„Kleiner“ 6-Zylinder aus Turin: Fiat 520

Freunde von Nachkriegs-Fiats haben es leicht – da gab es nur einen Fiat 500, ansonsten war bei den Klassikern aus Turin bis in die 1960er Jahre der Hubraum Bestandteil der Typenbezeichnung.

In der Vorkriegszeit dagegen gab es eine auf den ersten (und auch auf den zweiten) Blick verwirrende Typologie. Vom kompakten Vierzylinder-Fiat 501 der frühen 1920er Jahre – dem ersten Großserienerfolg der Marke – gab es bis zum Sechszylindertyp 527 der 1930er Jahre über 20 verschiedene Modelle, die als 500er Fiat firmierten.

Etliche davon wurden in diesem Blog für Vorkriegswagen anhand von Originalfotos vorgestellt, beispielsweise der Sechszylindertyp 521 der späten 1920er Jahre. Hier haben wir eine historische Originalaufnahme dieses großzüigen Modells:

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Fiat 521; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Fiat hatte jedoch bereits kurz zuvor – im Jahr 1927  – einen etwas schwächeren Wagen mit 6 Zylindern vorgestellt, den Typ 520. Er war der erste Fiat mit Linkslenkung, folgte aber stilistisch noch nicht so konsequent der US-Mode wie der große Bruder.

Die formalen Unterschiede waren im Detail erheblich und das Gesamtbild stellte sich grundlegend anders dar. Vielleicht am augenfälligsten ist das weniger massige Erscheinungsbild dank des niedrigeren und transparenter wirkenden Aufbaus: 

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Fiat 520; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die zwei hochsommerlich gekleideten Damen scheinen sich auf dem Trittbrett des Fiat mit eleganter Zweifarblackierung sehr wohl zu fühlen. Offenbar war schon damals ein Fiat aus der 500er-Familie ein Favorit beim schönen Geschlecht.

Nun mag ein kritischer Geist einwenden: Woher wissen wir, dass das ein Fiat ist? Zugegeben: Aus dieser Perspektive wäre der Verfasser auch nicht darauf gekommen, obwohl es ein winziges Indiz dafür gibt.

Zum Glück wurde der Wagen am selben Tag und am selben Ort ein weiteres Mal fotografiert:

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Hier haben wir auf einmal einen schlechtgelaunt dreinblickenden Pfarrer, eine weitere Dame mit Schäferhund und zwei Herren, die zwei ganz unterschiedliche Typen repräsentieren.

Außerdem können wir nun dem Wagen quasi ins Gesicht schauen – die Frontpartie war  bei Autos der 1920er Jahre der charakteristischste Part. So liefert die folgende Ausschnittsvergrößerung die entscheidenden Indizien:

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Die Kühlerform, das runde Markenemblem, die Ausführung der Scheinwerfer mit markant profiliertem Chromring und die Gestaltung der Frontschutzbleche – alles passt perfekt zu einem Sechszylinder-Fiat des Typs 520 (1927-29).

Wer genau hinschaut, erkennt auch, dass sich das einer antiken Tempelfront nachgebildete Profil der Kühlermaske in der Motorhaube fortsetzt. Deren hinterer Abschluss ist auf obigem Foto gerade noch zu erkennen.

Die Unterseite der Frontscheibe spiegelt nochmals die Kontur des klassischen Dreiecksgiebels wider, die die Gestaltung der Kühlermaske bestimmt:

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Diese Details erlauben die Ansprache des Wagens als Fiat des kleinen Sechszylindertyps 520 mit 46 PS. Wer die Leistung dürftig findet, sei an zwei Dinge erinnert:

  • Ende der 1920er Jahre gab es kaum Straßen, auf denen sich dauerhaft ein Tempo von mehr als 80 km/h aufrechterhalten ließ.
  • Wichtiger war die Fähigkeit des Motors, ohne Schalten aus niedrigen Drehzahlen zu beschleunigen, und die Steigfähigkeit am Berg – beides Funktionen eines ausreichenden Hubraums (im Fall des Fiat 520 2,2 Liter).

Noch zehn Jahre später begnügte sich ein Mercedes des Typs 170V mit zahmen 38 PS aus 1,7 Litern Hubraum. Fiat bot damals übrigens den deutlich ehrgeizigeren Sechszylindertyp 1500 mit 45 PS an, aber das ist eine andere Geschichte

Übrigens entstand die Aufnahme in Deutschland – der Fiat trägt nämlich eine Zulassung im Regierungsbezirk Oberpfalz. Die hochwertigen Tourenwagen und Limousinen aus Turin waren in den 1920er Jahren keineswegs eine Seltenheit hierzulande – heute dagegen ist Fiat außer mit dem 500er praktisch nicht mehr präsent…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

Classic Days 2018: Endlich ein Fiat 1500!

Ein Fiat 1500 – was soll ein Nachkriegsmodell in einem Blog für Vorkriegsautos? Das mag sich der Konsument ordinärer deutscher Klassikermagazine fragen.

Doch Leser dieses Blogs wissen mehr. Sie verbinden damit eines der modernsten Automobile, die in den 1930er Jahre in Deutschland erhältlich waren. Merkwürdigerweise wird andernorts fast nie darüber berichtet.

Hier dagegen haben wir uns bereits anhand mehrerer historischer Originalfotos mit diesem reizvollen Modell befasst:

Der 1935 vorgestellte Fiat 1500 verband den Komfort einer viertürigen Limousine ohne Mittelsäule mit einem Sechszylindermotor, der 45 PS leistete, und einer hochmodernen Karosserie in Stromlinienoptik.

Damit stellte der Fiat in mancher Hinsicht den zeitgenössischen Mercedes 170V in den Schatten, dessen rückständiger Vierzylinder-Seitenventiler trotz größeren Hubraums schwächer war. Allerdings war der konservativ gestaltete 170er auch deutlich billiger.

Von den über 35.000 Exemplaren, die bis 1939 vom Fiat 1500 entstanden, wurde eine unbekannte Zahl im ehemaligen NSU-Automobilwerk in Heilbronn gebaut.

Leider ist dieser technisch interessante und auffallend gestaltete Fiat in Deutschland ein völliger Außenseiter. Dabei ist er für Automobilgourmets ein absoluter Leckerbissen – erst recht, wenn er die Spuren von über 80 Jahren mit Würde trägt.

Bei den Classic Days 2018 auf Schloss Dyck konnte der Verfasser nun erstmals genau solch einen Vertreter dieses Typs dingfest machen:

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Fiat 1500; Bildrechte: Michael Schlenger

Der sympathische Besitzer hat den Wagen in fein patiniertem Zustand in Italien aus alter Hand erworben. Lediglich die Technik wurde überholt und die angefressene Innenausstattung soweit erforderlich erneuert.

Die Anmutung eines solchen Zeitzeugen, dem man sein langes Leben ansieht, ohne dass er an ästhetischer Wirkung verloren hat, ist mit keinem der vielen oft ohne Not auf vermeintlich „neu“ gemachten Klassiker zu vergleichen.

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Fiat 1500; Bildrechte: Michael Schlenger

Hier sieht man übrigens die Ähnlichkeit der Frontpartie mit derjenigen des Peugeot 402 – nur dass beim Fiat die Scheinwerfer nicht hinter dem Kühlergrill liegen.

Fiat-typisch sind die versenkt angebrachten senkrechten Türgriffe. Auffallend ist außerdem das Fehlen seitlicher Luftschlitze – die geöffnete Klappe dient der Innenraumbelüftung.

Interessant ist auch die Gestaltung der Motorhaube. Im Unterschied zu den Peugeots der 02er-Reihe ist sie noch zweigeteilt und endet vor dem Kühlergrill.

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Fiat 1500; Bildrechte: Michael Schlenger

Die tropfenförmigen aufgesetzten Scheinwerfer sind aus dieser Perspektive besonders wirkungsvoll – sie tragen zum charaktervollen „Gesicht“ des Fiats bei.

Eine elegante Lösung stellen die beiden Stoßfänger in Form einer Halbellipse dar. Sie rahmen den weit nach unten reichenden, herzförmigen Kühlergrill ein. Der eigentliche Kühler liegt wie bei den 02er Peugeots weit dahinter.

Schön, dass der heutige Besitzer die Messingplakette des Dachverbands der italienischen Clubs für historische Autos und Motorräder (ASI) ebenso beibehalten hat wie das alte Kennzeichen (aus Bologna).

Ein weiteres reizvolles Detail sieht man auf folgender Aufnahme:

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Fiat 1500; Bildrechte: Michael Schlenger

Auf dem Trittbrett wechseln sich gummierte Aluminiumleisten mit Gummimatten ab. Auf den ersten Blick scheint man damit die bei Ein- und Ausstieg stark exponierten Stellen besonders geschützt zu haben.

Doch dürften diese Trittbretter nur noch der Zierde gedient haben – wie beim späteren Volkswagen erscheinen sie nicht belastbar.

Unsere kleine Fotoreihe wäre nicht vollständig ohne eine Ansicht der Heckpartie – die sich übrigens auch in obiger Zusammenstellung historischer Originalfotos findet:

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Fiat 1500; Bildrechte: Michael Schlenger

Zwar kann dieser Fiat 1500 nicht mit einer raffinierten Zweifarblackierung und verchromter Reserveradeinfassung aufwarten. Dennoch hinterlässt er aus rückwärtiger Perspektive einen harmonischen Eindruck.

Bestechend ist die Plastizität der Formen auch am Heck – von jeher die schwierigste Partie bei der Gestaltung eines Automobils. Hier besitzt jede Linie einen klaren, in sich geschlossenen Verlauf.

Da gibt es keine irgendwo anfangenden und plötzlich endenden Sicken, keine funktionslosen und überdies oft noch farblich abgesetzten Kunststoffelemente im Stoßfängerbereich, auch der Anblick von Auspuffrohren bleibt einem erspart.

Hier ruht der Blick schlicht auf Formen, die keiner vulgären Akzente bedürfen – auch darin liegt die Schönheit vieler Vorkriegswagen. Dann noch ein Exemplar in einem über Jahrzehnte gewachsenen harmonischen Gesamtzustand!

Was will man mehr? Nun, allenfalls weitere solche charaktervollen Fahrzeuge – und dafür bieten die Classic Days auf Schloss Dyck Jahr für Jahr das perfekte Umfeld.

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Classic Days 2018: Ein rarer Horch Typ 10/50 PS

Bei den diesjährigen Classic Days auf Schloss Dyck wurde anlässlich des 150. Geburtstages von Pionier August Horch (1868-1951) groß aufgefahren. Gleich mehrere hochkarätige Horch-Wagen der 1930er Jahre waren vor der grandiosen Kulisse des ehrwürdigen Wasserschlosses zu bewundern:

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Horch-Präsentation Schloss Dyck 2018; Bildrechte: Michael Schlenger

Natürlich weiß der Kenner, dass diese Prachtstücke außer dem Namen nichts mit August Horch zu tun haben, der bereits 1909 die von ihm gegründete Firma verließ und kurz danach Audi gründete.

Dennoch war dies eine angemessene Würdigung eines der bedeutendsten Automobilkonstrukteure aus dem deutschen Sprachraum überhaupt.

Weniger prominent präsentiert waren zwei weitere, nicht ganz so spektakuläre Horch-Modelle, die aber eine Betrachtung verdienen, da sie selten zu sehen sind:

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Horch 8 Typ 305 und Typ 10/50 PS; Bildrechte: Michael Schlenger

Lesern dieses Blogs wird zumindest der vordere Wagen vertraut vorkommen. Der mächtige Achtyzlinder des Typs 305 steht hier zwar im Vordergrund, muss heute aber zugunsten seines unscheinbareren Kameraden zurücktreten.

Der neben dem luxuriösen Horch 8 Typ 305 abgestellte Wagen stellt nämlich heute eine Rarität dar, obwohl er einst in über 2.300 Exemplaren gebaut wurde. Es handelt sich um den letzten Vierzylinder von Horch, den Typ 10/50 PS.

Wir haben von diesem kultivierten Modell mit obenliegender Nockenwelle, Königswellenantrieb und Aluminiumkolben bereits mehrere Originalfotos gezeigt.

Dabei war die Identifikation mitunter nicht einfach, da der Horch 10/50 PS im radikal-sachlichen Stil daherkam, der Mitte der 1920er Jahre in Deutschland vorherrschte.

Die Zugehörigkeit zur automobilen Oberklasse sah man dem Wagen nicht unmittelbar an, nur die Dimensionen (und der Preis von rund 13.000 Reichsmark) ließen auf ein höherwertiges Fahrzeug schließen.

Das bis dato an Spitzkühlermodelle gewöhnte solvente Publikum scheint damals vorübergehend Gefallen an der neuen Sachlichkeit gefunden zu haben, bevor die Konkurrenz aus Übersee eine neue, konsequent auf Luxus getrimmte Linie vorgab.

So dürfte auch zu erklären sein, das von dem technisch seinerzeit hochmodernen Horch 10/50 PS nur wenige Exemplare überlebt haben. Das auf Schloss Dyck gezeigte Fahrzeug war das erste, das dem Verfasser bislang in natura begegnet ist:

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Horch Typ 10/50 PS Tourenwagen; Bildrechte: Michael Schlenger

Wäre da nicht das mit einer Krone geschmückte „H“ auf der Kühlermaske, übrigens erstmals am Typ 10/50 PS zu finden, dann wäre dieser Wagen nur sehr schwer als Horch zu identifizieren.

Umso erfreulicher, dass man sich entschieden hat, dieses auf den ersten Blick beliebig wirkende Qualitätsautom aus dem Hause Horch mit zu den Classic Days zu nehmen.

Übrigens wurde die Rechtslenkung erst bei den letzten im Herbst 1926 gebauten Exemplaren des Horch 10/50 PS aufgegeben. Mit Stoßdämpfern und Bremsen an allen vier Rädern war der für 100 km/h Spitze ausgelegte Wagen angemessen ausgestattet.

Was auf dem obigen Schwarzweißfoto wie auch auf historischen Originalaufnahmen untergeht, ist die Wirkung der damals modischen Zweifarblackierungen.

Der auf Schloss Dyck gezeigte Horch 10/50 PS verfügte über ein besonders raffiniertes Farbschema, bei dem der Vorderwagen in Schwarz gehalten war, während der den Insassen vorbehaltene Karosserieabschnitt sowie die Räder in einem hellen Grünton lackiert waren:

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Horch 10/50 PS Tourenwagen; Bildrechte Michael Schlenger

Leider war dem Verfasser keine Aufnahme der gesamten Seitenpartie möglich, da sich daneben eine Reihe von Besuchern niedergelassen hatte, um in aller Ausführlichkeit dort ihr Mittagessen einzunehmen.

Vermutlich war ihnen kaum bewusst, vor welchem Hintergrund sie da ihre Würstchen und Pommes Frites verzehrten – so haben sich die Zeiten geändert.

So blieb nur die Wahl, sich Details zu widmen, bei denen keine fragwürdigen Zutaten der Gegenwart den Genuss beeinträchtigen:

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Horch 10/50 PS; Bildrechte: Michael Schlenger

Auf diesem Ausschnitt lassen sich zwei Dinge gut erkennen:

Zum einen sind hier die blanken Metallteile noch vernickelt, nicht  –  wie später üblich – verchromt. Zum anderen sieht man moderate Benutzungsspuren. Sie künden davon, dass dieser über 90 Jahre alte Wagen kein zum Stillstand verdammtes Museumsstück ist – genau so soll es sein!

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Vorkriegsschätze bei den Classic Days 2018

Der eine oder andere Leser dieses Blogs für Vorkriegsautos mag sich schon gefragt haben: „Gleich mehrere Tage ohne neuen Eintrag – was ist denn da los?“

Der Verfasser kann zu seiner Entlastung vorbringen, dass er das Wochenende auf Deutschlands wohl schönster Klassikerparty verbracht hat, den Classic Days im Landschaftspark von Schloss Dyck am Niederrhein.

Nach drei Tagen intensiven Kontakts mit Oldtimern von der Pionierzeit bis in die 1970er Jahre – mit begeisternden Vorführungen, angenehmen Gesprächen und im Einklang mit tausenden Enthusiasten – ist man erst einmal sprachlos.

