeichnet. Einen entsprechenden Literaturhinweis erhielt ich von Michele Casiraghi, einem sachkundigen Mitglied einer Facebook-Gruppe, die auf italienische Vorkriegswagen spezalisiert ist.

Michael Schlenger, 2025. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.