Schöner kann die Pflege unserer automobilen Tradition kaum sein und so fiel es dem Verfasser am Montag nach den Classic Days schwer, die Bilder aus dem Kopf zu bekommen, die ihn immer wieder von der Schreibtischarbeit abhielten.

Nun wird es aber höchste Zeit für ein erstes Resümee, ganz aus Sicht der Freunde von Vorkriegsautos, die auf Schloss Dyck wieder auf ihre Kosten kamen.

Beginnen wir der Einfachheit halber mit der Ankunft der Bentleys des britischen Benjafield’s Racing Club am Freitagnachmittag, die seit Jahren zu den absoluten Publikumslieblingen gehören.

Natürlich reisen die Bentley-Enthusiasten von der Insel auf eigener Achse an – „come rain or come shine“. Neben den üblichen grünen Giganten war dieses Jahr auch dieser hochelegante Zweisitzer mit von der Partie:

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Bentley Zweisitzer; Bildrechte: Michael Schlenger

Ansonsten war wie üblich eine Mischung aus mehr oder weniger verwegenen Bentley-Sportmodellen vertreten – trefflich unterstützt durch eine ganze Reihe von Wagen deutscher Besitzer, die an Einsatzfreude den Briten nicht nachstanden.

Sicher, nicht in allen Fällen handelte es sich um originale Aufbauten, doch entscheidend ist, dass die urige Bentley-Technik immer noch inspiriert und die weit über 80 Jahre alten Fahrzeuge beherzt bewegt werden.

Speziell für die Bentley-Freunde hier eine Reihe von Schnappschüssen anlässlich der Classic Days 2018:

Ein besonderer (geschlossener) Bentley des Typs 2.25 litre von 1937 wird Gegenstand eines eigenen Blogeintrags sein – bis dahin noch etwas Geduld.

Schon traditionell bei den Classic Days ist das „Alte Fahrerlager“ im Schlosshof, wo eine ganze Reihe spektakulärer Sportmodelle den Betrachter in ihren Bann ziehen:

Dieses Jahr war dort außerdem ein auf den ersten Blick unscheinbares Gefährt zu bestaunen, das ebenfalls einen eigenen Blog-Eintrag verdient.

Die im Schlosshof abgestellten Fahrzeuge sind übrigens meist auch auf der Hausstrecke der Classic Days im Einsatz zu sehen.

Hier einige Impressionen von „Prewar Cars in Action“:

Zum Abschluss eine Bilderreihe, die die Bandbreite an Vorkriegsautos illustriert, die bei den Classic Days auf Schloss Dyck zu sehen waren.

Da teilt sich ein braver Hanomag Rekord den Schlosspark mit gleich mehreren Ikonen des deutschen Automobilbaus aus dem sächsischen Hause Horch:

Das, geschätzte Leser, waren bloß einige oberflächliche Eindrücke von den Classic Days 2018 auf Schloss Dyck.

In den nächsten Tagen befassen wir uns mit einigen Preziosen, die anlässlich Deutschlands wohl schönster Klassikerveranstaltung zu sehen waren. Dabei werden wir dann auch wieder historische Originalaufnahmen in Schwarz-Weiß einbeziehen.

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Reizende Ansichten: Renault KZ 10 CV von 1926

Reizend – das ist vermutlich nicht das erste Attribut, das einem einfällt, wenn es um das ab 1923 gebaute Volumenmodell KZ 10 CV von Renault geht.

Von dem Fahrzeug, das auch im deutschsprachigen Raum einige Verbreitung fand, haben wir hier und hier bereits Exemplare vorgestellt. Man würde diese robusten Alltagsfahrzeuge als eigenwillig einstufen, aber reizend?

Insbesondere die monströse Limousine auf dem folgenden, bislang noch nicht gezeigten Foto macht es einem schwer, dem Typ KZ von Renault etwas abzugewinnen:

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Renault Typ KZ 10 CV; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Denkt man sich die hier ungeschlacht wirkende Haube weg und einen konventionellen, senkrecht stehenden Kühlergrill (vor dem Motor!) dazu, könnte das ein ansehnlicher Wagen sein.

Der Verfasser hegt den Verdacht, dass hier jemand einem Renault nachträglich eine Manufakturkarosserie im Stil amerikanischer Wagen um 1925 verpasst hat. Das würde erklären, warum die Frontpartie wie ein Fremdkörper wirkt.

Dass der Renault KZ 10 CV mit seinem braven 2,1 Liter-Vierzylinder aber durchaus seine Reize aufweisen konnte, das wollen wir heute anhand von gleich drei historischen Originalaufnahmen zeigen.

Sie zeigen denselben Wagen am gleichen Aufnahmeort, wohl irgendwo in Deutschland. Hier hätten wir Foto Nr. 1:

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Renault Typ KZ 10 CV; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn man hier noch nicht von einer Schönheit sprechen würde, so wirkt der Renault als offener Viersitzer aus dieser Perspektive schon viel ansprechender.

Zu dem harmonischen Gesamteindruck tragen drei Elemente bei:

  • Die Frontscheibe steht schräg und korrespondiert so mit der Neigung der Motorhaube. Bei der Limousine dagegen steht sie streng senkrecht.
  • Die seitliche Haubenlinie setzt sich ohne Unterbrechung auf gleicher Höhe bis zum Verdeck fort und gibt dem Wagen eine sachliche, doch stimmige Kontur.
  • Unterstützt wird der Eindruck eines gelungenen Ganzen auch durch die schwarze Lackierung, durch die die seitlichen Luftschlitze weniger auffallen.

Das sympathische Gesamtbild mag auch durch die Insassen unterstützt werden, die sich vor einem großen Fabrik- oder Speichergebäude haben ablichten lassen:

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Gern wüsste man, ob das Kabel, das vom Lenkrad zum Armaturenbrett führt, nachträglich angebracht wurde und welcher Funktion es diente.

Der am Lenkrad angebrachte Mechanismus zur Zündzeitpunktverstellung dürfte damit jedenfalls nichts zu tun haben. Oder etwa doch?

Wie auch immer, aus dieser Perspektive und in dieser Ausführung hat der Renault KZ 10 CV einige Reize zu bieten. Diesen Eindruck bestätigt auch die zweite Aufnahme aus der kleinen Reihe:

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Renault Typ KZ 10 CV; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen hat sich hier nicht vom Fleck bewegt, doch auf einmal ist da ein dritter Insasse, der neben der jungen Dame auf der Rückbank ein wenig verschmitzt dreinschaut.

Könnte die Aufnahme mit Stativ und Selbstauslöser entstanden sein? Die absolut identische Perspektive spricht dafür. Möglicherweise ist das erste Foto probehalber noch von Hand, aber schon vom Stativ aus gemacht worden, und zwar vom dritten Insassen.

Weil die Menschen, die sich einst mit ihren Wagen haben aufnehmen lassen, einen Großteil des Charmes dieser alten Fotos ausmachen, auch hier ein näherer Blick:

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In welcher Beziehung die Insassen zueinander standen, wissen wir nicht. Jedenfalls waren sie offenbar mit sich und der Welt im Reinen, als dieses Foto vor rund 90 Jahren entstand.

Zur Feier des Tages hat sich der Fahrer eine Zigarre gegönnt, die man hier besser zwischen seinen Fingern erkennt als auf dem ersten Foto.

Die beiden Aufnahmen wären für sich genommen schon Dokumente, die das Attribut reizvoll verdienen, doch haben wir noch eine dritte, die wirklich eine außergewöhnliche Ansicht des Renault Typ KZ 10 CV zeigt:

Renault_KZ_10_2_GalerieIst das nicht ein tolles Foto? So skurril die Frontpartie des Renault auch wirkt, strahlt sie einen eigentümlichen Reiz aus.

Man fühlt sich an Schöpfungen aus den Abenteuerromanen des großen Visonärs Jules Verne erinnert. Kapitän Nemo, der geheimnisvolle Besitzer und Bewohner des Unterseeboots Nautilus, wäre beim Landgang sicher in so einem Wagen gefahren.

Diese seltene frontale Aufnahme eines Renault Typ KZ 10 CV haben wir wohl der jungen Dame zu verdanken, die eben noch im Wagen saß. Sie hat eine wirkungsvolle Perspektive gewählt und auch bei Belichtung und Schärfentiefe alles richtig gemacht.

Dank dieses Fotos lässt sich sagen, dass der Renault aus der Zeit zwischen 1923 und 1925 stammen muss. Ab 1926 wurde ein rautenförmiges Emblem auf der Haube montiert.

Auf noch ein Detail sei der Leser aufmerksam gemacht. Damit wir den beiden Herren auch richtig in die Augen schauen können, haben sie den Oberteil der Frontscheibe waagerecht gestellt.

Außerdem erkennen wir hier den Ring mit der Zündzeitpunktverstellung im Lenkrad. Damit wurde der Moment des Zündfunkens an die Drehzahl des Motors angepasst – nach Gefühl und nach Gehör.

Man kann an solchen Kleinigkeiten sehen, wie radikal anders die Automobile seinerzeit waren. Für Menschen, die von Natur aus zur Bequemlichkeit neigen, sind solche Vorkriegsfahrzeuge eine Zumutung – für Zeitgenossen, die in der bewussten Aktivität die Würze des Lebens sehen, ein Vergnügen!

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Reizvolle Nebensache: Ein Pontiac „Eight“ von 1934

Dieser Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos speist sich aus einem über Jahrzehnte gewachsenen Fundus. Schon zu Studienzeiten hatte der Verfasser eine Schwäche für reizvolle historische Automobilaufnahmen, ohne je auf eine Marke aus zu sein.

Möglicherweise war ein alter Abzug aus dem Familienalbum der Auslöser einer Leidenschaft, die bis heute andauert und an der monatlich an die 1.500 Blogbesucher teilhaben:

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Pontiac von 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Aufnahme dürfte entweder irgendwo in Schlesien oder in Berlin entstanden sein – genau kann das niemand mehr sagen. Auch wer genau aus Familie oder Bekanntenkreis darauf zu sehen ist, bleibt ein (bezauberndes) Geheimnis.

Sicher ist nur, dass die junge Dame mit sommerlichem Teint und körperbetontem Kostüm Anfang der 1930er Jahre neben einer auf den ersten Blick beliebigen Limousine posierte.

Lange hielt der Verfasser es für ausgeschlossen, dass sich der Wagentyp herausfinden lässt. Doch irgendwann präsentierte er das Foto auf www.prewarcar.com – in Europa „die“ Anlaufstelle für Vorkriegsfahrzeuge schlechthin.

Im angloamerikanischen Raum ist das Interesse an Vorkriegsfahrzeugen ungebrochen. So konnte im Nu ein Leser aus den USA den Wagen als Pontiac aus dem Jahr 1929 identifizieren. Möglich war dies anhand eines kleinen Details:

Pontiac_Modell_1929_Ausschnitt

Die markant profilierte Partie unterhalb der Fenster ist eine Eigenart der im Jahr 1929 gebauten Pontiacs – sie wird auch im einzigartigen „Standard Catalog of American Cars“ von Kimes/Clark (1996) ausdrücklich erwähnt.

Nebenbei: Von einer derart akribischen und umfassenden Arbeit können deutsche Vorkriegsautofreunde nur träumen – dabei haben sie es bloß mit ein paar hundert und nicht weit über 5.000 (!) Herstellern zu tun. Aber man ist auch in dieser Hinsicht müde und bequem geworden im einst so emsigen Volk der Dichter und Denker…

Zurück zum Pontiac: Von dem in rund 120.000 Exemplaren gebauten 6-Zylindertyp mit 60 PS gelangten offenbar auch einige nach Deutschland. Kein Wunder: Ende der 1920er Jahre entfielen 40 % der Neulassungen hierzulande auf Fremdmarken, vor allem aus den USA.

Bei Großserienfahrzeugen blieben die amerikanischen Hersteller auch in den 1930er Jahren global die Marktführer – nicht nur was die Stückzahlen angeht, sondern auch in technischer und vor allem formaler Hinsicht.

Welche aus heutiger Sicht unglaublichen Entwicklungssprünge sich damals binnen fünf Jahren vollzogen, können wir heute anhand einer weiteren Aufnahme eines Vorkriegs-Pontiac nachvollziehen.

Dieser Wagen wurde ebenfalls in Deutschland abgelichtet und auch er war für den Fotografen einst eine Nebensache – der Fokus lag auf den abgebildeten Personen:

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Pontiac „Eight“ von 1934; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick mag diese Aufnahme enttäuschen – viel mehr als auf dem ersten Bild sieht man nicht von dem Wagen und sonderlich reizvoll ist die Situation auch nicht.

Doch gemach, wir haben noch ein zweites Bild desselben Wagens auf Reserve, das keine Wünsche offenlässt. Doch erst einmal gilt es, den Typ zu identifizieren.

Dass dies kein deutscher Wagen sein kann, sieht man auf Anhieb, denn da wären:

  • der breite verchromte Luftauslass in der Motorhaube,
  • die Speichenfelgen mit großen Chromradkappen,
  • die windschnittig wirkenden Sicken am Vorderschutzblech und:
  • der Aufbau als zweisitziges Cabrio mit Notsitzbank.

Zusammengenommen wirkt das alles sehr amerikanisch und ist es auch. Diese Details finden sich präzise am Pontiac des Modelljahrs 1934 wieder.

In den fünf Jahren seit Vorstellung des 1929er Pontiac war nicht nur formal eine neue Fahrzeuggeneration entstanden, auch technisch ging es rasant vorwärts.

Neben braven Sechszylindern bot Pontiac nun auch 8-Zylinder-Reihenmotoren mit fast 85 PS an. Damit war ein Maximaltempo von 150 km/h erreichbar, natürlich ein eher theoretischer Wert.

Bemerkenswerter war vielleicht das serienmäßig synchronisierte Getriebe, weniger eindrucksvoll dagegen die mechanischen Vierradbremsen, die jedoch für den Alltagseinsatz dieses Mittelklassewagens (nach US-Maßstäben) ausreichten.

So weit, so gut, mögen jetzt die Gourmets in der Leserschaft denken – aber umwerfend ist diese unscharfe Aufnahme des Pontiac ja wohl nicht. Stimmt, doch das Beste sollte man sich stets bis zum Schluss aufbewahren.

Dabei sei eines klargestellt: Auch auf dem zweiten Foto des Pontiac Eight von 1934 ist der Wagen bloß eine reizvolle Nebensache – im Fokus dagegen steht wiederum weiblicher Charme, ohne den der schönste Wagen nur ein Haufen Blech ist:

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Pontiac „Eight“ von 1934; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ganz subjektiv betrachtet kommt diese Aufnahme dem perfekten Vorkriegsautofoto schon sehr nahe.

So instruktiv blitzsaubere Werksaufnahmen auch sind, fehlt ihnen doch das Leben. Und die meisten Privatbilder sind von eher mäßiger Qualität, wie bunt (im übertragenen Sinn) es darauf auch zugehen mag.

Hier haben wir einen der seltenen Fälle, wo alles passt:

  • eine reizvolle Situation – die Dame am Steuer ist nicht etwa am Telefonieren, sondern richtet im Rückspiegel die vom Fahrtwind zerzauste Frisur,
  • der Fokus liegt fast perfekt auf ihr,
  • der blitzsaubere, bärenstarke Wagen ist – eine wunderbare Nebensache.

Immerhin kann man den Schriftzug „Pontiac“ auf der Radkappe lesen und davon ausgehend gelang dem Verfasser auch die Identifikation des genauen Wagentyps.

Wenn jetzt noch einer wissen will, wo dieses großartige Bild entstanden ist, dann liefert uns der Abzug auf der Rückseite die Antwort:

„Irgendwo in Frankreich“ steht dort in schwungvoller Handschrift vermerkt. Das ist der Hinweis darauf, dass der Pontiac einst im deutschen Sprachraum zugelassen war.

Im Produktionsjahr des Pontiac Zweisitzer-Cabriolets war der Anteil ausländischer Marken an den deutschen PKW-Zulassungen auf rund 5 % eingebrochen. Zum einen hatten die heimischen Hersteller aufgeholt, zum anderen waren die US-Fahrzeuge mit ihren großen Hubräumen schlicht zu teuer im Unterhalt geworden.

Wer es sich leisten konnte, entschied sich dennoch für einen der souveränen Achtzylinder aus den Staaten, koste es, was es wolle – herrlich unvernünftig!

Wir Menschen des 21. Jahrhunderts staunen und sinnieren darüber, wie anders die Welt vor über 80 Jahren war, und das nicht nur in automobiler Hinsicht…

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Ich bin ein Berliner! Austin Seven „Nippy“

Wie spannend selbst die Beschäftigung mit einstigen „Brot-und-Butter“-Automobilen der Vorkriegszeit sein kann, macht der heutige Blogeintrag deutlich – hoffentlich.

Denn die Basis für das Auto, dem wir uns heute anhand eines schönen historischen Fotos nähern, ist „bloß“ ein Austin Seven. Doch sollte man den von 1923-39 in rund 300.000 Exemplaren gebauten britischen Kleinwagen nicht unterschätzen.

Der „Seven“ war nicht nur ein Riesenschritt in Richtung Volksmotorisierung – was in Deutschland erst nach dem Krieg gelang – er stellte auch die Grundlage für sportliche Sonderausführungen dar.

Eine davon haben wir bereits vor einiger Zeit präsentiert:

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Austin Seven „Special“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das in England um 1960 entstandene Foto haben wir hier ausführlich besprochen. Da wir bei der Gelegenheit auch die unglaublich anmutende Vorgeschichte des Austin Seven erzählt haben, wollen wir diese heute überspringen.

Stattdessen wenden wir uns einem besonderen Kapitel der Modellgeschichte des Austin „Seven“ zu – der Produktion in Deutschland. Wer nun gleich an die Lizenzfertigung im Eisenacher Dixi-Werk denkt, liegt damit nur bedingt richtig.

Denn nach Auslaufen des als Dixi DA1 bekannten Austin-Nachbaus gab es nochmals eine Fertigung des „Seven“ in Deutschland, der diesmal „echte“ Austins entstammten.

So montierte die in Berlin ansässige Willys-Overland-Crossley GmbH ab 1932 aus (wahrscheinlich komplett angelieferten) Teilesätzen einige hundert Austin „Seven“. Abgesehen von der Linkslenkung entsprachen sie ganz dem britischen Original.

Einen solchen Austin Seven „Made in Berlin“ haben wir auf folgenden Foto vor uns:

Austin_Seven_Nippy_Zulassung_Berlin_Galerie

Austin Seven „Nippy“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen ist offenbar nicht nur ein Linkslenker, sondern trägt auch das Austin-Flügellogo auf dem Kühler und weist eine Zulassung in Berlin (Kennung: „IA“) auf – mehr Hinweise auf die Herkunft des Wagens kann man sich kaum wünschen.

Man beachte bei der Gelegenheit die hochwertig gestalteten Details wie die vollverchromten Scheinwerfer und das Steinschlagschutzgitter.

Ein Austin Seven war keine billig gemachte Verlegenheitslösung, sondern ein vollwertiges Auto, nur das Reifenformat erinnert an Cyclecars:

Austin_Seven_Nippy_Zulassung_Berlin_Frontpartie

Doch interessanter ist die besondere Ausführung der Karosserie als zweisitziger Roadster mit tiefem Türausschnitt und Notverdeck.

Das gab es nämlich so nur am 1933 vorgestellten Austin Typ 65, der später als „Nippy“ (dt.: spritzig, flink) vermarktet wurde.

Die 65 stand übrigens für das Spitzentempo in Meilen, das knapp 105 km/h betrug. Dazu hatte man die Leistung des 750ccm-Vierzylinders auf über 20 PS erhöht und den Wagen windschnittiger gestaltet.

Mit diesem kleinen Sportwagen konnte man sich sehen lassen, wie einst wohl auch die freundliche junge Dame am Lenkrad meinte:

Austin_Seven_Nippy_Zulassung_Berlin_Seitenpartie

Ganz billig war diese Sportausführung des Austin Seven nicht: Während die Basisversion für 2.100 Reichsmark zu bekommen war, wurden für den in Berlin produzierten Nippy 2.650 Mark aufgerufen.

Doch speziell im Segment sportlicher Zweisitzer hatte die inländische Konkurrenz in dieser Preisklasse praktisch nichts zu bieten. Der nominell gleichstarke BMW 309 war nicht annähernd so flott (Spitze 80 km/h), kostete aber über 4.000 Mark.

Kein Wunder, dass die Ausführung „Nippy“ im Deutschland der 1930er Jahre zu den beliebtesten Versionen des Austin Seven gehörte. Mindestens einer davon existiert sogar noch!

Diese und andere faszinierenden Details sind in einem wunderbaren Buch zu finden, das der Verfasser allen Liebhabern von Vorkriegsautos empfiehlt:

Austin und Willys aus Berlin, von Klaus Gebhardt, Verlag Kraftakt, 2013

Noch etwas: Ein sportlich zurechtgemachter Austin Seven gehört noch heute zu den preisgünstigsten Spaßmobilen der Vorkriegszeit – zudem mit ausgezeichneter Ersatzteilversorgung.

Wieviel Freude speziell der Austin Seven „Nippy“ macht, das zeigt dieser kleine Film eines britischen Enthusiasten:

Hochgeladen von: Richard J Basquil; Videoquelle: Youtube.com

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Fund des Monats: Hanomag „Sturm“ Sport-Zweisitzer

Der Juli des Jahres 2018 geht seinem Ende entgegen – in Deutschland herrscht ein Hochsommer, wie es ihn vielleicht nur einmal alle 20 Jahre gibt.

Dem einen oder anderen wäre vielleicht zur Abwechslung etwas Abkühlung willkommen – wie wäre es da mit einem Ausflug an die Ostsee? Im Cabriolet direkt an den Strand und dann hinein ins Vergnügen?

Klingt verlockend – die Sache hat nur einen Haken, zumindest für die Freunde von Prestigemarken: Als fahrbarer Untersatz steht bloß ein Hanomag zur Verfügung.

Oje, mag mancher denken, wieder eine dieser lahmen Kisten aus der Hannoverschen Maschinenfabrik. Sehen zwar ganz gut aus und sind auch nicht kaputtzukriegen – aber etwas Flotteres wäre schon schön…

Keine Sorge, heute werden alle Wünsche wahr, auch wenn es am Ende „nur“ ein Hanomag sein wird, der uns ihnen näherbringt. Also flugs das Allernötigste in die Reisetasche gepackt – wir haben nämlich nicht viel Platz – und los geht’s.

Bis zur Ostsee ist der eine oder andere Stopp einzulegen, hier ein schöner Schnappschuss von einer der neuen Tankstellen an der Reichsautobahn:

Hanomag_Sturm_Cabriolet_Autobahn_Ausschnitt

Hanomag „Sturm“ Sport-Zweisitzer; Abbildung aus einer zeitgenössischen Illustrierten aus Sammlung Michael Schlenger

Tja, gegen diesen schicken Hanomag sieht der Mercedes ziemlich alt aus, oder?

Hier haben wir auch etwas ganz Feines vor uns, was selbst eingefleischte Vorkriegsfreunde kaum je zu Gesicht zu bekommen haben.

Der sportliche Wagen mit Berliner Zulassung, der vom Tankwart gerade das Kühlwasser aufgefüllt bekommt, ist ein Hanomag „Sturm“ mit Aufbau als offener Sportzweisitzer.

Unter der Haube, an deren Ende eine knapp bemessene Windschutzscheibe saß, befand sich der 6-Zylindermotor mit 2,3 Liter Hubraum, der auch die schwere Limousine des Modells „Sturm“ antrieb.

Während der Bauzeit von 1934-39 stieg die Leistung von 50 auf 55 PS – BMW bot damals bei den prestigeträchtigen Typen 326 und 327 auch nicht mehr.

Unser flotter Sportzweisitzer war damit nicht schlecht motorisiert – gut 120 km/h Spitze wird er dank kleinerer Stirnfläche und geringeren Luftwiderstands erreicht haben.

Genaues dazu findet sich in der spärlichen Literatur zu den Hanomag-PKW nicht. Immerhin lässt sich annehmen, dass der oben abgebildete Sport-Zweisitzer seinen Roadster-Aufbau von der Karosseriebaufirma Hebmüller erhielt.

Was wir dagegen am Ende unserer Reise am Ostseestrand vorfinden, ähnelt diesem rassigen Wagen nur auf den ersten Blick:

Hanomag_Sturm_Cabriolet_Ostsee_08-1936_Galerie

Hanomag „Sturm“ Sport-Zweisitzer (Karosserie unbekannt); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ist das nicht ein hinreißender Wagen? Dieses Auto gehört nach Meinung des Verfassers zu den hervorragendsten Schöpfungen des deutschen Automobilbaus der 1930er Jahre. Dabei ist bis heute nicht geklärt, wer einst die Karosserie lieferte.

Sie unterscheidet sich in einer ganzen Reihe von Details vom bekannten Hebmüller-Aufbau und wirkt noch raffinierter. Einen schöneren Hanomag-PKW kann man sich jedenfalls kaum vorstellen.

Werfen wir einen näheren Blick auf dieses Traumstück:

Hanomag_Sturm_Cabriolet_Ostsee_08-1936_Ausschnitt1

Das Flügellogo von Hanomag ist hier elegant auf der Oberseite der Kühlermaske platziert, nicht auf der Mittelstrebe.

Die lackierten Scheibenräder und der auffallend schmale Luftaustritt in der Haube sorgen ebenfalls für ein ruhiges, klares Erscheinungsbild. 

Die profilierte Stoßstange dagegen passt nicht so recht – sie gleicht der Serienausführung am kleineren Schwestermodell „Rekord“. Das Nummernschild verweist übrigens auf eine Zulassung im Landkreis Neuwied.

Die extrem niedrige Frontscheibe mit den markanten A-Säulen ist eine weitere Besonderheit, die bislang nur an diesem „Sturm“ Sport-Zweisitzer zu finden war.

Weiter geht es entlang der Seitenpartie:

Hanomag_Sturm_Cabriolet_Ostsee_08-1936_Ausschnit2

Im Unterschied zum Hebmüller-Roadster ist hier kein tiefer Türausschnitt zu sehen. Vielmehr fällt die Karosserielinie nur sanft ab, um am Ende der Tür nochmals leicht nach oben zu schwingen.

Akzentuiert wird diese delikate Linienführung, die jede Gerade meidet, durch eine breite Zierleiste, die zeittypisch als Kometenschweif ausläuft.

Man ahnt vielleicht, welches Können es erforderte, einen solchen sinnlich anmutenden Karosseriekörper aus Blech zu gestalten.

Wer auch immer dafür verantwortlich war, muss ein Mensch von erlesenem Geschmack gewesen sein. Denn nicht nur wurde auf das störende Element eines außenliegenden Türgriffs verzichtet, auch seitliche Kotflügelschürzen entfielen.

Damit erfolgte ein bewusster Rückgriff auf das formale Vokabular früherer Zeiten, denn nach unten gezogene Kotflügelseiten waren ab Mitte der 1930er Jahre Standard.

Zusammen mit der ungewöhnlich niedrigen Frontscheibe erinnert dieser herrliche Hanomag „Sturm“ an britische Sportwagen der späten 1920er Jahre. Von einer nicht ganz alltäglichen Auffassung zeugt auch das minimalistische Verdeck.

Wäre dieser Hanomag ein Roadster, wäre der Verzicht auf ein gefüttertes und niedergelegt hochbauendes Verdeck schlüssig. Hier haben wir aber ein lupenreines Cabriolet vor uns, bei dem man anderes erwarten würde.

Hat ein Leser eine Idee, wer für diese außergewöhnliche Kreation auf Basis eines Hanomag  „Sturm“ verantwortlich war? Vom Stil her dachte der Verfasser an Gläser aus Dresden, konnte aber bislang kein Vergleichsexemplar finden.

Von der Aufnahmesituation wissen wir nur, dass der Hanomag im August 1936 irgendwo an der Ostsee fotografiert wurde. Es war das Jahr der Olympischen Spiele, in dem Deutschland die Welt als modernes, elegantes und gastfreundliches Land beeindruckte.

Doch gleichzeitig nahm das totalitäre Regime an Fahrt auf, band die „Volksgenossen“ immer stärker in ein umfassendes Bevormundungssystem ein, drängte die unternehmerische Freiheit zurück, unterdrückte über Gleichschaltung der Presse und staatlichen Rundfunk abweichende Meinungen und bestrafte Gegner durch Berufsverbote – im günstigsten Fall. Daneben lief die Wiederaufrüstung der Armee…

Dieses bedrückende Umfeld, das sich die Mehrheit der Deutschen so nicht ausgesucht hatte, ist im Hintergrund stets mitzubedenken, wenn wir Fotos jener Zeit betrachten.

Dennoch waren im Hochsommer vor fast 80 Jahren noch unbeschwerte Momente wie der möglich, der damals an der Ostsee an einem menschenleeren Strand festgehalten wurde.

Hier zum Abschluss – und weil es so schön ist – das Originalfoto in voller Pracht:

Hanomag_Sturm_Cabriolet_Ostsee_08-1936_Vollbild

Hanomag „Sturm“ Sport-Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man stelle sich nun irgendeinen Wagen unserer Zeit vor – am selben Ort, mit demselben intensiven Licht, dem Sand unter den Reifen, der See und dem wolkenlosem Himmel im Hintergrund.

Könnte eine der motorisierten Blechbüchsen und Plastikschüsseln unserer Tage diese Magie entfalten? Nein, und genau das ist der Kern der Leidenschaft für Vorkriegsautos…

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Bezaubernder Baby-Benz: 6/18 PS in Sportausführung

Nach dem 1. Weltkrieg buk man bei der damals noch unabhängigen Traditionsfirma Benz kleinere Brötchen. Die Zeit der Hubraumriesen mit Leistungen von 50 bis 100 PS war erst einmal vorbei.

Hauptstütze des Geschäfts bis Anfang der 1920er Jahre war das Vorkriegsmodell 8/20 PS, das nunmehr mit modischem Spitzkühler ausgestattet war. Etliche zeitgenössische Fotos zeugen von der Verbreitung dieses „Brot-und-Butter“-Benz.

In manchen Fällen lässt sich kaum noch ermitteln, ob man einen Benz 8/20 PS oder vielleicht doch eines der zeitgleich angebotenen stärkeren Modelle mit 30 oder 45 PS vor sich hat – die Wagen unterschieden sich praktisch nur in den Proportionen.

Dann gibt es Kandidaten, bei denen man den Eindruck hat, dass ein Benz 8/20 PS der Vorkriegszeit nachträglich auf „modern“ getrimmt wurde, indem man ihnen mehr schlecht als recht einen Spitzkühler verpasste:

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Benz 8/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Fotos wie dieses und die Konzentration auf das Basismodell 8/20 PS künden von der Not der frühen Nachkriegsjahre.

Verschärft wurde die Lage durch die erdrosselnden Auflagen des sogenannten Friedensvertrags von Versailles, der Deutschland in einer Weise knebelte, dass selbst Vertreter der alliierten Seite darin die Saat für einen neuen Krieg sahen.

Umso erstaunlicher ist – oder vielleicht umso verständlicher, dass man bei Benz noch 1918 daran ging, etwas komplett Unvernünftiges zu tun – und das gründlich.

Als sei nichts gewesen, brachte man als erste Neukonstruktion nach dem Krieg ein Vierzylindermodell vom Feinsten heraus – zwar bloß mit 1,6 Liter Hubraum und 18 PS, aber mit Ventilsteuerung über obenliegende Nockenwelle, die ihrerseits von einer Königswelle angetrieben wurde.

So etwas Irrationales zu tun, bestätigt ein Bonmot von Richard Wagner: „Deutsch ist, die Sache, die man treibt, um ihrer selbst und der Freude an ihr willen zu treiben“ (Quelle: Deutsche Kunst und deutsche Politik, von Richard Wagner, hrsg. 1868).

Nun, verrückt – oder auch verständlich – nach dem überstandenen Krieg baute Benz bis 1921 eine wohl überschaubare Stückzahl dieses 6/18 PS-Modells. Leider sind die genauen Produktionszahlen unbekannt.

Doch die ungeheure Seltenheit von Fotos dieses Benz 6/18 PS spricht für sich. Leser Gottfried Müller hat uns nun eine Originalaufnahme aus seiner Sammlung zur Verfügung gestellt, offenbar ein Werksfoto:

Benz_6-18_PS_Sport_Gottfried_Müller_Galerie

Verständlicherweise ist dieses im Original großformatige, knackscharfe und kontrastreiche Foto hier nur in einer datenreduzierten Version verfügbar.

Leider gibt es nämlich Zeitgenossen, die hochaufgelöste Bilder von Vorkriegsautos im Internet zur Fälschung „historischer“ Aufnahmen auf altem Fotopapier nutzen.

Man erkennt aber auch so, dass wir es hier mit einem bezaubernden Baby-Benz zu tun haben – noch dazu in der rassigen Zweisitzer-Sportausführung mit Spitzheck und außenliegendem Auspuff.

Man findet ein ähnliches Fahrzeug auf S. 108 des Standardwerks „Benz & Cie.“, hrsg. von der Mercedes-Benz AG, 1. Auflage, 1994.

Dieser hinreißend gezeichnete Zweisitzer mit raffinierter Zweifarblackierung wog leer gut 800 kg und war für ein Spitzentempo von 85 km/h gut.

Wer das heute belächelt, möge einmal in einem fast 100 Jahre alten Wagen mit blattgefederten Starrachsen, Reifen in Motorradformat und Zweiradbremsen auf einer kurvenreichen Schotterpiste richtig Gas geben. Da ist ein beherzter Fahrer gefordert, kein ängstlicher Milchbart, der mit Fahrradhelm Brötchen holen fährt.

Womit wir bei einem der Vollgashelden der 1920er Jahre wären, der hierzulande so ziemlich in jeder Kategorie und auf Wagen von Benz, Bugatti, Mercedes und Simson Erfolge einheimste – Karl „Charly“ Kappler.

Hier haben wir einen originalen Ausschnitt aus der Berliner Illustrirten Zeitung aus dem Jahr 1923, die einen weiteren Sieg von Kappler dokumentiert, hier auf genau dem Benz 6/18 PS Sportmodell, das das vorherige Bild zeigt:

Benz_6-18_PS_Kappler_07-1923_Galerie

Demnach trat Karl Kappler im Juli vor genau 95 Jahren – wir schreiben das Jahr 2018 – in einem Benz 6/18 PS Typ beim Auto-Turnier in Baden-Baden an.

Dabei galt es, sich in mehreren Kategorien durchzusetzen, darunter einer Bergprüfung und einer Geschicklichkeitsprüfung, bei der wir Kappler im Benz 6/18 PS sehen.

Kappler gehörte zu den vielseitigen Talenten jener Zeit, die nicht nur das Durchhaltevermögen für knüppelharte Langstreckenrennen besaßen, sondern auch das Gespür für die seinerzeits üblichen Geschicklichkeitstest.

Damit wären wir bei einem der sympathischsten Protagonisten des deutschen Motorsports der Zwischenkriegszeit angelangt. Er und der Benz 6/18 PS Sport haben gemeinsam, dass man ihnen in der gedruckten „Oldtimerpresse“ kaum begegnen wird.

Hier dagegen findet nach 95 Jahren zusammen, was zusammengehörtein alter Zeitungsausschnitt und ein Werksfoto, die denselben Typ Benz 6/18 PS Sport zeigen…

Buchtipp:

„Im Donner der Motoren. Karl Kappler.“ von Martin Walter, hrsg. im Wartberg Verlag, 2004, 79 Seiten, viele zeitgenössische Fotos, ISBN: 3-8313-1101-3

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Ein Sechszylinder der frühen 1920er Jahre: Fiat 510

Ein Sechszylindermodell von Fiat und dann auch noch aus der Vorkriegszeit, das klingt für uns Menschen des 21. Jahrhunderts einigermaßen exotisch.

Fiat feierte seine ersten Erfolge als Großserienhersteller zwar tatsächlich mit dem kompakten Vierzylinder des Typs 501, von dem in der ersten Hälfte der 1920er Jahre rund 80.000 Stück entstanden.

Doch bot Fiat parallel zu seinen populären Kleinwagentypen jener Zeit stets auch gut motorisierte Sechszylinder an, die freilich in geringerer Zahl gefertigt wurden.

Vielleicht erinnern sich einige Leser, die diesem Blog schon länger folgen, an folgendes eindrucksvolle Exemplar, das einst in Wenningstedt auf Sylt abgelichtet wurde:

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Fiat 512; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hierbei handelt es sich um einen Fiat 512, wie der Vermerk von alter Hand auf dem Originalabzug bestätigt. Näher besprochen haben wir diese schöne Aufnahme hier.

Das von 1926-28 gebaute Modell war der äußerlich modernisierte Nachfolger des Fiat 510, der mit identischem Sechszylindermotor ab 1919 weit über 10.000mal gebaut worden war.

Die Leistung des Fiat 510 von 46 PS aus 3,5 Liter Hubraum war auch nach Mitte der 1920er Jahre noch ausreichend, weshalb man beim Typ 512 daran festhielt. Immerhin wurden die zuvor optionalen Vierradbremsen nun Standard.

Optisch unterschieden sich die beiden Typen jedoch erheblich. Wie bei deutschen Herstellern auch markiert die Mitte der 1920er Jahre in formaler Hinsicht eine Zäsur.

Bei Fiat verschwand im Zuge des Trends zu sachlichen, geometrischen Formen die bis dahin charakteristische birnenförmige Kühlermaske mit Jugendstil-Markenemblem, die wir hier an einem Fiat des Vierzylindertyps 501 aus Berlin sehen.

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Fiat 501 Spider; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Einen solchen birnenfömigen Kühler, der ab Mitte der 1920er einem Flachkühler mit schlichterem Fiat-Emblem Platz machte, besaß auch auch der parallel dazu gebaute Sechszylindertyp Fiat 510 – also der Vorgänger des auf Sylt aufgenommenen Fiat 512.

Ein Foto dieses Fiat-Sechszylinders aus den frühen 1920er Jahren ist nicht so einfach zu finden. Fiat war in Deutschland zwar schon vor dem 1. Weltkrieg präsent und konnte nach Kriegsende vor allem den kompakten, enorm robusten 501 gut verkaufen.

In der Oberklasse waren in der ersten Hälfte der 1920er Jahre jedoch die Modelle inländischer Hersteller begehrter. Der Erwerb teurer Premiumwagen stellte in betuchten Kreisen einen beliebten Schutz gegen die grassierende Inflation dar.

Dennoch ließ sich bislang ein Exemplar eines Sechzylinder-Fiat des frühen Typs 510 in der Sammlung des Verfassers mit hoher Wahrscheinlichkeit identifizieren:

Fiat_510_Cottbus_10-1930_Galerie

Fiat 510; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zugegeben: umwerfend ist diese auf Oktober 1930 datierte Aufnahme aus Cottbus nicht. Sie lässt aber für unsere Zwecke genug erkennen:

  • den birnenförmigen, leicht geneigten Kühler (hier noch lackiert wie auch bei frühen Exemplaren des kleineren Fiat 501),
  • die Fiat-typischen kurzen Luftschlitze und der hohe Haubenaufbau darüber,
  • die gegenüber dem Vierzylindermodell deutlich längere Haubenpartie.

Fiat_510_Cottbus_10-1930_Frontpartie

Nach der Lage der Dinge haben wir hier einen Fiat der frühen 1920er Jahre vor uns, höchstwahrscheinlich ein Sechszylindermodell des Typs 510.

Vielleicht können in Sachen frühe Vorkriegs-Fiats sachkundige Leser dies bestätigen oder ggf. auch korrigieren.

Ganz ausschließen lässt sich beispielsweise nicht, dass wir hier Fiats „großes“ Vierzylindermodell Typ 505 vor uns haben, das neben dem kompakten 501 und dem Sechszylindertyp 510 verfügbar war.

Leider sieht man dazu nicht genug von den Vorderkotflügeln. Dafür sind die Insassen und der mutmaßliche Fahrer umso besser abgelichtet:

Fiat_510_Cottbus_10-1930_Insassen

Bald 90 Jahre trennen uns von dem hier festgehaltenen Augenblick. Doch das Wunder der Fotografie zaubert auch nach so langer Zeit und selbst in Schwarzweiß die Menschen so vor unser Auge, als hätten sie gerade ihre Position eingenommen.

Übrigens sieht man hier den Aufwärtsschwung des Heckschutzblechs, ein weiteres Überbleibsel aus der Vorkriegszeit, das bei gehobenen Fiat-Modellen noch eine Weile fortlebte, um dann besagter Neugestaltungsoffensive zum Opfer zu fallen.

Zeittypisch auch die dezent in den Wagenkörper eingepassten Türen, die mangels Griffen kaum auffallen. Ihre gerundeten Formen sind ebenfalls ein Vorkriegserbe wie der hier kaum merkliche Schwung des oberen Karosserieabschlusses.

Mit solch einem Fiat konnte man sich seinerzeit auch in gehobenen, konservativen Kreisen sehen lassen. Die Turiner Marke besaß für die damaligen Zeitgenossen noch den Nimbus eines Luxusherstellers, der aus der Vorkriegszeit rührte.

Doch Fiat hatte die Zeichen der Zeit erkannt und nach dem Krieg kompakte  Vierzylinder ins Visier genommen, die nach US-Vorbild in industrieller Form entstanden.

Die parallel verfügbaren Sechszylinder waren schon damals ein Luxus, der eher nebenher gepflegt wurde. Davon ist nach Wiederbelebungsversuchen in den 1960er Jahren nichts geblieben. So ist nun einmal der Lauf der Dinge…

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Letzter großer Auftritt: Benz 16/50 PS Tourenwagen

Nachdem wir im letzten Blogeintrag mit dem Mercedes-Benz 8/38 PS eine der ersten Neukonstruktionen nach der Fusion der beiden Marken (1926) vorgestellt haben, wollen wir heute ein Modell würdigen, das direkt zuvor von Benz gefertigt wurde.

Der Typ, um den es geht, stellt den Schlußstein in der Geschichte der großen Benz-Modelle dar, die in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg wurzelt. Eines dieser mächtigen Automobile haben wir vor längerer Zeit näher vorgestellt:

Benz_Landaulet_Galerie

Benz Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ganz genau ließ sich der Typ bislang nicht identifizieren, doch spricht einiges für ein großes Benz-Modell der Zeit zwischen 1910 und 1912, eventuell mit 6,3 Liter großem Vierzylinder und 45 PS.

Indizien für großvolumigen Benz-Modelle jener Zeit sind die Fläche des Kühlers und die Zahl der Speichen an den Rädern. Leider gibt es bis heute keine wirklich umfassende Darstellung der Benz-Typen, die auf solche Details eingeht.

Ebenfalls bereits gezeigt haben wir ein Benz-Modell der gleichen Größenklasse, das ein paar Jahre später entstand, nämlich ab 1914 – das verrät der Spitzkühler:

Benz_evtl_25-55_PS

Benz Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vermutlich haben wir hier den auf 55 PS erstarkten großen Vierzylindertyp der Zeit vor dem 1. Weltkrieg vor uns.

Benz führte die Tradition der Hubraumriesen mit Vierzylinder nach dem 1. Weltkrieg nicht weiter, bot aber ähnlich leistungsfähige Wagen in etwas modernisiertem Erscheinungsbild an – weiterhin mit dem typischen Spitzkühler.

Einen prächtigen Vertreter dieses sachlichen, doch überzeugenden Stils der frühen 1920er Jahre haben wir ebenfalls schon einmal vorgestellt:

Benz_16-50_PS_Luxemburg_Galerie

Benz Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei diesem beeindruckenden Benz, der in den 1930er Jahren in Luxemburg aufgenommen wurde, handelte es sich wohl um den 6-Zylindertyp 16/50 PS.

Dieser war das letzte große Modell der Mannheimer Traditionsmarke, das bis zum Ende der Eigenständigkeit gebaut wurde. Die Zahl der Luftschlitze in der Haube (20) und deren schiere Länge erlaubt die Abgrenzung von den 30 PS- und 40 PS-Typen.

Heute können wir nun ein weiteres Originalfoto dieses fast 5 Meter langen Benz-Modells zeigen. Es entstand vor genau 90 Jahren – im Juli 1928:

Benz_16-50_PS_Chefwagen_Tour_Sächsische_Schweiz_07-1928_Galerie

Benz Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Umseitig ist auf dem Abzug vermerkt „Ausflug im Chefwagen in der Sächsischen Schweiz“.

Möglicherweise spendierte ein wohlmeinender Unternehmer einst einem verdienten Mitarbeiter diese Spritztour und nahm selbst mit Gattin auf der Rückbank Platz.

Eventuell sollte aber auch ein aufstrebender junger Angestellter einer der beiden Damen auf der mittleren Sitzbank „nahegebracht“ werden – eventuell den Töchtern?

Benz_16-50_PS_Chefwagen_Tour_Sächsische_Schweiz_07-1928_Insassen

Vielleicht hat ja ein Leser eine Idee, was die Beziehung zwischen den Insassen angeht. Wir befassen uns unterdessen ein wenig mit der Technik des letzten großen Benz:

Der Seitenventiler war zwar konventionell, aber dafür unbedingt zuverlässig. Bei immerhin 4,2 Liter Hubraum wurde das Aggregat auch kaum belastet, obwohl schon der offene Tourenwagen fast 1,8 Tonnen auf die Waage brachte.

Das Spitzentempo von 90 km/h war ein theoretischer Wert – auf den damaligen Straßen war das kaum auszufahren, schon gar nicht mit sechs Insassen. Wichtiger war die souveräne Kraftentfaltung, die den Schaltaufwand in Grenzen hielt, speziell am Berg.

Kurz vor Toresschluss bekam der Benz 16/50 PS noch Vierradbremsen verpasst. Dennoch zog sich der Abverkauf des Modells über die Fusion mit Daimler hinaus bis 1927 hin.

Dabei half auch die schnittige Frontpartie nicht mehr, denn sie wurde zuletzt durch einen braven Flachkühler ersetzt. Dabei gab doch der Spitzkühler dem Wagen seine sportliche Anmutung:

Benz_16-50_PS_Chefwagen_Tour_Sächsische_Schweiz_07-1928_Frontpartie

Wenn man sich vom Anblick dieser schier endlosen Motorhaube mit ihrer blitzsauberen Gestaltung losreißen kann, mögen einem drei Kuriosa auffallen:

  • Ganz vorn sieht man eine nachgerüstete Stoßstange – diese Urform lässt erkennen, woher die Bezeichnung rührt, ähnlich wie im Fall des „Kotflügels“.
  • Auf dem Kühler thront ein Männchen, das die eine Hand hinter dem Rücken verschränkt, die andere gen Himmel reckt – eventuell eine Anspielung auf den Untertan, der Politikern hierzulande so oft leichtes Spiel gemacht hat – und macht.
  • Im Hintergrund erkennt man zwei retuschierte Partien, unter denen sich die Aufschriften „Damen“ und „Herren“ verbergen. Vermutlich hat der Fotograf die Toilettentüren bei der Aufnahme nicht bemerkt und versuchte sie später zu tilgen.

Verständlich zwar, aber nach 90 Jahren treten die profanen Tatsachen wieder zutage. Das ändert freilich nichts an dem mächtigen Eindruck, den der letzte große Benz auch heute noch macht. Ein Original in 3D ist übrigens heute eine ganz große Rarität…

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Alles fließt: Vom Horch „8“ Typ 350 zum Typ 375

„Alles fließt und nichts bleibt, wie es ist“ – in dieser Formel wird von jeher die Lehre des altgriechischen Philosophen Heraklit zusammengefasst. Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, dass die Welt von stetigem, unaufhaltsamem Wandel geprägt ist.

Bereits die Griechen und Römer folgerten aus dem Studium von Gesteinsformationen und Fossilien, dass der Mensch nur eine Episode in einer Abfolge ungeheurer erdgeschichtlicher Umwälzungen ist.

Wir Menschen des frühen 21. Jahrhunderts müssen gar nicht so weit zurückschauen, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass nur der Wandel Bestand hat.

Schon ein Blick gut 80 oder 90 Jahre zurück führt uns in eine Welt, die uns zunehmend fremd und exotisch vorkommt. Dabei liegen gerade einmal zwei Generationen zwischen damals und heute, manchmal sogar nur eine.

Des Verfassers älteste Tante beispielsweise wurde 1917 geboren – sie wurde übrigens genau 100 Jahre alt – und besuchte gerade das Gymnasium im schlesischen Liegnitz, als irgendwo in Deutschland folgende Aufnahme entstand:

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Horch 8 Typ 350; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses schöne Familienfoto zeigt drei Generationen einer vermögenden Familie – sie konnten sich einen Horch des Achtzylindertyps 350 leisten, der ab 1928 gebaut wurde.

Der Herr ganz rechts wurde noch im 19. Jahrhundert geboren und hatte die Geburt des Automobils miterlebt. Er scheint hier zufrieden mit sich und der Welt zu sein – wir finden übrigens seine markante Nase an mehreren der abgebildeten Personen wieder.

Die mutmaßliche Enkelin ganz links sitzt auf der Stoßstange des Horch. Die freundliche Dame neben ihr – eventuell ihre Tante – scheint sie mit dem rechten Arm an sich zu ziehen, damit die prachtvolle Frontpartie des Horch auch ja auf’s Foto kommt:

Horch_350_Sport-Cabrio_Frontpartie_1

Die Flecken auf dem unteren Teil des Abzugs trüben den Gesamteindruck kaum – wir sind darauf konditioniert, Menschen ins Gesicht zu schauen und sehen so über die Mängel auf diesem über 80 Jahre alten Dokument hinweg.

Doch so sehr der lebendige Blick der beiden Damen aus ferner Vergangenheit fesselt, so beeindruckend sind zugleich die Merkmale des Horch im Hintergrund.

Allein die Dimensionen der verchromten Scheinwerfer verweisen auf ein Automobil der Luxusklasse. Auf der klassisch gestalteten Kühlermaske sehen wir das gekrönte „H“ – seit Vorstellung des Typs 10/50 PS im Jahr 1924 das Emblem von Horch.

So weit, so klar. Doch will hier einiges nicht zu den Angaben in der Literatur (Kirchberg/Pönisch: Horch – Typen, Technik, Modelle, Verlag Delius-Klasing) passen:

  • Die Ausführung der Luftschlitze in der Haube spricht für einen Horch 8 der Typen 303 bis 306 bzw. 350 (Bauzeit: 1927-32), die wir bereits vorgestellt haben.
  • Die Positionslichter auf den Schutzblechen gab es angeblich erst beim Nachfolger 375 (ab 1929), dasselbe gilt für die geflügelte Weltkugel als Kühlerfigur.
  • Doch dann müsste laut Literatur dieser Horch auf die hinteren zwei Drittel der Motorhaube beschränkte, eingestanzte Luftschlitze verfügen.

Die Frontpartie hätte beim Horch 8 Typ 375 so ausgesehen wie auf folgender Aufnahme aus der Sächsischen Schweiz:

Horch_375_b_Buckow_Sächs_Schweiz_10-1938_Galerie

Horch 8 Typ 375; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier ist auf einmal alles lehrbuchmäßig – dreigeteilte Stoßstange, geflügelte Weltkugel als Kühlerfigur, Positionsleuchten auf den Vorderkotflügeln, verchromte Radkappen mit gekröntem „H“.

Die 6-Fenster-Limousine von Horch mit Berliner Zulassung (Kennung „IA“) bot erkennbar mindestens sieben Personen (inkl. Fotograf) Platz. Gut 2,1 Tonnen wog solch ein Koloss, der dennoch immerhin Tempo 100 erreichte.

Wie die vorherigen 8-Zylindertypen 303 bis 350 verfügte auch der Horch 375 über einen Reihenachtzylindermotor, wobei der Hubraum von anfänglich 3,1 auf fast 3,9 Liter stieg. Ein Schmankerl aller dieser Typen war die Ventilsteuerung über zwei obenliegende Nockenwellen, die ihrerseits über eine Königswelle angetrieben wurden.

Auch in anderen Details der Konstruktion von Paul Daimler zeigt sich äußerste Finesse, die der Laufkultur und Haltbarkeit des Aggregats zugutekam.

Grundlegend verändert worden war beim Typ 375 nur die Rahmenkonstruktion: Die Blattfedern wurden seitlich neben dem Rahmen angebracht, der damit entsprechend tiefer lag, was zusammen mit der verbreiterten Spur die Straßenlage verbesserte.

Die Gesamtlänge des Typs 375 stieg von 5 auf 5,25 Meter, die Höhe legte trotz  Tiefrahmens auf 1,80 Meter zu. Man sieht dem Horch auf unserem Foto seine enormen Maße nicht an – was an dem stattlichen Herrn im Vordergrund liegen mag:

Horch_375_b_Buckow_Sächs_Schweiz_10-1938_Frontpartie

Hier haben wir übrigens wieder ein schönes Beispiel dafür, dass die Art und Weise, wie sich unsere Vorfahren einst mit ihren Automobilen ablichten ließen, mit der Konstruktion und Formgebung von einst untergegangen ist.

Der vergnügte Junge auf dem seitlichen Ersatzrad würde auf einer heutigen Limousine keine solche Sitzgelegenheit mehr finden. Auch das Herumturnen auf den Trittbrettern ist mit den Pontonkarosserien der Neuzeit ausgestorben:

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Horch 8 Typ 350 Sportcabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So findet sich auch für diese aus rein automobilistischer Sicht wenig spannende Aufnahme noch eine Verwendung. Der Wagentyp ist übrigens derselbe wie der Horch 8 Typ 350 auf eingangs gezeigtem Foto. Es handelt sich um die Ausführung als zweitüriges Cabriolet mit kurzem Radstand.

Interessanterweise findet sich auf S. 243 des erwähnten Horch-Standardwerks genau solch ein Modell, bei dem die Positionsleuchten nicht mehr am Windlauf, sondern auf den Vorderschutzblechen angebracht waren.

Dieser Befund – wie auch einige Auffälligkeiten auf zeitgenössischen Abbildungen anderer Exemplare des Horch 350 – spricht dafür, dass man in Zwickau gestalterische Elemente des von 1929-30 parallel gebauten Sondertyps 375 in die Serie übernahm.

Tatsächlich überlebte der Horch 350 den Typ 375 um 2 Jahre – seine Produktion endete erst 1932 nach über 2.800 Exemplaren. Offenbar kam es während seiner fast vierjährigen Bauzeit zu formalen Änderungen, die die Literatur nicht widerspiegelt.

Einmal mehr erweist sich die automobile Vielfalt der Vorkriegszeit beim Studium historischer Fotos als größer, als es moderne Darstellungen erahnen lassen.

Die Dinge waren eben schon damals permanent im Fluss – die einzige Konstante war und ist der Wandel…

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Ganz große Klasse: Cadillac Roadster von 1928 in Wien

Heute zeigen wir erstmals ein Vorkriegsfoto eines Wagens der US-Luxusmarke Cadillac, der einst am Vorabend der Weltwirtschaftskrise in Europa unterwegs war.

Aufgenommen wurde das eindrucksvolle Gefährt am 23. April 1929 in Wien. Vielleicht erkennt ein Leser den Aufnahmeort – ein repräsentatives öffentliches Gebäude in der Innenstadt:

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Cadillac Roadster von 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese sicher von einem Berufsfotografen angefertigte Aufnahme begleitet den Verfasser bereits ein Vierteljahrhundert. Sie schmückte die Pinnwand in der Küche diverser Wohnungen, ohne dass klar war, was genau darauf zu sehen ist.

Erst nach so langer Zeit gelang die Identifikation des genauen Typs und das auch erst nach Erwerb der US-Vorkriegsautobibel „Standard Catalog of American Cars“ von B.R. Kimes und H.A. Clark Jr.

Einer der Vorzüge des über 1.600 Seiten starken Werks liegt darin, dass man die Recherche zu den einzelnen Herstellern Markenkennern überließ und die Ergebnisse konsolidierte, anstatt sich selbst an das ausweglose Unterfangen zu machen, die zigtausenden von US-Autobauern aufzuarbeiten.

So war es möglich, in vielen Fällen die formalen und technischen Mermale der einzelnen Fahrzeuge für jedes Baujahr genau zu erläutern. Davon werden wir auch bei der Bestimmung des Wagens auf dem Foto profitieren.

Am Anfang stand aber erst einmal die Frage, in welche Richtung eine Recherche aussichtsreich ist. Zwei Aspekte sprachen für ein US-Modell:

  • Zum einen sind die Dimensionen dieses offenen Zweisitzers sehr amerikanisch. Auf dieses Fahrgestell hätte auch eine siebensitzige Pullman-Limousine gepasst.
  • Zum anderen ist die Kombination aus Doppelstoßstangen und vollverchromten, großkalibrigen Frontscheinwerfern typisch für US-Modelle der 1920er Jahre.

Cadillac_1928_Wien_230429_Frontpartie

Zwar gab es auch deutsche Hersteller, deren Wagen mit einigen der hier zusehenden Merkmalen daherkamen; inbesondere der Horch 8 Typ 400 käme hier in Frage, der auch die markant nach hinten versetzten Luftschlitze besaß.

Doch den Stil eines offenen Zweisitzers mit roadsterartigem Türausschnitt auf einem derartig großen Fahrgestell sucht man damals in Europa vergebens. Auch die Gestaltung der Speichenräder war eher typisch für US-Wagen.

Hinzukommt ein weiteres Detail, das erst beim näheren Hinsehen zu erkennen ist:

Cadillac_1928_Wien_230429_Heckpartie

Der verchromte Drehgriff in der Flanke des Wagens kurz vor dem Heckschutzblech gehört nicht etwa zu einer (zweiten) Tür, sondern zu einem Gepäckabteil, das für Golfausrüstungen gedacht war.

Der Golfsport war in den USA weit verbreiteter als auf dem europäischen Kontinent. Von daher haben wir hier ein weiteres Indiz für eine überseeische Herkunft des Autos.

Ab hier war es „nur“ eine Fleißarbeit, die erwähnte US-Vorkriegsautoliteratur durchzuarbeiten – mit Blick auf Oberklassehersteller der späten 1920er Jahre. Fündig wurde der Verfasser dann beim Cadillac des Baujahrs 1928.

Tatsächlich war von der zum General Motors-Konzern gehörenden Luxusmarke ein 2-sitziger Roadster genau dieses Typs verfügbar, bei dem das Chassis der Limousinenausführungen Verwendung fand.

Neben über 3,65 m Radstand hatte der offene Zweisitzer auch den rund 90 PS leistenden V8-Motor mit 5,6 Litern Hubraum gemeinsam.

Wer bei amerikanischen V8-Motoren an lautstark „blubbernde“ Aggregate denkt, hat so einen dezenten Antrieb noch nicht erlebt, wie er für US-Vorkriegsautos der Oberklasse typisch war. Souveräne und möglichst lautlose Kraftentfaltung war ihre Stärke.

Wie können wir aber überhaupt den Wagen auf dem Foto auf das Baujahr genau datieren? Schließlich erfand man bei Cadillac damals nicht jedes Jahr die Welt völlig neu – die Marke richtete sich einst an eine konservative Kundschaft.

Tatsächlich wurde der 2-sitzige Roadster praktisch baugleich im Jahr 1929 angeboten. Doch im Detail war man nicht untätig geblieben. Die Cadillacs von 1929 erhielten Sicherheitsverglasung rundum und synchronisierte Schaltgetriebe.

Formal ändert sich ebenfalls etwas – die Positionsleuchten wanderten 1929 vom Windlauf hinter der Motorhaube auf die Vorderschutzbleche. Demnach stammt „unser“ Cadillac noch aus dem Modelljahr 1928.

Kenner von Vorkriegs-Cadillacs mögen nun noch an die Schwestermarke LaSalle denken, bei der Cadillac-Technik mit modischeren formalen Details verbunden wurde. Doch auch hier erweist sich der enorme Wert der Standardliteratur zu US-Wagen.

Denn in besagter US-Vorkriegsauto“bibel“ ist eigens erwähnt, dass der LaSalle von 1928 nur über 28 Luftschlitze in der Motorhaube verfügte, der Cadillac aber über 30.

Wer Lust hat, mag selber nachzählen, der Verfasser findet die Frage weit interessanter, wer 1929 in Wien solch‘ ein Automobil besaß. Schauen wir uns die Insassen an:

Cadillac_1928_Wien_230429_Insassen

Der Fahrer mit Schirmmütze war sicher der Chauffeur. Die fesche Dame mit hochgeschlagenem Kragen und Lederhandschuhen mag die Besitzerin gewesen sein oder mochte aus der Besitzerfamilie stammen.

Für einen dritten „Mann“ war jedenfalls kein Platz in dem Cadillac – außer vielleicht im Golftaschenabteil – sodass die selbstbewusste Autoinsassin offenbar allein mit dem Fahrer unterwegs war.

Wie mögen die Verhältnisse der beiden in dem Cadillac nach dem Börsencrash 1929 und der anschließenden Weltwirtschaftskrise ausgesehen haben? Konnte man sich den mächtigen „Amerikaner“-Wagen noch leisten, behielt der Fahrer seine Anstellung?

Wir wissen es nicht. Jedenfalls hat im Fotoalbum von einem der beiden Insassen (der Chauffeur bekam oft auch einen Abzug) dieses Dokument aus dem Jahr 1929 überlebt.

Durch welche Verhältnisse der Eigentümer das Foto wohl in die Nachkriegszeit gerettet hat? War es in bedrückenden Umständen eine Erinnerung an vergangenes Glück?

Das sind die Fragen, die solche Bilder aufwerfen und die wir leider mit der besten Literatur und noch so großem Scharfsinn nicht mehr beantworten können…

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Reine Männersache: Brennabor Typ R 6/25 PS

Die Begeisterung für das Automobil ist bis heute überwiegend Männersache. Dabei gab es schon immer Frauen, die sich in der Domäne der „Herrenfahrer“ selbstbewusst und durchaus erfolgreich bewegten.

Dabei handelte es sich keineswegs um „Mannweiber“, die in einem damals noch extrem fordernden und hochriskanten Sport zeigten, dass sie mit Intelligenz und Kaltblütigkeit mithalten konnten.

Man denke nur an Ernes Merck, die es in den 1920er Jahren sogar zur Mercedes-Werksfahrerin brachte. Im Klausenpassrennen 1927 belegte sie den 2. Platz hinter Rudolf Caracciola – ein sensationeller Erfolg.

Hier sehen wir die als Ernestina Rogalla von Bieberstein in Pommern geborene Rennfahrerin auf einem Alfa-Romeo Typ RL Super Sport – einer Straßenversion des Siegerwagens der Targa-Florio auf Sizilien 1923:

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Alfa-Romeo Typ RL Super Sport; zeitgenössisches Kosmos-Sammelbild aus Sammlung Michael Schlenger

Das Vorbild solcher rasanten und zugleich charmanten Damen mag damals die eine oder andere Geschlechtsgenossin bewogen haben, selbst Automobilistin zu werden – und sei es „nur“ mit einem Großserienmodell wie dem Brennabor Typ R 6/25 PS, um den es im heutigen Blog-Eintrag geht.

Regelmäßige Leser werden sich vielleicht an folgende reizvolle Aufnahme des ab 1925 gebauten Modells des Herstellers aus Brandenburg an der Havel erinnern:

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Brennabor Typ R 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Gern stellt man sich die selbstbewusste junge Dame am Steuer des wohl erfolgreichsten aller Brennabor-Wagen vor, der damals unter anderem mit dem Adler 6/25 PS Modell konkurrierte.

Interessanterweise war Brennabor mit seiner in fast jeder Hinsicht unterlegenen Konstruktion am Markt weit erfolgreicher.

Der Adler besaß bereits Vierradbremsen, Vierganggetriebe und 12-Volt-Elektrik und erreichte Spitze 80 km/h (ggü. 70/km/h beim Brennabor), war aber rund 20 % teurer.

Brennabor konnte hier ein letztes Mal den Vorteil der rationelleren Produktionsweise ausspielen, der die Firma nach dem 1. Weltkrieg vorübergehend zum größten Autohersteller Deutschlands gemacht hatte.

Dabei war der Brennabor keineswegs weniger robust gefertigt als der Adler. Noch rund zehn Jahre nach seiner Produktion war im Jahr 1936 dieser Brennabor Typ R 6/25 PS in der Nähe von Roth bei Nürnberg unterwegs:

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Brennabor Typ R 6/25 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen stimmt in allen wesentlichen Details mit dem Brennabor auf dem vorherigen Foto überein, das Mitte der 1920er Jahre entstanden war.

Mancher „Youngtimer“ der späten 1970er Jahre stand zehn Jahre nach der Produktion längst auf dem Schrottplatz – selbst Daimler-Benz baute damals sagenhafte Roster, ein finsteres Kapitel der Markengeschichte…

Zurück zum Brennabor des Typs „R“ 6/25 PS, von dem es vor allem im Osten unserer Republik einige bis in das 21. Jahrhundert geschafft haben.

Hier nun das Foto des Wagens, das im Mittelpunkt des heutigen Blogeintrags steht – bislang das beste dieses Typs aus der Sammlung des Verfassers:

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Brennabor Typ R 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser aus idealer Perspektive aufgenommene Brennabor war tatsächlich reine Männersache – zumindest bei der unbekannten Veranstaltung, an der die Herren einst in einem Tagungslokal irgendwo in Thüringen teilnahmen.

Der Wagen selbst war im Raum Kassel zugelassen, wenn nicht alles täuscht (Quelle: A. Herzfeld, Handbuch Deutsche Kfz-Kennzeichen Band 1, S. 85).

Dem aufmerksamen Betrachter werden die abweichenden Luftschlitze in der Motorhaube auffallen. Doch neben den schräggestellten schmalen Schlitzen finden sich auf Originaldokumenten auch die fünf breiten wie auf dem Foto:

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Brennabor Typ R 6/25 PS, aus: „Die Motorfahrzeuge“ von P. Wolfram, 1928

Vielleicht kann ein sachkundiger Leser sagen, inwieweit die Form der Luftschlitze baujahrabhängig war. An der Identifikation des Wagens als Brennabor Typ R 6/25 PS gibt es jedoch keinen Zweifel.

Wie immer wollen wir die Menschen nicht unerwähnt lassen, die uns auf dieser rund 90 Jahre alten Aufnahme entgegenblicken. Es ist nicht ganz klar, was die Herren einst verband, die zwei (wenn nicht drei) Generationen anzugehören scheinen.

Vertreten sind hier der „Vatermörder-Kragen“ der Zeit vor dem 1. Weltkrieg, die Krawattenmode der 1920/30er Jahre und eine sportliche Variante, die ganz auf Schlips oder Fliege verzichtete:

Brennabor_Typ_R_Thüringen_Umstehende1

Abgesehen von den zwei braungebrannten Herren scheinen wir hier „Schreibtischtäter“ vor uns zu haben, vielleicht Angehörige einer studentischen Verbindung oder einer anderen Organisation aus der akademischen Welt.

Wie immer bei solchen Aufnahmen ist der Verfasser dankbar für alle Anmerkungen oder auch Korrekturen, die zum Verständnis der Aufnahmesituation beitragen. Das gilt auch für die zweite Ausschnittsvergößerung aus dem Foto:

Brennabor_Typ_R_Thüringen_Umstehende2

An der Fassade des Hauses im Hintergrund ist „Joh. Oscar Grabe“ zu lesen, außerdem „Thuringia Bier“. Erlauben die beiden Informationen eine Lokalisierung der Örtlichkeit, an der unsere Herren einst mit dem Brennabor posierten?

Abgesehen davon, liebe Leser – schauen Sie mal in die Gesichter der acht Männer, die wir auf diesem Ausschnitt vor uns haben. Da sieht man trotz formeller Kleidung jede Menge Charaktertypen…

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5 Jahre Fortschritt: Vom Hanomag 3/16 zum 4/23 PS

Den meisten Freunden deutscher Vorkriegsautos fällt beim Stichwort Hanomag wohl am ehesten das „Kommissbrot“ ein, das von 1925-28 als Typ 2/10 PS gebaut wurde.

Das Wägelchen mit seinem 500ccm-Einzylinder wartete zwar mit bemerkenswerten Konstruktionsdetails auf – am fortschrittlichsten war die Pontonkarosserie – doch ein ernstzunehmendes Auto war es letztlich nicht.

Versuche, den „rasenden Kohlenkasten“ zum potentiellen Volkswagen zu adeln, sind abwegig. In den 1920er Jahren hatten amerikanische, englische und französische Hersteller längst vorgemacht, wie massenmarkttaugliche Autos aussehen.

Das A und O dabei waren keineswegs innovative technischen Konzepte, sondern konsequente Ausrichtung der Konstruktion auf industrielle Großserienfertigung – die Voraussetzung für einen volkstümlichen Preis.

So blieb das Kommissbrot mit etwas mehr als 15.000 Exemplaren in fast vier Jahren Bauzeit einer von vielen deutschen Sonderwegen in die Sackgasse hinein.

Dem Reiz dieses Nischenkonzepts tut das natürlich keinen Abbruch, vor allem nicht mit so charmanter Besatzung:

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Hanomag 2/10 PS Cabriolet; Originalausführung

Eines muss man den Maschinenbauern aus Hannover lassen: Nach dem Fehlstart mit dem Hanomag Kommissbrot gelang es in nur fünf Jahren aus eigenen Kräften, ernsthafte und zunehmend wertige Automobile zu entwickeln.

Diese dynamische Entwicklung wollen wir heute anhand historischer Originalfotos nachzuvollziehen, deren Charme nicht zuletzt darin besteht, dass sie auch die damaligen Besitzer und Insassen zeigen.

Beginnen wir mit dem ab 1929 gefertigten Typ Hanomag 3/16 PS mit 750ccm-Vierzylindermotor, der bei moderatem Verbrauch immerhin Tempo 75 erlaubte:

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Hanomag 3/16 oder 4/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An diesem gefälligen Automobil erinnerte nur noch eines an den Vorgänger 2/10 PS – das Emblem auf der Kühlermaske mit stilisiertem „Kommissbrot“.

Die geschmackvolle Zweifarblackierung lässt das keine 500 kg wiegende Fahrzeug durchaus adrett erscheinen. Dieses Auto war kein fauler Kompromiss und keine verschrobene Kopfgeburt, sondern grundsolide und gesellschaftsfähig.

Damit konnte man sich sehen lassen, das dachten gewiss auch die folgenden jungen und modebewussten Hanomag-Eigner, die auf gewisse Weise an das amerikanische Bankräuberpaar Bonnie & Clyde erinnern:

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Hanomag 3/16 oder 4/20 PS Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Neben der 3/16 PS-Variante war übrigens auch bereits eine 4/20 PS-Version mit 1,1 Liter Hubraum verfügbar, die für 80 km/h Spitze gut war.

Zwei gestalterische Details verraten, dass wir es mit einem dieser frühen Hanomag-Vierzylindermodelle zu tun haben: Die unten horizontal verlaufende Frontscheibe und der große Abstand der seitlichen Zierleisten entlang des Passagierabteils.

Auf der folgenden Aufnahme sehen wir die nächste Entwicklungsstufe ab 1931:

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Hanomag 3/17 PS oder 4/23 PS Cabrio-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier hat sich einiges getan. Sicher, die markante Aufteilung der Luftschlitze in der Motorhaube in zwei Felder ist noch vorhanden, ebenso die Scheibenräder, aber:

  • die Unterseite der vergrößerten Frontscheibe folgt der Form des Vorderwagens,
  • die obere Zierleiste unterhalb der Seitenfenster ist nach unten gerutscht, der Aufbau wirkt nun höher,
  • der Abstand des hinteren Türabschlusses zum Heckschutzblech ist größer,
  • die Kotflügel reichen seitlich weiter hinunter,
  • die Scheibenräder tragen verchromte Nabenkappen.

Zu dem aufgewerteten und großzügigeren Erscheinungsbild passen die opulenten Doppelstoßstangen nach amerikanischem Vorbild, die als Zubehör verfügbar waren.

Das sich aufbäumende Pferd auf dem Kühler deutet nicht auf frühe Ferrari-Fans hin – obwohl Enzo Ferrari bis 1931 selbst Rennen fuhr – sondern auf das Wappentier von Niedersachsen, wo Hanomag seinen Stammsitz hatte.

Diese Kühlerfigur war nachweislich auch schon beim Vorgängermodell Hanomag 3/16 bzw. 4/20 PS-Modell verfügbar:

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Hanomag 3/16 oder 4/20 PS Limousine, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier können wir noch einmal sämtliche Details mit dem Vorgängertypen abgleichen, das ebenfalls bereits eine Doppelstoßstange aus dem Zubehörhandel besaß.

Im nächsten Schritt machen wir in formaler Hinsicht einen großen Sprung – dabei rücken wir bloß vom Jahr 1931 ins Jahr 1932 vor. Doch auf einmal haben wir einen Hanomag mit wesentlich modernerem Erscheinungsbild vor uns:

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Hanomag 3/18 PS PS; Originalfoto mit freundlicher Genehmigung von Matthias Kraus

Wer auch immer dieses schöne Foto vor über 80 Jahren schoss, für den stand sicher die schlanke junge Dame im Mittelpunkt, die sich gerade anschickt, den Fahrersitz dieses Hanomag einzunehmen.

Der originale Abzug stammt aus dem Familienalbum von Kommunikationsdesigner Matthias Kraus aus Halle, dem wir bereits eine außergewöhnliche Aufnahme eines Nash auf Teneriffa verdanken.

Es fällt schwer, sich diesem freundlichen und jugendlichen Blick aus ferner Vergangenheit zu entziehen, doch wir wollen uns ganz auf das Auto konzentrieren.

Ins Auge fallen folgende Veränderungen:

  • die Frontscheibe steht schräg und sitzt auf der Vorderpartie auf,
  • der vordere Türausschnitt verläuft ebenfalls schräg,
  • die untere seitliche Zierleiste schwingt zum Wagenende hin nach unten,
  • die Luftschlitze in der Haube sind direkt in diese eingeprägt,
  • das Vorderschutzblech schwingt weiter nach hinten aus,
  • die Kühlermaske ist vollverchromt und ist leicht nach hinten geneigt,
  • die glattflächigen Scheibenräder sind stärker nach innen geprägten gewichen.

Äußerlich hat dieses Auto kaum noch etwas mit dem Vorgängermodell gemein. Technisch hat sich dagegen wenig getan. Die Motorisierung ist mit 3/18 PS annähernd dieselbe; auch die hydraulischen Vierradbremsen besaß schon der Vorgängertyp.

So bleibt vor allem formal der Eindruck eines neuen Wagens, wie an folgender Aufnahme genau desselben Typs noch deutlicher wird:

Hanomag_3-18_PS_Cabrio-Limousine_Ausschnitt

Hanomag 3/18 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch hier fällt die gepflegte bis modebewusste Erscheinung der Passagiere ins Auge. Der Hanomag mag nach heutigen Maßstäben bescheiden anmuten, war aber alles andere als ein Armeleutevehikel.

Bereits der Besitz eines solchen Automobils der unteren Mittelklasse setzte im Deutschland der frühen 1930er Jahre ein weit überdurchschnittliches Vermögen voraus.

Als privilegiert fühlen konnte sich damals schon, wer bei Wind und Wetter mit dem Motorrad zur Arbeit fahren konnte. Der Hanomag bot demgegenüber Schutz, mehr Platz und entsprechend mehr Prestige – die Leistung war nebensächlich.

Springen wir zwei Jahre weiter, ins Jahr 1934. Der Hanomag wird nur noch als 4/23 PS-Modell angeboten, wahlweise mit 4-Gang-Getriebe. Optisch hat sich nochmals einiges getan:

Hanomag_Garant_Ak_Coburg_Galerie

Hanomag 4/23 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei dieser Cabriolimousine mit Zulassung in Unterfranken sehen wir den neuen Stil, der schon seit 1933 das Modell „Rekord“ mit 1,5 Liter großem Motor und 32 PS (später 35 PS) kennzeichnete und bis Kriegsbeginn typisch bleiben sollte.

Ins Auge fallen:

  • der in Wagenfarbe lackierte und mit dem Vorderwagen verschmolzene Kühler,
  • die Chromleiste um die Windschutzscheibe herum,
  • die großen vollverchromten Scheinwerfer,
  • die serienmäßige, einteilige Stoßstange,
  • die serienmäßigen verchromten Radkappen.

Alle oben skizzierten Veränderungen vollzogen sich in nur fünf Jahren! Der Unterschied zwischen dem eingangs gezeigten Modell von 1929/30 und dem zuletzt vorgestellten ist kolossal. Solche Entwicklungssprünge gibt es heute nicht mehr.

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Am Deutschen Eck: Austro-Daimler „ADR“ Cabriolet

Liebhaber der wenigen, aber feinen ehemaligen Automobilmarken aus Österreich kommen auf diesem Vorkriegs-Oldtimerblog immer wieder auf ihre Kosten.

Neben Wagen von Gräf & Stift, Puch und Steyr werden hier auch die auf Ferdinand Porsche zurückgehenden Schöpfungen von Austro-Daimler aus Wien in historischen Originalaufnahmen vorgestellt.

Speziell die Exemplare der 1920er Jahre stechen nicht nur durch hochkarätige Technik hervor, sie heben sich auch durch markante Gestaltungsmerkmale ab.

Das ermöglicht im Unterschied zu einigen deutschen Wagen jener Zeit eine rasche Identifikation, selbst wenn nur wenige Partien des Fahrzeugs sichtbar sind. Ein schönes Beispiel dafür haben wir hier:

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Austro-Daimler Typ ADM; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nicht schwer zu erraten, dass die freundliche junge Dame hier auf dem Vorderschutzblech eines Austro-Daimler sitzt – allein die Kühlerfigur verrät dies.

Doch selbst ohne den geflügelten Pfeil – für tüchtige deutsche TÜVler ein Alptraum wie Zentralverschlussmuttern und andere Undinge – wäre die Kühlerpartie eigenständig genug, um die Ansprache als Austro-Daimler zu ermöglichen.

Unterhalb des Einfüllstutzens für das Kühlwasser befindet sich nämlich eine reich verzierte, erhaben geprägte Plakette mit dem Markenschriftzug. Sie ist so typisch, dass man sie auch aus dieser Perspektive erkennen kann.

Außerdem besitzt die Kühlermaske eine einzigartige Form. So war der innere Ausschnitt für das Kühlernetz bei Austro-Daimler eckig wie bei Modellen der Zeit vor 1914, während das Kühlergehäuse außen abgerundet war.

Dies sorgt für eine formale Spannung mit hohem Wiedererkennungswert, wie folgende Aufnahme trotz Verwacklung erkennen lässt:

Austro-Daimler_ADM_Westfalen_Galerie

Austro-Daimler Type ADM; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der gutgelaunte Herr, der hier auf seinem Austro-Daimler reitet und seinen Gruß entbietet, hatte den Wagen im westfälischen Iserlohn zugelassen, wie die Nummernschildkennung verrät.

Er und die junge Dame auf dem ersten Foto sind gute Beispiele dafür, wie unbeschwert die einstigen Besitzer mit diesen enorm teuren Fahrzeugen umgingen.

Manch‘ moderner Besitzer überlebender, oft überrestaurierter Fahrzeuge macht dagegen durch Schilder wie „Berühren verboten“ oder gar „Fotografieren verboten“ deutlich, dass er nicht verstanden hat, dass diese Wagen bloß schöne Maschinen sind und nicht die von spontanem Zerfall bedrohte Mumie eines altägyptischen Pharaos…

Während die heute existierenden Vorkriegsautos gute Chancen haben, uns zu überleben und noch in 100 Jahren Freude zu bereiten, sieht das bei manchen historischen Originalfotos solcher Wagen anders aus.

Für den Verfasser Grund genug, die Dokumente in seinem Fundus zu digitalisieren und im Netz zur Verfügung zu stellen.

Zudem lebt dieser Oldtimerblog auch von Sammlerfreunden, die im Internet ebenfalls die Chance sehen, ihre Schätze zur Freude Gleichgesinnter in aller Welt und zum Erkenntnisgewinn der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Ein Beispiel dafür ist folgende Aufnahme von Leser Klaas Dierks, der zum Thema Austro-Daimler der 1920er Jahre ein besonderes Schmankerl beisteuern kann:

Austro_Daimler_ADR_Polizei_Dierks_Galerie

Austro-Daimler Typ ADR; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Trotz militärischer Anmutung haben wir es hier mit Polizisten zu tun – wobei man davon ausgehen kann, dass diese Recht und Gesetz einst energischer durchzusetzen wussten, als es den bundesdeutschen Kollegen unserer Tage gestattet ist…

Der Anlass der Aufnahme ist nicht bekannt. Es stand wohl die Anfertigung eines Teamfotos an und man nutzte die Gelegenheit für einen speziellen Hintergrund.

Dass einer der abgebildeten Herren in der Lage gewesen wäre, sich einen Austro-Daimler des 1927 vorgestellten Typs ADR mit 70 PS starkem Sechszylindermotor zu leisten, können wir ausschließen.

Entweder hatten die Ordnungshüter gerade Besuch eines ganz hohen Vorgesetzten, der so ein feines Automobil besaß, oder – was wahrscheinlicher ist – man hatte kürzlich das Fahrzeug eines straffälligen Vertreters der Halbwelt beschlagnahmt.

Damit soll dem Spitzenmodell ADR von Austro-Daimler kein fragwürdiges Image angedichtet werden. Man musste allerdings ziemlich viel Geld besitzen, um ein solches Prachtexemplar fahren zu können.

Dass so ein Automobil einst bei der Polizei im Hof stand, muss jedenfalls spezielle Gründe gehabt haben. Man bedauert nur, dass man nicht viel mehr davon sieht als die Kühlerfigur und den am Heck angesetzten Gepäckkoffer.

Zum Glück können wir eine weitere Aufnahme eines Austro-Daimler des Typs ADR präsentieren. Sie hat zwar technische Mängel und der Abzug ist von einsetzendem Verfall beeinträchtigt.

Dennoch handelt es sich um ein sehenswertes Dokument:

Austro-Daimler_ADR_Cabrio_Koblenz_Galerie

Austro-Daimler Typ ADR Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Foto voller Leben ist einst an einem bis heute wirksamen Touristenmagneten entstanden – dem Deutschen Eck in Koblenz.

Dort, wo die Mosel in den Rhein fließt, entstand Ende des 19. Jahrhunderts ein kolossales Denkmal für Kaiser Wilhelm I., der zu den prägenden Gestalten deutscher Geschichte des 19. Jahrhunderts gehört.

Wie man die Lebensleistung von Kaiser Wilhelm I. auch beurteilen mag, besaß sein Wirken in seinem über 90 Jahre währenden Leben erhebliche Strahlkraft.

Das zu seinen Ehren errichtete Denkmal in Koblenz wurde übrigens nicht aus dem Volk abgenötigten Steuergeldern finanziert, sondern aus Spenden – der preußische Fiskus war seinerzeit nicht annähernd so unersättlich wie der heutige.

Hier haben wir nun das Auto, das vor rund 90 Jahren an dem mächtigen Bauwerk geparkt wurde, in der Nahaufnahme:

Austro-Daimler_ADR_Cabrio_Koblenz_Ausschnitt1

Die überbelichtete Partie ändert nichts daran, dass hier eindeutig ein viersitziges Cabriolet vom Typ Austro-Daimler ADR zu sehen ist. Im Original bestätigt neben der Kühlerfigur auch die Beschriftung der Ersatzradhülle die Marke.

Das gewaltige Format des Wagens wird mangels Insassen kaum deutlich – der Aufbau kaschiert geschickt die tatsächlichen Dimensionen. Die Zweifarblackierung betont die Struktur der ansonsten schlicht gehaltenen Karosserie.

Die filigranen Drahtspeichenräder waren übrigens wie bei anderen österreichischen Herstellern die Standardausrüstung, während in Deutschland wuchtige Holzspeichen- oder Scheibenräder dominierten.

Wer von den neben dem Wagen stehenden Personen zu den Insassen zählte, lässt sich nicht eindeutig sagen. Lediglich der dunkel gekleidete Herr mit Schirmmütze, der etwas im Hintergrund steht, ließe sich als Chauffeur ansprechen.

Austro-Daimler_ADR_Cabrio_Koblenz_Ausschnitt2

Zu dem Motorradgespann dürften der Herr ganz rechts mit geschlossenem Gummimantel und Regenschutz an den Beinen gehören. Sein Beifahrer könnte die Person mit Kappe und Schutzbrille gewesen sein.

Vielleicht haben wir es ansonsten mit Flaneuren zu tun, die mit den Insassen des Austro-Daimler ins Gespräch gekommen sind. Einer von ihnen hält eine Hundeleine in den Händen – doch vom Vierbeiner ist nichts zu sehen.

Vielleicht ist er im Auto geblieben. Dass die Insassen des Austro-Daimler Hundeliebhaber waren, darauf deutet ein kurioses Detail an der Stoßstange hin:

Austro-Daimler_ADR_Cabrio_Koblenz_Ausschnitt3

Auf der oberen Schiene der Doppelstoßstange sind links und rechts die Silhouetten zweier Terrier zu erkennen – wenn nicht alles täuscht.

Was auf solchen alten Autofotos neben den Wagen selbst sonst noch alles zu sehen ist, das gehört zu den faszinierenden Seiten der Beschäftigung damit. Auch hier sind es kleine Details, die etwas von den Menschen erzählen, die einst im repräsentativen Austro-Daimler einen Ausflug ans Deutsche Eck in Koblenz machten.

Wo wohl die beiden Maskottchen auf der Stoßstange geblieben sind? Zieren sie vielleicht noch heute irgendeine alte Holztür wie das im Fall des Kühleremblems eines längst den Weg allen Blechs gegangenen Overland Whippet der Fall ist?

Whippet-Emblem_05-2018_Galerie

Aber vielleicht existiert ja sogar der Wagen selbst noch – auszuschließen ist das nicht…

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Alter Bekannter? Adler „Standard 6“ 2-Fenster-Cabrio

Zu den besonders häufigen Gästen auf diesem Oldtimerblog für Vorkriegsautos gehören die Wagen der Traditionsfirma Adler aus Frankfurt am Main.

Das spiegelt keine besondere Neigung des Verfassers wider sondern schlicht die Bedeutung und Verbreitung dieser einst international geschätzten Marke.

Gerade von den Adler-Modellen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg finden sich massenhaft zeitgenössische Aufnahmen  – auch im Fundus des Verfassers – doch ist ihre Identifikation mangels eines rundum überzeugenden Standardwerks oft schwierig.

Leichtes Spiel hat man bei den besser dokumentierten Modellen der 1920er Jahre – zumindest, was die allgemeine Ansprache des Typs angeht. Speziell der recht erfolgreiche Adler „Standard 6“ und das etwas kleinere Vierzylindermodell „Favorit“ waren im Deutschland der Zwischenkriegszeit oft anzutreffen.

Selbst auf historischen Postkarten stößt man immer wieder auf diese Adler-Typen im perfekten „Amerikaner“-Stil:

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Adler Standard 6 in Heidelberg; originale Ansichtskarte aus Sammlung Michael Schlenger

Wer sich ein wenig im eigenen Land auskennt,, – und sein Weltbild nicht bloß aus Kreuzfahrtreisen und klimatisierten Shopping-Oasen in der arabischen Wüste bezieht – erkennt hier auf Anhieb das Heidelberger Schloss.

Seinen romantisch ruinösen Zustand „verdankt“ es einem der Feldzüge unserer französischen Nachbarn, mit denen uns heute (hoffentlich) mehr als nur eine lange Geschichte wechselseitiger Überfälle verbindet.

Der Fotograf, der Ende der 1920er Jahre vom (bis heute erhaltenen) Kornmarkt aus das Wahrzeichen von Heidelberg anvisierte, wird die Sechsfensterlimousine des Typs Adler „Standard 6“ gern in die Bildgestaltung  einbezogen haben.

Leider ist die Aufnahme oder der Abzug vom Negativ verwackelt, sonst könnte man die „6“ (eventuell sogar „8“!) in der Raute oberhalb der Scheinwerferstange erkennen:

Adler_Standard_6_Heidelberg_Ausschnitt

Trotz der Unschärfe lässt sich anhand von zwei Details erkennen, dass dies ein vor 1931 entstandener Adler sein muss.

  • Erstens wanderte später das dreieckige Adler-Emblem ganz nach oben in die Kühlermaske.
  • Zweitens war der vordere Kotflügelabschluss nach 1930 stärker abgerundet gestaltet.

Soviel zu diesem Adler Standard 6 mit dem verbreiteten Aufbau als Limousine. Offene Versionen, die bis Mitte der 1920er Jahre in Deutschland bei praktisch allen Marken dominierten, findet man dagegen bei diesem Adler-Modell seltener.

Das eine oder andere Cabriolet des Adler „Standard 6“ in der bis 1930 gebauten Version konnten wir bereits dokumentieren. Doch vom ab 1931 verfügbaren Nachfolger mit modernisierter Karosserie fand sich bisher erst eine offene Ausführung.

Heute können wir endlich eine weitere präsentieren:

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Adler „Standard 6“ Cabrio; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme entstand laut umseitiger Beschriftung einst in Bad Berneck im Fichtelgebirge. Die drei wackeren Automobilisten haben sich vermutlich nach einer Übernachtung im Gasthoff Oetter vor dem Aufbruch ablichten lassen.

Vom Wagen sehen wir genug, um ihn mit einiger Wahrscheinlichkeit als Adler „Standard 6“ Cabriolet ab Baujahr 1931 identifizieren zu können.

Die stilsicher gezeichnete und handwerklich vollendet gestaltete Vorderpartie liefert uns fast alle wesentlichen Hinweise:

Adler_Favorit_oder_Standard_6_Cabrio_spät_Berneck_1_Frontpartie

Die Adler-Kühlerfigur findet ihr Pendant im dreieckigen Adler-Emblem auf dem Ersatzrad, das mit sinnigerweise drei Bolzen auf der Felge befestigt ist.

Wenn der Verfasser die Quellenlage richtig interpretiert, ist bei den ab 1931 gebauten Modellen ein im Vorderschutzblech angebrachtes Ersatzrad ein starkes Indiz dafür, dass man keinen Vierzylindertypen Adler „Favorit“ vor sich hat.

Bis 1930 konnte man bereits anhand der Zahl der Radbolzen den „Standard 6“ (sieben Radbolzen) vom „Favorit“ (fünf Radbolzen) unterscheiden, danach verfügten beide Modelle einheitlich über fünf Radbolzen.

Was aber verrät uns überhaupt, dass wir es mit einem ab 1931 gebauten, modernisierten Adler zu tun haben? Nun, das lässt sich aus dem aufgenieteten Blech mit senkrechten Luftschlitzen ableiten. Zuvor waren horizontale, in die Motorhaube geprägte Schlitze Standard, auch beim Adler Favorit.

Nach der Pflicht kommt nun die Kür – denn die spezielle Ausführung dieser Karosserie verdient besondere Aufmerksamkeit. Ins Auge fällt die helle Lackierung, die den mächtigen Wagen gerade in der offenen Ausführung leichter wirken lässt.

Die Schutzbleche sind etwas dunkler gehalten – im selben Ton wie die Zierleiste entlang der Gürtellinie. Das alles ist ausgesprochen geschmackvoll ausgeführt und verrät die Hand von Könnern.

Auch die leicht schräggestellte Frontscheibe sagt uns, dass dieser Aufbau nicht im Berliner Presswerk von Ambi-Budd aus der Stanze gefallen ist wie die gängigen geschlossenen Karosserien des Adler „Standard 6“ und „Favorit“.

Interessanterweise liefert die (überschaubare und veraltete) Literatur zu Adler keine exakte Entsprechung zu diesem Adler „Standard 6“ als Cabriolet.

Dass es sich hier um eine zweifenstrige Ausführung handelt, lässt eine weitere Aufnahme desselben Wagens erkennen, die am selben Ort entstand:

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Adler „Standard 6“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sieht man über der Schulter des mittleren Hutträgers mit Gummimantel den hinteren Abschluss des Seitenfensters aufragen – bis zum Ansatz des Verdecks war demnach kein Platz mehr für eine weitere Seitenscheibe.

Der Stil der Karosserie macht Karmann als Hersteller wahrscheinlich. Für den Adler „Standard 8“ ist in der Literatur ein ähnlicher Karmann-Aufbau überliefert (vgl. Werner Oswald: Adler Automobile 1900-45, 1. Auflage 1981, S. 55).

Man sollte meinen, dass sich im 21. Jahrhundert die Identität dieses (und weiterer) Adler klären lassen sollte. Bei anderen deutschen Marken wie Dixi, DKW und Stoewer und sogar bei einigen Exotenherstellern gibt es immer wieder Resonanz von Kennern, wenn es um die Identifikation von Autos auf Vorkriegsfotos gibt.

Von den Adler-Freunden hierzulande hört man bislang praktisch kaum etwas – aber vielleicht ändert sich das allmählich – auch dort steht der Generationenwechsel an.

Die große Tradition der Frankfurter Marke hat im Internetzeitalter eine angemessene Würdigung verdient und der Verfasser trägt gern mit seinen in die hunderte gehenden Adler-Originalfotos dazu bei.

Lassen wir uns doch einfach vom Optimismus der Adler-Fahrer – und der kessen Dame im Hintergrund – anstecken, die uns hier über einen Abstand von fast 90 Jahren in die Augen schauen…

Adler_Favorit_oder_Standard_6_Cabrio_spät_Berneck_1_Ausschnitt

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

Eleganz mit dem gewissen Extra: Ein Hansa 1100

An die 150 internationale Automarken der Vorkriegszeit sind im Lauf der Zeit auf diesen Oldtimerblog in historischen Originalfotos aus der Sammlung des Verfassers und aus dem Fundus von Lesern vorgestellt worden.

Luft nach oben ist beim Thema Vorkriegsautos immer – allein aus den USA sind über 5.000 Hersteller bekannt und in Europa kommen nochmals weit über tausend dazu, vor allem solche aus Frankreich und England.

Doch auch die Markenwelt im deutschsprachigen Raum bietet jede Menge Abwechslung – man denke nur an die faszinierenden Hersteller aus Böhmen und Österreich, über die hierzulande kaum berichtet wird.

Selbst wenn man sich auf das Gebiet des heutigen Deutschlands beschränkt, hat man es mit einer tropischen Fülle an Marken zu tun, die heute kaum noch einer kennt. Eine davon sagt immerhin den Borgward-Freunden noch etwas: Hansa!

Gern gesteht der Verfasser, dass er eine Schwäche für die eleganten Typen 1100 und 1700 hat, die ab 1934 unter dem traditionsreichen Namen Hansa im Borgward-Konzern gebaut wurden. Hier haben wir einen davon:

Hansa_1100_Riesengebirge_Ausschnitt

Keine Sorge, vom eigentlichen Gegenstand des heutigen Blogeintrags bringen wir noch ein technisch überzeugenderes Foto. Doch schon auf diesem Ausschnitt aus einer unscharfen Aufnahme erkennt man die Charakteristika des Typs.

  • Alle vertikalen Linien vom Kühler über Frontscheibe und A-Säule bis hin zum hinteren Türabschluss weisen dieselbe Neigung auf.
  • Besonders markant und bei deutschen Autos wohl einzigartig ist die Schrägstellung der B-Säule, die man bei britischen Wagen der 1930er Jahre findet.
  • Typisch sind auch die vier hochliegenden, angeschrägten Luftklappen in der Motorhaube, die durch Chromleisten akzentuiert sind. Das gab es beim Hanomag Rekord ebenfalls, doch aber dort reichen die Klappen weiter hinunter.

Gerade der Vergleich mit dem Hanomag Rekord, der bei allen sonstigen Qualitäten bieder wirkt, vedeutlicht die formale Klasse des Vierzylinder-Hansa 1100 und des parallel angebotenen Hansa 1700 mit Sechszylinder.

Nicht zuletzt die weit hinuntergezogenen seitlichen „Schürzen“ an den Schutzblechen lassen den technisch ebenfalls unspektakulären Hansa moderner erscheinen als den etwas stärkeren Hanomag Rekord – beide besaßen übrigens Hydraulikbremsen.

Bevor wir zum heutigen Stargast kommen, werfen wir noch einen Blick auf die Originalaufnahme, zu der obiger Bildausschnitt gehört:

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Hansa 1100 im Riesengebirge; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Laut Beschriftung des Abzugs entstand das Foto einst im Riesengebirge im Grenzland zwischen Schlesien und der Tschechei. Mit der über 1.600 m hohen Schneekoppe war das Riesengebirge bis 1945 Deutschlands höchstgelegenes Mittelgebirge.

Der Verfasser hat einige Zeit damit verbracht, den Gasthof im Hintergrund zu identifizieren – solche komfortablen Unterkünfte waren in der Region einst als „Bauden“ bekannt – leider vergeblich. Vielleicht kann ein Leser weiterhelfen.

Nach diesem Einstieg wechseln wir nach Westfalen, in die Industrie- und Garnisonsstadt Iserlohn. Dort entstand 1937 folgende Aufnahme eines Hansa 1100:

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Hansa 1100; Originalfoto von 1937 aus Sammlung Michael Schlenger

Zur Identifikation des Wagens müssen wir wohl nichts mehr sagen – alle oben erwähnten Charakeristika sind auf Anhieb zu erkennen.

Schön nachvollziehen lassen sich hier die harmonisch fließenden Linien der Heckpartie, die bis heute oft gestalterisch vernachlässigt wird oder von bizarren Ideen geprägt ist, die keiner Logik folgen.

So weit, so gut. Die formalen Qualitäten des Hansa 1100 und seines großen Bruders Hansa 1700 haben wir hier ja schon des öfteren gewürdigt.

Doch abgesehen von der schönen Aufnahmesituation – kein Auto wirkt für sich allein so lebendig wie mit den einstigen Besitzern – findet sich neben der bekannten Eleganz der Linienführung ein Extra, das das Foto außergewöhnlich macht:

Hansa_1100_Iserlohn_1937_2_Ausschnitt Der Aufsatz am oberen Ende der Seitenscheibe scheint – wenn nicht alles täuscht – der besseren Entlüftung des Innenraums zu dienen.

Kann jemand Näheres zu diesem Zubehör sagen, das offenbar passgenau für den Fensterausschnitt des Hansa 1100 bzw. 1700 verfügbar war? Wer war der Hersteller und gibt es zeitgenössische Reklamen, die die Vorteile des Teils benennen?

Mit diesem Aufruf könnten wir den heutigen Blogeintrag beenden, wäre da nicht eine offene Frage: Woher wissen wir, dass dieses Foto einst in Iserlohn entstand?

Nun, es gibt einen zweiten Abzug, der denselben Wagen aus anderer Perspektive und nun mit dem mutmaßlichen Fotografen der ersten Aufnahme zeigt:

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Hansa 1100; Originalfoto von 1937 aus Sammlung Michael Schlenger

Hier erkennt man schemenhaft den ominösen Aufsatz auf der Fahrertür, von dem eben die Rede war. Zudem stammen die beiden Abzüge aus derselben Quelle.

Dieser Hansa besaß eine Zulassung in Westfalen (Kennung „IX“) und eine Ziffernfolge, die zum Nummernkreis für die Stadt Iserlohn passt (Quelle: Andreas Herzfeld: Handbuch Deutsche Kfz-Kennzeichen Band 1 Deutschland bis 1945).

Auch aus dieser Perspektive wirkt der Hansa makellos proportioniert und sauber gezeichnet. Die wappenartig geformte Kühlerumrandung ist eigenständig, auf unnötigen Zierrat wird hier weitgehend verzichtet.

Lediglich die verchromte Abdeckung der Öffnung für die Anlasserkurbel (die nur selten zum Einsatz kam) setzt einen Akzent am unteren Kühlerende, das spitz und ganz leicht nach vorn geschwungen ausläuft.

Die feine Spannung der Kühlerpartie, an der kaum eine gerade Linie zu sehen ist, lässt sich auf folgender Aufnahme eines Hansa 1700 nachvollziehen:

Hansa_1700_Wimpel_Galerie

Hansa 1700; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme hat trotz schlechter Erhaltung einigen Reiz. So lässt sich auch an diesem 6-Zylindertyp die dynamische Gestaltung des Kühlers nachvollziehen, die den weiteren Aufbau bis hin zum hinteren Türabschluss bestimmt.

Zudem wird ein ortskundiger Leser sagen können, wo das Foto des Hansa 1700 einst entstand – der Verfasser tippt auf eine norddeutsche Hafenstadt. Nicht zuletzt lässt sich aus dem Wimpel am Vorderschutzblech etwas zum Besitzer ableiten.

Man sieht: Die eleganten Hansa-Wagen der Typen 1100 und 1700 sind auch nach über 80 Jahren noch für die eine oder andere Extra-Überraschung gut.

Möglich machen das historische Originalfotos und ihre Aufarbeitung auf diesem Oldtimer-Blog unter Mitwirkung sachkundiger Leser…

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Ein Flensburger DeSoto von 1929/30 am Ostseestrand

Was haben der spanische Eroberer Hernando de Soto und die Verkehrssünderdatei des deutschen Kraftfahrtbundesamts gemeinsam?

Zwar liegen über 400 Jahre und tausende Kilometer zwischen den beiden. Doch auf einem über 80 Jahre alten Foto finden beide zusammen. Das ist das Thema des heutigen Eintrags in diesem Blog für Vorkriegsautos.

Spektakuläre Fahrzeuge wird es dabei nicht zu sehen geben, aber überraschende Einblicke in die vielfältige Autolandschaft im Deutschland der 1930er Jahre.

Dabei werden speziell die Freunde historischer Automobilfotos im hohen Norden unseres Landes auf ihre Kosten kommen. Am Ende ist für sie vielleicht der Aufnahmeort reizvoller als der Wagen, der dort einst unterwegs war.

Fangen wir ganz klein an – mit einer Ausschnittsvergrößerung aus einer großzügig bemessenen Panoramaaufnahme:

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DeSoto Six von 1929/30; Ausschnitt eines Originalfotos aus Sammlung Michael Schlenger

Näher rangehen können wir leider nicht – mehr gibt die Auflösung des alten Abzugs nicht her. Wir werden noch sehen warum – an der Aufnahmetechnik lag es nicht.

Der Vorkriegsautokenner wird hier auf ein US-Modell der späten 1920er Jahre tippen – die breite Spur und die Doppelstoßstange sprechen dafür.

Der wenig eigenständig wirkende Wagen wäre ein schwieriger bis unlösbarer Fall, würde man nicht einen geschwungenen Schriftzug auf dem Kühlergrill erkennen. Ein großes „D“ und ein großes „S“ sind dort zu sehen, gefolgt von nur wenigen Buchstaben.

Damit wären wir beim Nachnamen des eingangs erwähnten Konquistadoren – De Soto – der zu den übelsten Protagonisten der spanischen Kolonialgeschichte gehört.

Weil er bei einem Feldzug 1541 durch die späteren Südstaaten der USA nebenbei den Mississippi entdeckte, war sein Name dort einst positiv behaftet. Jedenfalls schuf der Chrysler-Konzern 1929 die nach ihm benannte neue Marke DeSoto.

Während Hernando De Sotos Expeditionen katastrophal endeten, gelang Chrysler mit den nach ihm benannten Wagen ein Coup: Bis dato konnte keine neue Marke im ersten Jahr mehr Fahrzeuge absetzen – über 81.000 DeSotos wurden 1929 verkauft.   

Chrysler hatte bei der neuen Konzernmarke alles richtig gemacht: Ein gummigelagerter 6-Zylinder mit 55 PS und hydraulische Vierradbremsen, robuste Verarbeitung und ein günstiger Preis – das überzeugte die Käufer auf Anhieb.

Auch in Deutschland fanden sich seinerzeit offenbar Käufer für diesen US-Wagen. Ein solcher DeSoto Six von 1929/30 (die Wagen der beiden Modelljahre glichen sich äußerlich weitgehend) hielt nämlich einst spätnachmittags am Ostseestrand:

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Den langen Schatten nach zu urteilen, wird dieses malerische Foto am späten Nachmittag oder Abend (je nach Jahreszeit) entstanden sein. Auf der Rückseite des Abzugs findet sich eine Beschriftung von alter Hand: „bei Flensburg“.

Dazu passt das Kennzeichen „IP 35692“ des Wagens perfekt. Der genaue Aufnahmeort ist zwar nicht auf dem Abzug vermerkt, lässt sich aber mit einiger Wahrscheinlichkeit eingrenzen:

  • Den Schatten nach ist die Wasserseite dem Osten oder Nordosten zugewandt.
  • Die Küstenlinie vollzieht einen weiten Bogen gen Norden.
  • Bewaldete Partien und Felder oder Wiesen wechseln sich ab.
  • Nur abschnittsweise ist Sandstrand vorhanden.

Genau diese Situation findet sich an der Flensburger Förde in der Nähe des Ortes Steinberghaff. Von dort geht derselbe Blick in Richtung Geltinger Birk.

Vielleicht kann ein ortskundiger Leser diese Lokalisierung bestätigen oder auch korrigieren. Schön, wenn sich dann noch jemand fände, der das Foto mit einem Vorkriegsauto wiederholt – es muss ja kein De Soto Six sein.

Ob sich der Herr, der hier auf einem Kahn am Strand sitzend in die Ferne schaut, das einst hat träumen lassen, dass er nach 80 Jahren soviel Aufmerksamkeit erfährt?

De_Soto_Six_1929-30_bei_Flensburg_Galerie3

Wir wissen nicht, ob es sich um einen der Insassen des Wagens handelt, wahrscheinlich ist es aber schon.

Diese Aufnahme ist jedenfalls einst sorgfältig komponiert worden und bezieht einen alten Baum, das Auto und den einsam am Strand Sitzenden bewusst ein. Möglich, dass ein Spaziergänger mit Kamera die Situation malerisch fand und sie für uns festhielt

Hier haben wir zum Abschluss die Orignalaufnahme in voller Pracht:

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De Soto Six; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

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Damenwahl: Audi 225 Luxus 4-Sitzer- Cabriolet

Heute haben wir wieder einmal die Gelegenheit, eines der raren Frontantriebsmodelle von Audi aus den 1930er Jahren zu bestaunen.

Für die Seltenheit dieser Wagen, von denen zwischen 1933 und 1938 keine 5.000 Exemplare entstanden, war keineswegs der Frontantrieb verantwortlich. Dieser kam bei Marken wie Adler, Citroen und DKW nämlich durchaus in Großserie zum Einsatz.

Die populären DKW-Fronttriebler wurden übrigens im ehemaligen Audi-Werk in Zwickau gebaut, das DKW im Rahmen der Übernahme von Audi 1928 zufiel. Für eigenständige Audi-Wagen blieb da nur noch ein Nischendasein.

Das änderte sich auch nach Zusammenschluss der Marken Audi, DKW, Horch und Wanderer unter dem Dach der Auto-Union nicht wesentlich. Audi wurde als gehobene Marke unterhalb von Horch positioniert.

Bei der Gestaltung der Audi-Modelle wurden bewusst Anleihen bei den prestigeträchtigen Achtzylindermodellen von Horch genommen. Hier haben wir ein solches Prachtexemplar des Typs Horch 830, aufgenommen 1934:

Horch_830_Cabriolet_09-1934_Galerie

Horch Typ 830, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei aller äußeren Ähnlichkeit waren die Audi-Wagen jener Zeit – die quasi nebenher im Horch-Werk gefertigt wurden – technisch vollkommen eigenständig.

Audi-spezifisch war nicht nur der Frontantrieb, der bereits 1930 im Planungsstadium war. Auch mit dem 6-Zylindermotor mit Block aus Leichtmetall grenzte sich der anfänglich als Audi „Front“ bezeichnete Wagen vom großen Bruder ab.

Obwohl sich das moderne Konzept bei den Protoypen bewährte – Altmeister Charly Kappler absolvierte Anfang 1933 die knapp 1.700 km lange Testfahrt von Berlin nach Monte Carlo in etwas mehr als einem Tag – gab es in der Praxis jede Menge Probleme.

Auch die Leistung von 40 PS aus 2 Litern Hubraum sorgte für Skepsis bei den Käufern.

In Zwickau reagierte man mit einem gründlich überarbeiteten Modell, das 1935 erschien und als Audi Typ 225 firmierte. Die Bezeichnung verwies auf den vergrößerten Hubraum des 6-Zylinders mit nun 50 PS Leistung.

Gleichzeitig startete man eine Image-Kampagne, zu der ein in Kleinserie gefertigter bildschöner Roadster mit Karosserie von Gläser aus Dresden maßgeblich beitrug. Bilder davon wurden über Postkarten wie die folgende aus Heidelberg verbreitet:

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Audi Typ 225 Roadster in Heidelberg; Ansichtskarte aus Sammlung Michael Schlenger

Diese elegante Sonderausführung ist auch deshalb interessant, weil sie in einem formalen Detail die ab 1936 gebaute nochmals überarbeitete Version des Audi 225 vorwegnahm.

Auch der im Jahr der Berliner Olympischen Spiele als Audi 225 „Luxus“ vorgestellte Wagen besaß nämlich zwei übereinanderliegende Reihen von Luftschlitzen – beim Horch 853 jener Zeit findet man sie ebenfalls.

Damit wären wir endlich bei der Aufnahme, um die es heute eigentlich geht – hier haben wir genau so einen Audi 225 Luxus in der Ausführung als vierfenstriges Cabriolet:

Audi_225_Luxus_Cabrio_4-sitzig_Galerie

Audi 225 Luxus, 4-Fenster-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser schöne Schnappschuss hält eine Situation irgendwo an einer innerstädtischen Autogarage und Tankstelle fest, die in etwa so ausgesehen haben mag:

Der Besitzer des Audi hatte den Wagen für einen Moment abgestellt, vielleicht kaufte er sich eine Zeitung oder Zigaretten für unterwegs.

Zwei Spaziergängerinnen gefiel das Auto offenbar ausnehmend gut und so nötigten sie ihre mit Kamera bewaffnete Begleitung zu der Aufnahme:

„Nun mach‘ hin, bevor der Audi-Mann zurückkommt“, scheint die resolute der beiden Damen zu sagen, während sie besitzergreifend nach der Türklinke greift. „Ich seh‘ ihn noch in der Schlange am Kiosk stehen“, könnte die Begleiterin mit dem flotten Cape hinzusetzen, die sich nach hinten umschaut.

Sich am Auto fremder Leute ablichten zu lassen, das war in der Vorkriegszeit gang und gebe – in Deutschland blieb ein eigener Wagen damals für die meisten unerreichbar.

Einer der elegant gezeichneten Sechszylinder-Fronttriebler von Audi – das war eine Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen durfte. Vom hier zu sehenden Typ 225 Luxus entstanden bis 1938 nur rund 1.750 Wagen (Quelle: Audi).

Neben den erwähnten zwei Reihen Luftschlitzen in der Motorhaube gab es weitere Details, die den Audi 225 Luxus von seinen frontgetriebenen Vorgängern unterschied.

Die auf dem Kühler thronende „Eins“, seit 1923 das Markenemblem von Audi, fiel hier kleiner und eleganter aus, das integrierte Kühlwasserthermometer entfiel. Außerdem gab es als Zubehör windschnittige Positionslichter auf den Vorderschutzblechen:

Audi_225_Luxus_Cabrio_4-sitzig_Frontpartie

Bei genauem Hinsehen erkennt man neben den vier Ringen auf der Mittelstrebe des Kühlers, die auf die Zugehörigkeit von Audi zur 1932 gegründeten Auto-Union verweisen, ein weiteres Emblem, das die Datierung des Wagens ermöglicht.

Es handelt sich um ein Andenken an die Olympischen Spiele in Berlin, das das Brandenburger Tor mit den fünf olympischen Ringen zeigt. Dies macht es zumindest wahrscheinlich, dass der Audi aus dem ersten Produktionsjahr 1936 stammte.

Rund 7.000 Reichsmark waren für das hier zu sehende Cabriolet zu berappen, wenn man das eine oder andere Zubehör bestellte. Seinerzeit war das ein Vermögen und so ist es kein Wunder, dass die Wahl der beiden Damen zielsicher darauf fiel…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.